**Kapitel 7 – London wird sein Leben**

Der Herbst lag über London wie ein feuchtes Tuch. Nicht kalt genug, um die Stadt zu klären, und nicht warm genug, um sie zu tragen. Hugo stand an dem hohen Fenster seiner Wohnung im Belvedere Court und sah auf die Straße hinunter, wo Menschen in Mänteln sich gegen den Wind neigten, als würden sie von einer unsichtbaren Hand geschoben. Er war seit sechzehn Monaten hier, und in diesen sechzehn Monaten hatte sich etwas verändert, das er nicht benennen konnte, wenn er es nicht wollte. London war nicht mehr nur der Ort, an den man ihn geschickt hatte. Es war der Ort, an dem er atmete, ohne dass es jemand bemerkte.

Seine Mutter hatte ihn in dieser Zeit nicht besucht. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sie telefonierte weiterhin regelmäßig mit ihm, fragte nach dem Essen, nach dem Schlaf, nach dem Wetter. Aber sie war nicht gekommen. Warum sie bisher nicht gekommen war, hatte Elisabeth ihm nie erklärt.

Claire hatte dafür gesorgt, dass er trotzdem funktionierte.

Sie erschien jeden Morgen um acht in seinem Büro, legte die Post auf den Schreibtisch, sortierte die Termine und wies die unwichtigen Anrufe zurück mit einer Höflichkeit, die kälter war als eine Absage. Sie war acht Jahre älter als er, etwas dicklich, trug Perlen und roch nach Puder und dem Tee, den sie in einer Thermoskanne mitbrachte. Ihr Bauch war weich, eine Rundung unter den Blazern, die Hugo registrierte, weil er alles registrierte, die ihn aber nicht interessierte. Nicht körperlich. Was ihn interessierte, war die Art, wie sie funktionierte. Sie kannte seine Vorlieben, bevor er sie aussprach. Sie wusste, welche Restaurants er mochte, welche Termine er vermeiden wollte, welche Anrufe er nicht entgegennahm. Sie war sein Puffer gegen die Welt.

An diesem Morgen stand sie länger als üblich an seinem Schreibtisch. Ihr Blick war nicht auf die Unterlagen gerichtet, sondern auf die Telefonnummer, die sie auf einem gelben Post-it in der Hand hielt.

„Ihr Vater?", fragte Hugo, ohne aufzusehen.

„Mein Freund." Sie zögerte. Das war ungewöhnlich. Claire zögerte nie. „Er ist wieder da."

Hugo legte den Stift hin. „Der, der gegangen ist."

„Der, der zweimal gegangen ist." Sie lächelte, und das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. „Er sagt, diesmal sei alles anders."

Hugo betrachtete sie. Er kannte diese Geschichte. Nicht ihre, sondern die Struktur dahinter. Ein Unternehmen, das wiederholt Verluste geschrieben hatte, versprach plötzlich Gewinne. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Muster änderte, lag statistisch nahe bei null.

„Du investierst in etwas", sagte Hugo langsam, „das keine Rendite bringt. Die bisherigen Ergebnisse sprechen gegen seine Versprechen. Du weißt das."

Claire sah ihn an. „Mein Privatleben ist keine Ihrer Marktanalysen, Hugo."

Der Satz traf ihn präzise. Hugo nickte. Er hatte etwas gelernt, das er in den Zahlen nicht fand: Dass Menschen Bereiche besaßen, die nicht logisch waren. Dass Claire, die sein Leben so perfekt organisierte, selbst einen Bereich hatte, den sie nicht kontrollieren konnte.

---

Zwei Wochen später stand Hugo am Flughafen Heathrow und wartete auf einen Flug aus Hamburg. Elisabeth hatte am Telefon lediglich angekündigt, dass sie kommen werde. Sie war ohne lange Erklärungen gekommen, und als sie aus der Ankunftshalle trat, trug sie denselben blauen Schal wie bei Hugos Abschied aus Frankfurt, nur lockerer geknotet.

Er wollte sie beeindrucken. Er zeigte ihr die Wohnung im Belvedere Court, die größer war als alles, was er bisher gehabt hatte. Er zeigte ihr das Londoner Finanzviertel, das Gebäude der DHK Bank, sogar den für Besucher zugänglichen Bereich seines Arbeitsplatzes, wo sie hinter Glas den Trading Floor sehen konnte. Er führte sie in ein Restaurant in Mayfair, das er inzwischen regelmäßig besuchte, und Elisabeth bemerkte die Sicherheit, mit der er beim Kellner bestellte; anschließend spazierten sie durch die Teile der Stadt, die für sein neues Leben wichtig geworden waren.

Elisabeth bemerkte alles: die maßgeschneiderten Anzüge, die Sicherheit, mit der er beim Kellner bestellte, und die Händler und Bankangestellten, die ihn im Finanzviertel erkannten und grüßten. Aber sie bemerkte auch, dass die Wohnung nach nichts roch. Nach keinem Essen, nach keinem Parfüm, nach keinem Leben, das hier stattgefunden hätte, bevor er selbst eintrat.

Als sie am nächsten Tag sein Büro besuchte, begegnete sie Claire. Elisabeth musterte die ältere Frau mit einer Mischung aus Neugier und vager Anspannung, die Hugo nur zu gut kannte.

