Kapitel 8 -- Die neue Liga

Es war Oktober 1995. Hugo hatte Frankfurt am vergangenen Nachmittag verlassen. Auf der Fahrt nach Paris waren herbstlich gefärbte Wälder, abgeerntete Felder und Bäume an ihm vorbeigezogen, von denen der Wind bereits die ersten Blätter riss. Mit jedem Kilometer hatte sich das Gefühl verstärkt, nicht nur eine Stadt, sondern sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen.

Die Nacht hatte er in Paris verbracht. Am nächsten Morgen setzte er seine Reise vom Gare du Nord mit dem Eurostar fort. Als er knapp drei Stunden später in Waterloo International ausstieg, fiel Tageslicht durch das gewölbte Glasdach der Bahnhofshalle.

Das Taxi roch nach altem Leder und Zitronen-Lufterfrischer. Der Fahrer sprach einen Akzent, bei dem Hugo nur jedes zweite Wort verstand. Viele der Straßen wirkten enger als in Frankfurt. Die Stadt schien sich nicht ausgebreitet, sondern verdichtet zu haben, als hätte man Gebäude und Straßen immer enger zusammengerückt.

Vor dem Belvedere Court blieb das Taxi stehen. Ein mehrstöckiger Backsteinbau mit abgerundeter Ecke, weißen Fensterrahmen und zurückgesetztem Eingang. Protzig war das Gebäude nicht, aber solide. Hugo mochte das. Er mochte Dinge, die nicht mehr versprachen, als sie hielten.

Die Wohnung roch nach Holzpolitur und Abwesenheit. Hugo stellte seinen Koffer im Eingangsbereich ab und sah sich zunächst nur um. Von hier aus gelangte man sowohl direkt in den großen Wohnraum als auch in das rechts gelegene Arbeitszimmer. Der Wohnraum öffnete sich weit zur gerundeten Fensterfront. An der linken Wand befand sich ein Kamin, davor ein Esstisch. In der Rundung standen sich zwei lange Sofas gegenüber, beide groß genug, um bequem darauf zu schlafen. Zwischen ihnen stand ein niedriger Wohnzimmertisch, an den äußeren Enden der Sofas jeweils ein Beistelltisch mit einer klassischen Lampe. Der Fernseher stand neben der breiten Schiebetür zum Arbeitszimmer, nahe der Außenwand.

Auf den ersten Blick wirkte der Raum großzügig. Beim zweiten fiel Hugo auf, wie wenig man darin eigentlich verändern konnte. Die Rundung der Fenster bestimmte fast die gesamte Einrichtung. Alles schien seinen Platz bereits gefunden zu haben, bevor er überhaupt angekommen war.

Vom Eingangsbereich führte außerdem ein schmalerer Flur in den hinteren Teil der Wohnung. Dort begann die Aufteilung, die Hugo zunehmend irritierte. Auf der einen Seite lagen Küche und, weiter hinten, getrennt voneinander die Toilette mit kleinem Waschbecken und das Bad mit Waschbecken und Badewanne. Gegenüber befanden sich sein Schlafzimmer und das Gästezimmer, beide kaum größer als dreizehn Quadratmeter. Am Ende des Flurs gab es noch einen winzigen Abstellraum, gerade groß genug für einige Koffer, ein paar Kunststoffkisten und einen Staubsauger.

Hugo blieb einen Moment im Flur stehen. Der große Wohnraum nahm einen beträchtlichen Teil der Wohnung ein, während sich hinten Schlafzimmer, Bad und Toilette auf engem Raum zusammendrängten. Für ihn ergab das keinen Sinn. Die Wohnung war größer als seine in Frankfurt und zweifellos teurer, aber ihre Aufteilung gefiel ihm überhaupt nicht. Sie wirkte, als hätte jemand zuerst einen beeindruckenden Wohnraum entworfen und anschließend versucht, alles andere irgendwie in den verbleibenden Platz zu pressen.

 

 

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Willkommen in London. Wenn etwas nicht funktioniert, rufen Sie mich an, nicht den Hausmeister. -- Claire.

