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K 1001
Flug
Der Flug von Nizza nach London dauerte gut zwei Stunden.
Hugo saß am Fenster. Auf dem Sitz neben ihm lag eine Zeitung. Die Stewardess hatte sie beim Start hingelegt, und Hugo hatte sie seitdem nicht ein einziges Mal aufgeschlagen. Sie lag dort, gefaltet, das Papier glatt und kühl, ein Gegenstand aus einer Welt, in der Menschen während eines Flugs Zeitung lasen.
Draußen lag unter dem Flügel das Meer, dann Küste, dann die Alpen, grau und fern. Das Triebwerk summte in einem gleichmäßigen Ton, und die Kabine roch nach Kaffee und nach dem Parfüm der Frau zwei Reihen vor ihm. Alles war ruhig. Alles war normal.
Hugo spürte mit der Zunge eine Stelle an der Innenseite seiner Wange.
Mit der Zunge fuhr er zum hundertsten Mal darüber. Sie brannte noch leicht, wenn er darüberfuhr. Ein Biss, den er sich beim Essen geholt hatte, zwei Tage alt, selbst verschuldet, nichts weiter. Im Restaurant am Yachthafen war er nicht einmal daran zurückgedacht. Jetzt konnte er an nichts anderes mehr denken.
Weil der Biss im Mund war.
Und weil sein Mund an diesem Wochenende überall gewesen war.
Zunächst versuchte er, den Gedanken abzuwehren, so wie man eine fremde Tür zuschließt. Kondom, sagte er sich. Beim Geschlechtsverkehr hatte er ein Kondom benutzt. Er hatte darauf geachtet, wie immer, seit Samenschleuder ihm in Frankfurt beigebracht hatte, dass man ein benutztes Kondom nie einer anderen Person überließ. Für einige Sekunden funktionierte das. Sein Atem wurde ruhiger. Die Stewardess kam mit dem Getränkewagen vorbei, Hugo bestellte ein Wasser, und für die Dauer des Bestellens war die Welt in Ordnung.
Dann kam die Erinnerung an alles, was vor dem Kondom gewesen war.
Er hatte beide Frauen geküsst. Lange. Er hatte beide mit der Zunge befriedigt. Er war mit seinem Mund an ihrem Anus gewesen, an der Brünetten, und sie hatte es ihm entgegengestreckt wie eine Aufforderung, und er hatte gedacht, dass diese Nacht alles enthielt, was er sich in Frankfurt und London hatte erklären lassen, nur schneller und ohne die Umwege. In dieser Nacht war ihm kein einziger Gedanke durch den Kopf gegangen.
Nicht einer.
Jetzt wusste er erschreckend wenig.
Er wusste nicht, was tatsächlich gefährlich war und was nicht. Ob es reichte, was er getan hatte. Ob die kleine Wunde in seiner Wange, die jetzt unter seiner Zunge lag, irgendetwas bedeutete oder nichts. Gerade weil er es nicht wusste, baute sich in seinem Kopf eine Kette zusammen, Glied für Glied, jede Verbindung möglich, keine davon ausgeschlossen. Mund. Zunge. Wunde. Blut. Die Frauen. Das Wochenende. Der Biss, der vielleicht gar kein Biss war.
*Was hast du da gemacht?*
Der Gedanke war nicht tröstlich. Er war aggressiv. Er verfluchte nicht nur die Entscheidung, die beiden Frauen angesprochen zu haben, sondern den Trieb selbst, dieses ständige, ununterbrochene Verlangen, das manchmal so stark wurde, dass alles andere dahinter verschwand. Zahlen, Analysen, Vorsicht, alles. Mit der Angst im Bauch kam es ihm beinahe vor, als habe sein Körper an diesem Abend in Cannes entschieden und sein Kopf nur zugesehen.
*Was, wenn dich genau das das Leben kostete?*
Er starrte auf die Wolken unter dem Flügel. Draußen war es hell und friedlich, und im Bauch saß etwas Kaltes, das sich langsam ausbreitete.
In dieser Nacht schlief Hugo nicht.
Sobald er die Augen schloss, kamen dieselben Bilder zurück: die beiden Frauen, sein Mund, seine Zunge, die Dunkelheit der Suite und das Meer durch die offene Balkontür. Er versuchte, sich einzureden, dass wahrscheinlich nichts passiert war. Dass Tausende Männer so etwas taten. Dass das Risiko gering war.
*Woher willst du das wissen?*
Sein eigener Kopf antwortete ihm sofort, jedes Mal. Es gab keine Zahl, die die Frage beantwortete. Keine Bilanz, keinen Kurs, keine Wahrscheinlichkeit, der er sich anvertrauen konnte. In seinem Berufsleben gab es zu jeder Frage entweder eine Zahl oder die ehrliche Anerkennung, dass es sie nicht gab. Hier gab es beides nicht.
Gegen Morgen war die Angst stärker als während des Fluges. Seine Hände zitterten leicht, wenn er sie auf die Bettdecke legte. Sein Magen war verkrampft und hart. Er stand auf, lief durch die Wohnung, setzte sich an den Küchentisch, stand wieder auf. In Belvedere Court war es still. Die Heizung tickte. Irgendwo in der Wand bewegte sich Wasser in einem Rohr.
Er versuchte zu lesen, einen Geschäftsbericht, den er noch aus Cannes mitgenommen hatte, und nach wenigen Zeilen wusste er nicht mehr, was er gelesen hatte. Die Worte standen da, und er sah ihnen dabei zu, wie sie an ihm vorbeizogen.
K 1002
Arzt
Nachdem sie aufgelegt hatten, blieb Hugo noch einen Moment sitzen und starrte vor sich hin. Die Gedanken drehten sich weiter im Kreis, und ihm wurde klar, dass er so nicht ins Büro fahren konnte. Er brauchte irgendeine Antwort, etwas Greifbares, das ihm sagte, ob seine Angst berechtigt war oder nicht.
Schließlich stand er auf, zog sich an und fuhr zu einem Arzt.
Während der Fahrt zitterten seine Hände. Er presste sie auf seine Knie und versuchte, ruhig zu atmen. Es half nicht.
Als er schließlich vor dem Arzt saß, war er völlig aufgelöst. Der Arzt hörte sich an, was passiert war, stellte einige Fragen und nahm ihm Blut ab.
„Wann bekomme ich das Ergebnis?“, fragte Hugo.
„Rechnen Sie mit zwei bis drei Wochen.“
„Und dann weiß ich, ob ich mich angesteckt habe?“
„Nein.“
Hugo starrte ihn an. „Was heißt nein?“
„Für das, was vor wenigen Tagen passiert ist, bekommen Sie damit noch keine zuverlässige Aussage.“
„Wie lange dauert das?“
„Sechs Monate.“
Hugo glaubte, sich verhört zu haben. „Sechs Monate?“
„Ja.“
„Und vorher kann man nicht feststellen, ob ich mich angesteckt habe?“
„Nicht zuverlässig.“
„Und der Test jetzt?“
„Der zeigt uns nur, ob gegenwärtig Antikörper nachweisbar sind. Für diesen Kontakt gibt Ihnen ein negatives Ergebnis keine Entwarnung.“
Hugos Magen zog sich zusammen. „Das heißt, der kann negativ sein und ich habe es trotzdem?“
„Ja.“
Sechs Monate. Ein halbes Jahr, in dem er nicht wissen würde, ob in seinem Körper etwas war, das sein ganzes Leben verändern konnte.
„Und wenn ich es habe?“
Der Arzt sah ihn an. „Dann haben Sie HIV.“
Für einen Moment verstand Hugo den Satz nur als Worte. HIV. Er kannte das Wort, kannte die Bilder, die Berichte über AIDS, Krankheit und Tod. Aber bis zu diesem Augenblick hatte all das immer andere Menschen betroffen.
Jetzt konnte es ihn betreffen.
Sein Mund wurde trocken. Er schluckte, doch das Gefühl blieb.
„Aber AIDS kann man nicht heilen.“
Eine kurze Pause. „Gut, wenn Sie das wissen.“
Ein kalter Schauer lief Hugo über den Rücken.
„Haben Sie eine Freundin?“
„Nein.“
„Dann reden wir über Ihr Sexualleben, junger Mann.“ Der Nachdruck saß.
„Haben Sie wechselnde Sexualpartnerinnen?“
Hugo spürte, wie ihm das unangenehm wurde. Er wollte nicht sagen, dass er sich mit Prostituierten traf. „Ich treffe mich mit Frauen.“
„Mit mehreren?“
„Ja.“
„Dann hören Sie mir jetzt genau zu. Sie sind einundzwanzig. Solange wir nicht wissen, ob Sie sich angesteckt haben, sind Sie eine mögliche Gefahr für jede Frau, mit der Sie schlafen.“
Hugo schwieg.
„Wenn Sie Sex haben, sagen Sie es vorher.“
„Was?“
„Dass Sie möglicherweise HIV haben.“
„Auch mit Kondom?“
„Kondom ist das absolute Minimum.“
„Und wenn ich es nicht sagen will?“
„Dann schlafen Sie nicht mit ihr.“
„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“
„Doch.“
„Und wenn der erste Test negativ ist?“
„Dann bilden Sie sich nicht ein, damit sei die Sache erledigt. Für diesen Kontakt ändert das nichts an den sechs Monaten.“
Wut stieg in Hugo auf. „Ich weiß doch gar nicht, ob ich überhaupt etwas habe.“
„Genau. Sie wissen es nicht.“
Der Arzt sprach jetzt noch schärfer. „Deshalb gehen Sie nicht davon aus, dass alles in Ordnung ist. Sie gehen davon aus, dass Sie andere anstecken könnten.“
Hugo sagte nichts. Dann fragte er: „Und wenn es eine Prostituierte ist?“
„Das ist Ihre Entscheidung.“
„Was soll das heißen?“
„Dass Sie von mir keine Erlaubnis bekommen, jemanden zu gefährden.“
Hugo spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
„Ich sage Ihnen das so deutlich, damit Sie beim nächsten Mal vorher nachdenken und nicht hinterher. Sie haben sich durch Ihre Unvorsichtigkeit möglicherweise mit HIV angesteckt. Sorgen Sie dafür, dass Sie niemand anderen anstecken.“
„Haben Sie verstanden?“
„Ja.“
„Gut.“
Damit war das Gespräch beendet.
Hugo ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Auf dem Flur blieb er stehen. Plötzlich bekam er nicht mehr richtig Luft. Sein Brustkorb fühlte sich an, als würde jemand darauf sitzen. Sein Herz raste, seine Hände zitterten.
Für einen Moment glaubte er, nicht weitergehen zu können.
Dann zwang er sich zur Tür und hinaus auf die Straße.
Was, wenn der Test positiv war?
Mit einundzwanzig.
Das konnte doch nicht sein.
Noch vor wenigen Tagen hatte sein Leben aus Zahlen, Geld, Arbeit und Frauen bestanden. Jetzt wusste er nicht einmal mehr, ob er gesund war. Zwei oder drei Wochen bis zum ersten Ergebnis, und selbst das würde ihm keine Gewissheit geben.
Sechs Monate.
Wut stieg in ihm auf. Auf Cannes, auf die beiden Frauen, auf den Arzt und schließlich auf sich selbst. Andere Männer machten so etwas ständig. Edward und seine Händler erzählten von Frauen, als wäre es das Normalste der Welt.
Aber das half ihm nichts. Er war hingegangen. Er hatte die Frauen angesprochen. Er hatte es gewollt.
Und das Schlimmste war: Er wollte es noch immer.
Die Angst hatte sein Verlangen nicht ausgeschaltet. Gerade das beunruhigte ihn. Was sollte er tun, wenn er morgen wieder eine Frau wollte? Ihr sagen, dass er möglicherweise HIV hatte?
Der Satz des Arztes ging ihm nicht aus dem Kopf.
Dass Sie von mir keine Erlaubnis bekommen, jemanden zu gefährden.
Hugo blieb stehen. Er konnte eine Bilanz prüfen, eine Firma auseinandernehmen, einen Kurs absichern und Geld einsetzen, um Risiken zu begrenzen. Hier konnte er nichts davon. Er wusste nicht, was in seinem Körper war, und es gab keine Möglichkeit, sich sofort Gewissheit zu verschaffen.
Ein halbes Jahr.
Hugo spürte Tränen in den Augen und wurde wütend darüber.
„Scheiße.“
Eine Frau auf dem Gehweg drehte sich kurz nach ihm um.
Er ging weiter. Die Wut half wenigstens für ein paar Schritte. Doch darunter blieb die eine Frage, die er nicht loswurde.
K 1003
Monaco 1 reise
Im Mai 1997 folgte die siebte gemeinsame Reise. Diesmal sollte Edward einem Kunden in Monaco eine Short-Idee vorstellen, die im Wesentlichen auf Hugos Analyse beruhte. Monaco allerdings kannte Hugo noch nicht.
Bis dahin hatte Monaco für ihn nur aus Namen, Bildern und den beiläufigen Bemerkungen reicher Kunden bestanden. Er erwartete eine überteuerte Kulisse für Menschen, die gesehen werden wollten. Dass dieser Ort später einmal mehr für ihn bedeuten könnte, kam ihm nicht in den Sinn.
Am frühen Nachmittag erreichten sie das Hôtel Hermitage. Edward hatte für sie zwei normale Zimmer reservieren lassen. Sie brachten ihre Sachen hinauf und trafen sich wenig später wieder auf der Terrasse.
Hugo trat an die Brüstung und blieb stehen. Direkt unter ihm lag der Port Hercule, dicht gefüllt mit Yachten. Auf der anderen Seite des Hafens erhob sich der Felsen von Monaco mit dem Fürstenpalast.
Der Blick gefiel ihm. Es war nicht nur die Schönheit. Es war die Ordnung. Alles schien seinen Platz zu haben, alles war berechnet, nichts wuchs einfach so. Selbst der Hafen wirkte wie ein Schaufenster. Hugo spürte, wie sich etwas in seiner Brust aufrichtete, ohne dass er es hätte erklären können. Es war nicht Begeisterung. Es war eher das Gefühl, ein Möbelstück zu sehen, das noch nicht seinem gehörte, aber zu seiner Wohnung passen würde.
Edward stellte sich neben ihn.
„Nicht schlecht, oder?"
Hugo nickte. „Nein. Wirklich nicht."
Sie tranken etwas, dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Eigentlich wollte Edward ihm Monaco zeigen, gleichzeitig nutzten sie den Spaziergang, um den Pitch für den Abend noch einmal durchzugehen. Vom Hôtel Hermitage gingen sie hinüber zum Hôtel de Paris, dann weiter Richtung Meer. Während sie liefen, ging Edward mit Hugo noch einmal die Zahlen durch, stellte Fragen, unterbrach ihn, ließ ihn einzelne Argumente neu formulieren.
Irgendwann grinste Edward.
„Bist du eigentlich schon mal durch ein ganzes Land gelaufen?"
Hugo sah ihn an. „Nein."
„Dann wird es heute Zeit."
Von der Küste aus führte Edward ihn quer durch Monaco nach oben. Die Strecke ging dabei keineswegs einfach nur bergauf. Immer wieder stiegen sie ein Stück hinauf, liefen wieder hinunter, bogen ab, nahmen Treppen, Rampen und Straßen, die sich in Kurven durch die verschiedenen Ebenen der Stadt zogen.
Hugo dagegen merkte zunehmend, wie sehr ihn dieses ständige Auf und Ab nervte. Er war es gewohnt, dass Städte sich horizontal ausbreiteten, nicht vertikal. Jedes Mal, wenn er glaubte, sie hätten den höchsten Punkt erreicht, ging es wieder hinunter, und dann noch einmal hinauf. Es war wie ein Labyrinth, in dem jemand die Wände ständig verschob. Er spürte, wie ihm der Schweiß in den Nacken lief, während Edward nebenherging, als wäre das hier ein Spazierweg durch einen Park. Hugos Unmut wuchs mit jeder Treppe. Er sagte nichts, aber seine Schweigen wurde dichter.
Erst als sie schließlich weit oben auf der anderen Seite angekommen waren, blieb Edward stehen und sah ihn grinsend an.
„Siehst du."
Hugo blickte ihn fragend an.
„Gerade ein ganzes Land durchlaufen. Vom Meer bis hier hoch."
Hugo musste lachen, trotz seiner Erschöpfung.
Edward klopfte ihm auf die Schulter. „Kann auch nicht jeder von sich behaubten."
Hugo hatte den Rundgang durchaus interessant gefunden. Richtig begeistert war er von Monaco trotzdem nicht.
„Ist das hier eigentlich irgendwo auch mal gerade?", fragte er irgendwann.
Edward lachte. „Warte ab. Ich zeige dir nachher Fontvieille."
Und tatsächlich änderte sich sein Eindruck dort beinahe sofort.
Fontvieille lag viel flacher als das alte Monaco. Rund um den Hafen gab es Restaurants, Geschäfte und das Einkaufszentrum. Plötzlich musste Hugo nicht mehr ständig irgendwo hinauf oder hinunter. Alles wirkte überschaubarer, praktischer, fast wie eine eigene kleine Stadt innerhalb Monacos.
Das gefiel ihm. Er atmete auf, als hätte er stundenlang einen Koffer getragen und ihn endlich absetzen dürfen. Hier konnte man sich orientieren. Hier konnte man planen. Und während er das dachte, merkte er, dass es ihm hier nicht nur gefiel. Es tat etwas mit ihm, das ihm selbst unheimlich war: Es gab ihm das Gefühl, dass ein Leben denkbar war, in dem er nicht mehr auf etwas wartete.
Zum ersten Mal an diesem Tag betrachtete Hugo Monaco nicht nur als Bühne für fremden Reichtum. Fontvieille löste in ihm eine leise Vorstellung davon aus, wie ein Leben aussehen konnte, das nicht zwischen Bank, Club und einer möblierten Londoner Wohnung stattfand. Er schob den Gedanken sofort beiseite. Noch gehörte er hierher wie ein Besucher, der seinen Rückflug bereits gebucht hatte.
Am Abend nahmen Edward und Hugo ein Taxi. Edward wollte vor dem Essen noch einen kurzen Umweg machen.
„Ich zeige dir, wo wir morgen abfliegen."
Sie fuhren durch die Tunnel hinunter nach Fontvieille. Als sie wieder ins Freie kamen, saß Hugo plötzlich aufrechter. Hier unten öffnete sich alles. Keine engen Straßen mehr, die sich den Hang hinaufzogen, sondern Hafenbecken, breite Wege und dahinter das Mittelmeer.
Der Wagen hielt zunächst in der Nähe des Héliport de Monaco.
Edward deutete hinüber.
„Morgen früh. Von hier."
Hugo betrachtete die Anlage.
„Wir fliegen wirklich mit dem Hubschrauber zurück?"
„Natürlich."
Hugo grinste. Der Hubschrauber war ihm deutlich lieber als der Gedanke, sich wieder durch die Straßen hinauf zum Casino zu bewegen. Und mehr als das: Die Vorstellung, von hier oben abzuheben, über den Hafen und dem Meer, ließ etwas in ihm vibrieren, das er kannte und nicht mehr kannte. Es war dasselbe Ziehen wie vor einer Kaufentscheidung, nur größer, als hätte es auf dem Weg hierher gegessen.
Danach ließ Edward das Taxi weiterfahren. Sie fuhren bis an die westliche Seite des Hafens, fast bis zur französischen Grenze, und stiegen dort aus.
Von hier gingen sie zu Fuß weiter.
Der Abend war warm. Rechts von ihnen lagen die Boote und Yachten dicht nebeneinander im Hafen, links reihten sich Gebäude und Restaurants aneinander. Weiter vorne öffnete sich der Blick zum Mittelmeer.
Hugo sah sich immer wieder um. Das hier war etwas völlig anderes als das Monaco, das Edward ihm tagsüber gezeigt hatte.
Flach. Wasser direkt neben ihnen. Restaurants am Hafen. Geschäfte in Laufweite. Alles kompakt.
„Das hier gefällt mir", sagte Hugo.
Edward sah ihn von der Seite an. „Fontvieille?"
„Ja. Das andere ist mir zu viel Berg."
Edward lachte.
Je näher sie dem Restaurant kamen, desto lebhafter wurde es. Vor den Restaurants und Hotels standen Ferrari und Porsche in Farben, die man in London wesentlich seltener sah: leuchtendes Rot, kräftiges Blau, Gelb, Grün.
Hugo sah einem roten Ferrari hinterher. Er mochte Autos. Er mochte die Physik eines Motors, die Übersetzung von Kraft in Geschwindigkeit. Aber hier standen sie herum wie Dekoration, und er merkte, dass ihn das störte und faszinierte zugleich.
„Hier versucht aber auch wirklich keiner, unauffällig zu sein."
Edward grinste. „Warum sollte man nach Monaco fahren, um unauffällig zu sein?"
Vor dem Restaurant am Hafen wartete bereits der Mann, mit dem Edward zum Essen verabredet war. Ein Kunde der Bank, den Edward offensichtlich schon lange kannte.
Als die drei das Restaurant betraten, erkannte der Chefkellner Edward und den Kunden sofort. Sein Gesicht hellte sich auf.
„Bonsoir, Monsieur."
Er begrüßte Edward herzlich, dann den Kunden ebenso überschwänglich. Man schüttelte sich die Hände, lachte, wechselte sofort ein paar vertraute Bemerkungen.
Hugo stand daneben.
Zunächst lächelte er noch höflich. Dann wusste er nicht mehr so recht, wohin mit sich. Die drei unterhielten sich, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Hugo kannte weder die Leute, über die sie sprachen, noch die Geschichten dahinter. Niemand wollte ihn bewusst ausschließen, trotzdem stand er plötzlich ein Stück hinter Edward und dem Kunden. Er war der Junge, der mitgebracht worden war, nicht der Mann, der eingeladen worden war. Er spürte, wie seine Hände in den Hosentaschen verkrampften, während er versuchte, lässig zu wirken. Sein Lachen blieb an seinem Gaumen kleben. Er hasste es, nicht zu wissen, wo er hingehörte. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten.
Erst nach einigen Augenblicken wandte Edward sich zu ihm.
„Ach ja. Hugo Voss."
Der Chefkellner streckte Hugo sofort die Hand entgegen.
„Willkommen, Monsieur Voss."
Damit war der unangenehme Moment vorbei. Aber das Wärmegefühl in seinem Gesicht blieb noch eine Weile.
Der Chefkellner führte sie hinaus auf die Terrasse, unmittelbar an der Straße. Edward und der Kunde gingen nebeneinander voraus, Hugo folgte ihnen.
Der Kunde wandte sich im Gehen zu Hugo um. „Und? Wie gefällt Ihnen Monaco?"
„Fontvieille gefällt mir", sagte Hugo. „Aber der Rest ehrlich gesagt nicht besonders. Dieses ständige Bergauf und Bergab, überall Treppen und Steigungen."
Der Kunde blieb einen Augenblick langsamer und sah Hugo mit einem dünnen Lächeln an.
„Das sollten Sie hier besser nicht so laut sagen."
Hugo blickte ihn fragend an.
„Damit verraten Sie nämlich sofort, dass Sie zum ersten Mal hier sind und keine Ahnung haben, wie man sich in Monaco bewegt."
Edward sah kurz zu ihm herüber, sagte aber nichts.
„In Monaco läuft niemand, der sich auskennt, ständig irgendwelche Treppen hoch und runter", fuhr der Kunde fort. „Dafür gibt es überall Aufzüge, Rolltreppen und Durchgänge zwischen den verschiedenen Ebenen. Sie gehen in ein Gebäude hinein, fahren ein paar Stockwerke und kommen auf einer völlig anderen Straße wieder heraus."
Er musterte Hugo noch einmal.
„Wer sich hier über die Hügel beschwert, ist entweder Tourist oder kennt sich schlicht nicht aus."
Sie gingen weiter.
„Sie sind heute wahrscheinlich durch halb Monaco gelaufen und haben gedacht, die Stadt sei schlecht geplant."
Der Kunde lächelte spöttisch.
„Dabei wussten Sie einfach nur nicht, wo die Aufzüge sind."
Hugo schluckte und sagte nichts. Er spürte, wie ihm warm wurde, und dann wieder kalt. Scham war es nicht, die ihn erwischte. Es war die Erkenntnis, dass er hereingefallen war. Dass er wie ein Kind durch die Stadt gelaufen war, statt zu fragen. Er hasste es, nicht zu wissen. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten. Sein Herz schlug schneller, als es die Situation rechtfertigte, und er hasste auch das. Gleichzeitig merkte er sich jedes Wort. Die Aufzüge. Die Durchgänge. Die Ebenen. Er würde es nicht wieder vergessen. Niemand würde ihn hier ein zweites Mal für einen Touristen halten.
Vor ihnen lag der dunkle Hafen, die Lichter der Yachten spiegelten sich in langen goldenen und weißen Streifen auf der Oberfläche. Gegenüber erhob sich der beleuchtete Felsen von Monaco gegen den tiefblauen Nachthimmel.
Hugo blieb für einen Augenblick stehen. Von irgendwo hinter ihnen heulte wieder ein Motor auf. Ein Ferrari schoss draußen an der Straße vorbei.
Edward setzte sich, ohne hinzusehen.
„Irgendwann", sagte er, „hörst du das nicht mehr."
Kaum saßen sie, begann um sie herum eine eingespielte Choreografie. Ein Kellner stellte Wasser und Gläser auf den Tisch, ein zweiter legte Servietten zurecht, ein dritter brachte Brot.
Edward brach sich ein Stück Brot ab.
„Deswegen komme ich her."
Der Kunde lachte. „Wegen des Brotes?"
„Unter anderem."
Dann öffnete sich die Tür zur Terrasse.
Zwei junge Frauen kamen herein.
Beide waren Tschechinnen, Mitte zwanzig, sehr schlank und auffallend zurechtgemacht. Die eine wirkte beinahe abgemagert, allerdings nicht ungepflegt, sondern als wäre diese extreme Schlankheit gewollt. Sie trug ein extrem kurzes Kleid. Die andere war flachbrüstig und trug ein silbernes, mit Pailletten besetztes Minikleid.
Sie blieben kurz stehen und ließen ihre Blicke über die besetzten Tische wandern.
Hugo sah sie sofort. Nicht weil sie die Schönsten waren. Sondern weil sie anders hereinkamen als die anderen Gäste. Nicht auf dem Weg zu einem Tisch. Auf dem Weg zu einer Entscheidung. Ihre Augen scannten den Raum, berechnend, routiniert. Hugo bemerkte, wie sich sein Puls veränderte, noch bevor er verstand, warum. Es war nicht nur ihr Aussehen. Es war die Art, wie sie den Raum betraten, als gehöre er ihnen. Er kannte dieses Selbstverständnis. Er hatte es an Männern gesehen, die in Handelssälen auftraten. Er hatte es nie an Frauen gesehen, und es verwirrte ihn, dass es ihn anzog und verstörte zugleich.
Edward bemerkte sie sofort.
Der Kunde ebenfalls.
„Prostituierte", sagte Edward leise.
Hugo sah ihn an. „Woher willst du das wissen?"
Edward griff nach seinem Weinglas.
„Die kommen hier fast immer zu zweit."
Der Kunde musterte die beiden Frauen noch einmal.
„Edward, die sind ja so jung, die könnten deine Töchter sein."
Edward nahm einen Schluck.
„Sind sie aber nicht."
Er stellte sein Glas ab, stand auf und ging zu ihnen.
Hugo sah ihm nach. Ein Teil von ihm wollte, dass Edward stehen blieb. Ein anderer Teil beobachtete mit aufmerksamem, fast wissenschaftlichem Interesse, wie Edward die beiden Frauen ansprach, was er sagte, wie sie lachten. Hugo spürte, dass er hier etwas über Regeln lernen konnte, und diese Erkenntnis überdeckte für einen Moment alles andere.
Edward sprach vielleicht eine halbe Minute mit den beiden. Eine der Frauen lachte, die andere sah zu ihrem Tisch herüber. Dann kamen alle drei zurück.
Der Chefkellner hatte längst verstanden.
Noch bevor Edward den Tisch erreicht hatte, gab er einem Kellner ein Zeichen.
„Sofort, Monsieur."
Ein weiterer Tisch wurde herangeschoben. Zwei Stühle kamen dazu. Gläser, Besteck und Servietten wurden ergänzt. Niemand fragte etwas, niemand wirkte überrascht. Nach kaum einer Minute sah es aus, als sei der Tisch von Anfang an für fünf Personen gedeckt gewesen.
