Dann begann alles von vorn.

Während Hugo privat weiter zwischen Vorsätzen, Angst und seinem alten Verlangen hin und her pendelte, lief sein berufliches Leben beinahe unbeirrt weiter. Dort gab es keine Unsicherheit, die ihn nachts wach hielt. Zahlen ließen sich prüfen, Unternehmen auseinandernehmen, Annahmen verwerfen und neu berechnen. Je weniger Kontrolle er über den einen Teil seines Lebens zu haben glaubte, desto mehr zog es ihn in den anderen.

Und gerade dort begann sich etwas zu verändern. Seine Arbeit wurde nicht mehr nur wahrgenommen. Sie bekam ein Gewicht, das Hugo selbst noch nicht vollständig begriffen hatte. Hugo saß an seinem Schreibtisch und starrte auf die Zahlen, die vor ihm auf dem Bildschirm lagen.

Der amerikanische Softwarewert, den er seit Tagen auseinandernahm, zeigte eine Bewegung, die er sich nicht erklären konnte, und das störte ihn mehr, als es sollte. Er tippte eine Zahl in seine Tabelle, löschte sie wieder, tippte sie erneut ein.

Dann klopfte es an der Tür, und Claire kam herein.

Sie hatte eine Mappe unter dem Arm und ein einzelnes Blatt in der Hand. Ihr Blick ging kurz über seinen Schreibtisch, über die ausgedruckten Seiten und die halb leere Kaffeetasse, und Hugo wusste, dass sie in diesem einen Blick mehr registrierte als die meisten Menschen in einer ganzen Unterhaltung.

„Haben Sie einen Moment?"

„Ja."

Claire legte das Blatt vor ihn auf den Tisch. Hugo sah hinab und erkannte es sofort. Die Analyse, die er vor Wochen abgegeben hatte. Achtzehn Prozent Kursziel, seine Berechnungen, seine Argumentation.

„Was ist damit?"

„Edward."

Hugo sah zu ihr hoch. „Was ist mit Edward?"

„Er hat sie gelesen."

„Das hoffe ich."

Claire verzog leicht den Mund. Dieses Zucken kannte Hugo inzwischen. Es bedeutete, dass er etwas gesagt hatte, das ihr zu kurz gedacht vorkam, und dass sie beschlossen hatte, es nicht zu kommentieren.

„Er hat sie nicht nur gelesen. Er hat mich heute Morgen zu sich bestellt und gesagt, ich soll sie archivieren."

Hugo lehnte sich zurück. „Dann scheint sie wenigstens nicht vollkommen falsch gewesen zu sein."

„Hugo."

An ihrem Ton merkte er, dass noch etwas kam. Er wartete.

„Er hat gesagt, das sei die beste Analyse, die ihm seit Jahren untergekommen ist."

Hugo sah sie an. Draußen vor dem Fenstein zog ein Flugzeug seine Linie über den grauen Londoner Himmel, aber er hörte das Geräusch gar nicht.

Claire fuhr fort, und jetzt klang ihre Stimme ein wenig anders, fast vorsichtig, als trüge sie etwas, das sie nicht selbst erfunden hatte und deshalb nicht ganz glaubte.

„Und dann hat er gesagt, dass Sie einer der fähigsten Analysten sind, mit denen er je gearbeitet hat."

Für einen Moment sagte Hugo nichts.

Er hatte in den vergangenen Monaten gelernt, Edwards Reaktionen zu lesen. Ein knappes Nicken konnte bei ihm mehr bedeuten als bei anderen ein minutenlanges Lob. Eine Rückfrage bedeutete, dass er etwas ernst nahm. Und wenn Edward eine Analyse kommentarlos an einen Kunden weitergab, war das bereits Anerkennung.

Aber das hier war etwas anderes.

„Das hat er wirklich gesagt?"

„Ja."

„Edward?"

„Wie viele Edwards haben wir hier?"

Hugo nahm das Blatt in die Hand. Die Papierkante schnitt leicht in seinen Finger. *Beste Analyse seit Jahren.* Er betrachtete die erste Seite. Achtzehn Prozent. Seine Berechnungen. Wochen Arbeit. Nächte, in denen er länger im Büro geblieben war, weil er noch eine Zahl überprüfen wollte. Stunden, in denen es nichts anderes gegeben hatte als Unternehmen, Märkte, Zahlen und die Frage, ob er etwas sah, was andere übersahen.

In diesen Stunden war es ihm meistens gut gegangen.

Er konnte nicht verhindern, dass er lächelte.

Claire bemerkte es. „Sie können sich ruhig freuen."

„Tue ich doch."

„Bei Ihnen sieht das manchmal aus wie Verdauungsbeschwerden."

Hugo lachte. Für einen Augenblick war da tatsächlich nur Freude. Keine Einschränkung. Kein Gedanke dahinter. Edward hielt ihn für gut. Nicht gut für sein Alter. Nicht vielversprechend. Einer der fähigsten Analysten, mit denen er je gearbeitet hatte.

Claire nahm die Mappe wieder unter den Arm. „Ich dachte nur, Sie sollten es wissen."

„Danke."

Sie ging zur Tür. Hugo ließ sie zwei Schritte gehen.

„Claire."

Sie drehte sich um. „Ja?"

„Hat er sonst noch etwas gesagt?"

„Nein."

Sie öffnete die Tür, und bevor sie hinausging, warf sie über die Schulter zurück:

„Offenbar müssen Sie sich daran gewöhnen, gut zu sein."

Dann war sie draußen.

Hugo blieb mit der Analyse in der Hand sitzen. Er las den ersten Absatz noch einmal, ohne ihn wirklich zu lesen. Die Buchstaben verschwammen zu einer grauen Fläche.

*Beste Analyse seit Jahren.*

Er hätte Edward gern selbst sagen hören, was Claire ihm gerade erzählt hatte. Gleichzeitig war es wahrscheinlich gerade deshalb mehr wert, weil Edward es nicht zu ihm gesagt hatte. Vor Claire hatte er keinen Grund gehabt, Hugo zu schmeicheln.

Hugo legte das Blatt auf den Schreibtisch.

Sein Blick fiel auf die Uhr.

Das Lächeln verschwand.

Er musste los.

Der Termin.

Für einen Moment blieb er einfach sitzen. Sechs Monate. Er hatte sich diesen Tag so oft vorgestellt, dass er manchmal geglaubt hatte, er würde erleichtert sein, wenn er endlich da war.

Jetzt war er da.

Und Hugo wollte nicht hin.

Er nahm sein Jackett vom Stuhl und verließ das Büro. Im Aufzug sah er auf seine Hände. Sie lagen ruhig an seinen Seiten. Zu ruhig, wie er fand, als wären sie nicht ganz seiner.

Im Wagen nannte er dem Fahrer die Adresse und lehnte sich zurück.

London zog hinter der Scheibe vorbei.

Anfangs dachte er noch an Edward. An die Analyse. An Claires Gesicht, als sie ihm das Lob überbracht hatte. *Beste Analyse seit Jahren.* Es war gut, diesen Satz bei sich zu tragen, gut und warm, und ein Teil von ihm versuchte, ihn festzuhalten wie einen Gegenstand, den man nicht verlieren wollte.

An einer Kreuzung musste der Wagen halten.

Auf dem Gehweg wartete eine Familie. Ein Mann, eine Frau und zwei Kinder. Das kleinere saß auf den Schultern des Vaters und hielt sich mit beiden Händen an dessen Kopf fest. Die Mutter sagte irgendetwas zu dem anderen Kind und lachte.

Hugo sah sie an.

Sie warteten einfach darauf, über die Straße zu gehen.

Mehr nicht.

Der Vater griff nach der Hand seiner Frau. Die Ampel sprang um. Die Familie lief los, das kleinere Kind hüpfte auf den Schultern des Vaters, und Hugo sah ihnen nach, bis der Wagen wieder anfuhr.

*Was, wenn?*

Der Gedanke war sofort da. Er wartete nicht auf eine Einladung. Er war einfach da, wie er seit sechs Monaten immer wieder da gewesen war.

*Was, wenn der Arzt gleich etwas anderes sagt?*

Sein Magen zog sich zusammen.

Plötzlich kam ihm das Lob von Edward lächerlich weit weg vor. *Beste Analyse seit Jahren.* Was bedeutete das, wenn er krank war? Was bedeuteten seine Aktien? Sein Geld? London? Die Bank? Die ganze verdammte Karriere?

Der Wagen fuhr weiter.

Hugo sah wieder aus dem Fenster.

Vor einem Geschäft stand eine junge Frau mit einem Kinderwagen. Sie beugte sich hinunter, zog die Decke ein Stück höher und richtete sich wieder auf. Ein Mann kam aus dem Laden, gab ihr etwas, und sie küsste ihn flüchtig auf die Wange.

Hugo wandte den Blick ab.

Seine Handflächen waren feucht.

Er strich sie seitlich an den Oberschenkeln trocken.

Nach wenigen Sekunden waren sie wieder feucht.

*Scheiße.*

Sechs Monate hatte er weitergearbeitet. Er war morgens aufgestanden. Er war zur Bank gefahren. Er hatte Analysen geschrieben, Kunden getroffen, Geld investiert, mit Claire gestritten und mit Edward über Unternehmen gesprochen. Er hatte gegessen, geschlafen, telefoniert.

Und immer war irgendwo diese verdammte Zahl gewesen.

Sechs Monate.

Mal tagelang weit hinten, verdrängt von Terminen und Zahlen.

Dann plötzlich wieder da, mitten in der Nacht, wenn es sonst still war.

Heute gab es kein Hinten mehr.

Heute gab es nur noch das Ergebnis.

Der Wagen bog in die nächste Straße.

Hugo kannte die Strecke.

Noch ein paar Minuten.

Sein Herz schlug schneller. Er versuchte, sich zu sagen, dass der erste Test negativ gewesen war. Und dass das nichts bedeutete. Der Arzt hatte es ihm damals ausdrücklich gesagt. Keine Entwarnung. Nicht für diesen Kontakt.

Er sah wieder auf die Straße.

Menschen liefen herum, als wäre es ein vollkommen gewöhnlicher Tag. Ein älterer Mann führte einen Hund. Zwei Frauen standen vor einem Café und lachten. Ein Junge zog seine Mutter an der Hand zu einem Schaufenster.

Alle hatten etwas vor.

Heute Abend. Morgen. Nächste Woche.

Hugo merkte, wie sich sein Magen noch stärker zusammenzog.

*Was, wenn sein Leben ab heute nur noch aus vorher und nachher bestand?*

Vor dem Ergebnis.

Nach dem Ergebnis.

Er wollte den Gedanken nicht zu Ende denken.

Der Wagen hielt.

„Wir sind da, Sir."

Hugo sah aus dem Fenster.

Die Praxis. Ein schmales Haus in einer ruhigen Straße, mit einem Schild neben der Tür, das er inzwischen kannte, ohne je darauf geachtet zu haben.

Für einen Moment bewegte er sich nicht.

Er hätte dem Fahrer sagen können, er solle weiterfahren. Nur noch einmal um den Block. Zehn Minuten. Fünf. Irgendetwas.

Aber das Ergebnis würde dadurch nicht anders.

Hugo bezahlte, stieg aus und blieb auf dem Gehweg stehen.

Sein Mund war trocken. Die Luft roch nach Regen, der nicht gefallen war.

Er sah zum Eingang.

*Geh rein.*

Er ging hinein.

„Herr Voss."

Die Frau am Empfang sah kurz auf. „Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz."

Noch einen Moment.

Hugo setzte sich.

Auf dem Tisch lagen Zeitschriften. Er nahm keine. An der Wand hing eine Uhr. Das Ticken war nicht besonders laut. Trotzdem hörte er es.

Er legte die Hände ineinander.

Sie waren feucht.

Er löste sie wieder und strich die Handflächen seitlich über seine Hose.