Die Handschrift war ordentlich. Fast zu ordentlich. Sie verriet nichts über die Person, die ihn geschrieben hatte. Keine Ungeduld, keine Freundlichkeit, nur Effizienz. Er legte den Zettel zurück und öffnete das Fenster. Draußen war es kalt und laut, und der Oktoberwind trieb einzelne gelbe und braune Blätter über die Straße. Verkehr. Ein Flugzeug. Irgendwo Musik. Die Kälte schlug ihm entgegen, und er merkte, dass er seit Stunden nicht mehr richtig durchgeatmet hatte. Er stand eine Weile da, die Hände auf dem Fensterrahmen, und versuchte, sich vorzustellen, dass dies jetzt sein Zuhause war. Aber das Wort passte nicht. Es war ein Quartier. Eine Operationsbasis. Nicht mehr.

Er dachte an seinen Vater, der nicht einmal richtig Abschied genommen hatte, nur eine Hand auf seine Schulter gelegt und etwas von „Vorsicht" gemurmelt hatte. Als hätte er befürchtet, dass der Junge etwas tun würde, das er nicht billigen konnte, aber nicht wusste, was. Hugo hatte genickt und war gegangen, ohne sich umzudrehen. Jetzt, in der fremden Wohnung, fragte er sich zum ersten Mal, ob das eine Tapferkeit oder eine Lüge gewesen war. In seinem Bauch zog sich etwas zusammen, schwerer als in Frankfurt, ein Knoten aus Erwartung, der sich erst lösen würde, wenn er bewies, warum Edward Middleton ihn hierhergeholt hatte.

Edward ließ Hugo am nächsten Tag in sein Büro kommen. Das Gebäude lag in der City, ein schwarzes Hochhaus mit so viel Glas, dass es wirkte, als würde es den Himmel verschlucken. Die Lobby war hell, kühl und beinahe spartanisch eingerichtet. Glasfronten bestimmten den Raum, dazwischen standen nur einige Sessel, und ein dicker Teppich dämpfte das Klicken der Absätze, ohne es ganz zu verschlucken.

Die trockene Wärme der Heizung lag auf Hugos Haut. Überall Glas, überall freie Sicht. Nichts schien wirklich verborgen zu sein. Als er durch die Eingangshalle ging, kam er sich vor wie in einem Aquarium: beobachtbar von allen Seiten und zugleich der Einzige, der noch nicht wusste, wie diese Welt funktionierte.

Er zog die Schultern zurück und hob das Kinn. Diese Haltung hatte er sich in den vergangenen Monaten angewöhnt, immer dann, wenn er verhindern wollte, dass jemand seine Unsicherheit bemerkte.

Edwards Büro lag in einem der oberen Stockwerke, hinter einer schweren Tür. Es war später Nachmittag, und das graue Londoner Licht fiel bleiern durch die hohen Fenster. Auf dem Schreibtisch standen weder Familienfotos noch persönliche Erinnerungsstücke. Nur Akten, ein silberner Füller und der Geruch nach Tabak.

Hugo brauchte nur wenige Sekunden, um zu verstehen, dass dies kein Büro war, in dem man sich einfach niederließ und arbeitete. Von hier aus wurde entschieden, angeordnet und bewegt. Es war Edwards Schaltzentrum, und alles in diesem Raum machte deutlich, wem es gehörte.

An einer Seitenwand hing ein Bild. Hugo hatte es beim Eintreten registriert. Jetzt, während Edward hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, betrachtete er es genauer. Eine großformatige Fotografie, überwiegend in Graustufen. Provokant. Geld und Sexualität zu einem Motiv verbunden. Nur zwei Farben durchbrachen das Grau: das Rosa der Vagina und das typische Grün amerikanischer Dollarscheine. Ein Bündel Hundert-Dollar-Scheine war so arrangiert, dass ein Teil in der Vagina verschwand, während der Rest herausragte.

Hugo spürte, wie sich seine Gedärme leicht zusammenzogen. Es war keine Erregung. Eher irritierte ihn die kalte Selbstverständlichkeit, mit der hier Sexualität und Geld zu einem einzigen Symbol verschmolzen. Das Bild selbst störte ihn nicht. Es war die Tatsache, dass Edward es in seinem Büro hängen hatte, als wäre es eine Landkarte oder ein Zertifikat. Als wäre darin etwas zusammengefasst, das für ihn keiner weiteren Erklärung bedurfte.

 „Gefällt es dir?", fragte Edward.

„Ich weiß es nicht."

„Falsche Antwort."

Edward stand auf. Seine Bewegungen waren ökonomisch, fast langsam. Er ging zu dem Bild.

„Es heißt ›Die bedauernswerte Realität‹."

„Warum?"

„Weil es das ist, worauf am Ende alles hinausläuft. Geld und Fotzen. Der Rest ist Verpackung.“

Hugo sah ihn an. „Das ist ein bisschen einfach."

