Der Termin in Frankfurt war für zehn Uhr anberaumt. Hugo und Claire waren am Vortag geflogen, und am Morgen saßen sie im Frühstücksraum des Hotels, Claire mit ihren Unterlagen, Hugo mit einer Zeitung, die er nicht las.
„Die wissen längst, dass du ihr Rainmaker bist, Hugo", sagte Claire, ohne aufzusehen. „Vielleicht nennen sie dich nicht so, weil du kein Händler bist. Aber jedes Mal, wenn du etwas findest, verdienen andere damit ein Vermögen. Glaubst du wirklich, die lassen dich einfach gehen?"
Hugo legte die Zeitung zusammen.
„Ich bin Analyst. Ich bringe keine Kunden."
„Du bringst etwas mit, das Kunden bringt." Claire strich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Glaubst du, die vergessen, wer ihnen die Softwarewerte, die Internetwerte, die Medienwerte gegeben hat? Jede deiner Einschätzungen, die sie umgesetzt haben, hat sich bezahlt gemacht. Jede."
Hugo sagte nichts. Er dachte an das Gespräch im St. James's Club. *Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.*
Im Besprechungsraum der Bank empfingen ihn zwei der leitenden Männer aus Frankfurt und Edward. Auf dem Tisch lagen Unterlagen, und Hugo wusste, was darin stand, noch bevor sie das erste Wort gesagt hatten.
Man sprach zunächst über seine Arbeit. Über die amerikanischen Technologiewerte, die Softwarehäuser, die Internettitel, die Medien- und Telekomwerte. Man nannte Positionen, die er empfohlen hatte, Kursentwicklungen, die eingetreten waren, und Gewinne, die daraus entstanden waren. Einer der Männer aus Frankfurt sprach mit der sorgfältigen Genauigkeit eines Menschen, der eine Rede vorbereitet hat und sie jetzt halten will.
„Herr Voss", sagte er schließlich, „ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen bewusst ist, welchen Stellenwert Ihre Arbeit inzwischen bei uns hat."
„Ich glaube schon."
„Ich glaube nicht. Ihre Analysen landen nicht in irgendwelchen Akten. Darauf werden Entscheidungen getroffen. Entscheidungen über sehr viel Geld. Unsere Leute verdienen mit Ihren Einschätzungen Geld. Unsere Kunden verdienen damit Geld. Und Kunden erinnern sich erstaunlich gut daran, wer ihnen Geld eingebracht hat."
Dann legte er die Zahlen auf den Tisch. Neues Gehalt. Ein Bonus, deutlich über dem, was Hugo erwartet hatte. Mehr Verantwortung. Die freie Wahl seiner Branchen und Unternehmen. Und perspektivisch, so wie es formuliert wurde, würde es ein eigenes Team geben, eine eigene Einheit, vielleicht eine eigene Abteilung, deren Richtung er mitbestimmte.
Hugo hörte aufmerksam zu. Ein Teil von ihm registrierte jeden einzelnen Satz und speicherte ihn. Das Angebot war gut. Verdammt gut. Vor fünf Jahren hätte er über ein Zehntel davon nicht einmal zu träumen gewagt.
Edward lehnte sich zurück. „Sag ihm, wie ihr ihn nennt."
Der Frankfurter Manager zögerte kurz. Dann sagte er es.
„Rainmaker."
Hugo hob die Augenbrauen.
„Ich bin Analyst."
„Das wissen wir. Aber Sie machen etwas, das selbst bei guten Analysten selten ist. Sie finden Dinge, bevor sie offensichtlich sind. Und wenn Sie etwas finden, regnet es Geld. Deshalb nennen die Leute Sie so. Nicht, weil Sie Kunden an Land ziehen. Sondern weil das, was Sie anfassen, zu Geld wird."
Für einen Moment war es still. Hugo spürte, wie sich etwas in seiner Brust aufrichtete. Anerkennung. Die harte, echte Art, die mehr wog als jedes Kompliment. Die Bank hatte ausgerechnet jetzt, wo er gehen wollte, ein Wort für ihn gefunden, das alles sagte.
Und gerade deshalb wurde alles leichter.
„Das Angebot ist hervorragend", sagte er. „Das muss ich anerkennen. Aber ich werde nicht verlängern."
Der Mann aus Frankfurt hielt inne. „Nicht verlängern?"
„Nein."
„Ist es das Geld?"
„Nein."
„Dann können wir über Ihre Position sprechen. Über alles."
„Es ist auch nicht die Position."
„Was ist es dann?", fragte der Mann, und zum ersten Mal klang in seiner Stimme etwas wie echte Verwirrung. „Sie haben hier eine Perspektive, von der andere mit Ihrem Alter nicht einmal träumen. Sie wissen das."
„Ja", sagte Hugo. „Ich weiß das."
„Und trotzdem?"
Hugo dachte an das, was der Kunde im Club gesagt hatte. An die andere Seite des Tisches. An den Satz, der ihm seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.
„Ich möchte aufhören. Bei Banken."
„Sie haben ein Angebot von einem Wettbewerber?"
„Nein."
„Was wollen Sie dann machen?"
„Reisen. Und danach werde ich sehen."
Der Frankfurter Manager starrte ihn an, als hätte er eine Fremdsprache vernommen. Edward dagegen grinste nur. Er war der Einzige am Tisch, der nicht überrascht wirkte.
„Sie wissen, dass Sie damit etwas aufgeben, das die meisten Menschen ihr Leben lang suchen", sagte der Manager.
„Ja", sagte Hugo. „Genau deshalb weiß ich, dass ich es aufgeben kann."
Das Gespräch zog sich noch eine Weile. Sie erhöhten, nachdem sie gehört hatten, dass Geld nicht der Grund war, noch einmal das Gehalt, und dann noch einmal die Perspektive. Hugo blieb ruhig und sagte jedes Mal dasselbe. Er spürte, dass die Männer am Tisch ein Phänomen vor sich hatten, für das ihre Erfahrung kein Raster besaß. Sie kannten Leute, die gingen, weil sie gescheitert waren. Leute, die gingen, weil jemand anderes mehr zahlte. Aber jemanden, der ging, obwohl alles funktionierte, nur weil er selbst auf der anderen Seite sitzen wollte — damit konnten sie nichts anfangen.
Das war Hugo in Ordnung. Er brauchte nicht, dass sie es verstanden.
Nach dem Gespräch gingen er und Edward eine Strecke des Flurs gemeinsam. Edward sagte nichts, bis sie vor dem Aufzug standen.
„Du bist ein Idiot", sagte er dann.
„Ein erfolgreicher Idiot."
„Das ist die schlimmste Sorte." Edward drückte den Knopf. „Wenn du in einem Jahr pleite bist, rufst du mich an. Dann lache ich."
„Vernünftig."
„Und wenn du reich wirst, lache ich auch. Dann aber, weil ich dich kannte, bevor du es warst."
Die Aufzugtüren öffneten sich. Hugo stieg ein, drehte sich noch einmal um.
„Danke", sagte er.
„Wofür?"
„Dass du nicht gefragt hast, ob ich sicher bin."
Edward zuckte mit den Schultern. „Sicher bist du nicht. Aber du warst es nie. Du warst nur gut."
Die Wochen danach vergingen in der Übergabe. Hugo sortierte seine Analysen, schrieb Überleitungen für die Fälle, die noch liefen, und saß ein letztes Mal mit den Händlern zusammen, die seine Empfehlungen umgesetzt hatten. Niemand machte ein Abschiedsfest. In dieser Welt war man so schnell ersetzbar wie überall, und alle wussten es. Am letzten Tag trug Hugo seine persönlichen Sachen in einer Tasche aus dem Gebäude, und als er an diesem Nachmittag durch London fuhr, ohne zu wissen, wann er wiederkam, merkte er, dass ihn die Freiheit nicht freute, wie er erwartet hatte. Sie machte ihn ruhig. Das war alles. Ein tiefer, gleichmäßiger Atemzug, der Monate andauern sollte.
Im Januar 1999 begann Hugo das zu tun, wovon er während seiner letzten Monate bei der Bank immer häufiger gesprochen hatte.
Er reiste.
Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Es gab keine Termine, die seine Route bestimmten, keinen Rückflug, den eine Sekretärin bereits gebucht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren gehörte seine Zeit ausschließlich ihm.
Anfangs fühlte sich das beinahe unwirklich an. Er konnte morgens im Hotel aufwachen und erst beim Frühstück entscheiden, ob er noch drei Tage blieb oder am Nachmittag weiterflog. Er las Zeitungen, beobachtete die Märkte und kümmerte sich weiterhin um sein Depot, aber niemand rief ihn an und verlangte eine Analyse bis zum Abend. Wenn er um elf Uhr nachts noch auf war, gehörte die Stunde ihm. Wenn er bis mittags schlief, ebenfalls. Die Tage verloren ihre Kanten. Nichts riss ihn mehr heraus.
Und natürlich waren da die Frauen.
Hugo hatte sich auch darauf gefreut. Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestanden hatte. Er hatte Geld. Er hatte Zeit. Er war jung. Und er hatte keinerlei Interesse daran, diese Freiheit ausgerechnet jetzt gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
In seiner Vorstellung hatte das ausgesprochen einfach ausgesehen.
Die Wirklichkeit war komplizierter.
Die erste Reise führte ihn noch im Winter in die Berge. Er hatte sich für einige Tage ein luxuriöses Chalet genommen, hoch gelegen, mit großen Fenstern, die auf verschneite Hänge blickten. Tagsüber fuhr er Ski, abends saß er vor dem Kamin, trank Wein und beobachtete durch die Scheiben den Schnee, der im Schein der Hausbeleuchtung fiel.
Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine Frau vermitteln.
Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel, über den Schnee herein. Als sie hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.
„Du wohnst hier allein?"
„Ja."
„In dem ganzen Haus?"
„Für eine Woche."
Sie lachte. „Du bist verrückt."
„Warum?"
„Ich würde hier zwanzig Leute unterbringen."
Hugo nahm ihr den Mantel ab. „Genau deshalb habe ich es gemietet. Damit keine zwanzig Leute hier sind."
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. Das Feuer brannte bereits. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich, eine Bewegung, die sie so selbstverständlich machte, als gehöre ihr das Chalet.
Sie redeten zunächst. Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo einen osteuropäischen Akzent unter dem französischen hervorzuhören. Er fragte nicht weiter. Es war eine der Regeln dieser Welt, dass man nicht fragte.
Nach dem zweiten Glas rückte sie näher. Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.
Hugo küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich. Es war genau das, was er gewollt hatte. Eigentlich. Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.
„Komm", sagte sie irgendwann leise.
Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.
„Willst du vorher duschen?"
Sie sah ihn an. „Jetzt?"
„Ja."
„Warum?"
„Einfach so."
Sie musterte ihn. „Bin ich schmutzig?"
„Nein."
„Warum soll ich dann duschen?"
„Es ist nur eine Marotte von mir."
Sie lächelte wieder, aber etwas war aus dem Lächeln verschwunden. „Eine komische Marotte."
„Mag sein."
Sie stand schließlich auf und ging die Treppe hinauf. Während Hugo allein vor dem Kamin zurückblieb, hörte er oben das Wasser rauschen.
Und ärgerte sich.
Nicht über sie. Über sich.
Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt. Sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt, seine Hand auf ihrer Brust nicht zurückgewiesen — und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen. Wer war vorher bei ihr gewesen? Er wusste es nicht. Vielleicht niemand. Vielleicht vor drei Tagen jemand. Vielleicht vor drei Stunden. Sein Verstand sagte ihm, dass er sich in etwas hineinsteigerte. Sein Ekel interessierte sich nicht für seinen Verstand. Sein Ekel kannte keine Wahrscheinlichkeiten, keine Verhältnismäßigkeit, keine Vernunft. Er war einfach da, wie ein Schalter, den niemand umlegte und der trotzdem ständig auf Anschlag stand.
Später kam Sophie in einem Bademantel zurück. Ihre Haare waren feucht, und sie roch nach dem Duschgel des Hauses.
„Besser?"
Hugo lächelte etwas verlegen. „Besser."
Sie setzte sich rittlings auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an. „Du bist wirklich komisch."
„Das haben schon andere festgestellt."
„Aber süß komisch."