„Und Sie sind?", fragte Elisabeth freundlich, aber mit einem Unterton, der nach mehr verlangte.

„Claire", sagte diese trocken. „Herr Voss' persönliche Assistentin."

Elisabeths Augenbrauen hoben sich kaum merklich. „Ah. Die Assistentin."

„Ja", sagte Claire, ohne zu lächeln. „Die Assistentin. Nicht die Freundin. Nicht die Geliebte. Die Assistentin. Ich organisiere seine Termine, seine Flugtickets und seinen Alltag. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen auch eine Tasse Tee organisieren."

Elisabeth musste unwillkürlich lachen. „Das wäre nett. Mit Milch."

Claire nickte und ging. Elisabeth sah ihr nach, dann ihren Sohn. „Sie ist effizient."

„Sehr."

„Und sie erledigt alles, was ich früher erledigt habe."

Hugo wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Elisabeth legte ihm die Hand auf den Arm. „Das ist gut, Hugo. Es heißt nicht, dass du mich nicht mehr brauchst. Du brauchst mich nur nicht mehr für dieselben Dinge."

In der Wohnung versuchte Elisabeth, etwas aufzuräumen. Sie öffnete Schränke, fand aber nichts, was nicht bereits ordentlich war. Sie wollte kochen, aber der Kühlschrank war leer bis auf Mineralwasser und ein paar Tütensuppen. Sie hatte ein Buch aus Hamburg mitgebracht, ein Kochbuch, und legte es auf den Tisch, wo es neben Hugos Aktienheften aussah wie ein Fremdkörper.

„Dein Vater war gegen die Reise", sagte sie schließlich, während sie am Fenster stand und auf den Innenhof hinuntersah. „Er meinte, ich müsse endlich aufhören, dir hinterherzufahren und dich zu verwöhnen."

Hugo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Wut. Etwas Kälteres. „Und warum bist du trotzdem gekommen?"

„Weil ich nicht um Erlaubnis gefragt habe." Sie drehte sich zu ihm um, und in ihren Augen lag etwas, das er seit Jahren nicht gesehen hatte. Eine Entschlossenheit, die nichts mit ihm zu tun hatte und alles mit ihr. „Du verdienst Millionen, Hugo. Du trägst Anzüge, die mehr kosten als mein erstes Auto. Aber du bleibst mein Sohn. Und ich entscheide selbst, wann ich dich sehe."

Sie blieb drei Tage. Als sie ging, sagte sie nicht „Ruf an", sondern „Ich komme wieder." Und von diesem Zeitpunkt an besuchte sie ihn während seiner Londoner Jahre regelmäßig.

---

Die Einladung der DHK Bank nach Cannes traf Hugo wie etwas, das er nicht bestellt hatte, aber erwartet hatte. Eine mehrtägige Veranstaltung für die erfolgreichsten Händler, Analysten und leitenden Mitarbeiter. Edward hatte gesagt: „Du fliegst mit."

Der Jet war klein, die Reise kurz. Als sie in Cannes landeten, roch die Luft nach Meer und nach etwas Süßlichem. Das Hotel war groß, weiß, lautlos in seiner Eleganz. Die ersten zwei Tage vergingen in Besprechungen, Essen, Auszeichnungen, die Hugo nicht interessierten.

Am dritten Abend folgte die geschlossene Party.

Der Raum lag im Untergeschoss des Hotels, hinter einer schweren Tür. Die Luft war kühler hier, schwerer, und sie roch nach Parfüm und dem metallischen Geruch von Eis in den Whiskygläsern. Hugo bemerkte die Frauen sofort. Nicht weil sie auffielen, sondern weil sie anders hereinkamen als die Gäste. Sie standen in kleinen Gruppen an den Seitenwänden, und ihre Blicke wanderten über die Männer mit einer Prüfung, die an Routine grenzte.

Das Auffälligste waren die Armbänder.

Jede Frau trug ein schmales Band am linken Handgelenk. Einige waren blau, andere rot. Die Farben leuchteten im Halbdunkel wie Signale an einer Börse, die Hugo noch nicht kannte.

„Was bedeutet das?", fragte er einen der älteren Händler, einen Mann mit grauem Seitenscheitel.

Der Mann sah ihn an. „Das bedeutet, Kleiner, dass du hier nicht einfach zugreifen kannst. Die Bank hat für uns gesorgt. Blau ist für die meisten. Rot ist für die, die besonders gefragt sind." Er deutete auf Hugos Jackett. „Du hast eine hohe Nummer bekommen, Voss. Die erfolgreichsten Männer dürfen auch aus der roten Gruppe wählen."

Hugo zog die Karte aus der Tasche. Fünfzehn. Der Blick des Händlers sagte ihm, dass fünfzehn hoch war.

„Und wenn ich eine Blaue wähle?"

„Dann bist du entweder bescheiden", sagte der Händler, „oder du hast nicht verstanden, worum es hier geht."

Hugo ließ den Blick durch den Raum schweifen. Kein Flirten, kein Erraten, keine Gefahr einer Zurückweisung. Die Frauen wussten, warum sie da waren. Die Männer wussten, was sie durften. Alles war vorher geregelt, wie eine Order, eine Transaktion. Hugo spürte Erleichterung. Die Erleichterung, nicht mehr spielen zu müssen.

