**Kapitel 6 -- Die neue Liga**
Der Zug hatte Verspätung. Als Hugo in London ankam, war es dunkel. Das Taxi roch nach altem Leder und Zitronen-Lufterfrischer. Der Fahrer sprach einen Akzent, bei dem Hugo nur jedes zweite Wort verstand. Die Straßen waren enger als in Frankfurt. Die Stadt schien sich nicht ausgebreitet, sondern aufgestapelt zu haben.
Vor dem Belvedere Court blieb das Taxi stehen. Ein mehrstöckiger Backsteinbau mit abgerundeter Ecke, weißen Fensterrahmen, zurückgesetztem Eingang. Nicht protzig. Solide. Hugo mochte das. Er mochte Dinge, die nicht mehr versprachen, als sie hielten.
Die Wohnung roch nach Holzpolitur und Abwesenheit. Ein Flur. Rechts der große Wohnraum mit der gerundeten Außenwand. Links das Arbeitszimmer. Weiter hinten Schlafzimmer, Gästezimmer, Küche, Bad. Hugo ging die Räume durch, ohne das Licht anzumachen. Er kannte den Grundriss aus dem Prospekt.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. *Willkommen in London. Wenn etwas nicht funktioniert, rufen Sie mich an, nicht den Hausmeister. -- Claire.*
Hugo las den Zettel zweimal. Die Handschrift war ordentlich. Fast zu ordentlich. Er legte ihn zurück, stellte den Koffer ab und öffnete das Fenster im Wohnzimmer. Draußen war es kalt und laut. Verkehr. Ein Flugzeug. Irgendwo Musik.
Das Ziehen in seinem Bauch war schwerer als in Frankfurt. Nicht Angst. Erwartung. Der Knoten, der sich erst lösen würde, wenn er bewies, warum Edward Middel ihn hierhergeholt hatte.
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Edward Middel ließ Hugo am nächsten Tag in sein Büro kommen. Es war später Nachmittag, und das graue London-Licht lag bleiern durch die hohen Fenster. Auf dem Schreibtisch standen keine Familienfotos. Keine persönlichen Erinnerungsstücke. Nur Akten, ein silberner Füller, der Geruch nach altem Leder und noch älterem Tabak.
An einer Seitenwand hing ein Bild. Hugo hatte es beim Eintreten registriert. Jetzt, während Edward hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, betrachtete er es genauer. Eine großformatige Fotografie, überwiegend Graustufen. Provokant. Geld und Sexualität zu einem Motiv verbunden. Zwei Farben durchbrachen das Grau: die Vagina in Rosa, die Geldscheine im Grün amerikanischer Dollar. Ein Bündel Hundert-Dollar-Scheine, arrangiert, dass ein Teil in der Vagina verschwand, während der Rest herausragte.
Hugo spürte, wie sich seine Gedärme leicht zusammenzogen. Nicht vor Erregung. Vor der kalten, berechnenden Art, wie hier etwas Dargestelltes zur Dekoration wurde.
„Gefällt es dir?", fragte Edward.
„Ich weiß es nicht."
„Falsche Antwort."
Edward stand auf. Seine Bewegungen waren ökonomisch, fast langsam. Er ging zu dem Bild.
„Es heißt ›Die bedauernswerte Realität‹."
„Warum?"
„Weil das hier alles ist, worauf es am Ende hinausläuft. Geld und Fotzen. Der Rest ist Verpackung."
Hugo sah ihn an. „Das ist ein bisschen einfach."
„Natürlich ist es einfach. Die Wahrheit ist meistens einfach. Die Leute machen sie nur kompliziert, weil sie sich dann intelligenter vorkommen."
Hugo blickte wieder zu dem Bild. In Frankfurt hatte ihn diese Sprache noch körperlich abgestoßen. Ein Eisgefühl in den Venen. Jetzt, in diesem stickigen Büro, klang sie bereits weniger fremd. Das erschreckte ihn mehr als das Bild selbst.
„Und was ist daran bedauernswert?"
Edward lächelte. Nicht breit. Ein Anflug von Zufriedenheit, als hätte Hugo einen Test bestanden.
„Jetzt hast du die richtige Frage gestellt." Er deutete auf das Bild. „Die Tragödie kommt später. Irgendwann verliebst du dich in eine Muschi und redest dir ein, diese eine sei anders. Dass sie deine sei." Pause. „Dann stellst du fest, dass sie die Hälfte deines Geldes frisst. Dass sie nicht anders ist. Dass sie nur besser gespielt hat."
Hugo schwieg. Ein kleiner, hässlicher Teil von ihm wusste, dass da etwas Wahres dran war.
„Dann bist du entsetzt", fuhr Edward fort, leiser. „Nicht weil du vorher nichts wusstest. Sondern weil du dachtest, für dich würden andere Regeln gelten."
„Und Moral?", fragte Hugo. Seine Stimme klang rauer als beabsichtigt.
Edward lachte. Kurz, abgehackt. „Komm mir nicht mit Moral. Kauf dir ein Buch über die Borgia. Moral ist das Lügengebäude, das die Leute sich bauen, damit sie nachts schlafen können. In diesem Büro sprechen wir Klartext. Ich will Geld verdienen. Sehr viel Geld. Wenn du dir bei einer Bewertung unsicher bist, sagst du es. Und wenn du was über Muschis wissen willst \-- fragst du. Kein Theater."
Hugo sagte nichts. Er spürte seinen Puls in den Schläfen.
„Du kannst mich für ein Arschloch halten. Damit kann ich leben. Gefährlich werden die Leute, die dir mit Moral und Anstand kommen. Die lächeln, während sie dir das Messer zwischen die Rippen rammen. Ich ramm es wenigstens von vorne."
Er musterte Hugo. Zu lang. Als hätte er nicht nur die Kleidung, sondern das analysiert, was darunter lag. Die Unsicherheit. Die Gier.
Dann wechselte er das Thema so abrupt, dass Hugo zunächst glaubte, sich verhört zu haben.
„Wie oft wichst du?"
Hugo starrte ihn an. „Was?"
„Wie oft", schob Edward grob nach. Kein Lächeln. Keine Entschuldigung. „Ich habe dich nicht gefragt, ob du auf Pussys stehst. Ob du schwul bist, interessiert mich überhaupt nicht. Ich will wissen, ob du deinen Trieb unter Kontrolle hast. Oder ob er dich kontrolliert."
