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K 1005
Frankfurt – Vertragsverlängerung
Hugo als „Rainmaker“:
Hugos Vertrag läuft aus, und er hat bereits beschlossen, nicht zu verlängern. Die Bank dagegen will ihn unbedingt halten. Im Gespräch muss deutlich werden, dass Hugo inzwischen nicht mehr irgendein guter Analyst ist, sondern einer derjenigen, deren Analysen der Bank nachweislich sehr viel Geld eingebracht haben. Seine Einschätzungen zu amerikanischen Technologie-, Software-, Internet-, Medien- und Telekomwerten haben sich wiederholt als außergewöhnlich wertvoll erwiesen. Die Bank weiß deshalb genau, was sie verliert. Sie bietet ihm mehr Geld, einen höheren Bonus, mehr Verantwortung und gegebenenfalls eine bessere Position an.
Claire kann vorher oder danach zu ihm sagen: „Die wissen längst, dass du ihr Rainmaker bist, Hugo. Vielleicht nennen sie dich nicht so, weil du kein Händler bist. Aber jedes Mal, wenn du etwas findest, verdienen andere damit ein Vermögen. Glaubst du wirklich, die lassen dich einfach gehen?“
Im Frankfurter Gespräch soll deshalb nicht der Eindruck entstehen, Hugo müsse um seine Zukunft verhandeln. Die Bank kämpft um ihn. Gerade dadurch wird seine Kündigung stärker: Er geht nicht, weil seine Karriere dort nicht funktioniert, sondern obwohl sie hervorragend funktioniert. Er entscheidet sich gegen Geld, Bonus und Aufstieg, weil er künftig selbst auf der Seite sitzen will, die an seinen Erkenntnissen verdient.
13
K 1011
Die Reise
Im Januar 1999 begann Hugo das zu tun, wovon er während seiner letzten Monate bei der Bank immer häufiger gesprochen hatte.
Er reiste.
Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Es gab keine Termine, die seine Route bestimmten, keinen Rückflug, den eine Sekretärin bereits gebucht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren gehörte seine Zeit ausschließlich ihm.
Anfangs fühlte sich das beinahe unwirklich an.
Er konnte morgens im Hotel aufwachen und erst beim Frühstück entscheiden, ob er noch drei Tage blieb oder am Nachmittag weiterflog. Er las Zeitungen, beobachtete die Märkte und kümmerte sich weiterhin um sein Depot, aber niemand rief ihn an und verlangte eine Analyse bis zum Abend.
Und natürlich waren da die Frauen.
Hugo hatte sich auch darauf gefreut.
Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestanden hatte.
Er hatte Geld. Er hatte Zeit. Er war jung. Er konnte reisen, wohin er wollte. Und er hatte keinerlei Interesse daran, diese Freiheit ausgerechnet jetzt gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
In seiner Vorstellung hatte das ausgesprochen einfach ausgesehen.
Die Wirklichkeit war komplizierter.
Die erste Reise führte ihn noch im Winter in die Berge.
Er hatte sich für einige Tage ein luxuriöses Chalet genommen. Tagsüber fuhr er Ski, abends saß er vor dem Kamin, trank Wein und beobachtete durch die großen Fenster den Schnee.
Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine Frau vermitteln.
Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel.
Als sie hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.
„Du wohnst hier allein?“
„Ja.“
„In dem ganzen Haus?“
„Für eine Woche.“
Sie lachte.
„Du bist verrückt.“
„Warum?“
„Ich würde hier zwanzig Leute unterbringen.“
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
„Genau deshalb habe ich es gemietet. Damit keine zwanzig Leute hier sind.“
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer.
Das Feuer brannte bereits. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich.
Hugo setzte sich neben sie.
Sie redeten zunächst.
Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo einen osteuropäischen Akzent herauszuhören.
Er fragte nicht weiter.
Nach dem zweiten Glas rückte sie näher.
Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.
Hugo küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich.
Es war genau das, was er gewollt hatte.
Eigentlich.
Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.
„Komm“, sagte sie irgendwann leise.
Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.
„Willst du vorher duschen?“
Sie sah ihn an.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Warum?“
„Einfach so.“
Sie musterte ihn.
„Bin ich schmutzig?“
„Nein.“
„Warum soll ich dann duschen?“
„Es ist nur eine Marotte von mir.“
Sie lächelte wieder, aber etwas war verschwunden.
„Eine komische Marotte.“
„Mag sein.“
Sie stand schließlich auf.
Während Hugo allein vor dem Kamin zurückblieb, hörte er oben das Wasser rauschen.
Und ärgerte sich.
Nicht über sie.
Über sich.
Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt, sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt, seine Hand auf ihrer Brust nicht zurückgewiesen – und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen.
Wer war vorher bei ihr gewesen?
Er wusste es nicht.
Vielleicht niemand.
Vielleicht vor drei Tagen jemand.
Vielleicht vor drei Stunden.
Sein Verstand sagte ihm, dass er sich in etwas hineinsteigerte.
Sein Ekel interessierte sich nicht für seinen Verstand.
Später kam Sophie in einem Bademantel zurück.
„Besser?“
Hugo lächelte etwas verlegen.
„Besser.“
Sie setzte sich rittlings auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an.
„Du bist wirklich komisch.“
„Das haben schon andere festgestellt.“
„Aber süß komisch.“
Sie küsste ihn.
Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von einer Schulter. Seine Lippen folgten der freigewordenen Haut.
Diesmal konnte er sich fallen lassen.
Später lagen sie vor dem Kamin unter einer Decke. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar.
Es war schön.
Aber am nächsten Morgen ging sie.
Am Abend war das Chalet wieder still.
Hugo stand am Fenster und sah auf den Schnee.
Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte.
Und sie wusste beinahe nichts über ihn.
Vielleicht war genau das Freiheit.
Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.
Einige Wochen später war er in Thailand.
Hier war alles anders.
Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein.
Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer.
Zwei Frauen kamen mit.
Eine nannte sich May, die andere Lin.
Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.
Sie fuhren morgens hinaus.
Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.
May saß neben Hugo auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille.
Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.
„Too fast.“
Hugo sah zum Fahrer.
„Faster.“
„No!“
Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas.
May schlug Hugo gegen die Schulter.
„You are crazy.“
„You wanted a boat.“
„Not to die.“
Lin saß ihnen gegenüber und lachte.
An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen.
Sie sprangen ins Wasser.
May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.
Sie schrie auf.
„No! Hugo!“
Er warf sie zurück ins Meer.
Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Asshole!“
„You know that word.“
„I know many words.“
Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken.
Hugo fing sie wieder ab.
Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest.
Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.
Hugo küsste sie.
Sie schmeckte nach Salz.
Als sie sich lösten, strich Hugo ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken hinunter.
May lächelte.
„Better than throwing me.“
„We can do both.“
„First this.“
Sie küsste ihn wieder.
Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo.
Hugo strich mit der Hand über ihren Rücken.
Überall war Sonne.
Meer.
Warme Haut.
Keine Bank.
Kein Edward.
Kein London.
Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.
Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durchs flache Wasser zu tragen.
„Put me down.“
„Why?“
„Because I'm heavy.“
„You're not.“
„Liar.“
„I'm an analyst. We don't lie.“
Sie lachte.
„Bankers always lie.“
„I'm not a banker anymore.“
„What are you?“
Hugo dachte kurz nach.
„Rich tourist.“
May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.
Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel.
Es wurde eine lange Nacht.
Und trotzdem war am nächsten Mittag alles vorbei.
May gab Hugo beim Abschied einen Kuss.
„Maybe see you again.“
„Maybe.“
Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde.
Die Tür schloss sich.
Hugo blieb allein zurück.
Wieder.
Zwei Tage später hätte er eine andere Frau bestellen können.
Genau darin lag das Problem.
Er hätte jeden Abend eine andere haben können.
Aber er wollte nicht jeden Abend wieder bei null anfangen.
Mit der Zeit bemerkte Hugo noch etwas.
Er war außerhalb Europas unsicherer, als er erwartet hatte.
In London, Cannes oder Monaco glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht.
Wer war wirklich Escort?
Wer arbeitete für wen?
Was war erlaubt?
Was wurde nur geduldet?
Welche Regeln galten im Hotel?
Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen.
Es geschah überhaupt nichts.
Die Beamten gingen zum Tresen, sprachen mit dem Besitzer und verschwanden einige Minuten später wieder.
Hugo dagegen hatte während dieser wenigen Minuten einen unangenehmen Druck im Magen gespürt.
Die Frau bemerkte es.
„You scared?“
„No.“
Sie grinste.
„Yes.“
„Why should I be scared?“
„Police.“
„I saw them.“
„No problem.“
Das sagte sie vollkommen gelassen.
Hugo war trotzdem froh, als sie wieder verschwunden waren.
Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand.
Noch mehr hasste er die Vorstellung, irgendwo in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.
Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
14
K 1012
Die Reise
Im Januar 1999 begann Hugo das zu tun, wovon er während seiner letzten Monate bei der Bank immer häufiger gesprochen hatte.
Er reiste.
Nicht zu einem Kunden. Nicht zu einer Konferenz. Nicht mit Edward und nicht mit Claire. Niemand erwartete ihn am Montagmorgen zurück in London. Es gab keine Termine, die seine Route bestimmten, keinen Rückflug, den eine Sekretärin bereits gebucht hatte.
Zum ersten Mal seit Jahren gehörte seine Zeit ausschließlich ihm.
Anfangs fühlte sich das beinahe unwirklich an.
Er konnte morgens im Hotel aufwachen und erst beim Frühstück entscheiden, ob er noch drei Tage blieb oder am Nachmittag weiterflog. Er las Zeitungen, beobachtete die Märkte und kümmerte sich weiterhin um sein Depot, aber niemand rief ihn an und verlangte eine Analyse bis zum Abend.
Und natürlich waren da die Frauen.
Hugo hatte sich auch darauf gefreut.
Vielleicht sogar mehr, als er sich selbst eingestanden hatte.
Er hatte Geld. Er hatte Zeit. Er war jung. Er konnte reisen, wohin er wollte. Und er hatte keinerlei Interesse daran, diese Freiheit ausgerechnet jetzt gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
In seiner Vorstellung hatte das ausgesprochen einfach ausgesehen.
Die Wirklichkeit war komplizierter.
Die erste Reise führte ihn noch im Winter in die Berge.
Er hatte sich für einige Tage ein luxuriöses Chalet genommen. Tagsüber fuhr er Ski, abends saß er vor dem Kamin, trank Wein und beobachtete durch die großen Fenster den Schnee.
Am dritten Abend ließ er sich über einen Kontakt im Hotel eine Frau vermitteln.
Sie hieß Sophie, zumindest stellte sie sich so vor. Dunkelblondes Haar, helle Augen, ein enges schwarzes Kleid unter einem langen Wintermantel.
Als sie hereinkam, blieb sie zunächst im Eingangsbereich stehen und sah sich um.
„Du wohnst hier allein?“
„Ja.“
„In dem ganzen Haus?“
„Für eine Woche.“
Sie lachte.
„Du bist verrückt.“
„Warum?“
„Ich würde hier zwanzig Leute unterbringen.“
Hugo nahm ihr den Mantel ab.
„Genau deshalb habe ich es gemietet. Damit keine zwanzig Leute hier sind.“
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer.
Das Feuer brannte bereits. Auf dem niedrigen Tisch standen Wein und zwei Gläser. Sophie setzte sich auf das Sofa, zog die Schuhe aus und legte die Beine unter sich.
Hugo setzte sich neben sie.
Sie redeten zunächst.
Woher sie kam, beantwortete sie ausweichend. Frankreich, sagte sie. Später erwähnte sie eine Schwester in Belgien, und irgendwann glaubte Hugo einen osteuropäischen Akzent herauszuhören.
Er fragte nicht weiter.
Nach dem zweiten Glas rückte sie näher.
Ihre Hand lag zunächst auf seinem Knie. Später strich sie langsam über seinen Oberschenkel.
Hugo küsste sie.
Sie erwiderte den Kuss sofort, legte beide Arme um seinen Hals und zog ihn näher zu sich.
Es war genau das, was er gewollt hatte.
Eigentlich.
Er strich ihr über den Rücken, ließ seine Hand über ihre Hüfte gleiten und zog sie zu sich. Als seine Finger ihre Brust berührten, schmiegte sie sich enger an ihn. Sie küssten sich wieder, länger diesmal.
„Komm“, sagte sie irgendwann leise.
Doch Hugo löste sich für einen Moment von ihr.
„Willst du vorher duschen?“
Sie sah ihn an.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Warum?“
„Einfach so.“
Sie musterte ihn.
„Bin ich schmutzig?“
„Nein.“
„Warum soll ich dann duschen?“
„Es ist nur eine Marotte von mir.“
Sie lächelte wieder, aber etwas war verschwunden.
„Eine komische Marotte.“
„Mag sein.“
Sie stand schließlich auf.
Während Hugo allein vor dem Kamin zurückblieb, hörte er oben das Wasser rauschen.
Und ärgerte sich.
Nicht über sie.
Über sich.
Er hatte eine attraktive Frau neben sich gehabt, sie hatte ihn geküsst, sich an ihn geschmiegt, seine Hand auf ihrer Brust nicht zurückgewiesen – und plötzlich war dieser verdammte Gedanke wieder da gewesen.
Wer war vorher bei ihr gewesen?
Er wusste es nicht.
Vielleicht niemand.
Vielleicht vor drei Tagen jemand.
Vielleicht vor drei Stunden.
Sein Verstand sagte ihm, dass er sich in etwas hineinsteigerte.
Sein Ekel interessierte sich nicht für seinen Verstand.
Später kam Sophie in einem Bademantel zurück.
„Besser?“
Hugo lächelte etwas verlegen.
„Besser.“
Sie setzte sich auf seine Beine, legte die Arme um seinen Hals und sah ihn an.