Er wählte eine Frau mit einem roten Band.

Sie war nicht die Schönste im Raum. Sie war diejenige, die am ruhigsten stand. Ihr Haar war dunkel, ihr Kleid schwarz, und sie trug keine Schmuckstücke, die Aufmerksamkeit erregten. Als er auf sie zuging, sah sie ihn an, und in ihren Augen lag keine Überraschung, keine Schüchternheit. Nur eine Berechnung, so schnell und präzise wie die seiner eigenen.

„Herr Voss", sagte sie. Keine Frage. Eine Feststellung.

„Du kennst meinen Namen."

„Ich kenne die Namen der Männer, die mich auswählen dürfen." Sie lächelte, und das Lächeln war wie eine Tür, die sich öffnete, ohne einzuladen. „Ich begleite Sie."

Sie verbrachten den Abend zusammen. Sie aßen in einem separaten Raum, sprachen über London, über das Wetter, über nichts, was Hugo interessierte, aber sie tat es mit einer Leichtigkeit, die ihm fremd war. Sie fragte nicht nach seiner Arbeit, nicht nach seinen Gefühlen, nicht nach seinen Plänen. Sie war da, und sie war nicht da. Eine Präsenz, die sich an seine Stimmung anpasste, ohne ihn zu bedrängen.

Als sie später sein Hotelzimmer betrat, war Hugo nicht nervös. Er war neugierig. Nicht auf sie, sondern auf das, was zwischen ihnen geschehen würde.

Sie stand auf und ging zum Bett. Hugo folgte ihr, nicht hastig, sondern mit Schritten, die er selbst bemerkte. Sie drehte sich zu ihm um und ließ das schwarze Kleid zu Boden gleiten. Darunter trug sie nichts. Ihr Körper war schlank, fast dünn, mit kleinen Brüsten, die beim Atmen sich leicht hoben. Ihr Bauch war flach, eine Ebene, die im Halbdunkel des Zimmers wie ein Schatten wirkte.

Hugo blieb stehen. Er hatte erwartet, dass er sie anfassen würde, sofort, wie es in früheren, zufälligen Begegnungen üblich gewesen war. Stattdessen beobachtete er sie. Sie stand reglos da, ließ ihn schauen, und in ihrer Haltung lag keine Scham, aber auch keine Aufforderung. Sie war einfach da.

Er trat näher. Seine Hand berührte zuerst ihre Schulter, dann glitt sie hinab über ihren Arm, ihre Hüfte. Ihre Haut war kühl, glatt wie Porzellan. Er spürte, wie sie leicht zuckte, als seine Finger ihre Seite erreichten, eine Stelle, die empfindlicher war als der Rest. Er merkte es sich.

„Leg dich hin", sagte er leise. Nicht befehlend. Feststellend.

Sie gehorchte. Ihr Kopf sank in das Kissen, und ihr Haar breitete sich darauf aus wie ein dunkler Fächer. Hugo zog sich langsam aus, während er sie ansah. Er wollte nicht, dass sie ihn auszog. Er wollte die Kontrolle über jeden Moment behalten.

Als er neben ihr lag, drehte er sich zu ihr. Er begann, sie zu berühren, langsam, systematisch, wie jemand, der eine Karte zeichnet und nichts übersehen will. Seine Finger wanderten über ihren Hals, ihre Schlüsselbeine, umkreisten ihre Brüste, ohne sie sofort zu berühren. Er hörte, wie sich ihre Atmung veränderte, tiefer und langsamer wurde.

Er beugte sich über sie. Sein Mund ersetzte seine Finger. Er küsste ihren Hals, ihre Schulter, zog die Spur weiter hinab. Sie roch nach einer Seife, die er nicht kannte, neutral, sauber. Kein Parfüm, das ihn ablenkte. Er wollte sie riechen, schmecken, verstehen.

Als seine Lippen ihren Bauch erreichten, spürte er, wie sie sich leicht anspannte. Nicht aus Scheu, sondern in Erwartung dessen, was als Nächstes kommen würde. Er ließ seine Zunge weiterwandern, fand den Punkt, an dem ihre Hüften begannen, und blieb dort. Seine Hände glitten unter sie, hoben sie leicht an, während sein Mund sie fand.

Sie stöhnte. Es war kein gespieltes Geräusch, keines dieser theatralischen Laute, die er aus Bordellen kannte. Es war ein kurzer, unterdrückter Atemzug, der ihm mehr sagte als jedes Wort. Er wiederholte die Bewegung, langsam, dann schneller, achtete auf den Rhythmus, den ihr Körper suchte. Ihre Hände gruben sich in das Laken, und als sie kam, war es still, fast heimlich, ein Zusammenzucken ihrer Muskeln, das er mit seiner Zunge spürte.

Er hörte nicht auf. Er wartete, bis sich ihre Atmung beruhigt hatte, und begann erneut. Diesmal mit Fingern und Mund, kombiniert, variierend, bis sie sich ein zweites Mal gegen ihn presste, diesmal lauter, weniger beherrscht. Er spürte ihre Feuchtigkeit, ihren Geschmack, die Art, wie sie sich öffnete, und wusste, dass er den Moment für sie geformt hatte. Nicht als Machtausübung, sondern als Aufmerksamkeit. Er hatte gesehen, was sie brauchte, und hatte es ihr gegeben.