Hugo schwieg. Ihm war peinlich. Nicht die Frage, sondern die Art, wie sie gestellt wurde. Als wäre er ein Tier auf dem Präsentiertisch.
„Du denkst immer noch, ich rede über Sex", sagte Edward. „Ich rede über Konzentration. Hier reden wir über richtige Summen. Wenn du eine Entscheidung triffst, will ich deinen klaren Kopf am Tisch haben. Nicht den eines zwanzigjährigen Trottels, der seit Stunden irgendeiner Frau hinterherhechelt. Hormone machen blind, Hugo. Und Blindheit kostet hier Geld. Mein Geld."
„Und deine Lösung ist wichsen?" Hugos Stimme klang schriller als beabsichtigt.
Edward grinste. Zum ersten Mal sah etwas Menschliches durch die Maske. „Meine Lösung ist: Kümmere dich um deinen Scheiß, bevor du durch diese Tür kommst. Egal wie. Hauptsache, wenn du hier sitzt, bist du hier. Nicht mit dem Kopf bei irgendeiner Fotze."
Hugo musste unwillkürlich lachen. Es entwich ihm wie ein Husten. Das Lachen brach etwas in ihm. Die Anspannung, den letzten Rest Distanz.
„Das meinst du ernst?"
„Vollkommen." Edward zeigte auf das Bild. „Anspannung ist wichtig. Gier ist wichtig. Gier ist Treibstoff. Aber wenn dein sexueller Trieb lauter wird als dein Verstand, hast du ein Problem. Dann bist du nicht mehr der Jäger. Dann bist du das Opfer. Und Opfer verdienen kein Geld."
Er beugte sich vor. Sein Gesicht war jetzt nur noch einen halben Meter entfernt. Hugo roch sein Aftershave. Teuer, holzig, aggressiv.
„Ich will Geld machen, Hugo. Dafür brauche ich jemanden, der die Spannung aushält. Zwischen dem, was er haben will, und dem, was er tun muss."
Hugo blickte noch einmal auf das Bild. Es erschien ihm wie ein Spiegel. Verzerrt, hässlich, aber nicht falsch.
Als er das Büro verließ, überkam ihn ein Gefühl aus Scham und Ekel. Aber darunter lag etwas anderes. Das flirrende, süße Gefühl von Macht. Von Zugehörigkeit.
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Draußen wartete Claire. Sie saß an einem Schreibtisch im Vorzimmer. Kurzes dunkelblondes Haar, dezente Perlenkette, altrosa Blazer über grauer Bluse. Als sie aufsah, musterte sie ihn ruhig und sachlich, ohne erkennbare Neugier.
„Herr Voss. Ich bin Claire. Edward hat mich Ihnen als persönliche Assistentin zugeteilt. Ich soll Ihnen den Einstieg erleichtern, Ihnen alles zeigen und mich künftig um alles kümmern, was Sie brauchen, damit Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren können."
„Ich brauche einen Englischlehrer", sagte Hugo. „Jeden Werktag. Sechs Uhr dreißig bis acht Uhr dreißig. Morgens."
Claire blinzelte. „Jeden Tag? Zwei Stunden?"
„Zehn Stunden pro Woche. Ja."
„Die meisten fragen nach zwei, drei Stunden."
„Ich bin nicht die meisten."
Sie verzog den Mund zu einer Bewertung. „Und sonst?"
„Jemanden, der die Wohnung sauber hält, die Wäsche macht und einkauft. Montag bis Freitag. Tagsüber. Wenn ich abends zurückkomme, soll alles erledigt sein."
„Eine Haushälterin."
„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich nenne es funktional."
„Funktional", wiederholte sie. „Noch etwas?"
„Ich brauche einen Schneider."
Claires Stift blieb in der Luft hängen. „Sie sind erst gestern angekommen."
„Und ich sehe aus wie jemand, der erst gestern angekommen ist. Das ändert sich aber."
Sie legte den Stift hin. „Edward hat gesagt, Sie wären jung. Er hat nicht gesagt, dass Sie so\... sicher."
„Ich bin nicht sicher. Ich bin nur schneller als andere, wenn es darum geht, Probleme zu lösen, statt über sie zu diskutieren."
Claire nickte langsam. „Dann werde ich den Lehrer besorgen. Einen älteren Briten, nehme ich an? Korrekt, streng?"
„Jemanden, der mich nicht mit Schulenglisch langweilt."
„Verstanden."
Sie stand auf. Hugo schätzte, dass sie etwa acht Jahre älter war als er. Sie bewegte sich mit einer gewissen Schwere, beharrlich, als würde sie jeden Schritt vorher berechnen.
„Noch etwas", sagte Hugo. „Sagen Sie dem Lehrer: Ich will keine Grammatik. Ich will Schnelligkeit. Ich will verstehen, was diese Leute hier sagen, wenn sie drei Sätze in einer Sekunde raushauen. Und ich will selbst so sprechen, dass sie mich nicht für einen deutschen Schuljungen halten."
In ihren Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte. Vielleicht Respekt. „Ich werde es ihm ausrichten."
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Mr. Harrington erschien am nächsten Morgen um halb sieben. Sechsundfünfzig, Tweed-Anzug, Pfeifentabak, Menthol. Er setzte sich an den Küchentisch, öffnete eine Mappe und sagte: „Guten Morgen, Herr Voss. Ihre Assistentin hat mitgeteilt, dass Sie kein Schulenglisch wünschen. Dann fangen wir an."
Hugo las einen Text aus der \*Financial Times\* vor. Harrington unterbrach ihn alle drei Wörter. „Nein. Nicht con-TRO-versy. CON-troversy. Der Akzent liegt auf der ersten Silbe. Noch einmal."
Eineinhalb Stunden lang. Keine Pause. Als Harrington ging, schmerzte Hugos Kiefer von der ungewohnten Artikulation. Aber er merkte, dass er schneller geworden war.
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Die ersten zwei Wochen im Büro verliefen anders als in Frankfurt.