Die beiden Frauen setzten sich.
Edward sah die beiden an. „Und wie heißt ihr eigentlich?"
„Petra", sagte die erste.
„Petra", wiederholte Edward und lächelte. „Ach, ich liebe diesen Namen."
Die andere musste lachen.
„Und du?"
„Lenka."
„Lenka", wiederholte Edward. „Auch nicht schlecht."
Er stellte ihnen Hugo und den Kunden vor, wobei es wirkte, als würde er zwei Bekannte miteinander bekannt machen und nicht zwei Frauen, die er gerade erst im Restaurant angesprochen hatte.
Hugo beobachtete Petra. Sie setzte sich, und ihr ohnehin extrem kurzes Kleid rutschte noch etwas höher. Hugos Blick fiel auf ihren Slip, blieb einen Moment hängen, dann wanderte er weiter. Er bemerkte, dass Lenka eleganter saß, die Beine überschlug, und dass ihr Kleid dabei verrutschte. Er sah hin. Kein Slip. Vollständig rasiert.
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er spürte Wärme in seinem Gesicht und zwischen den Beinen, und er wusste nicht, wohin mit den Händen. Er blickte wieder auf die beiden Frauen, dann zu Edward und dem Kunden. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Hugo zählte noch einmal.
Edward, der Kunde und er. Drei Männer.
Zwei Frauen.
Hugo rechnete kurz nach. Drei Männer, zwei Frauen. Eines war für ihn jedenfalls klar: Mit den beiden Typen hier würde er ganz bestimmt nicht die Schwerter kreuzen.
Er runzelte die Stirn.
„Moment mal. Das passt doch überhaupt nicht."
Edward sah ihn an.
„Was?"
„Das Verhältnis. Zwei Frauen, drei Männer. Da ist doch eine zu wenig."
Edward sah erst Hugo, dann die beiden Frauen an.
„Was willst du eigentlich? Hier sind doch gerade sechs Löcher reingekommen. Das sind zwei für jeden von uns."
Für einen Sekundenbruchteil hörte Hugo das Lachen der anderen nur wie durch Watte. Sein Verstand brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Edward gesagt hatte, und noch einen Moment, um zu begreifen, dass es kein Witz war. Ihm wurde heiß. Nicht vor Erregung allein, sondern vor Verlegenheit, weil er der Einzige am Tisch gewesen war, der gerechnet hatte. Weil er der Einzige gewesen war, der nicht automatisch gewusst hatte, worauf er eingelassen war.
Der Kunde lachte kurz, beugte sich zu Hugo herüber und strich ihm gönnerhaft zweimal über den Kopf.
„Edward, nun lass doch den Knaben."
Die Hand auf seinem Haar. Hugo spürte, wie sich sein Kiefermuskel anspannte. Er lächelte gezwungen.
„Schon gut."
Mehr sagte er nicht. Aber unter dem Tisch presste er die Fingernägel in seine Handflächen, bis die kleinen Halbmonde sich weiß abzeichneten.
Er sah zu den beiden jungen Frauen. Beide saßen da, als wäre an der ganzen Situation nichts Besonderes. Eine von ihnen nahm einen Schluck Wasser, die andere strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte über irgendeine Bemerkung Edwards.
Hugo wusste nicht, was er davon halten sollte. Ein Teil von ihm registrierte die Szene wie eine Beobachtung aus einem fremden Labor. Er war nicht schockiert. Er war neugierig. Er versuchte zu verstehen, welche Regeln hier gespielt wurden, und merkte, dass er sie noch nicht kannte. Aber er wollte sie lernen. Das war das Neue. In Frankfurt hätte er sich abgewandt. Hier beobachtete er. Und während er beobachtete, merkte er, dass seine Verlegenheit langsam einer anderen Spannung wich, einer dunkleren, die er nicht benennen wollte.
Er machte gute Miene, lachte an den richtigen Stellen und ließ den Abend über sich ergehen.
Das Essen zog sich hin. Fleisch wurde gebracht, Wein nachgeschenkt, Teller abgeräumt. Edward und der Kunde redeten über Geschäfte, Märkte, Leute, die Hugo nicht kannte. Immer wieder fielen Namen und Summen, und irgendwann hörte Hugo nur noch halb zu. Seine Gedanken kreisten um die Frauen neben ihm, um ihre Selbstverständlichkeit, um die Frage, was sie dachten, wenn sie ihn ansahen. Ob sie ihm ansahen, dass er hier nicht hingehörte.
Nach einer Weile stand er auf.
„Ich bin kurz auf der Toilette."
Er ging durch das Restaurant nach hinten. Die kühle Luft des Ganges tat gut.
Wenige Sekunden später hörte er Schritte hinter sich.
Eine der beiden Frauen kam denselben Gang entlang.
Hugo blieb kurz stehen.
Sie sah ihn an.
„Alles okay?"
„Ja."
Er zögerte.
„Ich komme später übrigens nicht mit."
Sie sah ihn einen Moment lang an, dann zuckte sie nur leicht mit den Schultern.
„Dann eben nicht. Für uns macht das keinen Unterschied."
Hugo runzelte die Stirn.
„Nicht?"
„Nein. Ob ihr zwei oder drei seid, ist mir egal. Am Ende seid ihr doch sowieso gleichzeitig in einer von uns, und irgendwann wechselt ihr."
Sie sagte es vollkommen ruhig.
„So läuft das eben. Jeder von uns macht, was er machen muss."
Dann ging sie an ihm vorbei.
Hugo blieb stehen.
Sie verschwand hinter der Tür zur Toilette.
Für einen Moment bewegte er sich nicht. Die Gleichgültigkeit, mit der sie gesprochen hatte, beschäftigte ihn mehr als das Gesagte. Er hatte erwartet, dass die Situation ihn abstieß. Stattdessen war da etwas anderes: Die Kühle ihrer Stimme hatte ihn mehr berührt als ihre Nähe. Er wusste, dass er diesen Ton länger vergessen würde als alles andere an diesem Abend. Dann stieß er sich von der Wand ab und ging weiter.
Der nächste Morgen holte das Geschäftliche zurück.
Sie trafen den Kunden in einem Konferenzraum im Hotel. Edward führte das Gespräch, Hugo erklärte die Analyse, die Zahlen, die Überlegungen dahinter. Der Kunde stellte zwei unangenehme Fragen, griff in Hugos Argumentation, suchte nach Lücken. Hugo beantwortete sie sicher, ohne zu zögern, ohne zu überreagieren. Er wusste, dass der Kunde testete, ob der junge Mann, auf dessen Einschätzung er Millionen setzen sollte, auch hinter den Zahlen stand. Hugo spürte, wie sein Mund trocken wurde, und hörte trotzdem seine eigene Stimme ruhig und klar im Raum stehen. Es war, als würde er zwei Menschen gleichzeitig sein: einen, der Angst hatte, und einen, der sprach.
Am Ende lehnte sich der Kunde zurück und sah zu Edward.
„Die Position will ich", sagte er. „Wenn der Junge recht hat, verdienen wir Geld. Wenn nicht, war es meine Entscheidung."
Edward nickte. „Es ist Ihre Entscheidung."
Der Kunde lächelte dünn. „Der Knabe von gestern Abend. Heute weiß er fachlich genau, was er tut."
Hugo spürte, wie sich etwas in ihm straffte. Stolz war es nicht, was ihn durchfuhr. Es war Bestätigung, die härtere Art, die schärfer war als ein Lob. Es war das Gefühl, eine Prüfung bestanden zu haben, von der er nicht gewusst hatte, dass sie stattfand. Der Kunde hatte ihn gestern Abend für einen unerfahrenen Jungen gehalten, der sich über Treppen beschwerte. Heute Morgen war er jemand, auf dessen Wort Millionen gesetzt wurden. Der Unterschied lag nicht in ihm. Er lag in der Macht, die seine Zahlen verliehen. Und trotzdem -- irgendwo in seiner Brust war ein kleiner Raum, der sich bei diesen Wärme ausbreitete, ein Raum, der sehr nach dem Jungen roch, der noch immer darauf wartete, dass jemand ihm sagte, dass er es gut gemacht hatte.
Danach fuhren sie zum Héliport. Der Hubschrauber wartete bereits, ein schwarzer Vogel auf dem Beton, die Rotorblätter drehten sich träge. Hugo stieg ein, setzte sich ans Fenster, und als die Maschine abhob, sah er Monaco noch einmal von oben. Die Küste, die Yachten, der Felsen, das Casino. Alles klein, alles überschaubar. Er grinste. Das gefiel ihm. Die Höhe. Die Distanz. Die Kontrolle.
K 1004 Domina
Das Taxi fuhr durch London, und je näher Hugo der Adresse kam, desto mehr zog sich sein Magen zusammen.
Es war ein anderes Gefühl als die Angst, die ihn seit Cannes begleitete. Die war inzwischen fast immer da, manchmal nur als leiser Druck im Hintergrund, manchmal so stark, dass er an nichts anderes denken konnte. Das hier war Nervosität. Scham vielleicht auch. Vor allem aber Unsicherheit.
Mehrmals dachte er daran, dem Fahrer zu sagen, er solle umdrehen.
Er tat es nicht.
Das Gespräch mit dem Arzt ging ihm noch immer durch den Kopf. Sechs Monate. Ein halbes Jahr, in dem er nicht wissen würde, ob er HIV hatte. Ein halbes Jahr, in dem er nach Ansicht des Arztes jede Frau warnen sollte, bevor er mit ihr schlief.
Das Absurde war, dass die Angst sein Verlangen nicht beseitigt hatte.
Genau das machte ihn zusätzlich wütend auf sich selbst. Er hatte Angst, möglicherweise an einer tödlichen Krankheit erkrankt zu sein, und trotzdem sah er Frauen an. Trotzdem reagierte sein Körper. Trotzdem wollte er Sex.
Er hatte deshalb nach etwas gesucht, das anders war. Etwas, bei dem nicht das geschah, was er im Moment fürchtete.
Als das Taxi noch ein Stück von der Adresse entfernt war, beugte Hugo sich nach vorn.
„Hier reicht.“
Der Fahrer sah kurz in den Rückspiegel.
„Hier?“
„Ja.“
Hugo bezahlte und stieg aus.
Er wartete, bis das Taxi weitergefahren war. Erst dann setzte er sich in Bewegung.
Eigentlich war es lächerlich. Der Fahrer würde ihn vermutlich in fünf Minuten vergessen haben. Trotzdem wollte Hugo nicht, dass irgendein fremder Mann wusste, vor welchem Haus er ausgestiegen war.
Die letzten Straßen ging er zu Fuß.
Je näher er kam, desto kleiner fühlte sich sein Magen an. Seine Hände waren kalt. Gleichzeitig schwitzte er unter dem Mantel. Einmal blieb er stehen und überlegte ernsthaft, einfach zurückzugehen.
Niemand wusste, dass er hier war.
Niemand erwartete von ihm, dass er klingelte.
Er ging weiter.
Das Haus war von außen vollkommen unspektakulär. Kein Schild, keine auffällige Beleuchtung, nichts, was verriet, was sich darin befand. Hugo überprüfte die Hausnummer ein zweites Mal.
Dann stand er vor der Klingel.
Sein Finger blieb einen Moment davor.
Was mache ich hier eigentlich?
Er drückte.
Ein Summen ertönte.
Hugo öffnete die Haustür und trat hinein.
Ein langer Korridor lag vor ihm. Gedämpftes Licht, dunkler Teppich, mehrere geschlossene Türen. Es roch sauber, ein wenig nach Parfüm und irgendeinem Reinigungsmittel. Gerade diese Normalität irritierte ihn. Er hatte nicht gewusst, was er erwartet hatte, aber bestimmt keinen Flur, der ebenso gut zu einer privaten Wohnung hätte gehören können.
Am Ende öffnete sich eine Tür.
Eine junge Frau trat heraus.
Hugo blieb stehen.
Sie war nackt.
Nicht in Unterwäsche, nicht in einem Morgenmantel. Einfach nackt.
Für einen Augenblick wusste er nicht, wohin er schauen sollte. Sein Blick erfasste sie automatisch, und sofort ärgerte er sich darüber.
Die Frau dagegen verhielt sich, als wäre an der Situation überhaupt nichts ungewöhnlich.
„Ja, bitte?“
Hugo räusperte sich.
„Ich würde gern zu Mistress …“
Er nannte den Namen.
„Ja. Komm rein.“
Sie trat zur Seite.
„Folge mir.“
Dann drehte sie sich um und ging vor ihm her.
Hugo folgte ihr durch den langen Korridor. Direkt vor ihm bewegten sich ihr nackter Rücken, ihr Po und ihre Beine. Er versuchte zunächst, an ihr vorbeizusehen, dann auf den Boden, dann wieder geradeaus. Alles davon kam ihm gleichermaßen albern vor.
Die Frau schien nicht einmal daran zu denken, dass ihre Nacktheit für ihn ungewöhnlich sein könnte.
Sie öffnete eine Tür.
Dahinter lag ein kleiner Besprechungsraum.
Auch der war anders, als Hugo erwartet hatte. Kein Keller, keine Ketten an den Wänden, keine düstere Kulisse. Der Raum war klein und fast gemütlich. An einer Wand stand ein größerer, auffälliger Stuhl mit hoher Rückenlehne, beinahe wie ein moderner Thron. Davor standen zwei kleinere, niedrigere Sessel. Zwischen ihnen befand sich ein kleiner Tisch. Das Licht war warm und gedämpft.
„Setz dich.“
Hugo nahm auf einem der niedrigeren Sessel Platz.
Die nackte Frau blieb vor ihm stehen.
„Möchtest du etwas trinken?“
„Wasser.“
„Still oder mit Kohlensäure?“
Hugo sah sie einen Moment an.
Ausgerechnet diese vollkommen alltägliche Frage brachte ihn beinahe zum Lachen.
„Still.“
Sie verschwand.
Hugo sah sich um. Der große Stuhl beherrschte den Raum. Er verstand sofort, wer dort sitzen sollte und wer auf den niedrigeren Sesseln Platz nahm.
Die Tür öffnete sich wieder.
Die junge Frau kam mit seinem Wasser zurück. Sie ging vor ihm herunter und stellte das Glas auf den niedrigen Tisch.
Hugo sah für einen Moment ihren Körper unmittelbar vor sich.
Etwas regte sich in ihm.
Und beinahe im selben Augenblick war wieder der Arzt in seinem Kopf.
Sie sind eine mögliche Gefahr für jede Frau, mit der Sie schlafen.
Die kurze Erregung verschwand.
„Danke.“
Die Frau richtete sich auf.
„Sie kommt gleich.“
Dann ging sie.
Hugo nahm das Glas und trank mehrere Schlucke.
Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür erneut.
Diesmal kam die Domina herein.
Schwarzer Lack von oben bis unten. Hohe Stiefel. Ihre Erscheinung war so offensichtlich inszeniert, dass Hugo unwillkürlich gerader saß.
Sie setzte sich auf den großen Stuhl.
Damit verstand er endgültig die Anordnung des Raumes.
„Du bist zum ersten Mal hier?“
„Ja.“
„Und was möchtest du?“
Hugo verzog den Mund.
„Wenn ich das wüsste, wäre es einfacher.“
Sie lächelte leicht.
„Du weißt überhaupt nicht, was du möchtest?“
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal genau, was man hier alles machen kann.“
Sie begann ihm verschiedene Möglichkeiten zu erklären. Hugo stellte Fragen. Nach einigen Minuten bemerkte er, dass seine Nervosität nachließ. Solange sie miteinander redeten, war es beinahe ein Beratungsgespräch.
Schließlich sagte sie:
„Vielleicht wäre für dich zum Ausprobieren eine Switch-Session sinnvoll.“
„Was heißt das?“
Sie erklärte es ihm. Er könne beide Seiten kennenlernen. Einmal die dominante, einmal die passive Rolle. Danach wisse er zumindest, ob ihm eine davon gefiel.
Hugo dachte kurz darüber nach.
„Eigentlich gar nicht schlecht.“
„Dann brauche ich allerdings eine zweite Frau.“
„Warum?“
Sie erklärte ihm den Ablauf.
Hugo verstand.
„Dann wird es teurer.“
„Natürlich. Es sind zwei Personen beteiligt.“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Das ist egal.“
Sie stand auf.
„Gut. Dann duschst du zuerst.“
Sie führte ihn aus dem Besprechungsraum durch den Korridor zu einem Badezimmer.
Der Raum war sauber, aber funktionaler als der Rest. Helle Fliesen bedeckten Boden und Wände. Dusche, Waschbecken, Spiegel. Daneben lagen frische Handtücher und ein Bademantel bereit. In einer Ecke stand ein Wäschekorb.
Sie erklärte ihm, dass er seine Kleidung ablegen, duschen und anschließend den Bademantel anziehen sollte. Wenn er fertig sei, solle er klingeln.
Dann ließ sie ihn allein.
Hugo schloss die Tür.
Er zog die Schuhe aus.
Die Fliesen waren kalt unter seinen nackten Füßen.
Er zog sich aus, legte seine Kleidung zusammen und ging unter die Dusche. Das warme Wasser tat gut. Für einige Minuten konnte er einfach darunterstehen und nichts tun.
Als er fertig war, nahm er eines der Handtücher.
Während er sich abtrocknete, fiel sein Blick auf den Wäschekorb.
Darin lagen bereits benutzte Handtücher.
Hugo hielt inne.
Sofort begann sein Kopf zu arbeiten.
Wer hatte die benutzt?
Was war daran?
Schweiß?
Speichel?
Sperma?
Andere Körperflüssigkeiten?
Sein Magen zog sich zusammen.
Ausgerechnet deshalb war er hier. Weil er Angst vor einer Infektion hatte. Und plötzlich stand er barfuß in einem Badezimmer, das jeden Tag von Männern benutzt wurde, von denen er nichts wusste.
Er sah auf die Fliesen unter seinen Füßen.
Waren die wirklich sauber?
Natürlich waren sie sauber.
Vermutlich.
Dieses Wort genügte inzwischen, um ihn nervös zu machen.
Vermutlich.
Er warf sein benutztes Handtuch in den Wäschekorb und bereute es im selben Moment, überhaupt hineingesehen zu haben.
Dann zog er den Bademantel an.
Er klingelte.
Die Domina holte ihn ab und führte ihn in einen anderen Teil des Studios.
Als sie die nächste Tür öffnete, veränderte sich die Atmosphäre.
Das hier war kein Besprechungszimmer.
Der Raum war dunkler. An den Wänden befanden sich verschiedene Vorrichtungen, deren Zweck Hugo teilweise verstand und teilweise lieber nicht erraten wollte. Leder, Metall, Befestigungen, eine gepolsterte Bank. Ein großer Spiegel verstärkte den Eindruck, dass alles in diesem Raum darauf ausgelegt war, gesehen zu werden.
Hugo trat hinein.
Die Domina deutete in den Raum.
„Warte hier.“
Dann ging sie.
Hugo stand allein mitten im Zimmer.
Er wusste nicht, wohin mit seinen Händen.
Zuerst ließ er sie neben dem Körper hängen. Das fühlte sich bescheuert an. Dann verschränkte er sie vor dem Bauch. Das fühlte sich noch bescheuerter an. Schließlich versuchte er sie in die Taschen des Bademantels zu stecken, stellte jedoch fest, dass es keine gab, und ließ sie wieder sinken.
Die Domina hatte das noch gesehen.
„Setz dich doch dort hin.“
Hugo setzte sich.
Sie ging hinaus.
Er wartete.
Eine Minute.
Vielleicht zwei.
Dann länger.
Hugo betrachtete die Gegenstände an den Wänden.
Was zum Teufel machte man damit?
Er sah zur Tür.
Noch immer nichts.
Seine Nervosität begann langsam Ärger zu weichen.
Er hatte keine Ahnung, wie lange eine solche Vorbereitung normalerweise dauerte. Aber seine Zeit lief doch vermutlich bereits.
Klasse.
Er sah wieder zur Tür.
Jetzt werde ich auch noch um die Zeit beschissen.
Endlich hörte er etwas.
Die Tür öffnete sich.
Die Domina kam herein.
Hinter ihr erschien eine zweite Frau.
Nackt.
An einer Leine.
Hugo richtete sich automatisch auf.
Für einen kurzen Moment reagierte sein Körper auf die nackte Frau. Zwei, vielleicht drei Sekunden.
Dann war es vorbei.
Die Domina führte die Frau in den Raum.
„Runter.“
Die Frau kniete sich hin.
„Was sagst du?“
„Ja, Mistress.“
Hugo beobachtete sie.
Die Domina gab eine weitere Anweisung.
„Ja, Mistress.“
Sie korrigierte die Haltung der Frau. Dann gab sie ihr einen leichten Schlag auf die Pobacke.
„Ja, Mistress.“
Hugo versuchte, das ernst zu nehmen.
Wirklich.
Er beobachtete die Frau auf dem Boden. Dann die Domina. Dann wieder die Frau.
Irgendetwas störte ihn. Es überzeugte ihn einfach nicht.
Plötzlich musste er an Lena denken. An Julia. An das, was er inzwischen über Frauen und ihren Körper gelernt hatte. Wie viel Disziplin nötig war, um eine bestimmte Figur zu bekommen und zu halten. Wie viel Verzicht hinter etwas stecken konnte, das für einen Außenstehenden mühelos aussah.
Das war wirklich.
Hier dagegen sollte ihm Leiden gezeigt werden.
Unterwerfung.
Macht.
Härte.
Aber er sah plötzlich nur noch zwei Frauen bei der Arbeit.
Die eine wurde dafür bezahlt, Befehle zu geben.
Die andere wurde dafür bezahlt, sie zu befolgen.
Der Schlag eben hatte kaum etwas bedeutet. Die Antworten kamen an den richtigen Stellen. Die Positionen wechselten auf Kommando.
Es war eine Vorstellung.
Hugo grinste.
Die Domina bemerkte es.
Sie unterbrach sich.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“
Hugo schüttelte schnell den Kopf.
„Nein. Nein, alles gut.“
Sie musterte ihn.
Dann machte sie weiter.
„Ja, Mistress.“
Hugo presste die Lippen zusammen.
Nicht lachen.
Die Domina gab die nächste Anweisung.
Hugo sah wieder zu.
Jetzt, da er die Inszenierung einmal erkannt hatte, konnte er sie nicht mehr ungesehen machen.
Keine Erregung.
Nichts.
Das kurze körperliche Aufflackern beim Eintritt der nackten Frau war längst verschwunden.
Er versuchte sogar bewusst, sich auf ihren Körper zu konzentrieren.
Es funktionierte nicht.
Stattdessen sah er Abläufe.
Einsätze.
Rollen.
Eine Dienstleistung.
„Ja, Mistress.“
Hugo musste wieder grinsen.
Diesmal sah die Domina ihn sofort an.
Er hob entschuldigend die Hände.
„Tut mir leid.“
Sie sagte nichts.
„Wirklich. Es liegt nicht an euch.“
Damit machte er es offensichtlich nicht besser.
Sie brach ab.
Hugo wusste in diesem Moment bereits, dass er nicht weitermachen wollte. Er hatte bezahlt. Die restliche Zeit gehörte ihm. Es war ihm egal.
Er zog den Bademantel enger und ging zurück Richtung Badezimmer.
Wieder dieser Korridor.
Wieder die Fliesen.
Und wieder war er barfuß.
Diesmal sah er bewusst nach unten.
Plötzlich stellte er sich vor, irgendein Mann vor ihm hätte hier gestanden. Vielleicht war irgendwo Sperma auf den Boden gekommen. Vielleicht irgendeine andere Körperflüssigkeit. Vielleicht war gewischt worden. Vielleicht auch nicht gründlich genug.
Er wusste, dass sein Kopf inzwischen jedes Risiko vergrößerte.
Aber er konnte es nicht abschalten.
Er zog unwillkürlich die Zehen zusammen und ging schneller.
Verdammte Scheiße. Genau davor wollte ich doch weg.
Im Badezimmer schloss er sofort die Tür.
Er zog den Bademantel aus und stellte sich noch einmal kurz unter die Dusche.
Dann trocknete er sich ab und sah wieder den Wäschekorb.
Noch mehr benutzte Handtücher.
Wieder derselbe Ekel.
Er wollte hier raus.
Hugo zog sich hastig an. Socken. Schuhe. Erst als seine Füße wieder in den Schuhen steckten, fühlte er sich etwas wohler.
Er verließ das Studio.
Draußen blieb er stehen und atmete die kühle Luft ein.
Das Experiment hatte ihm zumindest eine Antwort gegeben.
Dominanz, Unterwerfung, diese ganze inszenierte Welt – nichts davon funktionierte für ihn. Sobald er die Mechanik dahinter erkannt hatte, war jede Spannung verschwunden.
Aber deshalb war er nicht hergekommen.
Er hatte eine Lösung gesucht.
Und die hatte er nicht gefunden.
Seine Angst vor HIV war noch da.
Sein Verlangen nach Frauen ebenfalls.
Hugo steckte die Hände in die Manteltaschen und ging los.
Das war das eigentliche Problem.
Er konnte sich vor Körperflüssigkeiten ekeln, vor einem Wäschekorb zurückschrecken und auf Fliesen plötzlich Sperma sehen, das vermutlich überhaupt nicht dort war.
Und trotzdem würde er morgen wieder einer schönen Frau hinterhersehen.
Daran hatte dieser Abend überhaupt nichts geändert.
K 1005
Frankfurt – Vertragsverlängerung
Hugo als „Rainmaker“:
Hugos Vertrag läuft aus, und er hat bereits beschlossen, nicht zu verlängern. Die Bank dagegen will ihn unbedingt halten. Im Gespräch muss deutlich werden, dass Hugo inzwischen nicht mehr irgendein guter Analyst ist, sondern einer derjenigen, deren Analysen der Bank nachweislich sehr viel Geld eingebracht haben. Seine Einschätzungen zu amerikanischen Technologie-, Software-, Internet-, Medien- und Telekomwerten haben sich wiederholt als außergewöhnlich wertvoll erwiesen. Die Bank weiß deshalb genau, was sie verliert. Sie bietet ihm mehr Geld, einen höheren Bonus, mehr Verantwortung und gegebenenfalls eine bessere Position an.
Claire kann vorher oder danach zu ihm sagen: „Die wissen längst, dass du ihr Rainmaker bist, Hugo. Vielleicht nennen sie dich nicht so, weil du kein Händler bist. Aber jedes Mal, wenn du etwas findest, verdienen andere damit ein Vermögen. Glaubst du wirklich, die lassen dich einfach gehen?“
Im Frankfurter Gespräch soll deshalb nicht der Eindruck entstehen, Hugo müsse um seine Zukunft verhandeln. Die Bank kämpft um ihn. Gerade dadurch wird seine Kündigung stärker: Er geht nicht, weil seine Karriere dort nicht funktioniert, sondern obwohl sie hervorragend funktioniert. Er entscheidet sich gegen Geld, Bonus und Aufstieg, weil er künftig selbst auf der Seite sitzen will, die an seinen Erkenntnissen verdient.
K 1006
Cannes, Sommer 1998
Als Hugo an diesem Freitagmorgen in Heathrow ankam, merkte er schon am Check-in, dass dies keine normale Geschäftsreise werden würde.
Bei den üblichen Reisen der Bank sah er Männer mit Aktentaschen, Laptops und Unterlagen. Man sprach über Termine, Unternehmen, Kurse und darüber, was am Montag erledigt werden musste. Heute standen dieselben Männer in hellen Sommeranzügen und offenen Hemdkragen am Schalter. Einer hatte bereits eine Sonnenbrille auf dem Kopf, obwohl sie sich noch im Terminal befanden.
„Hugo!“
Er drehte sich um.
Ein Investmentbanker aus dem Londoner Haus kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.
„Du bist tatsächlich dabei!“
Sie umarmten sich kurz.
„Sieht so aus.“
„Wurde auch Zeit.“
Hugo grinste.
„Was heißt das?“
„Dass ihr Analysten irgendwann lernen müsst, wo das Geld ausgegeben wird, das wir mit euren Analysen verdienen.“
Gelächter hinter ihnen.
Hugo war tatsächlich zum ersten Mal dabei. Solche Veranstaltungen waren normalerweise keine Analystentreffen. Hier kamen Investmentbanker, Händler, einige Führungskräfte und vor allem wichtige Kunden zusammen. Die Bank bezahlte diese Wochenenden nicht, damit jemand einen Vortrag über Unternehmensbewertungen hielt. Hier wurden Beziehungen gepflegt.
Und gefeiert.