Erst dann, als sie reglos dalag, die Stirn leicht feucht, die Augen geschlossen, erhob er sich über sie. Er war hart, so hart, dass es fast schmerzte, aber er hatte keine Eile. Er drang langsam in sie ein, spürte, wie sie ihn aufnahm, noch feucht, noch nachhallend von ihren eigenen Höhepunkten. Er bewegte sich in einem Tempo, das er bestimmte, beobachtete ihr Gesicht, suchte nach Anzeichen, ob sie bereit war für mehr.

Als er kam, war es nicht laut. Es war ein tiefes Zusammenziehen in ihm, ein Gefühl, das an Schmerz grenzte, so intensiv war es. Er presste sich in sie, hielt den Atem an, und spürte, wie etwas in ihm sich löste, das nicht nur sein Samen war. Es war die Gewissheit, dass er hier nichts vortäuschen musste. Nicht für sie. Nicht für sich.

Nachher lag er neben ihr und starrte an die Decke. Das Zimmer war still, nur ihr Atem ging ruhiger, gleichmäßiger. Er fragte sich, ob sie seinen Namen bereits kannte, bevor sie ihn gesagt hatte, oder ob sie ihn nur aus einer Liste abgelesen hatte, die man ihr gegeben hatte.

„Wie heißt du?", fragte er.

„Das, was Sie wollen", sagte sie leise. „Das bin ich für heute Nacht."

Hugo drehte den Kopf. Ihr Bauch hob und senkte sich im Halbdunkel, eine flache Linie, die sich beim Atmen kaum bewegte. Er bemerkte, dass er sie ansah, nicht wie einen Menschen, sondern wie ein Objekt, das seine Funktion erfüllte. Der Gedanke störte ihn nicht. Er störte ihn so wenig, dass er sich fragte, ob er jemals gestört hätte.

„Wer schickt dich?", fragte er.

Sie zog die Decke höher. „Eine Agentur. In Prag. Hanna Dvořáková. Sie organisiert nicht nur..." Sie suchte nach dem Wort. „Nur dies hier. Sie organisiert Begleitung. Abholung, Restaurants, Reisen. Auf Wunsch mehrere Tage. Eine Art Freundin auf Zeit."

Hugo starrte an die Decke. Er dachte an die Abende in London, an die Bars, an die Frauen, die er gelegentlich kennengelernt hatte. Das Geplänkel, das Erraten, die Unsicherheit, ob er eine Situation falsch deutete. Die Frage, was eine Frau von ihm erwartete, wie lange ein Abend dauern sollte, ob er sie küssen durfte oder nicht. All das verschwand in diesem Moment, wie eine Währung, die plötzlich wertlos wurde.

„Wie heißt die Agentur?", fragte er.

Sie nannte ihm den Namen. Und eine Nummer.

---

Das Telefonat mit Hanna Dvořáková fand drei Tage später statt, in Hugos Wohnung in London, um zehn Uhr morgens. Er hatte die Nummer auf einem Zettel neben seinem Bett liegen lassen und ihn jeden Abend angesehen, bevor er schlief.

Die Stimme am Telefon war sachlich, trocken, mit einem Akzent, der nicht fragte, sondern feststellte.

„Herr Voss. Sie rufen wegen unserer Agentur."

„Ja."

„Die Frau aus Cannes hat angekündigt, dass Sie sich möglicherweise bei uns melden."

Hugo runzelte die Stirn. „Die Frau in Cannes. Sie hat Ihnen von mir erzählt."

„Sie hat uns mitgeteilt, dass Sie möglicherweise anrufen. Ich höre."

Hugo stand am Fenster und sah auf den Innenhof hinunter. „Sie vermitteln Frauen, die nicht nur für eine Nacht bleiben."

„Richtig."

„Wie funktioniert das?"

Hanna erklärte es ihm. Präzise, ohne Umschweife. Ort, Zeitraum, Anlass, gewünschte Begleitung, persönliche Vorstellungen. Sie fragte nicht, warum er rief. Sie fragte, was er wollte.

„Ich kann Ihnen eine Frau für einen Abend schicken", sagte sie. „Ich kann Ihnen aber auch jemanden vermitteln, der Sie abholt, mit Ihnen reist, neben Ihnen im Restaurant sitzt und für einige Tage so wirkt, als gehöre sie zu Ihrem Leben. Der Unterschied liegt nicht nur im Preis. Der Unterschied liegt darin, was Sie von ihr erwarten."

Hugo schloss die Augen. Er spürte, wie sich etwas in ihm öffnete, das er nicht für möglich gehalten hatte. Nicht nur Sex. Ein Leben, das organisiert war. Eine Nähe, die berechenbar war. Eine Beziehung, die man buchen konnte wie einen Flug.

„In London", sagte er. „Für drei Tage. Ab Freitag."

„Welche Art von Frau?"

Hugo dachte an die Frau in Cannes. An ihre Ruhe, ihre Präsenz, ihre Fähigkeit, zu sein, ohne zu fragen.