Hugo saß direkt neben dem Trading Floor, in einem offenen Bereich, der von drei Seiten Glas umgeben war. Die Händler waren lauter, schneller, internationaler. Schottisch, australisch, südafrikanisch, amerikanisch. Die Orders auf den Tickern waren größer. Nicht Millionen. Hundert Millionen. Milliarden.
Hugo war Analyst. Er kaufte nicht, er verkaufte nicht. Er saß an seinem Schreibtisch, las Geschäftsberichte, Quartalszahlen, Bilanzen, und schrieb Empfehlungen. \*Kaufen. Verkaufen. Halten.\* Dann gab er seine Analyse an die Händler weiter, und die entschieden.
Nach etwa zwei Wochen wurde Edward ungeduldig.
Er trat an Hugos Schreibtisch. „Wo sind die Analysen?"
„Ich habe noch keine fertig."
„Warum nicht?"
„Weil ich mir erst einen Überblick verschaffen will. Die Märkte hier sind anders. Wenn ich jetzt etwas liefere, ist es halbgar."
Edward starrte ihn an. Kalt. Ohne den leisesten Funken Verständnis. „Du bist nicht hier, um dir einen Überblick zu verschaffen. Du bist hier, um Geld zu verdienen. Wenn ich einen Überblick will, kaufe ich mir einen Reiseführer."
Er ging. Hugo spürte, wie sich die Männer am Nebentisch umdrehten, wie das Flüstern begann. \*Der junge Deutsche. Edward hat ihn persönlich geholt, und er liefert nichts.\*
Es war gefährlich. In Frankfurt hatte Hugo sich einen Namen gemacht. Hier war er ein Niemand.
Hugo arbeitete schneller. Er stand um fünf auf, las vor Harringtons Stunde die Kursblätter, arbeitete bis Mitternacht. Die Haushälterin, die Claire gefunden hatte \-- eine schweigsame Frau aus Polen namens Danuta \-- hinterließ Essen im Kühlschrank, das er manchmal kalt aß.
Die erste Analyse war gut. Ein britischer Chemiekonzern, den der Markt als langweilig abgetan hatte. Hugo fand eine Tochtergesellschaft in Singapur, deren Gewinne nicht konsolidiert worden waren. Die Händler kauften. Der Kurs stieg um vierundzwanzig Prozent. Die Bank machte zwölf Millionen Mark Gewinn.
Edward sagte nichts. Er nickte und ging weiter.
Die zweite Analyse war eine Katastrophe.
Ein Software-Unternehmen. Die Zahlen sahen solide aus. Aber Hugo hatte übersehen, dass das Unternehmen gerade einen Großkunden verloren hatte. Eine Meldung in einem elektronischen Branchendienst, den er nicht verfolgt hatte. Die Händler bauten eine Long-Position auf. In der darauffolgenden Woche veröffentlichte das Unternehmen eine Pressemitteilung und der Kurs fiel um zwölf Prozent.
Edward ließ Hugo in den Handelssaal kommen. Vor allen.
„Das hier", sagte er und zeigte auf den Bildschirm, auf dem die roten Zahlen leuchteten, „ist dein Scheiß, Voss. Zwölf Prozent an einem Tag. Nicht, weil der Markt irrational ist. Sondern weil du faul warst." Dabei ballte er die rechte Hand zur Faust und schlug mit der linken, in der er einige Papiere hielt, auf den Tisch.
Hugo spürte, wie sich sein Gesicht erhitzte. „Ich habe den Dienst nicht gesehen."
„Dann sieh ihn. Und wenn du ihn nicht siehst, suchst du weiter. Und wenn du nicht weiter suchst, bist du hier fehl am Platz. Ich habe dich nicht geholt, damit du Bilanzen liest, die jeder andere auch liest. Ich habe dich geholt, damit du das siehst, was andere nicht sehen."
Dann warf er die Papiere vor Hugos Füße und drehte sich um und ging. Die Händler sahen Hugo an. Niemand lachte. Aber Hugo spürte ihre Blicke wie Nadelstiche, als er die Papiere aufhob.
Er ging zurück an seinen Schreibtisch. Seine Hände zitterten leicht. Nicht vor Angst. Vor Wut auf sich selbst. Er setzte sich, aber der Stuhl schien härter als sonst, die Lehne drückte gegen seine Schulterblätter wie eine Erinnerung. Die Blicke der Händler spürte er noch immer, kleine stechende Punkte auf seiner Haut, die nicht wegwollten. Er öffnete den Branchendienst, den er übersehen hatte, und las die Meldung. Sie war zwei Wochen alt. Zwei Wochen. Er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog, nicht vor Hunger, vor etwas Härterem. Ein Gefühl, das er kannte: das Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein. In Frankfurt war es sein Vater gewesen, der das ausgelöst hatte. Hier war es Edward. Und das Schlimmste war: Edward hatte recht.
Er stand auf, ging ins Bad, schloss die Tür und starrte in den Spiegel. Sein Gesicht war blass, die Augen gerötet. Er drehte das kalte Wasser auf und hielt sich die Hände darunter, bis sie aufhörten zu zittern. Dann sah er sich noch einmal an. Ein junger Mann in einem teuren Anzug, der aussah wie ein Junge, der sich verlaufen hatte. Er hasste diesen Blick. Er hasste ihn so sehr, dass es ihm die Kehle zuschnürte.
Als er zurückkam, löschte er alle persönlichen Dateien auf seinem Computer. Nichts Privates. Nichts, was ablenkte. Dann begann er zu lesen.
Er arbeitete drei Tage ohne Pause. Er las nicht nur Geschäftsberichte, sondern Fachpublikationen, elektronische Dienste, Zeitungsarchive. Er rief bei einem ehemaligen Mitarbeiter des Software-Unternehmens an, gab sich als Journalist aus, und erfuhr, dass der Kunde schon seit Monaten unzufrieden gewesen war. Die Information war da gewesen. Er hatte sie nur nicht gefunden.
Die dritte Analyse war hervorragend. Ein australischer Bergbaukonzern. Hugo fand heraus, dass das Unternehmen stillschweigend ein neues Verfahren zur Lithiumgewinnung testete. Die Händler bauten eine Position auf. Innerhalb einer Woche stieg der Kurs um achtzehn Prozent.
Die vierte funktionierte. Die fünfte. Die sechste.