Sie küsste ihn. Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von einer Schulter. Seine Lippen folgten der freigewordenen Haut, und diesmal konnte er sich fallen lassen. Der Gedanke an andere Männer war verstummt, und was blieb, war Wärme, Wein und der Rücken einer Frau unter seinen Händen.
Später lagen sie vor dem Kamin unter einer Decke. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar. Es war schön. Fast gemütlich.
Aber am nächsten Morgen ging sie. Sie zog sich an, nahm ihr Geld, küsste ihn auf die Wange, und dann fiel die Tür ins Schloss.
Am Abend war das Chalet wieder still.
Hugo stand am Fenster und sah auf den Schnee. Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte. Und sie wusste beinahe nichts über ihn. Vielleicht war genau das Freiheit.
Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.
Einige Wochen später war er in Thailand.
Hier war alles anders. Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein. Die Luft war dick und süß, die Farben lauter, und das Licht schien aus einer anderen Quelle zu kommen.
Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer. Zwei Frauen kamen mit. Eine nannte sich May, die andere Lin. Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.
Sie fuhren morgens hinaus. Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser, bis es eine Farbe hatte, die Hugo aus dem Mittelmeer nicht kannte. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.
May saß neben ihm auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille. Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.
„Too fast."
Hugo sah zum Fahrer. „Faster."
„No!"
Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas. May schlug Hugo gegen die Schulter.
„You are crazy."
„You wanted a boat."
„Not to die."
Lin saß ihnen gegenüber und lachte.
An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen. Sie sprangen ins Wasser. May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.
Sie schrie auf. „No! Hugo!"
Er warf sie zurück ins Meer. Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Asshole!"
„You know that word."
„I know many words."
Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken. Hugo fing sie wieder ab. Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest. Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.
Hugo küsste sie. Sie schmeckte nach Salz.
Als sie sich lösten, strich Hugo ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken hinunter.
May lächelte. „Better than throwing me."
„We can do both."
„First this."
Sie küsste ihn wieder.
Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo, und er strich mit der Hand über ihren Rücken, über die warme, salzige Haut.
Überall war Sonne. Meer. Warme Haut. Keine Bank. Kein Edward. Kein London.
Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.
Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durchs flache Wasser zu tragen.
„Put me down."
„Why?"
„Because I'm heavy."
„You're not."
„Liar."
„I'm an analyst. We don't lie."
Sie lachte. „Bankers always lie."
„I'm not a banker anymore."
„What are you?"
Hugo dachte kurz nach. „Rich tourist."
May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.
Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel. Es wurde eine lange Nacht. Und trotzdem war am nächsten Mittag alles vorbei. May gab Hugo beim Abschied einen Kuss.
„Maybe see you again."
„Maybe."
Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde. Die Tür schloss sich. Hugo blieb allein zurück.
Wieder.
Zwei Tage später hätte er eine andere Frau bestellen können. Genau darin lag das Problem. Er hätte jeden Abend eine andere haben können. Aber er wollte nicht jeden Abend wieder bei null anfangen. Das Lachen von May hatte etwas in ihm geöffnet, und die Nacht danach hatte es wieder zugemacht.
Mit der Zeit bemerkte Hugo noch etwas. Er war außerhalb Europas unsicherer, als er erwartet hatte. In London, Cannes oder Monaco glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht. Wer war wirklich Escort? Wer arbeitete für wen? Was war erlaubt? Was wurde nur geduldet? Welche Regeln galten im Hotel?
Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen. Es geschah überhaupt nichts. Die Beamten gingen zum Tresen, sprachen mit dem Besitzer und verschwanden einige Minuten später wieder. Hugo dagegen hatte während dieser wenigen Minuten einen unangenehmen Druck im Magen gespürt, ein Ziehen, das er von der Börse kannte, nur dass hier keine Zahl es beruhigen konnte.
Die Frau bemerkte es. „You scared?"
„No."
Sie grinste. „Yes."
„Why should I be scared?"
„Police."
„I saw them."
„No problem."
Das sagte sie vollkommen gelassen. Hugo war trotzdem froh, als sie wieder verschwunden waren. Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand. Noch mehr hasste er die Vorstellung, irgendwo in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.
Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
Hotels, Flughäfen, Strände, Restaurants. Manchmal war es großartig. Manchmal langweilte er sich. Manchmal musste er morgens beim Aufwachen für einige Sekunden überlegen, in welcher Stadt er überhaupt war. Er sammelte keine Erinnerungen mehr, sondern Orte, und die Orte begannen, sich zu ähneln.
Ende März flog Hugo zurück nach Hamburg. Der Anlass war einer, für den er nicht lange überlegen musste. Im März 1949 hatte sein Vater sein Unternehmen gegründet. Fünfzig Jahre später wurde das Jubiläum gefeiert.
Hugo blieb einige Tage in Hamburg. Seine Mutter freute sich, ihn nach den Monaten unterwegs wieder bei sich zu haben, ebenso Svenja. Er erzählte von Thailand, von den Orten, an denen er gewesen war, und von denen, die noch vor ihm lagen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er keinen Terminkalender, der ihm sagte, wo er am nächsten Morgen sein musste, und Elisabeth machte sich in der Küche daran zu schaffen, als müsse sie die verpassten Monate nachkochen.
Am Abend der Jubiläumsfeier war das anders. Sein Vater hatte Geschäftspartner, alte Weggefährten und Freunde eingeladen. Unter den Gästen war auch Werner.
Hugo hatte gerade ein Glas genommen, als Werner auf ihn zukam.
„Da bist du ja endlich."
Hugo grinste. „Für fünfzig Jahre komme sogar ich aus Thailand zurück."
„Dein Vater hätte dir etwas anderes auch ziemlich übel genommen."
„Das Risiko wollte ich nicht eingehen."
Werner lachte und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Neben ihm stand ein Mann, den Hugo sofort erkannte.
„Herr Steinhöfel."
„Hugo." Steinhöfel gab ihm die Hand. „Von Ihnen hört man inzwischen die merkwürdigsten Dinge."
„Was denn?"
„Dass Sie Ihre Karriere hingeschmissen haben und durch die Welt reisen."
„Dann stimmt ausnahmsweise einmal alles, was man sich erzählt."
Steinhöfel musterte ihn amüsiert. „Und? War es eine gute Entscheidung?"
„Bis jetzt eine sehr gute."
„Wo kommen Sie gerade her?"
„Thailand."
„Und dafür fliegen Sie nach Hamburg?"
Hugo deutete mit seinem Glas in Richtung seines Vaters. „Fünfzig Jahre. Dafür komme ich zurück."
„Das würde ich Ihrem Vater gegenüber auch für vernünftig halten."
Werner lachte. „Siehst du. Noch einer."
Sie sprachen eine Weile über Hugos Reise. Steinhöfel wollte wissen, was er gesehen hatte und wie lange er noch unterwegs sein wollte.
„Ein paar Monate auf jeden Fall", sagte Hugo. „Ich habe zum ersten Mal seit Jahren die Möglichkeit dazu. Die werde ich nutzen."
„Und danach?"
Hugo zögerte kurz. „Danach wird es ernst."
„Inwiefern?"
„Ich will mich selbstständig machen."
Steinhöfel hob leicht die Augenbrauen. „Damit habe ich gerechnet."
„Wieso?"
„Sie waren nie der Typ, der bis sechzig für eine Bank arbeitet."
Hugo lächelte. „Ich will eine eigene Investmentgesellschaft aufbauen."
„Wo?"
„Genau das weiß ich noch nicht."
Steinhöfel nahm einen Schluck. „Dann wissen Sie weniger, als ich dachte."
„Deshalb wäre ich sowieso zu Ihnen gekommen."
„Zu mir?"
„Ja. Ich brauche jemanden, der mir sagt, wie ich das vernünftig aufbaue. Nicht nur gesellschaftsrechtlich. Auch steuerlich. Ich will nicht erst eine Struktur gründen und zwei Jahre später feststellen, dass sie am falschen Ort sitzt."
Steinhöfel sah ihn einen Moment an. „Dann kommen Sie in den nächsten Tagen bei mir vorbei."
„Gern."
„Dann reden wir in Ruhe darüber. Ich habe vielleicht eine Idee für Sie."
Hugo wollte nachfragen, doch Steinhöfel schüttelte den Kopf.
„Nicht heute. Heute hat Ihr Vater Jubiläum."
Einige Tage später saß Hugo Steinhöfel gegenüber.
Steinhöfel ließ sich zunächst noch einmal erklären, was Hugo eigentlich vorhatte. Hugo sprach über sein Depot, über den Neuen Markt, über die Unternehmen, die er früher finden wollte, als es alle anderen taten. Steinhöfel hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und stellte nur gelegentlich eine Frage, die genauer war, als sie klang.
„Also", sagte er schließlich. „Sie wollen Ihr eigenes Geld investieren."
„Ja."
„Und später?"
„Beteiligungen. Venture Capital. Vielleicht irgendwann größere direkte Beteiligungen. Aber zunächst geht es um mein eigenes Geld."
„Kundengelder?"
„Auf keinen Fall."
Steinhöfel lehnte sich zurück. „Gut. Dann machen Sie nicht den Fehler, eine Investmentgesellschaft zu gründen."
Hugo sah ihn irritiert an. „Ich komme zu Ihnen, weil ich eine Investmentgesellschaft gründen will, und Ihr erster Rat ist, keine zu gründen?"
„Genau."
„Das müssen Sie mir erklären."
„Sie denken von der falschen Seite. Sie brauchen keine Gesellschaft, die Ihr Geld besitzt. Was Sie brauchen, sind Menschen, die Ihnen helfen, Ihr wachsendes Kapital vernünftig zu investieren."
Steinhöfel machte eine kurze Pause und sah Hugo an.
„Und übrigens: Herzlichen Glückwunsch zu EM.TV — sollten die Gerüchte stimmen."
Hugo hob nur leicht die Schultern und ließ ein knappes Lächeln erkennen. Über EM.TV sprach er mit niemandem.
„Sie meinen, ich brauche Analysten. Ja, diesen Gedanken hatte ich auch schon seit Längerem."
„Dann gründen Sie dafür eine Firma."
Hugo schwieg einen Moment. „Eine Research-Firma?"
„Genau."
„Und die Investmentgesellschaft?"
„Die brauchen Sie zunächst überhaupt nicht. Und in Monaco gibt es für Privatanleger auch keine sechsmonatige Haltefrist, um Gewinne steuerfrei realisieren zu können."
„Monaco." Hugo sah ihn fragend an.
„Monaco. Ich habe dort inzwischen selbst etwas aufgebaut. Deshalb kenne ich die Strukturen mittlerweile ziemlich gut. Und gerade für das, was Sie vorhaben, sollten Sie es sich ansehen."
„Warum Monaco?"
„Weil wir damit mehrere Probleme gleichzeitig lösen können. Durch die Gründung der Firma siedeln Sie nicht einfach nach Monaco über. Sie schaffen dort Arbeitsplätze und beziehen nicht nur eine Wohnung. Das sehen die Behörden vor Ort wohlwollend. Die Ansiedlung wird dadurch wesentlich einfacher und entspannter."
„Und die Firma?"
Steinhöfel beugte sich etwas vor.
„Die verkauft anschließend ausschließlich Ihnen ihre Analysen. Das ist wichtig. Sobald Sie Geschäfte außerhalb Monacos tätigen und beispielsweise Analysen an Banken im Ausland verkaufen, kann die Gesellschaft steuerpflichtig werden. Wenn die Firma dagegen ausschließlich für Sie arbeitet und Sie selbst in Monaco ansässig sind, bleiben diese Geschäfte innerhalb Monacos. Damit fällt die Gesellschaft nicht unter die Besteuerungsvorschriften für Unternehmen, die einen wesentlichen Teil ihrer Geschäfte außerhalb Monacos erzielen, und ihre Gewinne bleiben in Monaco steuerfrei. Ihre privaten Investments bleiben davon getrennt und werden in Monaco nicht mit einer persönlichen Einkommensteuer belastet."
Hugo schwieg einen Moment. Diese Form der Ordnung gefiel ihm. Verschiedene Wege, klare Zuordnung, keine Vermischung.
„Also bleibt mein Vermögen bei mir. Die Firma beschäftigt die Analysten und stellt mir deren Arbeit in Rechnung."