Sein Magen fühlte sich an, als hätte jemand etwas darin zusammengezogen.

Eine Tür öffnete sich.

Hugo sah sofort hoch.

Eine Frau kam heraus. Vielleicht Mitte vierzig. Sie sagte etwas zur Sprechstundenhilfe, lächelte und zog ihren Mantel an.

Hugo beobachtete sie.

Sie lächelte.

Einfach so.

Sie ging hinaus, und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Hugo hörte das Klacken der Absätze auf dem Gehweg, dann war es still.

Er sah auf die Uhr.

Warum dauerte das so lange?

Vielleicht wusste der Arzt längst Bescheid.

Natürlich wusste er Bescheid. Das Ergebnis lag wahrscheinlich bereits in seiner Akte. Vielleicht überlegte er gerade, wie er es Hugo sagen sollte. Vielleicht gab es für so etwas bestimmte Sätze, die man lernte. *Herr Voss, ich fürchte …*

Hugo spürte, wie ihm heiß wurde.

*Hör auf.*

Er sah auf seine Hände.

Sie zitterten leicht.

*Verdammt.*

Vor einer Stunde hatte Claire vor seinem Schreibtisch gestanden und ihm gesagt, er sei einer der fähigsten Analysten, mit denen Edward je gearbeitet hatte.

Und jetzt saß er hier und hatte Angst davor, dass eine Tür aufging.

Eine Tür ging auf.

Hugo hob den Kopf.

„Herr Voss."

Sein Herz machte einen harten Schlag, und für einen Moment war alles andere weg.

Er stand auf.

Auf dem Weg zum Sprechzimmer fühlten sich seine Beine merkwürdig leicht an, als gehörten sie jemand anderem.

Der Arzt saß hinter seinem Schreibtisch.

Vor ihm lag die Akte.

Hugo sah sie sofort. Ein brauner Umschlag. Nichts weiter. Und trotzdem war es, als sähe er durch die Klappe hindurch.

„Setzen Sie sich."

Er setzte sich.

Der Arzt öffnete die Akte.

*Warum sagt er nichts?*

Hugo sah auf sein Gesicht.

Nichts.

Er konnte darin nichts erkennen. Keine Falte, die verriet, was darin stand. Der Arzt blickte auf das Blatt.

Dann zu Hugo.

„Nun. Das Ergebnis ist da."

Hugos Mund war trocken. Er brachte kein Wort heraus.

Der Arzt sah ihn an.

„Negativ."

Hugo rührte sich nicht.

Das Wort war angekommen, aber sein Kopf schien einen Moment zu brauchen, um es aufzunehmen, wie ein Raum, in den jemand etwas hineinruft, bevor das Echo verstummt ist.

„Was?"

„Der Test ist negativ, Herr Voss."

Hugo starrte ihn an.

„Sicher?"

„Ja."

„Also habe ich kein HIV."

„Nein."

Hugo sah ihn weiter an.

„Ganz sicher?"

„Ja, Herr Voss."

Etwas löste sich in ihm.

Nicht langsam.

Auf einmal.

Hugo atmete aus und merkte erst dabei, wie angespannt sein ganzer Körper gewesen war. Seit Wochen, vermutlich. Seit Monaten. Seine Schultern sanken. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und spürte die Wärme seiner Haut.

„Scheiße."

Der Arzt sagte nichts.

Hugo ließ die Hände sinken.

Er lachte kurz auf. Es war kein richtiges Lachen. Mehr ein unkontrollierter Laut, der einfach herauskam, weil er nirgendwo anders hin konnte.

„Entschuldigung."

„Schon gut."

Hugo lehnte sich zurück.

Er sah zur Decke.

Sechs Monate.

Die beiden Frauen.

Der Flug aus Cannes.

Die kleine Verletzung im Mund, die er erst Tage später bemerkt hatte.

Die erste Nacht, in der er nicht geschlafen hatte.

Der erste Test.

Sechs Monate.

Vorbei.

Einfach vorbei.

Er spürte, wie ihm die Augen feucht wurden, und blinzelte.

Der Arzt schloss die Akte.

„Herr Voss."

Hugo sah ihn an.

„Jetzt hören Sie mir noch einmal genau zu."

Hugo richtete sich etwas auf.

Der Arzt sah ihn ernst an.

„Sie sind ein junger Mann."

Hugo nickte.

„Ihr ganzes Leben liegt noch vor Ihnen."

Der Arzt legte eine Hand auf die geschlossene Akte.

„Passen Sie auf, dass Ihnen so etwas nicht noch einmal passiert."

Hugo schwieg.

„Sie haben jetzt sechs Monate lang erlebt, was es heißt, nicht zu wissen, ob man sich mit einer Krankheit angesteckt hat, die das gesamte weitere Leben verändern kann."

„Ja."

„Dann lernen Sie daraus."

Hugo nickte.

„HIV ist nichts, womit Sie spielen. Das wissen Sie jetzt."

„Ja."

„Vor sechs Monaten wussten Sie es offenbar noch nicht."

Hugo senkte kurz den Blick.

„Nein."

„Also bauen Sie keinen Mist mehr. Reißen Sie sich zusammen. Wenn Sie mit Frauen schlafen, schützen Sie sich. Jedes Mal."

„Ja."

„Nicht meistens. Nicht wenn es gerade passt. Jedes Mal."

Hugo nickte.

„Ja."

Der Arzt sah ihn weiter an.

„Sie haben Ihr ganzes Leben vor sich. Achten Sie darauf."

Hugo schluckte.

„Das werde ich."

Der Arzt hielt seinen Blick noch einen Moment.

„Gut."

Hugo stand auf.

Draußen auf der Straße blieb er stehen.

Dieselben Autos. Dieselben Menschen. Derselbe Lärm.

Auf der anderen Straßenseite lief ein Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Das Mädchen hüpfte über die Fugen zwischen den Gehwegplatten, während der Vater langsamer ging, damit sie mithalten konnte.

Hugo sah ihnen nach.

Vor einer halben Stunde hätte ihn dieser Anblick beinahe verrückt gemacht.

Jetzt musste er lächeln.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und ging los.

Zum ersten Mal seit sechs Monaten gab es kein *Was, wenn*.

---

Seine Mutter war nicht die Einzige, die Hugo inzwischen regelmäßig in London besuchte. Auch Svenja kam immer wieder für einige Tage und brachte Christina mit.

Und dann veränderte sich die Wohnung.

Normalerweise war sie für Hugo vor allem der Ort, an den er abends zurückkehrte. Tagsüber kümmerte sich die Haushälterin darum, dass alles sauber war, die Einkäufe erledigt wurden und seine Wäsche gewaschen war. Seine Hemden hingen gebügelt im Schrank, nichts lag herum, und wenn Hugo nach Hause kam, stand alles dort, wo es hingehörte.

Wenn Svenja da war, funktionierte das nur noch bedingt.

Spätestens am zweiten Tag stand sie selbst in der Küche.

„Was machst du?", fragte Hugo, als er nach Hause kam und sie am Herd vorfand.

„Wonach sieht es denn aus?"

Er ging zum Herd und hob einen Deckel an.

„Du kochst."

„Sehr gut. London hat deinem Verstand also noch nicht vollständig geschadet."

Hugo grinste.

Der Geruch traf ihn beinahe unerwartet. Kassler, Kartoffeln, Eintöpfe, diese einfachen deutschen Sachen, über die er früher überhaupt nicht nachgedacht hatte. In London konnte er praktisch alles bekommen. Er konnte jeden Abend in einem anderen Restaurant essen, und wenn er irgendetwas zu Hause haben wollte, musste er es nur sagen.

Trotzdem fehlte ihm manchmal genau das.

Nicht irgendein besonderes Essen. Sondern etwas, das schmeckte wie früher.

„Das kannst du ruhig öfter machen."

Svenja sah ihn an. „Ach, plötzlich."

„Ich habe nicht gesagt, dass du gut kochst."

Sie hielt ihm den Kochlöffel entgegen. „Dann kannst du ja wieder gehen."

„Nein, nein. So schlimm ist es nun auch wieder nicht."

Auch seine Hemden nahm sie sich gelegentlich vor.

„Svenja, dafür habe ich eine Haushälterin."

„Und?"

„Die wird dafür bezahlt."

„Dann hat sie morgen weniger zu tun."

Hugo wollte widersprechen. Er öffnete den Mund, sah ihre Miene und ließ es schließlich.

Es war eigentlich verrückt. Er verdiente inzwischen genug Geld, um sich über solche Dinge überhaupt keine Gedanken mehr machen zu müssen, und seine Schwester stand trotzdem da und bügelte ihm ein Hemd, weil es für sie vollkommen selbstverständlich war.

Vielleicht gefiel es ihm gerade deshalb.

Mit Christina war es schwieriger.

Ein kleines Kind verwandelte seine Wohnung innerhalb weniger Stunden in etwas, das Hugo kaum wiedererkannte.

Spielzeug lag auf dem Teppich und zwischen den Sofas. Im Flur standen winzige Schuhe. Auf einem Beistelltisch tauchte ein Kinderbecher auf. Irgendwo lag eine Jacke, wo keine Jacke hingehörte. Die Haushälterin konnte morgens alles perfekt aufräumen, und am Nachmittag sah es aus, als wäre sie nie dagewesen.

Eines Abends trat Hugo mitten im Wohnzimmer auf ein Spielzeug.

Der Schmerz schoss ihm in die Fußsohle.

„Scheiße!"

Er hob das Ding auf und sah es an.

*Warum zum Teufel liegt das mitten im Weg?*

Für einen Moment ärgerte er sich richtig. Es war seine Wohnung. Er arbeitete den ganzen Tag, kam abends nach Hause und wollte verdammt noch mal nicht erst einen Hindernislauf durch Kinderspielzeug machen.

Svenja kam aus der Küche.

„Was ist?"

Hugo hielt das Spielzeug hoch.

„Warum liegt das hier?"

„Weil Christina damit gespielt hat."

„Mitten im Weg?"

„Sie ist ein kleines Kind, Hugo."

Er wollte gerade etwas erwidern, als Christina um die Ecke kam und zu ihm hochsah.

Der Ärger war nicht sofort weg.

Aber er wurde unwichtig.

*Na schön.*

Er legte das Spielzeug an die Seite.

*Dann liegt hier eben ein paar Tage Spielzeug herum.*

Er musste es nicht mögen.

Aber Svenja war seine Schwester und Christina seine Nichte. Sie waren ein paar Tage im Jahr bei ihm. Wenn das bedeutete, dass seine Wohnung in dieser Zeit aussah wie ein Kinderzimmer, würde er es überleben.

Und merkwürdigerweise stellte er irgendwann fest, dass ihn nicht einmal alles daran störte. Manchmal saß er auf dem Sofa, sah das Spielzeug auf seinem Teppich und dachte, dass es eigentlich vollkommen bescheuert aussah.

Aber es bedeutete auch, dass die beiden da waren.

Bei einem ihrer Besuche fuhr er mit Svenja und Christina zu Harrods.

Hugo trug Christina einen Teil der Zeit auf dem Arm. Irgendwann wollte sie herunter, wenige Minuten später wieder hoch. Dann zeigte sie auf etwas, das sie unbedingt haben wollte, und dreißig Sekunden später hatte sie es bereits vergessen.

„Du bist ganz schön anstrengend", sagte Hugo zu ihr.

Christina lachte.

„Ja, lach du nur."

Svenja grinste. „Du wolltest sie doch tragen."

„Das war vor einer halben Stunde."

Trotzdem behielt er sie auf dem Arm.

Bei Louis Vuitton bemerkte Hugo, dass Svenja vor einer Tasche stehen blieb.

Nur für einen Moment.

Sie nahm sie nicht einmal in die Hand. Sie sah sie sich an, entdeckte den Preis und ging weiter.