Edward klopfte ihm auf die Schulter. Eine kleine Geste, fast beiläufig. Aber Hugo merkte, wie sich etwas im Raum veränderte. Die Händler nickten ihm zu. Einer, ein älterer Mann mit einer Narbe über der linken Augenbraue, sagte: „Gut gemacht. Das war sauber."
Hugo spürte etwas in seiner Brust. Nicht Stolz. Etwas Schärferes, Fast-Schmerzhaftes. Es war das Gefühl, endlich gesehen zu werden, und gleichzeitig die Erkenntnis, wie wenig es bedeutete. Das Nicken der Händler, das Klopfen auf die Schulter \-- es war wie ein Tropfen Wasser auf heißem Stein. Er wollte mehr. Er wollte, dass sie ihn nicht nur anerkannten, sondern dass sie ihn brauchten. Dass sie ohne ihn nicht mehr konnten.
Aber er lächelte nicht. Er bemerkte etwas anderes. Edwards Zuneigung hing nicht an ihm. Sie hing an seinen Ergebnissen. An dem Tag, an dem er nicht lieferte, würde das Klopfen aufhören. Das war neu. Und es machte ihn härter.
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Der Club hieß \*The Corinthian\* und lag in einer Seitenstraße nahe der Bank of England. Schwere Holztür, altlederner Geruch, gedämpftes Licht. Die Stimmen der Männer an den Tischen klangen wie das Murmeln eines Bachs, der über Geld sprach.
Hugo saß an der Bar. Er war allein gekommen, nach einem Tag mit zwei erfolgreichen Analysen. Er trank einen Whisky und lauschte.
„\...und dann sagt der Wichser, er hätte die Position nicht verkauft, wenn er gewusst hätte, dass der Kurs fällt. Ich sag: Du hättest wissen müssen, dass der Kurs fällt, du Fotze\..."
„Hugo Voss?"
Hugo drehte sich um. Hinter ihm standen drei Menschen. Eine Frau und zwei Männer. Die Frau hatte gesprochen. Dunkles Haar, strenges, schönes Gesicht, marineblauer Blazer, weißes Seidentop.
„Ja", sagte Hugo.
„Dr. Leila Farhadi." Sie streckte ihm die Hand hin. Der Händedruck war fest, trocken. „UBS. Ich habe von Ihnen gehört."
„Vom Markt?"
„Vom Markt." Sie lächelte nicht. „Man spricht in der City über den jungen Deutschen, den Edward Middel geklaut hat. Einige sagen, Sie wären ein Wunderkind. Andere sagen, ein Glücksritter. Ich wollte selbst sehen."
„Und?"
„Sie sind kleiner, als ich erwartet habe."
Hugo lachte. Es war echt, ungeplant. Er bemerkte, wie sich seine Schultern absenkten, die Anspannung in seinem Nacken, die er gar nicht mehr registriert hatte, löste sich langsam. Er war nicht mehr der Jüngste im Raum, nicht mehr der Deutsche, den alle beobachteten. Er war einer von ihnen. Fast.
Der erste Mann trat näher. Groß, schlank, zu langes schwarzes Haar, Brille mit dünnen Fassungen. „Dr. Arjun Mehta. Merrill Lynch. Technologieanalyse. Sie haben den australischen Bergbau richtig gesehen. Nicht schlecht."
„Danke."
Der zweite Mann war jünger als Hugo, neunzehn oder zwanzig, Werbegesicht, hellbraunes Haar, blaue Augen. Maßgeschneiderter Anzug. „Alexander Whitmore", sagte er. Überrascht, fast irritiert. „Deutsche Bank. London. Ich habe noch nicht von Ihnen gehört."
Farhadi warf ihm einen Blick zu. „Weil du nicht zuhörst, Alex. Du bist zu sehr damit beschäftigt, dich selbst zu bewundern."
„Fick dich, Leila", sagte Whitmore, aber er lächelte dabei.
„Setzen wir uns", sagte Mehta. „Ich habe Durst."
Sie nahmen einen Tisch in der Ecke. Farhadi lehnte sich zurück. Ihre Augen musterten Hugo mit einer Intensität, die an Edward erinnerte, aber weniger kalt war.
„Erzählen Sie uns, Herr Voss. Wie schafft ein Zwanzigjähriger es, in acht Monaten die Hälfte der City alt aussehen zu lassen?"
„Indem ich arbeite. Mehr als die anderen."
„Alle arbeiten hier viel", sagte Whitmore. „Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausrede für Langweiler."
„Dann die andere Antwort", sagte Hugo. „Ich lese, was andere nicht lesen. Ich rufe an, wo andere nicht anrufen. Und wenn ich einen Fehler mache, dann suche ich den Grund, statt einen Schuldigen."
Mehta hob sein Glas. „Der Software-Deal. Die zwölf Prozent. Das war Ihr Fehler?"
„Ja."
„Und Sie stehen hier und trinken mit uns, statt in einer Kiste nach Hause zu schiffen?" Mehta lächelte. „Edward Middel muss Sie wirklich mögen."
„Edward Middel interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob er mich mag", sagte Hugo. Es klang härter als beabsichtigt. „Er interessiert sich dafür, ob ich Geld verdiene. Gestern war ich ein Genie. Heute bin ich ein Mensch. Wenn ich morgen verliere, bin ich wieder nichts."
Farhadi nickte langsam. „Das ist die ehrlichste Antwort, die ich seit Monaten hier gehört habe. Die meisten reden sich ein, dass sie unersetzlich sind. Dummheit. Wenn du verlierst, bist du weg. Punkt."
„Netzwerke helfen", sagte Whitmore.
„Netzwerke helfen denen, die nicht verlieren", sagte Farhadi. „Wenn du verlierst, vergessen dich deine Freunde schneller, als du ›Insolvenz‹ sagen kannst."
„Das ist zynisch", sagte Whitmore.
„Das ist London", sagte Mehta. Er stellte das Glas ab. „Hugo \-- darf ich Hugo sagen? \-- hat recht. Hier zählt das Ergebnis. Alles andere ist Gesellschaftsspiel."
Sie sprachen weiter. Über den Markt, über einen Hedgefonds-Manager, der gerade seine dritte Frau verlor. Farhadi sagte: „Der hat sein Geld mit dem Schwanz verdient und verliert es jetzt mit dem gleichen Organ. Symmetrie."