„Genau."
Hugo stand auf, ging einige Schritte und blieb am Fenster stehen. Draußen lag Hamburg in dem grauen Licht, das er seit seiner Kindheit kannte.
„Das gefällt mir. Ich wollte ohnehin Leute einstellen."
„Dann passt es."
Hugo lächelte. „Sie haben darüber schon einmal nachgedacht."
„Nicht für Sie. Ich habe vor Kurzem eine ähnliche Fragestellung für jemand anderen ausgearbeitet. Deshalb musste ich nicht besonders lange überlegen, als Sie mir auf der Feier erzählt haben, was Sie vorhaben."
„Wann könnte ich anfangen?"
„Mit der Vorbereitung? Sofort."
„Ich will aber meine Reise nicht abbrechen."
„Das sollen Sie auch nicht."
Hugo sah ihn an. „Sie haben gerade gesagt, ich brauche eine Wohnung, Büros und eine Firma."
„Ja. Ich habe nicht gesagt, dass Sie persönlich drei Monate durch Monaco laufen und Immobilien besichtigen sollen."
Hugo lachte. „Und wer soll das machen? Sie etwa? Wie soll ich das denn bezahlen?"
„Jemand, dem Sie vertrauen. Jemand, der organisieren kann und Ihre Vorstellungen kennt. Diese Person schicken Sie voraus. Sie selbst genießen Ihre Reise weiter. Dafür haben Sie doch gerade Ihre Stelle aufgegeben."
Hugo dachte sofort an Claire.
Steinhöfel bemerkte es. „Sie haben jemanden."
„Vielleicht."
„Dann ist das Problem gelöst."
„So einfach ist das nicht."
„Warum?"
„Weil sie dafür ihren Job aufgeben müsste."
„Dann sollten Sie sie vielleicht erst einmal fragen."
Hugo sah auf die Unterlagen vor sich. Vor einigen Monaten hatte Claire ihm selbst gesagt, dass sie mit ihm gehen würde, wenn er seine eigene Firma gründete. Damals war es ein Plan gewesen. Etwas für später.
Noch am selben Tag rief Hugo Claire an.
Sie meldete sich nach wenigen Augenblicken. „Hallo, Hugo."
„Claire, erinnerst du dich noch an das Angebot, das du mir gemacht hast?"
„Ich habe dir im Laufe der Jahre einige gemacht."
„Das eine, bei dem du deinen Job verlieren könntest."
Es blieb einen Augenblick still. „Du meinst es ernst."
„Ja."
„Du willst dich selbstständig machen. Wo?"
Hugo lehnte sich zurück. „Monaco."
Wieder eine kurze Pause. „Monaco?"
„Ich habe heute mit meinem Anwalt gesprochen. Er hat mir eine Konstruktion vorgeschlagen, die genau zu dem passt, was ich machen will. Ich gründe dort eine Research-Firma. Die Firma beschäftigt die Analysten und arbeitet ausschließlich für mich. Mein Vermögen bleibt bei mir, und ich investiere weiter selbst."
„Und du willst, dass ich mitkomme."
„Du hast es mir angeboten."
„Das habe ich."
„Gilt es noch?"
Claire antwortete ohne langes Zögern. „Ja."
Hugo lächelte. „Gut."
„Wann kannst du dort anfangen?"
Claire überlegte kurz. „Im Juni."
„Perfekt. Dann suchst du zuerst Büroräume und richtest sie ein. Außerdem brauche ich eine Wohnung. Ich will nach Monaco kommen und anfangen können."
„Wer kommt noch mit?"
„Wenn sie zusagen: Mehta und Farhadi."
„Hast du mit ihnen schon gesprochen?"
„Noch nicht."
„Dann solltest du das vielleicht tun, bevor ich Büros für Leute suche, die von ihrem Glück noch nichts wissen."
Hugo lachte. „Das wäre vermutlich vernünftig."
„Und du?"
„Ich setze meine Reise fort. Du bereitest Monaco vor, Steinhöfel kümmert sich um die Gründung, und ich spreche mit den beiden."
Von Hamburg aus setzte Hugo seine Weltreise fort. Sein nächstes eigentliches Ziel war Südamerika.
In Brasilien blieb er länger.
Dort lernte er über einen Concierge eine Frau kennen, die sich Mariana nannte. Sie hatte langes dunkles Haar, gebräunte Haut und dieses leichte, selbstverständliche Lachen, das Hugo sofort gefiel.
Am ersten Nachmittag gingen sie an den Strand. Mariana lief barfuß am Wasser entlang und trug ihre Sandalen in einer Hand. Hugo ging neben ihr.
„You always look", sagte sie irgendwann.
„Where?"
Sie zeigte auf ihre Augen. „Not here."
Hugo grinste. „I look there too."
„Sometimes."
Sie drehte sich vor ihm um und ging einige Schritte rückwärts. „Now?"
„Now I have no choice."
Sie lachte, drehte sich wieder um und lief weiter. Hugo legte einen Arm um ihre Taille. Sie ließ es zu. Seine Hand wanderte etwas tiefer.
Mariana sah seitlich zu ihm. „Hugo."
„What?"
„People."
„They have seen an ass before."
Sie schlug seine Hand weg, lachte aber dabei. Wenige Schritte später legte sie selbst seinen Arm wieder um ihre Hüfte.
Am nächsten Tag mietete Hugo erneut ein Boot. Diesmal nur für die beiden. Sie fuhren an der Küste entlang und ankerten schließlich in einer kleinen Bucht.
Mariana lag auf dem Deck in der Sonne. Hugo setzte sich neben sie.
„Turn around."
„Why?"
„Sunscreen."
„You want sunscreen?"
„You need sunscreen."
Sie drehte sich auf den Bauch. Hugo verteilte Sonnencreme auf ihren Schultern und ihrem Rücken.
„Professional", murmelte Mariana.
„Very."
Seine Hände glitten langsam an ihren Seiten entlang.
„That is not sunscreen anymore."
„Still professional."
Sie drehte sich halb zu ihm um und zog ihn zu sich. Hugo küsste sie.
Eine Weile später saßen sie am Rand des Bootes, die Beine über dem Wasser. Mariana lehnte sich gegen ihn. Hugo strich ihr über den Bauch und ließ seine Hand unterhalb ihrer Brust liegen.
Sie nahm seine Hand und schob sie ein Stück höher.
„Better."
Hugo lächelte. „I agree."
Sie sprang plötzlich ins Wasser. „Come!"
Hugo folgte ihr. Wieder dieses Spiel. Schwimmen. Lachen. Er fing sie, hob sie aus dem Wasser, während sie protestierte, und ließ sie wieder hineinfallen. Sie tauchte auf und spritzte ihm Wasser ins Gesicht.
Später lagen sie erschöpft nebeneinander auf dem Deck. Mariana legte ein Bein über seines und den Kopf auf seine Schulter. Hugo strich ihr über die Brust, über ihren Bauch und wieder zurück. Sie schloss die Augen.
Es war ruhig. Nur das leichte Schlagen des Wassers gegen den Rumpf.
Hugo hätte stundenlang so liegen können.
Und genau in diesem Moment verstand er einen Teil seines Problems.
Er wollte nicht ausschließlich Sex. Er wollte auch das hier. Nicht Liebe. Nicht Beziehung. Nicht Heirat. Aber Vertrautheit. Eine Frau, die nicht nach zwei Stunden wieder aufstand, ihr Geld nahm und verschwand. Eine, mit der er einen Tag verbringen konnte. Die mit ihm schwamm. Die lachte, wenn er sie ins Wasser warf. Die beim Essen neben ihm saß. Die irgendwann selbstverständlich ihre Beine über seine legte.
Mit Mariana funktionierte es besser.
Drei Tage verbrachten sie miteinander. Am vierten musste sie weg.
„Family", sagte sie.
Ob das stimmte, wusste Hugo nicht.
„Tomorrow?"
Sie schüttelte den Kopf. „Maybe next week."
Hugo würde nächste Woche nicht mehr hier sein.
Sie küsste ihn zum Abschied. „You are nice."
Hugo grinste. „That's terrible."
„Why?"
„I was trying to be interesting."
Sie lachte und küsste ihn noch einmal. Dann ging sie.
Hugo sah ihr vom Hoteleingang aus nach.
Wieder vorbei.
Es war nicht so, dass die Reise nicht funktionierte. Das wäre falsch gewesen. Hugo hatte wunderschöne Tage. Er sah Orte, die er vorher nur aus Zeitschriften kannte. Er aß hervorragend, wohnte in ausgezeichneten Hotels, charterte Boote, lag an Stränden und lernte Frauen kennen, die er ausgesprochen attraktiv fand. Auch sexuell bekam er ziemlich genau das, wonach er gesucht hatte.
Und trotzdem funktionierte sein System nicht.
Das bemerkte er erst allmählich. Es fehlte etwas. Bei jeder neuen Frau begann derselbe Vorgang von vorn. Wer war sie? Was wollte sie? Konnte er ihr vertrauen? Wie funktionierte die Bezahlung? Was erwartete sie? Was erwartete er? War das Hotel ein Problem? War die Polizei ein Problem? Und immer wieder, besonders in den ersten Minuten, kam dieser andere Gedanke. Sauberkeit. Hygiene. Andere Männer. Krankheiten. Manchmal verschwand der Gedanke, sobald er eine Frau länger kannte. Manchmal nicht. Dann konnte eine einzige Kleinigkeit genügen. Ein Handtuch. Ein fremdes Haar im Badezimmer. Eine Bemerkung darüber, wo sie am Abend zuvor gewesen war. Und plötzlich war Cannes wieder da. Nicht als konkrete Erinnerung an die beiden Frauen. Als Angst.
Hugo ärgerte sich darüber. Er hatte sich ausgerechnet dieses Leben ausgesucht, um frei zu sein. Und nun stellte er fest, dass sexuelle Freiheit ziemlich wenig wert war, wenn man dabei ständig darüber nachdachte, wer vor einem dagewesen war.
Irgendwann erinnerte er sich an die andere Frau aus Cannes.
Nicht an die beiden Frauen von damals. An die Escortfrau von der späteren Bankveranstaltung.
Er saß allein beim Frühstück eines Hotels, als ihm plötzlich einfiel, was bei ihr anders gewesen war. Es war nicht ihr Aussehen. Schön waren viele der Frauen gewesen, die er während seiner Reise kennengelernt hatte. Es waren Kleinigkeiten gewesen. Sie hatte bemerkt, wenn sein Glas leer wurde. Sie hatte sich beim Gespräch zu ihm gedreht, als gäbe es in dem Raum niemanden, der wichtiger war. Eine beiläufige Hand auf seinem Arm. Ein Fuß an seinem Bein. Eine Zigarre, die sie in den Mund nahm, anfeuchtete und schließlich anzündete, wobei sie sinnlich daran zog und noch einmal dagegenblies, bevor sie sie ihm reichte. Später hatte sie ihm die Schuhe ausgezogen. Nicht unterwürfig. Nicht übertrieben. Einfach selbstverständlich.
Damals hatte Hugo das genossen, ohne besonders darüber nachzudenken. Jetzt verstand er, wie ungewöhnlich es gewesen war. Sie hatte ihm für einige Stunden das Gefühl gegeben, dass der Abend mit ihm stattfand und nicht lediglich neben ihm.
Natürlich war sie dafür bezahlt worden. Hugo war nicht naiv. Aber das änderte nichts daran, dass sie es besser gemacht hatte.
Und dann erinnerte er sich an den Namen.
Hanna Dvořáková.
Prag.
Er hatte den Kontakt noch.
Hugo rief einige Tage später an.
Eine Frau meldete sich auf Englisch. „Dvořáková."
„Hanna Dvořáková?"
„Yes."
„Mein Name ist Hugo Voss."
Kurze Stille. „Should I know you, Mr Voss?"
Hugo musste lächeln. „Wahrscheinlich nicht."
„Then you have an advantage. You know who I am."
„Ich habe Ihren Namen von einer Ihrer Frauen."
„That does not narrow it down."
„Cannes. Eine Veranstaltung einer Bank."
Wieder kurze Stille. „Which bank?"
Hugo nannte sie. „When?"