„Du bist wirklich komisch.“
„Das haben schon andere festgestellt.“
„Aber süß komisch.“
Sie küsste ihn.
Hugo öffnete den Gürtel ihres Bademantels und strich mit beiden Händen über ihren Rücken. Der Stoff glitt von einer Schulter. Seine Lippen folgten der freigewordenen Haut.
Diesmal konnte er sich fallen lassen.
Später lagen sie vor dem Kamin unter einer Decke. Sophie hatte den Kopf auf seine Brust gelegt. Hugo strich ihr langsam durchs Haar.
Es war schön.
Aber am nächsten Morgen ging sie.
Am Abend war das Chalet wieder still.
Hugo stand am Fenster und sah auf den Schnee.
Er wusste beinahe nichts über die Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte.
Und sie wusste beinahe nichts über ihn.
Vielleicht war genau das Freiheit.
Merkwürdigerweise fühlte es sich nicht ganz so an.
Einige Wochen später war er in Thailand.
Hier war alles anders.
Die Wärme, die Gerüche, die Straßen, die Hotels, das Meer. Hugo hatte das Gefühl, innerhalb weniger Stunden auf einen anderen Planeten geraten zu sein.
Er mietete sich für einen Tag ein Motorboot mit Fahrer.
Zwei Frauen kamen mit.
Eine nannte sich May, die andere Lin.
Wie viel davon echte Namen waren, fragte Hugo längst nicht mehr.
Sie fuhren morgens hinaus.
Je weiter sie sich von der Küste entfernten, desto klarer wurde das Wasser. Kleine Inseln lagen vor ihnen, dicht bewachsen und von hellen Stränden umgeben.
May saß neben Hugo auf der gepolsterten Bank am Heck. Sie trug einen Bikini und eine große Sonnenbrille.
Als das Boot über eine Welle sprang, griff sie lachend nach seinem Arm.
„Too fast.“
Hugo sah zum Fahrer.
„Faster.“
„No!“
Der Fahrer grinste und gab tatsächlich mehr Gas.
May schlug Hugo gegen die Schulter.
„You are crazy.“
„You wanted a boat.“
„Not to die.“
Lin saß ihnen gegenüber und lachte.
An einer kleinen Bucht ließ Hugo das Boot stoppen.
Sie sprangen ins Wasser.
May schwamm zunächst von ihm weg. Hugo holte sie ein, packte sie von hinten um die Taille und hob sie aus dem Wasser.
Sie schrie auf.
„No! Hugo!“
Er warf sie zurück ins Meer.
Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
„Asshole!“
„You know that word.“
„I know many words.“
Sie schwamm auf ihn zu und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken.
Hugo fing sie wieder ab.
Diesmal hob er sie nicht hoch. Er hielt sie einfach fest.
Ihre Beine berührten seine unter Wasser. Sie legte die Arme um seinen Hals.
Für einen Moment hörte sie auf zu lachen.
Hugo küsste sie.
Sie schmeckte nach Salz.
Als sie sich lösten, strich Hugo ihr das nasse Haar aus dem Gesicht. Seine Hand glitt über ihre Schulter und ihren Rücken hinunter.
May lächelte.
„Better than throwing me.“
„We can do both.“
„First this.“
Sie küsste ihn wieder.
Später lagen sie zu dritt auf dem Vorderdeck des Bootes. Lin hatte den Kopf auf ein zusammengerolltes Handtuch gelegt und die Augen geschlossen. May lag auf dem Bauch neben Hugo.
Hugo strich mit der Hand über ihren Rücken.
Überall war Sonne.
Meer.
Warme Haut.
Keine Bank.
Kein Edward.
Kein London.
Genau so hatte er sich die Reise vorgestellt.
Am Nachmittag fuhren sie zu einer anderen Insel. Hugo hob May am Strand erneut hoch, diesmal nur, um sie einige Meter durchs flache Wasser zu tragen.
„Put me down.“
„Why?“
„Because I'm heavy.“
„You're not.“
„Liar.“
„I'm an analyst. We don't lie.“
Sie lachte.
„Bankers always lie.“
„I'm not a banker anymore.“
„What are you?“
Hugo dachte kurz nach.
„Rich tourist.“
May lachte so laut, dass Lin sich nach ihnen umdrehte.
Am Abend gingen sie gemeinsam in sein Hotel.
Es wurde eine lange Nacht.
Und trotzdem war am nächsten Mittag alles vorbei.
May gab Hugo beim Abschied einen Kuss.
„Maybe see you again.“
„Maybe.“
Beide wussten, dass es wahrscheinlich nicht passieren würde.
Die Tür schloss sich.
Hugo blieb allein zurück.
Wieder.
Zwei Tage später hätte er eine andere Frau bestellen können.
Genau darin lag das Problem.
Er hätte jeden Abend eine andere haben können.
Aber er wollte nicht jeden Abend wieder bei null anfangen.
Mit der Zeit bemerkte Hugo noch etwas.
Er war außerhalb Europas unsicherer, als er erwartet hatte.
In London, Cannes oder Monaco glaubte er wenigstens ungefähr zu verstehen, wie die Dinge funktionierten. In Thailand wusste er es nicht.
Wer war wirklich Escort?
Wer arbeitete für wen?
Was war erlaubt?
Was wurde nur geduldet?
Welche Regeln galten im Hotel?
Einmal saß er mit einer jungen Frau in einer Bar, als zwei Polizisten hereinkamen.
Es geschah überhaupt nichts.
Die Beamten gingen zum Tresen, sprachen mit dem Besitzer und verschwanden einige Minuten später wieder.
Hugo dagegen hatte während dieser wenigen Minuten einen unangenehmen Druck im Magen gespürt.
Die Frau bemerkte es.
„You scared?“
„No.“
Sie grinste.
„Yes.“
„Why should I be scared?“
„Police.“
„I saw them.“
„No problem.“
Das sagte sie vollkommen gelassen.
Hugo war trotzdem froh, als sie wieder verschwunden waren.
Er hasste Situationen, deren Regeln er nicht verstand.
Noch mehr hasste er die Vorstellung, irgendwo in einem fremden Land in Schwierigkeiten zu geraten und nicht einmal genau zu wissen, was er falsch gemacht hatte.
Freiheit hatte er sich anders vorgestellt.
Hotels, Flughäfen, Strände, Restaurants. Manchmal war es großartig. Manchmal langweilte er sich. Manchmal musste er morgens beim Aufwachen für einige Sekunden überlegen, in welcher Stadt er überhaupt war.
Ende März flog Hugo zurück nach Hamburg.
15
K1015
Im März 1999 unterbrach Hugo seine Reise und flog von Thailand zurück nach Hamburg.
Der Anlass war einer, für den er nicht lange überlegen musste. Im März 1949 hatte sein Vater sein Unternehmen gegründet. Fünfzig Jahre später wurde das Jubiläum gefeiert.
Hugo blieb einige Tage in Hamburg. Seine Mutter freute sich, ihn nach den Monaten unterwegs wieder bei sich zu haben, ebenso Svenja. Er erzählte von Thailand, von den Orten, an denen er gewesen war, und von denen, die noch vor ihm lagen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte er keinen Terminkalender, der ihm sagte, wo er am nächsten Morgen sein musste.
Am Abend der Jubiläumsfeier war das anders. Sein Vater hatte Geschäftspartner, alte Weggefährten und Freunde eingeladen. Unter den Gästen war auch Werner.
Hugo hatte gerade ein Glas genommen, als Werner auf ihn zukam.
„Da bist du ja endlich.“
Hugo grinste. „Für fünfzig Jahre komme sogar ich aus Thailand zurück.“
„Dein Vater hätte dir etwas anderes auch ziemlich übel genommen.“
„Das Risiko wollte ich nicht eingehen.“
Werner lachte und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Neben ihm stand ein Mann, den Hugo sofort erkannte.
„Herr Steinhöfel.“
„Hugo.“ Steinhöfel gab ihm die Hand. „Von Ihnen hört man inzwischen die merkwürdigsten Dinge.“
„Was denn?“
„Dass Sie Ihre Karriere hingeschmissen haben und durch die Welt reisen.“
„Dann stimmt ausnahmsweise einmal alles, was man sich erzählt.“
Steinhöfel musterte ihn amüsiert. „Und? War es eine gute Entscheidung?“
„Bis jetzt eine sehr gute.“
„Wo kommen Sie gerade her?“
„Thailand.“
„Und dafür fliegen Sie nach Hamburg?“
Hugo deutete mit seinem Glas in Richtung seines Vaters.
„Fünfzig Jahre. Dafür komme ich zurück.“
„Das würde ich Ihrem Vater gegenüber auch für vernünftig halten.“
Werner lachte. „Siehst du. Noch einer.“
Sie sprachen eine Weile über Hugos Reise. Steinhöfel wollte wissen, was er gesehen hatte und wie lange er noch unterwegs sein wollte.
„Ein paar Monate auf jeden Fall“, sagte Hugo. „Ich habe zum ersten Mal seit Jahren die Möglichkeit dazu. Die werde ich nutzen.“
„Und danach?“
Hugo zögerte kurz.
„Danach wird es ernst.“
„Inwiefern?“
„Ich will mich selbstständig machen.“
Steinhöfel hob leicht die Augenbrauen.
„Damit habe ich gerechnet.“
„Wieso?“
„Sie waren nie der Typ, der bis sechzig für eine Bank arbeitet.“
Hugo lächelte.
„Ich will eine eigene Investmentgesellschaft aufbauen.“
„Wo?“
„Genau das weiß ich noch nicht.“
Steinhöfel nahm einen Schluck.
„Dann wissen Sie weniger, als ich dachte.“
„Deshalb wäre ich sowieso zu Ihnen gekommen.“
„Zu mir?“
„Ja. Ich brauche jemanden, der mir sagt, wie ich das vernünftig aufbaue. Nicht nur gesellschaftsrechtlich. Auch steuerlich. Ich will nicht erst eine Struktur gründen und zwei Jahre später feststellen, dass sie am falschen Ort sitzt.“
Steinhöfel sah ihn einen Moment an.
„Dann kommen Sie in den nächsten Tagen bei mir vorbei.“
„Gern.“
„Dann reden wir in Ruhe darüber. Ich habe vielleicht eine Idee für Sie.“
Hugo wollte nachfragen, doch Steinhöfel schüttelte den Kopf.
„Nicht heute. Heute hat Ihr Vater Jubiläum.“
Einige Tage später saß Hugo Steinhöfel gegenüber.
Steinhöfel ließ sich zunächst noch einmal erklären, was Hugo eigentlich vorhatte.
„Also“, sagte er schließlich. „Sie wollen Ihr eigenes Geld investieren.“
„Ja.“
„Und später?“
„Beteiligungen. Venture Capital. Vielleicht irgendwann größere direkte Beteiligungen. Aber zunächst geht es um mein eigenes Geld.“
„Kundengelder?“
„Auf keinen Fall“, entgegnete Hugo.
Steinhöfel lehnte sich zurück.
„Gut. Dann machen Sie nicht den Fehler, eine Investmentgesellschaft zu gründen.“
Hugo sah ihn irritiert an.
„Ich komme zu Ihnen, weil ich eine Investmentgesellschaft gründen will, und Ihr erster Rat ist, keine zu gründen?“
„Genau.“
„Das müssen Sie mir erklären.“
„Sie denken von der falschen Seite. Sie brauchen keine Gesellschaft, die Ihr Geld besitzt. Was Sie brauchen, sind Menschen, die Ihnen helfen, Ihr wachsendes Kapital vernünftig zu investieren.“
Steinhöfel machte eine kurze Pause und sah Hugo an.
„Und übrigens: Herzlichen Glückwunsch zu EM.TV – sollten die Gerüchte stimmen.“
Hugo hob nur leicht die Schultern und ließ ein knappes Lächeln erkennen.
„Sie meinen, ich brauche Analysten. Ja, diesen Gedanken hatte ich auch schon seit Längerem.“
„Dann gründen Sie dafür eine Firma.“
Hugo schwieg einen Moment.
„Eine Research-Firma?“
„Genau.“
„Und die Investmentgesellschaft?“
„Die brauchen Sie zunächst überhaupt nicht. Und in Monaco gibt es für Privatanleger auch keine sechsmonatige Haltefrist, um Gewinne steuerfrei realisieren zu können.“
„Monaco.“ Hugo sah ihn fragend an.
„Monaco. Ich habe dort inzwischen selbst etwas aufgebaut. Deshalb kenne ich die Strukturen mittlerweile ziemlich gut. Und gerade für das, was Sie vorhaben, sollten Sie es sich ansehen.“
„Warum Monaco?“
„Weil wir damit mehrere Probleme gleichzeitig lösen können. Durch die Gründung der Firma siedeln Sie nicht einfach nach Monaco über. Sie schaffen dort Arbeitsplätze und beziehen nicht nur eine Wohnung. Das sehen die Behörden vor Ort wohlwollend. Die Ansiedlung wird dadurch wesentlich einfacher und entspannter.“
„Und die Firma?“
Steinhöfel beugte sich etwas vor.
„Die verkauft anschließend ausschließlich Ihnen ihre Analysen. Das ist wichtig. Sobald Sie Geschäfte außerhalb Monacos tätigen und beispielsweise Analysen an Banken im Ausland verkaufen, kann die Gesellschaft steuerpflichtig werden. Wenn die Firma dagegen ausschließlich für Sie arbeitet und Sie selbst in Monaco ansässig sind, bleiben diese Geschäfte innerhalb Monacos. Damit fällt die Gesellschaft nicht unter die Besteuerungsvorschriften für Unternehmen, die einen wesentlichen Teil ihrer Geschäfte außerhalb Monacos erzielen, und ihre Gewinne bleiben in Monaco steuerfrei. Ihre privaten Investments bleiben davon getrennt und werden in Monaco nicht mit einer persönlichen Einkommensteuer belastet.“
Hugo schwieg einen Moment.