„Jemand, der weiß, wann er schweigen soll", sagte er. „Und der aussieht, als gehöre er dorthin, wo ich ihn hinführe."

„Das können wir organisieren."

Als Hugo auflegte, stand er noch immer am Fenster. Er hatte das Gefühl, eine Tür geöffnet zu haben, hinter der ein Raum lag, dessen Ausmaße er noch nicht kannte.

---

Die Buchung verlief wie ein Test. Die Frau hieß, wie sie sagte, Sophie, und sie holte ihn am Freitagabend in einem Taxi ab. Sie trug ein schwarzes Kleid, das zu teuer aussah, um echt zu sein – als hätte sie es geliehen oder für diesen Abend gemietet –, und sie roch nach etwas, das Hugo nicht kannte. Sie aßen in einem Restaurant in Mayfair, sprachen über das Wetter, über London, über die Speisekarte. Sie lachte an den richtigen Stellen und schwieg, wenn er schwieg. Nach dem Essen fuhr sie mit ihm nach Hause. Sie duschte, wie er es verlangt hatte, und als sie zurückkam, trug sie nur ein Handtuch.

Hugo saß auf dem Sofa und beobachtete sie. Sie war größer als die Frau in Cannes, mit breiteren Hüften und einer Taille, die er mit beiden Händen umspannen konnte. Ihr Bauch war nicht so flach, sondern leicht gewölbt, eine sanfte Rundung, die beim Atmen sich hob und senkte.

„Komm her", sagte er.

Sie ließ das Handtuch fallen und ging zu ihm. Er zog sie auf seinen Schoß, spürte ihre Wärme durch den Stoff seiner Hose. Er war bereits hart, aber er ignorierte es. Er begann, sie zu berühren, während sie auf ihm saß. Seine Hände umfassten ihre Brüste, glitten hinab zu ihrer Taille, umkreisten ihre Hüften. Er spürte, wie sie sich leicht gegen ihn rieb, eine Bewegung, die sie nicht bewusst machte, sondern die ihr Körper von selbst suchte.

Er hob sie hoch, trug sie zum Bett und legte sie auf den Rücken. Dann kniete er sich zwischen ihre Beine und begann, sie mit der Zunge zu liebkosen. Sie war anders als die Frau in Cannes, empfindsamer an anderen Stellen. Er fand sie schnell, einen Punkt links neben ihrem Kitzler, der sie bei jedem Berühren zucken ließ. Er konzentrierte sich darauf, variierte den Druck, die Geschwindigkeit, hörte auf ihre Atmung.

Sie kam schneller als erwartet, mit einem tiefen Stöhnen, das aus ihrer Kehle aufstieg. Ihre Hände gruben sich in sein Haar, und er spürte, wie sie sich gegen seinen Mund presste. Er hörte nicht auf. Er wartete, bis die Empfindlichkeit nachließ, und begann dann erneut, diesmal langsamer, mit weniger Druck, bis sie sich wieder entspannte und öffnete.

Das zweite Mal dauerte länger. Er wechselte zwischen Zunge und Fingern, füllte sie, während er sie leckte, spürte, wie sie sich um ihn zusammenzog. Als sie kam, war es heftiger, lauter, ein Zittern, das ihren ganzen Körper erfasste. Er hielt sie fest, seine Hände auf ihren Hüften, während sie sich verkrampfte und dann reglos wurde.

Erst dann stand er auf und zog sich aus. Er betrachtete sie, wie sie dalag, die Beine noch leicht gespreizt, die Haut feucht, die Augen halb geschlossen. Er spürte ein Gefühl von Tiefe, nicht von Macht. Er hatte sie gesehen, hatte verstanden, was sie brauchte, und hatte es ihr gegeben.

Er drang in sie ein, und sie umfasste ihn mit ihren Beinen, zog ihn tiefer. Er bewegte sich langsam, genoss die Wärme, die Feuchtigkeit, die Spannung, die in ihm aufstieg. Erst nachdem er ihr zweimal Lust bereitet hatte, erlaubte er sich, die eigene Beherrschung aufzugeben. Er presste sich in sie, spürte den Höhepunkt als eine Welle, die von unten durch ihn hindurchbrach, und blieb dann reglos über ihr liegen, atmete schwer, während sie ihn streichelte.

Als sie am Sonntagmittag ging, blieb Hugo im Bett liegen. Das Laken roch nach ihrem Parfüm, aber das Zimmer war leer. Er stand auf, duschte, und als er zurückkam, war das Parfüm verflogen. Es war, als wäre nie jemand dagewesen. Und genau das gefiel ihm.

Er begann, Hanna häufiger anzurufen. Bei Reisen nach Cannes oder an die Côte d’Azur ließ er sich Begleiterinnen für mehrere Tage vermitteln. Zwei Frauen gleichzeitig, manchmal drei. Sie erwarteten ihn am Flughafen oder im Hotel, begleiteten ihn zu Veranstaltungen, lachten über seine Witze, und wenn er sie berührte, wichen sie nicht zurück. Aber sie kamen ihm auch nicht zu nah. Sie wussten, wo die Grenze lag. Und wenn sie gingen, waren sie fort.