Er erklärte es. Hanna fragte nach der Frau. Hugo beschrieb sie so gut er konnte.
„Ah", sagte Hanna schließlich. Offenbar erinnerte sie sich. „She gave you my number?"
„Ja."
„Then she must have liked you."
„Oder sie wollte Ihrer Firma einen Kunden beschaffen."
Hanna lachte. „Maybe both."
Hugo lehnte sich im Sessel zurück. „Ich brauche Frauen."
„That is usually why men call me."
„Nicht eine."
„That is also not unusual."
Hugo grinste. „Ich reise gerade."
„Where?"
Er nannte ihr einige der Länder und Städte der vergangenen Monate.
„And you cannot find women there?"
„Doch. Das ist nicht das Problem."
„Then what is the problem?"
Hugo überlegte. Wie erklärte man etwas, das man selbst gerade erst verstanden hatte?
„Es funktioniert nicht richtig."
„What doesn't?"
„Die Frauen wechseln ständig. Ich kenne sie nicht. Sie kennen mich nicht. Jedes Mal fängt alles wieder von vorne an."
Hanna schwieg. „Und ich möchte vorher wissen, wen ich treffe."
„Looks?"
„Auch."
„What else?"
„Wie sie ist."
„That is more difficult."
„Die Frau in Cannes hat mir erzählt, dass Sie Videos haben."
Jetzt wurde Hannas Stimme geschäftlicher. „Presentations."
„Videos."
„Presentations", wiederholte sie.
Hugo grinste. „Gut. Präsentationen."
Hanna erklärte ihm, dass neue Frauen vorgestellt und für Kunden dokumentiert würden. Er könne sich vor einer Buchung ein Bild machen und Wünsche äußern. Nicht jede Frau sei ständig verfügbar, und nicht jede passe zu jedem Kunden.
Genau dieser letzte Satz gefiel Hugo. „Und wo sind Ihre Frauen?"
„Everywhere."
„Das hilft mir nicht."
Hanna lachte. „Many are in Europe. A lot of them move. Côte d'Azur in season. Monaco. Cannes. Saint-Tropez. Sometimes Italy, Spain, Switzerland, Austria. Depends on the time of year."
Hugo schwieg.
Wieder dieselben Orte.
Er musste an das Gespräch im St. James's denken. Die Nachbarschaft zog weiter. Und offenbar zogen die Frauen mit.
„Wenn ich an die Côte d'Azur komme?"
„Then I can arrange something."
„Nicht irgendetwas."
„I know."
„Woher?"
„Because you called Prague from the other side of the world instead of asking your hotel concierge for another girl."
Hugo musste lachen. Sie hatte ihn innerhalb weniger Minuten verstanden.
„Schicken Sie mir erst einmal die Präsentationen."
„I can show you what is available."
„Mehrere."
„Of course."
„Und dann suche ich aus."
„You can tell me what you like."
Hugo dachte an die Frauen der vergangenen Monate. An Sophie vor dem Kamin. An May im warmen Wasser. An Mariana auf dem Boot. Es waren schöne Erinnerungen. Keine davon bereute er. Aber keine dieser Frauen gehörte zu seinem Leben. Sie waren hineingekommen und wieder verschwunden, manchmal innerhalb weniger Stunden.
Vielleicht lag das Problem gar nicht darin, dass er Prostituierte buchte. Vielleicht lag es darin, wie er sie bisher buchte. Zufällig. Immer neu. Ohne Auswahl. Ohne System. Ohne jemanden, der wusste, was er wollte.
„Gut", sagte Hugo. „Dann komme ich zurück nach Europa."
„Only because of women?"
Hugo sah aus dem Fenster. „Nein", sagte er nach einem Moment. „Claire baut in Monaco gerade meine Firma auf. Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich auch dort auftauche."
Hanna lachte. „Call me when you know when you'll be back."
„Das mache ich."
Er legte auf.
Für einige Sekunden blieb er sitzen.
Die Weltreise war damit nicht gescheitert. Im Gegenteil. Sie hatte ihm ziemlich genau gezeigt, was ihm gefiel. Sonne. Meer. Reisen. Schöne Frauen. Keine Verpflichtungen. Die Freiheit, einen Ort zu verlassen, sobald er ihn langweilte. Aber sie hatte ihm ebenso deutlich gezeigt, was ihm nicht gefiel. Zufälligkeit. Unsicherheit. Immer neue Frauen, über die er nichts wusste. Dieses unangenehme Gefühl, nicht zu wissen, wer vor ihm bei ihnen gewesen war. Und vor allem Begegnungen, die beendet waren, kaum dass sie angefangen hatten, vertraut zu werden.
Hugo hatte geglaubt, Freiheit bedeute, überall auf der Welt irgendeine Frau bekommen zu können. Inzwischen wollte er etwas Anspruchsvolleres. Er wollte auswählen können. Er wollte wissen, wer kam. Und wenn ihm eine Frau gefiel, wollte er sie nicht zwangsläufig am nächsten Morgen zum letzten Mal in seinem Leben sehen.
Er nahm den Telefonhörer erneut ab und ließ sich mit der Rezeption verbinden.
„I need a flight to Europe."
Damit begann seine Rückkehr.
Sie wurde eine Reise für sich. Die Verbindung zurück führte über die Vereinigten Staaten, und Venezuela, das letzte Land auf seiner Liste, lag noch vor ihm. Hugo hatte Amerika bis dahin kaum gekannt, und als er die Zwischenlandung sah, beschloss er, sie in einen Aufenthalt zu verwandeln. Miami reizte ihn. Sonne, Meer, große Hotels, Yachten — und vor allem war es wieder etwas vollkommen anderes als London, Monaco oder die Stationen seiner bisherigen Reise.
Er reservierte sich ein Zimmer im Turnberry Isle in Aventura, ohne sich zunächst viel dabei zu denken. Ein gutes Hotel für ein paar Tage, bevor es weiter nach Venezuela ging.
Schon bei seiner Ankunft merkte er, dass Amerika anders funktionierte. Abholung am Flughafen durch eine Limousine des Hotels. Vorfahrt unter der Porte Cochère, die Tür wurde geöffnet, das Gepäck sofort auf den Gepäckwagen geladen, Check-in, Begleitung aufs Zimmer. Hugo verglich das innerlich mit dem Carlton. Klassisch, elegant, sehr amerikanisch, alles auf Service ausgerichtet. Der Unterschied lag im Tempo. Nichts schien hier besprochen werden zu müssen. Es geschah einfach.
Das Zimmer lag mit Blick zum Innenhof. Am ersten Abend aß er auf der Terrasse des Hotels und ließ es sich richtig gut gehen. Er bestellte, was ihm gefiel, und bezahlte für sich allein ungefähr 250 Dollar. Es war wieder diese Erfahrung: Man kann sich hier vollkommen umsorgen lassen.
Am nächsten Morgen ließ er sich einen Wagen kommen und fuhr nach South Beach.
Die Hitze schlug ihm entgegen, als er ausstieg. Palmen, Art-déco-Häuser in Pastellfarben, der Ocean Drive, der Strand voll durchtrainierter Menschen in offener Kleidung. Hugo lief am Versace-Haus vorbei, aß in der Gegend des Colony Hotel etwas und verbrachte praktisch den ganzen Tag am Ocean Drive. Er beobachtete die Menschen, das Kommen und Gehen, die offene Präsentation von Körpern, die in Europa selbst an heißen Tagen eine Begründung gehabt hätte.
Abends fuhr er zurück ins Hotel, duschte, zog sich um und fuhr wieder nach South Beach.
Mango's war brechend voll, laut und eng. Tänzerinnen standen und tanzten auf und an dem Tresen, Bikinis, Musik, Gedränge. Vorne war der Tresen, auf dem die jungen Frauen zur Musik tanzten; links und rechts quetschten sich die Gäste vorbei, und der Laden war so voll, dass selbst der Weg zur Toilette zur Geduldsprobe wurde. Wer vorne Richtung Ocean Drive saß, bekam die ganze Show mit. Dazu kamen die Shots: Die kleinen Gläser steckten in einer Art Holzgestell, aus dem die Frauen sie herausnahmen. Das eigentliche Verkaufen des Shots war Teil der Show. Sie führten das Glas körperbetont an sich entlang, über Brust und Bauch, bevor sie es dem Gast reichten.
Hugo war davon fasziniert — gerade der Bauch fiel ihm aufgrund seiner Vorliebe besonders auf, aber es war nicht nur das. Es war die Selbstverständlichkeit. In Europa kannte er elegante Bars, Hotels und Clubs; hier fand das Spektakel praktisch offen zur Straße hin statt. Niemand schien sich daran zu stören, niemand wirkte gehemmt. Das hier war nicht irgendwo hinten in einem Club versteckt, sondern gehörte unmittelbar zur Wirkung des Ladens am Ocean Drive. Für Hugo fühlte es sich nach einer völlig anderen Welt an. Er saß dort und dachte nicht einfach nur: schöne Frauen. Ihn haute diese Selbstverständlichkeit um. Die Musik, die Hitze, die Menschenmenge, die durchtrainierten Körper, die Bikinis und draußen unmittelbar der Ocean Drive.
Auf der Rückfahrt redete er mit dem Fahrer. Irgendwann sagte er ziemlich direkt, dass er für den nächsten Tag eine weibliche Begleitung suchte. Der Fahrer kannte jemanden und organisierte den Kontakt.
Am nächsten Nachmittag kam die Frau ins Hotel. Eine Latina, attraktiv, aber körperlich nicht vollkommen das, was Hugos eigentliches Beuteschema traf. Trotzdem gefiel sie ihm. Sie fuhren gemeinsam nach Bal Harbour, tranken Kaffee, schauten sich Geschäfte an und liefen herum. Sie deutete einmal an, dass sie gern etwas hätte, und Hugo verstand das durchaus. Er kaufte ihr aber nichts. Er bezahlte die vereinbarte Begleitung, und daraus entstand für ihn keine Verpflichtung, zusätzlich Geschenke zu kaufen. Ganz im Gegenteil zu Svenja und der Louis-Vuitton-Tasche — seiner Schwester schenkte er, weil er es wollte; hier war die Rechnung klar, und er hielt sie sauber.
Abends fuhr er wieder nach South Beach, weil es ihm am Vorabend gefallen hatte. Wieder Mango's, davor ein Restaurant in der Nähe und ein hervorragendes Thunfischsteak.
Zurück im Turnberry verbrachten sie die Nacht miteinander. Und während sie schlief, saß Hugo später noch am Fenster, blickte in den beleuchteten Hotelbereich hinaus und dachte: Verdammt, eigentlich gefällt mir das hier. Wärme, Frauen, Meer, Service, Restaurants, Autos — alles ist leicht.
Am nächsten Morgen wachte Hugo im Turnberry Isle auf und blieb noch eine Weile im Bett liegen. Die letzten Tage gingen ihm durch den Kopf. South Beach, Ocean Drive, die Wärme, das Meer, die Restaurants, die Frauen. Dazu dieser beinahe übertriebene Service, bei dem ständig jemand verfügbar war und ein Problem innerhalb weniger Minuten gelöst zu sein schien. Miami gefiel ihm. Mehr, als er erwartet hatte. Beim Frühstück kam ihm schließlich der Gedanke vom Vorabend wieder.
Eigentlich könnte ich mir vorstellen, hier zu leben.
Er hatte nicht vor, eine Wohnung zu kaufen. Jedenfalls noch nicht. Aber plötzlich wollte er wissen, was so etwas hier überhaupt kostete und was man für sein Geld bekam. Er rief den Limousinenfahrer an, der ihm bereits die Frau vermittelt hatte.
„Ich brauche noch etwas."
„Was kann ich für Sie tun?"
„Ich würde mir gern ein paar Immobilien ansehen."
„Zum Kaufen?"
„Vielleicht. Erst einmal ansehen."
„Was suchen Sie?"
Hugo sah von der Terrasse hinaus. „Das weiß ich noch nicht genau. Eigentlich etwas am Meer. Eine Wohnung. Etwas Gutes."
„Ich kenne jemanden."
„Einen Makler?"
„Einen sehr guten."
Hugo rechnete damit, dass er vielleicht am nächsten oder übernächsten Tag einen Termin bekommen würde.