„Also bleibt mein Vermögen bei mir. Die Firma beschäftigt die Analysten und stellt mir deren Arbeit in Rechnung.“
„Genau.“
Hugo stand auf, ging einige Schritte und blieb am Fenster stehen.
„Das gefällt mir. Ich wollte ohnehin Leute einstellen.“
„Dann passt es.“
Hugo lächelte.
„Sie haben darüber schon einmal nachgedacht.“
„Nicht für Sie. Ich habe vor Kurzem eine ähnliche Fragestellung für jemand anderen ausgearbeitet. Deshalb musste ich nicht besonders lange überlegen, als Sie mir auf der Feier erzählt haben, was Sie vorhaben.“
„Wann könnte ich anfangen?“
„Mit der Vorbereitung? Sofort.“
„Ich will aber meine Reise nicht abbrechen.“
„Das sollen Sie auch nicht.“
Hugo sah ihn an.
„Sie haben gerade gesagt, ich brauche eine Wohnung, Büros und eine Firma.“
„Ja. Ich habe nicht gesagt, dass Sie persönlich drei Monate durch Monaco laufen und Immobilien besichtigen sollen.“
Hugo lachte.
„Und wer soll das machen? Sie etwa? Wie soll ich das denn bezahlen?“
„Jemand, dem Sie vertrauen. Jemand, der organisieren kann und Ihre Vorstellungen kennt. Diese Person schicken Sie voraus. Sie selbst genießen Ihre Reise weiter. Dafür haben Sie doch gerade Ihre Stelle aufgegeben.“
Hugo dachte sofort an Claire.
Steinhöfel bemerkte es.
„Sie haben jemanden.“
„Vielleicht.“
„Dann ist das Problem gelöst.“
„So einfach ist das nicht.“
„Warum?“
„Weil sie dafür ihren Job aufgeben müsste.“
„Dann sollten Sie sie vielleicht erst einmal fragen.“
Hugo sah auf die Unterlagen vor sich.
Vor einigen Monaten hatte Claire ihm selbst gesagt, dass sie mit ihm gehen würde, wenn er seine eigene Firma gründete. Damals war es ein Plan gewesen. Etwas für später.
Noch am selben Tag rief Hugo Claire an.
Sie meldete sich nach wenigen Augenblicken.
„Hallo, Hugo.“
„Claire, erinnerst du dich noch an das Angebot, das du mir gemacht hast?“
„Ich habe dir im Laufe der Jahre einige gemacht.“
„Das eine, bei dem du deinen Job verlieren könntest.“
Es blieb einen Augenblick still.
„Du meinst es ernst.“
„Ja.“
„Du willst dich selbstständig machen. Wo?"
Hugo lehnte sich zurück.
„Monaco.“
Wieder eine kurze Pause.
„Monaco?“
„Ich habe heute mit meinem Anwalt gesprochen. Er hat mir eine Konstruktion vorgeschlagen, die genau zu dem passt, was ich machen will. Ich gründe dort eine Research-Firma. Die Firma beschäftigt die Analysten und arbeitet ausschließlich für mich. Mein Vermögen bleibt bei mir und ich investiere weiter selbst.“
„Und du willst, dass ich mitkomme.“
„Du hast es mir angeboten.“
„Das habe ich.“
„Gilt es noch?“
Claire antwortete ohne langes Zögern.
„Ja.“
Hugo lächelte.
„Gut.“
„Wann kannst du dort anfangen?“
Claire überlegte kurz. „Im Juni.“
„Perfekt. Dann suchst du zuerst Büroräume und richtest sie ein. Außerdem brauche ich eine Wohnung. Ich will nach Monaco kommen und anfangen können.“
„Wer kommt noch mit?“
„Wenn sie zusagen: Mehta und Farhadi.“
„Hast du mit ihnen schon gesprochen?“
„Noch nicht.“
„Dann solltest du das vielleicht tun, bevor ich Büros für Leute suche, die von ihrem Glück noch nichts wissen.“
Hugo lachte. „Das wäre vermutlich vernünftig.“
„Und du?“
„Ich setze meine Reise fort. Du bereitest Monaco vor, Steinhöfel kümmert sich um die Gründung, und ich spreche mit den beiden.“
16
K1016
2 Reise
In Brasilien blieb er länger.
Dort lernte er über einen Concierge eine Frau kennen, die sich Mariana nannte.
Sie hatte langes dunkles Haar, gebräunte Haut und dieses leichte, selbstverständliche Lachen, das Hugo sofort gefiel.
Am ersten Nachmittag gingen sie an den Strand.
Mariana lief barfuß am Wasser entlang und trug ihre Sandalen in einer Hand.
Hugo ging neben ihr.
„You always look“, sagte sie irgendwann.
„Where?“
Sie zeigte auf ihre Augen.
„Not here.“
Hugo grinste.
„I look there too.“
„Sometimes.“
Sie drehte sich vor ihm um und ging einige Schritte rückwärts.
„Now?“
„Now I have no choice.“
Sie lachte, drehte sich wieder um und lief weiter.
Hugo legte einen Arm um ihre Taille.
Sie ließ es zu.
Seine Hand wanderte etwas tiefer.
Mariana sah seitlich zu ihm.
„Hugo.“
„What?“
„People.“
„They have seen an ass before.“
Sie schlug seine Hand weg, lachte aber dabei.
Wenige Schritte später legte sie selbst seinen Arm wieder um ihre Hüfte.
Am nächsten Tag mietete Hugo erneut ein Boot.
Diesmal nur für die beiden.
Sie fuhren an der Küste entlang und ankerten schließlich in einer kleinen Bucht.
Mariana lag auf dem Deck in der Sonne. Hugo setzte sich neben sie.
„Turn around.“
„Why?“
„Sunscreen.“
„You want sunscreen?“
„You need sunscreen.“
Sie drehte sich auf den Bauch.
Hugo verteilte Sonnencreme auf ihren Schultern und ihrem Rücken.
„Professional“, murmelte Mariana.
„Very.“
Seine Hände glitten langsam an ihren Seiten entlang.
„That is not sunscreen anymore.“
„Still professional.“
Sie drehte sich halb zu ihm um und zog ihn zu sich.
Hugo küsste sie.
Eine Weile später saßen sie am Rand des Bootes, die Beine über dem Wasser.
Mariana lehnte sich gegen ihn.
Hugo strich ihr über den Bauch und ließ seine Hand unterhalb ihrer Brust liegen.
Sie nahm seine Hand und schob sie ein Stück höher.
„Better.“
Hugo lächelte.
„I agree.“
Sie sprang plötzlich ins Wasser.
„Come!“
Hugo folgte ihr.
Wieder dieses Spiel.
Schwimmen.
Lachen.
Er fing sie, hob sie aus dem Wasser, während sie protestierte, und ließ sie wieder hineinfallen.
Sie tauchte auf und spritzte ihm Wasser ins Gesicht.
Später lagen sie erschöpft nebeneinander auf dem Deck.
Mariana legte ein Bein über seines und den Kopf auf seine Schulter.
Hugo strich ihr über die Brust, über ihren Bauch und wieder zurück. Sie schloss die Augen.
Es war ruhig.
Nur das leichte Schlagen des Wassers gegen den Rumpf.
Hugo hätte stundenlang so liegen können.
Und genau in diesem Moment verstand er einen Teil seines Problems.
Er wollte nicht ausschließlich Sex.
Er wollte auch das hier.
Nicht Liebe.
Nicht Beziehung.
Nicht Heirat.
Aber Vertrautheit.
Eine Frau, die nicht nach zwei Stunden wieder aufstand, ihr Geld nahm und verschwand.
Eine, mit der er einen Tag verbringen konnte.
Die mit ihm schwamm.
Die lachte, wenn er sie ins Wasser warf.
Die beim Essen neben ihm saß.
Die irgendwann selbstverständlich ihre Beine über seine legte.
Mit Mariana funktionierte es besser.
Drei Tage verbrachten sie miteinander.
Am vierten musste sie weg.
„Family“, sagte sie.
Ob das stimmte, wusste Hugo nicht.
„Tomorrow?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Maybe next week.“
Hugo würde nächste Woche nicht mehr hier sein.
Sie küsste ihn zum Abschied.
„You are nice.“
Hugo grinste.
„That's terrible.“
„Why?“
„I was trying to be interesting.“
Sie lachte und küsste ihn noch einmal.
Dann ging sie.
Hugo sah ihr vom Hoteleingang aus nach.
Wieder vorbei.
Es war nicht so, dass die Reise nicht funktionierte.
Das wäre falsch gewesen.
Hugo hatte wunderschöne Tage.
Er sah Orte, die er vorher nur aus Zeitschriften kannte. Er aß hervorragend, wohnte in ausgezeichneten Hotels, charterte Boote, lag an Stränden und lernte Frauen kennen, die er ausgesprochen attraktiv fand.
Auch sexuell bekam er ziemlich genau das, wonach er gesucht hatte.
Und trotzdem funktionierte sein System nicht.
Das bemerkte er erst allmählich.
Es fehlte etwas.
Bei jeder neuen Frau begann derselbe Vorgang von vorn.
Wer war sie?
Was wollte sie?
Konnte er ihr vertrauen?
Wie funktionierte die Bezahlung?
Was erwartete sie?
Was erwartete er?
War das Hotel ein Problem?
War die Polizei ein Problem?
Und immer wieder, besonders in den ersten Minuten, kam dieser andere Gedanke.
Sauberkeit.
Hygiene.
Andere Männer.
Krankheiten.
Manchmal verschwand der Gedanke, sobald er eine Frau länger kannte.
Manchmal nicht.
Dann konnte eine einzige Kleinigkeit genügen.
Ein Handtuch.
Ein fremdes Haar im Badezimmer.
Eine Bemerkung darüber, wo sie am Abend zuvor gewesen war.
Und plötzlich war Cannes wieder da.
Nicht als konkrete Erinnerung an die beiden Frauen.
Als Angst.
Hugo ärgerte sich darüber.
Er hatte sich ausgerechnet dieses Leben ausgesucht, um frei zu sein.
Und nun stellte er fest, dass sexuelle Freiheit ziemlich wenig wert war, wenn man dabei ständig darüber nachdachte, wer vor einem dagewesen war.
Irgendwann erinnerte er sich an die andere Frau aus Cannes.
Nicht an die beiden Frauen von damals.
An die Escortfrau von der späteren Bankveranstaltung.
Er saß allein beim Frühstück eines Hotels, als ihm plötzlich einfiel, was bei ihr anders gewesen war.
Es war nicht ihr Aussehen.
Schön waren viele der Frauen gewesen, die er während seiner Reise kennengelernt hatte.
Es waren Kleinigkeiten gewesen.
Sie hatte bemerkt, wenn sein Glas leer wurde.
Sie hatte sich beim Gespräch zu ihm gedreht, als gäbe es in dem Raum niemanden, der wichtiger war.
Eine beiläufige Hand auf seinem Arm.
Ein Fuß an seinem Bein.
Eine Zigarre, die sie in den Mund nahm, anfeuchtete und schließlich anzündete, wobei sie sinnlich daran zog und noch einmal dagegenblies, bevor sie sie ihm reichte.
Später hatte sie ihm die Schuhe ausgezogen.
Nicht unterwürfig.
Nicht übertrieben.
Einfach selbstverständlich.
Damals hatte Hugo das genossen, ohne besonders darüber nachzudenken.
Jetzt verstand er, wie ungewöhnlich es gewesen war.
Sie hatte ihm für einige Stunden das Gefühl gegeben, dass der Abend mit ihm stattfand und nicht lediglich neben ihm.
Natürlich war sie dafür bezahlt worden.
Hugo war nicht naiv.
Aber das änderte nichts daran, dass sie es besser gemacht hatte.
Und dann erinnerte er sich an den Namen.
Hanna Dvořáková.
Prag.
Er hatte den Kontakt noch.
Hugo rief einige Tage später an.
Eine Frau meldete sich auf Englisch.
„Dvořáková.“
„Hanna Dvořáková?“
„Yes.“
„Mein Name ist Hugo Voss.“
Kurze Stille.
„Should I know you, Mr Voss?“
Hugo musste lächeln.
„Wahrscheinlich nicht.“
„Then you have an advantage. You know who I am.“
„Ich habe Ihren Namen von einer Ihrer Frauen.“
„That does not narrow it down.“
„Cannes. Eine Veranstaltung einer Bank.“
Wieder kurze Stille.
„Which bank?“
Hugo nannte sie.
„When?“
Er erklärte es.
Hanna fragte nach der Frau. Hugo beschrieb sie so gut er konnte.
„Ah“, sagte Hanna schließlich.
Offenbar erinnerte sie sich.
„She gave you my number?“
„Ja.“
„Then she must have liked you.“
„Oder sie wollte Ihrer Firma einen Kunden beschaffen.“
Hanna lachte.
„Maybe both.“
Hugo lehnte sich im Sessel zurück.
„Ich brauche Frauen.“
„That is usually why men call me.“
„Nicht eine.“
„That is also not unusual.“
Hugo grinste.
„Ich reise gerade.“
„Where?“
Er nannte ihr einige der Länder und Städte der vergangenen Monate.
„And you cannot find women there?“
„Doch. Das ist nicht das Problem.“
„Then what is the problem?“
Hugo überlegte.
Wie erklärte man etwas, das man selbst gerade erst verstanden hatte?
„Es funktioniert nicht richtig.“
„What doesn't?“
„Die Frauen wechseln ständig. Ich kenne sie nicht. Sie kennen mich nicht. Jedes Mal fängt alles wieder von vorne an.“
Hanna schwieg.