Hugo blieb stehen.

Er kannte diesen Blick.

„Die gefällt dir."

„Welche?"

„Die Tasche."

„Ja, die ist schön."

„Dann probier sie doch mal."

„Hugo, nein."

„Was heißt nein? Probier sie an."

„Hast du gesehen, was die kostet?"

„Ja."

„Dann weißt du doch, warum."

Hugo ging zurück, nahm die Tasche und hielt sie ihr hin.

„Du sollst sie nicht kaufen. Du sollst sie ausprobieren."

Svenja sah ihn misstrauisch an.

„Bei dir bedeutet das wahrscheinlich dasselbe."

„Quatsch. Jetzt mach schon."

Schließlich nahm sie die Tasche und hängte sie sich über die Schulter.

Hugo trat zurück.

„Lauf doch mal ein kleines Stück."

„Was?"

„Lauf mal."

„Du hast doch einen Knall."

„Jetzt lauf."

Svenja schüttelte lachend den Kopf, ging aber tatsächlich ein paar Schritte.

Hugo sah ihr hinterher.

„Boah, steht die dir gut."

„Hör auf."

„Nein, wirklich. Stell dich mal vor den Spiegel."

„Hugo."

„Jetzt guck doch mal."

Sie stellte sich vor den Spiegel.

Und plötzlich machte Hugo die Sache fast mehr Spaß als ihr.

Svenja drehte sich ein wenig zur Seite. Dann zur anderen. Sie strich mit der Hand über die Tasche und betrachtete sich noch einmal.

Hugo musste lächeln.

Er sah genau, dass sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

*Die gefällt ihr richtig.*

Und in diesem Moment wusste er, dass er sie ihr kaufen würde.

Nicht, weil er mit Geld um sich werfen wollte. Tausend Pfund waren auch für ihn noch tausend Pfund. Er wusste sehr genau, wie viel Geld das war.

Aber es war nicht mehr kriegsentscheidend.

Das war der Unterschied.

Und plötzlich empfand er einen beinahe kindlichen Stolz darüber.

*Ich kann meiner Schwester so etwas einfach schenken.*

Noch vor wenigen Jahren wäre eine Tasche für tausend Pfund für sie beide vollkommen absurd gewesen. Jetzt stand seine Schwester bei Harrods vor einem Spiegel, hatte etwas gefunden, das ihr offensichtlich gefiel, und er konnte einfach sagen: Nimm sie.

Der Gedanke gefiel ihm.

Mehr noch als die Tasche.

„Die ist schon schön", sagte Svenja.

„Sag ich doch."

Sie nahm sie wieder von der Schulter.

„Aber vollkommen bescheuert teuer."

„Warum?"

„Weil das eine Handtasche ist."

„Und?"

„Dafür gebe ich doch keine tausend Pfund aus."

„Musst du ja auch nicht."

Svenja sah ihn sofort an.

„Nein."

„Was nein?"

„Du kaufst mir die nicht."

Hugo grinste.

„Doch."

„Hugo."

„Die steht dir gut."

„Darum geht es nicht."

Für Hugo ging es genau darum.

Er sah noch einmal die Tasche an, dann seine Schwester.

*Warum eigentlich nicht?*

Er arbeitete wie ein Verrückter. Er verdiente inzwischen Geld, von dem sie früher nicht einmal gesprochen hatten. Wofür sollte das alles gut sein, wenn er nicht einmal seiner eigenen Schwester etwas schenken konnte, nur weil sie es schön fand?

Und er wusste, dass Svenja sich so etwas niemals selbst kaufen würde.

Das machte es für ihn noch schöner.

Er nahm ihr die Tasche aus der Hand und gab sie der Verkäuferin.

„Wir nehmen die."

„Hugo!"

Christina erschrak über Svenjas plötzlich lautere Stimme.

Hugo sah auf die Kleine.

„Siehst du? Jetzt hast du Christina erschreckt."

Svenja musste lachen.

„Du bist unmöglich."

Hugo sah noch einmal zur Tasche.

Er war tatsächlich ein bisschen stolz.

Nicht auf Louis Vuitton.

Auf sich selbst.

Darauf, dass er seiner Schwester inzwischen etwas schenken konnte, das für sie Luxus war, ohne dass er deshalb im nächsten Monat irgendwo sparen musste.

Und vor allem darauf, wie sie vor dem Spiegel ausgesehen hatte.

Sie hatte sich gefreut.

Das reichte ihm.

Nach dem Einkauf gingen sie bei Harrods noch Kaffee trinken. Svenja stellte die neue Tasche neben sich, Hugo bestellte Kaffee, und dazu nahmen sie Himbeertörtchen.

Christina interessierte sich augenblicklich mehr für die Törtchen als für alles, was sie zuvor im Kaufhaus gesehen hatte.

Noch bevor Hugo reagieren konnte, steckte sie einen Finger mitten in die Himbeercreme seines Törtchens.

Hugo sah auf den Finger.

Dann auf sein Törtchen.

*Na wunderbar.*

Svenja brauchte nichts weiter zu fragen. Sie kannte ihren Bruder.

„Du isst das jetzt nicht mehr, oder?"

Hugo verzog das Gesicht.

„Die hat gerade noch alles Mögliche angefasst."

„Meine Güte."

Svenja schob ihm ihr eigenes Törtchen hin und nahm seines.

„Hier. Tausch."

Von ihrem fehlte bereits ein Stück.

Das störte Hugo überhaupt nicht. Er zog den Teller zu sich und aß weiter.

Svenja beobachtete ihn.

„Interessant. Bei mir ist es also egal."

„Du krabbelst auch nicht auf dem Fußboden herum und fasst anschließend mein Essen an."

„Noch nicht."

Hugo musste lachen.

Später saßen sie im schwarzen Taxi zurück zur Wohnung. Christina war müde geworden und schließlich an Hugo eingeschlafen. Er hielt sie mit einem Arm fest und achtete darauf, dass ihr Kopf bei den Bewegungen des Wagens nicht immer wieder zur Seite fiel.

Svenja saß neben ihm. Die neue Tasche lag auf ihrem Schoß.

Ab und zu strich sie beinahe unbewusst mit der Hand darüber.

Hugo bemerkte es jedes Mal.

Und jedes Mal freute es ihn ein bisschen.

„Du hättest das wirklich nicht machen müssen", sagte sie irgendwann.

„Ich weiß."

„Warum machst du es dann?"

Hugo sah erst sie und dann die schlafende Christina an.

„Weil ich dir gerne was schenke."

Mehr wollte er dazu gar nicht sagen.

Aber während er aus dem Fenster sah, war dieses stolze Gefühl wieder da.

Er konnte es.

Und es war seine Schwester.

Für wen sollte er sein Geld lieber ausgeben?

Als Svenja einige Tage später mit Christina wieder abreiste, brachte die Haushälterin die Wohnung zurück in ihren alten Zustand.

Das Spielzeug verschwand. Die kleinen Schuhe standen nicht mehr im Flur. Auf den Tischen lagen keine Kindersachen mehr. Seine Wohnung war wieder sauber, ordentlich und ruhig.

Hugo setzte sich am ersten Abend allein auf eines der Sofas und sah sich um.

*Endlich wieder Ordnung.*

Genau das hatte er die letzten Tage immer wieder gewollt.

Dann fiel sein Blick auf die Stelle auf dem Teppich, an der noch am Morgen Christinas Spielzeug gelegen hatte.

Die Wohnung war wieder genauso, wie er sie haben wollte.

Und ausgerechnet jetzt fehlte ihm das verdammte Spielzeug.

---

Im Laufe des folgenden Sommers bekam Hugo eine Einladung, die bei der Bank niemand über den Tisch gelegt bekam.

Als er an diesem Freitagmorgen in Heathrow ankam, merkte er schon am Check-in, dass dies keine normale Geschäftsreise werden würde.

Bei den üblichen Reisen der Bank sah er Männer mit Aktentaschen, Laptops und Unterlagen. Man sprach über Termine, Unternehmen, Kurse und darüber, was am Montag erledigt werden musste. Heute standen dieselben Männer in hellen Sommeranzügen und offenen Hemdkragen am Schalter. Einer hatte bereits eine Sonnenbrille auf dem Kopf, obwohl sie sich noch im Terminal befanden.

„Hugo!"

Er drehte sich um.

Ein Investmentbanker aus dem Londoner Haus kam mit ausgestreckten Armen auf ihn zu.

„Du bist tatsächlich dabei!"

Sie umarmten sich kurz.

„Sieht so aus."

„Wurde auch Zeit."

Hugo grinste. „Was heißt das?"

„Dass ihr Analysten irgendwann lernen müsst, wo das Geld ausgegeben wird, das wir mit euren Analysen verdienen."

Gelächter hinter ihnen.

Hugo war tatsächlich zum ersten Mal dabei. Solche Veranstaltungen waren normalerweise keine Analystentreffen. Hier kamen Investmentbanker, Händler, einige Führungskräfte und vor allem wichtige Kunden zusammen. Die Bank bezahlte diese Wochenenden nicht, damit jemand einen Vortrag über Unternehmensbewertungen hielt. Hier wurden Beziehungen gepflegt.

Und gefeiert.

Schon vor dem Abflug begrüßten sich Männer, die sich offenbar seit Monaten nicht gesehen hatten.

„Hey! Schön dich zu sehen!"

„Du verdammter Bastard!"

Umarmung.

Schlag auf die Schulter.

„Wie läuft New York?"

„Besser als bei euch."

„Träum weiter."

Wieder Gelächter.

Hugo beobachtete das mit Vergnügen. Im Büro herrschte Konkurrenz. Hier war sie nicht verschwunden, aber sie hatte ihre Krawatte abgelegt.

Der Flug nach Nizza war entsprechend laut. Man wechselte die Plätze, stand im Gang, unterhielt sich über die Sitzreihen hinweg. Ein Kunde erzählte eine Geschichte, bei der drei Reihen gleichzeitig lachten. Bereits vor der Landung wurde darüber diskutiert, wer nachmittags direkt an den Strand gehen und wer vorher schlafen würde.

Als sie in Nizza aus dem Terminal kamen, wartete draußen eine ganze Reihe schwarzer Mercedes-Limousinen.

Fahrer hielten Schilder hoch.

Gepäck wurde verladen.

„Das gefällt mir", sagte Hugo.

„Warte bis heute Abend."

Die Fahrt nach Cannes führte an der Küste entlang. Das Mittelmeer blitzte immer wieder zwischen Häusern und Hügeln hervor. Vor ihnen fuhr ein Mercedes mit Kollegen, dahinter folgten weitere Wagen.

Champagner wurde geöffnet.

Hugo nahm ein Glas.

Das Ganze hatte etwas von einem Betriebsausflug für Männer, die einen Betriebsausflug normalerweise für unter ihrer Würde gehalten hätten.

Nur dass dieser hier an die Côte d'Azur führte.

Als die Wagen an der Croisette vor dem Carlton hielten, ging das Wiedersehen weiter. Banker aus Frankfurt, London und anderen Standorten standen mit Kunden vor dem Hotel. Überall wurden Hände geschüttelt und Männer umarmten sich.

„Michael!"

„Hey!"

„Schön dich zu sehen!"

„Wann bist du angekommen?"

„Gestern."

„Wo ist Edward?"

„An der Bar."

„Natürlich ist Edward an der Bar."

Hugo lachte.

Hotelangestellte kümmerten sich um die Koffer. Ein Mitarbeiter der Bank stand mit einer Liste in der Lobby und verteilte Zimmerkarten. Niemand musste sich um irgendetwas kümmern.

Die Bank hatte alles organisiert.

Hugo bekam seinen Schlüssel und fuhr nach oben.

Als er wenig später aus seinem Fenster auf die Croisette und das Meer sah, dachte er, dass er sich durchaus daran gewöhnen könnte, zu den Veranstaltungen eingeladen zu werden, zu denen Analysten normalerweise nicht eingeladen wurden.