Schon vor dem Abflug begrüßten sich Männer, die sich offenbar seit Monaten nicht gesehen hatten.
„Hey! Schön dich zu sehen!“
„Du verdammter Bastard!“
Umarmung.
Schlag auf die Schulter.
„Wie läuft New York?“
„Besser als bei euch.“
„Träum weiter.“
Wieder Gelächter.
Hugo beobachtete das mit Vergnügen. Im Büro herrschte Konkurrenz. Hier war sie nicht verschwunden, aber sie hatte ihre Krawatte abgelegt.
Der Flug nach Nizza war entsprechend laut. Man wechselte die Plätze, stand im Gang, unterhielt sich über die Sitzreihen hinweg. Ein Kunde erzählte eine Geschichte, bei der drei Reihen gleichzeitig lachten. Bereits vor der Landung wurde darüber diskutiert, wer nachmittags direkt an den Strand gehen und wer vorher schlafen würde.
Als sie in Nizza aus dem Terminal kamen, wartete draußen eine ganze Reihe schwarzer Mercedes-Limousinen.
Fahrer hielten Schilder hoch.
Gepäck wurde verladen.
„Das gefällt mir“, sagte Hugo.
„Warte bis heute Abend.“
Die Fahrt nach Cannes führte an der Küste entlang. Das Mittelmeer blitzte immer wieder zwischen Häusern und Hügeln hervor. Vor ihnen fuhr ein Mercedes mit Kollegen, dahinter folgten weitere Wagen.
Champagner wurde geöffnet.
Hugo nahm ein Glas.
Das Ganze hatte etwas von einem Betriebsausflug für Männer, die einen Betriebsausflug normalerweise für unter ihrer Würde gehalten hätten.
Nur dass dieser hier an die Côte d’Azur führte.
Als die Wagen an der Croisette vor dem Carlton hielten, ging das Wiedersehen weiter. Banker aus Frankfurt, London und anderen Standorten standen mit Kunden vor dem Hotel. Überall wurden Hände geschüttelt und Männer umarmten sich.
„Michael!“
„Hey!“
„Schön dich zu sehen!“
„Wann bist du angekommen?“
„Gestern.“
„Wo ist Edward?“
„An der Bar.“
„Natürlich ist Edward an der Bar.“
Hugo lachte.
Hotelangestellte kümmerten sich um die Koffer. Ein Mitarbeiter der Bank stand mit einer Liste in der Lobby und verteilte Zimmerkarten. Niemand musste sich um irgendetwas kümmern.
Die Bank hatte alles organisiert.
Hugo bekam seinen Schlüssel und fuhr nach oben.
Als er wenig später aus seinem Fenster auf die Croisette und das Meer sah, dachte er, dass er sich durchaus daran gewöhnen könnte, zu den Veranstaltungen eingeladen zu werden, zu denen Analysten normalerweise nicht eingeladen wurden.
Der Tag am Strand
Am nächsten Morgen hatte sich die Gesellschaft an den Strand verlagert.
Anzüge, Krawatten und Aktentaschen waren verschwunden.
Männer, die Hugo sonst nur hinter Schreibtischen oder in Konferenzräumen kannte, lagen in Badehosen auf Liegen, standen mit einem Drink in der Hand am Wasser oder saßen unter Sonnenschirmen und diskutierten über Geschäfte.
Die Gespräche waren anders als im Büro, aber nicht wirklich weniger geschäftlich.
Wer hatte welchen Deal gemacht?
Wer hatte wie viel verdient?
Wer war befördert worden?
Welche Abteilung hatte den größten Gewinn gebracht?
Und immer wieder: Boni.
„Wie viel?“
„Das sage ich dir bestimmt.“
„Dann war es weniger als meiner.“
„In deinen Träumen.“
Gelächter.
Ein anderer erzählte von einem Haus, das er gekauft hatte. Sofort fragte jemand nach dem Preis. Ein Dritter sprach über ein Auto.
Hugo lag auf seiner Liege und hörte eine Weile einfach zu.
Selbst hier hörte der Wettbewerb nicht auf.
Er hatte nur seine Form verändert.
Im Büro ging es um Positionen und Geschäfte. Hier ging es um Häuser, Autos, Frauen und Boni.
Alles wurde verglichen.
Überall waren gebräunte Körper, Sonnenbrillen, Alkohol, Geld und das Selbstbewusstsein von Männern, die daran gewöhnt waren, dass sehr große Zahlen zu ihrem Alltag gehörten.
Testosteron mit Champagner.
Und Hugo stellte fest, dass ihm die Atmosphäre gefiel.
Er gehörte inzwischen zumindest teilweise dazu. Die Männer kannten seinen Namen. Einige kannten seine Analysen besser, als er gedacht hatte. Ein Banker aus Frankfurt setzte sich für einige Minuten zu ihm und begann mit ihm über einen amerikanischen Softwarewert zu sprechen.
„Deine Analyse war verdammt gut.“
„Danke.“
„Hat uns Geld gebracht.“
Dann stand er wieder auf und ging ins Wasser.
Hugo sah ihm nach.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er diesmal hier war.
Andere machten aus seiner Arbeit Geld.
Und inzwischen wusste die Bank ziemlich genau, was sie an ihm hatte.
Der Abend
Am Abend war vom lockeren Strandtag nichts mehr übrig.
Smoking war nicht verlangt, aber die Männer erschienen wieder in teuren Anzügen. Hugo ging mit einigen Kollegen durch das Hotel in Richtung des großen Festsaals.
Schon auf dem Korridor hörten sie Musik und Stimmen.
Vor dem Eingang war ein Empfang aufgebaut.
Zwei Frauen saßen hinter einem langen Tisch. Vor ihnen lagen Namenslisten.
Die Männer gingen einzeln nach vorn.
„Name?“
Ein Banker nannte ihn.
Die Frau suchte auf ihrer Liste, fand den Eintrag und befestigte ihm ein schmales rotes Band am Handgelenk.
Der nächste bekam ebenfalls eines.
Blau.
Hugo sah hin, dachte sich aber nichts dabei.
Dann war er an der Reihe.
„Name?“
Er nannte ihn.
Die Frau fuhr mit dem Finger über die Liste.
„Ja.“
Sie nahm ein schmales blaues Band und befestigte es an seinem Handgelenk.
Hugo hob den Arm.
„Was ist das?“
„Für den Abend.“
Nicht mehr.
Hinter ihm drängte bereits der Nächste nach vorn.
Hugo ging weiter.
„Warum habe ich ein blaues Band?“, fragte er einen Kollegen.
Der sah nur kurz hin.
„Später.“
„Was heißt später?“
Der Mann grinste.
„Du bist wirklich das erste Mal dabei.“
Bevor Hugo nachfragen konnte, öffneten sich die Türen zum Saal.
Er blieb beinahe stehen.
Der Raum war riesig. Hohe Decken, Kronleuchter, Säulen, festlich gedeckte Tische, eine große Bühne und eine Bar, die aussah, als hätte jemand beschlossen, dass an diesem Abend niemand auch nur eine Minute auf ein Getränk warten sollte.
Hunderte Menschen waren bereits darin.
Kellner bewegten sich mit Tabletts durch die Menge.
Überall Champagner.
Überall Stimmen.
Überall Männer, die sich begrüßten.
„Hey!“
„Du auch hier!“
Umarmungen.
Schläge auf Schultern.
Lautes Lachen.
Ein älterer Banker sah Hugo und kam direkt auf ihn zu.
„Der Analyst!“
Er legte Hugo einen Arm um die Schulter.
„Jetzt lassen sie sogar euch rein.“
„Offenbar sinken die Standards.“
„Nein. Offenbar verdienst du uns inzwischen genug Geld.“
Er drückte Hugo ein Champagnerglas in die Hand.
„Trink. Du hast es mitbezahlt.“
Hugo wollte gerade fragen, was das bedeutete, als das Licht herunterging.
Gespräche verstummten.
Dann kamen die ersten markanten Takte.
Mission: Impossible.
Die Musik dröhnte durch den Saal.
Sofort begann eine Gruppe vor der Bühne zu jubeln.
Edward erschien. Er ging langsam auf die Bühne, während die Musik immer lauter wurde.
Pfiffe.
Applaus.
Rufe.
Hugo sah sich um und musste grinsen.
Das war keine Weihnachtsansprache eines Vorstandsvorsitzenden.
Das war ein Auftritt.
Der Manager erreichte die Mitte der Bühne und hob beide Arme.
Der Jubel nahm noch einmal zu.
Er wartete.
Dann nahm er das Mikrofon.
„Was für ein verdammtes Jahr!“
Der Saal explodierte.
Er sprach über Geschäfte, über Marktanteile, über Kunden und über Gewinne.
Keine langen Zahlenkolonnen.
Keine PowerPoint-Präsentation.
Das hier war keine Vorstandssitzung.
„Wir waren letztes Jahr gut!“
Applaus.
„Dieses Jahr waren wir besser!“
Noch mehr Applaus.
„Und nächstes Jahr?“
Aus dem Saal kamen Rufe.
Edward hielt das Mikrofon in Richtung Publikum.
„NOCH BESSER!“
Hugo lachte.
Eigentlich sagte Edward nur einen Satz:
Wir erobern gerade die Welt.
Dann hob er sein Glas.
„Auf unsere Kunden!“
Jubel.
„Auf unsere Leute!“
Noch lauter.
„Und auf den verdammten Bonus!“
Jetzt brüllte der ganze Saal.
Hugo hob ebenfalls sein Glas.
Die Musik setzte wieder ein.
Die Party begann.
Die Bänder
Eine Stunde später war der Saal kaum wiederzuerkennen.
Die Musik war lauter, die Bar voller, die Gespräche gröber.
Hugo stand mit einem älteren Investmentbanker zusammen, den er schon vom Strand kannte.
Jetzt bemerkte er etwas, das ihm vorher entgangen war.
Die Frauen.
Es waren unglaublich viele junge Frauen im Saal.
Nicht die Ehefrauen oder Freundinnen der Banker und Kunden. Diese Frauen bewegten sich anders durch den Raum. Sie standen bei Gruppen von Männern, tanzten, setzten sich dazu, verschwanden wieder.
Und sie trugen Bänder.
Rot.
Blau.
Hugo sah auf sein eigenes Handgelenk.
Blau.
Er betrachtete eine junge Frau einige Meter entfernt.
Blau.
Eine andere hatte Rot.
Hugo hielt dem älteren Banker seinen Arm hin.
„Jetzt erklärst du mir das.“
Der Mann sah auf das Band.
„Was?“
„Das.“
„Blau.“
„So weit bin ich auch.“
Der Mann grinste.
„Deine Klasse.“
„Meine was?“
Der Banker deutete mit seinem Glas auf die Frauen.
„Siehst du die Bänder?“
„Deswegen frage ich.“
„Blau zu Blau. Rot zu Rot.“
Hugo sah ihn an.
Dann zu den Frauen.
Dann wieder zu ihm.
„Moment.“
Der Mann lachte bereits.
„Das sind Escorts?“
„Natürlich.“
Hugo sah sich erneut um.
„Alle Frauen mit Band?“
„Alle.“
Hugo schätzte die Zahl.
„Das sind doch Dutzende.“
„Ja.“
„Und Blau und Rot bedeutet was?“
„Preisklasse.“
Hugo blickte auf sein blaues Band.
„Und ich bin Blau.“
„Offensichtlich.“
„Warum?“
Der Banker hob die Schultern.
„Steht auf der Liste. Funktion, Bedeutung, Kunde, Mitarbeiter – irgendjemand hat entschieden, welche Kategorie du bekommst.“
„Was ist der Unterschied?“
Der Mann zeigte auf eine Frau mit rotem Band.
„Honda.“
Dann auf eine mit blauem.
„Mercedes.“
Hugo lachte laut.
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch.“
„Und wenn mir der Honda besser gefällt?“
Der Banker sah ihn an.
„Warum willst du Honda fahren, wenn dein Chef dir Mercedes bezahlt?“
Hugo schüttelte lachend den Kopf.
Der Banker nahm einen Schluck Champagner.
„Das ist Organisation.“
Hugo lachte.
„Wer bezahlt das eigentlich alles?“
„Du.“
„Ich?“
„Ich auch.“
„Was soll das heißen?“
Der Mann deutete mit dem Glas auf den Saal.
„Wo glaubst du, woher das Geld kommt? Aus dem Bonustopf.“
Hugo sah ihn an.
„Die Party?“
„Auch.“
„Die Frauen?“
„Auch.“
„Die Zimmer?“
„Natürlich.“
„Und ihr findet das gut?“
Der Banker breitete die Arme aus.
„Siehst du hier jemanden weinen?“
Hugo musste lachen.
„Wenn sie mir meinen Bonus kürzen, damit du mit einer schönen Frau nach oben gehen kannst, finde ich das weniger lustig.“
Der Banker legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Hugo, du denkst immer noch wie ein Analyst.“
„Ich bin Analyst.“
„Eben.“
Er deutete auf die Menge.
„Die Kunden lieben den Scheiß. Die Banker lieben den Scheiß. Alle kommen. Alle reden miteinander. Montag klingelt wieder das Telefon und irgendeiner von diesen Männern macht mit uns das nächste Geschäft.“
Er nahm einen Schluck.
„Das hier ist keine Ausgabe.“
Kurze Pause.
„Das ist Kundenpflege.“
Hugo sah sich um.
Zum ersten Mal begriff er, warum ihm niemand jemals davon erzählt hatte.
Das war eine eigene Welt innerhalb der Bank.
Und Analysten gehörten normalerweise nicht dazu.
Die Frau mit dem blauen Band
Später sah Hugo eine Frau, die ihm schon zuvor aufgefallen war.
Blaues Band.
Sie war wunderschön, aber das allein war es nicht.
Als sie miteinander ins Gespräch kamen, bemerkte Hugo etwas anderes.
Sie war aufmerksam.
Nicht aufdringlich.
Sie stand nicht einfach neben ihm und wartete darauf, dass er etwas tat. Wenn er sprach, sah sie ihn an. Wenn jemand dazwischenkam, verlor sie nicht sofort das Interesse. Einmal strich sie ihm beiläufig über den Arm. Später legte sie kurz eine Hand auf seine Schulter.
Kleine Gesten.
Aber Hugo bemerkte sie.
Sie tranken zusammen.
Sie tanzten.
Sie lachten.
Und irgendwann stellte Hugo fest, dass er seit einer halben Stunde überhaupt nicht mehr darauf achtete, was die anderen machten.
Das gefiel ihm.
Sehr sogar.
Später gingen sie gemeinsam nach oben.
Sie verbrachten die Nacht miteinander. Der Sex gefiel ihm, aber fast ebenso sehr gefiel ihm, dass sie danach nicht plötzlich auf Distanz ging. Sie blieb bei ihm, lag neben ihm und strich ihm langsam über den Arm.
Dann über die Schulter.
Hugo sah sie an.
„Was?“, fragte sie.
„Nichts.“
„Du guckst.“
„Darf ich nicht?“
Sie lächelte.
Wieder strich ihre Hand über seinen Arm.
Hugo fand das erstaunlich angenehm.
Er wusste, dass sie arbeitete. Natürlich wusste er das.
Trotzdem war da etwas an ihrer Art, das anders war als bei vielen Frauen, die er bisher bezahlt hatte.
Sie kümmerte sich um ihn.
So fühlte es sich jedenfalls an.
„Du bist verdammt gut“, sagte er.
Sie lachte.
„Beim Sex?“
„Auch.“
„Auch?“
„Das hier.“
Er deutete auf ihre Hand.
„Was mache ich denn?“
„Genau das ist es. Nichts Besonderes.“
Sie grinste.
„Das klingt jetzt nicht mehr wie ein Kompliment.“
„Doch. Ist eins.“
Sie strich ihm wieder über die Schulter.
Hugo schloss für einen Moment die Augen.
„Wo habt ihr eigentlich so viele Frauen her?“
„Wir?“
„Unten.“
„Ach so.“
„Das müssen fünfzig gewesen sein.“
„Mehr.“
Hugo öffnete die Augen.
„Mehr?“
„Bestimmt.“
„Wo zum Teufel bekommt eine Bank für einen Abend so viele Frauen her?“
Sie lachte.
„Die Bank holt die nicht selbst.“
„Das habe ich mir gedacht. Ich sehe den Vorstand noch nicht mit einem Telefonbuch dasitzen.“
Sie lachte wieder.
„Agenturen.“
„Eine Agentur kann so etwas organisieren?“
„Die richtige schon.“
„Welche ist die richtige?“
Sie zögerte kurz.
„Es gibt mehrere.“
Hugo sah sie an.
„Und deine?“
„Hanna.“
„Hanna wer?“
„Dvořáková.“
„Wo sitzt die?“
„Prag.“
Hugo wiederholte langsam:
„Hanna Dvořáková.“
„Ja.“
„Und die organisiert so etwas?“
„Ja.“
„Mit so vielen Frauen?“
„Nicht jede Frau heute Abend kommt von ihr. Aber sie kann große Gruppen zusammenstellen und mit anderen organisieren.“
Hugo richtete sich etwas auf.
Jetzt war der Analyst in ihm wach.
„Woher weiß die überhaupt, wen sie wem anbieten kann?“
„Sie kennt ihre Mädchen.“
„Alle?“
„Natürlich.“
„Fotos?“
„Auch.“
„Was heißt auch?“
Die Frau lächelte.
„Videos.“
Hugo hob die Augenbrauen.
„Videos?“
„Ja.“
„Was für Videos?“
„Kurze Präsentationen.“
„Wie kurz?“
„Neunzig Sekunden. Zwei Minuten. So etwas.“
„Und was ist darauf?“
Sie sah ihn an.
„Die Frau.“
„Das hätte ich jetzt fast vermutet.“
Sie lachte.
„Gesicht. Körper. Und was sie anbietet.“
Hugo schwieg kurz.
„Wie – was sie anbietet?“
„Hanna lässt das produzieren, wenn ein Mädchen in die Agentur aufgenommen wird.“
„Die Mädchen schicken ihr also Videos?“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Hanna lässt sie machen. Professionell. Kurz. Damit sie später einem Kunden zeigen kann, wen sie zur Auswahl hat.“
„Und da wird auch gezeigt, was die Frau sexuell anbietet?“
„Ja.“
„Also explizit?“
„Wenn es für ihr Angebot wichtig ist, ja.“
Hugo grinste.
„Ein Masturbationsvideo.“
Sie verdrehte die Augen.
„Nein.“
„Wenn eine Frau darin nackt zeigt, was sie sexuell macht, würde ich das durchaus so nennen.“
„Und genau deshalb ist das Video nicht für dich gemacht.“
Hugo lachte.
„Warum nicht?“
„Weil du es dir zur Unterhaltung ansehen würdest.“
„Selbstverständlich.“
Sie gab ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter.
„Es ist ein Katalog.“
Hugo wurde wieder ernst.
„Ein Katalog?“
„Im Prinzip.“
Sie erklärte ihm, dass ein Kunde bei einem großen Auftrag nicht einfach nur Namen bekomme. Er könne sich vorher ansehen, welche Frauen verfügbar seien. Die kurzen Videos zeigten Aussehen und angebotenen Service. So konnte ausgewählt werden, bevor die Frauen überhaupt anreisten.
Hugo starrte einige Sekunden an die Decke.
Dann begann er zu lachen.
„Was?“, fragte sie.
„Das ist genial.“
„Was daran?“
„Alles.“
Er drehte sich wieder zu ihr.
„Ich kenne das aus Frankfurt. Eine Frau sitzt in der Hotelbar. Man spricht sie an. In London genauso. Hier in Cannes auch. Ich dachte immer, so funktioniert das eben.“
„Manchmal.“
„Aber das da unten ist etwas völlig anderes.“
Sie sagte nichts.
Hugo dachte laut weiter.
„Die Bank sagt, wie viele Frauen sie braucht. Irgendjemand legt Kategorien fest. Hanna hat vorher ihre Frauen ausgewählt, produziert Präsentationen, weiß, welchen Service jede anbietet, stellt die Gruppe zusammen, organisiert die Reise – und unten kriegen wir Bänder, damit hinterher sogar die Abrechnung stimmt.“
Die Frau lachte.
„Du analysierst gerade meine Agentur.“
„Natürlich.“
„Du kannst nicht anders, oder?“
„Nein.“
Sie strich ihm wieder über den Arm.
Hugo sah auf ihre Hand.
Da war es wieder.
Diese Aufmerksamkeit.
„Und das hier?“
„Was?“
„Das.“
„Meine Hand?“
„Nein. Wie du dich kümmerst.“
Sie lächelte.
„Vielleicht bin ich einfach nett.“
Hugo betrachtete sie.
„Das glaube ich dir sogar.“
Sie lachte.
Er wusste noch nicht, dass hinter manchen dieser scheinbar beiläufigen Gesten ebenfalls mehr System steckte, als er ahnte.
An diesem Abend bemerkte er nur, wie sehr es ihm gefiel.
Nach einer Weile fragte er:
„Gibst du mir Hannas Nummer?“
Sie zog die Augenbrauen hoch.
„Ich liege noch in deinem Bett.“
„Das sehe ich.“
„Und du willst schon die Nummer meiner Agentur.“
„Nicht für heute.“
„Wie beruhigend.“
Hugo grinste.
„Ich will sie einfach haben.“
„Warum?“
Er überlegte kurz.
„Weil ich das irgendwann wieder haben will.“
Sie sah ihn an.
„Was?“
Hugo deutete erst auf sie und dann vage in Richtung des Festsaals weit unter ihnen.
„Dass ich nicht erst in einer Hotelbar herumfragen muss. Dass ich anrufe und jemand organisiert es.“
„Aha.“
„Und vielleicht will ich dich wiedersehen.“
„Das hättest du gleich sagen können.“
„Dann hätte ich den ganzen interessanten Teil über Hanna nicht erfahren.“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
Schließlich gab sie ihm den Kontakt.
Hugo schrieb ihn auf.
Hanna Dvořáková. Prag.
Er betrachtete den Namen einen Moment und legte den Zettel beiseite.
Dann zog er die Frau wieder zu sich.
Damals wusste er noch nicht, welche Bedeutung dieser Kontakt später bekommen würde.
Für diesen Abend war ihm das vollkommen egal.
Er hatte einen Tag am Strand verbracht, Champagner getrunken, eine Investmentbank erlebt, die ihren eigenen Erfolg wie einen Sieg feierte, und zum ersten Mal einen Teil dieser Welt gesehen, zu dem Analysten normalerweise keinen Zutritt hatten.
Und jetzt lag eine wunderschöne Frau neben ihm und strich ihm langsam über den Arm und die Schulter.
Hugo dachte an den älteren Banker unten.
Warum willst du Honda fahren, wenn dein Chef dir Mercedes bezahlt?
Er musste grinsen.
„Was ist?“, fragte sie.
„Nichts.“
Sie strich ihm wieder über den Arm.
Hugo schloss die Augen.
Die Autos waren ihm eigentlich völlig egal.
Aber an diesen Service konnte er sich gewöhnen.
K 1007
Das sollte wie eine kleine Übergangspassage wirken, nicht wie eine eigene Szene. Etwa so:
Inzwischen gehörten die regelmäßigen Reisen nach Frankfurt zu Hugos Arbeitsalltag. Alle paar Wochen musste er zur Bank, zu Besprechungen oder zu Terminen mit Kunden. Manchmal begleitete Claire ihn. Dann nahmen sie morgens gemeinsam den ersten Flug von London nach Frankfurt und flogen am Abend wieder zurück. Hugo mochte diese Tage mit ihr; während der Flüge konnten sie arbeiten, reden oder einfach nebeneinandersitzen, und Claire kannte seine Abläufe inzwischen so gut, dass vieles funktionierte, ohne dass er etwas erklären musste.
Wenn Hugo anschließend seine Familie in Hamburg besuchen wollte, kam Claire dagegen nicht mit. Nach seinen Terminen in Frankfurt fuhr oder flog er weiter nach Hamburg, blieb dort gewöhnlich ein oder zwei Nächte und kehrte anschließend direkt nach London zurück. So wechselten sich die Reisen ab: mal London–Frankfurt–London gemeinsam mit Claire, mal Frankfurt und anschließend Hamburg ohne sie. Frankfurt wurde dadurch für Hugo beinahe zu einer regelmäßigen Zwischenstation zwischen seinem Londoner Berufsleben und seiner Familie in Deutschland.
So versteht der Leser nebenbei auch, warum Claire auf mehreren Frankfurt-Flügen mit Hugo zusammen ist, ohne dass wir jedes Mal eine eigene Reise beschreiben müssen.
K 1008
Der letzte Flug nach Frankfurt
Im Spätsommer 1998 saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander im Flugzeug nach Frankfurt.
Vor Hugo lagen keine Unterlagen. Keine Geschäftsberichte, keine ausgedruckten Unternehmenszahlen, keine Notizen zu einem Kunden. Es lag lediglich ein Block vor ihm und daneben ein Stift.
Claire arbeitete.
Hugo nicht.
Er nahm den Stift und zog eine Linie auf das Papier.
Dann eine zweite.
Claire bemerkte es zunächst nicht. Hugo zeichnete weiter. Wenige Striche, bewusst einfach, fast reduziert auf das absolute Minimum.
Fünf Linien.
Mehr brauchte er nicht.
Claire blickte irgendwann von ihren Unterlagen auf das Blatt.
„Ein Frauenbauch.“
Hugo sah zu ihr.
„Sofort erkannt?“
„Natürlich.“
Er betrachtete die Zeichnung.
„Gut.“
„Was ist daran gut?“
„Dass du nicht fragen musstest, was es ist.“
Claire legte ihre Unterlagen beiseite.
„Warum zeichnest du einen Frauenbauch?“
„Das wird mein Logo.“
„Dein Logo?“
„Ja.“
„Für was?“
Hugo setzte den Stift ab.
„Für meine Firma.“
Claire sah ihn einige Sekunden an.
„Welche Firma?“
„Die, die es noch nicht gibt.“
„Ach so.“
Hugo grinste.
„Du nimmst mich nicht ernst.“
„Doch. Ich versuche nur herauszufinden, wann du beschlossen hast, eine Firma zu gründen.“
„Beschlossen ist zu viel.“
Er sah wieder auf die Zeichnung.
„Es ist eine Idee.“
Claire zog den Block etwas zu sich.
„Und warum ein Frauenbauch?“
Hugo deutete auf die Mitte der Zeichnung.
„Weil dort etwas entsteht, bevor man es sehen kann.“
Claire sah ihn an.
„Ein Kind.“
„Eine Idee.“
Jetzt verstand sie, dass er nicht mehr nur über die Zeichnung sprach.
Hugo nahm den Block wieder zu sich.
„Ich will irgendwann in Unternehmen investieren, bevor sie an die Börse gehen. Nicht warten, bis alle sehen können, dass sie erfolgreich sind. Früher rein.“
„Venture Capital.“
„Genau.“
Er tippte mit dem Stift auf den Bauch.
„Am Anfang ist da fast nichts. Eine Idee. Vielleicht zwei Leute. Vielleicht ein kleines Büro. Kein Börsenkurs, keine Analystenkonferenz, keine tausend Seiten Zahlen. Nur eine Idee und jemand, der davon überzeugt ist.“
Sein Finger wanderte über die Linien.
„Dann kommt das Wachstum.“
Claire sah auf das Blatt.
„Und am Ende?“
„Perfektion.“
„Ursprung, Wachstum, Perfektion.“
Hugo nickte.
„Genau.“
Sie betrachtete die Zeichnung länger.
„Und deshalb ein weiblicher Bauch.“
„Was symbolisiert Wachstum besser?“
Claire lächelte.
„Bei dir musste es natürlich ein Frauenbauch sein.“
„Der hat noch andere Vorteile.“
„Das dachte ich mir.“
Hugo grinste.
Dann wurde er wieder ernst.
„Ein gutes Logo muss einfach sein.“
Er nahm den Stift und zeichnete mit wenigen Strichen etwas daneben.
„Eiffelturm.“
Claire erkannte ihn.
„Paris.“
„Eben.“
Daneben skizzierte er die charakteristischen Bögen eines weiteren Gebäudes.
„Sydney Opera House.“
„Auch sofort.“
„Genau.“
„Du willst also, dass fünf Linien irgendwann für deine Firma stehen wie der Eiffelturm für Paris.“
„Warum nicht?“
Sie lachte.
„Bescheiden warst du noch nie.“
„Darum geht es nicht.“
Hugo deutete wieder auf den Bauch.