„Wann hätten Sie Zeit?", fragte der Fahrer.
„Heute."
„Okay. Ich kümmere mich darum."
Keine zwei Stunden später klingelte das Telefon in Hugos Zimmer. Der Fahrer war dran.
„Ihr Makler ist um elf Uhr da."
Hugo sah auf die Uhr. „Heute?"
„Natürlich heute."
Als er auflegte, musste er grinsen. Das ist Amerika. In Deutschland hätte er wahrscheinlich erst einmal erklärt, was er suchte, einen Termin vereinbart und anschließend einige Tage gewartet. Hier hatte er morgens seinem Fahrer gesagt, dass er sich Immobilien ansehen wollte, und um elf stand ein Makler bereit.
Kurz vor elf fuhr die Limousine unter der Porte Cochère vor. Hugo stieg ein. Der Makler wartete bereits, und nach einer kurzen Vorstellung fuhren sie gemeinsam los.
„Ihr Fahrer sagt, Sie möchten sich Immobilien ansehen."
„Ja."
„Was genau suchen Sie?"
„Das versuche ich gerade herauszufinden."
Der Makler lächelte. „Das ist keine schlechte Antwort."
„Eigentlich denke ich an etwas direkt am Strand."
„Eigentlich?"
„Ich bin erst ein paar Tage hier."
„Dann sollten Sie noch gar nichts entscheiden."
Das gefiel Hugo. Kein sofortiges Verkaufsgespräch.
„Ich zeige Ihnen zunächst etwas anderes", sagte der Makler. „Williams Island. Danach können wir immer noch an den Strand fahren."
Die Limousine fuhr nach Aventura und wenig später auf die bewachte Zufahrt von Williams Island zu. Nach der Kontrolle ging es weiter durch die Anlage. Hugo sah die Türme zwischen Palmen und Grünflächen aufragen, Wasser dahinter, Yachten und die gepflegten Zufahrten. Die Limousine brachte sie jedoch nicht zu einem der Wohngebäude. Sie hielt zunächst am Sales Center. Dort stiegen Hugo und der Makler aus und wechselten in einen kleinen Golfwagen.
„Bevor ich Ihnen Wohnungen zeige", sagte der Makler, „zeige ich Ihnen erst einmal, was Sie hier eigentlich kaufen."
Damit fuhren sie durch Williams Island. Der Makler zeigte ihm den Club, die Restaurants, den Yacht Club und die Marina. Überall standen Palmen und sorgfältig gepflegte Pflanzen, dazwischen Wasser, Wege und die hohen Wohntürme. Golfwagen fuhren durch die Anlage. An der Marina lagen Yachten. Alles wirkte ruhig, sauber und abgeschirmt von dem Verkehr und der Hektik, die Hugo draußen erlebt hatte.
„Das ist ja fast wie ein Hotel", sagte Hugo.
„Nur dass Sie hier wohnen."
„Und das gehört alles dazu?"
„Sie kaufen hier nicht nur eine Wohnung. Sie kaufen Williams Island."
Hugo sah sich um. Das verstand er inzwischen. Genau diese amerikanische Vorstellung von Wohnen faszinierte ihn. Zuhause bedeutete eine gute Wohnung vor allem eine gute Wohnung. Hier schien man gleich eine ganze Lebenswelt darum herumzubauen.
Sie hielten zunächst vor einem der älteren Türme. Noch bevor Hugo richtig ausgestiegen war, kam ein Mitarbeiter auf sie zu und öffnete die Tür. Im Gebäude wurde ihnen ebenfalls sofort weitergeholfen. Niemand ließ sie irgendwo herumstehen oder suchen. Hugo bemerkte diese Dinge inzwischen bewusst. Seit seiner Ankunft in Miami hatte er ständig das Gefühl, dass jemand fragte, was er brauchte, bevor er selbst darüber nachgedacht hatte.
Die Wohnung war groß. Sehr groß. Schon das Wohnzimmer überraschte ihn. Breite Fensterflächen, viel Platz zwischen den Möbeln und Räume, die nicht bis auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt wirkten. Im Schlafzimmer öffnete der Makler eine Tür. Hugo ging hinein und blieb stehen.
„Was ist das?"
„Der Kleiderschrank."
Hugo sah ihn an. „Das ist ein Zimmer."
Der Makler lachte. „Walk-in Closet."
Hugo ging hinein. Auf beiden Seiten waren Schränke und Ablagen vorgesehen. Man konnte tatsächlich darin herumlaufen. Vollkommen verrückt.
Dann kam das Badezimmer. Hugo blieb wieder stehen. Marmor, Spiegel, eine große Whirlpoolwanne, eine Dusche, die eher wie eine kleine Kabine wirkte, und die Toilette noch einmal separat.
„Die Dusche hat Dampf", erklärte der Makler.
„Eine Dampfdusche?"
„Natürlich."
Hugo sah ihn an. Natürlich. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, morgens im eigenen Badezimmer ein Dampfbad zu nehmen. Er musste grinsen. Die Amerikaner hatten offensichtlich eine vollkommen andere Vorstellung davon, wie groß ein Badezimmer sein durfte. Bei manchen Wohnungen, die Hugo aus Deutschland kannte, hätte man aus dieser Fläche ein zusätzliches Schlafzimmer gemacht.
Dann fiel ihm der Teppich auf. Eigentlich nicht der Teppich selbst, sondern das Gefühl unter seinen Füßen. Er ging zwei Schritte zurück. Dann wieder vor.
„Was ist denn da drunter?"
Der Makler sah auf den Boden. „Padding."
Hugo drückte mit dem Schuh darauf. Unter dem gespannten Teppich befand sich eine weiche Unterlage, die bei jedem Schritt leicht nachgab. Er lief noch ein paar Schritte.
„Das fühlt sich ja an, als würde man auf Wolken laufen."
„Sie mögen es?"
„Ich weiß noch nicht, ob ich es vollkommen bescheuert oder großartig finde."
Der Makler lachte. „Geben Sie Amerika ein paar Tage."
Danach fuhren sie weiter zur Résidence du Cap. Schon als sie das Gebäude betraten, merkte Hugo den Unterschied. Alles wirkte neuer, heller und noch großzügiger. Viel Stein, helle Flächen, Glas. Wieder war sofort jemand da, der ihnen die Tür öffnete und sie begrüßte. Sie gingen zum Aufzug. Oben öffneten sich die Türen. Hugo machte einen Schritt hinaus und blieb stehen.
„Wo ist denn der Flur?"
„Welcher Flur?"
„Zum Apartment."
Der Makler deutete vor sich. „Sie sind da."
Hugo sah zurück zum Aufzug. „Der fährt direkt in die Wohnung?"
„Private elevator."
Das gefiel ihm. Sofort. Nicht weil er einen privaten Fahrstuhl brauchte. Bis vor wenigen Minuten war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass er einen haben könnte. Aber jetzt, wo er ihn sah, wollte er ihn.
Die Wohnung selbst setzte noch einen drauf. Großzügige Wohnräume, hohe Fensterflächen, breite Schlafzimmer und wieder begehbare Kleiderschränke, in denen Hugo mehr Platz hatte als früher in manchen Zimmern. Das Masterbad war beinahe absurd. Eine große Whirlpoolwanne, Marmor, Spiegel, eine gewaltige Dusche, separate Toilette und genügend Platz, dass zwei Menschen sich gleichzeitig darin aufhalten konnten, ohne sich überhaupt in die Quere zu kommen. Hugo stellte sich vor den Spiegel und sah sich um.
So kann man also auch wohnen.
Es war nicht nur teuer. Es war anders.
Dann ging er zu den Fenstern. Unter ihnen lag der Intracoastal Waterway. Auf dem Wasser bewegten sich Boote. Dahinter erhoben sich die Hochhäuser entlang der Küste, und zwischen ihnen hindurch sah Hugo immer wieder Blau. Er trat näher heran.
„Da hinten ist doch der Atlantik."
„Natürlich."
„Dann sieht man von hier sogar das Meer."
„Bei gutem Wetter sehr schön."
Hugo blieb eine Weile stehen. Der Blick war beeindruckend. Trotzdem fehlte ihm etwas.
„Wenn ich mir in Miami eine Wohnung kaufe", sagte er schließlich, „würde ich eigentlich lieber direkt am Strand wohnen."
Der Makler nickte. „Warum?"
Hugo sah ihn überrascht an. „Warum? Weil ich in Miami bin."
„Das beantwortet die Frage nicht."
„Wenn ich hier eine Wohnung habe, will ich morgens aufstehen, aus dem Fenster schauen und den Atlantik sehen."
„Das verstehe ich."
„Also."
„Wann stehen Sie morgens auf?"
Hugo grinste. „Was hat das damit zu tun?"
„Eine ganze Menge. Und wann sind Sie tagsüber in Ihrer Wohnung?"
„Keine Ahnung."
„Sie sind vierundzwanzig."
„Und?"
„Sie kommen nach Miami, um tagsüber in Ihrer Wohnung zu sitzen?"
Hugo lachte. „Wahrscheinlich nicht."
„Natürlich nicht. Sie gehen an den Strand. Sie fahren nach South Beach. Sie gehen essen. Sie treffen Leute. Sie fahren Boot. Was auch immer. Und irgendwann am Abend kommen Sie nach Hause." Der Makler trat neben ihn. „Jetzt stellen Sie sich Ihre Wohnung direkt am Atlantik vor. Dreißigster Stock. Traumhafter Ocean View."
„Klingt gut."
„Tagsüber ist es fantastisch."
„Eben."
„Und nachts schauen Sie in ein schwarzes Loch."
Hugo lachte. „Das ist jetzt aber Ihre Williams-Island-Verkaufsnummer."
„Nein. Das ist der Atlantik."
Hugo musste noch mehr lachen. Der Makler zeigte zwischen den Hochhäusern hindurch zum Meer.
„Da draußen gibt es nachts keine Gebäude. Keine Straßen. Keine beleuchteten Yachten. Nichts. Im Sommer haben Sie lange etwas davon. Aber denken Sie an Herbst und Winter. Es wird früh dunkel. Und genau dann, wenn Sie Ihre Wohnung tatsächlich benutzen, sehen Sie dort draußen Schwarz."
Dann deutete er nach unten auf den Intracoastal und anschließend entlang der Küste.
„Und jetzt stellen Sie sich diesen Blick heute Abend vor."
Hugo folgte seiner Hand. „Die Gebäude sind beleuchtet. Die Straßen. Die Marinas. Boote fahren über den Intracoastal. Sie haben Wasser vor sich, Stadt dahinter und trotzdem zwischen den Gebäuden den Atlantik."
Hugo sagte zunächst nichts. Er betrachtete den Blick noch einmal.
*Scheiße. Der Mann hat recht.*
Er hatte automatisch angenommen, dass erste Reihe am Atlantik gleichbedeutend mit der besten Lage sein musste. Der Makler hatte ihm gerade innerhalb von zwei Minuten erklärt, weshalb das zumindest nicht zwingend so war.
„Okay", sagte Hugo. „Das Argument ist gut."
„Ich weiß."
„Bescheiden sind Sie auch."
„Das kommt noch."
Hugo grinste. Er ging noch einmal durch die Wohnung. Sie gefiel ihm. Sogar ausgesprochen gut. Der Fahrstuhl direkt in die Wohnung, die riesigen Räume, diese absurden Badezimmer, die begehbaren Kleiderschränke und sogar der Teppich, auf dem er am liebsten ohne Schuhe herumgelaufen wäre. Trotzdem war da noch kein Gefühl von: Das ist es. Und vor allem war Hugo nicht nach Miami gekommen, um spontan eine Immobilie zu kaufen. Er wollte wissen, was es gab. Und sobald er anfing, sich für etwas zu interessieren, wollte er Zahlen.
„Was kostet die?"
Der Makler nannte ihm den Preis. Hugo nickte lediglich.
„Und monatlich?"
Der Makler erklärte ihm die laufenden Kosten.
„Wie haben sich die Preise hier in den letzten fünf Jahren entwickelt?"
Jetzt sah der Makler ihn etwas genauer an. Hugo fragte weiter.