Am nächsten Morgen hatte sich die Gesellschaft an den Strand verlagert.

Anzüge, Krawatten und Aktentaschen waren verschwunden.

Männer, die Hugo sonst nur hinter Schreibtischen oder in Konferenzräumen kannte, lagen in Badehosen auf Liegen, standen mit einem Drink in der Hand am Wasser oder saßen unter Sonnenschirmen und diskutierten über Geschäfte.

Die Gespräche waren anders als im Büro, aber nicht wirklich weniger geschäftlich.

Wer hatte welchen Deal gemacht?

Wer hatte wie viel verdient?

Wer war befördert worden?

Welche Abteilung hatte den größten Gewinn gebracht?

Und immer wieder: Boni.

„Wie viel?"

„Das sage ich dir bestimmt nicht."

„Dann war es weniger als meiner."

„In deinen Träumen."

Gelächter.

Ein anderer erzählte von einem Haus, das er gekauft hatte. Sofort fragte jemand nach dem Preis. Ein Dritter sprach über ein Auto.

Hugo lag auf seiner Liege und hörte eine Weile einfach zu.

Selbst hier hörte der Wettbewerb nicht auf.

Er hatte nur seine Form verändert.

Im Büro ging es um Positionen und Geschäfte. Hier ging es um Häuser, Autos, Frauen und Boni.

Alles wurde verglichen.

Überall waren gebräunte Körper, Sonnenbrillen, Alkohol, Geld und das Selbstbewusstsein von Männern, die daran gewöhnt waren, dass sehr große Zahlen zu ihrem Alltag gehörten.

Testosteron mit Champagner.

Und Hugo stellte fest, dass ihm die Atmosphäre gefiel.

Er gehörte inzwischen zumindest teilweise dazu. Die Männer kannten seinen Namen. Einige kannten seine Analysen besser, als er gedacht hatte. Ein Banker aus Frankfurt setzte sich für einige Minuten zu ihm und begann mit ihm über einen amerikanischen Softwarewert zu sprechen.

„Deine Analyse war verdammt gut."

„Danke."

„Hat uns Geld gebracht."

Dann stand er wieder auf und ging ins Wasser.

Hugo sah ihm nach.

Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er diesmal hier war.

Andere machten aus seiner Arbeit Geld.

Und inzwischen wusste die Bank ziemlich genau, was sie an ihm hatte.

Am Abend war vom lockeren Strandtag nichts mehr übrig.

Smoking war nicht verlangt, aber die Männer erschienen wieder in teuren Anzügen. Hugo ging mit einigen Kollegen durch das Hotel in Richtung des großen Festsaals.

Schon auf dem Korridor hörten sie Musik und Stimmen.

Vor dem Eingang war ein Empfang aufgebaut.

Zwei Frauen saßen hinter einem langen Tisch. Vor ihnen lagen Namenslisten.

Die Männer gingen einzeln nach vorn.

„Name?"

Ein Banker nannte ihn.

Die Frau suchte auf ihrer Liste, fand den Eintrag und befestigte ihm ein schmales rotes Band am Handgelenk.

Der nächste bekam ebenfalls eines.

Blau.

Hugo sah hin, dachte sich aber nichts dabei.

Dann war er an der Reihe.

„Name?"

Er nannte ihn.

Die Frau fuhr mit dem Finger über die Liste.

„Ja."

Sie nahm ein schmales blaues Band und befestigte es an seinem Handgelenk.

Hugo hob den Arm.

„Was ist das?"

„Für den Abend."

Nicht mehr.

Hinter ihm drängte bereits der Nächste nach vorn.

Hugo ging weiter.

„Warum habe ich ein blaues Band?", fragte er einen Kollegen.

Der sah nur kurz hin.

„Später."

„Was heißt später?"

Der Mann grinste.

„Du bist wirklich das erste Mal dabei."

Bevor Hugo nachfragen konnte, öffneten sich die Türen zum Saal.

Er blieb beinahe stehen.

Der Raum war riesig. Hohe Decken, Kronleuchter, Säulen, festlich gedeckte Tische, eine große Bühne und eine Bar, die aussah, als hätte jemand beschlossen, dass an diesem Abend niemand auch nur eine Minute auf ein Getränk warten sollte.

Hunderte Menschen waren bereits darin.

Kellner bewegten sich mit Tabletts durch die Menge.

Überall Champagner.

Überall Stimmen.

Überall Männer, die sich begrüßten.

„Hey!"

„Du auch hier!"

Umarmungen.

Schläge auf Schultern.

Lautes Lachen.

Ein älterer Banker sah Hugo und kam direkt auf ihn zu.

„Der Analyst!"

Er legte Hugo einen Arm um die Schulter.

„Jetzt lassen sie sogar euch rein."

„Offenbar sinken die Standards."

„Nein. Offenbar verdienst du uns inzwischen genug Geld."

Er drückte Hugo ein Champagnerglas in die Hand.

„Trink. Du hast es mitbezahlt."

Hugo wollte gerade fragen, was das bedeutete, als das Licht herunterging.

Gespräche verstummten.

Dann kamen die ersten markanten Takte.

*Mission: Impossible.*

Die Musik dröhnte durch den Saal.

Sofort begann eine Gruppe vor der Bühne zu jubeln.

Edward erschien. Er ging langsam auf die Bühne, während die Musik immer lauter wurde.

Pfiffe.

Applaus.

Rufe.

Hugo sah sich um und musste grinsen.

Das war keine Weihnachtsansprache eines Vorstandsvorsitzenden.

Das war ein Auftritt.

Edward erreichte die Mitte der Bühne und hob beide Arme.

Der Jubel nahm noch einmal zu.

Er wartete.

Dann nahm er das Mikrofon.

„Was für ein verdammtes Jahr!"

Der Saal explodierte.

Er sprach über Geschäfte, über Marktanteile, über Kunden und über Gewinne.

Keine langen Zahlenkolonnen.

Keine PowerPoint-Präsentation.

Das hier war keine Vorstandssitzung.

„Wir waren letztes Jahr gut!"

Applaus.

„Dieses Jahr waren wir besser!"

Noch mehr Applaus.

„Und nächstes Jahr?"

Aus dem Saal kamen Rufe.

Edward hielt das Mikrofon in Richtung Publikum.

„NOCH BESSER!"

Hugo lachte.

Eigentlich sagte Edward nur einen Satz:

*Wir erobern gerade die Welt.*

Dann hob er sein Glas.

„Auf unsere Kunden!"

Jubel.

„Auf unsere Leute!"

Noch lauter.

„Und auf den verdammten Bonus!"

Jetzt brüllte der ganze Saal.

Hugo hob ebenfalls sein Glas.

Die Musik setzte wieder ein.

Die Party begann.

Eine Stunde später war der Saal kaum wiederzuerkennen.

Die Musik war lauter, die Bar voller, die Gespräche gröber.

Hugo stand mit einem älteren Investmentbanker zusammen, den er schon vom Strand kannte.

Jetzt bemerkte er etwas, das ihm vorher entgangen war.

Die Frauen.

Es waren unglaublich viele junge Frauen im Saal.

Nicht die Ehefrauen oder Freundinnen der Banker und Kunden. Diese Frauen bewegten sich anders durch den Raum. Sie standen bei Gruppen von Männern, tanzten, setzten sich dazu, verschwanden wieder.

Und sie trugen Bänder.

Rot.

Blau.

Hugo sah auf sein eigenes Handgelenk.

Blau.

Er betrachtete eine junge Frau einige Meter entfernt.

Blau.

Eine andere hatte Rot.

Hugo hielt dem älteren Banker seinen Arm hin.

„Jetzt erklärst du mir das."

Der Mann sah auf das Band.

„Was?"

„Das."

„Blau."

„So weit bin ich auch."

Der Mann grinste.

„Deine Klasse."

„Meine was?"

Der Banker deutete mit seinem Glas auf die Frauen.

„Siehst du die Bänder?"

„Deswegen frage ich."

„Blau zu Blau. Rot zu Rot."

Hugo sah ihn an.

Dann zu den Frauen.

Dann wieder zu ihm.

„Moment."

Der Mann lachte bereits.

„Das sind Escorts?"

„Natürlich."

Hugo sah sich erneut um.

„Alle Frauen mit Band?"

„Alle."

Hugo schätzte die Zahl.

„Das sind doch Dutzende."

„Ja."

„Und Blau und Rot bedeutet was?"

„Preisklasse."

Hugo blickte auf sein blaues Band.

„Und ich bin Blau."

„Offensichtlich."

„Warum?"

Der Banker hob die Schultern.

„Steht auf der Liste. Funktion, Bedeutung, Kunde, Mitarbeiter -- irgendjemand hat entschieden, welche Kategorie du bekommst."

„Was ist der Unterschied?"

Der Mann zeigte auf eine Frau mit rotem Band.

„Honda."

Dann auf eine mit blauem.

„Mercedes."

Hugo lachte laut.

„Das ist nicht dein Ernst."

„Doch."

„Und wenn mir der Honda besser gefällt?"

Der Banker sah ihn an.

„Warum willst du Honda fahren, wenn dein Chef dir Mercedes bezahlt?"

Hugo schüttelte lachend den Kopf.

Der Banker nahm einen Schluck Champagner.

„Das ist Organisation."

Hugo lachte.

„Wer bezahlt das eigentlich alles?"

„Du."

„Ich?"

„Ich auch."

„Was soll das heißen?"

Der Mann deutete mit dem Glas auf den Saal.

„Wo glaubst du, woher das Geld kommt? Aus dem Bonustopf."

Hugo sah ihn an.

„Die Party?"

„Auch."

„Die Frauen?"

„Auch."

„Die Zimmer?"

„Natürlich."

„Und ihr findet das gut?"

Der Banker breitete die Arme aus.

„Siehst du hier jemanden weinen?"

Hugo musste lachen.

„Wenn sie mir meinen Bonus kürzen, damit du mit einer schönen Frau nach oben gehen kannst, finde ich das weniger lustig."

Der Banker legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Hugo, du denkst immer noch wie ein Analyst."

„Ich bin Analyst."

„Eben."

Er deutete auf die Menge.

„Die Kunden lieben den Scheiß. Die Banker lieben den Scheiß. Alle kommen. Alle reden miteinander. Montag klingelt wieder das Telefon und irgendeiner von diesen Männern macht mit uns das nächste Geschäft."

Er nahm einen Schluck.

„Das hier ist keine Ausgabe."

Kurze Pause.

„Das ist Kundenpflege."

Hugo sah sich um.

Zum ersten Mal begriff er, warum ihm niemand jemals davon erzählt hatte.

Das war eine eigene Welt innerhalb der Bank.

Und Analysten gehörten normalerweise nicht dazu.

Später sah Hugo eine Frau, die ihm schon zuvor aufgefallen war.

Blaues Band.

Sie war wunderschön, aber das allein war es nicht.

Als sie miteinander ins Gespräch kamen, bemerkte Hugo etwas anderes.

Sie war aufmerksam.

Nicht aufdringlich.

Sie stand nicht einfach neben ihm und wartete darauf, dass er etwas tat. Wenn er sprach, sah sie ihn an. Wenn jemand dazwischenkam, verlor sie nicht sofort das Interesse. Einmal strich sie ihm beiläufig über den Arm. Später legte sie kurz eine Hand auf seine Schulter.

Kleine Gesten.

Aber Hugo bemerkte sie.

Sie tranken zusammen.

Sie tanzten.

Sie lachten.

Und irgendwann stellte Hugo fest, dass er seit einer halben Stunde überhaupt nicht mehr darauf achtete, was die anderen machten.

Das gefiel ihm.

Sehr sogar.

Später gingen sie gemeinsam nach oben.