„Wenn ein junger Unternehmer irgendwann eine Idee hat und Kapital braucht, soll er das Zeichen sehen und wissen: Da kann ich hingehen.“
Jetzt sah Claire die Zeichnung mit anderen Augen.
Hugo fuhr fort.
„Keine langen Namen, die sich keiner merkt. Kein Wappen. Kein verdammter Löwe, Adler oder irgendeine Weltkugel.“
„Ein Frauenbauch.“
„Fünf Linien.“
Er nahm das Blatt hoch.
„Und du hast nach einer Sekunde gewusst, was es ist.“
Claire nickte.
„Das stimmt.“
„Dann funktioniert es.“
Sie nahm ihre Unterlagen wieder auf, legte sie aber nicht vor sich.
„Und wann gründest du diese Firma?“
Hugo schwieg.
Das war der Teil, auf den er keine Antwort hatte.
„Nicht jetzt.“
„Warum nicht?“
„Kapital.“
„Du bist nicht gerade arm.“
„Darum geht es nicht.“
Hugo wusste inzwischen sehr genau, welchen Unterschied es zwischen persönlichem Wohlstand und dem Kapital gab, das man brauchte, wenn man ernsthaft in junge Unternehmen investieren wollte.
„Wenn ich das mache, will ich nicht bei jeder guten Idee überlegen müssen, ob ich sie mir leisten kann.“
„Also brauchst du mehr.“
„Viel mehr.“
Der Neue Markt beschäftigte ihn deshalb immer stärker.
Dort passierte genau das, was ihn faszinierte. Junge Unternehmen, neue Geschäftsmodelle, enorme Wachstumsphantasien – und Kurse, die sich in einer Geschwindigkeit bewegen konnten, die bei etablierten Unternehmen kaum vorstellbar war.
Hugo investierte bereits selbst.
Und er war erfolgreich damit.
Je mehr Zeit er dafür verwendete, desto häufiger stellte er sich dieselbe Frage:
Warum analysierte er eigentlich den ganzen Tag Unternehmen für die DHK Bank, damit andere mit seinen Erkenntnissen Geld verdienten, wenn er dieselbe Fähigkeit auch für sein eigenes Vermögen einsetzen konnte?
Natürlich war das nicht dasselbe.
Er wusste das.
Aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.
Mehr Zeit für seine eigenen Investments.
Mehr Kapital aufbauen.
Und irgendwann nicht erst Aktien kaufen, wenn ein Unternehmen bereits an der Börse war.
Sondern vorher.
Dort wollte er hin.
Der Bauch lag vor ihm auf dem Papier wie ein Versprechen für etwas, das noch überhaupt nicht existierte.
Claire beobachtete ihn.
„Du wirst heute nicht verlängern.“
Hugo blickte auf.
„Heute wird gar nichts unterschrieben.“
„Du weißt, was ich meine.“
Er lehnte sich zurück.
„Ich weiß es noch nicht.“
Das war nicht ganz wahr.
Ein Teil von ihm wusste es längst.
Aber ein anderer Teil sah noch immer London.
Edward.
Claire.
Seine Stellung.
Sein Gehalt.
Seinen Bonus.
Die Karriere, die vor ihm lag.
Er hatte sich alles erarbeitet, was er einmal gewollt hatte. Und ausgerechnet jetzt, als die Bank ihn immer ernster nahm, dachte er darüber nach, alles hinzuwerfen.
„Sie werden dir viel anbieten“, sagte Claire.
„Das nehme ich an.“
„Edward will dich sowieso behalten.“
„Ich weiß.“
„Frankfurt auch.“
Hugo sah aus dem Fenster.
„Ich weiß.“
„Und?“
Er antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Vielleicht will ich einfach nicht mehr.“
Claire schwieg.
„Nicht die Arbeit“, sagte Hugo. „Die interessiert mich noch immer. Aber dieses ganze …“
Er suchte nach dem richtigen Wort.
„Leben?“
„Vielleicht.“
London, Büro, Flugzeug, Frankfurt, London.
Nächste Analyse.
Nächster Bonus.
Nächstes Jahr.
Noch mehr Verantwortung.
Noch mehr Geld.
Noch ein Schritt nach oben.
Und dann?
Der Satz aus dem Herrenclub in St James's kam ihm wieder in den Sinn.
Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.
Er hatte damals darüber gelacht.
Inzwischen tat er das nicht mehr.
Lieber ein kleiner König als ein großer Knecht.
Vielleicht war seine eigene Firma noch Jahre entfernt.
Vielleicht würde sie niemals entstehen.
Aber Hugo wusste inzwischen, dass er nicht sein ganzes Leben lang der Mann sein wollte, der die Idee fand, damit anschließend jemand anderes das große Geschäft machte.
Und noch etwas beschäftigte ihn.
Er war jung.
Er hatte Geld.
Mehr Geld, als die meisten Menschen in seinem Alter jemals besitzen würden.
Warum sollte er unmittelbar von einem Vertrag in den nächsten gehen?
Er wollte die Welt sehen.
Nicht auf Geschäftsreisen.
Nicht Flughafen, Hotel, Konferenzraum, Flughafen.
Richtig.
Amerika.
Südamerika.
Asien.
Australien.
Städte, Strände, Hotels, Nachtclubs.
Und Frauen.
Dieser Teil gehörte für Hugo genauso dazu.
Amerikanerinnen. Latinas. Asiatinnen.
Er wollte wissen, wie sie waren. Wie sie flirteten. Wie sie küssten. Wie sie Sex hatten. Was anders war und was überall gleich.
Irgendein Banker hatte einmal lachend zu ihm gesagt:
„Once you go yellow, you don't go back.“
Ein bescheuerter, vulgärer Spruch.
Hugo hatte damals gelacht.
Aber er hatte ihn nicht vergessen.
Vielleicht gerade deshalb, weil darin diese ganze Männerwelt der Bank steckte: Für alles gab es einen Vergleich, eine Kategorie, eine Geschichte darüber, was man unbedingt einmal ausprobiert haben musste.
Und Hugo musste sich eingestehen, dass ihn die Vorstellung reizte.
Nicht der Spruch.
Die Vielfalt.
Er wollte sich durch diese Vielfalt der Frauenwelt treiben lassen, ohne Beziehung, ohne Verpflichtung, ohne am Sonntagabend darüber nachdenken zu müssen, was am Montag im Büro auf ihn wartete.
Ein Jahr vielleicht.
Einfach reisen.
Sex haben.
Leben.
Und nebenbei seine eigenen Investments beobachten.
Vielleicht würde aus seinem Geld dabei mehr werden.
Vielleicht auch nicht.
Aber zum ersten Mal seit Jahren wollte Hugo keinen exakt berechneten nächsten Schritt.
Er wollte Freiheit.
Er nahm den Block, riss das Blatt mit dem Frauenbauch heraus und faltete es sorgfältig zusammen.
Claire sah ihm dabei zu.
„Hebst du das wirklich auf?“
„Natürlich.“
„Warum?“
Hugo steckte es in seine Tasche.
„Weil das vielleicht irgendwann etwas wird.“
Frankfurt
Einige Stunden später saß Hugo Edward und zwei leitenden Männern aus Frankfurt gegenüber.
Nach wenigen Minuten wusste er, dass Claire recht gehabt hatte.
Die Bank wollte ihn nicht verlieren.
Man sprach zunächst über seine Entwicklung. Über seine Analysen amerikanischer Softwareunternehmen, über Internetwerte, Medien und Telekommunikation. Über Empfehlungen, die sich als richtig erwiesen hatten.
Dann kamen die Zahlen.
Neues Gehalt.
Deutlich höherer Bonus.
Mehr Freiheit bei der Auswahl seiner Unternehmen und Branchen.
Perspektivisch eigene Mitarbeiter.
Hugo hörte aufmerksam zu.
Das Angebot war gut.
Verdammt gut.
Einer der Männer aus Frankfurt legte schließlich die Hände auf den Tisch.
„Herr Voss, ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen eigentlich bewusst ist, welchen Stellenwert Ihre Arbeit inzwischen bei uns hat.“
Hugo sah ihn an.
„Ich glaube schon.“
„Ich glaube nicht.“
Edward lächelte leicht.
Der Mann fuhr fort.
„Ihre Analysen landen nicht einfach in irgendwelchen Akten. Darauf werden Entscheidungen getroffen.“
„Das sollte der Sinn einer Analyse sein.“
„Es werden Entscheidungen über sehr viel Geld getroffen.“
Hugo schwieg.
„Unsere Leute verdienen mit Ihren Einschätzungen Geld. Unsere Kunden verdienen damit Geld. Und Kunden erinnern sich erstaunlich gut daran, wer ihnen Geld eingebracht hat.“
Edward lehnte sich zurück.
„Sag ihm, wie ihr ihn nennt.“
Der Mann sah zu Edward.
Dann wieder zu Hugo.
„Rainmaker.“
Hugo hob die Augenbrauen.
„Ich bin Analyst.“
„Das wissen wir.“
„Ich bringe keine Kunden.“
„Sie bringen etwas mit, das Kunden zu uns bringt.“
Der Mann machte eine kurze Pause.
„Gute Ideen.“
Hugo musste lächeln.
„Dann ist Rainmaker ein ziemlich großes Wort.“
„Wenn aufgrund Ihrer Arbeit Millionen bewegt werden, ist es ein ziemlich passendes Wort.“
Hugo empfand Stolz.
Er wäre ein Idiot gewesen, wenn nicht.
Vor ihm saßen Männer einer internationalen Bank und erklärten ihm, dass sie ihn für so wertvoll hielten, dass sie bereit waren, tief in die Tasche zu greifen, um ihn zu behalten.
Ein Teil von ihm genoss jede Sekunde davon.
Und gleichzeitig machte genau dieses Gespräch seine Entscheidung leichter.
Sie boten ihm mehr Geld dafür, weiterhin seine besten Gedanken an sie zu verkaufen.
Hugo dachte an das gefaltete Blatt in seiner Tasche.
Ursprung.
Wachstum.
Perfektion.
Er dachte an den Neuen Markt.
An sein eigenes Depot.
An die Unternehmen, die er finden wollte, bevor alle anderen sie fanden.
Und an die Welt, die draußen lag.
„Das Angebot ist hervorragend“, sagte er schließlich.
Der Frankfurter Manager nickte.
„Dann haben wir eine Grundlage.“
„Nein.“
Der Mann hielt inne.
„Nein?“
„Ich werde nicht verlängern.“
Edward sagte nichts.
Die anderen beiden sahen Hugo an.
„Ist es das Geld?“
„Nein.“
„Dann können wir über Ihre Position sprechen.“
„Es ist auch nicht die Position.“
„Was ist es dann?“
Hugo lehnte sich zurück.
„Ich möchte aufhören.“
„Bei uns?“
„Bei Banken.“
„Sie haben ein Angebot von einem Wettbewerber?“
„Nein.“
„Was wollen Sie dann machen?“
Hugo musste lächeln.
„Reisen.“
Der Mann sah ihn an.
„Reisen?“
„Ja.“
„Und danach?“
„Weiß ich noch nicht.“
„Sie geben Ihre Karriere auf, um zu reisen?“
„Ich gebe sie nicht auf.“
Hugo dachte kurz nach.
„Ich unterbreche sie vielleicht. Oder ich mache danach etwas anderes.“
„Was?“
„Wenn ich das wüsste, müsste ich nicht reisen.“
Edward grinste zum ersten Mal.
Der Frankfurter Manager dagegen verstand offensichtlich überhaupt nicht, warum ein junger Mann eine solche Position freiwillig verlassen sollte.
Hugo verstand es inzwischen.
Gerade weil die Bank ihn behalten wollte, konnte er gehen.
Er lief vor nichts davon.
Er musste niemandem beweisen, dass er gut genug war.
Das hatten sie ihm gerade selbst gesagt.
Rainmaker.
Mehr Geld.
Mehr Verantwortung.
Eigenes Team.
Er hätte Ja sagen können.
Er wollte nicht.
Claire
Auf dem Rückflug saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander.
Diesmal lag der Block in Hugos Tasche.
Claire wartete eine Weile.
Dann fragte sie:
„Wie viel?“
Hugo nannte ihr die Größenordnung.
Claire pfiff leise durch die Zähne.
„Und?“
„Nein.“
„Einfach Nein?“
„Einfach Nein.“
Sie sah ihn an.
„Wie fühlt sich das an?“
Hugo dachte darüber nach.
„Gut.“
„Keine Angst?“
„Doch.“
Claire hob die Augenbrauen.
„Das gibst du zu?“
„Ich bin nicht vollkommen bescheuert.“
Er sah aus dem Fenster.
„Natürlich frage ich mich, ob ich gerade einen Fehler mache.“
Das war der Teil, den er im Frankfurter Besprechungsraum nicht gesagt hatte.
Was, wenn der Neue Markt einbrach?
Was, wenn seine eigenen Investments nicht so liefen wie bisher?
Was, wenn seine Firma nur eine Zeichnung auf einem Blatt blieb?
Was, wenn er nach einem Jahr Reisen feststellte, dass er seine Karriere für nichts unterbrochen hatte?
Diese Gedanken waren da.
Aber daneben stand etwas Stärkeres.
Neugier.
„Ich will ein Jahr haben, in dem ich morgens nicht für irgendeine Bank aufstehe.“
Claire nickte.
„Und was machst du?“
„Reisen.“
„Das weiß ich.“
„Amerika. Südamerika. Asien. Vielleicht Australien.“
Claire sah ihn an.
„Und Frauen.“
Hugo grinste.
„Auch.“
„Natürlich.“
„Sehr sogar.“
„Das dachte ich mir.“
Hugo lachte.
„Ich will wissen, wie die Welt ist.“
„Nackt?“
„Unter anderem.“
Claire schüttelte lachend den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Ich bin ehrlich.“
Dann wurde Hugo wieder ernster.
„Ich will mich einfach ausleben, Claire. Ich bin jung. Ich habe Geld. Ich habe keine Frau, keine Kinder, keine Verpflichtungen. Wenn ich das nicht jetzt mache, wann dann? Mit fünfzig?“
Darauf hatte sie keine Antwort.
„Und danach?“
Hugo griff in seine Tasche.
Er zog das gefaltete Blatt heraus und legte es zwischen sie.
Claire sah auf den Frauenbauch.
„Das?“
„Vielleicht.“
„Venture Capital?“
„Irgendwann.“
„Aber nicht sofort.“
„Nein. Dafür fehlt mir noch Kapital.“
„Also baust du erst dein Vermögen weiter auf.“
„Das ist zumindest die Hoffnung.“
Er wollte seine Anlagen am Neuen Markt intensiver verfolgen. Mehr Zeit für sein eigenes Geld, weniger Zeit dafür, Unternehmen für die DHK Bank auseinanderzunehmen.
Wenn es funktionierte, konnte daraus irgendwann das Kapital entstehen, das er für die nächste Stufe brauchte.
Nicht Aktien kaufen, nachdem ein Unternehmen an der Börse war.
Kapital geben, bevor es dort ankam.
Claire strich mit dem Finger über die fünf Linien.
„Und wenn es soweit ist?“
„Was?“
„Wenn aus dem Bauch eine Firma wird.“
Hugo sah sie an.
Claire faltete das Blatt wieder zusammen und schob es ihm hin.
„Dann rufst du mich an.“
„Warum?“
„Weil ich dann zu dir komme.“
Hugo schwieg einen Moment.
„Du würdest die Bank verlassen?“
„Nicht für eine Zeichnung.“
Sie tippte auf das Papier.
„Aber wenn daraus eine richtige Firma wird und du jemanden brauchst, der verhindert, dass du sie innerhalb von drei Wochen ins Chaos stürzt – ja.“
Hugo lachte.
„Sehr schmeichelhaft.“
„Realistisch.“
„Und wenn die Firma nicht in London ist?“
„Dann ist sie eben nicht in London.“
„Ich weiß nicht einmal, in welchem Land.“
„Du weißt im Moment nicht einmal, auf welchem Kontinent du in sechs Monaten bist.“
„Stimmt.“
Claire nahm ihre Unterlagen wieder zur Hand.
„Also reist du jetzt erst einmal durch die Welt und probierst deine Amerikanerinnen, Latinas und Asiatinnen aus.“
Hugo grinste.
„Das klingt bei dir irgendwie unanständig.“
„Bei dir ist es unanständig.“
„Auch wieder wahr.“
Claire schlug ihre Unterlagen auf.
„Und wenn du mit der Artenvielfalt fertig bist, rufst du mich an.“
Hugo lachte so laut, dass sich der Mann vor ihnen kurz umdrehte.
Claire arbeitete weiter.
Hugo dagegen sah aus dem Fenster.
Unter ihnen verschwanden die Wolken langsam im Abendlicht.
Er hatte gerade eine Karriere verlassen, die hervorragend lief.
Er hatte kein neues Arbeitsverhältnis.
Keine fertige Firma.
Keinen Geschäftsplan.
Nur ein Depot, das immer größer wurde, eine Idee von Venture Capital, fünf Linien auf einem Stück Papier und eine Liste von Ländern, die er sehen wollte.
Zum ersten Mal seit Jahren wusste er nicht genau, wie sein nächstes Jahr aussehen würde.
Und genau das gefiel ihm.
K1009
St. James’s
Eine Woche nach Monaco saß Hugo wieder mit Edward und dem Kunden zusammen. Diesmal nicht zwischen Yachten, Ferraris und dem Licht des Mittelmeers, sondern in London, im St. James’s Club.
Der Club wirkte beinahe wie das Gegenteil von Monaco. Kein demonstrativer Prunk, kein Gold, das einem entgegenschrie, kein Raum, der beweisen musste, was seine Gäste besaßen. Dunkles Holz zog sich über die Wände, dazwischen schwere Ledersessel und niedrige Tische. Gedämpftes Licht fiel auf Messing, Glas und dunkle Stoffe. An der Bar standen hohe Flaschenregale vor Spiegeln; das Licht brach sich darin und ließ die Flaschen beinahe wie eine beleuchtete Wand wirken. Kleine Sitzgruppen lagen voneinander getrennt, sodass Gespräche privat blieben, obwohl der Raum nicht leer war.
Es erinnerte Hugo an eine besonders elegante, zurückhaltende Lounge: ein Ort, an dem man länger blieb, als man ursprünglich vorgehabt hatte. Zigarrenrauch hing in der Luft. Gläser klirrten gelegentlich. Niemand sprach besonders laut.
Und trotzdem hatte Hugo inzwischen verstanden, dass in solchen Räumen wahrscheinlich mehr Geld bewegt wurde als in manchem gläsernen Bankhochhaus.
Der Kunde saß tief in seinem Ledersessel, ein Glas in der Hand. In Monaco hatte Hugo ihn zunächst nicht gemocht. Zu selbstsicher. Zu spöttisch. Ein Mann, der offensichtlich Freude daran hatte, andere merken zu lassen, dass sie etwas nicht wussten.
Doch am Morgen nach dem Abendessen hatte sich etwas verändert.
Der Kunde hatte Hugos Analyse geprüft. Nicht höflich, sondern mit zwei unangenehmen Fragen, bei denen Hugo sofort verstanden hatte, dass es um Millionen ging. Hugo hatte bestanden.
Seitdem behandelte der Mann ihn anders.
Nicht als Edwards jungen Analysten.
Noch nicht ganz als seinesgleichen.
Aber als jemanden, den es sich lohnte ernst zu nehmen.
Hugo ließ den Blick durch den Raum wandern und erkannte zwei Männer wieder, die er wenige Tage zuvor in dem Restaurant in Monaco gesehen hatte. Es überraschte ihn, ihnen ausgerechnet hier erneut zu begegnen.
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Sie fragen sowieso.“
Edward grinste.
Hugo ignorierte ihn.
„Warum sehe ich eigentlich ständig dieselben Leute?“
Der Kunde hob eine Augenbraue.
„Wo?“
„Überall.“
„Das ist präzise.“
„Cannes. Monaco. London. Und Edward erzählt von denselben Leuten in der Schweiz, in Österreich, auf Sardinien. Investmentbanker, Unternehmer, irgendwelche Fondsleute. Man könnte meinen, Europa bestünde nur aus fünfhundert Menschen.“
Der Kunde lachte.
„Jetzt kommen Sie langsam dahinter.“
„Hinter was?“
Der Mann stellte sein Glas ab.
„Dass Menschen nicht dort leben, wo sie gemeldet sind.“
Hugo sah ihn fragend an.
„Natürlich wohnen sie irgendwo“, fuhr der Kunde fort. „Sie haben ein Haus in London, Paris, Hamburg, München oder Zürich. Aber das ist nicht dasselbe wie leben.“
„Wo leben sie dann?“
„Dort, wo ihre Welt stattfindet.“
Hugo wartete.
Der Kunde beugte sich etwas vor.
„Es gibt nur sehr wenige Orte auf der Welt, an denen es sich wirklich lohnt, Milliardär zu sein.“
Hugo lachte.
„Das klingt absurd.“
„Nein. Es klingt nur absurd, solange man kein Milliardär ist.“
Edward grinste in sein Glas.
„Erklär es ihm.“
„Nehmen wir irgendein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.“
Hugo musste lachen.
„Warum Mecklenburg-Vorpommern?“
„Weil mir gerade Mecklenburg-Vorpommern eingefallen ist. Nehmen Sie irgendein Dorf dort. Sie haben eine Milliarde. Wunderbar. Jetzt kaufen Sie sich einen Ferrari.“
Er hob die Hand.
„Und dann?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Fahren.“
„Wohin? Dreimal um den Dorfplatz?“
Edward lachte.
„Sie fahren morgens zum Bäcker, mittags noch einmal am Bäcker vorbei und abends ein drittes Mal, damit auch wirklich jeder gesehen hat, dass Sie einen Ferrari besitzen.“
Hugo grinste.
„Der Bäcker wäre beeindruckt.“
„Vielleicht. Und am dritten Tag hält er Sie für einen Idioten.“
Der Kunde nahm sein Glas wieder.
„Sie kaufen eine hundert Meter lange Jacht. Hervorragend. Nur gibt es dort keinen Hafen dafür. Sie besitzen eine Sammlung großer Weine, aber kein Restaurant im Umkreis von fünfzig Kilometern hat einen Sommelier, der weiß, was Sie da trinken. Sie wollen abends essen gehen und haben die Auswahl zwischen dem Landgasthof und dem Italiener im nächsten Ort.“
Der Kunde lächelte.
„Geld erweitert Möglichkeiten. Aber dafür müssen die Möglichkeiten überhaupt vorhanden sein.“
Hugo schwieg.
„Oder nehmen Sie England. Irgendein hübsches Dorf irgendwo weit draußen. Sie können dort ein Anwesen mit vierzig Schlafzimmern besitzen. Sehr schön. Sie können Pferde haben, einen See, einen Hubschrauberlandeplatz. Aber wenn Sie Menschen treffen wollen, die dieselben Möglichkeiten haben wie Sie, müssen Sie irgendwann wieder weg.“
Hugo verstand langsam.
„Also ziehen die Reichen alle an dieselben Orte.“
„Sie ziehen nicht unbedingt dorthin. Sie leben dort.“
Der Mann nahm einen Schluck.
„Das ist der Unterschied.“
Er zählte an den Fingern ab.
„Côte d’Azur. Monaco und Cannes gehören praktisch zu derselben gesellschaftlichen Landschaft. Marbella. Auf Sardinien die Costa Smeralda. Im Winter Courchevel. Kitzbühel. London sowieso. Ascot zu bestimmten Zeiten. Es gibt noch einige andere.“
„Und deshalb begegnet man sich immer wieder.“
„Natürlich.“
Der Kunde tippte mit seinem Glas gegen Hugos.
„Die Kulisse wechselt, aber die Nachbarschaft bleibt.“
Hugo ließ den Satz einen Moment wirken.
Plötzlich erschien ihm etwas vollkommen logisch, das ihm vorher künstlich vorgekommen war.
Er hatte geglaubt, diese Menschen würden sich ständig zufällig begegnen.
Aber es war kein Zufall.
Es war Nachbarschaft.
Nur bestand diese Nachbarschaft nicht aus Straßen.
Sie bestand aus Orten.
Wer in Hamburg-Altona wohnte, begegnete den Menschen aus Altona. Man ging zu denselben Bäckern, saß in denselben Restaurants, brachte die Kinder auf ähnliche Schulen, beschwerte sich über dieselben Baustellen und denselben Verkehr. Die eigene Welt entstand daraus, wo man sich bewegte.
Bei diesen Menschen funktionierte es genauso.
Nur war ihr Viertel über Europa verteilt.
Im Mai Cannes.
Im Sommer Sardinien.
Im Winter Courchevel oder Kitzbühel.
Dazwischen London.
Sie lebten gewissermaßen schichtweise an denselben Orten.
Deshalb kannte der Kunde in Monaco den Kellner. Deshalb kannte Edward dort die Restaurants. Deshalb begegneten sich dieselben Investmentbanker, Unternehmer, Vermögenden und Frauen immer wieder.
Hugo spürte dieses besondere Gefühl, das er immer bekam, wenn etwas Kompliziertes plötzlich einfach wurde.
„Also ist das hier eigentlich Altona für Reiche.“
Der Kunde brach in Gelächter aus.
Edward schüttelte den Kopf.
„Das ist vermutlich die deutscheste Beschreibung des internationalen Jetsets, die ich jemals gehört habe.“
„Aber sie stimmt.“
„Leider“, sagte der Kunde. „Sie stimmt sogar ziemlich gut.“
Er deutete mit dem Glas auf Hugo.
„Und genau deshalb verstehen Außenstehende diese Welt nicht. Sie sehen immer nur einzelne Bilder. Einen alten Mann mit einer jungen Frau in Monaco. Eine Jacht in Sardinien. Einen Banker in Courchevel. Einen Unternehmer in Cannes. Und sie glauben, das seien voneinander unabhängige Dinge.“
„Sind sie aber nicht.“
„Nein. Es ist dieselbe Gesellschaft, die ihren Aufenthaltsort wechselt.“
Hugo sah durch den Raum.
Plötzlich betrachtete er auch die Männer im Club anders.
Der Kunde beobachtete ihn.
„Sehen Sie. Der Junge hat es begriffen. Edward, du hast diesmal tatsächlich einen mit Grips ausgegraben.“
„Mit Grips und Mangel an Manieren“, sagte Edward. „Er ist in einem spießigen Haushalt aufgewachsen. Dort hält man Beschränktheit für Anstand und Neid für Moral. Das muss erst aus ihm raus.“
Hugo sah Edward kalt an.
„Ich bin nicht spießig. Ich bin vorsichtig. Das ist etwas anderes.“
„Vorsichtig“, sagte der Kunde lachend. „Das ist das Lieblingswort des deutschen Bürgertums. Man wohnt in seinem Reihenhaus, fährt einen vernünftigen Wagen und erklärt jedem, der mehr besitzt, sein Leben sei oberflächlich.“
„Vielleicht ist es das manchmal.“
„Natürlich. Reiche Menschen können genauso langweilig und dumm sein wie arme. Geld heilt keine Dummheit.“
Edward hob sein Glas.
„Darauf trinke ich.“
Der Kunde fuhr fort.
„Aber darum geht es nicht. Es geht um die Vorstellung, Verzicht sei automatisch eine moralische Leistung. Man kann sich eine Jacht nicht leisten, also erklärt man Jachten für vulgär. Man kommt nicht nach Monaco, also erklärt man Monaco für dekadent. Man bekommt die junge schöne Frau nicht, also muss mit ihr etwas nicht stimmen.“
Hugo dachte an Hamburg. An seinen Vater. An die Küche seiner Eltern. An Sparbücher und die Sicherheit, die Geld dort bedeutet hatte.
„Also erklärt man das Unerreichbare für unanständig.“
„Exakt.“
Der Kunde hob sein Glas.
Hugo spürte, wie sein Daumen über dessen Rand fuhr. Eine Bewegung, die er von seinem Vater kannte.
Ein Teil von ihm verteidigte diese alte Welt noch immer.
Vielleicht gerade deshalb, weil er sie inzwischen verlassen hatte.
Edward sah ihn an.
„Da ist er wieder.“
„Wer?“
„Der Blick.“
„Welcher Blick?“
„Der Blick, den du noch immer mit dir herumschleppst. Du siehst eine Jacht, eine Villa oder eine junge Frau neben einem alten Mann und suchst sofort nach einer moralischen Erklärung.“
„Bei den Frauen suche ich bestimmt nicht nach Moral.“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte Edward. „In Cannes hattest du noch genug davon.“
Hugo sah ihn an.