Die meisten von ihnen kamen aus Prag oder aus anderen Städten in Tschechien. Manche pendelten zwischen London, der Côte d’Azur und Kitzbühel. Sie sprachen Deutsch oder Englisch mit einem Akzent, den Hugo inzwischen als vertraut empfand.

Hugo bemerkte, dass er mit der Zeit etwas entwickelte, das er als Ehrlichkeit bezeichnete. Er sah es als eine Form von Fairness. In einer normalen Beziehung, dachte er, müsste er vortäuschen. Er müsste Interesse an ihrer Familie vortäuschen, an ihren Problemen, an ihrer Zukunft. Er müsste versprechen, treu zu sein, müsste vorspiegeln, dass sie die Richtige sein könnte. Und nach zwei oder drei Jahren, wenn die Vorspiegelung bröckelte, würde er gehen. Er würde ihre Jugend ausgenutzt haben, ihre Zeit, ihre Hoffnungen. Und er würde zur nächsten gehen.

So aber musste er nichts vortäuschen. Er bezahlte für das, was er wollte. Die Frau wusste, worauf sie sich einließ. Er versprach nichts, was er nicht halten konnte. Er sagte nicht „Ich liebe dich", er sagte „Ich buche dich für drei Tage". Das war ehrlicher, fand Hugo. Ehrlicher als das Spiel der Verführung, bei dem einer täuschte und der andere sich täuschen ließ.

Er erzählte das einer der Begleiterinnen einmal, bei einem Abendessen in Nizza. Sie hörte zu, nippte an ihrem Wein, und als er fertig war, lächelte sie.

„Das ist sehr töricht von Ihnen", sagte sie.

„Warum?"

„Weil Sie glauben, dass Ehrlichkeit das Gegenteil von Berechnung ist. Sie denken, weil Sie nichts versprechen, seien Sie ein guter Mensch. Aber Sie kaufen sich nur frei von der Verantwortung, die Sie nicht tragen wollen. Das ist nicht ehrlich. Das ist bequem."

Hugo sah sie an. In ihren Augen lag etwas, das ihn störte. Nicht Wut. Eine Art Mitleid, gemischt mit der Erkenntnis, dass sie ihn durchschaut hatte.

„Ob mir das gefällt, spielt keine Rolle", sagte sie leise. „Ich bin hier, weil Sie mich bezahlen. Aber die Frauen, denen Sie das erzählen – die nicht bezahlt werden –, die werden es anders sehen. Sie werden merken, dass Sie sich selbst die Moral erfinden, die Ihrem Egoismus entspricht."

Hugo schwieg. Der Satz blieb. Er blieb nicht wie ein Vorwurf, sondern wie eine Rechnung, die noch nicht beglichen war. Er verstand, was sie meinte. Aber er verstand auch, dass sie von einer anderen Welt sprach, einer Welt, in der Nähe nicht berechnet wurde. Er war sich nicht sicher, ob diese Welt noch für ihn existierte.

---

Claire bemerkte die Veränderung zuerst. Nicht weil Hugo es ihr erzählte, sondern weil sie seine Flugtickets buchte, seine Hotelreservierungen verwaltete, und weil auf einmal Frauennamen auftauchten, die sie nicht kannte. Zusätzliche Zimmer, zusätzliche Flugtickets, zusätzliche Kosten, die nicht unter „Geschäftsreise" liefen.

An einem Dienstagmorgen, als sie ihm die Post auf den Schreibtisch legte, blieb sie stehen.

„Sie buchen inzwischen Ihre Begleitung ähnlich sorgfältig wie Aktien", sagte sie.

Hugo sah auf. „Was meinst du?"

„Ich meine, dass Sie Frauen auswählen wie Wertpapiere. Nach Renditeerwartung, nach Risikostreuung, nach Laufzeit." Ihre Stimme war trocken, fast spöttisch, aber darunter lag etwas anderes. Etwas, das an Sorge grenzte.

Hugo legte den Stift hin. „Das ist nicht dasselbe."

„Nein", sagte Claire. „Bei Aktien wissen Sie, dass Sie Geld verlieren können. Bei Frauen wissen Sie nur, dass Sie keine verlieren müssen. Weil Sie sie nicht besitzen. Sie mieten sie."

Hugo wollte widersprechen, aber er fand keine Worte. Weil sie recht hatte. Nicht in der Moral, sondern in der Struktur. Er mietete. Er besaß nicht. Er ließ nichts zu, was ihn berühren könnte.

„Und dein Freund?", fragte er. „Der, der wieder da ist? Besitzt du ihn?"

Claires Gesicht veränderte sich nicht. „Nein", sagte sie leise. „Aber ich lasse mich von ihm besitzen. Das ist der Unterschied zwischen uns. Sie kaufen sich frei. Ich halte an etwas fest, das mich nicht freikauft."

Sie ging. Hugo blieb sitzen und starrte auf die Tür. Er verstand ihren Einwand. Aber er verstand auch, dass er nicht bereit war, das System zu ändern, das er sich aufgebaut hatte.

---

Im November reiste Hugo nach Hamburg. Er hatte einen Termin, den er nicht verschieben konnte, und er hatte beschlossen, seine Schwester zu sehen. Aber er hatte auch beschlossen, etwas zu testen. Er ließ sich von Hanna eine Begleiterin nach Deutschland schicken. Eva, wie sie sich nannte, war aus Ostmähren, sprach gebrochen Deutsch und hatte ein Gesicht, das in einem Raum voller Menschen nicht auffiel, aber im Gedächtnis blieb.