Sie verbrachten die Nacht miteinander. Der Sex gefiel ihm, aber fast ebenso sehr gefiel ihm, dass sie danach nicht plötzlich auf Distanz ging. Sie blieb bei ihm, lag neben ihm und strich ihm langsam über den Arm.

Dann über die Schulter.

Hugo sah sie an.

„Was?", fragte sie.

„Nichts."

„Du guckst."

„Darf ich nicht?"

Sie lächelte.

Wieder strich ihre Hand über seinen Arm.

Hugo fand das erstaunlich angenehm.

Er wusste, dass sie arbeitete. Natürlich wusste er das.

Trotzdem war da etwas an ihrer Art, das anders war als bei vielen Frauen, die er bisher bezahlt hatte.

Sie kümmerte sich um ihn.

So fühlte es sich jedenfalls an.

„Du bist verdammt gut", sagte er.

Sie lachte.

„Beim Sex?"

„Auch."

„Auch?"

„Das hier."

Er deutete auf ihre Hand.

„Was mache ich denn?"

„Genau das ist es. Nichts Besonderes."

Sie grinste.

„Das klingt jetzt nicht mehr wie ein Kompliment."

„Doch. Ist eins."

Sie strich ihm wieder über die Schulter.

Hugo schloss für einen Moment die Augen.

„Wo habt ihr eigentlich so viele Frauen her?"

„Wir?"

„Unten."

„Ach so."

„Das müssen fünfzig gewesen sein."

„Mehr."

Hugo öffnete die Augen.

„Mehr?"

„Bestimmt."

„Wo zum Teufel bekommt eine Bank für einen Abend so viele Frauen her?"

Sie lachte.

„Die Bank holt die nicht selbst."

„Das habe ich mir gedacht. Ich sehe den Vorstand noch nicht mit einem Telefonbuch dasitzen."

Sie lachte wieder.

„Agenturen."

„Eine Agentur kann so etwas organisieren?"

„Die richtige schon."

„Welche ist die richtige?"

Sie zögerte kurz.

„Es gibt mehrere."

Hugo sah sie an.

„Und deine?"

„Hanna."

„Hanna wer?"

„Dvořáková."

„Wo sitzt die?"

„Prag."

Hugo wiederholte langsam:

„Hanna Dvořáková."

„Ja."

„Und die organisiert so etwas?"

„Ja."

„Mit so vielen Frauen?"

„Nicht jede Frau heute Abend kommt von ihr. Aber sie kann große Gruppen zusammenstellen und mit anderen organisieren."

Hugo richtete sich etwas auf.

Jetzt war der Analyst in ihm wach.

„Woher weiß die überhaupt, wen sie wem anbieten kann?"

„Sie kennt ihre Mädchen."

„Alle?"

„Natürlich."

„Fotos?"

„Auch."

„Was heißt auch?"

Die Frau lächelte.

„Videos."

Hugo hob die Augenbrauen.

„Videos?"

„Ja."

„Was für Videos?"

„Kurze Präsentationen."

„Wie kurz?"

„Neunzig Sekunden. Zwei Minuten. So etwas."

„Und was ist darauf?"

Sie sah ihn an.

„Die Frau."

„Das hätte ich jetzt fast vermutet."

Sie lachte.

„Gesicht. Körper. Und was sie anbietet."

Hugo schwieg kurz.

„Wie -- was sie anbietet?"

„Hanna lässt das produzieren, wenn ein Mädchen in die Agentur aufgenommen wird."

„Die Mädchen schicken ihr also Videos?"

„Nein."

Sie schüttelte den Kopf.

„Hanna lässt sie machen. Professionell. Kurz. Damit sie später einem Kunden zeigen kann, wen sie zur Auswahl hat."

„Und da wird auch gezeigt, was die Frau sexuell anbietet?"

„Ja."

„Also explizit?"

„Wenn es für ihr Angebot wichtig ist, ja."

Hugo grinste.

„Ein Masturbationsvideo."

Sie verdrehte die Augen.

„Nein."

„Wenn eine Frau darin nackt zeigt, was sie sexuell macht, würde ich das durchaus so nennen."

„Und genau deshalb ist das Video nicht für dich gemacht."

Hugo lachte.

„Warum nicht?"

„Weil du es dir zur Unterhaltung ansehen würdest."

„Selbstverständlich."

Sie gab ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter.

„Es ist ein Katalog."

Hugo wurde wieder ernst.

„Ein Katalog?"

„Im Prinzip."

Sie erklärte ihm, dass ein Kunde bei einem großen Auftrag nicht einfach nur Namen bekomme. Er könne sich vorher ansehen, welche Frauen verfügbar seien. Die kurzen Videos zeigten Aussehen und angebotenen Service. So konnte ausgewählt werden, bevor die Frauen überhaupt anreisten.

Hugo starrte einige Sekunden an die Decke.

Dann begann er zu lachen.

„Was?", fragte sie.

„Das ist genial."

„Was daran?"

„Alles."

Er drehte sich wieder zu ihr.

„Ich kenne das aus Frankfurt. Eine Frau sitzt in der Hotelbar. Man spricht sie an. In London genauso. Hier in Cannes auch. Ich dachte immer, so funktioniert das eben."

„Manchmal."

„Aber das da unten ist etwas völlig anderes."

Sie sagte nichts.

Hugo dachte laut weiter.

„Die Bank sagt, wie viele Frauen sie braucht. Irgendjemand legt Kategorien fest. Hanna hat vorher ihre Frauen ausgewählt, produziert Präsentationen, weiß, welchen Service jede anbietet, stellt die Gruppe zusammen, organisiert die Reise -- und unten kriegen wir Bänder, damit hinterher sogar die Abrechnung stimmt."

Die Frau lachte.

„Du analysierst gerade meine Agentur."

„Natürlich."

„Du kannst nicht anders, oder?"

„Nein."

Sie strich ihm wieder über den Arm.

Hugo sah auf ihre Hand.

Da war es wieder.

Diese Aufmerksamkeit.

„Und das hier?"

„Was?"

„Das."

„Meine Hand?"

„Nein. Wie du dich kümmerst."

Sie lächelte.

„Vielleicht bin ich einfach nett."

Hugo betrachtete sie.

„Das glaube ich dir sogar."

Sie lachte.

Er wusste noch nicht, dass hinter manchen dieser scheinbar beiläufigen Gesten ebenfalls mehr System steckte, als er ahnte.

An diesem Abend bemerkte er nur, wie sehr es ihm gefiel.

Nach einer Weile fragte er:

„Gibst du mir Hannas Nummer?"

Sie zog die Augenbrauen hoch.

„Ich liege noch in deinem Bett."

„Das sehe ich."

„Und du willst schon die Nummer meiner Agentur."

„Nicht für heute."

„Wie beruhigend."

Hugo grinste.

„Ich will sie einfach haben."

„Warum?"

Er überlegte kurz.

„Weil ich das irgendwann wieder haben will."

Sie sah ihn an.

„Was?"

Hugo deutete erst auf sie und dann vage in Richtung des Festsaals weit unter ihnen.

„Dass ich nicht erst in einer Hotelbar herumfragen muss. Dass ich anrufe und jemand organisiert es."

„Aha."

„Und vielleicht will ich dich wiedersehen."

„Das hättest du gleich sagen können."

„Dann hätte ich den ganzen interessanten Teil über Hanna nicht erfahren."

Sie schüttelte lachend den Kopf.

Schließlich gab sie ihm den Kontakt.

Hugo schrieb ihn auf.

**Hanna Dvořáková. Prag.**

Er betrachtete den Namen einen Moment und legte den Zettel beiseite.

Dann zog er die Frau wieder zu sich.

Damals wusste er noch nicht, welche Bedeutung dieser Kontakt später bekommen würde.

Für diesen Abend war ihm das vollkommen egal.

Er hatte einen Tag am Strand verbracht, Champagner getrunken, eine Investmentbank erlebt, die ihren eigenen Erfolg wie einen Sieg feierte, und zum ersten Mal einen Teil dieser Welt gesehen, zu dem Analysten normalerweise keinen Zutritt hatten.

Und jetzt lag eine wunderschöne Frau neben ihm und strich ihm langsam über den Arm und die Schulter.

Hugo dachte an den älteren Banker unten.

*Warum willst du Honda fahren, wenn dein Chef dir Mercedes bezahlt?*

Er musste grinsen.

„Was ist?", fragte sie.

„Nichts."

Sie strich ihm wieder über den Arm.

Hugo schloss die Augen.

Die Autos waren ihm eigentlich völlig egal.

Aber an diesen Service konnte er sich gewöhnen.

---

Die Monate danach nahmen ihre festen Abläufe an.

Inzwischen gehörten die regelmäßigen Reisen nach Frankfurt zu Hugos Arbeitsalltag. Alle paar Wochen musste er zur Bank, zu Besprechungen oder zu Terminen mit Kunden. Manchmal begleitete Claire ihn. Dann nahmen sie morgens gemeinsam den ersten Flug von London nach Frankfurt und flogen am Abend wieder zurück. Hugo mochte diese Tage mit ihr; während der Flüge konnten sie arbeiten, reden oder einfach nebeneinandersitzen, und Claire kannte seine Abläufe inzwischen so gut, dass vieles funktionierte, ohne dass er etwas erklären musste.

Wenn Hugo anschließend seine Familie in Hamburg besuchen wollte, kam Claire dagegen nicht mit. Nach seinen Terminen in Frankfurt fuhr oder flog er weiter nach Hamburg, blieb dort gewöhnlich ein oder zwei Nächte und kehrte anschließend direkt nach London zurück. So wechselten sich die Reisen ab: mal London--Frankfurt--London gemeinsam mit Claire, mal Frankfurt und anschließend Hamburg ohne sie. Frankfurt wurde dadurch für Hugo beinahe zu einer regelmäßigen Zwischenstation zwischen seinem Londoner Berufsleben und seiner Familie in Deutschland.

---

Im *The Corinthian* mussten sie sich inzwischen nicht mehr verabreden.

Wenn Hugo abends hineinging, standen die Chancen nicht schlecht, dass irgendwann Farhadi, Mehta oder Whitmore auftauchten. Manchmal waren sie zu viert, manchmal nur zu zweit oder zu dritt. Aus dem zufälligen Kennenlernen war eine Gewohnheit geworden.

Hugo mochte den Laden gerade deshalb. Der lange U-förmige Holztresen, die dunklen Barhocker, der schwarz-weiß karierte Boden und die kleinen Tische hatten nichts von den steifen Restaurants, in denen er mit Kunden saß. Dazu kam die Musik. Wenn eine Band spielte, wurde aus dem Pub für ein paar Stunden ein Ort, an dem selbst Banker aufhörten, ausschließlich Banker zu sein.

An diesem Abend hatten sie einen Tisch in einer Ecke bekommen.

Mehta und Whitmore stritten bereits seit zehn Minuten über irgendein Technologieunternehmen.

„Du kaufst eine Geschichte", sagte Farhadi zu Mehta.

„Ich kaufe Wachstum."

„Nein. Du kaufst die Hoffnung auf Wachstum."

„Das ist dasselbe, bevor es Wachstum gibt."

„Das ist mit Abstand der dümmste Satz, den du diese Woche gesagt hast."

Whitmore grinste.

„Und es ist erst Donnerstag."

Hugo lachte.

Mehta zeigte auf ihn.

„Du brauchst gar nicht zu lachen. Du machst inzwischen genau denselben Scheiß."

„Welchen Scheiß?"

„Neuer Markt."

Hugo nahm einen Schluck.

„Da verdiene ich Geld."

„Noch", sagte Farhadi.

„Das reicht mir zunächst."

Whitmore sah ihn an.

„Wie viel hast du da inzwischen eigentlich drin?"

„In EM-TV? Rund 1,8 Millionen Euro."

Whitmore sah ihn einen Moment lang an.

„Eine Million achthunderttausend? In eine einzige Aktie?"