„Ich habe mich nicht geziert. Ich habe gelernt.“
Der Kunde lachte.
„Sehr vernünftig. Die Frauen haben dieses System übrigens wesentlich schneller verstanden als Sie.“
„Welches System?“
„Die Nachbarschaft.“
Hugo runzelte die Stirn.
Edward lehnte sich zurück.
„Bei den Frauen ist es übrigens genau dasselbe.“
Hugo sah ihn an. „Bei welchen Frauen?“
„Bei den Prostituierten.“
„Was soll mit denen sein?“
Edward nahm einen Schluck und stellte sein Glas wieder ab.
„Die gehen dorthin, wo das Geld ist. Glaubst du, eine gute Prostituierte aus Tschechien, Polen oder Russland bleibt irgendwo in ihrer Heimat sitzen und wartet darauf, dass zufällig ein reicher Mann vorbeikommt?“
Hugo sagte nichts. Darüber hatte er tatsächlich noch nie nachgedacht.
„Die Cleveren gehen dahin, wo ihre Kunden sind“, fuhr Edward fort. „Und wenn sie die Wahl haben, natürlich dahin, wo zusätzlich die Sonne scheint. Cannes. Monaco. Marbella. Sardinien. Im Winter tauchen sie wieder in den entsprechenden Skiorten auf.“
Der Kunde nickte. „Das Geld reist. Also reisen die Menschen, die an diesem Geld verdienen wollen, hinterher.“
„Im Grunde sind es Wanderhuren“, sagte Edward trocken.
Hugo musste lachen.
„Das klingt ziemlich mittelalterlich.“
„Ist aber nichts anderes“, sagte Edward. „Nur dass sie heute ins Flugzeug steigen.“
Hugo dachte an Petra und Lenka in Monaco. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass selbst deren Auftauchen vielleicht weniger zufällig gewesen war, als er angenommen hatte.
„Und deshalb so viele Osteuropäerinnen?“
„Natürlich“, sagte Edward. „Gerade aus den kälteren Ländern gehen viele dorthin, wo reiche Männer Urlaub machen und das Wetter besser ist.“
Er sah Hugo an und grinste.
„Wobei ich nach Monaco den Eindruck habe, dass wir beide noch etwas gemeinsam haben.“
„Was?“
„Den Geschmack bei Frauen.“
Hugo verstand, worauf er hinauswollte.
„Die beiden Tschechinnen.“
„Genau.“ Edward hob sein Glas. „Ich mag den slawischen Typ.“
Hugo grinste. „Ich offenbar auch.“
Edward nahm einen Schluck und sagte: „Die Russen haben im Kalten Krieg sowieso einen schweren strategischen Fehler gemacht.“
Hugo sah ihn an. „Welchen?“
„Sie hätten uns nicht mit Raketen drohen sollen. Sie hätten uns ihre Weiber schicken sollen. Dann wären wir heute wahrscheinlich alle Kommunisten.“
Hugo brach in Gelächter aus.
Der Kunde hob sein Glas. „Auf die verpassten Möglichkeiten sowjetischer Außenpolitik.“
Sie stießen an.
Der Kunde sah zwischen beiden hin und her.
„Sie bevorzugen beide Osteuropäerinnen?“
„Offensichtlich“, sagte Edward.
Hugo nickte.
„Die Ostweiber sind einfach besser.“
Edward lachte.
Hugo sah ihn an.
„Eigentlich haben die Russen im Kalten Krieg einen schweren strategischen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
„Sie hätten uns nicht mit Raketen drohen sollen.“
Edward wartete.
„Sie hätten uns die Weiber schicken sollen. Dann wären wir heute wahrscheinlich alle Kommunisten.“
Für einen Moment war es still.
Dann lachte Edward so laut, dass zwei Männer an einem benachbarten Tisch zu ihnen herübersahen.
Der Kunde hob sein Glas.
„Auf die verpassten Möglichkeiten sowjetischer Außenpolitik.“
Sie stießen an.
Hugo lachte mit.
Aber hinter dem Witz arbeitete der Gedanke weiter.
Geld schuf nicht nur Besitz.
Es schuf eine eigene Geografie.
Eine eigene Nachbarschaft.
Und wer genügend Geld besaß, konnte zwischen diesen Orten wechseln, ohne seine gesellschaftliche Welt überhaupt zu verlassen.
Der Kunde stellte sein Glas ab.
„Und jetzt kommen wir zu Ihnen.“
Hugo sah ihn an.
„Was ist mit mir?“
„Sie haben verstanden, wie die Welt funktioniert. Zumindest beginnen Sie damit.“
Edward verdrehte die Augen.
„Jetzt mach ihn nicht noch eingebildeter.“
Der Kunde ignorierte ihn.
„Sie analysieren Unternehmen.“
„Ja.“
„Sie erkennen, wann etwas zu teuer oder zu billig ist. Sie erkennen Entwicklungen früher als andere. Edward nimmt Ihre Analyse, die Bank macht daraus ein Geschäft und der Kunde verdient damit Geld.“
Hugo nickte langsam.
„So ungefähr.“
„Und was verdienen Sie?“
„Sehr gut.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Hugo schwieg.
Der Kunde beugte sich vor.
„Sie bekommen ein Gehalt.“
„Und einen Bonus.“
„Wunderbar.“
Er lächelte.
„Sie verkaufen also ein Produkt.“
Hugo runzelte die Stirn.
„Ich analysiere Unternehmen.“
„Für eine Bank.“
„Ja.“
„Damit die Bank daraus ein Produkt oder ein Geschäft machen kann.“
„Teilweise.“
„Und wem gehört die Entscheidung?“
Hugo antwortete nicht.
„Ihnen?“
„Nein.“
„Edward?“
„Auch nicht immer.“
„Dem Kunden.“
Hugo nickte.
„Natürlich.“
„Dann sind Sie, wenn man es brutal formuliert, ein Produktverkäufer.“
Das gefiel Hugo überhaupt nicht.
Er spürte sofort Widerstand.
„Ich verkaufe keine Waschmaschinen.“
„Nein. Sie verkaufen wesentlich teurere Dinge.“
Edward grinste.
„Jetzt wird er böse.“
„Ich bin Analyst.“
„Das bestreite ich überhaupt nicht“, sagte der Kunde. „Im Gegenteil. Sie sind offenbar ein sehr guter Analyst. Genau deshalb verstehe ich nicht, warum Sie sich damit zufriedengeben.“
„Womit?“
„Dass andere die Entscheidung treffen.“
Der Satz traf Hugo.
Der Kunde deutete auf ihn.
„Sie finden etwas. Sie analysieren es. Sie erklären Edward, warum es funktioniert. Die Bank bringt es zum Kunden. Der Kunde entscheidet. Wenn Sie recht haben, verdient der Kunde ein Vermögen. Die Bank verdient Gebühren. Edward verdient seinen Bonus.“
Er machte eine kurze Pause.
„Und Sie bekommen einen besseren Bonus.“
Hugo spürte, dass er sich verteidigen wollte.
Doch ihm fiel keine Antwort ein, die nicht genauso klang, wie der Kunde es gerade beschrieben hatte.
Natürlich war die Darstellung abfällig.
Zu einfach.
Eine Investmentbank funktionierte komplizierter.
Aber der Kern störte ihn gerade deshalb, weil er nicht völlig falsch war.
Er dachte.
Andere entschieden.
Andere setzten das große Kapital ein.
Andere nahmen den großen Gewinn.
Er wurde dafür bezahlt, recht zu haben.
Aber er besaß die Entscheidung nicht.
„Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“
Der Kunde lächelte.
„Erst einmal sollten Sie diesen Londoner Provinzbanker loswerden.“
Edward hob langsam den Kopf.
„Entschuldigung?“
„Du hast mich schon verstanden.“
Edward sah ihn gespielt beleidigt an.
„Mein Eigentum sitzt neben mir.“
„Dann behandelst du dein Eigentum schlecht.“
Hugo grinste.
Der Kunde wandte sich wieder ihm zu.
„Lösen Sie sich irgendwann von der Bank.“
Hugo wollte etwas erwidern, aber der Mann sprach weiter.
„Nicht morgen. Nicht unvorbereitet. Und schon gar nicht ohne Kapital. Aber hören Sie auf, Ihr Ziel darin zu sehen, der bestbezahlte Angestellte im Gebäude zu werden.“
Hugo dachte an sein Depot.
An die Unternehmen, die er selbst gekauft hatte.
An das Gefühl, eine Entscheidung zu treffen und niemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.
„Und dann?“
Der Kunde nahm sein Glas.
„Dann setzen Sie irgendwann Ihr eigenes Geld auf Ihre eigenen Gedanken.“
Er lehnte sich zurück.
„Glauben Sie mir, Voss: Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.“
Hugo antwortete nicht.
Edward machte irgendeine Bemerkung darüber, dass sein Nachwuchsanalyst jetzt verdorben werde. Der Kunde konterte. Beide lachten.
Hugo hörte nur noch halb zu.
Auf dieser Seite des Tisches.
Bis zu diesem Abend hatte Hugo seine Karriere immer vertikal betrachtet.
Analyst.
Mehr Verantwortung.
Mehr Gehalt.
Größerer Bonus.
Vielleicht irgendwann ein eigenes Team.
Immer weiter nach oben.
Der Kunde hatte ihm gerade eine vollkommen andere Richtung gezeigt.
Nicht höher.
Rüber.
Auf die andere Seite.
Weg von dem Mann, der analysierte, erklärte und letztlich ein Produkt der Bank mitverkaufte.
Hin zu dem Mann, der entschied.
Der eigenes Kapital einsetzte.
Der selbst bestimmte, ob eine Analyse nur Papier blieb oder zu einer Investition wurde.
Hugo sah zu Edward.
Noch vor wenigen Monaten wäre es ihm absurd erschienen, diesen Mann einen Provinzbanker zu nennen. Edward hatte ihm eine Welt geöffnet, von der Hugo vorher kaum etwas gewusst hatte.
Und jetzt saß er in einem Londoner Club und begriff zum ersten Mal, dass selbst Edward nur auf einer Seite des Tisches saß.
Der Gedanke war unangenehm.
Und gerade deshalb blieb er.
Später würde Hugo nicht mehr genau wissen, welche Whiskys sie an diesem Abend getrunken hatten oder wann sie den Club verlassen hatten.
Aber den Satz vergaß er nicht.
Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.
Als er später im Taxi durch London fuhr, dachte er noch immer daran.
Noch hatte er nicht vor zu kündigen.
Noch gab es keinen fertigen Plan für eine eigene Firma.
Noch fehlte ihm vor allem eines: genügend eigenes Kapital.
Aber zum ersten Mal dachte Hugo nicht mehr nur darüber nach, wie weit er innerhalb einer Bank kommen konnte.
Er fragte sich, warum er überhaupt dort bleiben sollte.
K 1010
The Corinthian
Inzwischen mussten sie sich nicht mehr verabreden.
Wenn Hugo abends ins The Corinthian ging, standen die Chancen nicht schlecht, dass irgendwann Farhadi, Mehta oder Whitmore auftauchten. Manchmal waren sie zu viert, manchmal nur zu zweit oder zu dritt. Aus dem zufälligen Kennenlernen war eine Gewohnheit geworden.
Hugo mochte den Laden gerade deshalb. Der lange U-förmige Holztresen, die dunklen Barhocker, der schwarz-weiß karierte Boden und die kleinen Tische hatten nichts von den steifen Restaurants, in denen er mit Kunden saß. Dazu kam die Musik. Wenn eine Band spielte, wurde aus dem Pub für ein paar Stunden ein Ort, an dem selbst Banker aufhörten, ausschließlich Banker zu sein.
An diesem Abend hatten sie einen Tisch in einer Ecke bekommen.
Mehta und Whitmore stritten bereits seit zehn Minuten über irgendein Technologieunternehmen.
„Du kaufst eine Geschichte“, sagte Farhadi zu Mehta.
„Ich kaufe Wachstum.“
„Nein. Du kaufst die Hoffnung auf Wachstum.“
„Das ist dasselbe, bevor es Wachstum gibt.“
„Das ist mit Abstand der dümmste Satz, den du diese Woche gesagt hast.“
Whitmore grinste.
„Und es ist erst Donnerstag.“
Hugo lachte.
Mehta zeigte auf ihn.
„Du brauchst gar nicht zu lachen. Du machst inzwischen genau denselben Scheiß.“
„Welchen Scheiß?“
„Neuer Markt.“
Hugo nahm einen Schluck.
„Da verdiene ich Geld.“
„Noch“, sagte Farhadi.
„Das reicht mir zunächst.“
Whitmore sah ihn an.
„Wie viel hast du da inzwischen eigentlich drin?“
„Geld.“
„Ach.“
„Eigenes Geld sogar.“
„Das grenzt die Sache enorm ein.“
Hugo grinste.
Sie wussten inzwischen, dass er privat investierte. Nicht genau, wie viel. Aber oft genug hatten sie erlebt, dass Hugo über eine Aktie anders sprach, wenn er sie selbst besaß. Dann war seine Analyse nicht mehr nur theoretisch.
Farhadi stellte ihr Glas ab.
„Warum gehst du da inzwischen so aggressiv rein?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Weil ich glaube, dass da in den nächsten Jahren verdammt viel passieren wird.“
„Das glauben gerade alle“, sagte sie.
„Deshalb muss man trotzdem die richtigen Unternehmen finden.“
Mehta nickte.
„Software. Internet. Telekommunikation.“
„Medien“, ergänzte Hugo. „Und Dinge, für die wir heute wahrscheinlich noch nicht einmal einen vernünftigen Namen haben.“
Whitmore sah ihn an.
„Du willst also reich werden.“
„Das wäre zumindest kein störender Nebeneffekt.“
„Nein“, sagte Mehta. „Das meine ich nicht. Wofür?“
Hugo sah ihn an.
„Was wofür?“
„Das Geld.“
Hugo schwieg.
Whitmore grinste.
„Arjun wird philosophisch. Bestell schnell noch etwas, bevor er nach dem Sinn des Lebens fragt.“
„Fick dich.“
Mehta sah wieder zu Hugo.
„Im Ernst. Du arbeitest wie ein Irrer. Dann gehst du nach Hause und beschäftigst dich mit deinem eigenen Depot. Irgendwann musst du doch eine Vorstellung davon haben, wozu.“
Hugo drehte sein Glas zwischen den Fingern.
„Ich will irgendwann nicht mehr für eine Bank arbeiten.“
Farhadi hob die Augenbrauen.
„Das ist neu.“
„Nein. Ich habe es nur noch nicht gesagt.“
„Was dann?“, fragte Whitmore.
„Eigenes Geld.“
„Was soll das heißen?“
„Dass ich mit meinem eigenen Geld arbeite.“
Mehta lehnte sich vor.
„Aktien?“
„Auch.“
Hugo dachte kurz nach.
„Eigentlich interessiert mich etwas anderes immer mehr.“
Die drei warteten.
„Wenn wir ein wirklich gutes Unternehmen analysieren, sind wir eigentlich schon zu spät.“
Farhadi widersprach sofort.
„Nein.“
„Doch. Nicht für einen Trade. Aber für das Unternehmen.“
Jetzt hörte auch sie genauer hin.
„Wenn die Aktie vor uns liegt, existiert die Firma längst. Die Gründer haben die Idee gehabt. Sie haben Leute eingestellt. Irgendjemand hat die ersten Rechnungen bezahlt. Das Produkt wurde entwickelt. Vielleicht gibt es schon Kunden. Dann kommen irgendwann die Banken, der Börsengang – und wir sitzen da und analysieren das Ergebnis.“
Mehta lächelte.
„Du willst vorher rein.“
„Genau.“
„Venture Capital.“
Hugo nickte.
„Irgendwann.“
Whitmore schob sein Glas zur Seite.
„Mit fremdem Geld?“
„Nein.“
„Du willst einen eigenen Fonds?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Mein Geld.“
Whitmore lachte.
„Das wird teuer.“
„Deshalb mache ich es ja noch nicht.“
Hugo deutete mit dem Glas auf ihn.
„Mir fehlt das Grundkapital. Mit ein paar Millionen kann ich an der Börse viel machen. Aber wenn ich irgendwann systematisch in junge Firmen einsteigen will, reicht das nicht.“
„Also Neuer Markt“, sagte Farhadi.
„Unter anderem. Ich will mich stärker darauf konzentrieren. Wenn ich glaube, dass dort gerade eine außergewöhnliche Phase entsteht, möchte ich nicht den ganzen Tag für die DHK Unternehmen analysieren und abends zwei Stunden für mich selbst.“
Mehta grinste.
„Jetzt kommen wir der Sache näher.“
„Ich will Zeit kaufen.“
„Mit Geld?“
„Mit Geld kann man fast alles kaufen.“
Farhadi schüttelte den Kopf.
„Jetzt klingst du wie Edward.“
„Das war keine Absicht.“
Sie lachten.
Mehta blieb bei dem Thema.
„Aber wie willst du die Unternehmen finden? Angenommen, du hast irgendwann hundert Millionen. Oder fünfhundert. Woher weißt du, welcher zwanzigjährige Spinner in irgendeiner Garage gerade etwas baut, das in zehn Jahren Milliarden wert ist?“
Hugo schwieg einen Moment.
Genau darüber hatte er bereits nachgedacht.
„Indem ich nicht darauf warte, dass er zu mir kommt.“
Mehta sah ihn interessiert an.
„Sondern?“
„Ich gehe zu ihm.“
„Persönlich?“
„Nicht überall.“
Hugo nahm eine Serviette und legte sie vor sich auf den Tisch.
„Nehmen wir Silicon Valley.“
Er tippte mit dem Finger auf eine Stelle.
„Da müsste jemand sitzen. Nicht irgendein Bankverkäufer. Jemand, der die Universitäten kennt, die Leute kennt, mit Entwicklern spricht, weiß, wer gerade eine Firma gründet und wer nur Scheiße erzählt.“
Daneben tippte er ein zweites Mal.
„Boston. Universitäten, Forschung, Technologie.“
Ein dritter Punkt.
„New York.“
Mehta nahm ihm die Serviette weg und setzte selbst einen Punkt darauf.
„Irgendwann Asien.“
„Genau.“
Whitmore betrachtete die Serviette.
„Du willst überall Büros aufmachen?“
„Kleine.“
„Wie klein?“
„Keine Ahnung. Zwei Leute. Fünf. Es geht nicht darum, dort eine Bank hinzustellen.“
„Sondern?“, fragte Farhadi.
Hugo suchte nach einer Formulierung.
„Augen und Ohren.“
Mehta nickte langsam.
„Scouts.“
„Ja. Leute, die suchen. Die sollen nicht warten, bis Goldman oder Morgan Stanley ihnen erzählt, welches Unternehmen interessant ist. Wenn irgendwo drei Studenten eine Idee haben, aus der etwas Großes werden könnte, will ich davon erfahren, bevor hundert andere davon erfahren.“
Farhadi betrachtete die Punkte auf der Serviette.
„Und wer entscheidet?“
„Ich.“
„Natürlich“, sagte sie trocken.
Hugo grinste.
„Die Leute vor Ort prüfen. Sie suchen. Sie sprechen mit den Gründern. Sie können mir sagen, dass eine Idee technisch funktioniert oder wirtschaftlich völliger Unsinn ist. Aber das Geld ist meines. Also entscheide ich.“
Whitmore sah ihn an.
„Du willst also keinen Partner.“
„Nein.“
„Keine Anleger.“
„Nein.“
„Keine Leute, die dir sagen, was du mit ihrem Geld machen darfst.“
„Jetzt hast du es verstanden.“
Mehta lachte.
„Das ist die Hugo-Voss-Version von Teamarbeit.“
„Ich höre mir jeden an. Ich muss ihm nur nicht gehorchen.“
Farhadi lächelte.
„Das wiederum gefällt mir.“
Whitmore nahm die Serviette und betrachtete die Punkte.
„Und wenn die Firma funktioniert?“
„Dann halte ich die Beteiligung. Oder sie geht irgendwann an die Börse. Oder jemand kauft sie. Das weiß ich vorher doch nicht.“
„Du willst also eigentlich dahin, wo das Wachstum anfängt.“
Hugo nickte.
„Genau.“
Für einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann lehnte Whitmore sich zurück.
„Gut. Hugo baut sein Imperium. Was machen wir?“
„Du kaufst dir wahrscheinlich irgendeinen schwimmenden Palast“, sagte Farhadi.
Whitmore grinste.
„Eine richtig große Yacht.“
Hugo schüttelte sofort den Kopf.
„Würde ich nie kaufen.“
„Weil du noch nicht genug Geld hast.“
„Nein. Weil das Ding totes Kapital ist.“
Whitmore sah ihn an.
„Du hast keine Seele.“
„Ich habe einen Taschenrechner.“
Mehta lachte.
Hugo fuhr fort.
„Eine Yacht kostet Geld beim Kauf, Geld im Hafen, Geld beim Fahren, Geld für die Mannschaft, Geld für Wartung. Und während du das alles bezahlst, wird sie älter.“
„Dafür gehört sie dir.“
„Warum muss sie mir gehören? Wenn ich eine brauche, charter ich eine.“
Whitmore schüttelte den Kopf.
„Du wirst der langweiligste reiche Mann Europas.“
„Kann sein. Dafür habe ich mehr Geld als du.“
Farhadi lachte.
„Und was willst du mit dem ganzen Geld machen, wenn du nichts kaufen willst?“
Hugo wollte antworten.
Dann hielt er inne.
Denn die ehrliche Antwort hatte mit Büros, Beteiligungen und dem Neuen Markt nur teilweise zu tun.
Er wollte durchaus Dinge.
Nur andere.
Er wollte Frauen.
Der Gedanke kam inzwischen fast automatisch.
Seit Cannes war allerdings etwas hinzugekommen, das vorher nicht da gewesen war.
Angst.
Nicht vor den Frauen selbst.
Vor dem Gedanken an das, was vor ihm gewesen sein konnte.
Ein fremder Mann. Körperflüssigkeiten. Sperma. Eine Oberfläche, ein Handtuch, ein Bett, eine Frau, bei der er nicht wusste, wer wenige Stunden zuvor bei ihr gewesen war.
Und dahinter immer wieder dieselbe Angst vor Krankheiten.
Die Monate nach Cannes hatten etwas in ihm hinterlassen. Selbst wenn sein Verstand wusste, dass nicht jede Berührung gefährlich war, ließ sich dieses Gefühl nicht einfach wieder abschalten.
Er wollte Sex.
Viel Sex.
Er wollte unterschiedliche Frauen kennenlernen, reisen, ausprobieren, genießen.
Aber er wollte dabei nicht jedes Mal diesen verdammten Gedanken im Kopf haben.
Wer war vor mir hier?
Er wollte Sauberkeit.
Kontrolle.
Sicherheit.
Frauen, bei denen er nicht ständig darüber nachdenken musste, ob irgendein anderer Mann wenige Stunden vorher mit ihnen im Bett gewesen war.
Wie genau ein solches Leben aussehen sollte, wusste er selbst noch nicht.
Und ganz sicher würde er es den drei jetzt nicht erklären.
„Hugo?“
Farhadi sah ihn an.
„Was?“
„Du warst gerade weg.“
„Ich habe nachgedacht.“
Whitmore grinste.
„Das ist bei dir meistens teuer.“
Mehta zeigte auf ihn.
„Also noch einmal. Wie willst du leben?“
Hugo sah die drei an.
Er hätte sagen können, was er gerade gedacht hatte.
Tat er natürlich nicht.
„Hervorragend.“
Whitmore lachte.
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Was heißt hervorragend?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„So, dass ich niemanden fragen muss.“
Farhadi betrachtete ihn.
„Das ist schon eine bessere Antwort.“
„Ich will arbeiten, wenn ich arbeiten will. Reisen, wenn ich reisen will. Wenn ich drei Monate irgendwohin will, dann gehe ich drei Monate irgendwohin. Wenn ich morgen beschließe, zwei Wochen nichts zu tun, muss niemand meine Abwesenheit genehmigen.“
„Und Frauen“, sagte Whitmore.
Hugo grinste.
„Frauen sind grundsätzlich eine gute Ergänzung.“
„Grundsätzlich?“
„Sehr grundsätzlich.“
Mehta hob sein Glas.
„Jetzt klingt es wenigstens nach einem Leben.“
Whitmore lehnte sich zurück.
„Ich will eine Yacht, Frauen und Partys, bei denen ich am nächsten Morgen nicht mehr weiß, was sie gekostet haben.“
„Das mit der Yacht bleibt dumm“, sagte Hugo.
„Wenn ich reich genug bin, darf ich dumm sein.“
Farhadi schüttelte den Kopf.
„Ihr seid beide Idioten.“
Mehta sah sie an.
„Und du?“
Sie nahm einen Schluck.
„Ich möchte so reich werden, dass ich vollkommen unabhängig bin. Wenn dabei herauskommt, dass ich die reichste Frau Europas bin, werde ich mich nicht beschweren.“
„Endlich Ehrgeiz“, sagte Whitmore.
Mehta hob sein Glas.
„Mir reicht es, verdammt gut zu leben und bei Dingen dabei zu sein, die wirklich groß werden.“
„Das klingt erstaunlich vernünftig“, sagte Hugo.
„Warte ab, bis ich reich bin.“
Sie lachten.
Hugo sah die drei an.
Noch war es ein Gespräch unter Freunden in einem Pub.
Farhadi wusste nicht, wie groß Hugos Depot tatsächlich war. Mehta wusste nicht, ob aus den Punkten auf der Serviette jemals echte Büros werden würden. Whitmore wusste nicht, ob Hugo mit seiner Vorstellung von eigenem Kapital überhaupt jemals die Größenordnung erreichen konnte, die dafür notwendig war.
Aber sie wussten jetzt mehr.
Sie wussten, dass Hugo am Neuen Markt mit eigenem Geld investierte.
Sie wussten, dass er Kapital aufbauen wollte.
Und sie wussten, dass er nicht davon träumte, irgendwann Vorstand einer großen Bank zu werden.
Er wollte etwas Eigenes.
Ein System aus Kapital, Beteiligungen und Menschen an verschiedenen Orten, die Unternehmen fanden, bevor sie jeder kannte.
Hugo nahm seine Serviette wieder und betrachtete die wenigen Punkte.
Noch waren es nur Kugelschreiberflecken.
Aber die Idee gefiel ihm.
Vielleicht musste man nicht darauf warten, dass die nächste große Firma an die Börse kam.
Vielleicht musste man nur früh genug dort sein, wo sie entstand.
K 1011
Die Reise
Im Januar 1999 begann Hugo das zu tun, wovon er während seiner letzten Monate bei der Bank immer häufiger gesprochen hatte.
Er reiste.
Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Es gab keine Termine, die seine Route bestimmten, keinen Rückflug, den eine Sekretärin bereits gebucht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren gehörte seine Zeit ausschließlich ihm.
Anfangs fühlte sich das beinahe unwirklich an.
Er konnte morgens im Hotel aufwachen und erst beim Frühstück entscheiden, ob er noch drei Tage blieb oder am Nachmittag weiterflog. Er las Zeitungen, beobachtete die Märkte und kümmerte sich weiterhin um sein Depot, aber niemand rief ihn an und verlangte eine Analyse bis zum Abend.
Und natürlich waren da die Frauen.
Hugo hatte sich auch darauf gefreut.
Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestanden hatte.
Er hatte Geld. Er hatte Zeit. Er war jung. Er konnte reisen, wohin er wollte. Und er hatte keinerlei Interesse daran, diese Freiheit ausgerechnet jetzt gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
In seiner Vorstellung hatte das ausgesprochen einfach ausgesehen.
Die Wirklichkeit war komplizierter.
Die erste Reise führte ihn noch im Winter in die Berge.
Er hatte sich für einige Tage ein luxuriöses Chalet genommen. Tagsüber fuhr er Ski, abends saß er vor dem Kamin, trank Wein und beobachtete durch die großen Fenster den Schnee.
Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine Frau vermitteln.
Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel.
Als sie hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.
„Du wohnst hier allein?“
„Ja.“
„In dem ganzen Haus?“
„Für eine Woche.“
Sie lachte.
„Du bist verrückt.“
„Warum?“
„Ich würde hier zwanzig Leute unterbringen.“
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
„Genau deshalb habe ich es gemietet. Damit keine zwanzig Leute hier sind.“
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer.
Das Feuer brannte bereits. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich.
Hugo setzte sich neben sie.
Sie redeten zunächst.
Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo einen osteuropäischen Akzent herauszuhören.