Svenja erfuhr davon. Sie rief ihn an, am Abend vor seiner Ankunft, und ihre Stimme klang entsetzt.

„Du bringst eine Frau mit?"

„Eine Begleiterin."

„Das nennst du so?"

„Das ist es, was sie ist."

Svenja schwieg einen Moment. „Hugo, du läufst mit einer Prostituierten durch Hamburg?"

„Sie ist eine Escort-Begleiterin."

„Ach, Entschuldigung. Eine *Escort-Begleiterin*. Das klingt viel besser." Ihre Stimme zitterte vor einer Mischung aus Abscheu und Faszination. „Ich will sie kennenlernen."

„Warum?"

„Weil ich wissen will, was für eine Frau mein Bruder inzwischen bezahlt. Und wie das funktioniert. Und ob sie so aussieht, wie ich mir eine hochklassige Escortfrau vorgestellt habe."

„Svenja..."

„Hotel Atlantic. Morgen Abend. Ich reserviere selbst."

Sie trafen sich im Hotel Atlantic. Hugo hatte ein Abendessen reserviert, nicht im Restaurant, sondern in einem separaten Raum, klein, mit Blick auf die Alster. Eva trug ein Kleid in Dunkelgrün, das zu ihrer Hautfarbe passte. Sie war intelligent, das merkte man sofort. Nicht die Art von Intelligenz, die protzierte, sondern die, die zuhörte und die richtigen Fragen stellte.

Svenja beobachtete sie während des gesamten Essens wie ein Kind, das zum ersten Mal einen Zoo besucht. Sie stellte Fragen, direkter, als Hugo es erwartet hatte.

„Woher kommen Sie?", fragte sie.

„Aus Ostmähren", sagte Eva. „Ein Dorf, das Sie nicht kennen."

„Und warum machen Sie das?"

„Ich studiere nebenher. Ich tue es wegen des Geldes. Und ich finde die Arbeit nicht demütigender als ein Praktikum in einer Bank, wo man Kaffee kocht und angefasst wird."

Svenja verzog das Gesicht. „Und mein Bruder? Wie ist der so?"

Eva lächelte. Sie sah Hugo an, und in ihrem Blick lag etwas, das er nicht erwartet hatte. Respekt, aber keine Zuneigung. Distanz, aber keine Geringschätzung.

„Herr Voss ist korrekt", sagte sie. „Und großzügig. Aber er versucht, selbst menschliche Nähe so zu organisieren, dass ihm niemand wirklich zu nahekommen kann. Er ist ehrlich in dem, was er will. Aber er ist nicht ehrlich in dem, was er nicht will. Er sagt, er wolle keine Beziehung, weil er fair sein will. Aber eigentlich will er keine Beziehung, weil er Angst hat, die Kontrolle zu verlieren."

Der Satz traf Hugo wie ein Schlag in die Magengrube, den er nicht erwartet hatte. Er spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Er wollte widersprechen, wollte sagen, dass sie ihn missverstanden hatte. Aber er sagte nichts. Weil ein Teil von ihm wusste, dass sie recht hatte. Und weil er spürte, dass Svenja es sah.

„Sie hat recht, Hugo", sagte Svenja leise.

„Ein Teil von ihr hat recht", erwiderte Hugo. „Aber nur ein Teil."

Er trank sein Wasser aus. Es schmeckte nach nichts. Draußen lag die Alster im Dunkeln, und die Lichter der Stadt spiegelten sich im Wasser. Er dachte an London, an Cannes, an die Frauen, die kamen und gingen. Er dachte an Claire, die an ihrem Freund festhielt, obwohl er sie immer wieder verließ. Er dachte an Eva, die ihn durchschaut hatte und trotzdem lächelte.

Er war sich bewusst, dass er stolz darauf war, mit einer so schönen jungen Frau am Tisch zu sitzen. Er wusste, dass sie nur wegen des Geldes da war. Und genau das gefiel ihm an der Situation – die klaren Verhältnisse, die Abwesenheit von Verpflichtungen, die er nicht erfüllen wollte.

„Ich fliege morgen zurück", sagte er.

„Und Eva?"

„Sie fliegt allein. War von Anfang an so geplant."

Svenja runzelte die Stirn. „Das ist alles? Keine Szene? Kein Drama?"

„Nein", sagte Hugo. „Das ist der Punkt. Kein Drama."

---

Der Erfolg wurde zur Bedrohung, bevor Hugo es bemerkte.

Es geschah in einer Besprechung, an einem grauen Januarmorgen in London. Hugo saß an einem langen Tisch, umgeben von älteren Analysten und Bankern. Ein Mann mit grauem Seitenscheitel und Händen, die nach teurer Lotion rochen, empfahl, eine Position in einem australischen Bergbaukonzern zu verkaufen. Die Zahlen seien schwach, die Aussichten düster. Er schlug vor, die Bank solle Short gehen, auf fallende Kurse setzen.