„Ja."

„Du hast dein ganzes Geld in EM-TV gesteckt?"

„Nein. Natürlich nicht. Ich habe noch einige andere Aktien im Depot. Ich habe mich schon diversifiziert. Aber EM-TV ist mit Abstand meine größte Position."

Mehta sah ihn an.

„Wie viele Aktien hast du davon?"

„Umgerechnet auf die spätere Aktienstruktur ungefähr 4,737 Millionen Stück."

„Und wann bist du rein?"

Hugo verzog leicht das Gesicht.

„Leider nicht ganz am Anfang. Ich habe mich später eingekauft. Seit meinem Einstieg ist die Aktie aber schon ungefähr zwanzig Prozent gestiegen."

Farhadi stellte ihr Glas ab.

„Warum gehst du da inzwischen so aggressiv rein?"

Hugo zuckte mit den Schultern.

„Weil ich glaube, dass da in den nächsten Jahren verdammt viel passieren wird."

„Das glauben gerade alle", sagte sie.

„Deshalb muss man trotzdem die richtigen Unternehmen finden."

Mehta nickte.

„Software. Internet. Telekommunikation."

„Medien", ergänzte Hugo. „Und Dinge, für die wir heute wahrscheinlich noch nicht einmal einen vernünftigen Namen haben."

Whitmore sah ihn an.

„Du willst also reich werden."

„Das wäre zumindest kein störender Nebeneffekt."

„Nein", sagte Mehta. „Das meine ich nicht. Wofür?"

Hugo sah ihn an.

„Was wofür?"

„Das Geld."

Hugo schwieg.

Whitmore grinste.

„Arjun wird philosophisch. Bestell schnell noch etwas, bevor er nach dem Sinn des Lebens fragt."

„Fick dich."

Mehta sah wieder zu Hugo.

„Im Ernst. Du arbeitest wie ein Irrer. Dann gehst du nach Hause und beschäftigst dich mit deinem eigenen Depot. Irgendwann musst du doch eine Vorstellung davon haben, wozu."

Hugo drehte sein Glas zwischen den Fingern.

„Ich will irgendwann nicht mehr für eine Bank arbeiten."

Farhadi hob die Augenbrauen.

„Das ist neu."

„Nein. Ich habe es nur noch nicht gesagt."

„Was dann?", fragte Whitmore.

„Eigenes Geld."

„Was soll das heißen?"

„Dass ich mit meinem eigenen Geld arbeite."

Mehta lehnte sich vor.

„Aktien?"

„Auch."

Hugo dachte kurz nach.

„Eigentlich interessiert mich etwas anderes immer mehr."

Die drei warteten.

„Wenn wir ein wirklich gutes Unternehmen analysieren, sind wir eigentlich schon zu spät."

Farhadi widersprach sofort.

„Nein."

„Doch. Nicht für einen Trade. Aber für das Unternehmen."

Jetzt hörte auch sie genauer hin.

„Wenn die Aktie vor uns liegt, existiert die Firma längst. Die Gründer haben die Idee gehabt. Sie haben Leute eingestellt. Irgendjemand hat die ersten Rechnungen bezahlt. Das Produkt wurde entwickelt. Vielleicht gibt es schon Kunden. Dann kommen irgendwann die Banken, der Börsengang -- und wir sitzen da und analysieren das Ergebnis."

Mehta lächelte.

„Du willst vorher rein."

„Genau."

„Venture Capital."

Hugo nickte.

„Irgendwann."

Whitmore schob sein Glas zur Seite.

„Mit fremdem Geld?"

„Nein."

„Du willst einen eigenen Fonds?"

„Nein."

„Was dann?"

„Mein Geld."

Whitmore lachte.

„Das wird teuer."

„Deshalb mache ich es ja noch nicht."

Hugo deutete mit dem Glas auf ihn.

„Mir fehlt das Grundkapital. Mit ein paar Millionen kann ich an der Börse viel machen. Aber wenn ich irgendwann systematisch in junge Firmen einsteigen will, reicht das nicht."

„Also Neuer Markt", sagte Farhadi.

„Unter anderem. Ich will mich stärker darauf konzentrieren. Wenn ich glaube, dass dort gerade eine außergewöhnliche Phase entsteht, möchte ich nicht den ganzen Tag für die DHK Unternehmen analysieren und abends zwei Stunden für mich selbst."

Mehta grinste.

„Jetzt kommen wir der Sache näher."

„Ich will Zeit kaufen."

„Mit Geld?"

„Mit Geld kann man fast alles kaufen."

Farhadi schüttelte den Kopf.

„Jetzt klingst du wie Edward."

„Das war keine Absicht."

Sie lachten.

Mehta blieb bei dem Thema.

„Aber wie willst du die Unternehmen finden? Angenommen, du hast irgendwann hundert Millionen. Oder fünfhundert. Woher weißt du, welcher zwanzigjährige Spinner in irgendeiner Garage gerade etwas baut, das in zehn Jahren Milliarden wert ist?"

Hugo schwieg einen Moment.

Genau darüber hatte er bereits nachgedacht.

„Indem ich nicht darauf warte, dass er zu mir kommt."

Mehta sah ihn interessiert an.

„Sondern?"

„Ich gehe zu ihm."

„Persönlich?"

„Nicht überall."

Hugo nahm eine Serviette und legte sie vor sich auf den Tisch.

„Nehmen wir Silicon Valley."

Er tippte mit dem Finger auf eine Stelle.

„Da müsste jemand sitzen. Nicht irgendein Bankverkäufer. Jemand, der die Universitäten kennt, die Leute kennt, mit Entwicklern spricht, weiß, wer gerade eine Firma gründet und wer nur Scheiße erzählt."

Daneben tippte er ein zweites Mal.

„Boston. Universitäten, Forschung, Technologie."

Ein dritter Punkt.

„New York."

Mehta nahm ihm die Serviette weg und setzte selbst einen Punkt darauf.

„Irgendwann Asien."

„Genau."

Whitmore betrachtete die Serviette.

„Du willst überall Büros aufmachen?"

„Kleine."

„Wie klein?"

„Keine Ahnung. Zwei Leute. Fünf. Es geht nicht darum, dort eine Bank hinzustellen."

„Sondern?", fragte Farhadi.

Hugo suchte nach einer Formulierung.

„Augen und Ohren."

Mehta nickte langsam.

„Scouts."

„Ja. Leute, die suchen. Die sollen nicht warten, bis Goldman oder Morgan Stanley ihnen erzählt, welches Unternehmen interessant ist. Wenn irgendwo drei Studenten eine Idee haben, aus der etwas Großes werden könnte, will ich davon erfahren, bevor hundert andere davon erfahren."

Farhadi betrachtete die Punkte auf der Serviette.

„Und wer entscheidet?"

„Ich."

„Natürlich", sagte sie trocken.

Hugo grinste.

„Die Leute vor Ort prüfen. Sie suchen. Sie sprechen mit den Gründern. Sie können mir sagen, dass eine Idee technisch funktioniert oder wirtschaftlich völliger Unsinn ist. Aber das Geld ist meines. Also entscheide ich."

Whitmore sah ihn an.

„Du willst also keinen Partner."

„Nein."

„Keine Anleger."

„Nein."

„Keine Leute, die dir sagen, was du mit ihrem Geld machen darfst."

„Jetzt hast du es verstanden."

Mehta lachte.

„Das ist die Hugo-Voss-Version von Teamarbeit."

„Ich höre mir jeden an. Ich muss ihm nur nicht gehorchen."

Farhadi lächelte.

„Das wiederum gefällt mir."

Whitmore nahm die Serviette und betrachtete die Punkte.

„Und wenn die Firma funktioniert?"

„Dann halte ich die Beteiligung. Oder sie geht irgendwann an die Börse. Oder jemand kauft sie. Das weiß ich vorher doch nicht."

„Du willst also eigentlich dahin, wo das Wachstum anfängt."

Hugo nickte.

„Genau."

Für einige Sekunden sagte niemand etwas.

Dann lehnte Whitmore sich zurück.

„Gut. Hugo baut sein Imperium. Was machen wir?"

„Du kaufst dir wahrscheinlich irgendeinen schwimmenden Palast", sagte Farhadi.

Whitmore grinste.

„Eine richtig große Yacht."

Hugo schüttelte sofort den Kopf.

„Würde ich nie kaufen."

„Weil du noch nicht genug Geld hast."

„Nein. Weil das Ding totes Kapital ist."

Whitmore sah ihn an.

„Du hast keine Seele."

„Ich habe einen Taschenrechner."

Mehta lachte.

Hugo fuhr fort.

„Eine Yacht kostet Geld beim Kauf, Geld im Hafen, Geld beim Fahren, Geld für die Mannschaft, Geld für Wartung. Und während du das alles bezahlst, wird sie älter."

„Dafür gehört sie dir."

„Warum muss sie mir gehören? Wenn ich eine brauche, charter ich eine."

Whitmore schüttelte den Kopf.

„Du wirst der langweiligste reiche Mann Europas."

„Kann sein. Dafür habe ich mehr Geld als du."

Farhadi lachte.

„Und was willst du mit dem ganzen Geld machen, wenn du nichts kaufen willst?"

Hugo wollte antworten.

Dann hielt er inne.

Denn die ehrliche Antwort hatte mit Büros, Beteiligungen und dem Neuen Markt nur teilweise zu tun.

Er wollte durchaus Dinge.

Nur andere.

Er wollte Frauen.

Der Gedanke kam inzwischen fast automatisch.

Seit Cannes war allerdings etwas hinzugekommen, das vorher nicht da gewesen war.

Angst.

Nicht vor den Frauen selbst.

Vor dem Gedanken an das, was vor ihm gewesen sein konnte.

Ein fremder Mann. Körperflüssigkeiten. Sperma. Eine Oberfläche, ein Handtuch, ein Bett, eine Frau, bei der er nicht wusste, wer wenige Stunden zuvor bei ihr gewesen war.

Und dahinter immer wieder dieselbe Angst vor Krankheiten.

Die Monate nach Cannes hatten etwas in ihm hinterlassen. Selbst wenn sein Verstand wusste, dass nicht jede Berührung gefährlich war, ließ sich dieses Gefühl nicht einfach wieder abschalten.

Er wollte Sex.

Viel Sex.

Er wollte unterschiedliche Frauen kennenlernen, reisen, ausprobieren, genießen.

Aber er wollte dabei nicht jedes Mal diesen verdammten Gedanken im Kopf haben.

**Wer war vor mir hier?**

Er wollte Sauberkeit.

Kontrolle.

Sicherheit.

Frauen, bei denen er nicht ständig darüber nachdenken musste, ob irgendein anderer Mann wenige Stunden vorher mit ihnen im Bett gewesen war.

Wie genau ein solches Leben aussehen sollte, wusste er selbst noch nicht.

Und ganz sicher würde er es den drei jetzt nicht erklären.

„Hugo?"

Farhadi sah ihn an.

„Was?"

„Du warst gerade weg."

„Ich habe nachgedacht."

Whitmore grinste.

„Das ist bei dir meistens teuer."

Mehta zeigte auf ihn.

„Also noch einmal. Wie willst du leben?"

Hugo sah die drei an.

Er hätte sagen können, was er gerade gedacht hatte.

Tat er natürlich nicht.

„Hervorragend."

Whitmore lachte.

„Das ist keine Antwort."

„Doch."

„Was heißt hervorragend?"

Hugo zuckte mit den Schultern.

„So, dass ich niemanden fragen muss."

Farhadi betrachtete ihn.

„Das ist schon eine bessere Antwort."

„Ich will arbeiten, wenn ich arbeiten will. Reisen, wenn ich reisen will. Wenn ich drei Monate irgendwohin will, dann gehe ich drei Monate irgendwohin. Wenn ich morgen beschließe, zwei Wochen nichts zu tun, muss niemand meine Abwesenheit genehmigen."