„Natürlich ist es einfach. Die Wahrheit ist meistens einfach. Die Leute machen sie nur kompliziert, weil sie sich dann intelligenter vorkommen."

Hugo blickte wieder zu dem Bild. In Frankfurt hatte ihn diese Sprache noch körperlich abgestoßen. Ein Eisgefühl in den Venen. Jetzt, in diesem stickigen Büro, klang sie bereits weniger fremd. Das erschreckte ihn mehr als das Bild selbst. Er fragte sich, ob das bedeutete, dass er härter wurde, oder ob er nur müde war, Widerstand zu leisten. Die Grenze zwischen beiden schien verschwommen.

„Und was ist daran bedauernswert?"

Edward lächelte. Nicht breit. Ein Anflug von Zufriedenheit, als hätte Hugo einen Test bestanden.

„Jetzt hast du die richtige Frage gestellt." Er deutete auf das Bild. „Die Tragödie kommt später. Irgendwann verliebst du dich in eine Muschi und redest dir ein, diese eine sei anders. Dass sie deine sei." Pause. „Dann stellst du fest, dass sie die Hälfte deines Geldes frisst. Dass sie nicht anders ist. Dass sie nur besser gespielt hat."

Hugo schwieg. Ein kleiner, hässlicher Teil von ihm wusste, dass da etwas Wahres dran war. Er dachte an die Mädchen in seiner Schule, an die Blicke, die er nie richtig deuten konnte, an das Gefühl, immer einer Logik zu folgen, die die anderen kannten und er nicht. Vielleicht war das hier die gleiche Logik, nur teurer.

„Dann bist du entsetzt", fuhr Edward fort, leiser. „Du wusstest es vorher. Aber du dachtest, für dich würden andere Regeln gelten."

„Und Moral?", fragte Hugo. Seine Stimme klang rauer als beabsichtigt. Er hätte das Wort nicht sagen sollen. Es klang nach seinem Vater, nach der Küche in Hamburg, nach dem Geruch von Bratkartoffeln und Erwartung.

Edward lachte kurz und trocken. „Komm mir nicht mit Moral. Kauf dir ein Buch über die Borgia. Moral ist das Lügengebäude, das die Leute sich bauen, damit sie nachts schlafen können. In diesem Büro sprechen wir Klartext. Ich will Geld verdienen. Sehr viel Geld. Wenn du dir bei einer Bewertung unsicher bist, sagst du es. Wenn du einen Fehler gemacht hast, sagst du es auch. Und wenn du was über Muschis wissen willst, fragst du. Kein Theater.“

Hugo sagte nichts. Er spürte, wie etwas in ihm kippte. Seine Überzeugungen waren ohnehin brüchig geworden seit Frankfurt, aber jetzt merkte er, dass es nicht mehr darum ging, was er glaubte. Es ging darum, wie er sich verhielt. Er stand da und merkte, dass er nicht widersprechen wollte. Er wollte gefragt werden. Er wollte dazugehören zu denen, die solche Sätze sagen durften, ohne dass jemand den Kopf schüttelte.

„Du kannst mich für ein Arschloch halten. Damit kann ich leben. Gefährlich sind die Leute, die dir mit Moral und Anstand kommen. Die lächeln dich an, während sie dir das Messer von hinten zwischen die Rippen schieben. Bei mir weißt du wenigstens, dass ich von vorne komme.“

Er musterte Hugo. Zu lang. Als hätte er nicht nur die Kleidung, sondern das analysiert, was darunter lag. Die Unsicherheit.

Dann wechselte er das Thema so abrupt, dass Hugo zunächst glaubte, sich verhört zu haben.

„Wie oft wichst du?"

Hugo starrte ihn an. „Was?"

„Wie oft?“, schob Edward grob nach. Kein Lächeln. Keine Entschuldigung. „Ich habe dich nicht gefragt, ob du auf Pussys stehst. Ob du schwul bist, interessiert mich überhaupt nicht. Ich will wissen, ob du deinen Trieb unter Kontrolle hast. Oder ob er dich kontrolliert.“

Hugo schwieg. Es war ihm peinlich. Nicht einmal die Frage selbst war das Schlimmste, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der Edward sie stellte. Hugo kam sich vor wie ein Tier auf dem Präsentiertisch, begutachtet und auf seine Schwächen geprüft. Gleichzeitig spürte er etwas, das ihn beinahe noch mehr verstörte: Erleichterung. Edward sprach einfach aus, worüber andere höchstens hinter vorgehaltener Hand redeten. Keine Umschreibungen, keine Verlegenheit und kein Versuch, so zu tun, als gäbe es diese Dinge nicht.