„Und ich möchte vorher wissen, wen ich treffe.“
„Looks?“
„Auch.“
„What else?“
„Wie sie ist.“
„That is more difficult.“
„Die Frau in Cannes hat mir erzählt, dass Sie Videos haben.“
Jetzt wurde Hannas Stimme geschäftlicher.
„Presentations.“
„Videos.“
„Presentations“, wiederholte sie.
Hugo grinste.
„Gut. Präsentationen.“
Hanna erklärte ihm, dass neue Frauen vorgestellt und für Kunden dokumentiert würden. Er könne sich vor einer Buchung ein Bild machen und Wünsche äußern. Nicht jede Frau sei ständig verfügbar, und nicht jede passe zu jedem Kunden.
Genau dieser letzte Satz gefiel Hugo.
„Und wo sind Ihre Frauen?“
„Everywhere.“
„Das hilft mir nicht.“
Hanna lachte.
„Many are in Europe. A lot of them move. Côte d'Azur in season. Monaco. Cannes. Saint-Tropez. Sometimes Italy, Spain, Switzerland, Austria. Depends on the time of year.“
Hugo schwieg.
Wieder dieselben Orte.
Er musste an das Gespräch im St. James’s denken.
Die Nachbarschaft zog weiter.
Und offenbar zogen die Frauen mit.
„Wenn ich an die Côte d’Azur komme?“
„Then I can arrange something.“
„Nicht irgendetwas.“
„I know.“
„Woher?“
„Because you called Prague from the other side of the world instead of asking your hotel concierge for another girl.“
Hugo musste lachen.
Sie hatte ihn innerhalb weniger Minuten verstanden.
„Schicken Sie mir erst einmal die Präsentationen.“
„I can show you what is available.“
„Mehrere.“
„Of course.“
„Und dann suche ich aus.“
„You can tell me what you like.“
Hugo dachte an die Frauen der vergangenen Monate.
An Sophie vor dem Kamin.
An May im warmen Wasser.
An Mariana auf dem Boot.
Es waren schöne Erinnerungen.
Keine davon bereute er.
Aber keine dieser Frauen gehörte zu seinem Leben. Sie waren hineingekommen und wieder verschwunden, manchmal innerhalb weniger Stunden.
Vielleicht lag das Problem gar nicht darin, dass er Prostituierte buchte.
Vielleicht lag es darin, wie er sie bisher buchte.
Zufällig.
Immer neu.
Ohne Auswahl.
Ohne System.
Ohne jemanden, der wusste, was er wollte.
„Gut“, sagte Hugo. „Dann komme ich zurück nach Europa.“
„Only because of women?“
Hugo sah aus dem Fenster.
„Nein“, sagte Hugo nach einem Moment. „Claire baut in Monaco gerade meine Firma auf. Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich auch dort auftauche.“
Hanna lachte.
„Call me when you know when you’ll be back.“
„Das mache ich.“
Er legte auf.
Für einige Sekunden blieb er sitzen.
Die Weltreise war damit nicht gescheitert.
Im Gegenteil.
Sie hatte ihm ziemlich genau gezeigt, was ihm gefiel.
Sonne.
Meer.
Reisen.
Schöne Frauen.
Keine Verpflichtungen.
Die Freiheit, einen Ort zu verlassen, sobald er ihn langweilte.
Aber sie hatte ihm ebenso deutlich gezeigt, was ihm nicht gefiel.
Zufälligkeit.
Unsicherheit.
Immer neue Frauen, über die er nichts wusste.
Dieses unangenehme Gefühl, nicht zu wissen, wer vor ihm bei ihnen gewesen war.
Und vor allem Begegnungen, die beendet waren, kaum dass sie angefangen hatten, vertraut zu werden.
Hugo hatte geglaubt, Freiheit bedeute, überall auf der Welt irgendeine Frau bekommen zu können.
Inzwischen wollte er etwas Anspruchsvolleres.
Er wollte auswählen können.
Er wollte wissen, wer kam.
Und wenn ihm eine Frau gefiel, wollte er sie nicht zwangsläufig am nächsten Morgen zum letzten Mal in seinem Leben sehen.
Er nahm den Telefonhörer erneut ab und ließ sich mit der Rezeption verbinden.
„I need a flight to Europe.“
Damit begann seine Rückkehr.
17
K1017
Ungekürzt. Es wurde nichts gestrichen; die vorhandenen Arbeits- und Kommentarteile bleiben
enthalten. Streichungen erfolgen erst später.
Von Hamburg aus setzte Hugo seine Weltreise fort. Sein nächstes eigentliches Ziel war
Südamerika. Da die Verbindung ohnehin über die Vereinigten Staaten führte, entschied er sich,
einige Tage in Miami zu bleiben. Amerika kannte er bis dahin kaum. Und Miami reizte ihn.
Sonne, Meer, große Hotels, Yachten – und vor allem war es wieder etwas vollkommen anderes
als London, Monaco oder die Stationen seiner bisherigen Reise. Er reservierte sich ein Zimmer
im Turnberry Isle in Aventura, ohne sich zunächst viel dabei zu denken. Ein gutes Hotel für ein
paar Tage, bevor es weiter nach Südamerika ging. Schon bei seiner Ankunft merkte er, dass
Amerika anders funktionierte. Ankunft: Abholung am Flughafen durch eine Limousine des
Turnberry Isle. Vorfahrt unter der Porte Cochère, Tür wird geöffnet, Gepäck sofort auf den
Gepäckwagen geladen, Check-in, Begleitung aufs Zimmer. Hugo vergleicht das innerlich mit dem
Carlton: klassisch, elegant, sehr amerikanisch, alles auf Service ausgerichtet.
Zimmer mit Blick zum Innenhof. Erster Abend: Essen auf der Terrasse des Hotels. Er lässt es
sich richtig gut gehen und zahlt für sich allein ungefähr 250 Dollar. Das ist für ihn wieder diese
Erfahrung: Man kann sich hier vollkommen umsorgen lassen. Erster Tag South Beach: Am
nächsten Morgen lässt er sich einen Wagen beziehungsweise eine Limousine kommen und fährt
nach South Beach. Dort sollten wir Miami richtig sichtbar machen: Hitze, Palmen,
Art-déco-Häuser, Ocean Drive, Strand, durchtrainierte Menschen, offene Kleidung. Er läuft am
Versace-Haus vorbei und geht zum Colony Hotel beziehungsweise dort in die Gegend, isst etwas
und verbringt praktisch den ganzen Tag am Ocean Drive. Abends Mango’s: Zurück ins Hotel,
duschen, umziehen und wieder nach South Beach. Mango’s ist brechend voll, laut und eng.
Tänzerinnen auf bzw. an der Bar, Bikinis, Musik, Gedränge. Die von dir beschriebenen Shots
können wir als Teil dieser sexualisierten Show darstellen: Die Tänzerinnen führen die Gläser
körperbetont über Brust und Bauch, bevor sie sie den Gästen reichen.
Hugo ist davon fasziniert – gerade der Bauch fällt ihm aufgrund seiner bereits etablierten
Vorliebe besonders auf. Rückfahrt: Die Limousine wartet. Hugo redet mit dem Fahrer und sagt
irgendwann ziemlich direkt, dass er für den nächsten Tag eine weibliche Begleitung sucht. Der
Fahrer kennt jemanden und organisiert den Kontakt. Nächster Nachmittag: Die Frau kommt
ins Hotel. Latina, attraktiv, aber wir können gleichzeitig zeigen, dass sie körperlich nicht
vollkommen Hugos eigentliches Beuteschema trifft. Trotzdem gefällt sie ihm. Sie fahren
gemeinsam nach Bal Harbour. Kaffee, Geschäfte anschauen, herumlaufen. Sie deutet an, dass sie
gern etwas hätte. Hugo versteht das durchaus, kauft ihr aber nichts. Das ist wichtig für seine
Figur: Er bezahlt die vereinbarte Begleitung, aber daraus entsteht für ihn keine Verpflichtung,
zusätzlich Geschenke zu kaufen. Das unterscheidet diese Situation auch sehr schön von Svenja
und der Louis-Vuitton-Tasche. Abends wieder South Beach: Hugo möchte noch einmal dorthin,
weil es ihm am Vorabend gefallen hat.
Wieder Mango’s, anschließend oder vorher Restaurant und ein hervorragendes Thunfischsteak
irgendwo in der Nähe. Zurück im Turnberry: Sie verbringen die Nacht miteinander. Das
können wir sinnlich, aber nicht mechanisch erzählen. Wichtig ist vielmehr Hugos Blick hinaus
beziehungsweise in den beleuchteten Hotelbereich und sein Gedanke: Verdammt, eigentlich
gefällt mir das hier. Wärme, Frauen, Meer, Service, Restaurants, Autos – alles ist leicht. Am
nächsten Morgen entsteht erst der Immobiliengedanke: Nicht: Ich bin nach Miami gekommen,
um eine Wohnung zu kaufen. Sondern eher: Was würde es eigentlich kosten, hier etwas zu
haben? Er fragt im Hotel beziehungsweise seinen Fahrer nach einem guten Makler und lässt sich
jemanden empfehlen. Und dort stoppen wir zunächst. Ein Detail sollten wir beim Schreiben
historisch überprüfen: die konkrete Form dieser „Shot“- Show bei Mango’s in genau unserem
Jahr.
Mango’s Tropical Cafe am Ocean Drive existierte damals, aber bevor wir diese sehr spezielle
Servierweise als historische Tatsache in den Roman schreiben, würde ich sie für das betreffende
Jahr verifizieren. Ebenso sollten wir das Restaurant für das Thunfischsteak zeitgenössisch
passend auswählen. Der dramaturgisch wichtigste Gedanke dabei ist: Hugo verliebt sich nicht in
Miami. Er entdeckt eine weitere mögliche Version seines Lebens. Genau deshalb ruft er
anschließend einen Makler an. Das passt hervorragend zu seiner Weltreise. Ja, jetzt ist das Bild
viel klarer. Der entscheidende Punkt ist: Das war nicht irgendwo hinten in einem Club versteckt,
sondern gehörte unmittelbar zur Wirkung des Ladens am Ocean Drive. Für unsere Szene sollten
wir uns deshalb genau diese Details merken: Vorne war der Tresen, auf dem die jungen
Tänzerinnen in Bikinis zur Musik tanzten. Links und rechts quetschten sich die Gäste vorbei; der
Laden war so voll, dass selbst der Weg zur Toilette zur Geduldsprobe wurde.
Wer vorne Richtung Ocean Drive saß, bekam die ganze Show mit. Dazu kamen die Shots: Die
kleinen Gläser steckten in einer Art Holzhalter/Holzgestell, aus dem die Frauen sie
herausnahmen. Das eigentliche Verkaufen des Shots war Teil der Show. Sie führten das Glas
körperbetont an sich entlang und reichten es anschließend dem Gast. Für Hugo ist dabei nicht
nur die Sexualität interessant, sondern dieses gesamte Bild: die Musik, die Hitze, die
Menschenmenge, die durchtrainierten Körper, Bikinis und draußen unmittelbar der Ocean Drive.
Und genau da können wir Hugos Gedanken stärker machen. Er sitzt dort und denkt nicht einfach
nur: schöne Frauen. Ihn haut diese Selbstverständlichkeit um. In Europa kennt er elegante Bars,
Hotels und Clubs; hier findet das Spektakel praktisch offen zur Straße hin statt. Niemand scheint
sich daran zu stören, niemand wirkt gehemmt. Für den jungen Hugo fühlt sich das nach einer
völlig anderen Welt an.
Gerade weil du dich nach über dreißig Jahren noch so konkret an diese Szene erinnerst, sollten
wir diese Einzelheiten verwenden. Das sind genau die Beobachtungen, die eine erfundene
Miami-Szene von einer Szene unterscheiden, bei der der Leser das Gefühl bekommt: Da war
jemand tatsächlich. Das nehmen wir also so fest in den Ablauf auf. Als Nächstes wäre dann der
folgende Nachmittag mit der Latina und Bal Harbour, bevor wir zum Makler kommen. Dann
muss der Übergang vor Williams Island anders laufen. Der Fahrer hat Hugo bereits die Frau
vermittelt, dadurch besteht schon ein persönlicher Kontakt. Am nächsten Morgen geht es sehr
schnell – und genau diese Geschwindigkeit ist wieder etwas, das Hugo an Amerika beeindruckt.
Ich würde den Anschluss so schreiben: Am nächsten Morgen wachte Hugo im Turnberry Isle auf
und blieb noch eine Weile im Bett liegen. Die letzten Tage gingen ihm durch den Kopf.
South Beach, Ocean Drive, die Wärme, das Meer, die Restaurants, die Frauen. Dazu dieser
beinahe übertriebene Service, bei dem ständig jemand verfügbar war und ein Problem innerhalb
weniger Minuten gelöst zu sein schien. Miami gefiel ihm. Mehr, als er erwartet hatte. Beim
Frühstück kam ihm schließlich der Gedanke vom Vorabend wieder. Eigentlich könnte ich mir
vorstellen, hier zu leben. Er hatte nicht vor, eine Wohnung zu kaufen. Jedenfalls noch nicht. Aber
plötzlich wollte er wissen, was so etwas hier überhaupt kostete und was man für sein Geld
bekam. Er rief den Limousinenfahrer an, der ihm bereits die Frau vermittelt hatte. „Ich brauche
noch etwas.“ „Was kann ich für Sie tun?“ „Ich würde mir gern ein paar Immobilien ansehen.“
„Zum Kaufen?“ „Vielleicht. Erst einmal ansehen.“ „Was suchen Sie?“ Hugo sah von der Terrasse
hinaus. „Das weiß ich noch nicht genau. Eigentlich etwas am Meer. Eine Wohnung.