Er fragte nicht weiter.
Nach dem zweiten Glas rückte sie näher.
Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.
Hugo küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich.
Es war genau das, was er gewollt hatte.
Eigentlich.
Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.
„Komm“, sagte sie irgendwann leise.
Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.
„Willst du vorher duschen?“
Sie sah ihn an.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Warum?“
„Einfach so.“
Sie musterte ihn.
„Bin ich schmutzig?“
„Nein.“
„Warum soll ich dann duschen?“
„Es ist nur eine Marotte von mir.“
Sie lächelte wieder, aber etwas war verschwunden.
„Eine komische Marotte.“
„Mag sein.“
Sie stand schließlich auf.
Während Hugo allein vor dem Kamin zurückblieb, hörte er oben das Wasser rauschen.
Und ärgerte sich.
Nicht über sie.
Über sich.
Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt, sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt, seine Hand auf ihrer Brust nicht zurückgewiesen – und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen.
Wer war vorher bei ihr gewesen?
Er wusste es nicht.
Vielleicht niemand.
Vielleicht vor drei Tagen jemand.
Vielleicht vor drei Stunden.
Sein Verstand sagte ihm, dass er sich in etwas hineinsteigerte.
Sein Ekel interessierte sich nicht für seinen Verstand.
Später kam Sophie in einem Bademantel zurück.
„Besser?“
Hugo lächelte etwas verlegen.
„Besser.“
Sie setzte sich rittlings auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an.
„Du bist wirklich komisch.“
„Das haben schon andere festgestellt.“
„Aber süß komisch.“
Sie küsste ihn.
Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von einer Schulter. Seine Lippen folgten der freigewordenen Haut.
Diesmal konnte er sich fallen lassen.
Später lagen sie vor dem Kamin unter einer Decke. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar.
Es war schön.
Aber am nächsten Morgen ging sie.
Am Abend war das Chalet wieder still.
Hugo stand am Fenster und sah auf den Schnee.
Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte.
Und sie wusste beinahe nichts über ihn.
Vielleicht war genau das Freiheit.
Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.
Einige Wochen später war er in Thailand.
Hier war alles anders.
Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein.
Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer.
Zwei Frauen kamen mit.
Eine nannte sich May, die andere Lin.
Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.
Sie fuhren morgens hinaus.
Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.
May saß neben Hugo auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille.
Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.
„Too fast.“
Hugo sah zum Fahrer.
„Faster.“
„No!“
Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas.
May schlug Hugo gegen die Schulter.
„You are crazy.“
„You wanted a boat.“
„Not to die.“
Lin saß ihnen gegenüber und lachte.
An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen.
Sie sprangen ins Wasser.
May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.
Sie schrie auf.
„No! Hugo!“
Er warf sie zurück ins Meer.
Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Asshole!“
„You know that word.“
„I know many words.“
Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken.
Hugo fing sie wieder ab.
Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest.
Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.
Hugo küsste sie.
Sie schmeckte nach Salz.
Als sie sich lösten, strich Hugo ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken hinunter.
May lächelte.
„Better than throwing me.“
„We can do both.“
„First this.“
Sie küsste ihn wieder.
Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo.
Hugo strich mit der Hand über ihren Rücken.
Überall war Sonne.
Meer.
Warme Haut.
Keine Bank.
Kein Edward.
Kein London.
Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.
Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durchs flache Wasser zu tragen.
„Put me down.“
„Why?“
„Because I'm heavy.“
„You're not.“
„Liar.“
„I'm an analyst. We don't lie.“
Sie lachte.
„Bankers always lie.“
„I'm not a banker anymore.“
„What are you?“
Hugo dachte kurz nach.
„Rich tourist.“
May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.
Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel.
Es wurde eine lange Nacht.
Und trotzdem war am nächsten Mittag alles vorbei.
May gab Hugo beim Abschied einen Kuss.
„Maybe see you again.“
„Maybe.“
Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde.
Die Tür schloss sich.
Hugo blieb allein zurück.
Wieder.
Zwei Tage später hätte er eine andere Frau bestellen können.
Genau darin lag das Problem.
Er hätte jeden Abend eine andere haben können.
Aber er wollte nicht jeden Abend wieder bei null anfangen.
Mit der Zeit bemerkte Hugo noch etwas.
Er war außerhalb Europas unsicherer, als er erwartet hatte.
In London, Cannes oder Monaco glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht.
Wer war wirklich Escort?
Wer arbeitete für wen?
Was war erlaubt?
Was wurde nur geduldet?
Welche Regeln galten im Hotel?
Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen.
Es geschah überhaupt nichts.
Die Beamten gingen zum Tresen, sprachen mit dem Besitzer und verschwanden einige Minuten später wieder.
Hugo dagegen hatte während dieser wenigen Minuten einen unangenehmen Druck im Magen gespürt.
Die Frau bemerkte es.
„You scared?“
„No.“
Sie grinste.
„Yes.“
„Why should I be scared?“
„Police.“
„I saw them.“
„No problem.“
Das sagte sie vollkommen gelassen.
Hugo war trotzdem froh, als sie wieder verschwunden waren.
Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand.
Noch mehr hasste er die Vorstellung, irgendwo in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.
Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
Von Asien flog er weiter.
Wochen wurden zu Monaten.
Hotels, Flughäfen, Strände, Restaurants.
Manchmal war es großartig.
Manchmal langweilte er sich.
Manchmal fragte er sich morgens beim Aufwachen für einige Sekunden, in welcher Stadt er überhaupt war.
In Brasilien blieb er länger.
Dort lernte er über einen Concierge eine Frau kennen, die sich Mariana nannte.
Sie hatte langes dunkles Haar, gebräunte Haut und dieses leichte, selbstverständliche Lachen, das Hugo sofort gefiel.
Am ersten Nachmittag gingen sie an den Strand.
Mariana lief barfuß am Wasser entlang und trug ihre Sandalen in einer Hand.
Hugo ging neben ihr.
„You always look“, sagte sie irgendwann.
„Where?“
Sie zeigte auf ihre Augen.
„Not here.“
Hugo grinste.
„I look there too.“
„Sometimes.“
Sie drehte sich vor ihm um und ging einige Schritte rückwärts.
„Now?“
„Now I have no choice.“
Sie lachte, drehte sich wieder um und lief weiter.
Hugo legte einen Arm um ihre Taille.
Sie ließ es zu.
Seine Hand wanderte etwas tiefer.
Mariana sah seitlich zu ihm.
„Hugo.“
„What?“
„People.“
„They have seen an ass before.“
Sie schlug seine Hand weg, lachte aber dabei.
Wenige Schritte später legte sie selbst seinen Arm wieder um ihre Hüfte.
Am nächsten Tag mietete Hugo erneut ein Boot.
Diesmal nur für die beiden.
Sie fuhren an der Küste entlang und ankerten schließlich in einer kleinen Bucht.
Mariana lag auf dem Deck in der Sonne. Hugo setzte sich neben sie.
„Turn around.“
„Why?“
„Sunscreen.“
„You want sunscreen?“
„You need sunscreen.“
Sie drehte sich auf den Bauch.
Hugo verteilte Sonnencreme auf ihren Schultern und ihrem Rücken.
„Professional“, murmelte Mariana.
„Very.“
Seine Hände glitten langsam an ihren Seiten entlang.
„That is not sunscreen anymore.“
„Still professional.“
Sie drehte sich halb zu ihm um und zog ihn zu sich.
Hugo küsste sie.
Eine Weile später saßen sie am Rand des Bootes, die Beine über dem Wasser.
Mariana lehnte sich gegen ihn.
Hugo strich ihr über den Bauch und ließ seine Hand unterhalb ihrer Brust liegen.
Sie nahm seine Hand und schob sie ein Stück höher.
„Better.“
Hugo lächelte.
„I agree.“
Sie sprang plötzlich ins Wasser.
„Come!“
Hugo folgte ihr.
Wieder dieses Spiel.
Schwimmen.
Lachen.
Er fing sie, hob sie aus dem Wasser, während sie protestierte, und ließ sie wieder hineinfallen.
Sie tauchte auf und spritzte ihm Wasser ins Gesicht.
Später lagen sie erschöpft nebeneinander auf dem Deck.
Mariana legte ein Bein über seines und den Kopf auf seine Schulter.
Hugo strich ihr über die Brust, über ihren Bauch und wieder zurück. Sie schloss die Augen.
Es war ruhig.
Nur das leichte Schlagen des Wassers gegen den Rumpf.
Hugo hätte stundenlang so liegen können.
Und genau in diesem Moment verstand er einen Teil seines Problems.
Er wollte nicht ausschließlich Sex.
Er wollte auch das hier.
Nicht Liebe.
Nicht Beziehung.
Nicht Heirat.
Aber Vertrautheit.
Eine Frau, die nicht nach zwei Stunden wieder aufstand, ihr Geld nahm und verschwand.
Eine, mit der er einen Tag verbringen konnte.
Die mit ihm schwamm.
Die lachte, wenn er sie ins Wasser warf.
Die beim Essen neben ihm saß.
Die irgendwann selbstverständlich ihre Beine über seine legte.
Mit Mariana funktionierte es besser.
Drei Tage verbrachten sie miteinander.
Am vierten musste sie weg.
„Family“, sagte sie.
Ob das stimmte, wusste Hugo nicht.
„Tomorrow?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Maybe next week.“
Hugo würde nächste Woche nicht mehr hier sein.
Sie küsste ihn zum Abschied.
„You are nice.“
Hugo grinste.
„That's terrible.“
„Why?“
„I was trying to be interesting.“
Sie lachte und küsste ihn noch einmal.
Dann ging sie.
Hugo sah ihr vom Hoteleingang aus nach.
Wieder vorbei.
Es war nicht so, dass die Reise nicht funktionierte.
Das wäre falsch gewesen.
Hugo hatte wunderschöne Tage.
Er sah Orte, die er vorher nur aus Zeitschriften kannte. Er aß hervorragend, wohnte in ausgezeichneten Hotels, charterte Boote, lag an Stränden und lernte Frauen kennen, die er ausgesprochen attraktiv fand.
Auch sexuell bekam er ziemlich genau das, wonach er gesucht hatte.
Und trotzdem funktionierte sein System nicht.
Das bemerkte er erst allmählich.
Es fehlte etwas.
Bei jeder neuen Frau begann derselbe Vorgang von vorn.
Wer war sie?
Was wollte sie?
Konnte er ihr vertrauen?
Wie funktionierte die Bezahlung?
Was erwartete sie?
Was erwartete er?
War das Hotel ein Problem?
War die Polizei ein Problem?
Und immer wieder, besonders in den ersten Minuten, kam dieser andere Gedanke.
Sauberkeit.
Hygiene.
Andere Männer.
Krankheiten.
Manchmal verschwand der Gedanke, sobald er eine Frau länger kannte.
Manchmal nicht.
Dann konnte eine einzige Kleinigkeit genügen.
Ein Handtuch.
Ein fremdes Haar im Badezimmer.
Eine Bemerkung darüber, wo sie am Abend zuvor gewesen war.
Und plötzlich war Cannes wieder da.
Nicht als konkrete Erinnerung an die beiden Frauen.
Als Angst.
Hugo ärgerte sich darüber.
Er hatte sich ausgerechnet dieses Leben ausgesucht, um frei zu sein.
Und nun stellte er fest, dass sexuelle Freiheit ziemlich wenig wert war, wenn man dabei ständig darüber nachdachte, wer vor einem dagewesen war.
Irgendwann erinnerte er sich an die andere Frau aus Cannes.
Nicht an die beiden Frauen von damals.
An die Escortfrau von der späteren Bankveranstaltung.
Er saß allein beim Frühstück eines Hotels, als ihm plötzlich einfiel, was bei ihr anders gewesen war.
Es war nicht ihr Aussehen.
Schön waren viele der Frauen gewesen, die er während seiner Reise kennengelernt hatte.
Es waren Kleinigkeiten gewesen.
Sie hatte bemerkt, wenn sein Glas leer wurde.
Sie hatte sich beim Gespräch zu ihm gedreht, als gäbe es in dem Raum niemanden, der wichtiger war.
Eine beiläufige Hand auf seinem Arm.
Ein Fuß an seinem Bein.
Eine Zigarre, die sie in den Mund nahm, anfeuchtete und schließlich anzündete, wobei sie sinnlich daran zog und noch einmal dagegenblies, bevor sie sie ihm reichte.
Später hatte sie ihm die Schuhe ausgezogen.
Nicht unterwürfig.
Nicht übertrieben.
Einfach selbstverständlich.
Damals hatte Hugo das genossen, ohne besonders darüber nachzudenken.
Jetzt verstand er, wie ungewöhnlich es gewesen war.
Sie hatte ihm für einige Stunden das Gefühl gegeben, dass der Abend mit ihm stattfand und nicht lediglich neben ihm.
Natürlich war sie dafür bezahlt worden.
Hugo war nicht naiv.
Aber das änderte nichts daran, dass sie es besser gemacht hatte.
Und dann erinnerte er sich an den Namen.
Hanna Dvořáková.
Prag.
Er hatte den Kontakt noch.
Hugo rief einige Tage später an.
Eine Frau meldete sich auf Englisch.
„Dvořáková.“
„Hanna Dvořáková?“
„Yes.“
„Mein Name ist Hugo Voss.“
Kurze Stille.
„Should I know you, Mr Voss?“
Hugo musste lächeln.
„Wahrscheinlich nicht.“
„Then you have an advantage. You know who I am.“
„Ich habe Ihren Namen von einer Ihrer Frauen.“
„That does not narrow it down.“
„Cannes. Eine Veranstaltung einer Bank.“
Wieder kurze Stille.
„Which bank?“
Hugo nannte sie.
„When?“
Er erklärte es.
Hanna fragte nach der Frau. Hugo beschrieb sie so gut er konnte.
„Ah“, sagte Hanna schließlich.
Offenbar erinnerte sie sich.
„She gave you my number?“
„Ja.“
„Then she must have liked you.“
„Oder sie wollte Ihrer Firma einen Kunden beschaffen.“
Hanna lachte.
„Maybe both.“
Hugo lehnte sich im Sessel zurück.
„Ich brauche Frauen.“
„That is usually why men call me.“
„Nicht eine.“
„That is also not unusual.“
Hugo grinste.
„Ich reise gerade.“
„Where?“
Er nannte ihr einige der Länder und Städte der vergangenen Monate.
„And you cannot find women there?“
„Doch. Das ist nicht das Problem.“
„Then what is the problem?“
Hugo überlegte.
Wie erklärte man etwas, das man selbst gerade erst verstanden hatte?
„Es funktioniert nicht richtig.“
„What doesn't?“
„Die Frauen wechseln ständig. Ich kenne sie nicht. Sie kennen mich nicht. Jedes Mal fängt alles wieder von vorne an.“
Hanna schwieg.
„Und ich möchte vorher wissen, wen ich treffe.“
„Looks?“
„Auch.“
„What else?“
„Wie sie ist.“
„That is more difficult.“
„Die Frau in Cannes hat mir erzählt, dass Sie Videos haben.“
Jetzt wurde Hannas Stimme geschäftlicher.
„Presentations.“
„Videos.“
„Presentations“, wiederholte sie.
Hugo grinste.
„Gut. Präsentationen.“
Hanna erklärte ihm, dass neue Frauen vorgestellt und für Kunden dokumentiert würden. Er könne sich vor einer Buchung ein Bild machen und Wünsche äußern. Nicht jede Frau sei ständig verfügbar, und nicht jede passe zu jedem Kunden.
Genau dieser letzte Satz gefiel Hugo.
„Und wo sind Ihre Frauen?“
„Everywhere.“
„Das hilft mir nicht.“
Hanna lachte.
„Many are in Europe. A lot of them move. Côte d'Azur in season. Monaco. Cannes. Saint-Tropez. Sometimes Italy, Spain, Switzerland, Austria. Depends on the time of year.“
Hugo schwieg.
Wieder dieselben Orte.
Er musste an das Gespräch im St. James’s denken.
Die Nachbarschaft zog weiter.
Und offenbar zogen die Frauen mit.
„Wenn ich an die Côte d’Azur komme?“
„Then I can arrange something.“
„Nicht irgendetwas.“
„I know.“
„Woher?“
„Because you called Prague from the other side of the world instead of asking your hotel concierge for another girl.“
Hugo musste lachen.
Sie hatte ihn innerhalb weniger Minuten verstanden.
„Schicken Sie mir erst einmal die Präsentationen.“
„I can show you what is available.“
„Mehrere.“
„Of course.“
„Und dann suche ich aus.“
„You can tell me what you like.“
Hugo dachte an die Frauen der vergangenen Monate.
An Sophie vor dem Kamin.
An May im warmen Wasser.
An Mariana auf dem Boot.
Es waren schöne Erinnerungen.
Keine davon bereute er.
Aber keine dieser Frauen gehörte zu seinem Leben. Sie waren hineingekommen und wieder verschwunden, manchmal innerhalb weniger Stunden.
Vielleicht lag das Problem gar nicht darin, dass er Prostituierte buchte.
Vielleicht lag es darin, wie er sie bisher buchte.
Zufällig.
Immer neu.
Ohne Auswahl.
Ohne System.
Ohne jemanden, der wusste, was er wollte.
„Gut“, sagte Hugo. „Dann komme ich zurück nach Europa.“
„Only because of women?“
Hugo sah aus dem Fenster.
„Ich habe schlechtere Gründe für eine Reise gehört.“
Hanna lachte.
„Call me when you know where you are staying.“
„Das mache ich.“
Er legte auf.
Für einige Sekunden blieb er sitzen.
Die Weltreise war damit nicht gescheitert.
Im Gegenteil.
Sie hatte ihm ziemlich genau gezeigt, was ihm gefiel.
Sonne.
Meer.
Reisen.
Schöne Frauen.
Keine Verpflichtungen.
Die Freiheit, einen Ort zu verlassen, sobald er ihn langweilte.
Aber sie hatte ihm ebenso deutlich gezeigt, was ihm nicht gefiel.
Zufälligkeit.
Unsicherheit.
Immer neue Frauen, über die er nichts wusste.
Dieses unangenehme Gefühl, nicht zu wissen, wer vor ihm bei ihnen gewesen war.
Und vor allem Begegnungen, die beendet waren, kaum dass sie angefangen hatten, vertraut zu werden.
Hugo hatte geglaubt, Freiheit bedeute, überall auf der Welt irgendeine Frau bekommen zu können.
Inzwischen wollte er etwas Anspruchsvolleres.
Er wollte auswählen können.
Er wollte wissen, wer kam.
Und wenn ihm eine Frau gefiel, wollte er sie nicht zwangsläufig am nächsten Morgen zum letzten Mal in seinem Leben sehen.
Er nahm den Telefonhörer erneut ab und ließ sich mit der Rezeption verbinden.
„I need a flight to Europe.“
Damit begann seine Rückkehr.
K 1012
Die Reise
Im Januar 1999 begann Hugo das zu tun, wovon er während seiner letzten Monate bei der Bank immer häufiger gesprochen hatte.
Er reiste.
Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Es gab keine Termine, die seine Route bestimmten, keinen Rückflug, den eine Sekretärin bereits gebucht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren gehörte seine Zeit ausschließlich ihm.
Anfangs fühlte sich das beinahe unwirklich an.
Er konnte morgens im Hotel aufwachen und erst beim Frühstück entscheiden, ob er noch drei Tage blieb oder am Nachmittag weiterflog. Er las Zeitungen, beobachtete die Märkte und kümmerte sich weiterhin um sein Depot, aber niemand rief ihn an und verlangte eine Analyse bis zum Abend.
Und natürlich waren da die Frauen.
Hugo hatte sich auch darauf gefreut.
Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestanden hatte.
Er hatte Geld. Er hatte Zeit. Er war jung. Er konnte reisen, wohin er wollte. Und er hatte keinerlei Interesse daran, diese Freiheit ausgerechnet jetzt gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
In seiner Vorstellung hatte das ausgesprochen einfach ausgesehen.
Die Wirklichkeit war komplizierter.
Die erste Reise führte ihn noch im Winter in die Berge.
Er hatte sich für einige Tage ein luxuriöses Chalet genommen. Tagsüber fuhr er Ski, abends saß er vor dem Kamin, trank Wein und beobachtete durch die großen Fenster den Schnee.
Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine Frau vermitteln.
Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel.
Als sie hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.
„Du wohnst hier allein?“
„Ja.“
„In dem ganzen Haus?“
„Für eine Woche.“
Sie lachte.
„Du bist verrückt.“
„Warum?“
„Ich würde hier zwanzig Leute unterbringen.“
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
„Genau deshalb habe ich es gemietet. Damit keine zwanzig Leute hier sind.“
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer.
Das Feuer brannte bereits. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich.
Hugo setzte sich neben sie.
Sie redeten zunächst.
Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo einen osteuropäischen Akzent herauszuhören.
Er fragte nicht weiter.
Nach dem zweiten Glas rückte sie näher.
Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.
Hugo küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich.
Es war genau das, was er gewollt hatte.
Eigentlich.
Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.
„Komm“, sagte sie irgendwann leise.
Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.
„Willst du vorher duschen?“
Sie sah ihn an.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Warum?“
„Einfach so.“
Sie musterte ihn.
„Bin ich schmutzig?“
„Nein.“
„Warum soll ich dann duschen?“
„Es ist nur eine Marotte von mir.“
Sie lächelte wieder, aber etwas war verschwunden.
„Eine komische Marotte.“
„Mag sein.“
Sie stand schließlich auf.
Während Hugo allein vor dem Kamin zurückblieb, hörte er oben das Wasser rauschen.
Und ärgerte sich.
Nicht über sie.
Über sich.
Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt, sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt, seine Hand auf ihrer Brust nicht zurückgewiesen – und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen.
Wer war vorher bei ihr gewesen?
Er wusste es nicht.
Vielleicht niemand.
Vielleicht vor drei Tagen jemand.
Vielleicht vor drei Stunden.
Sein Verstand sagte ihm, dass er sich in etwas hineinsteigerte.
Sein Ekel interessierte sich nicht für seinen Verstand.
Später kam Sophie in einem Bademantel zurück.
„Besser?“
Hugo lächelte etwas verlegen.
„Besser.“
Sie setzte sich auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an.
„Du bist wirklich komisch.“
„Das haben schon andere festgestellt.“
„Aber süß komisch.“
Sie küsste ihn.
Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von einer Schulter. Seine Lippen folgten der freigewordenen Haut.
Diesmal konnte er sich fallen lassen.
Später lagen sie vor dem Kamin unter einer Decke. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar.
Es war schön.
Aber am nächsten Morgen ging sie.
Am Abend war das Chalet wieder still.
Hugo stand am Fenster und sah auf den Schnee.
Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte.
Und sie wusste beinahe nichts über ihn.
Vielleicht war genau das Freiheit.
Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.
Einige Wochen später war er in Thailand.
Hier war alles anders.
Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein.
Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer.
Zwei Frauen kamen mit.
Eine nannte sich May, die andere Lin.
Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.
Sie fuhren morgens hinaus.
Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.
May saß neben Hugo auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille.
Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.
„Too fast.“
Hugo sah zum Fahrer.
„Faster.“
„No!“
Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas.
May schlug Hugo gegen die Schulter.
„You are crazy.“
„You wanted a boat.“
„Not to die.“
Lin saß ihnen gegenüber und lachte.
An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen.
Sie sprangen ins Wasser.
May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.
Sie schrie auf.
„No! Hugo!“
Er warf sie zurück ins Meer.
Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Asshole!“
„You know that word.“
„I know many words.“
Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken.
Hugo fing sie wieder ab.
Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest.
Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.
Hugo küsste sie.
Sie schmeckte nach Salz.
Als sie sich lösten, strich Hugo ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken hinunter.
May lächelte.
„Better than throwing me.“
„We can do both.“
„First this.“
Sie küsste ihn wieder.
Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo.
Hugo strich mit der Hand über ihren Rücken.
Überall war Sonne.
Meer.
Warme Haut.
Keine Bank.
Kein Edward.
Kein London.
Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.
Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durchs flache Wasser zu tragen.
„Put me down.“
„Why?“
„Because I'm heavy.“
„You're not.“
„Liar.“
„I'm an analyst. We don't lie.“
Sie lachte.
„Bankers always lie.“
„I'm not a banker anymore.“
„What are you?“
Hugo dachte kurz nach.
„Rich tourist.“
May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.
Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel.
Es wurde eine lange Nacht.
Und trotzdem war am nächsten Mittag alles vorbei.
May gab Hugo beim Abschied einen Kuss.
„Maybe see you again.“
„Maybe.“
Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde.
Die Tür schloss sich.
Hugo blieb allein zurück.
Wieder.
Zwei Tage später hätte er eine andere Frau bestellen können.
Genau darin lag das Problem.
Er hätte jeden Abend eine andere haben können.
Aber er wollte nicht jeden Abend wieder bei null anfangen.
Mit der Zeit bemerkte Hugo noch etwas.
Er war außerhalb Europas unsicherer, als er erwartet hatte.
In London, Cannes oder Monaco glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht.
Wer war wirklich Escort?
Wer arbeitete für wen?
Was war erlaubt?
Was wurde nur geduldet?
Welche Regeln galten im Hotel?
Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen.
Es geschah überhaupt nichts.
Die Beamten gingen zum Tresen, sprachen mit dem Besitzer und verschwanden einige Minuten später wieder.
Hugo dagegen hatte während dieser wenigen Minuten einen unangenehmen Druck im Magen gespürt.
Die Frau bemerkte es.
„You scared?“
„No.“
Sie grinste.
„Yes.“
„Why should I be scared?“
„Police.“
„I saw them.“
„No problem.“
Das sagte sie vollkommen gelassen.
Hugo war trotzdem froh, als sie wieder verschwunden waren.
Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand.
Noch mehr hasste er die Vorstellung, irgendwo in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.
Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
Von Asien flog Hugo weiter.
Wochen wurden zu Monaten.
Hotels, Flughäfen, Strände, Restaurants. Manchmal war es großartig. Manchmal langweilte er sich. Manchmal musste er morgens beim Aufwachen für einige Sekunden überlegen, in welcher Stadt er überhaupt war.
In Brasilien blieb er länger.
Dort lernte er über einen Concierge eine Frau kennen, die sich Mariana nannte.
Sie hatte langes dunkles Haar, gebräunte Haut und dieses leichte, selbstverständliche Lachen, das Hugo sofort gefiel.
Am ersten Nachmittag gingen sie an den Strand.
Mariana lief barfuß am Wasser entlang und trug ihre Sandalen in einer Hand.
Hugo ging neben ihr.
„You always look“, sagte sie irgendwann.
„Where?“
Sie zeigte auf ihre Augen.
„Not here.“
Hugo grinste.
„I look there too.“
„Sometimes.“
Sie drehte sich vor ihm um und ging einige Schritte rückwärts.
„Now?“
„Now I have no choice.“
Sie lachte, drehte sich wieder um und lief weiter.
Hugo legte einen Arm um ihre Taille.
Sie ließ es zu.
Seine Hand wanderte etwas tiefer.
Mariana sah seitlich zu ihm.
„Hugo.“
„What?“
„People.“
„They have seen an ass before.“
Sie schlug seine Hand weg, lachte aber dabei.
Wenige Schritte später legte sie selbst seinen Arm wieder um ihre Hüfte.
Am nächsten Tag mietete Hugo erneut ein Boot.
Diesmal nur für die beiden.
Sie fuhren an der Küste entlang und ankerten schließlich in einer kleinen Bucht.
Mariana lag auf dem Deck in der Sonne. Hugo setzte sich neben sie.
„Turn around.“
„Why?“
„Sunscreen.“
„You want sunscreen?“
„You need sunscreen.“
Sie drehte sich auf den Bauch.
Hugo verteilte Sonnencreme auf ihren Schultern und ihrem Rücken.
„Professional“, murmelte Mariana.
„Very.“
Seine Hände glitten langsam an ihren Seiten entlang.
„That is not sunscreen anymore.“
„Still professional.“
Sie drehte sich halb zu ihm um und zog ihn zu sich.
Hugo küsste sie.
Eine Weile später saßen sie am Rand des Bootes, die Beine über dem Wasser. Mariana lehnte sich gegen ihn. Hugo strich ihr über den Bauch und ließ seine Hand unterhalb ihrer Brust liegen.
Sie nahm seine Hand und schob sie ein Stück höher.
„Better.“
Hugo lächelte.
„I agree.“
Sie sprang plötzlich ins Wasser.
„Come!“
Hugo folgte ihr.
Wieder dieses Spiel.