„Du denkst immer noch, ich rede über Sex“, sagte Edward. „Ich rede über Konzentration. Hier geht es um richtige Summen. Wenn du eine Entscheidung triffst, will ich deinen klaren Kopf am Tisch haben. Nicht den eines zwanzigjährigen Trottels, der seit Stunden irgendeiner Frau hinterherhechelt. Hormone machen blind, Hugo. Und Blindheit kostet hier Geld. Mein Geld.“

„Und deine Lösung ist wichsen?“ Hugos Stimme klang schriller als beabsichtigt. Er wollte sich nicht lächerlich machen, aber das Wort kam ihm ungewohnt über die Lippen, als gehörte es nicht zu seiner eigenen Sprache. Er ärgerte sich sofort darüber, wie unsicher er dabei geklungen hatte.

Edward grinste. Zum ersten Mal sah etwas Menschliches durch die Maske. „Meine Lösung ist: Kümmere dich um deinen Scheiß, bevor du durch diese Tür kommst. Egal wie. Hauptsache, wenn du hier sitzt, bist du hier. Nicht mit dem Kopf bei irgendeiner Fotze.“

Hugo musste unwillkürlich lachen. Es entwich ihm fast wie ein Husten. Und mit diesem kurzen Lachen löste sich etwas in ihm: die Anspannung, der letzte Rest Distanz, den er seit dem Betreten des Büros aufrechterhalten hatte. Er wusste nicht einmal genau, worüber er eigentlich lachte, aber es tat gut. Es fühlte sich an, als hätte er gerade ein seltsames Eintrittsritual bestanden, ohne vorher gewusst zu haben, dass es überhaupt eines gab.

 „Das meinst du ernst?"

„Vollkommen.“ Edward zeigte auf das Bild. „Anspannung ist wichtig. Gier ist wichtig. Gier ist Treibstoff. Aber wenn dein sexueller Trieb lauter wird als dein Verstand, hast du ein Problem. Dann kontrollierst nicht mehr du ihn, sondern er dich. Und in dem Moment bist du das Opfer. Opfer verdienen kein Geld.“

Er beugte sich vor. Sein Gesicht war jetzt nur noch einen halben Meter entfernt. Hugo roch sein Aftershave. Teuer, holzig, aggressiv.

„Ich will Geld machen, Hugo. Dafür brauche ich jemanden, der den Konflikt aushält. Zwischen dem, was er haben will, und dem, was er tun muss.“

Hugo blickte noch einmal auf das Bild. Es erschien ihm hässlich, aber nicht völlig falsch. Er fragte sich, ob Edward tatsächlich etwas verstanden hatte, das ihm selbst bisher entgangen war. Ob vieles von dem, woran er geglaubt hatte, nur eine angenehmere Erklärung für eine Welt gewesen war, die in Wahrheit nach anderen Regeln funktionierte. Die Vorstellung, dass harte Arbeit und Anstand irgendwann belohnt würden, erschien ihm plötzlich weniger wie eine Gewissheit als wie etwas, das man ihm beigebracht hatte, damit die Welt überschaubar blieb.

Als er das Büro verließ, fühlte Hugo sich unwohl. Ein Teil des Gesprächs hatte ihn abgestoßen, ein anderer beschäftigte ihn stärker, als ihm lieb war. Gleichzeitig war da Stolz. Edward hatte ihn ernst genommen, ihn geprüft und nicht wieder weggeschickt. Hugo fühlte sich zum ersten Mal wirklich als Teil dieser neuen Welt. Genau das machte ihm beinahe ebenso viel Angst, wie es ihn reizte.

Draußen wartete Claire auf ihn. Sie saß auf einem Sofa im Vorzimmer und erhob sich, als Hugo aus Edwards Büro kam. Kurzes dunkelblondes Haar, eine dezente Perlenkette, ein altrosa Blazer über einer grauen Bluse. Als sie ihn ansah, musterte sie ihn ruhig und sachlich, ohne erkennbare Neugier. Sie war etwas fülliger und, schätzte Hugo, vielleicht acht Jahre älter als er. Unattraktiv war sie nicht, aber sie löste nichts in ihm aus. Unter der Bluse zeichnete sich ein weicher, rundlicher Bauch ab. Hugo registrierte ihn, wie er inzwischen vieles an Frauen registrierte, und dachte im nächsten Moment schon nicht mehr daran.