Etwas Gutes.“ „Ich kenne jemanden.“ „Einen Makler?“ „Einen sehr guten.“ Hugo rechnete damit,
dass er vielleicht am nächsten oder übernächsten Tag einen Termin bekommen würde. „Wann
hätten Sie Zeit?“, fragte der Fahrer. „Heute.“ „Okay. Ich kümmere mich darum.“ Keine zwei
Stunden später klingelte das Telefon in Hugos Zimmer. Der Fahrer war dran. „Ihr Makler ist um
elf Uhr da.“ Hugo sah auf die Uhr. „Heute?“ „Natürlich heute.“ Als er auflegte, musste er
grinsen. Das ist Amerika. In Deutschland hätte er wahrscheinlich erst einmal erklärt, was er
suchte, einen Termin vereinbart und anschließend einige Tage gewartet. Hier hatte er morgens
seinem Fahrer gesagt, dass er sich Immobilien ansehen wollte, und um elf stand ein Makler
bereit. Kurz vor elf fuhr die Limousine unter der Porte Cochère des Turnberry Isle vor. Hugo
stieg ein. Der Makler wartete bereits auf ihn beziehungsweise traf ihn dort, und nach einer
kurzen Vorstellung fuhren sie gemeinsam los.
„Ihr Fahrer sagt, Sie möchten sich Immobilien ansehen.“ „Ja.“ „Was genau suchen Sie?“ „Das
versuche ich gerade herauszufinden.“ Der Makler lächelte. „Das ist keine schlechte Antwort.“
„Eigentlich denke ich an etwas direkt am Strand.“ „Eigentlich?“ „Ich bin erst ein paar Tage hier.“
„Dann sollten Sie noch gar nichts entscheiden.“ Das gefiel Hugo. Kein sofortiges
Verkaufsgespräch. „Ich zeige Ihnen zunächst etwas anderes“, sagte der Makler. „Williams Island.
Danach können wir immer noch an den Strand fahren.“ Die Limousine fuhr nach Aventura und
wenig später auf die bewachte Zufahrt von Williams Island zu. Nach der Kontrolle ging es weiter
durch die Anlage. Hugo sah die Türme zwischen Palmen und Grünflächen aufragen, Wasser
dahinter, Yachten und die gepflegten Zufahrten. Die Limousine brachte sie jedoch nicht zu einem
der Wohngebäude. Sie hielt zunächst am Sales Center. Dort stiegen Hugo und der Makler aus
und wechselten in einen kleinen Golfwagen.
„Bevor ich Ihnen Wohnungen zeige“, sagte der Makler, „zeige ich Ihnen erst einmal, was Sie hier
eigentlich kaufen.“ Damit fahren sie dann durch Williams Island: Club, Yacht Club, Marina,
Restaurants und die gesamte Anlage. Anschließend zuerst der ältere Tower und danach
Résidence du Cap mit privatem Aufzug, den riesigen Bädern, Ankleiden und diesen extrem
weichen Teppichböden. So ist auch die Geschwindigkeit klar: Morgens hat Hugo die spontane
Idee – um elf Uhr desselben Tages beginnt bereits die Besichtigung. Genau das verstärkt seinen
Eindruck von dieser amerikanischen Servicekultur. Williams Island wirkte auf Hugo zunächst
weniger wie eine Wohnanlage als wie ein eigenes kleines Reich. Vom Sales Center aus fuhren er
und der Makler mit einem Golfwagen weiter. Schon nach wenigen Minuten verstand Hugo,
weshalb der Makler ihn nicht einfach zu einer Wohnung gebracht hatte. Hier ging es offenbar
nicht nur darum, wie viele Quadratmeter man kaufte oder in welchem Stockwerk man wohnte.
Der Makler zeigte ihm den Club, die Restaurants, den Yacht Club und die Marina. Überall
standen Palmen und sorgfältig gepflegte Pflanzen, dazwischen Wasser, Wege und die hohen
Wohntürme. Golfwagen fuhren durch die Anlage. An der Marina lagen Yachten. Alles wirkte
ruhig, sauber und abgeschirmt von dem Verkehr und der Hektik, die Hugo draußen erlebt hatte.
„Das ist ja fast wie ein Hotel“, sagte Hugo. „Nur dass Sie hier wohnen.“ „Und das gehört alles
dazu?“ „Sie kaufen hier nicht nur eine Wohnung. Sie kaufen Williams Island.“ Hugo sah sich um.
Das verstand er inzwischen. Genau diese amerikanische Vorstellung von Wohnen faszinierte ihn.
Zuhause bedeutete eine gute Wohnung vor allem eine gute Wohnung. Hier schien man gleich
eine ganze Lebenswelt darum herumzubauen. Sie hielten zunächst vor einem der älteren Türme.
Noch bevor Hugo richtig ausgestiegen war, kam ein Mitarbeiter auf sie zu und öffnete die Tür.
Im Gebäude wurde ihnen ebenfalls sofort weitergeholfen. Niemand ließ sie irgendwo
herumstehen oder suchen. Hugo bemerkte diese Dinge inzwischen bewusst. Seit seiner Ankunft
in Miami hatte er ständig das Gefühl, dass jemand fragte, was er brauchte, bevor er selbst
darüber nachgedacht hatte. Die Wohnung war groß. Sehr groß. Schon das Wohnzimmer
überraschte ihn. Breite Fensterflächen, viel Platz zwischen den Möbeln und Räume, die nicht bis
auf den letzten Quadratmeter ausgenutzt wirkten. Im Schlafzimmer öffnete der Makler eine Tür.
Hugo ging hinein und blieb stehen. „Was ist das?“ „Der Kleiderschrank.“ Hugo sah ihn an. „Das
ist ein Zimmer.“ Der Makler lachte. „Walk-in Closet.“ Hugo ging hinein. Auf beiden Seiten waren
Schränke und Ablagen vorgesehen. Man konnte tatsächlich darin herumlaufen. Vollkommen
verrückt. Dann kam das Badezimmer. Hugo blieb wieder stehen. Marmor, Spiegel, eine große
Whirlpoolwanne, eine Dusche, die eher wie eine kleine Kabine wirkte, und die Toilette noch
einmal separat.
„Die Dusche hat Dampf“, erklärte der Makler. „Eine Dampfdusche?“ „Natürlich.“ Hugo sah ihn
an. Natürlich. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, morgens im eigenen Badezimmer
ein Dampfbad zu nehmen. Er musste grinsen. Die Amerikaner hatten offensichtlich eine
vollkommen andere Vorstellung davon, wie groß ein Badezimmer sein durfte. Bei manchen
Wohnungen, die Hugo aus Deutschland kannte, hätte man aus dieser Fläche ein zusätzliches
Schlafzimmer gemacht. Dann fiel ihm der Teppich auf. Eigentlich nicht der Teppich selbst,
sondern das Gefühl unter seinen Füßen. Er ging zwei Schritte zurück. Dann wieder vor. „Was ist
denn da drunter?“ Der Makler sah auf den Boden. „Padding.“ Hugo drückte mit dem Schuh
darauf. Unter dem gespannten Teppich befand sich eine weiche Unterlage, die bei jedem Schritt
leicht nachgab. Er lief noch ein paar Schritte. „Das fühlt sich ja an, als würde man auf Wolken
laufen.“ „Sie mögen es?“ „Ich weiß noch nicht, ob ich es vollkommen bescheuert oder großartig
finde.“ Der Makler lachte.
„Geben Sie Amerika ein paar Tage.“ Danach fuhren sie weiter zur Résidence du Cap. Schon als
sie das Gebäude betraten, merkte Hugo den Unterschied. Alles wirkte neuer, heller und noch
großzügiger. Viel Stein, helle Flächen, Glas. Wieder war sofort jemand da, der ihnen die Tür
öffnete und sie begrüßte. Sie gingen zum Aufzug. Oben öffneten sich die Türen. Hugo machte
einen Schritt hinaus und blieb stehen. „Wo ist denn der Flur?“ „Welcher Flur?“ „Zum
Apartment.“ Der Makler deutete vor sich. „Sie sind da.“ Hugo sah zurück zum Aufzug. „Der fährt
direkt in die Wohnung?“ „Private elevator.“ Das gefiel ihm. Sofort. Nicht weil er einen privaten
Fahrstuhl brauchte. Bis vor wenigen Minuten war ihm nicht einmal bewusst gewesen, dass er
einen haben könnte. Aber jetzt, wo er ihn sah, wollte er ihn. Das ist schon verdammt cool. Die
Wohnung selbst setzte noch einen drauf. Großzügige Wohnräume, hohe Fensterflächen, breite
Schlafzimmer und wieder begehbare Kleiderschränke, in denen Hugo mehr Platz hatte als früher
in manchen Zimmern.
Das Masterbad war beinahe absurd. Eine große Whirlpoolwanne, Marmor, Spiegel, eine
gewaltige Dusche, separate Toilette und genügend Platz, dass zwei Menschen sich gleichzeitig
darin aufhalten konnten, ohne sich überhaupt in die Quere zu kommen. Hugo stellte sich vor den
Spiegel und sah sich um. So kann man also auch wohnen. Es war nicht nur teuer. Es war anders.
Dann ging er zu den Fenstern. Unter ihnen lag der Intracoastal Waterway. Auf dem Wasser
bewegten sich Boote. Dahinter erhoben sich die Hochhäuser entlang der Küste, und zwischen
ihnen hindurch sah Hugo immer wieder Blau. Er trat näher heran. „Da hinten ist doch der
Atlantik.“ „Natürlich.“ „Dann sieht man von hier sogar das Meer.“ „Bei gutem Wetter sehr
schön.“ Hugo blieb eine Weile stehen. Der Blick war beeindruckend. Trotzdem fehlte ihm etwas.
„Wenn ich mir in Miami eine Wohnung kaufe“, sagte er schließlich, „würde ich eigentlich lieber
direkt am Strand wohnen.“ Der Makler nickte.
„Warum?“ Hugo sah ihn überrascht an. „Warum? Weil ich in Miami bin.“ „Das beantwortet die
Frage nicht.“ „Wenn ich hier eine Wohnung habe, will ich morgens aufstehen, aus dem Fenster
schauen und den Atlantik sehen.“ „Das verstehe ich.“ „Also.“ „Wann stehen Sie morgens auf?“
Hugo grinste. „Was hat das damit zu tun?“ „Eine ganze Menge. Und wann sind Sie tagsüber in
Ihrer Wohnung?“ „Keine Ahnung.“ „Sie sind zweiundzwanzig.“ „Und?“ „Sie kommen nach Miami,
um tagsüber in Ihrer Wohnung zu sitzen?“ Hugo lachte. „Wahrscheinlich nicht.“ „Natürlich nicht.
Sie gehen an den Strand. Sie fahren nach South Beach. Sie gehen essen. Sie treffen Leute. Sie
fahren Boot. Was auch immer. Und irgendwann am Abend kommen Sie nach Hause.“ Der Makler
trat neben ihn. „Jetzt stellen Sie sich Ihre Wohnung direkt am Atlantik vor. Dreißigster Stock.
Traumhafter Ocean View.“ „Klingt gut.“ „Tagsüber ist es fantastisch.“ „Eben.“ „Und nachts
schauen Sie in ein schwarzes Loch.“ Hugo lachte.
„Das ist jetzt aber Ihre Williams-Island-Verkaufsnummer.“ „Nein. Das ist der Atlantik.“ Hugo
musste noch mehr lachen. Der Makler zeigte zwischen den Hochhäusern hindurch zum Meer.
„Da draußen gibt es nachts keine Gebäude. Keine Straßen. Keine beleuchteten Yachten. Nichts.
Im Sommer haben Sie lange etwas davon. Aber denken Sie an Herbst und Winter. Es wird früh
dunkel. Und genau dann, wenn Sie Ihre Wohnung tatsächlich benutzen, sehen Sie dort draußen
Schwarz.“ Dann deutete er nach unten auf den Intracoastal und anschließend entlang der Küste.
„Und jetzt stellen Sie sich diesen Blick heute Abend vor.“ Hugo folgte seiner Hand. „Die Gebäude
sind beleuchtet. Die Straßen. Die Marinas. Boote fahren über den Intracoastal. Sie haben Wasser
vor sich, Stadt dahinter und trotzdem zwischen den Gebäuden den Atlantik.“ Hugo sagte
zunächst nichts. Er betrachtete den Blick noch einmal. Scheiße. Der Mann hat recht.
Er hatte automatisch angenommen, dass erste Reihe am Atlantik gleichbedeutend mit der besten
Lage sein musste. Der Makler hatte ihm gerade innerhalb von zwei Minuten erklärt, weshalb das
zumindest nicht zwingend so war. „Okay“, sagte Hugo. „Das Argument ist gut.“ „Ich weiß.“
„Bescheiden sind Sie auch.“ „Das kommt noch.“ Hugo grinste. Er ging noch einmal durch die
Wohnung. Sie gefiel ihm. Sogar ausgesprochen gut. Der Fahrstuhl direkt in die Wohnung, die
riesigen Räume, diese absurden Badezimmer, die begehbaren Kleiderschränke und sogar der
Teppich, auf dem er am liebsten ohne Schuhe herumgelaufen wäre. Trotzdem war da noch kein
Gefühl von: Das ist es. Und vor allem war Hugo nicht nach Miami gekommen, um spontan eine
Immobilie zu kaufen. Er wollte wissen, was es gab. Und sobald er anfing, sich für etwas zu
interessieren, wollte er Zahlen. „Was kostet die?“ Der Makler nannte ihm den Preis. Hugo nickte
lediglich.