Schwimmen. Lachen. Körperliche Nähe, ohne dass ständig darüber gesprochen werden musste.
Er fing sie, hob sie aus dem Wasser, während sie protestierte, und ließ sie wieder hineinfallen.
Sie tauchte auf und spritzte ihm Wasser ins Gesicht.
Später lagen sie erschöpft nebeneinander auf dem Deck.
Mariana legte ein Bein über seines und den Kopf auf seine Schulter. Hugo strich ihr über die Brust, über ihren Bauch und wieder zurück. Sie schloss die Augen.
Es war ruhig.
Nur das leichte Schlagen des Wassers gegen den Rumpf.
Mit Mariana war etwas anders als bei vielen der anderen Frauen.
Nicht weil Hugo sich in sie verliebte.
Das tat er nicht.
Aber sie blieb.
Am zweiten Tag wussten sie bereits, wie der andere morgens seinen Kaffee trank. Am dritten musste Hugo nicht mehr darüber nachdenken, ob er sie anfassen durfte. Sie setzte sich selbstverständlich zu ihm, legte ihre Beine über seine oder nahm seine Hand und zog ihn mit ins Wasser.
Und genau das war es, was Hugo auf seiner Reise zunehmend vermisste.
Mehrere Tage.
Nicht eine Nacht.
Nicht zwei Stunden.
Wenn eine Frau nach wenigen Stunden wieder verschwand, konnte gar keine Vertrautheit entstehen. Hugo wollte nicht jedes Mal wieder am Anfang stehen. Er wollte eine Frau drei, vier oder fünf Tage bei sich haben können. Vielleicht länger, wenn sie sich gut verstanden.
Nicht als Freundin.
Nicht als Beziehung.
Sondern weil nach einigen Tagen diese ständige Fremdheit verschwand.
Mit Mariana bekam er für kurze Zeit eine Vorstellung davon.
Doch auch sie ging schließlich.
„Family“, sagte sie.
„When are you coming back?“
„Maybe next week.“
„Next week I'm probably gone.“
Sie zuckte bedauernd mit den Schultern.
„Then maybe another time.“
Hugo wusste, was das bedeutete.
Wahrscheinlich nie.
Sie küsste ihn zum Abschied und verschwand.
Wieder war das Hotelzimmer leer.
Und wieder hätte Hugo nur beim Concierge anzurufen brauchen.
Eine Stunde später hätte eine andere Frau vor seiner Tür stehen können.
Genau darauf hatte er keine Lust.
Denn mit jeder neuen Frau begann nicht nur das Kennenlernen wieder von vorne.
Es begann auch ein Gespräch, das Hugo zunehmend lästig wurde.
Er hatte inzwischen ziemlich genaue sexuelle Vorlieben. Er mochte Vaginalsex, Oralsex und Analsex. Besonders erregte es ihn außerdem, einer Frau dabei zuzusehen, wenn sie sich selbst berührte.
Das Problem war nicht, dass seine Wünsche besonders kompliziert waren.
Das Problem war, dass er jedes Mal herausfinden musste, was die jeweilige Frau überhaupt wollte und anbot.
Bei einer professionellen Escortfrau konnte er fragen.
Bei einer Frau, die er in einer Hotelbar kennenlernte, war die Situation schon schwieriger.
Und selbst bei Escorts bedeutete eine neue Frau immer wieder dieselbe Unterhaltung.
Was mochte er?
Was mochte sie?
Was wollte sie nicht?
War Analsex für sie in Ordnung oder nicht?
Wollte sie sich vor ihm selbst berühren oder fühlte sie sich dabei unwohl?
Was gehörte zur Buchung und was nicht?
Hugo respektierte ein Nein. Gerade deshalb musste er vorher fragen.
Und genau dieses Fragen ging ihm zunehmend auf die Nerven.
Einmal saß er mit einer Frau in seinem Hotelzimmer und versuchte seit mehreren Minuten, ihr zu erklären, was er wollte.
Ihr Englisch war kaum besser als sein Spanisch.
„You watch?“, fragte sie schließlich.
„Yes.“
Sie sah ihn verständnislos an.
Hugo versuchte es anders.
„You. Yourself.“
Sie verstand noch immer nicht.
Als sie schließlich begriff, was er meinte, wurde sie unsicher.
„No.“
„Okay.“
Damit war das Thema für Hugo beendet.
Aber die Stimmung war eine andere.
Nicht weil sie abgelehnt hatte. Das störte ihn nicht. Wenn eine Frau etwas nicht wollte, akzeptierte Hugo das.
Was ihn störte, war die Situation selbst.
Er musste einer beinahe fremden Frau erklären, was ihn erregte.
Am nächsten Ort wieder.
Bei der nächsten Frau wieder.
Und danach wieder.
Bei einer anderen Escortfrau fragte er vorher ausdrücklich nach Analsex.
Sie verzog sofort das Gesicht.
„No anal.“
„Okay.“
„No.“
„I said okay.“
Sie sah ihn noch einen Moment misstrauisch an, als müsste sie sicherstellen, dass er nicht später versuchen würde, ihre Grenze zu verschieben.
Hugo ärgerte sich darüber, obwohl er verstand, weshalb sie vorsichtig war.
Das war genau das Gegenteil von dem Leben, das er wollte.
Er wollte keine Frau überreden.
Er wollte nicht handeln.
Er wollte nicht bei jedem Treffen eine Liste sexueller Wünsche durchgehen und anschließend feststellen, dass die Hälfte davon für diese Frau nicht infrage kam.
Vor allem wollte er nicht immer wieder erklären müssen, wer er war und was ihm gefiel.
Wenn er eine Frau bereits mehrere Tage kannte, war das anders.
Dann wusste sie es.
Und er wusste, was ihr gefiel.
Dann musste er nicht mehr fragen, ob eine Berührung willkommen war. Er kannte ihre Reaktion. Sie kannte seine.
Genau diese Vertrautheit hatte ihm mit Mariana gefallen.
Nicht das Versprechen einer Zukunft.
Die Selbstverständlichkeit der Gegenwart.
Dazu kam sein anderes Problem.
Cannes.
Die Angst war nicht mehr so beherrschend wie während der sechs Monate nach der ersten Reise. Aber sie war nicht verschwunden.
Besonders bei ständig wechselnden Prostituierten kam sie zurück.
Wer war vor ihm bei ihr gewesen?
Wie viele Männer?
Wann?
Hatte sie gerade erst einen anderen Kunden gehabt?
Hugo wusste selbst, dass sein Kopf dabei häufig Dinge miteinander vermischte, die medizinisch nicht dasselbe waren.
Ekel und tatsächliches Infektionsrisiko waren zwei verschiedene Dinge.
Sein Gefühl unterschied nicht sauber zwischen beiden.
Ein fremdes Haar im Badezimmer konnte reichen.
Ein benutztes Handtuch.
Eine Bemerkung der Frau, dass sie vorher noch „gearbeitet“ hatte.
Und sofort entstand in seinem Kopf ein Bild, das er nicht haben wollte.
Andere Männer.
Sperma.
Körperflüssigkeiten.
Krankheiten.
Dann war seine Lust manchmal innerhalb weniger Sekunden verschwunden.
Gerade deshalb wollte er eine Frau lieber mehrere Tage bei sich haben.
Wenn sie seit drei Tagen mit ihm reiste, mit ihm frühstückte, mit ihm am Strand lag und nachts bei ihm schlief, hatte er zumindest nicht ständig das Gefühl, dass zwischen zwei gemeinsamen Abenden noch mehrere unbekannte Männer lagen.
Es gab ihm Kontrolle.
Vielleicht nur gefühlte Kontrolle.
Aber auch die war ihm wichtig.
Irgendwann erkannte Hugo, dass seine Vorstellung von der Weltreise einen Denkfehler enthalten hatte.
Er hatte geglaubt, die Schwierigkeit bestehe darin, attraktive Frauen zu finden.
Das war überhaupt nicht die Schwierigkeit.
Mit genügend Geld fand er fast überall Frauen.
Das Problem war, die richtigen Frauen wiederzufinden.
Eine Frau, die ihm gefiel.
Die gern mehrere Tage mit ihm verbrachte.
Die seine Vorlieben kannte.
Bei der er nicht jedes Mal wieder erklären musste, was er wollte.
Die wusste, dass ein Nein für ihn ein Nein war und er deshalb vorher wissen wollte, was für sie infrage kam.
Und die ihm nicht nach drei Stunden wieder vollkommen fremd war.
Er wollte das Leben vereinfachen.
Nicht komplizierter machen.
Und dann erinnerte er sich an Cannes. An die Escortfrau von der Bankveranstaltung.
Er saß beim Frühstück in seinem Hotel, als ihm plötzlich wieder diese Kleinigkeiten einfielen.
Sie hatte bemerkt, wenn sein Glas leer wurde.
Sie hatte sich beim Gespräch zu ihm gedreht, als wäre er der einzige Mann im Raum.
Eine beiläufige Hand auf seinem Arm.
Ein Fuß an seinem Bein.
Eine Zigarre, die angezündet wurde, bevor er selbst nach seinem Feuerzeug greifen musste.
Später hatte sie ihm die Schuhe ausgezogen.
Nichts davon war spektakulär gewesen.
Vielleicht war es ihm gerade deshalb im Gedächtnis geblieben.
Sie hatte sich gekümmert.
Natürlich war sie dafür bezahlt worden.
Hugo war nicht naiv.
Aber das änderte nichts daran, dass sie es besser gemacht hatte als die meisten Frauen, die er während seiner Reise gebucht hatte.
Und sie hatte ihm von einer Frau erzählt.
Hanna Dvořáková.
Prag.
Von den Präsentationsvideos hatte sie ebenfalls erzählt.
Damals hatte Hugo die ganze Organisation interessant gefunden.
Jetzt erkannte er plötzlich einen viel praktischeren Vorteil.
Vielleicht musste er Hanna nicht jedes Mal nach irgendeiner Frau fragen.
Vielleicht musste er Hanna nur einmal erklären, was er wollte.
Er rief sie an.
Eine Frau meldete sich auf Englisch.
„Dvořáková.“
„Hanna Dvořáková?“
„Yes.“
„Mein Name ist Hugo Voss.“
Kurze Stille.
„Should I know you, Mr Voss?“
Hugo lächelte.
„Wahrscheinlich nicht.“
„Then you have an advantage.“
„Ich habe Ihren Namen von einer Ihrer Frauen. Wir haben uns im Sommer 1998 in Cannes kennengelernt. Bei einer Veranstaltung der DHK Bank.“
Hanna fragte nach der Veranstaltung und schließlich nach der Frau. Hugo beschrieb sie.
„Ah“, sagte Hanna irgendwann. „I remember her.“
„Sie hat mir Ihre Nummer gegeben.“
„Then she must have liked you.“
„Oder sie war eine gute Verkäuferin.“
Hanna lachte.
„Also gut, Mr Voss. Was kann ich für Sie tun?“
Hugo überlegte einen Moment.
„Ich bin seit Monaten im Ausland unterwegs. Asien, Nord und Südamerika. Ich reise ziemlich viel herum und buche dabei gelegentlich Escorts.“
„All right.“
„Eine Escort zu finden ist nicht das Problem. Das kann ich in praktisch jedem guten Hotel über den Concierge erledigen.“
„So what is the problem?“
„Dass es jedes Mal eine andere ist.“
Hanna schwieg und ließ ihn weiterreden.
„Wenn ich in einer neuen Stadt bin und eine Escort buche, fängt alles wieder von vorne an. Neue Frau, neues Kennenlernen, wieder erklären, was ich mag, wieder herausfinden, was sie anbietet.“
„And you don't like that.“
„Nein.“
Hugo stand auf und ging mit dem Telefon zum Fenster.
„Ihre Frau in Cannes hat mir damals von Ihnen erzählt.“
„I know.“
„Sie hat erzählt, dass Sie sehr viele Escorts kennen und vermitteln.“
Hanna schwieg einen Moment.
„Many, yes.“
„Deshalb rufe ich Sie eigentlich an.“
„You think I can arrange girls for you while you're travelling.“
„Genau.“
„Thailand, Brazil, wherever you happen to be.“
„Das war zumindest meine Hoffnung.“
„Then I have to disappoint you.“
Hugo blieb am Fenster stehen.
„Warum?“
„I don't work like that.“
„Was heißt das?“
„Ich habe kein weltweites Netz von Frauen, die ich Ihnen überall hinschicken kann.“
Das hatte Hugo anders verstanden.
„Ich dachte, Sie hätten sehr viele Escorts.“
„Habe ich auch. Aber in Europa.“
„Nur Europa?“
„Mostly Europe. That's where my network is.“
Hugo war für einen Moment enttäuscht.
Genau deshalb hatte er schließlich angerufen. Er hatte sich vorgestellt, Hanna künftig einfach mitteilen zu können, wo er gerade war, und sie würde ihm eine passende Frau vermitteln.
„Dann habe ich das damals falsch verstanden.“
„Probably.“
„Ihre Frau in Cannes klang, als könnten Sie überall jemanden organisieren.“
„Girls sometimes exaggerate.“
Hugo musste lachen.
„Oder ich habe nur das gehört, was ich hören wollte.“
„Also possible.“
Er ging zurück zum Sessel.
Eigentlich hätte das Gespräch damit beinahe beendet sein können.
Wenn Hanna ihm in Thailand, Brasilien oder sonst irgendwo auf seiner Reise keine Escorts vermitteln konnte, löste sie sein unmittelbares Problem schließlich nicht.
Trotzdem legte Hugo nicht auf.
Denn es gab noch einen anderen Grund, weshalb er sich ausgerechnet an Hanna erinnert hatte.
„Wissen Sie, was mir an Ihrer Frau aus Cannes gefallen hat?“
„Tell me.“
„Sie war aufmerksam.“
Hanna sagte nichts.
„Sie hat gemerkt, wenn mein Glas leer war. Sie hat sich beim Gespräch wirklich auf mich konzentriert. Sie wusste, wann sie mich in Ruhe lassen sollte und wann nicht. Solche Kleinigkeiten.“
„She was good at her job.“
„Ja. Sehr gut sogar.“
Hugo erinnerte sich an die beiläufige Hand auf seinem Arm. An ihren Fuß an seinem Bein. Daran, wie selbstverständlich sie ihm später die Schuhe ausgezogen hatte. Nichts davon war für sich genommen außergewöhnlich gewesen.
Aber er erinnerte sich daran.
Monate später.
Das sagte wahrscheinlich genug.
„Ich habe seitdem auf meinen Reisen immer wieder Escorts gebucht“, sagte Hugo. „Aber an sie erinnere ich mich gern.“
„Then she made an impression.“
„Offensichtlich.“
„And now you want her again?“
Hugo dachte kurz darüber nach.
„Nicht unbedingt sie. Ich möchte wieder eine Frau, bei der es so funktioniert.“
„For one evening?“
„Nein. Genau das ist der Punkt.“
Er setzte sich wieder.
„Ich möchte eine Frau mehrere Tage buchen.“
„Three? Four? A week?“
„Vielleicht. Kommt darauf an, wie wir miteinander auskommen.“
„That can be arranged.“
Hugo wurde aufmerksam.
„Das können Sie arrangieren?“
„In Europe, yes.“
„Mir geht es darum, dass nach ein paar Tagen diese Fremdheit verschwindet. Wenn ich morgens mit derselben Frau frühstücke, mit ihr an den Strand gehe, abends mit ihr essen gehe und sie bei mir bleibt, muss ich am nächsten Tag nicht wieder mit einer völlig Fremden anfangen.“
„So you don't want a different girl every night.“
„Genau.“
„You want continuity.“
Hugo dachte über das Wort nach.
„Ja. Wahrscheinlich ist es genau das.“
„That's easy enough.“
„Für Sie vielleicht.“
„That's why you called me.“
Hugo musste lachen.
„Ursprünglich habe ich Sie angerufen, weil ich dachte, Sie könnten mir auf der ganzen Welt Escorts besorgen.“
„And now?“
Hugo dachte kurz nach.
„Jetzt glaube ich, dass ich Sie vielleicht aus einem anderen Grund brauche.“
„Better.“
„Warum besser?“
„Because finding you some girl in a hotel is not difficult. Your concierge can do that.“
Genau das hatte Hugo selbst gedacht.
„There is something else“, sagte Hanna.
„Woher wissen Sie das?“
„Because if all you wanted was the same girl for several days, you wouldn't sound this complicated.“
Hugo schwieg einen Augenblick.
Dann musste er wieder lachen.
„Also gut.“
„Tell me.“
Genau dieses Gespräch wollte er eigentlich nicht ständig führen.
Aber genau deshalb führte er es jetzt mit Hanna.
Einmal.
„Vaginalsex. Oralsex. Analsex. Ich sehe Frauen gern dabei zu, wenn sie sich selbst anfassen. Ich mag es außerdem, wenn eine Frau meinen Penis unmittelbar nach dem Analverkehr mit dem Mund säubert und ihn ableckt, nachdem er in ihr war. Und ich möchte, dass sie Sperma schluckt. Wenn eine Frau das nicht anbietet, möchte ich sie gar nicht erst buchen.“
Hugo wartete auf eine Reaktion.
Hanna schwieg zwei Sekunden.
„That's it?“
„Was heißt ‚that's it‘?“
„Mr Voss, Sie klingen, als hätten Sie mir gerade etwas außergewöhnlich Schwieriges erzählt.“
„Ist es das nicht?“
„Nein.“
Hugo richtete sich im Sessel auf.
„Nein?“
„No. Natürlich bietet nicht jede Frau dasselbe an. Aber das muss sie auch nicht.“
„Eben.“
„Wenn eine Frau etwas nicht anbietet, kommt sie für Sie nicht infrage. Dann zeige ich Ihnen eine andere.“
Hugo schwieg.
„So einfach?“
„So einfach.“
„Sie haben genügend Frauen, bei denen meine Wünsche passen?“
„Yes. More than enough.“
Hugo lehnte sich zurück.
Das überraschte ihn tatsächlich.
Er hatte damit gerechnet, dass Hanna wenigstens bei einem Teil seiner Wünsche zögern würde. Stattdessen klang sie, als hätte er ihr gerade erklärt, welche Farbe sein Mietwagen haben sollte.
„Das ist für Sie also nichts Ungewöhnliches?“
„Mr Voss, ich vermittle seit Jahren Escorts.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Hanna lachte.
„Nein. Ihre Wünsche sind für mich kein Problem.“
Hugo merkte, wie sich etwas in ihm löste.
Vielleicht hatte er die Sache in seinem Kopf komplizierter gemacht, als sie tatsächlich war.
„Und Sie klären das vorher? Das heißt, ich muss nicht jedes Mal wieder dieses Gespräch führen?“
„No.“
Genau das wollte er hören.
„Ich sage Ihnen einmal, was mir wichtig ist.“
„Yes.“
„Und Sie zeigen mir nur Frauen, die dazu passen.“
„Exactly.“
Hugo schwieg einen Moment.
So einfach.
Genau das hatte ihm während der ganzen Reise gefehlt.
Nicht die Möglichkeit, eine Escort zu buchen.
Die hatte er überall.
Was ihm fehlte, war jemand, der vorher aussortierte.
„Und die Frauen wissen ebenfalls vorher, was ich möchte?“
„Of course. No surprises for you, no surprises for them.“
Dieser Satz gefiel Hugo.
Sehr sogar.
„Gut.“
„Very good.“
„Dann wissen Sie jetzt sexuell schon einmal, wonach Sie suchen müssen.“
„That's one part.“
„Was fehlt?“
„The woman.“
„Was meinen Sie?“
„Sie haben mir jetzt ziemlich genau gesagt, was Ihnen sexuell wichtig ist. Aber ich weiß noch überhaupt nicht, welche Frauen Sie attraktiv finden.“
Hugo dachte nach.
„Schlank.“
„Das sagen fast alle Männer. Was heißt schlank bei Ihnen?“
„Na ja. Schlank eben.“
„Das hilft mir nicht.“
Hugo musste lachen.
„Was wollen Sie denn wissen?“
„Alles. Stellen Sie sich vor, zwei Frauen stehen vor Ihnen. Beide sind hübsch. Welche schauen Sie zuerst an?“
„Das kommt auf die Frau an.“
„Natürlich. Groß oder klein?“
„Eher klein.“
„Wie klein?“
Hugo überlegte.
„Eine Frau muss für mich überhaupt nicht diese typische Modelgröße haben. Eher im Gegenteil.“
„Also keine 1,78.“
„Brauche ich nicht.“
„1,68?“
„Kann sehr gut sein.“
„Good.“
Hanna machte sich eine Notiz.
„Beine?“
„Lang.“
„Das wird bei 1,68 interessant.“
„Ich meine natürlich im Verhältnis zur Figur.“
„I know.“
„Schlank, lange Beine, schmale Taille.“
„Jetzt kommen wir weiter.“
„Sie soll feminin aussehen.“
„Gesicht?“
„Eher fein.“
„Hair?“
Hugo zögerte.
„Eigentlich egal.“
„Blond?“
„Kann sein.“
„Brunette?“
„Auch.“
„Redhead?“
„Auch.“
Hanna lachte.
„Dann können wir die Haarfarbe schon einmal streichen.“
„Offenbar.“
„Skin?“
„Hell.“
„How light?“
„Sehr hell.“
„Tanned?“
„Nein. Nicht unbedingt.“
„Milky-white? Porcelain skin?“
„Ja. Genau.“
Hanna schrieb weiter.
„Breasts?“
„Klein.“
„How small?“
„Sehr klein.“
Hanna wartete.
„Von mir aus fast keine.“
„So you prefer very small breasts.“
„Ja. Auf jeden Fall lieber sehr klein als groß.“
„Shape?“
„Straff.“
„No sagging.“
„Genau.“
„Hips?“
„Schmal. Die ganze Figur soll schlank sein.“
„Athletic?“
Hugo überlegte.
„Leicht trainiert vielleicht. Aber nicht muskulös.“
„Not a fitness girl.“
„Jedenfalls nicht so, dass man überall Muskelpakete sieht.“
„And the stomach?“
Diesmal kam Hugos Antwort sofort.
„Flach.“
Hanna bemerkte die Geschwindigkeit.
„That was quick.“
„Was?“
„Bei den Haaren mussten Sie überlegen. Bei der Körpergröße mussten Sie überlegen. Beim Bauch nicht.“
Hugo grinste.
„Dann weiß ich es da offenbar genauer.“
„How flat?“
„Sehr flach.“
„Muscular?“
„Nein.“
„Sixpack?“
„Auf keinen Fall.“
Hanna schwieg und wartete.
Hugo suchte nach den richtigen Worten.
„Lang. Schlank. Glatt. Die Taille deutlich schmaler. Man darf schon sehen, dass sie etwas für ihren Körper tut, aber ich will keinen harten Bauch.“
„Slightly defined.“
„Ja.“
„Soft definition, not muscle blocks.“
„Genau.“
„Upper stomach?“
„Da dürfen feine Linien zu sehen sein.“
„Vertical?“
„Ja. Zwei ungefähr.“
„Eleven Lines.“
„Wenn das so heißt.“
„It does.“
„Dann Eleven Lines.“
„Navel?“
Hugo lachte.
„Jetzt wird es aber genau.“
„Sie wollten, dass ich Ihnen die richtigen Frauen zeige.“
„Stimmt.“
„Eher klein. Schmal. Nicht so ein großer runder Nabel.“
„Slightly elongated?“
„Ja.“
„And below the navel?“
Hugo dachte kurz nach.
„Da muss er genauso flach bleiben.“
„The lower stomach.“
„Ja. Genau der.“
„No curve?“
„Keine Wölbung.“
„Even when she's relaxed?“
„Wenn es geht, ja.“
Hanna hielt kurz inne.
„Now I know what you mean.“
„Was meine ich denn?“
„Sie suchen keinen muskulösen Bauch. Sie suchen einen langen, schmalen Bauch mit einer deutlich eingezogenen Taille. Glatte, flache Grundform. Oben zwei sehr feine Eleven Lines, seitlich nur leichte Konturen und zum Becken hin sanfte V-Linien.“
Hugo hörte zu.
„Und der Unterbauch ist Ihnen offenbar besonders wichtig. Vom Nabel bis zum Becken fast gerade. Keine Vorwölbung, kein runder Unterbauch.“
Hugo lächelte.
„Ja.“
„Very specific.“
„Sie haben gefragt.“
„Und jetzt kann ich damit arbeiten.“
„Elegant?“
„Ja.“
„Feminine?“
„Unbedingt.“
„Intelligent?“
„Das hatte ich schon gesagt.“
„I'm checking.“
Hugo grinste.
„Ja. Intelligent. Ich will mich mit ihr unterhalten können. Sie sollte nicht ständig reden müssen. Aber wenn wir beim Abendessen sitzen, möchte ich mich nicht langweilen.“
„Languages?“
„Englisch auf jeden Fall.“
„Age?“
„18 bis 28.“
„Jetzt habe ich ein ziemlich gutes Bild.“
„Und? Haben Sie solche Frauen?“
Hanna lachte.
„Yes.“
„Das ging schnell.“
„Weil das, was Sie beschreiben, bei meinen Mädchen gar nicht so ungewöhnlich ist.“
„Wieso?“
„Viele sehen aus, als könnten sie Models sein.“
„Sind sie welche?“
„Einige haben gemodelt. Einige versuchen es. Andere haben irgendwann festgestellt, dass die Modebranche sie nicht will.“
„Mit der Figur?“
„Die Figur ist nicht immer das Problem.“
„Sondern?“
„Height.“
Hugo verstand.
„Zu klein.“
„Exactly.“
„Zum Beispiel?“
„Nehmen Sie ein Mädchen mit 1,68. Schönes Gesicht, lange Beine im Verhältnis zu ihrem Körper, schmale Taille, sehr schlank, genau dieser flache Bauch, den Sie gerade beschrieben haben. Auf einem Foto würden Sie wahrscheinlich sagen: Model.“
„Aber für den Laufsteg ist sie zu klein.“
„Für viele klassische Laufstegjobs ja. Da können ein paar Zentimeter entscheiden.“
„Und genau solche Frauen haben Sie.“
„Unter anderem.“
„Dann ist mir die Größe tatsächlich ziemlich egal. Wenn sie mit 1,68 so aussieht, wie wir es gerade beschrieben haben, gefällt sie mir wahrscheinlich besser als eine Frau mit 1,78, die nicht diese Figur hat.“
„Exactly. Sie suchen nicht die Maße einer Modelagentur. Sie suchen den Look.“
„Ja.“
„Und ich habe einige Frauen, die für bestimmte Bereiche der Modelindustrie zu klein sind, aber optisch genau in diese Richtung gehen.“
„Dann zeigen Sie mir genau die.“
„Das werde ich.“
Hanna stellte noch einige Fragen zu Auftreten, Kleidung und gesellschaftlicher Sicherheit.
Dann sagte Hugo: „Und ich kann sie vorher sehen?“
„Yes.“
„Über die Videos.“
Hanna korrigierte ihn sofort.
„Presentations.“
Hugo grinste.
„Natürlich. Präsentationen.“
„Ich schicke Ihnen eine Auswahl.“
„Wo befinden sich Ihre Frauen hauptsächlich?“
„Europe. Côte d’Azur, Monaco, Cannes, Saint-Tropez, Italy, Spain. In winter Switzerland and Austria. It depends.“
Hugo musste an das Gespräch im St. James’s denken.
Die Nachbarschaft zog weiter.
„Wenn ich also eine Ihrer Frauen kennenlernen will, muss ich zurück nach Europa.“
„Yes.“
„Außerhalb Europas geht es nicht.“
„Not through me.“
Das war eindeutig.
Hugo hatte Hanna angerufen, weil er geglaubt hatte, ihr Netzwerk könne ihm überall auf der Welt Frauen vermitteln. Tatsächlich lag ihr Netzwerk in Europa.
Damit hatte er zum ersten Mal seit Beginn seiner Reise einen konkreten Grund zurückzukehren.
„Schicken Sie mir die Präsentationen.“
„I will.“
Hugo zögerte kurz.
„Ich würde Sie übrigens auch gern persönlich kennenlernen.“
„Mich?“
„Ja. Nach diesem Gespräch interessiert mich, wer hinter dem Ganzen steckt.“
„Das lässt sich einrichten.“
„Sie kommen nach Südfrankreich?“
„Regelmäßig.“
„Cannes?“
„Yes.“
„Monaco?“
„Of course.“
„Saint-Tropez?“
„Auch.“
„Dann sollten wir das hinbekommen.“
„Oder Sie kommen nach Prag.“
Hugo lächelte.