„Herr Voss. Ich bin Claire Hartmann. Edward hat mich Ihnen als persönliche Assistentin zugeteilt. Ich soll Ihnen den Einstieg erleichtern, Ihnen alles zeigen und mich künftig um alles kümmern, was Sie brauchen, damit Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren können."

„Ich brauche einen Englischlehrer", sagte Hugo. „Jeden Werktag. Sechs Uhr dreißig bis acht Uhr dreißig. Morgens."

Claire blinzelte. „Jeden Tag? Zwei Stunden?"

„Zehn Stunden pro Woche. Ja."

„Die meisten fragen nach zwei, drei Stunden."

„Ich bin nicht die meisten."

Sie verzog den Mund zu einer Bewertung. „Und sonst?"

„Jemanden, der die Wohnung sauber hält, die Wäsche macht und einkauft. Montag bis Freitag. Tagsüber. Wenn ich abends zurückkomme, soll alles erledigt sein."

„Eine Haushälterin."

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich nenne es funktional."

„Funktional", wiederholte sie. „Noch etwas?"

„Ich brauche einen Schneider."

Claires Stift blieb in der Luft hängen. „Sie sind erst gestern angekommen."

„Und ich sehe aus wie jemand, der erst gestern angekommen ist. Das ändert sich aber."

Sie legte den Stift hin. „Edward hat gesagt, Sie wären sehr jung. Er hat nicht gesagt, dass Sie so... sicher."

„Ich bin nicht sicher. Ich bin nur schneller als andere, wenn es darum geht, Probleme zu lösen, statt über sie zu diskutieren."

Claire nickte langsam. „Dann werde ich den Lehrer besorgen. Einen älteren Briten, nehme ich an? Korrekt, streng?"

„Jemanden, der mich nicht mit Schulenglisch langweilt."

„Verstanden."

Sie stand auf. Hugo bemerkte, dass sie sich etwas schwerfälliger bewegte, als er erwartet hatte, dabei aber nichts Unsicheres an sich hatte. Jede ihrer Bewegungen wirkte ruhig und kontrolliert. Sie wahrte eine professionelle Distanz, die Hugo gefiel. Genau das brauchte er: jemanden, der sich um die Dinge kümmerte, die ihn von seiner Arbeit abhielten, ohne sich dabei in sein Leben einzumischen.

„Noch etwas“, sagte Hugo. „Sagen Sie dem Lehrer: Ich will keine Grammatikstunden. Ich will schneller werden. Ich will verstehen, was die Leute hier sagen, wenn sie drei Sätze in einer Sekunde raushauen. Und ich will selbst so sprechen, dass sie mich nicht für einen deutschen Schuljungen halten.“

In ihren Augen lag etwas, das Hugo als eine Form von Respekt deutete.

„Ich werde es ihm ausrichten."

Claire führte ihn durch den Flur zu seinem Arbeitsplatz. Hugos Schreibtisch stand in einem Büro im zwölften Stock, mit Blick hinunter auf die Great Winchester Street. Von hier oben wirkte der Verkehr klein und geordnet, fast lautlos hinter der Glasfront.

Claires eigener Schreibtisch befand sich direkt davor, allerdings nicht am Fenster, sondern weiter hinten in einem großen offenen Büro, deutlich entfernt von der Fensterfront. Hugo bemerkte den Unterschied sofort. Sein Platz lag näher am Licht, ihrer mitten im Raum.

Es war das erste Mal, dass er einem anderen Menschen Teile seines neuen Lebens überließ. In Frankfurt hatte er fast alles selbst kontrolliert; hier musste er lernen, dass Kontrolle auch bedeuten konnte, die richtigen Menschen auszuwählen und ihnen anschließend nicht bei jedem Handgriff über die Schulter zu sehen. Der Gedanke behagte ihm nicht. Gerade deshalb wusste er, dass er sich daran gewöhnen musste.

Mr. Pembroke erschien am nächsten Morgen um halb sieben. Sechsundfünfzig, Tweed-Anzug, Pfeifentabak, Menthol. Er setzte sich an den Küchentisch, öffnete eine Mappe und sagte: „Guten Morgen, Herr Voss. Ihre Assistentin hat mitgeteilt, dass Sie kein Schulenglisch wünschen. Dann fangen wir an."

Hugo las einen Text aus der Financial Times vor. Pembroke unterbrach ihn alle drei Wörter. „Nein. Nicht con-TRO-versy. CON-troversy. Der Akzent liegt auf der ersten Silbe. Noch einmal."