„Und monatlich?“ Der Makler erklärte ihm die laufenden Kosten. „Wie haben sich die Preise hier
in den letzten fünf Jahren entwickelt?“ Jetzt sah der Makler ihn etwas genauer an. Hugo fragte
weiter. „Wie lange bleiben die Wohnungen durchschnittlich am Markt? Wie groß ist der
Unterschied zwischen Angebotspreis und tatsächlichem Verkaufspreis? Und wie sieht es mit
Vermietung aus?“ „Wollen Sie vermieten?“ „Nein.“ „Warum fragen Sie dann?“ „Weil ich es
wissen will.“ Der Makler grinste. „Ihr Fahrer hat gesagt, Sie arbeiten bei einer Bank.“ „Noch.“
„Analyst?“ „Ja.“ „Das erklärt einiges.“ Hugo ging wieder zum Fenster. „Ich kaufe nichts, bevor
ich verstanden habe, warum es seinen Preis wert ist.“ „Dann brauchen Sie wahrscheinlich noch
ein bisschen mehr als Williams Island.“ Hugo drehte sich um. „Was haben Sie noch?“ „Ich könnte
Ihnen natürlich morgen zehn weitere Towers zeigen. Neuere Gebäude, Oceanfront, Bal Harbour,
Sunny Isles.
Danach wissen Sie wahrscheinlich noch weniger als vorher.“ „Sehr motivierender Verkäufer.“
„Ich möchte Ihnen etwas anderes zeigen.“ „Was?“ „Fisher Island.“ Hugo kannte den Namen,
konnte damit aber wenig anfangen. „Auch so etwas wie hier?“ Der Makler schüttelte den Kopf.
„Nein.“ „Was ist anders?“ „Fast alles.“ Hugo sah ihn einen Moment an. „Wann?“ Der Makler
schaute auf seine Uhr. „Wenn Sie noch Zeit haben: jetzt.“ Hugo musste wieder grinsen. Das war
genau das, was ihm an Amerika zunehmend gefiel. „Gut.“ Wenig später saßen sie wieder in der
Limousine. Diesmal führte die Fahrt nicht zu einem weiteren Hochhaus. Der Makler ließ den
Fahrer Richtung Fisher Island fahren. Ja, klar. Und bei Fisher Island würde ich Hugo viel stärker
beobachten und lernen lassen. Er kauft am Ende nichts; entscheidend ist, dass er dort zwei
Dinge mitnimmt, die später für Bella Ventra wichtig werden: den Gedanken des konsequenten
Services und den Gedanken, bei Architektur und Einrichtung Fachleute einzusetzen.
Der Abschnitt könnte so laufen: Die Fahrt zur Fähre dauerte nicht lange. Hugo hatte sich unter
Fisher Island bis dahin wenig vorstellen können. Der Makler hatte ihm lediglich erklärt, dass die
Insel ausschließlich über das Wasser erreichbar war und zu den exklusivsten Wohnlagen Miamis
gehörte. Die Limousine rollte auf die Fähre. Hugo stieg nicht aus, sondern sah durch das
Fenster, während sie ablegten. Sein erster Eindruck war allerdings alles andere als
überwältigend. Auf der anderen Seite des Wassers standen große grüne Tanks. Hugo verzog das
Gesicht. „Das ist jetzt aber nicht der Teil, den Sie mir verkaufen wollen.“ Der Makler lachte.
„Warten Sie, bis wir drüben sind.“ „Für das Geld hätte ich die Tanks gerne woanders.“ „Die
gehören nicht zu Fisher Island.“ Trotzdem störten sie Hugo. Für einen Moment fragte er sich
ernsthaft, was an dieser Lage so außergewöhnlich sein sollte. Er hatte sich bei dem Namen
Fisher Island etwas vollkommen anderes vorgestellt.
Doch schon kurz nach der Ankunft änderte sich das Bild. Alles war makellos gepflegt. Palmen,
Rasenflächen, Blumen, saubere Wege. Kleine Golfwagen fuhren über die Insel, darunter auch
Fahrzeuge des Sicherheitsdienstes beziehungsweise der Polizei. Kein Durchgangsverkehr, kein
Lärm, kein zufälliger Besucher, der sich hierher verirrt hatte. Die Gebäude gefielen Hugo sofort
besser als die hohen Türme von Williams Island. Sie waren niedriger, mediterraner, wirkten
beinahe wie eine eigene kleine Ortschaft. Die Limousine fuhr hinauf zum Sales Center. Gleich in
der Nähe befanden sich die Einkaufsmöglichkeiten für die Bewohner. Von dort konnte Hugo
bereits einen der kleinen privaten Yachthäfen sehen. Er blieb stehen. Weiße Yachten lagen im
späten Nachmittagslicht. Einige waren gewaltig. Weiter draußen lagen noch größere Schiffe,
deren weiße Aufbauten in der Sonne leuchteten. Das hier fühlte sich völlig anders an als Williams
Island.
Dort hatte ihn die Höhe beeindruckt. Hier beeindruckte ihn die Abgeschlossenheit. Der Makler
zeigte ihm zunächst die Insel. Dafür brauchten sie keinen Golfwagen. Vieles lag nah genug
beieinander, um zu Fuß zu gehen. Sie kamen am Golfplatz vorbei und an den Tennisplätzen.
Danach gingen sie weiter Richtung Strand. Der Sand war hell, das Wasser ruhig, und obwohl
Miami praktisch vor ihnen lag, fühlte es sich nicht an, als wären sie mitten in einer Großstadt.
„Und wie funktioniert das hier?“, fragte Hugo. „Was meinen Sie?“ „Wenn ich am Strand etwas
trinken will.“ Der Makler zeigte ihm die Einrichtungen. „Sie müssen nicht aufstehen. Wenn Sie
Service möchten, geben Sie ein Zeichen. Bei den entsprechenden Plätzen haben Sie eine kleine
Fahne. Sie stellen sie hoch, und jemand kommt zu Ihnen.“ Hugo sah ihn an. „Eine Fahne?“ „Ja.“
„Und dann kommt jemand?“ „Natürlich.“ Wieder dieses Wort. Natürlich. Hugo musste lächeln.
Seit seiner Ankunft in Amerika begegnete ihm ständig dasselbe Prinzip. Niemand erklärte ihm
zuerst, weshalb etwas schwierig war. Die erste Frage lautete immer: Was möchten Sie? Valet
Parking. Limousine. Hotel. Restaurant. Jetzt sogar am Strand. Er begann zu verstehen, dass
Luxus hier nicht allein bedeutete, teure Dinge zu besitzen. Luxus bedeutete, dass jemand dafür
sorgte, dass man möglichst wenig selbst tun musste. Das gefiel ihm. Sie gingen zurück Richtung
Marina. „Sie hatten nach zwei Schlafzimmern gefragt“, sagte der Makler. „Ja. Mehr brauche ich
nicht.“ „Dann möchte ich Ihnen etwas hier unten zeigen.“ Die Wohnungen lagen nicht in einem
der großen Gebäude, sondern in niedrigen, zweigeschossigen Häusern unmittelbar am kleinen
Yachthafen. Das gefiel Hugo auf Anhieb. Kein dreißigster Stock. Keine endlosen Flure.
Stattdessen Wasser direkt vor dem Haus und Yachten vor den Fenstern. Und nach dem Gespräch
auf Williams Island interessierte ihn die Atlantikseite ohnehin weniger.
„Also nicht Oceanfront“, sagte der Makler. „Sie haben mir doch gerade erklärt, warum ich das
nicht will.“ „Ich habe Ihnen erklärt, weshalb Sie darüber nachdenken sollten.“ „Hat funktioniert.“
Die Wohnung selbst überzeugte Hugo allerdings deutlich weniger. Sie hatte die richtige Größe.
Zwei Schlafzimmer waren für ihn vollkommen ausreichend. Der Blick zur Marina gefiel ihm
ebenfalls. Aber innen war sie nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Man sah ihr das Alter an.
Hugo bemerkte Dinge, die ihn sofort störten. Vor allem die Klimaanlage. Die sichtbaren
Innengeräte gefielen ihm überhaupt nicht. Er zeigte darauf. „Das bleibt aber nicht so?“ „Wenn
Sie die Wohnung so kaufen, schon.“ Hugo sah ihn an. „Das sieht furchtbar aus.“ „Dann ändern
wir es.“ „Wir?“ „Sie kaufen die Wohnung, und wir lassen sie für Sie umbauen.“ Hugo ging weiter.
Auch bei den Oberflächen und der Einrichtung sah er einiges, das er anders haben wollte.
Dabei wollte er die Wohnung eigentlich überhaupt nicht kaufen. Das gestand er dem Makler
natürlich nicht ein. Sechshunderttausend Dollar waren sechshunderttausend Dollar. Er konnte
darüber nachdenken. Er konnte sogar so auftreten, als wäre ein Kauf eine ernsthafte
Möglichkeit. Aber innerlich dachte er längst: Warum soll ich jetzt sechshunderttausend Dollar für
eine Wohnung in Miami ausgeben? Er war auf Weltreise. Er wusste noch nicht einmal, wo er in
einem Jahr leben würde. Trotzdem machte es ihm Spaß, sich die Sache anzusehen. Und vielleicht
gefiel ihm auch ein wenig, dass der Makler ihn inzwischen offensichtlich für einen ernsthaften
Käufer hielt. „Wenn ich das machen würde“, sagte Hugo, „müsste hier ziemlich viel verändert
werden.“ „Kein Problem.“ „Für Sie ist alles kein Problem.“ „Dafür bezahlen Sie uns.“ Hugo
grinste. „Und wer macht das?“ „Wir können Ihnen einen Innenarchitekten vermitteln.“ Hugo sah
sich noch einmal um.
„Ich könnte mir doch auch selbst aussuchen, wie ich es haben will.“ „Natürlich.“ Der Makler
schwieg kurz. „Aber?“, fragte Hugo. „Aber ich würde es nicht tun.“ „Warum nicht?“ Der Makler
lehnte sich an die Küchenzeile. „Sie kennen diese Wohnungen aus Architektur- und
Einrichtungsmagazinen?“ „Natürlich.“ „Und dann denken die Leute: Das gefällt mir, das kann ich
auch.“ Hugo nickte. „Kann man nicht?“ „Manchmal. Meistens nicht so gut.“ „Warum?“ „Weil das,
was Sie dort sehen, nicht zufällig so aussieht. Ein Innenarchitekt hat die Räume geplant.
Materialien, Proportionen, Beleuchtung, Möbel. Danach kommt ein professioneller Fotograf und
fotografiert das Ganze so, dass Sie es unbedingt haben wollen.“ Hugo sah sich wieder im Raum
um. „Und dafür brauche ich ein Studium?“ „Interior Design ist ein Beruf. Architektur ist ein
Beruf. Es gibt einen Grund, warum Menschen das lernen.“ Das leuchtete Hugo ein.
Der Makler fuhr fort: „Es gibt einen alten Spruch: Das erste Haus bauen Sie für Ihren Feind, das
zweite für Ihren Freund und das dritte für sich selbst.“ Hugo lachte. „Das macht ja Mut.“ „Oder
Sie überspringen die ersten beiden und nehmen von Anfang an Leute, die wissen, was sie tun.“
Der Satz blieb bei Hugo hängen. Eigentlich war es vollkommen logisch. Er würde auch
niemandem empfehlen, selbst Unternehmensanalysen zu erstellen, nur weil er einmal einen
Geschäftsbericht gelesen hatte. Warum sollte das bei einem Haus anders sein? Wenn jemand
etwas besser kann als ich, lasse ich ihn es machen. Hugo sah sich noch einmal in der Wohnung
um. Plötzlich betrachtete er nicht mehr nur die Wohnung. Er dachte über das Prinzip dahinter
nach. Fachleute engagieren. Ihnen erklären, was man wollte. Und anschließend beurteilen, ob
das Ergebnis den eigenen Vorstellungen entsprach. Nicht alles selbst machen zu wollen.
Diesen Gedanken würde er behalten. Der Makler ging mit ihm wieder hinaus. Das Licht hatte
sich inzwischen verändert. Die Sonne stand deutlich tiefer. „Machen Sie mir einen Gefallen“,
sagte er. „Welchen?“ „Kommen Sie heute Abend noch einmal her.“ Hugo sah ihn an. „Warum?“
Der Makler deutete auf die Marina. „Sie haben Williams Island verstanden. Jetzt machen Sie
nicht denselben Fehler hier.“ „Das schwarze Loch?“ „Genau.“ Er zeigte auf die Yachten.
„Kommen Sie nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Dann sehen Sie die beleuchteten Boote, die
Marina und Miami. Wenn Sie eine Wohnung kaufen, kaufen Sie nicht nur den Blick um vier Uhr
nachmittags.“ Hugo nickte. Das wollte er tatsächlich sehen. Sie nahmen die Fähre zurück. Später
ließ Hugo sich wieder nach South Beach fahren. Er aß dort und verbrachte noch einige Zeit am
Ocean Drive. Als er anschließend zur Limousine zurückkam, hatte sein Fahrer eine Idee.
„Sie interessieren sich doch für Immobilien.“ „Seit heute offenbar.“ „Dann muss ich Ihnen noch
etwas zeigen.“ „Noch eine Wohnung?“ „Nein. Star Island.“ Hugo stieg ein. „Was ist Star Island?“
Der Fahrer sah ihn im Rückspiegel an. „Da wohnen Leute wie Gloria Estefan.“ Das weckte Hugos
Interesse. „Kann man da einfach reinfahren?“ „Nein.“ „Und wie willst du mir das dann zeigen?“
Der Fahrer grinste. „Ich kenne jemanden am Gate.“ Hugo lehnte sich zurück. „Natürlich.“
Wieder dieses Amerika. Kurze Zeit später fuhr die Limousine über die Brücke nach Star Island.
Hugo sah hinaus auf die großen Grundstücke und Villen. Das war noch einmal eine andere
Größenordnung als die Apartments, die er am Nachmittag gesehen hatte. Sie fuhren einmal über
die Insel und anschließend wieder hinaus. Danach ging es zurück Richtung Fisher Island. Als die
Limousine zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Fähre rollte, war es inzwischen dunkel.