„Wie lange bleiben die Wohnungen durchschnittlich am Markt? Wie groß ist der Unterschied zwischen Angebotspreis und tatsächlichem Verkaufspreis? Und wie sieht es mit Vermietung aus?"
„Wollen Sie vermieten?"
„Nein."
„Warum fragen Sie dann?"
„Weil ich es wissen will."
Der Makler grinste. „Ihr Fahrer hat gesagt, Sie arbeiten bei einer Bank."
„Noch."
„Analyst?"
„Ja."
„Das erklärt einiges."
Hugo ging wieder zum Fenster. „Ich kaufe nichts, bevor ich verstanden habe, warum es seinen Preis wert ist."
„Dann brauchen Sie wahrscheinlich noch ein bisschen mehr als Williams Island."
Hugo drehte sich um. „Was haben Sie noch?"
„Ich könnte Ihnen natürlich morgen zehn weitere Towers zeigen. Neuere Gebäude, Oceanfront, Bal Harbour, Sunny Isles. Danach wissen Sie wahrscheinlich noch weniger als vorher."
„Sehr motivierender Verkäufer."
„Ich möchte Ihnen etwas anderes zeigen."
„Was?"
„Fisher Island."
Hugo kannte den Namen, konnte damit aber wenig anfangen. „Auch so etwas wie hier?"
Der Makler schüttelte den Kopf. „Nein."
„Was ist anders?"
„Fast alles."
Hugo sah ihn einen Moment an. „Wann?"
Der Makler schaute auf seine Uhr. „Wenn Sie noch Zeit haben: jetzt."
Hugo musste wieder grinsen. Das war genau das, was ihm an Amerika zunehmend gefiel. „Gut."
Wenig später saßen sie wieder in der Limousine. Diesmal führte die Fahrt nicht zu einem weiteren Hochhaus. Der Makler ließ den Fahrer Richtung Fisher Island fahren.
Die Fahrt zur Fähre dauerte nicht lange. Hugo hatte sich unter Fisher Island bis dahin wenig vorstellen können. Der Makler hatte ihm lediglich erklärt, dass die Insel ausschließlich über das Wasser erreichbar war und zu den exklusivsten Wohnlagen Miamis gehörte. Die Limousine rollte auf die Fähre. Hugo stieg nicht aus, sondern sah durch das Fenster, während sie ablegten.
Sein erster Eindruck war allerdings alles andere als überwältigend. Auf der anderen Seite des Wassers standen große grüne Tanks. Hugo verzog das Gesicht.
„Das ist jetzt aber nicht der Teil, den Sie mir verkaufen wollen."
Der Makler lachte. „Warten Sie, bis wir drüben sind."
„Für das Geld hätte ich die Tanks gerne woanders."
„Die gehören nicht zu Fisher Island."
Trotzdem störten sie Hugo. Für einen Moment fragte er sich ernsthaft, was an dieser Lage so außergewöhnlich sein sollte.
Doch schon kurz nach der Ankunft änderte sich das Bild. Alles war makellos gepflegt. Palmen, Rasenflächen, Blumen, saubere Wege. Kleine Golfwagen fuhren über die Insel, darunter auch Fahrzeuge des Sicherheitsdienstes. Kein Durchgangsverkehr, kein Lärm, kein zufälliger Besucher, der sich hierher verirrt hatte. Die Gebäude gefielen Hugo sofort besser als die hohen Türme von Williams Island. Sie waren niedriger, mediterraner, wirkten beinahe wie eine eigene kleine Ortschaft. Die Limousine fuhr hinauf zum Sales Center. Gleich in der Nähe befanden sich die Einkaufsmöglichkeiten für die Bewohner. Von dort konnte Hugo bereits einen der kleinen privaten Yachthäfen sehen. Er blieb stehen. Weiße Yachten lagen im späten Nachmittagslicht. Einige waren gewaltig. Weiter draußen lagen noch größere Schiffe, deren weiße Aufbauten in der Sonne leuchteten.
Das hier fühlte sich völlig anders an als Williams Island. Dort hatte ihn die Höhe beeindruckt. Hier beeindruckte ihn die Abgeschlossenheit.
Der Makler zeigte ihm zunächst die Insel. Dafür brauchten sie keinen Golfwagen. Vieles lag nah genug beieinander, um zu Fuß zu gehen. Sie kamen am Golfplatz vorbei und an den Tennisplätzen. Danach gingen sie weiter Richtung Strand. Der Sand war hell, das Wasser ruhig, und obwohl Miami praktisch vor ihnen lag, fühlte es sich nicht an, als wären sie mitten in einer Großstadt.
„Und wie funktioniert das hier?", fragte Hugo. „Wenn ich am Strand etwas trinken will."
Der Makler zeigte ihm die Einrichtungen. „Sie müssen nicht aufstehen. Wenn Sie Service möchten, geben Sie ein Zeichen. Bei den entsprechenden Plätzen haben Sie eine kleine Fahne. Sie stellen sie hoch, und jemand kommt zu Ihnen."
Hugo sah ihn an. „Eine Fahne?"
„Ja."
„Und dann kommt jemand?"
„Natürlich."
Wieder dieses Wort. Natürlich. Hugo musste lächeln. Seit seiner Ankunft in Amerika begegnete ihm ständig dasselbe Prinzip. Niemand erklärte ihm zuerst, weshalb etwas schwierig war. Die erste Frage lautete immer: Was möchten Sie? Valet Parking. Limousine. Hotel. Restaurant. Jetzt sogar am Strand. Er begann zu verstehen, dass Luxus hier nicht allein bedeutete, teure Dinge zu besitzen. Luxus bedeutete, dass jemand dafür sorgte, dass man möglichst wenig selbst tun musste.
Das gefiel ihm. Und er merkte, dass er es sich merkte.
Sie gingen zurück Richtung Marina.
„Sie hatten nach zwei Schlafzimmern gefragt", sagte der Makler.
„Ja. Mehr brauche ich nicht."
„Dann möchte ich Ihnen etwas hier unten zeigen."
Die Wohnungen lagen nicht in einem der großen Gebäude, sondern in niedrigen, zweigeschossigen Häusern unmittelbar am kleinen Yachthafen. Das gefiel Hugo auf Anhieb. Kein dreißigster Stock. Keine endlosen Flure. Stattdessen Wasser direkt vor dem Haus und Yachten vor den Fenstern. Und nach dem Gespräch auf Williams Island interessierte ihn die Atlantikseite ohnehin weniger.
„Also nicht Oceanfront", sagte der Makler.
„Sie haben mir doch gerade erklärt, warum ich das nicht will."
„Ich habe Ihnen erklärt, weshalb Sie darüber nachdenken sollten."
„Hat funktioniert."
Die Wohnung selbst überzeugte Hugo allerdings deutlich weniger. Sie hatte die richtige Größe. Zwei Schlafzimmer waren für ihn vollkommen ausreichend. Der Blick zur Marina gefiel ihm ebenfalls. Aber innen war sie nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Man sah ihr das Alter an. Hugo bemerkte Dinge, die ihn sofort störten. Vor allem die Klimaanlage. Die sichtbaren Innengeräte gefielen ihm überhaupt nicht. Er zeigte darauf.
„Das bleibt aber nicht so?"
„Wenn Sie die Wohnung so kaufen, schon."
Hugo sah ihn an. „Das sieht furchtbar aus."
„Dann ändern wir es."
„Wir?"
„Sie kaufen die Wohnung, und wir lassen sie für Sie umbauen."
Hugo ging weiter. Auch bei den Oberflächen und der Einrichtung sah er einiges, das er anders haben wollte. Dabei wollte er die Wohnung eigentlich überhaupt nicht kaufen. Das gestand er dem Makler natürlich nicht ein. Sechshunderttausend Dollar waren sechshunderttausend Dollar. Er konnte darüber nachdenken. Er konnte sogar so auftreten, als wäre ein Kauf eine ernsthafte Möglichkeit. Aber innerlich dachte er längst: Warum soll ich jetzt sechshunderttausend Dollar für eine Wohnung in Miami ausgeben? Er war auf Weltreise. Er wusste noch nicht einmal, wo er in einem Jahr leben würde.
Trotzdem machte es ihm Spaß, sich die Sache anzusehen. Und vielleicht gefiel ihm auch ein wenig, dass der Makler ihn inzwischen offensichtlich für einen ernsthaften Käufer hielt.
„Wenn ich das machen würde", sagte Hugo, „müsste hier ziemlich viel verändert werden."
„Kein Problem."
„Für Sie ist alles kein Problem."
„Dafür bezahlen Sie uns."
Hugo grinste. „Und wer macht das?"
„Wir können Ihnen einen Innenarchitekten vermitteln."
Hugo sah sich noch einmal um. „Ich könnte mir doch auch selbst aussuchen, wie ich es haben will."
„Natürlich."
Der Makler schwieg kurz.
„Aber?", fragte Hugo.
„Aber ich würde es nicht tun."
„Warum nicht?"
Der Makler lehnte sich an die Küchenzeile. „Sie kennen diese Wohnungen aus Architektur- und Einrichtungsmagazinen?"
„Natürlich."
„Und dann denken die Leute: Das gefällt mir, das kann ich auch."
Hugo nickte. „Kann man nicht?"
„Manchmal. Meistens nicht so gut."
„Warum?"
„Weil das, was Sie dort sehen, nicht zufällig so aussieht. Ein Innenarchitekt hat die Räume geplant. Materialien, Proportionen, Beleuchtung, Möbel. Danach kommt ein professioneller Fotograf und fotografiert das Ganze so, dass Sie es unbedingt haben wollen."
Hugo sah sich wieder im Raum um. „Und dafür brauche ich ein Studium?"
„Interior Design ist ein Beruf. Architektur ist ein Beruf. Es gibt einen Grund, warum Menschen das lernen."
Das leuchtete Hugo ein. Der Makler fuhr fort:
„Es gibt einen alten Spruch: Das erste Haus bauen Sie für Ihren Feind, das zweite für Ihren Freund und das dritte für sich selbst."
Hugo lachte. „Das macht ja Mut."
„Oder Sie überspringen die ersten beiden und nehmen von Anfang an Leute, die wissen, was sie tun."
Der Satz blieb bei Hugo hängen. Eigentlich war es vollkommen logisch. Er würde auch niemandem empfehlen, selbst Unternehmensanalysen zu erstellen, nur weil er einmal einen Geschäftsbericht gelesen hatte. Warum sollte das bei einem Haus anders sein? Wenn jemand etwas besser kann als ich, lasse ich ihn es machen. Ich sage ihm, was ich will, und ich beurteile das Ergebnis. Aber ich tue nicht so, als könnte ich sein Handwerk.
Nicht alles selbst machen zu wollen.
Diesen Gedanken würde er behalten. Genau wie den anderen vom Strand mit der Fahne.
Der Makler ging mit ihm wieder hinaus. Das Licht hatte sich inzwischen verändert. Die Sonne stand deutlich tiefer.
„Machen Sie mir einen Gefallen", sagte er.
„Welchen?"
„Kommen Sie heute Abend noch einmal her."
Hugo sah ihn an. „Warum?"
Der Makler deutete auf die Marina. „Sie haben Williams Island verstanden. Jetzt machen Sie nicht denselben Fehler hier."
„Das schwarze Loch?"
„Genau." Er zeigte auf die Yachten. „Kommen Sie nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Dann sehen Sie die beleuchteten Boote, die Marina und Miami. Wenn Sie eine Wohnung kaufen, kaufen Sie nicht nur den Blick um vier Uhr nachmittags."
Hugo nickte. Das wollte er tatsächlich sehen.
Sie nahmen die Fähre zurück. Später ließ Hugo sich wieder nach South Beach fahren. Er aß dort und verbrachte noch einige Zeit am Ocean Drive. Als er anschließend zur Limousine zurückkam, hatte sein Fahrer eine Idee.
„Sie interessieren sich doch für Immobilien."
„Seit heute offenbar."
„Dann muss ich Ihnen noch etwas zeigen."
„Noch eine Wohnung?"
„Nein. Star Island."
Hugo stieg ein. „Was ist Star Island?"
Der Fahrer sah ihn im Rückspiegel an. „Da wohnen Leute wie Gloria Estefan."
Das weckte Hugos Interesse. „Kann man da einfach reinfahren?"
„Nein."