Zwei Stunden lang. Keine Pause. Als Pembroke ging, schmerzte Hugos Kiefer von der ungewohnten Artikulation. Aber er merkte, dass er schneller geworden war. Die Worte fühlten sich weniger wie Watte in seinem Mund an, mehr wie Werkzeuge, die er endlich richtig greifen konnte.

Parallel zum Englischunterricht organisierte Claire einen Etikette-Coach. Ein älterer Herr, ehemaliger Militär, der Hugo beibrachte, wie man sich in der britischen Oberschicht bewegte, sprach und verhielt. Ein Teil dieser Lektionen fand in Hugos Wohnzimmer statt, doch dabei blieb es nicht. Der Mann nahm ihn mit in Bars, Restaurants, Herrenclubs und zu gesellschaftlichen Veranstaltungen und ließ ihn dort praktisch erproben, was er ihm zuvor erklärt hatte.

Es ging weniger um klassische Benimmregeln als um eine über Generationen gewachsene Form der Höflichkeit. Um Gesten, Zurückhaltung, die richtige Art, ein Gespräch zu beginnen oder zu beenden, und um Regeln, die nirgendwo niedergeschrieben waren, deren Einhaltung aber selbstverständlich erwartet wurde. Hugo lernte, dass es nicht genügte, einen guten Anzug zu tragen und zu wissen, welches Besteck man benutzte. Wer dazugehören wollte, musste sich bewegen, sprechen und reagieren können, ohne erkennen zu lassen, dass er all das erst hatte lernen müssen.

Anfangs kam Hugo manches davon lächerlich vor. Während er tagsüber mit Bewertungen, Kursen und Summen arbeitete, die ihm noch vor wenigen Jahren unvorstellbar erschienen wären, ließ er sich abends erklären, wie lange man Blickkontakt hielt, wann man ein Gespräch beendete und welche kleinen Fehler sofort verrieten, dass jemand nicht aus dieser Welt kam. Trotzdem nahm er die Lektionen ernst. Schon nach kurzer Zeit bemerkte er im The Corinthian und im Umfeld Edwards, dass diese Regeln tatsächlich eine Rolle spielten. Niemand sprach darüber, aber jeder schien sie zu kennen. Hugo wollte nicht derjenige sein, bei dem man sofort bemerkte, dass er sie erst lernen musste.

In den ersten Tagen in London beobachtete Hugo den Verkehr genau. Die Staus, die Parkplatzsuche, die Zeit, die man täglich im Auto verlor. Nach ein paar Tagen hatte er für sich ausgerechnet, dass die Underground schneller war. Also fuhr er damit, obwohl er sie nicht mochte.

Die Menschen an sich störten ihn nicht. Es war die Dichte, das ständige Reagieren. Morgens ging Hugo die knapp zehn Minuten zur Station East Finchley und nahm die Northern Line Richtung City. In der Rush Hour stand er zwischen fremden Körpern, Gerüchen und Ansagen, die er noch immer nicht immer sofort verstand. Sein Puls stieg, nicht aus Angst, sondern weil zu viele Eindrücke gleichzeitig auf ihn einwirkten. Er gewöhnte sich an die Folge der Stationen: Archway, Kentish Town, Camden Town, Euston, King’s Cross, Angel, Old Street. In Moorgate stieg er aus, von dort waren es nur noch wenige Minuten zu Fuß bis zur Great Winchester Street.

Die ersten zwei Wochen im Büro verliefen anders als in Frankfurt.

Hugo arbeitete eine Etage über dem Trading Floor. Die Händler dort unten waren lauter, schneller und internationaler. Auf den Monitoren liefen ununterbrochen Kurse und Zahlen, gesprochen wurde über Summen, die weit über das hinausgingen, was er aus Frankfurt kannte.

Hugo war Analyst. Er las Geschäftsberichte, Quartalszahlen und Bilanzen, schrieb Empfehlungen und gab seine Analysen weiter. Trotzdem zog es ihn immer öfter eine Etage nach unten. Er stellte sich an den Rand des Trading Floors und beobachtete, wie dort in Sekunden Entscheidungen getroffen wurden.

Es faszinierte ihn und schreckte ihn zugleich ab. So schnell konnte und wollte er nicht arbeiten. Seine Stärke lag darin, sich Zeit zu nehmen, Zahlen noch einmal zu prüfen und einen Gedanken ein zweites Mal durchzugehen.