Und genau jetzt würde ich den zweiten Fisher-Island-Besuch am Abend beginnen: dieselbe
Überfahrt, aber vollkommen andere Wirkung; anschließend Marina mit beleuchteten Yachten,
die Wohnung bei Nacht und der Moment, in dem Hugo versteht, was der Makler mit dem
Abendblick gemeint hat. Das passt. Vor allem bekommt der Abend damit einen Zweck: Hugo
sieht Fisher Island nicht nur als Immobilie, sondern trifft dort jemanden, der ihm erklärt, warum
Menschen überhaupt solche Orte kaufen. Und am nächsten Morgen zieht er für sich die
gegenteilige Konsequenz: Er braucht diesen sicheren Rückzugsort noch nicht; sein Kapital soll in
seine Firma. Ich würde den Abend so schreiben: Als die Limousine am Abend erneut auf Fisher
Island ankam, erkannte Hugo die Insel kaum wieder. Am Nachmittag hatte alles hell, gepflegt
und beinahe ein wenig künstlich gewirkt. Jetzt lagen die niedrigen Gebäude im warmen Licht der
Außenbeleuchtung, zwischen den Palmen leuchteten die Wege, und aus der Marina spiegelten
sich die Lichter auf dem schwarzen Wasser.
Hugo ging noch einmal mit dem Makler zu der Wohnung. Diesmal interessierten ihn die Räume
kaum noch. Er trat beinahe sofort ans Fenster beziehungsweise hinaus, um den Blick zu sehen.
Der Makler hatte recht gehabt. Spektakulär war er nicht. Wer eine Skyline wie auf einer
Postkarte erwartete, musste eine andere Lage wählen. Man blickte auf den kleinen Yachthafen,
auf die Masten und Aufbauten der Boote und auf die Lichter, die sich im Wasser bewegten. Aber
es war schön. Ruhig. Einige der Yachten waren beleuchtet. Weiter entfernt konnte Hugo die
größeren Schiffe erkennen. In ihren Aufbauten brannten Lichter, einzelne Fenster leuchteten,
und gelegentlich bewegte sich irgendwo jemand an Deck. „Verstehen Sie jetzt, was ich meinte?“,
fragte der Makler. Hugo nickte. „Ja.“ Er sah noch einmal hinaus. „Ist nicht Downtown.“ „Nein.“
„Aber schön.“ „Anders.“ Das traf es besser. Hugo konnte sich durchaus vorstellen, abends hier zu
sitzen.
Ein Glas Wein, die Türen geöffnet, draußen die Marina. Schon verdammt schön. Und trotzdem
dachte er nicht: Das muss ich haben. Nachdem der Makler sich verabschiedet hatte, blieb Hugo
noch auf Fisher Island. Er wollte nicht sofort zurück ins Hotel. Er ging noch ein Stück über die
Anlage und setzte sich schließlich an eine Bar. Dort kam er mit zwei Frauen ins Gespräch. Mutter
und Tochter. Russinnen. Die Mutter war elegant gekleidet, offensichtlich wohlhabend und sprach
gutes Englisch. Ihre Tochter war deutlich jünger. Das Gespräch begann beiläufig. Woher er
komme, was er in Miami mache, ob er auf Fisher Island wohne. „Nein“, sagte Hugo. „Ich habe
mir heute eine Wohnung angesehen.“ Die Frau lächelte. „Dann wollen Sie kaufen.“ „Das weiß ich
noch nicht.“ „Wenn Sie das sagen, kaufen Sie nicht.“ Hugo musste lachen. „Warum wohnen Sie
hier?“ Die Frau nahm einen Schluck von ihrem Getränk. „Mein Mann hat die Wohnung gekauft.“
„Leben Sie das ganze Jahr hier?“ „Nein.
Aber sehr viel.“ Sie erzählte ihm, dass ihr Mann weiterhin regelmäßig zwischen Russland und
den Vereinigten Staaten unterwegs war. Für sie und ihre Tochter sei Florida dagegen zu einem
Rückzugsort geworden. „Warum gerade Miami?“ Die Frau überlegte einen Moment. „Weil mein
Mann möchte, dass wir hier sind.“ Hugo verstand die Antwort nicht sofort. „Wegen des
Wetters?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wegen Russland.“ Das Gespräch wurde für einen Moment
ernster. Sie erklärte ihm, dass die Situation dort noch immer unsicher sei. Wer Geld besaß,
Geschäfte machte oder zur falschen Zeit den falschen Menschen auffiel, lebte mit Risiken, über
die man in Westeuropa kaum nachdachte. Ihr Mann müsse dort sein, weil seine Geschäfte dort
seien. Aber seine Frau und seine Tochter wollte er nicht ständig diesen Unsicherheiten
aussetzen. Deshalb Fisher Island. Abgeschlossen. Bewacht. Kontrollierte Zufahrt. Menschen
konnten nicht einfach vor ihrer Haustür auftauchen.
Hugo sah sich um. Plötzlich betrachtete er die Insel noch einmal anders. Am Nachmittag hatte er
die Sicherheitsleute in ihren kleinen Fahrzeugen gesehen und vor allem gedacht, dass das eben
zu einer Anlage für reiche Leute gehörte. Für diese Familie war es offenbar mehr als eine
Annehmlichkeit. Es war einer der Gründe, hier überhaupt eine Wohnung zu besitzen. „Und Ihr
Mann?“ „Er kommt so oft er kann.“ „Gefällt ihm Russland besser?“ Die Frau lächelte. „Nein. Dort
verdient er sein Geld.“ Der Satz gefiel Hugo. Sie unterhielten sich noch eine Weile. Über Europa,
Miami, Reisen. Nichts davon war besonders bedeutend. Sie tauschten keine Telefonnummern aus
und verabredeten sich nicht wieder. Aber das Gespräch blieb Hugo im Kopf. Später brachte ihn
die Limousine zurück zum Turnberry Isle. Als Hugo im Bett lag, dachte er noch einmal an die
Wohnung. Sechshunderttausend Dollar. Er könnte es machen. Dieser Gedanke allein gefiel ihm.
Vor einigen Jahren hätte sich die Frage überhaupt nicht gestellt. Jetzt hatte ein Makler mit ihm
Wohnungen besichtigt, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass Hugo eine davon kaufen
konnte. Ein Teil von ihm war stolz darauf. Ich könnte morgen anrufen und sagen, ich nehme sie.
Aber wozu? Er war zweiundzwanzig. Er war mitten auf einer Weltreise. Er wusste noch nicht
einmal, wo er in einem Jahr leben würde. Und vor allem wollte er etwas anderes. Seine eigene
Firma. Das Geld, das er jetzt in eine Wohnung auf Fisher Island steckte, war Geld, das ihm beim
Aufbau des Unternehmens fehlte. Dazu kämen Umbau, Einrichtung, laufende Kosten – für eine
Wohnung, in der er vielleicht einige Wochen im Jahr saß. Nur damit ich sagen kann, dass ich eine
Wohnung in Miami habe. Er musste sich eingestehen, dass genau das einen Teil des Reizes
ausgemacht hatte. Auf dicke Hose machen. Dem Makler Fragen stellen, sich eine
Sechshunderttausend-Dollar-Wohnung zeigen lassen, über Innenarchitekten sprechen und so
tun, als müsse er nur noch entscheiden, welche Aussicht ihm besser gefiel.
Es hatte Spaß gemacht. Aber Spaß war kein Grund, sechshunderttausend Dollar auszugeben.
Hugo drehte sich im Bett auf die Seite. Nein. Noch nicht. Er wollte sein Geld nicht in eine
Wohnung stecken. Er wollte daraus eine Firma machen. Am Abend ließ Hugo sich noch etwas zu
trinken auf sein Zimmer bringen. Er setzte sich ans Fenster und dachte noch einmal an Fisher
Island. Sechshunderttausend Dollar für eine Wohnung. Er hätte sie kaufen können. Und genau
das hatte ihm gefallen. Vielleicht sogar mehr als die Wohnung selbst. Einen Tag lang hatte er ein
bisschen auf dicke Hose gemacht, sich herumfahren lassen, Immobilien angesehen und sich wie
jemand behandeln lassen, für den sechshunderttausend Dollar keine große Sache waren. Aber
jetzt erschien ihm das Geld plötzlich an anderer Stelle sinnvoller. Er wollte eine Firma aufbauen.
Dafür brauchte er Leute. Alexander Whitmore, Arjun Mehta und Leila Farhadi. 250.000 im Jahr
für jeden.
Fest. Kein Bonus am Anfang. Mehr Festgehalt, als sie bisher bekamen, aber insgesamt kein
Angebot, bei dem einer von ihnen sofort aufspringen musste. 750.000 im Jahr. Hugo rechnete
kurz. Das kriege ich hin. Und dieser Gedanke führt uns am nächsten Morgen direkt zu Mehta und
Farhadi. Da würde ich jetzt nicht einfach irgendein Telefonat erfinden, sondern genau an unsere
bereits festgelegte Konstellation anschließen: Steinhöfels Vorschlag mit der Research-Firma,
Hugo will die beiden zunächst als Angestellte und später gute Boni zahlen; die beiden wollen
dagegen an seinen Geschäften beteiligt werden, weil sie an ihn und seine Fähigkeiten als Analyst
glauben. Das können wir als nächsten Block ausführlich im Dialog entwickeln. Am nächsten Tag
telefonierte er mit ihnen. Nicht gemeinsam, sondern nacheinander. Das Angebot war für alle drei
dasselbe, und auch seine Erklärung änderte sich kaum. Bei Arjun entwickelte sich daraus das
längste Gespräch.
„Warum Monaco?“ „Weil ich endlich für mich selbst arbeiten will.“ „Das könntest du auch in
London.“ „Darum geht es nicht nur.“ Hugo erklärte ihm, was Steinhöfel ihm über Monaco und
die geplante Struktur gesagt hatte. „Wenn wir es richtig aufbauen, kommen wir endlich aus
dieser Steuerfessel heraus.“ Arjun lachte. „Steuerfessel.“ „Ja. Genau das ist es. Wir arbeiten wie
die Irren, verdienen das Geld und geben einen gewaltigen Teil davon wieder ab. Ich habe darauf
keine Lust mehr.“ „Und in Monaco verdienst du plötzlich alles für dich selbst?“ „Wenn Steinhöfel
das so aufbauen kann, wie er es mir erklärt hat, bleibt wesentlich mehr bei uns. Genau das ist
doch der Punkt.“ Hugo merkte selbst, wie sehr ihn dieser Gedanke inzwischen reizte. Freiheit.
Nicht mehr für eine Bank arbeiten. Nicht mehr einen großen Teil dessen, was er verdiente,
wieder abgeben. Selbst entscheiden, welche Geschäfte er machte, wen er beschäftigte und was
mit dem Geld geschah.
„Ich will morgens aufstehen und wissen: Wenn ich heute eine Million verdiene, dann habe ich
diese Million verdient. Nicht die Bank. Ich.“ „Das klingt ziemlich nach dir.“ „Natürlich klingt das
nach mir.“ „Und dafür soll ich meinen sicheren Job aufgeben?“ „Ja.“ „Für 250.000 ohne Bonus.“
„Am Anfang.“ „Und wenn es schiefgeht?“ „Dann geht es schief.“ Arjun schwieg. Hugo sagte: „Du
weißt, was ich kann. Mehr kann ich dir nicht verkaufen.“ Dann fügte er hinzu: „Und ihr müsst
euch um den Umzug nicht selbst kümmern. Claire kommt ebenfalls mit nach Monaco.“ „Claire?“
„Ja. Sie wird vor mir nach Monaco gehen und dort alles vorbereiten. Wohnung für mich,
Büroräume, Einrichtung, die Gründung – den ganzen Scheiß, mit dem ich mich nicht monatelang
beschäftigen will.“ „Und wir sollen uns dann selbst irgendeine Wohnung suchen?“ „Nein. Wenn
ihr mitkommt, kümmert Claire sich auch darum. Ihr sagt ihr, was ihr sucht und was ihr ausgeben
wollt, und sie sucht euch passende Wohnungen.“ Arjun schwieg einen Moment.
„Du hast das also schon ziemlich weit geplant.“ „Weit genug, dass ihr nicht mit zwei Koffern in
Monaco steht und erst einmal ein Hotel suchen müsst.“ Das gehörte für Hugo zum Angebot. Er
verlangte von ihnen schon genug: sichere Positionen aufgeben, London verlassen und mit ihm
etwas aufbauen, von dem keiner wusste, ob es funktionieren würde. Dann wollte er ihnen
wenigstens den praktischen Teil so einfach wie möglich machen. Claire würde ohnehin vor Ort
sein und alles organisieren. Genau das war letztlich sein stärkstes Argument. Nicht Monaco.
Nicht das Wetter. Nicht einmal die Aussicht, der Steuerfessel zu entkommen. Sie kannten Hugo.
Sie wussten, wie er arbeitete und wie gut er als Analyst war. Alexander und Leila stellte Hugo
dasselbe Angebot vor. 250.000 fest, zunächst ohne Bonus, Umzug nach Monaco und die Aussicht,
später über eine Beteiligung zu sprechen. Auch ihnen erklärte er, dass Claire vorausgehen und
den Aufbau organisieren würde.
Wer sich für Monaco entschied, konnte ihr sagen, welche Wohnung er suchte und welches
Budget er dafür vorgesehen hatte. Claire würde sich um die Vorauswahl und Besichtigungen
kümmern, damit keiner von ihnen erst wochenlang Wohnungen suchen musste. Wer irgendwann
Anteile an der Firma wollte, sollte allerdings eigenes Geld investieren. Hugo wollte keine
Partner, die nur an die Sache glaubten, solange ausschließlich sein Kapital auf dem Spiel stand.