„Und wie willst du mir das dann zeigen?"
Der Fahrer grinste. „Ich kenne jemanden am Gate."
Hugo lehnte sich zurück. „Natürlich."
Wieder dieses Amerika. Kurze Zeit später fuhr die Limousine über die Brücke nach Star Island. Hugo sah hinaus auf die großen Grundstücke und Villen. Das war noch einmal eine andere Größenordnung als die Apartments, die er am Nachmittag gesehen hatte. Sie fuhren einmal über die Insel und anschließend wieder hinaus.
Danach ging es zurück Richtung Fisher Island. Als die Limousine zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Fähre rollte, war es inzwischen dunkel.
Als die Limousine am Abend erneut auf Fisher Island ankam, erkannte Hugo die Insel kaum wieder. Am Nachmittag hatte alles hell, gepflegt und beinahe ein wenig künstlich gewirkt. Jetzt lagen die niedrigen Gebäude im warmen Licht der Außenbeleuchtung, zwischen den Palmen leuchteten die Wege, und aus der Marina spiegelten sich die Lichter auf dem schwarzen Wasser.
Hugo ging noch einmal mit dem Makler zu der Wohnung. Diesmal interessierten ihn die Räume kaum noch. Er trat beinahe sofort ans Fenster, um den Blick zu sehen.
Der Makler hatte recht gehabt. Spektakulär war er nicht. Wer eine Skyline wie auf einer Postkarte erwartete, musste eine andere Lage wählen. Man blickte auf den kleinen Yachthafen, auf die Masten und Aufbauten der Boote und auf die Lichter, die sich im Wasser bewegten. Aber es war schön. Ruhig. Einige der Yachten waren beleuchtet. Weiter entfernt konnte Hugo die größeren Schiffe erkennen. In ihren Aufbauten brannten Lichter, einzelne Fenster leuchteten, und gelegentlich bewegte sich irgendwo jemand an Deck.
„Verstehen Sie jetzt, was ich meinte?", fragte der Makler.
Hugo nickte. „Ja."
Er sah noch einmal hinaus. „Ist nicht Downtown."
„Nein."
„Aber schön."
„Anders."
Das traf es besser. Hugo konnte sich durchaus vorstellen, abends hier zu sitzen. Ein Glas Wein, die Türen geöffnet, draußen die Marina. Schon verdammt schön. Und trotzdem dachte er nicht: Das muss ich haben.
Nachdem der Makler sich verabschiedet hatte, blieb Hugo noch auf Fisher Island. Er wollte nicht sofort zurück ins Hotel. Er ging noch ein Stück über die Anlage und setzte sich schließlich an eine Bar. Dort kam er mit zwei Frauen ins Gespräch. Mutter und Tochter. Russinnen. Die Mutter war elegant gekleidet, offensichtlich wohlhabend und sprach gutes Englisch. Ihre Tochter war deutlich jünger.
Das Gespräch begann beiläufig. Woher er komme, was er in Miami mache, ob er auf Fisher Island wohne.
„Nein", sagte Hugo. „Ich habe mir heute eine Wohnung angesehen."
Die Frau lächelte. „Dann wollen Sie kaufen."
„Das weiß ich noch nicht."
„Wenn Sie das sagen, kaufen Sie nicht."
Hugo musste lachen. „Warum wohnen Sie hier?"
Die Frau nahm einen Schluck von ihrem Getränk. „Mein Mann hat die Wohnung gekauft."
„Leben Sie das ganze Jahr hier?"
„Nein. Aber sehr viel."
Sie erzählte ihm, dass ihr Mann weiterhin regelmäßig zwischen Russland und den Vereinigten Staaten unterwegs war. Für sie und ihre Tochter sei Florida dagegen zu einem Rückzugsort geworden.
„Warum gerade Miami?"
Die Frau überlegte einen Moment. „Weil mein Mann möchte, dass wir hier sind."
Hugo verstand die Antwort nicht sofort. „Wegen des Wetters?"
Sie schüttelte den Kopf. „Wegen Russland."
Das Gespräch wurde für einen Moment ernster. Sie erklärte ihm, dass die Situation dort noch immer unsicher sei. Wer Geld besaß, Geschäfte machte oder zur falschen Zeit den falschen Menschen auffiel, lebte mit Risiken, über die man in Westeuropa kaum nachdachte. Ihr Mann müsse dort sein, weil seine Geschäfte dort seien. Aber seine Frau und seine Tochter wollte er nicht ständig diesen Unsicherheiten aussetzen. Deshalb Fisher Island. Abgeschlossen. Bewacht. Kontrollierte Zufahrt. Menschen konnten nicht einfach vor ihrer Haustür auftauchen.
Hugo sah sich um. Plötzlich betrachtete er die Insel noch einmal anders. Am Nachmittag hatte er die Sicherheitsleute in ihren kleinen Fahrzeugen gesehen und vor allem gedacht, dass das eben zu einer Anlage für reiche Leute gehörte. Für diese Familie war es offenbar mehr als eine Annehmlichkeit. Es war einer der Gründe, hier überhaupt eine Wohnung zu besitzen.
„Und Ihr Mann?"
„Er kommt so oft er kann."
„Gefällt ihm Russland besser?"
Die Frau lächelte. „Nein. Dort verdient er sein Geld."
Der Satz gefiel Hugo.
Sie unterhielten sich noch eine Weile. Über Europa, Miami, Reisen. Nichts davon war besonders bedeutend. Sie tauschten keine Telefonnummern aus und verabredeten sich nicht wieder. Aber das Gespräch blieb Hugo im Kopf.
Später brachte ihn die Limousine zurück zum Turnberry Isle. Als Hugo im Bett lag, dachte er noch einmal an die Wohnung. Sechshunderttausend Dollar. Er könnte es machen. Dieser Gedanke allein gefiel ihm. Ein Teil von ihm war stolz darauf. *Ich könnte morgen anrufen und sagen, ich nehme sie.*
Aber wozu? Er war zweiundzwanzig. Er war mitten auf einer Weltreise. Er wusste noch nicht einmal, wo er in einem Jahr leben würde. Und vor allem wollte er etwas anderes. Seine eigene Firma. Das Geld, das er jetzt in eine Wohnung auf Fisher Island steckte, war Geld, das ihm beim Aufbau des Unternehmens fehlte. Dazu kämen Umbau, Einrichtung, laufende Kosten — für eine Wohnung, in der er vielleicht einige Wochen im Jahr saß. Nur damit ich sagen kann, dass ich eine Wohnung in Miami habe.
Er musste sich eingestehen, dass genau das einen Teil des Reizes ausgemacht hatte. Auf dicke Hose machen. Dem Makler Fragen stellen, sich eine Sechshunderttausend-Dollar-Wohnung zeigen lassen, über Innenarchitekten sprechen und so tun, als müsse er nur noch entscheiden, welche Aussicht ihm besser gefiel.
Es hatte Spaß gemacht. Aber Spaß war kein Grund, sechshunderttausend Dollar auszugeben.
Hugo drehte sich im Bett auf die Seite.
Nein. Noch nicht. Er wollte sein Geld nicht in eine Wohnung stecken. Er wollte daraus eine Firma machen.
Am nächsten Morgen telefonierte er. Nicht gemeinsam mit den beiden, sondern nacheinander. Das Angebot war für alle drei dasselbe, und auch seine Erklärung änderte sich kaum.
Bei Arjun entwickelte sich daraus das längste Gespräch.
„Warum Monaco?"
„Weil ich endlich für mich selbst arbeiten will."
„Das könntest du auch in London."
„Darum geht es nicht nur."
Hugo erklärte ihm, was Steinhöfel ihm über Monaco und die geplante Struktur gesagt hatte.
„Wenn wir es richtig aufbauen, kommen wir endlich aus dieser Steuerfessel heraus."
Arjun lachte. „Steuerfessel."
„Ja. Genau das ist es. Wir arbeiten wie die Irren, verdienen das Geld und geben einen gewaltigen Teil davon wieder ab. Ich habe darauf keine Lust mehr."
„Und in Monaco verdienst du plötzlich alles für dich selbst?"
„Wenn Steinhöfel das so aufbauen kann, wie er es mir erklärt hat, bleibt wesentlich mehr bei uns. Genau das ist doch der Punkt."
Hugo merkte selbst, wie sehr ihn dieser Gedanke inzwischen reizte. Freiheit. Nicht mehr für eine Bank arbeiten. Nicht mehr einen großen Teil dessen, was er verdiente, wieder abgeben. Selbst entscheiden, welche Geschäfte er machte, wen er beschäftigte und was mit dem Geld geschah.
„Ich will morgens aufstehen und wissen: Wenn ich heute eine Million verdiene, dann habe ich diese Million verdient. Nicht die Bank. Ich."
„Das klingt ziemlich nach dir."
„Natürlich klingt das nach mir."
„Und dafür soll ich meinen sicheren Job aufgeben?"
„Ja."
„Für 250.000 ohne Bonus."
„Am Anfang."
„Und wenn es schiefgeht?"
„Dann geht es schief."
Arjun schwieg.
Hugo sagte: „Du weißt, was ich kann. Mehr kann ich dir nicht verkaufen."
Dann fügte er hinzu: „Und ihr müsst euch um den Umzug nicht selbst kümmern. Claire kommt ebenfalls mit nach Monaco."
„Claire?"
„Ja. Sie wird vor mir nach Monaco gehen und dort alles vorbereiten. Wohnung für mich, Büroräume, Einrichtung, die Gründung — den ganzen Scheiß, mit dem ich mich nicht monatelang beschäftigen will."
„Und wir sollen uns dann selbst irgendeine Wohnung suchen?"
„Nein. Wenn ihr mitkommt, kümmert Claire sich auch darum. Ihr sagt ihr, was ihr sucht und was ihr ausgeben wollt, und sie sucht euch passende Wohnungen."
Arjun schwieg einen Moment. „Du hast das also schon ziemlich weit geplant."
„Weit genug, dass ihr nicht mit zwei Koffern in Monaco steht und erst einmal ein Hotel suchen müsst."
Das gehörte für Hugo zum Angebot. Er verlangte von ihnen schon genug: sichere Positionen aufgeben, London verlassen und mit ihm etwas aufbauen, von dem keiner wusste, ob es funktionieren würde. Dann wollte er ihnen wenigstens den praktischen Teil so einfach wie möglich machen.
Leila stellte Hugo dasselbe Angebot vor. 250.000 fest, zunächst ohne Bonus, Umzug nach Monaco und die Aussicht, später über eine Beteiligung zu sprechen. Auch ihr erklärte er, dass Claire vorausgehen und den Aufbau organisieren würde. Wer sich für Monaco entschied, konnte ihr sagen, welche Wohnung er suchte und welches Budget er dafür vorgesehen hatte. Claire würde sich um die Vorauswahl und Besichtigungen kümmern, damit keiner von ihnen erst wochenlang Wohnungen suchen musste.
Wer irgendwann Anteile an der Firma wollte, sollte allerdings eigenes Geld investieren. Hugo wollte keine Partner, die nur an die Sache glaubten, solange ausschließlich sein Kapital auf dem Spiel stand.
Keiner sagte sofort zu. Sie rechneten, fragten nach und überlegten. Genau das hatte Hugo erwartet. Er verlangte schließlich nicht, dass sie die Bank wechselten. Er verlangte, dass sie sichere Positionen aufgaben und mit einem Vierundzwanzigjährigen nach Monaco gingen, dessen Firma noch nicht einmal existierte.
Am Ende entschieden sich Arjun Mehta und Leila Farhadi dafür. Alexander Whitmore lehnte ab. Er glaubte durchaus, dass Hugo erfolgreich sein konnte. Aber ihm war das Risiko zu groß. Eine gute Position, ein hohes Einkommen und eine sichere Karriere gegen eine neu gegründete Firma in Monaco einzutauschen, ging ihm einen Schritt zu weit.
Hugo akzeptierte das. Zwei von drei waren mehr, als er vor wenigen Tagen gehabt hatte.
Auch Michael rief Hugo an. Bei ihm war das Angebot ein anderes. Michael war kein Analyst. Hugo brauchte ihn nicht für Research oder Aktienbewertungen. Er wollte jemanden bei sich haben, dem er vertraute und der ihm einen Teil der ganzen Organisation abnahm.