Hugo widersprach. Er hatte den Geschäftsbericht gelesen, die Tochtergesellschaften geprüft und aus den dort ausgewiesenen Beteiligungen und Vermögenswerten erhebliche stille Reserven errechnet. Der Konzern war nicht schwach. Er war unterbewertet. Der Markt irrte sich.

„Sie irren sich", sagte Hugo. Seine Stimme zitterte nicht, obwohl seine Hände unter dem Tisch es taten. „Die Aktie ist mindestens zwanzig Prozent unterbewertet. Wir sollten kaufen."

Der ältere Analyst lachte. Nicht freundlich. „Der Junge glaubt, er hätte den australischen Kontinent in drei Wochen verstanden."

„Ich glaube, dass Ihre Zahlen von vor drei Monaten stammen", sagte Hugo. „Und dass Sie die wirtschaftliche Bedeutung der neuen Lithium-Vorkommen in den Unterlagen übersehen haben. Die Daten sind öffentlich. Jeder kann sie lesen. Nur Sie haben es nicht getan."

Die Besprechung dauerte eine Stunde. Hugo verteidigte seine Einschätzung, während die anderen schwiegen oder widersprachen. Am Ende entschied Edward, der an der Tür gestanden und zugehört hatte, ohne ein Wort zu sagen.

„Wir kaufen", sagte er. „Voss' Analyse."

Drei Tage später stieg der Kurs. Nicht langsam, sondern mit einem Sprung, als der übrige Markt dieselben veröffentlichten Informationen erkannte, die Hugo bereits gesehen hatte. Die Bank verdiente rund sechsundzwanzig Millionen Euro. Die älteren Analysten sahen Hugo nicht mehr als den jungen Deutschen an, den Edward Middel aus Frankfurt mitgebracht hatte. Sie sahen ihn als Konkurrenten.

Edward bemerkte es. Er bemerkte, dass die Händler nicht mehr zu ihm kamen, sondern zu Hugo. Dass die jüngeren Mitarbeiter sich an Hugos Einschätzungen orientierten. Dass er, Edward, der Mann war, der den Jungen entdeckt hatte, und dass dieser Junge inzwischen größer war als das, was Edward ihm zugestanden hatte.

In einer internen Besprechung, an der Hugo nicht teilnahm, saßen die älteren Analysten zusammen. Einer von ihnen, ein Mann mit einer roten Gesichtsfarbe und einer Stimme, die nach Whisky roch, sagte: „Versetzen wir ihn lieber, bevor hier noch alle merken, was wir für Pfeifen sind."

Niemand widersprach ernsthaft.

Eine Entlassung kam nicht infrage. Hugo verdiente der Bank zu viel Geld. Also entstand ein anderer Plan. Hongkong. Offiziell eine Auszeichnung. Der nächste Schritt seiner Karriere. Tatsächlich eine Falle. Sie rechneten damit, dass Hugo in Asien scheitern würde. Dass er die Märkte nicht verstünde, die Verflechtungen nicht kannte, die familiären Strukturen nicht durchschaute. Sie hofften, dass er sich überschätzte, Fehler machte und gedemütigt zurückkehrte.

Hugo erfuhr nichts von der Absicht hinter dem Plan. Was er erfuhr, war Edwards Einladung in sein Büro.

Edward saß hinter seinem Schreibtisch, das Bild mit der Vagina und den Dollarscheinen hing immer noch an der Wand, und er lächelte. Es war ein Lächeln, das Hugo kannte. Ein Lächeln, das nichts Gutes bedeutete.

„Die Bank will dich nach Hongkong schicken", sagte Edward. „Drei, vier Monate. Du sollst die asiatischen Märkte kennenlernen. Eine einmalige Gelegenheit."

Hugo sah ihn an. Er spürte, dass hinter den Worten mehr stand. Er spürte die Kälte, die von Edward ausging, und er wusste, dass es keine Anerkennung war. Es war eine Herausforderung. Vielleicht eine Prüfung. Aber er kannte nicht die Absicht der Männer, die ihn loswerden wollten.

„Und wenn ich ablehne?", fragte Hugo.

„Dann bleibst du hier", sagte Edward. „Und wirst der Junge, der zu gut war, um weiterzukommen. Oder du gehst und beweist, dass du nicht nur in Europa funktionierst."

Hugo stand am Fenster und sah auf die Stadt hinunter. London. Sein Zuhause geworden. Sein Club, seine Restaurants, seine genau organisierten Abende. Sein System. Und jetzt Hongkong. Eine Welt, die er nicht kannte. Ein Spiel, dessen Regeln ihm fremd waren.

Er dachte an Claire, die ihn begleiten sollte. Sie war wieder am Ende ihrer On-off-Beziehung, aber das war nicht der Grund. Sie wusste, dass ihre Zukunft enger mit ihm verbunden war als mit dem Mann, der immer wieder kam und ging.

Hugo drehte sich zu Edward um. In seinem Bauch zog sich etwas zusammen, das er kannte. Das Ziehen vor einer Entscheidung. Die Spannung zwischen dem, was er hatte, und dem, was er riskieren musste.

Er lächelte. Nicht breit. Nicht freundlich. Das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er gefragt wurde, ob er Angst habe.

„Wann fliegen wir?", fragte er.

Erstelle deine eigene Website mit Webador