Whitmore lachte. „Leila, du bist die einzige Frau, die ich kenne, die ›Schwanz‹ sagt, ohne zu erröten."
„Weil ich keinen habe und deshalb keinen Respekt davor", sagte sie trocken.
Hugo lachte. Es war das erste Mal seit Wochen, dass er sich so richtig entspannte. Nicht weil sie nett waren. Sondern weil sie ehrlich waren.
Als sie gingen, tauschten sie Visitenkarten aus. Keine große Geste. Nur ein kleiner Stapel Pappe. Aber Hugo spürte das Gewicht jedes einzelnen Kartons in seiner Hand. Es war mehr als Kontaktinformation. Es war ein Versprechen, das niemand ausgesprochen hatte: *Du bist drin. Vielleicht. Wenn du liefertest.*
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Die Wochen danach vergingen schneller, als Hugo sie zählen konnte. Analysen, Treffer, Fehler, Korrekturen. Irgendwann waren es nicht mehr Wochen, sondern Monate, und er hatte aufgehört, die Tage zu benennen.
Es waren inzwischen neun Monate, als Edward Middel Hugo und drei seiner Händler in einem Privatjet nach Nizza flog. Edward nannte es „Strategische Neuausrichtung", aber Hugo wusste, was es war: Feiern. Sechshundert Millionen bewegt. Fünfzehn Prozent Gewinn.
Der Jet war klein, aber luxuriös: Leder, dunkles Holz, ein Steward, der Drinks servierte, bevor man danach fragte. Hugo saß am Fenster und trug nun Anzüge von Savile Row \-- drei Stück, maßgeschneidert. Die Rechnung hatte bei mehreren tausend Pfund gelegen. Er hatte sich geärgert. Nicht weil er es sich nicht leisten konnte. Sondern weil er es für verschwendet hielt. Aber er hatte bemerkt, dass die anderen ihn anders behandelten. Die Stewardess war aufmerksamer, die Händler grüßten ihn mit einem Kopfnicken, das fast respektvoll wirkte. Es war lächerlich. Und es war effektiv. Manchmal, wenn er nachts aufwachte, wusste er eine Sekunde lang nicht, in welcher Stadt er war.
In Nizza fuhren sie mit einem Mietwagen weiter nach Cannes, zwei Nächte im Carlton. Edward hatte Suiten gebucht, und am ersten Abend aßen sie in einem Restaurant an der Croisette. Edward trank viel. Er erzählte Geschichten über den Markt, über Frauen, über einen Prinzen, den er angeblich in Monaco um vier Millionen erleichtert hatte. Die Händler lachten. Hugo lachte mit. Aber er bemerkte, dass er nicht wirklich dazugehörte. Er war der Analyst, der Junge, der das Denken übernommen hatte.
Nach dem Essen gingen sie in eine Bar, später in einen Club. Die Musik war laut, die Frauen jung und schön, viele von ihnen aus Tschechien, Ungarn, Polen oder Russland. „Kommunistinnen", flüsterte einer der Händler Hugo ins Ohr. „Die Eltern haben sie zum Ballett geschickt. Deshalb sind sie so verdammt beweglich. Jetzt kann man sie in verschiedenen Stellungen besser ficken."
Hugo lächelte. Es war nur ein Witz, einer von vielen.
Er ging früh, um zwei Uhr morgens. Er wollte nicht mehr trinken. Er wollte schlafen.
Als er durch die Lobby des Carlton ging, hörte er seinen Namen.
„Hugo!"
Er drehte sich um. An der Bar saßen zwei der drei aus dem Club in London. Arjun Mehta und Alexander Whitmore. Hemden aufgeknöpft, Gläser in den Händen.
„Was machst du hier?", rief Whitmore. Er war betrunken. „Ich dachte, du bist das Arbeitstier, das nie feiert."
„Ich feiere anders", sagte Hugo und ging zu ihnen.
„Setz dich", sagte Mehta. Er schien nüchterner, aber seine Augen waren glasig. „Wir haben gerade über dich gesprochen."
„Schlecht, hoffe ich."
„Warum schlecht?"
„Weil gute Gerüchte langweilig sind."
Whitmore lachte. „Der Junge hat Humor."
Mehta deutete auf einen Stuhl. Hugo setzte sich. Der Kellner kam, und Hugo bestellte ein Wasser.
„Leila ist nicht hier", sagte Mehta. „Sie hasst Cannes. Zu viel Geld, zu wenig Substanz, sagt sie. Sie ist nach Spanien geflogen."
„Und ihr?"
„Wir sind hier, weil Alex eine Frau treffen wollte, die ihn nicht treffen wollte", sagte Mehta. „Und ich bin hier, weil ich keine Lust hatte, allein in London zu sitzen."
„Fick dich, Arjun", sagte Whitmore, aber ohne Wut. Er drehte sich zu Hugo. „Ich bin hier, weil das hier im Sommer das Zentrum der Welt ist. Und weil ich Geld habe, das ich ausgeben muss, bevor der Steuerberater kommt."
Sie sprachen. Über den Markt, über London, über die Deutsche Bank, bei der Whitmore arbeitete. Hugo erfuhr, dass Whitmore aus einer alten Londoner Bankerfamilie stammte, dass sein Vater bei der Bank of England gearbeitet hatte, dass er seit seinem sechzehnten Geburtstag ein eigenes Depot hatte.
„Und du?", fragte Whitmore. „Du warst mit sechzehn schon am Handeln, oder?"
„Mit fünfzehn", entgegnete Hugo.
„Fünfzehn?" Whitmore starrte ihn an. „Das ist krank."
„Ich hatte einen Bruder, der es mir erklärt hat", sagte Hugo. „Und einen Vater, der es mir nicht geglaubt hat."
Mehta nickte langsam. „Der Vater. Die Ursprungsgeschichte jedes Bankers. Entweder der Vater war erfolgreich, und der Sohn will es ihm gleichtun. Oder der Vater war ein Versager, und der Sohn will beweisen, dass er es besser macht. Welcher Typ bist du?"
Hugo dachte nach. „Der zweite", sagte er schließlich. „Aber nicht, weil mein Vater ein Versager war. Sondern weil er nicht verstanden hat, was ich wollte. Und weil ich nicht wollte, dass er es versteht."