„Komm mit nach Monaco."
Michael lachte. „Und was soll ich da machen?"
„Mir helfen."
„Sehr genaue Stellenbeschreibung."
„Den Rest finden wir schon."
„Und dafür soll ich meine Arbeit aufgeben?"
„Ich zahle dir zehntausend im Monat."
Jetzt wurde Michael still. „Zehntausend?"
„Ja."
„Euro?"
„Euro."
„Jeden Monat?"
„Michael, was glaubst du denn, was im Monat bedeutet?"
Hugo grinste. „Claire geht voraus und organisiert alles. Wenn du mitkommst, sucht sie dir auch eine Wohnung. Du musst dich um den ganzen Scheiß nicht kümmern."
Aber Michael blieb skeptisch. „Und wenn das mit deiner Firma nicht funktioniert?"
„Dann funktioniert es nicht."
„Sehr beruhigend."
„Was soll ich dir denn erzählen? Dass ich dir eine Garantie für die nächsten zwanzig Jahre gebe?"
Genau darin unterschieden sie sich. Für Hugo war das Risiko inzwischen etwas, das ihn reizte. Michael sah darin vor allem die Möglichkeit, etwas Sicheres zu verlieren. Er hatte seinen Beruf im Versicherungswesen, sein geregeltes Einkommen und wusste, woran er war. Das alles sollte er aufgeben, nach Monaco ziehen und darauf vertrauen, dass Hugos Pläne funktionierten.
Michael lehnte ab.
Hugo versuchte noch, ihm zu erklären, was ihn selbst an Monaco so begeisterte. Die Freiheit, endlich ausschließlich für sich selbst zu arbeiten. Keine Bank mehr über sich. Und wenn Steinhöfel die Sache so strukturierte, wie er es erklärt hatte, endlich raus aus dieser verdammten Steuerfessel. Geld verdienen und nicht ständig das Gefühl haben, dass andere zuerst die Hand aufhielten. Für Hugo war das inzwischen beinahe berauschend.
Michael überzeugte es trotzdem nicht.
Nachdem sie aufgelegt hatten, ärgerte Hugo sich. Für einen Moment kam ihm sogar der Gedanke, Michael gönne ihm seinen Erfolg vielleicht nicht richtig. Kaum hatte er das gedacht, kam er sich bescheuert vor. *Das ist Michael.* Sie kannten sich seit der Schulzeit. Natürlich gönnte er ihm den Erfolg. Michael war einfach anders als er. Vorsichtiger. Misstrauischer. Wo Hugo inzwischen eine Chance sah, sah Michael zuerst das Risiko.
Und wenn Hugo ehrlich war, konnte er sogar verstehen, dass sein Freund nicht wegen eines Versprechens von zehntausend Euro im Monat sein bisheriges Leben hinschmeißen und nach Monaco ziehen wollte.
Hugo ließ es deshalb dabei.
Michael hatte Nein gesagt. Vorerst.
Claire hatte inzwischen mehrere Wohnungen besichtigt. Als Hugo sie anrief, sagte sie:
„Ich glaube, ich habe deine Wohnung gefunden."
„Gut."
„Willst du nicht wissen, wie sie aussieht?"
„Doch."
„Sie ist nicht riesig. Knapp zweiundsiebzig Quadratmeter. Wenn du reinkommst, ist links die offene Küche. Geradeaus ist der Essbereich, rechts davon das Wohnzimmer. Holzboden, große Fenster und dahinter eine überdachte Terrasse."
„Claire."
„Was?"
„Ist sie gut?"
„Ja."
„Dann ist schon gut."
„Du willst wirklich nicht mehr wissen?"
„Du hast sie gesehen. Ich nicht. Wenn du sagst, dass sie gut ist, nehme ich sie."
Claire schwieg einen Moment. „Du machst es dir ziemlich einfach."
„Dafür bist du doch schon in Monaco."
„Sehr charmant."
Hugo lachte. „Nimm sie."
Danach flog Hugo nach Venezuela, dem letzten Land dieser Reise.
Er buchte weiterhin Frauen, wenn er Sex wollte, und bezahlte sie. Mehr Bedeutung hatte es für ihn nicht. Dass ihm dieses ständige Wechseln nicht mehr besonders gefiel, wusste er längst. Darüber hatte er mit Hanna gesprochen, und Mariana hatte ihm gezeigt, dass ihm eine Frau, die mehrere Tage bei ihm blieb, inzwischen wesentlich lieber war. Hinzu kam, dass viele der Frauen, die ihm in Venezuela angeboten wurden, schon körperlich nicht seinem Geschmack entsprachen. Sie waren ihm häufig zu kurvig, zu stark auf Hüften und Gesäß gebaut. Bei einigen kam ein deutlich operierter Look hinzu. Auch große Brüste gefielen ihm nicht. Insgesamt war ihm dieser Typ Frau häufig einfach zu viel. Er buchte sie trotzdem, wenn er Sex wollte, aber er verlor zunehmend das Interesse daran, sich immer wieder eine andere auszusuchen.
Ein paar Tage später saß Hugo allein am Strand. Er hatte nichts vor. Zum ersten Mal seit langer Zeit störte ihn das nicht. Er sah aufs Meer und dachte darüber nach, wie lange er eigentlich noch weiterreisen wollte. Er konnte morgen in ein Flugzeug steigen und ins nächste Land fliegen. Danach ins nächste. Geld spielte keine Rolle, Zeit ebenfalls nicht. Er konnte diese Reise noch Monate fortsetzen.
Aber wozu?
Der Gedanke überraschte ihn. Vor einigen Monaten hätte er sofort gewusst, wohin er als Nächstes wollte. Inzwischen dachte er immer häufiger an Europa. An Monaco. Und an Claire. Während er durch die Welt reiste, bereitete sie dort sein neues Leben vor. Sie hatte eine Wohnung für ihn gefunden, kümmerte sich um die Büroräume und organisierte gemeinsam mit Steinhöfel und dessen Leuten die Gründung der Gesellschaft.
Eigentlich geschah gerade genau das, worauf Hugo so lange gewartet hatte. Seine eigene Firma entstand. Und er saß in Venezuela am Strand.
Hugo musste darüber lächeln. Vielleicht war es einfach Zeit. Er hatte die Bank nicht verlassen, um anschließend für immer durch die Welt zu reisen. Er hatte sie verlassen, weil er nicht länger für andere arbeiten wollte. Er wollte sein eigenes Geld verdienen, seine eigenen Entscheidungen treffen und etwas aufbauen, das ihm gehörte.
Seine Gedanken wanderten zu seinem Depot.
EM.TV.
Ausgerechnet EM.TV.
1,8 Millionen Euro hatte er investiert. Eine vollkommen verrückte Summe war daraus geworden. Wenn er jetzt alles verkaufte, würde er ungefähr 329 Millionen Euro realisieren. Dazu kamen rund 32 Millionen Euro, die er mit seinen anderen Geschäften am Neuen Markt bereits verdient hatte.
361 Millionen Euro.
Hugo sah wieder aufs Meer. Mit vierundzwanzig Jahren.
Er konnte EM.TV natürlich behalten. Vielleicht stieg die Aktie weiter. Vielleicht wurden aus 329 Millionen vierhundert Millionen. Vielleicht fünfhundert. Vielleicht noch mehr. Bis zu diesem Moment hatte Hugo fast immer so gedacht. Wenn etwas gut lief, ließ man es laufen.
Doch jetzt stellte er sich zum ersten Mal eine andere Frage.
Wofür?
Was konnte er mit fünfhundert Millionen tun, das er mit 361 Millionen nicht tun konnte?
Er konnte Monaco finanzieren. Er konnte Mitarbeiter einstellen und ihnen Gehälter zahlen, bei denen niemand darüber nachdenken musste, ob er für ein paar Tausend Euro mehr zu einer anderen Firma wechselte. Er konnte Büros bezahlen. Technik. Reisen. Anwälte. Berater. Er konnte investieren. Und vor allem konnte seine Firma jahrelang Verluste machen, ohne dass irgendeine Bank darüber entschied, ob sie noch existieren durfte. Niemand würde ihm sagen können, dass für eine Idee kein Budget vorhanden war. Niemand würde ihm vorschreiben können, welches Risiko er eingehen durfte. Niemand würde ihm sein eigenes Unternehmen wegnehmen können, nur weil ein Kredit fällig wurde.
Das war die Freiheit, die er gewollt hatte. Und plötzlich begriff Hugo, dass er sie längst hatte.
Er brauchte keine fünfhundert Millionen. Er brauchte auch keine Milliarde. Er hatte genug. Mehr als genug.
Warum also etwas aufs Spiel setzen, das sein gesamtes zukünftiges Leben finanzieren konnte, nur um eine noch größere Zahl auf einem Depotauszug zu sehen?
*Nicht gierig werden.*
Hugo blieb noch eine Weile am Strand sitzen. Der Gedanke verschwand nicht. Im Gegenteil. Je länger er darüber nachdachte, desto selbstverständlicher erschien ihm die Entscheidung.
Als er später in sein Hotel zurückkehrte, nahm er das Telefon und rief seinen Banker an.
„EM.TV."
„Was ist damit?"
„Verkaufen."
Kurze Stille. „Wie viel?"
„Alles."
„Die gesamte Position?"
„Ja."
„Hugo, weißt du, über welche Summe wir sprechen?"
„Deshalb rufe ich an."
Wieder wurde es still. „Alles?"
„Alles."
Als das Gespräch beendet war, legte Hugo den Hörer neben sich.
Jetzt war es entschieden. Kein Buchgewinn mehr. Kein Hoffen darauf, dass morgen noch eine größere Zahl auf dem Papier stand. Rund 329 Millionen Euro aus EM.TV. Zusammen mit dem Geld, das er bereits verdient hatte, ungefähr 361 Millionen.
Real.
Hugo nahm das Telefon noch einmal in die Hand. Diesmal rief er Claire an.
Claire ging nach dem zweiten Klingeln ans Telefon. „Hugo?"
„Ich habe gerade EM.TV verkauft."
„Was heißt verkauft?"
„Alles."
„Die ganze Position?"
„Ja. Rund 329 Millionen. Mit dem anderen Geld habe ich jetzt ungefähr 361 Millionen."
Am anderen Ende war es still. „Claire?"
„Das ist völlig verrückt."
Hugo musste lächeln.
„Du bist vierundzwanzig und hast 361 Millionen Euro."
„Ja."
„Und mehr fällt dir dazu nicht ein?"
„Doch."
„Was?"
„Es reicht."
„Es reicht?"
„Für das, was wir vorhaben."
Claire schwieg wieder. „Wir?"
„Ja. Wir."
„Hugo, das ist dein Geld."
„Ich weiß. Aber wir bauen damit etwas auf."
Diesmal hörte er sie lachen. „Du bist vollkommen verrückt."
„Dann können wir ja anfangen."
„Das konnten wir vorher auch."
„Jetzt können wir es richtig."
Nachdem sie aufgelegt hatten, rief Hugo Mehta und Farhadi an. Beiden sagte er nur, dass sie loslegen konnten. Alles andere war längst besprochen.
Danach rief er Whitmore an.
„Seit unserem letzten Gespräch hat sich etwas geändert."
„Was?"
„Ich habe EM.TV verkauft. Mit dem restlichen Vermögen sind es jetzt ungefähr 361 Millionen Euro."
Stille. „Dreihunderteinundsechzig Millionen?"
„Ja."
„Das verändert die Sache."
„Deshalb rufe ich an."
Whitmore schwieg kurz. „Gut. Ich bin dabei. Aber erst nach meiner Kündigungsfrist."
„Damit kann ich leben."
„Ein paar Monate."
„Wir warten auf dich."
Damit war auch Whitmore dabei.
Hugo buchte seinen Rückflug nach Europa und rief Claire noch einmal an.
„Ich komme."
„Wann?"
„Übermorgen."
Kurze Stille. „Endlich."
„Freust du dich?"
„Frag mich noch mal, wenn du da bist."
Hugo lachte. „Bis übermorgen, Claire."
„Bis übermorgen, Hugo."
Er legte auf.
Die Reise war vorbei.
Jetzt konnte es anfangen.
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