„Und Frauen", sagte Whitmore.

Hugo grinste.

„Frauen sind grundsätzlich eine gute Ergänzung."

„Grundsätzlich?"

„Sehr grundsätzlich."

Mehta hob sein Glas.

„Jetzt klingt es wenigstens nach einem Leben."

Whitmore lehnte sich zurück.

„Ich will eine Yacht, Frauen und Partys, bei denen ich am nächsten Morgen nicht mehr weiß, was sie gekostet haben."

„Das mit der Yacht bleibt dumm", sagte Hugo.

„Wenn ich reich genug bin, darf ich dumm sein."

Farhadi schüttelte den Kopf.

„Ihr seid beide Idioten."

Mehta sah sie an.

„Und du?"

Sie nahm einen Schluck.

„Ich möchte so reich werden, dass ich vollkommen unabhängig bin. Wenn dabei herauskommt, dass ich die reichste Frau Europas bin, werde ich mich nicht beschweren."

„Endlich Ehrgeiz", sagte Whitmore.

Mehta hob sein Glas.

„Mir reicht es, verdammt gut zu leben und bei Dingen dabei zu sein, die wirklich groß werden."

„Das klingt erstaunlich vernünftig", sagte Hugo.

„Warte ab, bis ich reich bin."

Sie lachten.

Hugo sah die drei an.

Noch war es ein Gespräch unter Freunden in einem Pub.

Farhadi wusste nicht, wie groß Hugos Depot tatsächlich war. Mehta wusste nicht, ob aus den Punkten auf der Serviette jemals echte Büros werden würden. Whitmore wusste nicht, ob Hugo mit seiner Vorstellung von eigenem Kapital überhaupt jemals die Größenordnung erreichen konnte, die dafür notwendig war.

Aber sie wussten jetzt mehr.

Sie wussten, dass Hugo am Neuen Markt mit eigenem Geld investierte.

Sie wussten, dass er Kapital aufbauen wollte.

Und sie wussten, dass er nicht davon träumte, irgendwann Vorstand einer großen Bank zu werden.

Er wollte etwas Eigenes.

Ein System aus Kapital, Beteiligungen und Menschen an verschiedenen Orten, die Unternehmen fanden, **bevor sie jeder kannte**.

Hugo nahm seine Serviette wieder und betrachtete die wenigen Punkte.

Noch waren es nur Kugelschreiberflecken.

Aber die Idee gefiel ihm.

Vielleicht musste man nicht darauf warten, dass die nächste große Firma an die Börse kam.

Vielleicht musste man nur früh genug dort sein, wo sie entstand.

---

Im Spätsommer 1998 saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander im Flugzeug nach Frankfurt.

Vor Hugo lagen keine Unterlagen. Keine Geschäftsberichte, keine ausgedruckten Unternehmenszahlen, keine Notizen zu einem Kunden. Es lag lediglich ein Block vor ihm und daneben ein Stift.

Claire arbeitete.

Hugo nicht.

Er nahm den Stift und zog eine Linie auf das Papier.

Dann eine zweite.

Claire bemerkte es zunächst nicht. Hugo zeichnete weiter. Wenige Striche, bewusst einfach, fast reduziert auf das absolute Minimum.

Fünf Linien.

Mehr brauchte er nicht.

Claire blickte irgendwann von ihren Unterlagen auf das Blatt.

„Ein Frauenbauch."

Hugo sah zu ihr.

„Sofort erkannt?"

„Natürlich."

Er betrachtete die Zeichnung.

„Gut."

„Was ist daran gut?"

„Dass du nicht fragen musstest, was es ist."

Claire legte ihre Unterlagen beiseite.

„Warum zeichnest du einen Frauenbauch?"

„Das wird mein Logo."

„Dein Logo?"

„Ja."

„Für was?"

Hugo setzte den Stift ab.

„Für meine Firma."

Claire sah ihn einige Sekunden an.

„Welche Firma?"

„Die, die es noch nicht gibt."

„Ach so."

Hugo grinste.

„Du nimmst mich nicht ernst."

„Doch. Ich versuche nur herauszufinden, wann du beschlossen hast, eine Firma zu gründen."

„Beschlossen ist zu viel."

Er sah wieder auf die Zeichnung.

„Es ist eine Idee."

Claire zog den Block etwas zu sich.

„Und warum ein Frauenbauch?"

Hugo deutete auf die Mitte der Zeichnung.

„Weil dort etwas entsteht, bevor man es sehen kann."

Claire sah ihn an.

„Ein Kind."

„Eine Idee."

Jetzt verstand sie, dass er nicht mehr nur über die Zeichnung sprach.

Hugo nahm den Block wieder zu sich.

„Ich will irgendwann in Unternehmen investieren, bevor sie an die Börse gehen. Nicht warten, bis alle sehen können, dass sie erfolgreich sind. Früher rein."

„Venture Capital."

„Genau."

Er tippte mit dem Stift auf den Bauch.

„Am Anfang ist da fast nichts. Eine Idee. Vielleicht zwei Leute. Vielleicht ein kleines Büro. Kein Börsenkurs, keine Analystenkonferenz, keine tausend Seiten Zahlen. Nur eine Idee und jemand, der davon überzeugt ist."

Sein Finger wanderte über die Linien.

„Dann kommt das Wachstum."

Claire sah auf das Blatt.

„Und am Ende?"

„Perfektion."

„Ursprung, Wachstum, Perfektion."

Hugo nickte.

„Genau."

Sie betrachtete die Zeichnung länger.

„Und deshalb ein weiblicher Bauch."

„Was symbolisiert Wachstum besser?"

Claire lächelte.

„Bei dir musste es natürlich ein Frauenbauch sein."

„Der hat noch andere Vorteile."

„Das dachte ich mir."

Hugo grinste.

Dann wurde er wieder ernst.

„Ein gutes Logo muss einfach sein."

Er nahm den Stift und zeichnete mit wenigen Strichen etwas daneben.

„Eiffelturm."

Claire erkannte ihn.

„Paris."

„Eben."

Daneben skizzierte er die charakteristischen Bögen eines weiteren Gebäudes.

„Sydney Opera House."

„Auch sofort."

„Genau."

„Du willst also, dass fünf Linien irgendwann für deine Firma stehen wie der Eiffelturm für Paris."

„Warum nicht?"

Sie lachte.

„Bescheiden warst du noch nie."

„Darum geht es nicht."

Hugo deutete wieder auf den Bauch.

„Wenn ein junger Unternehmer irgendwann eine Idee hat und Kapital braucht, soll er das Zeichen sehen und wissen: Da kann ich hingehen."

Jetzt sah Claire die Zeichnung mit anderen Augen.

Hugo fuhr fort.

„Keine langen Namen, die sich keiner merkt. Kein Wappen. Kein verdammter Löwe, Adler oder irgendeine Weltkugel."

„Ein Frauenbauch."

„Fünf Linien."

Er nahm das Blatt hoch.

„Und du hast nach einer Sekunde gewusst, was es ist."

Claire nickte.

„Das stimmt."

„Dann funktioniert es."

Sie nahm ihre Unterlagen wieder auf, legte sie aber nicht vor sich.

„Und wann gründest du diese Firma?"

Hugo schwieg.

Das war der Teil, auf den er keine Antwort hatte.

„Nicht jetzt."

„Warum nicht?"

„Kapital."

„Du bist nicht gerade arm."

„Darum geht es nicht."

Hugo wusste inzwischen sehr genau, welchen Unterschied es zwischen persönlichem Wohlstand und dem Kapital gab, das man brauchte, wenn man ernsthaft in junge Unternehmen investieren wollte.

„Wenn ich das mache, will ich nicht bei jeder guten Idee überlegen müssen, ob ich sie mir leisten kann."

„Also brauchst du mehr."

„Viel mehr."

Der Neue Markt beschäftigte ihn deshalb immer stärker.

Dort passierte genau das, was ihn faszinierte. Junge Unternehmen, neue Geschäftsmodelle, enorme Wachstumsphantasien -- und Kurse, die sich in einer Geschwindigkeit bewegen konnten, die bei etablierten Unternehmen kaum vorstellbar war.

Hugo investierte bereits selbst.

Und er war erfolgreich damit.

Je mehr Zeit er dafür verwendete, desto häufiger stellte er sich dieselbe Frage:

Warum analysierte er eigentlich den ganzen Tag Unternehmen für die DHK Bank, damit andere mit seinen Erkenntnissen Geld verdienten, wenn er dieselbe Fähigkeit auch für sein eigenes Vermögen einsetzen konnte?

Natürlich war das nicht dasselbe.

Er wusste das.

Aber der Gedanke ließ ihn nicht mehr los.

Mehr Zeit für seine eigenen Investments.

Mehr Kapital aufbauen.

Und irgendwann nicht erst Aktien kaufen, wenn ein Unternehmen bereits an der Börse war.

Sondern vorher.

Dort wollte er hin.

Der Bauch lag vor ihm auf dem Papier wie ein Versprechen für etwas, das noch überhaupt nicht existierte.

Claire beobachtete ihn.

„Du wirst heute nicht verlängern."

Hugo blickte auf.

„Heute wird gar nichts unterschrieben."

„Du weißt, was ich meine."

Er lehnte sich zurück.

„Ich weiß es noch nicht."

Das war nicht ganz wahr.

Ein Teil von ihm wusste es längst.

Aber ein anderer Teil sah noch immer London.

Edward.

Claire.

Seine Stellung.

Sein Gehalt.

Seinen Bonus.

Die Karriere, die vor ihm lag.

Er hatte sich alles erarbeitet, was er einmal gewollt hatte. Und ausgerechnet jetzt, als die Bank ihn immer ernster nahm, dachte er darüber nach, alles hinzuwerfen.

„Sie werden dir viel anbieten", sagte Claire.

„Das nehme ich an."

„Edward will dich sowieso behalten."

„Ich weiß."

„Frankfurt auch."

Hugo sah aus dem Fenster.

„Ich weiß."

„Und?"

Er antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Vielleicht will ich einfach nicht mehr."

Claire schwieg.

„Nicht die Arbeit", sagte Hugo. „Die interessiert mich noch immer. Aber dieses ganze …"

Er suchte nach dem richtigen Wort.

„Leben?"

„Vielleicht."

London, Büro, Flugzeug, Frankfurt, London.

Nächste Analyse.

Nächster Bonus.

Nächstes Jahr.

Noch mehr Verantwortung.

Noch mehr Geld.

Noch ein Schritt nach oben.

Und dann?

Der Satz aus dem Herrenclub in St James's kam ihm wieder in den Sinn.

**Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.**

Er hatte damals darüber gelacht.

Inzwischen tat er das nicht mehr.

Lieber ein kleiner König als ein großer Knecht.

Vielleicht war seine eigene Firma noch Jahre entfernt.

Vielleicht würde sie niemals entstehen.

Aber Hugo wusste inzwischen, dass er nicht sein ganzes Leben lang der Mann sein wollte, der die Idee fand, damit anschließend jemand anderes das große Geschäft machte.

Und noch etwas beschäftigte ihn.

Er war jung.

Er hatte Geld.

Mehr Geld, als die meisten Menschen in seinem Alter jemals besitzen würden.

Warum sollte er unmittelbar von einem Vertrag in den nächsten gehen?

Er wollte die Welt sehen.

Nicht auf Geschäftsreisen.

Nicht Flughafen, Hotel, Konferenzraum, Flughafen.

Richtig.

Amerika.

Südamerika.

Asien.

Australien.

Städte, Strände, Hotels, Nachtclubs.

Und Frauen.

Dieser Teil gehörte für Hugo genauso dazu.

Amerikanerinnen. Latinas. Asiatinnen.

Er wollte wissen, wie sie waren. Wie sie flirteten. Wie sie küssten. Wie sie Sex hatten. Was anders war und was überall gleich.