Keiner sagte sofort zu. Sie rechneten, fragten nach und überlegten. Genau das hatte Hugo
erwartet. Er verlangte schließlich nicht, dass sie die Bank wechselten. Er verlangte, dass sie
sichere Positionen aufgaben und mit einem Vierundzwanzigjährigen nach Monaco gingen, dessen
Firma noch nicht einmal existierte. Am Ende entschieden sich Arjun Mehta und Leila Farhadi
dafür. Alexander Whitmore lehnte ab. Er glaubte durchaus, dass Hugo erfolgreich sein konnte.
Aber ihm war das Risiko zu groß. Eine gute Position, ein hohes Einkommen und eine sichere
Karriere gegen eine neu gegründete Firma in Monaco einzutauschen, ging ihm einen Schritt zu
weit. Hugo akzeptierte das. Zwei von drei waren mehr, als er vor wenigen Tagen gehabt hatte.
Und plötzlich betrachtete er die sechshunderttausend Dollar für Fisher Island mit ganz anderen
Augen. Eine Wohnung hätte ihm gezeigt, dass er Geld ausgeben konnte. Arjun und Leila konnten
ihm helfen, sehr viel mehr davon zu verdienen. Auch Michael rief Hugo an. Bei ihm war das
Angebot ein anderes. Michael war kein Analyst. Hugo brauchte ihn nicht für Research oder
Aktienbewertungen. Er wollte jemanden bei sich haben, dem er vertraute und der ihm einen Teil
der ganzen Organisation abnahm. „Komm mit nach Monaco.“ Michael lachte. „Und was soll ich
da machen?“ „Mir helfen.“ „Sehr genaue Stellenbeschreibung.“ „Den Rest finden wir schon.“
„Und dafür soll ich meine Arbeit aufgeben?“ „Ich zahle dir zehntausend im Monat.“ Jetzt wurde
Michael still.
„Zehntausend?“ „Ja.“ „Euro?“ „Euro.“ „Jeden Monat?“ „Michael, was glaubst du denn, was im
Monat bedeutet?“ „Bei dir weiß man nie.“ Hugo grinste. „Claire geht voraus und organisiert
alles. Wenn du mitkommst, sucht sie dir auch eine Wohnung. Du musst dich um den ganzen
Scheiß nicht kümmern.“ Aber Michael blieb skeptisch. „Und wenn das mit deiner Firma nicht
funktioniert?“ „Dann funktioniert es nicht.“ „Sehr beruhigend.“ „Was soll ich dir denn erzählen?
Dass ich dir eine Garantie für die nächsten zwanzig Jahre gebe?“ Genau darin unterschieden sie
sich. Für Hugo war das Risiko inzwischen etwas, das ihn reizte. Michael sah darin vor allem die
Möglichkeit, etwas Sicheres zu verlieren. Er hatte seinen Beruf im Versicherungswesen, sein
geregeltes Einkommen und wusste, woran er war. Das alles sollte er aufgeben, nach Monaco
ziehen und darauf vertrauen, dass Hugos Pläne funktionierten. Michael lehnte ab.
Hugo versuchte noch, ihm zu erklären, was ihn selbst an Monaco so begeisterte. Die Freiheit,
endlich ausschließlich für sich selbst zu arbeiten. Keine Bank mehr über sich. Und wenn
Steinhöfel die Sache so strukturierte, wie er es erklärt hatte, endlich raus aus dieser
verdammten Steuerfessel. Geld verdienen und nicht ständig das Gefühl haben, dass andere
zuerst die Hand aufhielten. Für Hugo war das inzwischen beinahe berauschend. Michael
überzeugte es trotzdem nicht. Nachdem sie aufgelegt hatten, ärgerte Hugo sich. Für einen
Moment kam ihm sogar der Gedanke, Michael gönne ihm seinen Erfolg vielleicht nicht richtig.
Kaum hatte er das gedacht, kam er sich bescheuert vor. *Das ist Michael.* Sie kannten sich seit
der Schulzeit. Natürlich gönnte er ihm den Erfolg. Michael war einfach anders als er.
Vorsichtiger. Misstrauischer. Wo Hugo inzwischen eine Chance sah, sah Michael zuerst das
Risiko.
Und wenn Hugo ehrlich war, konnte er sogar verstehen, dass sein Freund nicht wegen eines
Versprechens von zehntausend Euro im Monat sein bisheriges Leben hinschmeißen und nach
Monaco ziehen wollte. Hugo ließ es deshalb dabei.
Michael hatte Nein gesagt. Vorerst.
Claire hatte inzwischen mehrere Wohnungen besichtigt.
Als Hugo sie anrief, sagte sie:
„Ich glaube, ich habe deine Wohnung gefunden.“
„Gut.“
„Willst du nicht wissen, wie sie aussieht?“
„Doch.“
„Sie ist nicht riesig. Knapp zweiundsiebzig Quadratmeter. Wenn du reinkommst, ist links die offene Küche. Geradeaus ist der Essbereich, rechts davon das Wohnzimmer. Holzboden, große Fenster und dahinter eine überdachte Terrasse.“
„Claire.“
„Was?“
„Ist sie gut?“
„Ja.“
„Dann ist schon gut.“
„Du willst wirklich nicht mehr wissen?“
„Du hast sie gesehen. Ich nicht. Wenn du sagst, dass sie gut ist, nehme ich sie.“
Claire schwieg einen Moment.
„Du machst es dir ziemlich einfach.“
„Dafür bist du doch schon in Monaco.“
„Sehr charmant.“
Hugo lachte.
„Nimm sie.“
In Venezuela buchte Hugo weiterhin Prostituierte. Wenn er Sex wollte, bezahlte er eine Frau dafür.
Mehr Bedeutung hatte es für ihn nicht. Dass ihm dieses ständige Wechseln nicht mehr besonders
gefiel, wusste er längst. Darüber hatte er mit Hanna gesprochen, und Mariana hatte ihm gezeigt,
dass ihm eine Frau, die mehrere Tage bei ihm blieb, inzwischen wesentlich lieber war. Hinzu
kam, dass viele der Frauen, die ihm in Venezuela angeboten wurden, schon körperlich nicht
seinem Geschmack entsprachen. Sie waren ihm häufig zu kurvig, zu stark auf Hüften und Gesäß
gebaut. Bei einigen kam ein deutlich operierter Look hinzu. Auch große Brüste gefielen ihm
nicht.
Insgesamt war ihm dieser Typ Frau häufig einfach zu viel. Er buchte sie trotzdem, wenn er Sex
wollte, aber er verlor zunehmend das Interesse daran, sich immer wieder eine andere
auszusuchen. Ein paar Tage später saß Hugo allein am Strand. Er hatte nichts vor. Zum ersten
Mal seit langer Zeit störte ihn das nicht. Er sah aufs Meer und dachte darüber nach, wie lange er
eigentlich noch weiterreisen wollte. Er konnte morgen in ein Flugzeug steigen und ins nächste
Land fliegen. Danach ins nächste. Geld spielte keine Rolle, Zeit ebenfalls nicht. Er konnte diese
Reise noch Monate fortsetzen. Aber wozu? Der Gedanke überraschte ihn. Vor einigen Monaten
hätte er sofort gewusst, wohin er als Nächstes wollte. Inzwischen dachte er immer häufiger an
Europa. An Monaco. Und an Claire. Während er durch die Welt reiste, bereitete sie dort sein
neues Leben vor. Sie hatte eine Wohnung für ihn gefunden, kümmerte sich um die Büroräume
und organisierte gemeinsam mit Steinhöfel und dessen Leuten die Gründung der Gesellschaft.
Eigentlich geschah gerade genau das, worauf Hugo so lange gewartet hatte. Seine eigene Firma
entstand. Und er saß in Venezuela am Strand. Hugo musste darüber lächeln. Vielleicht war es
einfach Zeit. Er hatte die Bank nicht verlassen, um anschließend für immer durch die Welt zu
reisen. Er hatte sie verlassen, weil er nicht länger für andere arbeiten wollte. Er wollte sein
eigenes Geld verdienen, seine eigenen Entscheidungen treffen und etwas aufbauen, das ihm
gehörte. Seine Gedanken wanderten zu seinem Depot. EM.TV. Ausgerechnet EM.TV. 1,8
Millionen Euro hatte er investiert. Eine vollkommen verrückte Summe war daraus geworden.
Wenn er jetzt alles verkaufte, würde er ungefähr 329 Millionen Euro realisieren. Dazu kamen
rund 32 Millionen Euro, die er mit seinen anderen Geschäften am Neuen Markt bereits verdient
hatte. 361 Millionen Euro. Hugo sah wieder aufs Meer. Mit vierundzwanzig Jahren. Er konnte
EM.TV natürlich behalten.
Vielleicht stieg die Aktie weiter. Vielleicht wurden aus 329 Millionen vierhundert Millionen.
Vielleicht fünfhundert. Vielleicht noch mehr. Bis zu diesem Moment hatte Hugo fast immer so
gedacht. Wenn etwas gut lief, ließ man es laufen. Doch jetzt stellte er sich zum ersten Mal eine
andere Frage. Wofür? Was konnte er mit fünfhundert Millionen tun, das er mit 361 Millionen
nicht tun konnte? Er konnte Monaco finanzieren. Er konnte Mitarbeiter einstellen und ihnen
Gehälter zahlen, bei denen niemand darüber nachdenken musste, ob er für ein paar Tausend
Euro mehr zu einer anderen Firma wechselte. Er konnte Büros bezahlen. Technik. Reisen.
Anwälte. Berater. Er konnte investieren. Und vor allem konnte seine Firma jahrelang Verluste
machen, ohne dass irgendeine Bank darüber entschied, ob sie noch existieren durfte. Niemand
würde ihm sagen können, dass für eine Idee kein Budget vorhanden war. Niemand würde ihm
vorschreiben können, welches Risiko er eingehen durfte.
Niemand würde ihm sein eigenes Unternehmen wegnehmen können, nur weil ein Kredit fällig
wurde. Das war die Freiheit, die er gewollt hatte. Und plötzlich begriff Hugo, dass er sie längst
hatte. Er brauchte keine fünfhundert Millionen. Er brauchte auch keine Milliarde. Er hatte
genug. Mehr als genug. Warum also etwas aufs Spiel setzen, das sein gesamtes zukünftiges
Leben finanzieren konnte, nur um eine noch größere Zahl auf einem Depotauszug zu sehen?
Nicht gierig werden. Hugo blieb noch eine Weile am Strand sitzen. Der Gedanke verschwand
nicht. Im Gegenteil. Je länger er darüber nachdachte, desto selbstverständlicher erschien ihm die
Entscheidung. Als er später in sein Hotel zurückkehrte, nahm er das Telefon und rief seinen
Banker an. „EM.TV.“ „Was ist damit?“ „Verkaufen.“ Kurze Stille. „Wie viel?“ „Alles.“ „Die
gesamte Position?“ „Ja.“ „Hugo, weißt du, über welche Summe wir sprechen?“ „Deshalb rufe ich
an.“ Wieder wurde es still.
„Alles?“ „Alles.“ Als das Gespräch beendet war, legte Hugo den Hörer neben sich. Jetzt war es
entschieden. Kein Buchgewinn mehr. Kein Hoffen darauf, dass morgen noch eine größere Zahl
auf dem Papier stand. Rund 329 Millionen Euro aus EM.TV. Zusammen mit dem Geld, das er
bereits verdient hatte, ungefähr 361 Millionen. Real. Hugo nahm das Telefon noch einmal in die
Hand. Diesmal rief er Claire an. Claire ging nach dem zweiten Klingeln ans Telefon. „Hugo?“ „Ich
habe gerade EM.TV verkauft.“ „Was heißt verkauft?“ „Alles.“ „Die ganze Position?“ „Ja. Rund
329 Millionen. Mit dem anderen Geld habe ich jetzt ungefähr 361 Millionen.“ Am anderen Ende
war es still. „Claire?“ „Das ist völlig verrückt.“ Hugo musste lächeln. „Du bist vierundzwanzig
und hast 361 Millionen Euro.“ „Ja.“ „Und mehr fällt dir dazu nicht ein?“ „Doch.“ „Was?“ „Es
reicht.“ „Es reicht?“ „Für das, was wir vorhaben.“ Claire schwieg wieder.
„Wir?“ „Ja. Wir.“ „Hugo, das ist dein Geld.“ „Ich weiß. Aber wir bauen damit etwas auf.“ Diesmal
hörte er sie lachen. „Du bist vollkommen verrückt.“ „Dann können wir ja anfangen.“ „Das
konnten wir vorher auch.“ „Jetzt können wir es richtig.“ Nachdem sie aufgelegt hatten, rief Hugo
Mehta und Farhadi an. Beiden sagte er nur, dass sie loslegen konnten. Alles andere war längst
besprochen. Danach rief er Whitmore an. „Seit unserem letzten Gespräch hat sich etwas
geändert.“ „Was?“ „Ich habe EM.TV verkauft. Mit dem restlichen Vermögen sind es jetzt
ungefähr 361 Millionen Euro.“ Stille. „Dreihunderteinundsechzig Millionen?“ „Ja.“ „Das
verändert die Sache.“ „Deshalb rufe ich an.“ Whitmore schwieg kurz. „Gut. Ich bin dabei. Aber
erst nach meiner Kündigungsfrist.“ „Damit kann ich leben.“ „Ein paar Monate.“ „Wir warten auf
dich.“ Damit war auch Whitmore dabei. Hugo buchte seinen Rückflug nach Europa und rief
Claire noch einmal an.
„Ich komme.“ „Wann?“ „Übermorgen.“ Kurze Stille. „Endlich.“ „Freust du dich?“ „Frag mich
noch mal, wenn du da bist.“ Hugo lachte. „Bis übermorgen, Claire.“ „Bis übermorgen, Hugo.“ Er
legte auf. Die Reise war vorbei. Jetzt konnte es anfangen.
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K 1019
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