Nach etwa zwei Wochen wurde Edward ungeduldig.

Er trat an Hugos Schreibtisch. „Wo sind die Analysen?"

„Ich habe noch keine fertig."

„Warum nicht?"

„Weil ich mir erst einen Überblick verschaffen will. Die Märkte hier sind anders. Wenn ich jetzt etwas liefere, ist es halbgar."

Edward starrte ihn an. Kalt. Ohne den leisesten Funken Verständnis. „Du bist nicht hier, um dir einen Überblick zu verschaffen. Du bist hier, um Geld zu verdienen. Wenn ich einen Überblick will, kaufe ich mir einen Reiseführer."

Er ging. Hugo blieb in seinem Büro zurück. Draußen im Großraumbüro begannen einige Assistentinnen und Praktikanten zu tuscheln. Der junge Deutsche. Edward hat ihn persönlich geholt, und er liefert nichts.

In Frankfurt hatte Hugo sich einen Namen gemacht. Hier war er ein Niemand. Die Worte trafen ihn härter, als er zugeben wollte, gerade weil er ihnen nichts entgegensetzen konnte. Edward hatte ihn persönlich geholt, und bisher hatte er tatsächlich nichts geliefert.

Hugo arbeitete in diesen Wochen fast nur noch. Er stand früh auf, las noch vor Pembrokes Unterricht die ersten Kursberichte und blieb abends oft bis spät im Büro. Danuta, die Haushälterin, die Claire für ihn gefunden hatte, stellte ihm Essen in den Kühlschrank. Manchmal merkte er erst kurz vor Mitternacht, dass er den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte.

Mit der Zeit bekam er auch mit, wie einige der anderen den Druck aushielten. Nach einem erfolgreichen Trade stand einer der Händler neben ihm, ein schweigsamer Waliser mit roten Augenrändern, und hielt ihm ein kleines silbernes Röhrchen hin.

„Hilft beim Durchhalten. Willst du?“

Hugo sah erst das Röhrchen an, dann den Mann.

„Nein.“

Mehr sagte er nicht. Ihn störte weniger, dass der andere etwas nahm, als die Vorstellung, selbst etwas zu brauchen, um weiterarbeiten zu können. Müdigkeit konnte er ertragen. Abhängigkeit nicht.

Die erste Analyse war gut. Ein kalifornischer Techkonzern, den der Markt als langweilig abgetan hatte, überzeugte Hugo. Er legte seine Einschätzung Middleton und den anderen vor, und die Händler stiegen ein. Innerhalb von sechzig Tagen stieg der Kurs um vierundzwanzig Prozent. Die Bank verdiente zwölf Millionen Mark.

Für einen Moment wartete Hugo auf eine Reaktion. Ein Satz von Edward hätte ihm schon gereicht, vielleicht sogar nur ein anerkennender Blick. Zwölf Millionen Mark waren für ihn noch immer eine kaum fassbare Summe. Für die Männer um ihn herum war es offenbar nur der Beweis, dass er seine Arbeit gemacht hatte.

Edward sagte nichts.

Die zweite Analyse war eine Katastrophe.

Wieder ging es um ein kalifornisches Software-Unternehmen. Die Zahlen sahen solide aus, und Hugo empfahl den Einstieg. Was er übersehen hatte, war eine Meldung in einem elektronischen Branchendienst: Das Unternehmen hatte einen seiner wichtigsten Kunden verloren.

Die Händler bauten eine Long-Position auf. Wenige Tage später bestätigte das Unternehmen den Verlust eines wichtigen Vertriebspartners. Der Kurs fiel innerhalb eines Tages um neun Prozent.

Edward ließ Hugo in den Handelssaal kommen. Vor allen anderen.

„Das hier“, sagte er und deutete auf den Bildschirm mit den roten Zahlen, „ist dein Scheiß, Voss. Neun Prozent an einem Tag. Nicht weil der Markt irrational ist. Weil du deine Arbeit nicht gemacht hast.“

Er ballte die rechte Hand zur Faust und schlug mit den Papieren in der linken auf den Tisch.

Hugo spürte, wie ihm das Gesicht heiß wurde. „Ich habe die Meldung nicht gesehen.“

„Dann mach gefälligst die Augen auf. Ich habe dich geholt, weil ich dachte, du kannst hinter die Zahlen schauen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass du so dämlich bist und nicht einmal registrierst, was direkt vor deiner Nase steht.“

Dann warf er die Papiere vor Hugos Füße, drehte sich um und ging.