Irgendein Banker hatte einmal lachend zu ihm gesagt:

**„Once you go yellow, you don't go back."**

Ein bescheuerter, vulgärer Spruch.

Hugo hatte damals gelacht.

Aber er hatte ihn nicht vergessen.

Vielleicht gerade deshalb, weil darin diese ganze Männerwelt der Bank steckte: Für alles gab es einen Vergleich, eine Kategorie, eine Geschichte darüber, was man unbedingt einmal ausprobiert haben musste.

Und Hugo musste sich eingestehen, dass ihn die Vorstellung reizte.

Nicht der Spruch.

Die Vielfalt.

Er wollte sich durch diese Vielfalt der Frauenwelt treiben lassen, ohne Beziehung, ohne Verpflichtung, ohne am Sonntagabend darüber nachdenken zu müssen, was am Montag im Büro auf ihn wartete.

Ein Jahr vielleicht.

Einfach reisen.

Sex haben.

Leben.

Und nebenbei seine eigenen Investments beobachten.

Vielleicht würde aus seinem Geld dabei mehr werden.

Vielleicht auch nicht.

Aber zum ersten Mal seit Jahren wollte Hugo keinen exakt berechneten nächsten Schritt.

Er wollte Freiheit.

Er nahm den Block, riss das Blatt mit dem Frauenbauch heraus und faltete es sorgfältig zusammen.

Claire sah ihm dabei zu.

„Hebst du das wirklich auf?"

„Natürlich."

„Warum?"

Hugo steckte es in seine Tasche.

„Weil das vielleicht irgendwann etwas wird."

Einige Stunden später saß Hugo Edward und zwei leitenden Männern aus Frankfurt gegenüber.

Nach wenigen Minuten wusste er, dass Claire recht gehabt hatte.

Die Bank wollte ihn nicht verlieren.

Man sprach zunächst über seine Entwicklung. Über seine Analysen amerikanischer Softwareunternehmen, über Internetwerte, Medien und Telekommunikation. Über Empfehlungen, die sich als richtig erwiesen hatten.

Dann kamen die Zahlen.

Neues Gehalt.

Deutlich höherer Bonus.

Mehr Freiheit bei der Auswahl seiner Unternehmen und Branchen.

Perspektivisch eigene Mitarbeiter.

Hugo hörte aufmerksam zu.

Das Angebot war gut.

Verdammt gut.

Einer der Männer aus Frankfurt legte schließlich die Hände auf den Tisch.

„Herr Voss, ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen eigentlich bewusst ist, welchen Stellenwert Ihre Arbeit inzwischen bei uns hat."

Hugo sah ihn an.

„Ich glaube schon."

„Ich glaube nicht."

Edward lächelte leicht.

Der Mann fuhr fort.

„Ihre Analysen landen nicht einfach in irgendwelchen Akten. Darauf werden Entscheidungen getroffen."

„Das sollte der Sinn einer Analyse sein."

„Es werden Entscheidungen über sehr viel Geld getroffen."

Hugo schwieg.

„Unsere Leute verdienen mit Ihren Einschätzungen Geld. Unsere Kunden verdienen damit Geld. Und Kunden erinnern sich erstaunlich gut daran, wer ihnen Geld eingebracht hat."

Edward lehnte sich zurück.

„Sag ihm, wie ihr ihn nennt."

Der Mann sah zu Edward.

Dann wieder zu Hugo.

„Rainmaker."

Hugo hob die Augenbrauen.

„Ich bin Analyst."

„Das wissen wir."

„Ich bringe keine Kunden."

„Sie bringen etwas mit, das Kunden zu uns bringt."

Der Mann machte eine kurze Pause.

„Gute Ideen."

Hugo musste lächeln.

„Dann ist Rainmaker ein ziemlich großes Wort."

„Wenn aufgrund Ihrer Arbeit Millionen bewegt werden, ist es ein ziemlich passendes Wort."

Hugo empfand Stolz.

Er wäre ein Idiot gewesen, wenn nicht.

Vor ihm saßen Männer einer internationalen Bank und erklärten ihm, dass sie ihn für so wertvoll hielten, dass sie bereit waren, tief in die Tasche zu greifen, um ihn zu behalten.

Ein Teil von ihm genoss jede Sekunde davon.

Und gleichzeitig machte genau dieses Gespräch seine Entscheidung leichter.

Sie boten ihm mehr Geld dafür, weiterhin seine besten Gedanken an sie zu verkaufen.

Hugo dachte an das gefaltete Blatt in seiner Tasche.

Ursprung.

Wachstum.

Perfektion.

Er dachte an den Neuen Markt.

An sein eigenes Depot.

An die Unternehmen, die er finden wollte, bevor alle anderen sie fanden.

Und an die Welt, die draußen lag.

„Das Angebot ist hervorragend", sagte er schließlich.

Der Frankfurter Manager nickte.

„Dann haben wir eine Grundlage."

„Nein."

Der Mann hielt inne.

„Nein?"

„Ich werde nicht verlängern."

Edward sagte nichts.

Die anderen beiden sahen Hugo an.

„Ist es das Geld?"

„Nein."

„Dann können wir über Ihre Position sprechen."

„Es ist auch nicht die Position."

„Was ist es dann?"

Hugo lehnte sich zurück.

„Ich möchte aufhören."

„Bei uns?"

„Bei Banken."

„Sie haben ein Angebot von einem Wettbewerber?"

„Nein."

„Was wollen Sie dann machen?"

Hugo musste lächeln.

„Reisen."

Der Mann sah ihn an.

„Reisen?"

„Ja."

„Und danach?"

„Weiß ich noch nicht."

„Sie geben Ihre Karriere auf, um zu reisen?"

„Ich gebe sie nicht auf."

Hugo dachte kurz nach.

„Ich unterbreche sie vielleicht. Oder ich mache danach etwas anderes."

„Was?"

„Wenn ich das wüsste, müsste ich nicht reisen."

Edward grinste zum ersten Mal.

Der Frankfurter Manager dagegen verstand offensichtlich überhaupt nicht, warum ein junger Mann eine solche Position freiwillig verlassen sollte.

Hugo verstand es inzwischen.

Gerade weil die Bank ihn behalten wollte, konnte er gehen.

Er lief vor nichts davon.

Er musste niemandem beweisen, dass er gut genug war.

Das hatten sie ihm gerade selbst gesagt.

Rainmaker.

Mehr Geld.

Mehr Verantwortung.

Eigenes Team.

Er hätte Ja sagen können.

Er wollte nicht.

Auf dem Rückflug saßen Hugo und Claire wieder nebeneinander.

Diesmal lag der Block in Hugos Tasche.

Claire wartete eine Weile.

Dann fragte sie:

„Wie viel?"

Hugo nannte ihr die Größenordnung.

Claire pfiff leise durch die Zähne.

„Und?"

„Nein."

„Einfach Nein?"

„Einfach Nein."

Sie sah ihn an.

„Wie fühlt sich das an?"

Hugo dachte darüber nach.

„Gut."

„Keine Angst?"

„Doch."

Claire hob die Augenbrauen.

„Das gibst du zu?"

„Ich bin nicht vollkommen bescheuert."

Er sah aus dem Fenster.

„Natürlich frage ich mich, ob ich gerade einen Fehler mache."

Das war der Teil, den er im Frankfurter Besprechungsraum nicht gesagt hatte.

Was, wenn der Neue Markt einbrach?

Was, wenn seine eigenen Investments nicht so liefen wie bisher?

Was, wenn seine Firma nur eine Zeichnung auf einem Blatt blieb?

Was, wenn er nach einem Jahr Reisen feststellte, dass er seine Karriere für nichts unterbrochen hatte?

Diese Gedanken waren da.

Aber daneben stand etwas Stärkeres.

Neugier.

„Ich will ein Jahr haben, in dem ich morgens nicht für irgendeine Bank aufstehe."

Claire nickte.

„Und was machst du?"

„Reisen."

„Das weiß ich."

„Amerika. Südamerika. Asien. Vielleicht Australien."

Claire sah ihn an.

„Und Frauen."

Hugo grinste.

„Auch."

„Natürlich."

„Sehr sogar."

„Das dachte ich mir."

Hugo lachte.

„Ich will wissen, wie die Welt ist."

„Nackt?"

„Unter anderem."

Claire schüttelte lachend den Kopf.

„Du bist unmöglich."

„Ich bin ehrlich."

Dann wurde Hugo wieder ernster.

„Ich will mich einfach ausleben, Claire. Ich bin jung. Ich habe Geld. Ich habe keine Frau, keine Kinder, keine Verpflichtungen. Wenn ich das nicht jetzt mache, wann dann? Mit fünfzig?"

Darauf hatte sie keine Antwort.

„Und danach?"

Hugo griff in seine Tasche.

Er zog das gefaltete Blatt heraus und legte es zwischen sie.

Claire sah auf den Frauenbauch.

„Das?"

„Vielleicht."

„Venture Capital?"

„Irgendwann."

„Aber nicht sofort."

„Nein. Dafür fehlt mir noch Kapital."

„Also baust du erst dein Vermögen weiter auf."

„Das ist zumindest die Hoffnung."

Er wollte seine Anlagen am Neuen Markt intensiver verfolgen. Mehr Zeit für sein eigenes Geld, weniger Zeit dafür, Unternehmen für die DHK Bank auseinanderzunehmen.

Wenn es funktionierte, konnte daraus irgendwann das Kapital entstehen, das er für die nächste Stufe brauchte.

Nicht Aktien kaufen, nachdem ein Unternehmen an der Börse war.

Kapital geben, **bevor** es dort ankam.

Claire strich mit dem Finger über die fünf Linien.

„Und wenn es soweit ist?"

„Was?"

„Wenn aus dem Bauch eine Firma wird."

Hugo sah sie an.

Claire faltete das Blatt wieder zusammen und schob es ihm hin.

„Dann rufst du mich an."

„Warum?"

„Weil ich dann zu dir komme."

Hugo schwieg einen Moment.

„Du würdest die Bank verlassen?"

„Nicht für eine Zeichnung."

Sie tippte auf das Papier.

„Aber wenn daraus eine richtige Firma wird und du jemanden brauchst, der verhindert, dass du sie innerhalb von drei Wochen ins Chaos stürzt -- ja."

Hugo lachte.

„Sehr schmeichelhaft."

„Realistisch."

„Und wenn die Firma nicht in London ist?"

„Dann ist sie eben nicht in London."

„Ich weiß nicht einmal, in welchem Land."

„Du weißt im Moment nicht einmal, auf welchem Kontinent du in sechs Monaten bist."

„Stimmt."

Claire nahm ihre Unterlagen wieder zur Hand.

„Also reist du jetzt erst einmal durch die Welt und probierst deine Amerikanerinnen, Latinas und Asiatinnen aus."

Hugo grinste.

„Das klingt bei dir irgendwie unanständig."

„Bei dir ist es unanständig."

„Auch wieder wahr."

Claire schlug ihre Unterlagen auf.

„Und wenn du mit der Artenvielfalt fertig bist, rufst du mich an."

Hugo lachte so laut, dass sich der Mann vor ihnen kurz umdrehte.

Claire arbeitete weiter.

Hugo dagegen sah aus dem Fenster.

Unter ihnen verschwanden die Wolken langsam im Abendlicht.

Er hatte gerade eine Karriere verlassen, die hervorragend lief.

Er hatte kein neues Arbeitsverhältnis.

Keine fertige Firma.

Keinen Geschäftsplan.

Nur ein Depot, das immer größer wurde, eine Idee von Venture Capital, fünf Linien auf einem Stück Papier und eine Liste von Ländern, die er sehen wollte.

Zum ersten Mal seit Jahren wusste er nicht genau, wie sein nächstes Jahr aussehen würde.

Und genau das gefiel ihm.

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