„Tief", sagte Whitmore und rollte mit den Augen. „Wir sind hier, um zu feiern, nicht um unsere Kindheitstraumata zu analysieren."
„Dann feier", sagte Hugo. „Ich gehe schlafen."
„Schon?" Mehta sah ihn an. „Es ist zwei Uhr morgens. In London fängt die Nacht gerade erst an."
„In London", sagte Hugo. „Hier bin ich müde."
Er stand auf. Aber bevor er ging, legte Mehta eine Hand auf seinen Arm.
„Hugo", sagte er leise. „Das mit der Software-Analyse. Die zwölf Prozent. Das passiert. Jedem. Die Frage ist nicht, ob du mal daneben greifst. Die Frage ist, ob du es abschüttelst und weitermachst. Das haben wir gemerkt. Leila, Alex und ich. Du bist nicht der Typ, der sich in Selbstmitleid suhlt. Das ist selten. Das ist wertvoll."
Hugo spürte, wie etwas in ihm nachgab. Nicht viel. Ein kleines Rücken, wie wenn man ein Fenster öffnet, das lange verklemmt war. Er hatte nicht gewusst, dass er das hören musste. Dass er irgendjemanden brauchte, der sagte, dass der Fehler nicht das Ende war, sondern nur ein Teil dessen, was er werden würde. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Edward nur Ergebnisse wollte. Dass sein Vater nur Ergebnisse gesehen hatte. Dass niemand nach dem Weg fragte, nur nach dem Ziel. Und jetzt sagte dieser Mann, den er kaum kannte, dass die Art, wie er fiel, wichtiger war als der Fall selbst.
Hugo sah ihn an. Mehtas Augen waren ernst.
„Danke", sagte Hugo.
„Nicht nötig", sagte Mehta. „Wir sehen uns in London. Und dann vielleicht öfter. Wenn du willst."
„Ich will", sagte Hugo.
Er ging. Auf dem Weg zu seinem Zimmer dachte er an das, was Mehta gesagt hatte. *Abschütteln und weiter.* Das war es. Nicht die Fehlerfreiheit. Sondern die Fähigkeit, weiterzumachen, wenn man auf die Fresse gefallen war.
Er öffnete die Tür zu seiner Suite. Sie war riesig, ein Bett für drei Personen. Er zog sich aus, legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke.
Draußen hörte er das Meer und das Lachen von Menschen, die noch feierten. Aber hier war es still. Und in dieser Stille spürte Hugo etwas, das er seit Frankfurt nicht mehr gespürt hatte.
Zugehörigkeit. Nicht zu Edward und seinen Händlern. Sondern zu etwas Neuem. Zu einer Gruppe von Menschen, die so jung waren wie er, die so hungrig waren wie er, und die verstanden, dass man in diesem Geschäft entweder schnell war oder tot.
Er schlief ein. Ohne Musik, ohne Kassette. Zum ersten Mal seit Wochen.
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Am nächsten Tag sah Hugo von den anderen erst am späten Nachmittag wieder etwas. Edward hatte den Vormittag verschlafen, zwei der Händler waren irgendwann zum Strand verschwunden, und Hugo hatte einige Stunden in seiner Suite verbracht, Zeitungen gelesen und Unterlagen durchgesehen.
Am Abend trafen sie sich wieder. Sie aßen in einem Restaurant am Yachthafen, diesmal ruhiger als am Vorabend. Fisch, Austern, Wein, den Edward bestellte, ohne die Karte länger als ein paar Sekunden anzusehen.
Als sie mit dem Essen fertig waren, legte Edward die Serviette hin.
„Wir gehen zurück ins Carlton", sagte er. „Und rauchen noch eine."
Einer der Händler sah ihn an.
„Draußen?"
„Natürlich draußen."
„Ist ziemlich kalt geworden."
Edward stand auf.
„Dann zieh dir einen Mantel an."
Sie gingen zurück zum Carlton und setzten sich draußen auf die Terrasse vor dem Hotel. Der Abend war kühl, und die Männer behielten ihre Mäntel an.
Edward ließ Zigarren bringen. Er nahm eine aus dem Humidor, schnitt sie sorgfältig an, zündete sie an und lehnte sich zurück.
„Jetzt fehlt nur noch ein vernünftiger Whisky."
Als der Kellner kam, bestellte Edward einen Whisky.
„Und ein Nosing-Glas."
Der Kellner sah ihn verständnislos an.
„A whisky nosing glass."
Der Kellner entschuldigte sich. So ein Glas hätten sie nicht.
Edward sah zu den anderen und schüttelte langsam den Kopf.
„Franzosen."
Einer der Händler grinste.
„Sie können aus Trauben ein Vermögen machen", sagte Edward, „aber gib ihnen Whisky, und sie schütten ihn dir in einen verdammten Wassereimer."
Der Kellner verstand offenbar genug Englisch, um den Tonfall zu erfassen, ließ sich aber nichts anmerken.
„Kein Problem", sagte Edward. „Ich habe mein eigenes."
Hugo sah ihn an.
„Du hast ein Glas dabei?"
„Natürlich."
„Du reist mit einem Whiskyglas?"
Edward nahm einen Zug von seiner Zigarre.
„Man reist mit Dingen, auf die man sich verlassen kann."
Er stand auf und ging ins Hotel.
Ein paar Minuten später kam er tatsächlich mit einem Glas zurück.
Hugo betrachtete es. Es war kleiner als die üblichen Whiskygläser, unten bauchig und nach oben deutlich schmaler werdend.
Edward stellte es vor den Kellner.
„Da rein."
Der Kellner schenkte ein.
Edward nahm das Glas am Fuß, schwenkte es leicht und hielt es Hugo hin.
„Riech."
Hugo tat es.
„Und jetzt stell dir denselben Whisky in diesem breiten Scheißglas vor", sagte Edward und deutete auf eines der Gläser auf dem Tisch. „Da verfliegt dir die Hälfte. Hier bekommt der Whisky unten Fläche, aber oben wird das Aroma gebündelt."
Er drehte das Glas langsam zwischen den Fingern.
„Die Form entscheidet darüber, was du riechst. Und was du riechst, entscheidet darüber, wie du den Whisky wahrnimmst."