Die Händler sahen Hugo an. Niemand lachte. Gerade das machte es schlimmer. Er spürte ihre Blicke, während er sich bückte und die Papiere aufhob.

Er ging zurück an seinen Schreibtisch. Seine Hände zitterten noch immer. Angst war es nicht. Er war wütend auf sich selbst.

Er öffnete den Branchendienst und suchte die Meldung heraus, die er übersehen hatte. Die Information hatte direkt vor ihm gelegen, und er hatte sie nicht gesehen.

Sein Magen zog sich zusammen. Dieses Gefühl kannte er. Nicht gut genug gewesen zu sein. Früher hatte sein Vater es in ihm ausgelöst. Jetzt war es Edward. Und diesmal konnte Hugo sich nicht einmal einreden, ungerecht behandelt worden zu sein. Edward hatte recht.

Er stand auf, ging zur Toilette, schloss sich ein und wartete, bis das Zittern nachließ.

Er dachte an seinen Vater, an Lehrer, die ihm wenig zugetraut hatten, und an all die Situationen, in denen er sich vorgenommen hatte, irgendwann zu beweisen, dass sie sich geirrt hatten.

Die dritte Analyse war hervorragend. Diesmal ging es um ein Softwareunternehmen aus Delaware. Hugo fand Hinweise darauf, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein größerer Deal mit International Business Machines, kurz IBM, bevorstand.

Die Händler bauten eine Position auf. Innerhalb einer Woche stieg der Kurs um achtzehn Prozent.

Die vierte funktionierte ebenfalls – sogar besser als erwartet.

Edward klopfte ihm auf die Schulter. Eine kleine Geste, fast beiläufig. Trotzdem bemerkte Hugo, wie sich etwas veränderte. Die Händler nickten ihm zu. Einer von ihnen sagte: „Das war sauber.“

Hugo spürte einen kurzen Anflug von Stolz. Vor allem aber war da das Gefühl, endlich ernst genommen zu werden. Das Nicken der Händler, Edwards Hand auf seiner Schulter – es genügte ihm nicht. Er wollte mehr. Er wollte, dass seine Analysen Gewicht bekamen, dass man auf ihn hörte und sich auf sein Urteil verließ.

Trotzdem lächelte er nicht. Denn gleichzeitig verstand er etwas anderes: Edwards Anerkennung galt nicht ihm, sondern seiner Leistung. Solange Hugo lieferte, würde sie da sein. Sobald er Fehler machte, war sie verschwunden.

Eigentlich gefiel ihm das. Es war klar und berechenbar. Niemand musste ihn mögen. Er musste nur gut genug sein.

Kurz nach dem Jahreswechsel 1995/96 saß Hugo an einem der langen Winterabende vor dem Kamin und dachte darüber nach, wie groß sein Vermögen inzwischen geworden war. Auf dem Laptop vor ihm stand die Zahl: umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro.

Er starrte eine Weile auf die Summe. Sie wirkte merkwürdig abstrakt. Er dachte daran, was sein Vater in zwanzig Jahren verdient hatte und wie sorgfältig seine Mutter ihr Geld auf Sparbüchern zurückgelegt hatte. Und nun stand dort eine Zahl, die größer war als alles, was er sich wenige Jahre zuvor hätte vorstellen können.

Zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, ob er irgendwann zu hoch pokern würde. Ob ein einziger Fehler reichen konnte, um einen großen Teil davon wieder zu verlieren. Der Gedanke machte ihm Angst. Trotzdem war der Wunsch, noch reicher zu werden, stärker als seine Bedenken.

Als er den Laptop zuklappte, war die Wohnung nahezu still. Nur das Knistern des Feuers im Kamin war zu hören. Niemand war da, der ihm bestätigte, dass er inzwischen Millionär war. Sein Leben hatte mit der Geschwindigkeit seines Vermögens nicht Schritt gehalten. Er besaß mehr, als er sich wenige Jahre zuvor hätte vorstellen können, und saß dennoch allein da.

Zum ersten Mal ahnte Hugo, dass Geld auch Distanz schaffen konnte, lange bevor es einem das Gefühl gab, irgendwo angekommen zu sein. Sein Londoner Gehalt reichte für ein gutes Leben, große Sprünge waren damit jedoch nicht möglich. Zumal ein nicht unbedeutender Teil davon regelmäßig für ein sehr menschliches, sehr männliches Bedürfnis draufging. Sein Trieb war teuer geworden.