„Auch eine Möglichkeit.“
„Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie wieder in Europa sind.“
Hugo sah einen Moment aus dem Fenster.
Dann nahm er den Telefonhörer erneut ab und ließ sich mit der Rezeption verbinden.
„I need a flight to Europe.“
K 1013
Sechs Monate waren vergangen
Hugo saß an seinem Schreibtisch, als Claire hereinkam. Sie hatte eine Mappe unter dem Arm und ein einzelnes Blatt in der Hand.
„Haben Sie einen Moment?“
Hugo sah von seinem Bildschirm auf.
„Ja.“
Claire legte das Blatt vor ihn.
„Ihre Software-Analyse.“
Hugo erkannte sie sofort.
„Was ist damit?“
„Edward.“
Hugo sah zu ihr hoch.
„Was ist mit Edward?“
„Er hat sie gelesen.“
„Das hoffe ich.“
Claire verzog leicht den Mund.
„Er hat sie nicht nur gelesen. Er hat mich heute Morgen zu sich bestellt und gesagt, ich soll sie archivieren.“
„Dann scheint sie wenigstens nicht vollkommen falsch gewesen zu sein.“
„Hugo.“
An ihrem Ton merkte er, dass noch etwas kam.
„Was?“
„Er hat gesagt, das sei die beste Analyse, die ihm seit Jahren untergekommen ist.“
Hugo sah sie an.
Claire fuhr fort.
„Und dann hat er gesagt, dass Sie einer der fähigsten Analysten sind, mit denen er je gearbeitet hat.“
Für einen Moment sagte Hugo nichts.
Er hatte in den vergangenen Monaten gelernt, Edwards Reaktionen zu lesen. Ein knappes Nicken konnte bei ihm mehr bedeuten als bei anderen ein minutenlanges Lob. Eine Rückfrage bedeutete, dass er etwas ernst nahm. Und wenn Edward eine Analyse kommentarlos an einen Kunden weitergab, war das bereits Anerkennung.
Aber das hier war etwas anderes.
„Das hat er wirklich gesagt?“
„Ja.“
„Edward?“
„Wie viele Edwards haben wir hier?“
Hugo nahm das Blatt in die Hand.
„Beste Analyse seit Jahren?“
„Seine Worte.“
Hugo betrachtete die erste Seite. Achtzehn Prozent. Seine Berechnungen. Seine Argumentation. Wochen Arbeit. Nächte, in denen er länger im Büro geblieben war, weil er noch eine Zahl überprüfen wollte. Stunden, in denen es nichts anderes gegeben hatte als Unternehmen, Märkte, Zahlen und die Frage, ob er etwas sah, was andere übersahen.
In diesen Stunden war es ihm meistens gut gegangen.
Er konnte nicht verhindern, dass er lächelte.
Claire bemerkte es.
„Sie können sich ruhig freuen.“
„Tue ich doch.“
„Bei Ihnen sieht das manchmal aus wie Verdauungsbeschwerden.“
Hugo lachte.
Für einen Augenblick war da tatsächlich nur Freude. Keine Einschränkung. Kein Gedanke dahinter. Edward hielt ihn für gut. Nicht gut für sein Alter. Nicht vielversprechend. Einer der fähigsten Analysten, mit denen er je gearbeitet hatte.
Claire nahm die Mappe wieder unter den Arm.
„Ich dachte nur, Sie sollten es wissen.“
„Danke.“
Sie ging zur Tür.
„Claire.“
Sie drehte sich um.
„Ja?“
„Hat er sonst noch etwas gesagt?“
„Nein.“
Sie öffnete die Tür.
„Offenbar müssen Sie sich daran gewöhnen, gut zu sein.“
Dann war sie draußen.
Hugo blieb mit der Analyse in der Hand sitzen.
Er las den ersten Absatz noch einmal, ohne ihn wirklich zu lesen.
Beste Analyse seit Jahren.
Er hätte Edward gern selbst sagen hören, was Claire ihm gerade erzählt hatte. Gleichzeitig war es wahrscheinlich gerade deshalb mehr wert, weil Edward es nicht zu ihm gesagt hatte. Er hatte Claire gegenüber keinen Grund gehabt, Hugo zu schmeicheln.
Hugo legte das Blatt auf den Schreibtisch.
Sein Blick fiel auf die Uhr.
Das Lächeln verschwand.
Er musste los.
Der Termin.
Für einen Moment blieb er einfach sitzen.
Sechs Monate.
Er hatte sich diesen Tag so oft vorgestellt, dass er manchmal geglaubt hatte, er würde erleichtert sein, wenn er endlich da war.
Jetzt war er da.
Und Hugo wollte nicht hin.
Er nahm sein Jackett und verließ das Büro.
Im Wagen nannte er dem Fahrer die Adresse und lehnte sich zurück.
London zog hinter der Scheibe vorbei.
Anfangs dachte er noch an Edward. An die Analyse. An Claires Gesicht, als sie ihm das Lob überbracht hatte.
Beste Analyse seit Jahren.
An einer Kreuzung musste der Wagen halten.
Auf dem Gehweg wartete eine Familie. Ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Das kleinere saß auf den Schultern des Vaters und hielt sich mit beiden Händen an dessen Kopf fest. Die Mutter sagte irgendetwas zu dem anderen Kind und lachte.
Hugo sah sie an.
Sie warteten einfach darauf, über die Straße zu gehen.
Mehr nicht.
Der Vater griff nach der Hand seiner Frau.
Die Ampel sprang um. Die Familie lief los.
Hugo sah ihnen nach.
Was, wenn?
Der Gedanke war sofort da.
Was, wenn der Arzt gleich etwas anderes sagte?
Sein Magen zog sich zusammen.
Plötzlich kam ihm das Lob von Edward lächerlich weit weg vor.
Beste Analyse seit Jahren.
Was bedeutete das, wenn er krank war?
Was bedeuteten seine Aktien? Sein Geld? London? Die Bank? Die ganze verdammte Karriere?
Der Wagen fuhr weiter.
Hugo sah wieder aus dem Fenster.
Vor einem Geschäft stand eine junge Frau mit einem Kinderwagen. Sie beugte sich hinunter, zog die Decke ein Stück höher und richtete sich wieder auf. Ein Mann kam aus dem Laden, gab ihr etwas, und sie küsste ihn flüchtig auf die Wange.
Hugo wandte den Blick ab.
Seine Handflächen waren feucht.
Er strich sie seitlich an den Oberschenkeln trocken.
Nach wenigen Sekunden waren sie wieder feucht.
Scheiße.
Sechs Monate hatte er weitergearbeitet.
Er war morgens aufgestanden. Er war zur Bank gefahren. Er hatte Analysen geschrieben, Kunden getroffen, Geld investiert, mit Claire gestritten und mit Edward über Unternehmen gesprochen. Er hatte gegessen, geschlafen, telefoniert.
Und immer war irgendwo diese verdammte Zahl gewesen.
Sechs Monate.
Mal tagelang weit hinten.
Dann plötzlich wieder da.
Heute gab es kein Hinten mehr.
Heute gab es nur noch das Ergebnis.
Der Wagen bog in die nächste Straße.
Hugo kannte die Strecke.
Noch ein paar Minuten.
Sein Herz schlug schneller.
Er versuchte, sich zu sagen, dass der erste Test negativ gewesen war.
Das bedeutete nichts.
Der Arzt hatte es ihm damals ausdrücklich gesagt.
Keine Entwarnung.
Nicht für diesen Kontakt.
Er sah wieder auf die Straße.
Menschen liefen herum, als wäre es ein vollkommen gewöhnlicher Tag.
Ein älterer Mann führte einen Hund. Zwei Frauen standen vor einem Café. Ein Junge zog seine Mutter an der Hand zu einem Schaufenster.
Alle hatten etwas vor.
Heute Abend.
Morgen.
Nächste Woche.
Hugo merkte, wie sich sein Magen noch stärker zusammenzog.
Was, wenn sein Leben ab heute nur noch aus vorher und nachher bestand?
Vor dem Ergebnis.
Nach dem Ergebnis.
Er wollte den Gedanken nicht zu Ende denken.
Der Wagen hielt.
„Wir sind da, Sir.“
Hugo sah aus dem Fenster.
Die Praxis.
Für einen Moment bewegte er sich nicht.
Er hätte dem Fahrer sagen können, er solle weiterfahren.
Nur noch einmal um den Block.
Zehn Minuten.
Fünf Minuten.
Irgendetwas.
Aber das Ergebnis würde dadurch nicht anders.
Hugo bezahlte, stieg aus und blieb auf dem Gehweg stehen.
Sein Mund war trocken.
Er sah zum Eingang.
Geh rein.
Er ging hinein.
„Herr Voss.“
Die Frau am Empfang sah kurz auf.
„Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz.“
Noch einen Moment.
Hugo setzte sich.
Auf dem Tisch lagen Zeitschriften.
Er nahm keine.
An der Wand hing eine Uhr.
Das Ticken war nicht besonders laut. Trotzdem hörte er es.
Er legte die Hände ineinander.
Sie waren feucht.
Er löste sie wieder und strich die Handflächen seitlich über seine Hose.
Sein Magen fühlte sich an, als hätte jemand etwas darin zusammengezogen.
Eine Tür öffnete sich.
Hugo sah sofort hoch.
Eine Frau kam heraus.
Vielleicht Mitte vierzig. Sie sagte etwas zur Sprechstundenhilfe, lächelte und zog ihren Mantel an.
Hugo beobachtete sie.
Sie lächelte.
Einfach so.
Sie ging hinaus.
Die Tür fiel hinter ihr zu.
Hugo sah auf die Uhr.
Warum dauerte das so lange?
Vielleicht wusste der Arzt längst Bescheid.
Natürlich wusste er Bescheid.
Das Ergebnis lag wahrscheinlich bereits in seiner Akte.
Vielleicht überlegte er gerade, wie er es Hugo sagen sollte.
Vielleicht gab es für so etwas bestimmte Sätze.
Herr Voss, ich fürchte ...
Hugo spürte, wie ihm heiß wurde.
Hör auf.
Er sah auf seine Hände.
Sie zitterten leicht.
Verdammt.
Vor einer Stunde hatte Claire vor seinem Schreibtisch gestanden und ihm gesagt, er sei einer der fähigsten Analysten, mit denen Edward je gearbeitet hatte.
Und jetzt saß er hier und hatte Angst davor, dass eine Tür aufging.
Eine Tür ging auf.
Hugo hob den Kopf.
„Herr Voss.“
Sein Herz machte einen harten Schlag.
Er stand auf.
Auf dem Weg zum Sprechzimmer fühlten sich seine Beine merkwürdig leicht an.
Der Arzt saß hinter seinem Schreibtisch.
Vor ihm lag die Akte.
Hugo sah sie sofort.
„Setzen Sie sich.“
Er setzte sich.
Der Arzt öffnete die Akte.
Warum sagt er nichts?
Hugo sah auf sein Gesicht.
Nichts.
Er konnte darin nichts erkennen.
Der Arzt blickte auf das Blatt.
Dann zu Hugo.
„Nun. Das Ergebnis ist da.“
Hugos Mund war trocken.
Er brachte kein Wort heraus.
Der Arzt sah ihn an.
„Negativ.“
Hugo rührte sich nicht.
Das Wort war angekommen, aber sein Kopf schien einen Moment zu brauchen.
„Was?“
„Der Test ist negativ, Herr Voss.“
Hugo starrte ihn an.
„Sicher?“
„Ja.“
„Also habe ich kein HIV.“
„Nein.“
Hugo sah ihn weiter an.
„Ganz sicher?“
„Ja, Herr Voss.“
Etwas löste sich in ihm.
Nicht langsam.
Auf einmal.
Hugo atmete aus und merkte erst dabei, wie angespannt sein ganzer Körper gewesen war. Seine Schultern sanken. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Scheiße.“
Der Arzt sagte nichts.
Hugo ließ die Hände sinken.
Er lachte kurz auf. Es war kein richtiges Lachen. Mehr ein unkontrollierter Laut, der einfach herauskam.
„Entschuldigung.“
„Schon gut.“
Hugo lehnte sich zurück.
Er sah zur Decke.
Sechs Monate.
Die beiden Frauen.
Der Flug aus Cannes.
Die kleine Verletzung im Mund.
Die erste Nacht, in der er nicht geschlafen hatte.
Der erste Test.
Sechs Monate.
Vorbei.
Einfach vorbei.
Er spürte, wie ihm die Augen feucht wurden, und blinzelte.
Der Arzt schloss die Akte.
„Herr Voss.“
Hugo sah ihn an.
„Jetzt hören Sie mir noch einmal genau zu.“
Hugo richtete sich etwas auf.
Der Arzt sah ihn ernst an.
„Sie sind ein junger Mann.“
Hugo nickte.
„Ihr ganzes Leben liegt noch vor Ihnen.“
Der Arzt legte eine Hand auf die geschlossene Akte.
„Passen Sie auf, dass Ihnen so etwas nicht noch einmal passiert.“
Hugo schwieg.
„Sie haben jetzt sechs Monate lang erlebt, was es heißt, nicht zu wissen, ob man sich mit einer Krankheit angesteckt hat, die das gesamte weitere Leben verändern kann.“
„Ja.“
„Dann lernen Sie daraus.“
Hugo nickte.
„HIV ist nichts, womit Sie spielen. Das wissen Sie jetzt.“
„Ja.“
„Vor sechs Monaten wussten Sie es offenbar noch nicht.“
Hugo senkte kurz den Blick.
„Nein.“
„Also bauen Sie keinen Mist mehr. Reißen Sie sich zusammen. Wenn Sie mit Frauen schlafen, schützen Sie sich. Jedes Mal.“
„Ja.“
„Nicht meistens. Nicht wenn es gerade passt. Jedes Mal.“
Hugo nickte.
„Ja.“
Der Arzt sah ihn weiter an.
„Sie haben Ihr ganzes Leben vor sich. Achten Sie darauf.“
Hugo schluckte.
„Das werde ich.“
Der Arzt hielt seinen Blick noch einen Moment.
„Gut.“
Hugo stand auf.
Draußen auf der Straße blieb er stehen.
Dieselben Autos. Dieselben Menschen. Derselbe Lärm.
Auf der anderen Straßenseite lief ein Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Das Mädchen hüpfte über die Fugen zwischen den Gehwegplatten, während der Vater langsamer ging, damit sie mithalten konnte.
Hugo sah ihnen nach.
Vor einer halben Stunde hätte ihn dieser Anblick beinahe verrückt gemacht.
Jetzt musste er lächeln.
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging los.
Zum ersten Mal seit sechs Monaten gab es kein Was, wenn.
K1014
Trotzdem ging Hugo wieder in die Hotelbar.
Schon auf dem Weg dorthin wusste er, weshalb er ging. Er konnte sich einreden, er wolle einen Whisky trinken, nicht allein in seiner Wohnung sitzen oder einfach unter Menschen sein. Aber das war Blödsinn. Er kannte inzwischen diese Abende. Er wusste, welche Frauen dort saßen, und er wusste, dass einige von ihnen nicht zufällig allein an der Bar warteten.
Seit Cannes hatte er sich mehr als einmal vorgenommen, genau das nicht mehr zu tun.
Der Vorsatz hielt nie lange.
Die Angst war da. Manchmal so stark, dass er nachts wach lag und sich fragte, ob in seinem Körper längst etwas begonnen hatte, von dem er noch nichts sehen konnte. Gleichzeitig war der Trieb noch immer da, vollkommen unbeeindruckt von allem, was sein Kopf ihm sagte. Manchmal erschien Hugo gerade das besonders pervers: Er konnte Todesangst haben und wenige Stunden später trotzdem in einer Hotelbar sitzen und Frauen ansehen.
An diesem Abend bemerkte er sie fast sofort.
Sie saß einige Plätze weiter am Tresen, allein, vor sich ein Glas Weißwein. Mitte zwanzig vielleicht. Langes, dunkelblondes Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern. Sie war schlank, hatte eine schmale Taille und ein schönes Gesicht, in dem etwas Kühles lag. Nicht traurig, nicht abweisend. Eher dieser schwer zu bestimmende Ausdruck einer Frau, die sich ihrer Wirkung bewusst war und keinen besonderen Grund sah, irgendjemandem entgegenzukommen.
Genau das reizte Hugo.
Sie entsprach seinem Beuteschema ausreichend, dass sein Blick immer wieder zu ihr zurückkehrte: lange Haare, schlanke Figur, ein hübsches Gesicht und diese gewisse Distanz, die ihn neugierig machte.
Er sah weg.
Geh nach Hause.
Der Gedanke war vollkommen klar.
Er blieb sitzen.
Einige Minuten später sah sie zu ihm herüber. Hugo erwiderte ihren Blick. Sie hielt ihn einen Moment länger als nötig und wandte sich dann wieder ihrem Glas zu.
Hugo wusste inzwischen, was das bedeutete.
Er nahm sein Glas und ging zu ihr.
Das Gespräch begann belanglos. Ein Getränk, ein paar Sätze über London, eine Bemerkung von ihr über seinen deutschen Akzent. Sie lächelte dabei kaum, und gerade das gefiel ihm. Erst nach einer Weile wurde ihr Gesicht weicher.
Irgendwann war ebenso selbstverständlich geklärt, weshalb sie beide dort saßen.
Als sie aufstand und ihren Mantel nahm, war die Angst wieder da.
Hugo hätte noch immer gehen können.
Allein.
Stattdessen legte er ihr beim Verlassen der Bar kurz die Hand an die Hüfte und ließ sie vor sich durch die Tür gehen. Sie drehte den Kopf ein wenig zu ihm und lächelte.
Draußen warteten die typischen schwarzen Londoner Taxis.
Hugo öffnete ihr die hintere Tür.
Als sie einstieg, legte er seine Hand wieder an ihre Hüfte, diesmal etwas tiefer. Seine Finger glitten für einen kurzen Moment über ihren Po. Sie hielt inne, sah über die Schulter zu ihm zurück und lächelte.
Keine Empörung. Keine Überraschung.
Nur dieses kleine Lächeln.
Und sofort war der Trieb wieder stärker.
Hugo stieg nach ihr ein.
Während der Fahrt saßen sie dicht nebeneinander. Ihr Oberschenkel berührte seinen. Er legte eine Hand auf ihr Knie, und als sie nicht zurückwich, strich er langsam ein Stück darüber. Sie sah ihn an.
Für einige Sekunden war alles leicht.
Dann kam Cannes.
Wie ein verdammter Schalter.
Hugo zog seine Hand nicht weg, aber plötzlich dachte er wieder daran, weshalb er eigentlich keine Frau mehr mitnehmen wollte.
Was machst du hier?
Er sah aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter Londons.
Er hätte dem Fahrer sagen können, er solle anhalten. Er hätte ihr das Geld geben und sie nach Hause fahren lassen können.
Tat er aber nicht.
Wenig später standen sie vor dem Belvedere Court.
Hugo bezahlte das Taxi, stieg zuerst aus und hielt ihr die Tür auf. Als sie an ihm vorbeiging, legte er ihr erneut die Hand an die Hüfte. Sie rückte dabei beinahe selbstverständlich etwas näher an ihn.
Das gefiel ihm.
Natürlich gefiel es ihm.
Genau das war das Problem.
Oben öffnete Hugo die Wohnungstür und ließ sie zuerst eintreten.
Sie blieb im Eingangsbereich stehen und sah sich um. Von dort öffnete sich der große Wohnraum mit seiner gerundeten Fensterfront. Die beiden langen Sofas standen sich gegenüber, dazwischen der niedrige Tisch. An der linken Wand befand sich der Kamin.
„Schön“, sagte sie.
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
Sie ging einige Schritte in den Wohnraum hinein und sah sich weiter um. Hugo folgte ihr mit den Augen. Früher hätte ihm gefallen, dass eine Frau von seiner Wohnung beeindruckt war.
Jetzt bedeutete ihm das alles erstaunlich wenig.
Was nutzte ihm diese Wohnung? Was nutzte ihm das Geld? Was nutzte ihm seine Karriere, wenn er sich in Cannes tatsächlich mit HIV angesteckt hatte?
Er ging zum Kamin und machte Feuer.
Während die ersten Flammen das Holz erfassten, stand sie hinter ihm und betrachtete den Raum.
Hugo richtete sich wieder auf.
„Komm.“
Er führte sie durch den schmaleren Flur in den hinteren Teil der Wohnung. Dort lagen Küche, Toilette und Bad.
Vor dem Badezimmer blieb Hugo stehen und öffnete ihr die Tür.
„Ich möchte, dass du vorher duschst.“
Sie sah ihn kurz an.
„Okay.“
Keine Diskussion.
Sie ging hinein und schloss die Tür.
Hugo blieb noch einen Moment im Flur stehen.
Selbst jetzt.
Es war eigentlich vollkommen absurd.
Er hatte Todesangst, möglicherweise selbst infiziert zu sein, und trotzdem war sein alter Ekel keinen Millimeter kleiner geworden. Die Vorstellung, dass sie an diesem Abend vielleicht bereits bei einem anderen Mann gewesen war, störte ihn. Fremder Schweiß. Fremde Gerüche. Die Vorstellung, dass irgendetwas von einem anderen Mann auf ihrer Haut zurückgeblieben sein könnte.
Cannes hatte daran nichts geändert.
Die Todesangst war einfach noch dazugekommen.
Hugo ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf eines der Sofas. Das Feuer hatte inzwischen richtig gefangen.
Aus dem hinteren Teil der Wohnung hörte er das Wasser.
Er sah in die Flammen.
Vielleicht hatte er AIDS.
Der Gedanke kam inzwischen ohne Vorwarnung.
Nicht: Vielleicht habe ich mich mit HIV infiziert.
Sein Kopf sprang sofort bis zum Ende.
Vielleicht habe ich AIDS. In seinem Kopf gab es nur Cannes und die Bilder schwer an AIDS erkrankter Menschen.
Abgemagerte Körper.
Eingefallene Gesichter.
Menschen, denen man die Krankheit ansah.
Hugo strich sich über sein eigenes Gesicht.
Noch sah er gut aus.
Dieses verdammte noch.
Noch war er zweiundzwanzig. Noch sah eine Frau ihn an und sah einen jungen, gut aussehenden Mann. Noch konnte er in einer Hotelbar sitzen und erleben, dass eine attraktive Frau seinen Blick erwiderte.
Aber wie lange noch?
Das Wasser verstummte.
Wenig später kam sie zurück.
Ihre langen Haare waren noch feucht und fielen jetzt schwerer über ihre Schultern. Sie ging durch den Wohnraum auf ihn zu. Im Licht des Kamins wirkte ihr Gesicht weniger kühl als zuvor in der Bar.
Hugo sah sie an.
Und für einige Sekunden dachte er an überhaupt nichts.
Sie setzte sich zu ihm.
Hugo nahm einen ihrer Füße auf seinen Schoß und begann ihn langsam zu massieren. Dann den anderen. Seine Hände wanderten über ihre Beine, ihre Arme, ihre Schultern und ihren Hals.
Er ließ sich Zeit.
Viel Zeit.
Er beobachtete sie dabei genau. Wie sich ihre Haltung veränderte. Wie ihre Atmung tiefer wurde. Wie sie irgendwann die Augen schloss und sich seinen Berührungen überließ.
Wenn seine Hände über ihren Oberkörper glitten, beobachtete er die kleinen körperlichen Reaktionen, das schnellere Heben ihrer Brust und wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten.
Es gefiel ihm.
Sehr sogar.
Und genau in einem solchen Augenblick war plötzlich wieder die Angst da.
Cannes.
Nur dieses eine Wort.
Für einen Moment wurde aus der Frau vor ihm wieder eine mögliche Gefahr.
Dann sah er ihr Gesicht.
Ihre geschlossenen Augen.
Ihre feuchten Haare.
Und dachte:
Noch kann ich das.
Vielleicht nahm er sich gerade deshalb inzwischen so viel Zeit.
Er wollte nicht, dass diese Stunden schnell vorbeigingen.
Er wollte die Nähe einer Frau auskosten. Ihre Wärme spüren. Ihre Haut unter seinen Händen. Ihren Atem hören. Er wollte erleben, wie sie auf ihn reagierte.
Und immer wieder kehrten seine Hände zu ihrem Bauch zurück.
Das war nicht erst seit Cannes so. Schon früher hatte Hugo entdeckt, wie ungewöhnlich stark ihn ein schöner Frauenbauch anzog.
Jetzt bekam sie für ihn jedoch eine zusätzliche Bedeutung.
Der Bauch fühlte sich sicher an.
Keine Schleimhaut. Nichts von dem, was in seinem Kopf inzwischen sofort mit HIV, Herpes, Chlamydien oder irgendeiner anderen Infektion verbunden war.
Hier konnte er einfach berühren.
Er legte seine Hand flach auf ihren Bauch und ließ sie langsam über die warme Haut gleiten. Er beobachtete, wie sich die Bauchdecke mit jedem Atemzug hob und wieder senkte.
Dann küsste er sie dort.
Einmal.
Noch einmal.
Er strich wieder darüber.
Sie reagierte auf seine Berührungen, und Hugo beobachtete aufmerksam, wie sich ihr Atem veränderte und ihr Körper sich ihm entgegenbewegte.
Der Bauch wurde für ihn immer stärker zu etwas Reinem.
Zu einem Teil einer Frau, den er bewundern konnte, ohne dass die Angst jede Berührung zerstörte.
Er konnte sich damit beschäftigen.
Ansehen.
Streicheln.
Küssen.
Und währenddessen für einige Minuten vergessen, was möglicherweise in seinem eigenen Körper vorging.
Doch vollkommen verschwand die Angst nie.
Sie kam in Wellen.
Vielleicht bin ich infiziert.
Dann wieder ihre warme Haut unter seiner Hand.
Noch sehe ich gut aus.
Ihr Atem.
Vielleicht sieht man es mir irgendwann an.
Dann ihr Körper, der auf seine Berührungen reagierte.
Genau dieser Wechsel machte ihn beinahe verrückt.
Angst.
Ekel.
Trieb.
Nähe.
Und immer wieder dieser eine Gedanke:
Noch.
Noch lag eine schöne Frau bei ihm und sah keinen Kranken.
Noch begehrte er sie, und noch konnte er erleben, dass sie seine Nähe genoss.
Deshalb wollte Hugo, dass auch sie etwas davon hatte. Er nahm sich Zeit mit ihr, achtete auf ihre Reaktionen und wollte spüren, dass sie sich fallen ließ. Je länger er sich mit ihr beschäftigte, desto länger musste er selbst nicht darüber nachdenken, was morgen sein könnte.
Je länger der Abend dauerte, desto mehr rückte seine Angst für kurze Momente in den Hintergrund. Hugo blieb aufmerksam bei ihr, nahm sich Zeit und genoss vor allem die Nähe und das Gefühl, dass sie sich bei ihm wohlfühlte. Irgendwann musste er nicht mehr darüber nachdenken, was als Nächstes geschah. Die Distanz zwischen ihnen war längst verschwunden.
Als sie schließlich miteinander schliefen, benutzte Hugo ein Kondom. Selbst in diesem Moment war die Angst nicht völlig fort, aber sie beherrschte ihn für eine Weile nicht mehr.
Danach schickte er sie nicht sofort fort. Sie blieb bei ihm, während das Feuer im Kamin langsam kleiner wurde. Die anfängliche Spannung zwischen ihnen war einer stillen Vertrautheit gewichen.
Hugo lag neben ihr und sah sie an.
Für einige Minuten war es ruhig in seinem Kopf.
Fast friedlich.
Dann kam die Angst zurück.
Warum war er überhaupt wieder in diese verdammte Hotelbar gegangen?
Warum konnte er nicht einfach aufhören?
Am nächsten Morgen würde er sich erneut schwören, keine Frau mehr mitzunehmen.
Manchmal hielt er diesen Vorsatz einige Tage durch.
Dann saß er wieder in einer Hotelbar.
Gelegentlich hoffte er sogar, dort eine Frau wiederzusehen, die er bereits kannte. Nicht nur, weil sie ihm gefallen hatte. Eine bekannte Escort machte ihm inzwischen weniger Angst als eine völlig Fremde. Er kannte ihren Körper, ihre Art, ihren Geruch nach dem Duschen. Er wusste, was ihn erwartete.
Es war seine eigene absurde Rechnung gegen die Angst.
Und jedes Mal glaubte er vorher, diesmal werde die Vernunft gewinnen.
Bis er wieder eine Frau sah, die seinem Beuteschema entsprach.
Dann begann alles von vorn.
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