Hugo nahm ihm das Glas ab und betrachtete es genauer.
„Wegen der paar Zentimeter?"
„Gerade wegen der paar Zentimeter."
Edward nahm es zurück.
„Ein gutes Glas ist kein Schmuck. Es ist ein Werkzeug."
Hugo nickte. Er merkte sich das.
Während die Männer ihre Zigarren rauchten und sich über Whisky und Franzosen unterhielten, ließ Hugo den Blick über die Terrasse wandern.
Dabei fielen ihm die Frauen auf.
Nicht eine. Viele.
Auffallend viele schöne Frauen saßen zu zweit an kleinen Tischen. Wegen der kühlen Luft trugen sie Mäntel, Jacken oder etwas über den Schultern. Manche tranken Champagner, andere Wein oder Mineralwasser. Sie redeten miteinander, sahen aber immer wieder zur Lobby, zum Eingang oder zu den Männern an den anderen Tischen.
Hugo beobachtete zwei von ihnen besonders lange.
Eine Brünette und ihre blonde Begleiterin.
Sie war nicht die Schönste auf der Terrasse. Aber es war etwas in der Art, wie sie lächelte, halb gelangweilt, halb berechnend, das seinen Blick festhielt. Hugo spürte ein Pochen in seinen Schläfen, das nicht vom Whisky kam. Er erinnerte sich an Edwards Worte im Büro: Hormone machen blind. Er hatte gedacht, das gelte für andere. Für schwache Männer. Aber jetzt, in dieser kühlen Nacht, mit dem Geruch von Zigarren und dem Meer im Hintergrund, merkte er, dass sein Körper ihm eine andere Sprache vorschlug als sein Verstand.
„Was ist?", fragte Edward.
„Nichts."
Einer der Händler folgte Hugos Blick.
„Ah."
Hugo sah ihn an.
„Was?"
„Jetzt versteht er Cannes."
„Was soll ich verstehen?"
Der Händler deutete unauffällig mit seiner Zigarre zu den beiden Frauen.
„Die warten nicht auf ihre Ehemänner."
Hugo sah wieder hinüber.
„Prostituierte?"
„Nenn sie, wie du willst."
Hugo schwieg.
Die Brünette gefiel ihm.
Sehr sogar.
Edward bemerkte seinen Blick.
„Dann geh rüber."
Hugo sah ihn an.
„Einfach so?"
„Nein, Voss. Stell vorher einen schriftlichen Antrag bei der französischen Regierung."
Die Männer lachten.
Hugo stand auf.
„Arschlöcher."
Er ging hinüber.
Die Brünette sah auf, als er an den Tisch trat. Ihre Freundin musterte ihn offen.
Hugo stellte sich vor.
Die Brünette antwortete auf Englisch. Ihr Akzent war osteuropäisch.
Sie wechselten ein paar Sätze.
Dann kam Hugo auf das, was er eigentlich wollte.
Und machte es so, wie er es für logisch hielt.
Er bot ihr Geld an.
Die Reaktion war sofort da.
Nicht empört. Nicht laut.
Aber zurückhaltend.
Das Lächeln blieb, doch plötzlich war eine Distanz da, die vorher nicht da gewesen war. Hugo spürte, wie seine Kehle sich zuschnürte. Nicht vor Scham \-- noch nicht. Vor dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne zu wissen, was. Er hatte nur die Wahrheit gesagt. Er hatte das angeboten, was sie beide wussten. Warum war das falsch? Er versuchte noch einmal zu erklären, was er meinte, aber seine Worte klangen selbst in seinen Ohren steif, deutsch, ungeschickt.
Die Frau antwortete ausweichend. Ihre Augen wanderten über seine Schulter, zu den Männern an Edwards Tisch, als suche sie dort Erklärung für seine Unwissenheit.
Nach ein paar Minuten gab er auf. Er drehte sich um und ging, und spürte dabei ein Brennen in seinem Gesicht, das nicht von der kühlen Luft herrührte.
Als er zu den Männern zurückkam, sah Edward ihn bereits grinsend an.
„Na?"
Hugo setzte sich.
„Das lief überhaupt nicht."
„Was hast du gemacht?", fragte einer der Händler.
„Was soll ich gemacht haben? Ich habe mit ihr geredet."
„Und dann?"
„Dann habe ich ihr Geld angeboten."
Der ältere Händler nahm die Zigarre aus dem Mund und sah Hugo an.
„Du hast ihr direkt Geld angeboten?"
„Ja."
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Du bist wirklich Deutscher."
„Was hätte ich denn sonst machen sollen?"
„Ein Geschenk."
Hugo starrte ihn an.
„Was?"
„Du bietest ihr ein Geschenk an."
„Was für ein Geschenk?"
„Völlig egal."
„Völlig egal?"
„Schmuck. Ein Kleid. Schuhe."
Hugo schüttelte den Kopf.
„Ich will ihr keine Schuhe kaufen."
„Darum geht es nicht."
„Worum geht es dann?"
Der Mann nahm einen Schluck Whisky.
„Du gehst hin und sagst: Ich würde dir gern ein Paar Schuhe schenken."
Hugo sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
„Das ist doch völlig bescheuert."
„Natürlich ist es bescheuert."
Edward grinste.
Der Händler fuhr fort.
„Dann sagt sie vielleicht: Die Geschäfte sind geschlossen."
„Ja."
„Und du sagst: Schade. Was würden die Schuhe denn ungefähr kosten?"
Hugo schwieg.
Dann verstand er.
„Und dann gebe ich ihr das Geld für die Schuhe."
Der Händler hob sein Glas.
„Siehst du. Man kann dir doch etwas beibringen."
Hugo lachte ungläubig.
„Und das soll einen Unterschied machen?"
„Hier schon."
„Das ist verrückt."
„Das ist Cannes."
Edward blies den Rauch seiner Zigarre zur Seite.
„Du musst verstehen, Hugo: Die Leute lieben Regeln. Noch mehr lieben sie Möglichkeiten, Regeln so zu formulieren, dass sie trotzdem bekommen, was sie wollen."
Hugo sah wieder zu den beiden Frauen.
„Also Schuhe."
„Schuhe", sagte der Händler.
Hugo stand erneut auf.
„Wenn ich gleich mit einem Schuhkarton zurückkomme, seid ihr schuld."
Edward hob sein Glas.
„Viel Erfolg."
Diesmal dauerte das Gespräch länger.
Hugo ging hinüber, und diesmal war er nicht sicher, ob er mehr Angst vor einer weiteren Ablehnung oder vor dem Erfolg hatte. Der Satz mit den Schuhen klang in seinem Kopf absurd, wie eine schlechte Übersetzung aus einem anderen Leben. Aber als er ihn aussprach, bemerkte er, wie sich etwas in der Haltung der Brünetten veränderte. Nicht nur im Gesicht. In der ganzen Art, wie sie saß. Die Schultern sanken ein wenig, das Lächeln wurde breiter, echter. Sie verstand sofort.
Ein kleines Lächeln.
Dann redeten die beiden Frauen miteinander.
Die Brünette nannte einen Betrag.
Hugo verhandelte automatisch dagegen.
Nicht einmal aus Geiz. Es war Reflex.
Sie nannte eine andere Summe.
Hugo antwortete.
Nach wenigen Minuten waren sie sich einig.
Hugo wollte gerade aufstehen, als die Brünette zu ihrer Freundin sah.
Dann wieder zu Hugo.
„And her?"
Hugo blickte zur Blonden.
„Was ist mit ihr?"
Die Brünette deutete auf ihre Freundin.
Hugo sah von einer zur anderen.
„Eigentlich wollte ich nur mit dir."
Die Blonde sagte etwas in einer Sprache, die Hugo nicht verstand.
Beide Frauen lachten.
Hugo runzelte die Stirn.
Dann begriff er.
„Ihr meint beide?"
Die Brünette nickte.
Hugo setzte sich wieder.
„Dann brauchen wir offenbar noch ein Paar Schuhe."
Diesmal lachte auch die Blonde.
Einige Minuten später standen sie auf.
Hugo ging mit den beiden Frauen Richtung Lobby.
Als er an Edwards Tisch vorbeikam, sah dieser hoch.
Er hob sein Nosing-Glas.
„Schneller Lerner."
Hugo zeigte ihm im Vorbeigehen den Mittelfinger.
Die Männer lachten.
Oben schloss sich die Tür seiner Suite hinter ihnen.
Der Raum war groß, zu groß für drei Menschen, die nicht wussten, was sie zueinander hatten. Hugo stand einen Moment unschlüssig neben dem Bett. Die Brünette lächelte ihn an, und er merkte, dass seine Hände feucht waren. Nicht vor Erregung. Vor der seltsamen Erkenntnis, dass er nicht wusste, was als Nächstes geschah. Dass er, der sonst alles plante und kalkulierte, jetzt in einer Situation saß, für die es keine Analyse gab.
Für Hugo war es weniger die Frage, was in dieser Nacht genau geschah, als das Gefühl, dass sich etwas verschoben hatte.
Noch vor wenigen Minuten hatte er mit einer Frau reden wollen.
Jetzt waren es zwei.
Noch vor wenigen Minuten hatte er geglaubt, Geld sei Geld.
Jetzt nannte man es Schuhe.
Die Welt, in die er geraten war, besaß offenbar für alles Regeln.
Und für fast jede Regel einen Umweg.
Er lag später im Dunkeln und hörte den Atem der beiden Frauen, die neben ihm eingeschlafen waren, und fragte sich, ob er sich verloren oder gefunden hatte.
\-\--
Als Hugo am nächsten Morgen aufwachte, war die Suite still.
Die beiden Frauen waren fort.
Hugo blieb einen Moment im Bett liegen. Das Laken roch nach Parfüm und einer fremden Seife. Die Kissen waren verschoben, und auf dem Nachttisch stand ein leeres Wasserglas, das er nicht benutzt hatte. Er starrte an die Decke und versuchte, sich an Details zu erinnern, aber es war wie der Blick durch ein Fenster, an dem der Vorhang zugezogen ist. Er sah nur Umrisse. Er fühlte vor allem Leere. Nicht die Leere von Einsamkeit. Eine andere. Die Leere eines Raums, in dem etwas Lautes gewesen war und nun still war.
Dann musste er an Edward denken.
An sein Nosing-Glas.
An die Schuhe.
Und an die merkwürdige Selbstverständlichkeit, mit der diese Männer Dinge wussten, von denen Hugo nicht einmal geahnt hatte, dass es dafür überhaupt Regeln gab.
\-\--
Als Hugo drei Tage später zurück in London war, stand Claire an seinem Schreibtisch. Sie hielt ein Blatt in der Hand, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den er noch nicht kannte.
„Was ist?", fragte er.
„Die Bergbau-Analyse", sagte sie. „Die mit den achtzehn Prozent. Edward hat sie mir gezeigt. Er hat gesagt, ich soll sie archivieren. Und er hat gesagt\..." Sie zögerte.
„Was?"
„Er hat gesagt, das ist die beste Analyse, die ihm seit Jahren untergekommen ist. Von jemandem, der erst seit neun Monaten hier ist."
Hugo setzte sich. Er war müde vom Flug, müde vom Jetlag, aber diese Worte trafen ihn wie ein Schluck kaltes Wasser. Nicht weil sie unerwartet kamen. Sondern weil sie das bestätigten, was er in Cannes geahnt hatte: dass er nicht mehr der Junge war, der hereingeschneit war. Dass er etwas aufgebaut hatte, das Bestand hatte. Er spürte, wie sich seine Finger leicht krümmten, als wollten sie etwas festhalten. Die Anerkennung. Den Moment, bevor sie verflog. Denn er wusste: Edward sagte das nicht, um ihn zu wärmen. Edward sagte es, weil es eine Tatsache war. Und Tatsachen waren das Einzige, was in dieser Welt zählte. Er ließ den Moment vorbeiziehen, ohne ihn zu benennen.
„Claire", sagte er.
„Ja?"
„Organisieren Sie mir einen Termin bei dem Schneider auf Savile Row. Ich brauche noch mehr Anzüge. Dunkle für abends."
Sie lächelte. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, war es ein echtes Lächeln, das ihre Augen erreichte.
„Ja, Herr Voss", sagte sie. „Und willkommen zurück."
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