# Kapitel 10 — Die andere Seite des Tisches

Der Flug von Nizza nach London dauerte gut zwei Stunden.

Hugo saß am Fenster. Auf dem Sitz neben ihm lag eine Zeitung, die Stewardess hatte sie beim Start hingelegt, und Hugo hatte sie seitdem nicht ein einziges Mal aufgeschlagen. Sie lag dort, gefaltet, das Papier glatt und kühl, ein Gegenstand aus einer Welt, in der Menschen während eines Flugs Zeitung lasen.

Draußen lag unter dem Flügel das Meer, dann Küste, dann die Alpen, grau und fern. Das Triebwerk summte in einem gleichmäßigen Ton, und die Kabine roch nach Kaffee und nach dem Parfüm der Frau zwei Reihen vor ihm. Alles war ruhig. Alles war normal.

Hugo spürte mit der Zunge eine Stelle an der Innenseite seiner Wange.

Mit der Zunge fuhr er zum hundertsten Mal darüber. Sie brannte noch leicht, wenn er darüberfuhr. Ein Biss, den er sich beim Essen geholt hatte, zwei Tage alt, selbst verschuldet, nichts weiter. Im Restaurant war er nicht einmal daran zurückgedacht. Jetzt konnte er an nichts anderes mehr denken.

Weil der Biss im Mund war.

Und weil sein Mund an diesem Wochenende überall gewesen war.

Zunächst versuchte er, den Gedanken abzuwehren, so wie man eine fremde Tür zuschließt. Kondom, sagte er sich. Beim Geschlechtsverkehr hatte er ein Kondom benutzt. Er hatte darauf geachtet, wie immer, seit Samenschleuder ihm beigebracht hatte, dass man ein benutztes Kondom nie einer anderen Person überließ. Für einige Sekunden funktionierte das. Sein Atem wurde ruhiger. Die Stewardess kam mit dem Getränkewagen vorbei, und Hugo bestellte ein Wasser, und für die Dauer des Bestellens war die Welt in Ordnung.

Dann kam die Erinnerung an alles, was vor dem Kondom gewesen war.

Er hatte beide Frauen geküsst. Lange. Er hatte beide mit der Zunge befriedigt. Er war mit seinem Mund an ihrem Anus gewesen, an der Brünetten, und sie hatte es ihm entgegengestreckt wie eine Aufforderung, und er hatte gedacht, dass diese Nacht alles enthielt, was er sich in Frankfurt und London hatte erklären lassen, nur schneller und ohne die Umwege. In dieser Nacht war ihm kein einziger Gedanke durch den Kopf gegangen. Nicht einer.

Jetzt wusste er erschreckend wenig.

Er wusste nicht, was tatsächlich gefährlich war und was nicht. Ob es reichte, was er getan hatte. Ob die kleine Wunde in seiner Wange, die jetzt unter seiner Zunge lag, irgendetwas bedeutete oder nichts. Gerade weil er es nicht wusste, baute sich in seinem Kopf eine Kette zusammen, Glied für Glied, jede Verbindung möglich, keine davon ausgeschlossen. Mund. Zunge. Wunde. Blut. Die Frauen. Das Wochenende. Der Biss, der vielleicht gar kein Biss war.

*Was hast du da gemacht?*

Der Gedanke war nicht tröstlich. Er war aggressiv. Er verfluchte nicht nur die Entscheidung, die beiden Frauen angesprochen zu haben, sondern den Trieb selbst, dieses ständige, ununterbrochene Verlangen nach Frauen und Sex, das manchmal so stark wurde, dass alles andere dahinter verschwand. Zahlen, Analysen, Vorsicht, alles. Mit der Angst im Bauch kam es ihm beinahe vor, als habe sein Körper an diesem Abend in Cannes entschieden und sein Kopf nur zugesehen.

*Was, wenn dich genau das das Leben kostete?*

Er starrte auf die Wolken unter dem Flügel. Draußen war es hell und friedlich, und im Bauch saß etwas Kaltes, das sich langsam ausbreitete.

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In dieser Nacht schlief Hugo kaum.

Sobald er die Augen schloss, kamen dieselben Bilder zurück: die beiden Frauen, sein Mund, seine Zunge, die Dunkelheit der Suite und das Meer durch die offene Balkontür. Er versuchte, sich einzureden, dass wahrscheinlich nichts passiert war. Dass Tausende Männer so etwas taten. Dass das Risiko gering war.

*Woher willst du das wissen?*

Sein eigener Kopf antwortete ihm sofort, jedes Mal. Es gab keine Zahl, die die Frage beantwortete. Keine Bilanz, keinen Kurs, keine Wahrscheinlichkeit, der er sich anvertrauen konnte. In seinem Berufsleben gab es zu jeder Frage entweder eine Zahl oder die ehrliche Anerkennung, dass es sie nicht gab. Hier gab es beides nicht.

Gegen Morgen war die Angst stärker als während des Fluges. Seine Hände zitterten leicht, wenn er sie auf die Bettdecke legte. Sein Magen war verkrampft und hart. Er stand auf, lief durch die Wohnung, setzte sich an den Küchentisch, stand wieder auf. In Belvedere Court war es still. Die Heizung tickte. Irgendwo in der Wand bewegte sich Wasser in einem Rohr.

Er versuchte zu lesen, einen Geschäftsbericht, den er noch aus Cannes mitgenommen hatte, und nach wenigen Zeilen wusste er nicht mehr, was er gelesen hatte. Die Worte standen da, und er sah ihnen dabei zu, wie sie an ihm vorbeigingen.

Kurz nach sieben klingelte das Telefon.

Svenja. Hugo sah eine Weile auf den Apparat, bevor er abhob.

„Hallo."

„Du klingst, als hättest du auf dem Meer geschlafen."

„Bin spät nach Hause gekommen."

„Deshalb rufe ich ja auch erst jetzt an. Ich wollte mit Christina zu dir. Übers Wochenende."

Hugo hatte sich auf das Wochenende gefreut. Die Vorstellung, die Kleine auf dem Arm zu haben, Svenja in seiner Küche, etwas Vertrautes in der Wohnung. Jetzt dachte er nur: *Ich könnte krank sein.*

„Das Wochenende ist schlecht", sagte er. „Ich habe noch viel zu tun."

„Dann eben in zwei Wochen."

Hugo rechnete sofort. Er wusste nicht, wie lange ein Test dauerte. Zwei Wochen plus zwei bis drei Wochen für ein Ergebnis. Bis dahin musste zumindest ein erstes Testergebnis vorliegen. Dann würde er wenigstens etwas wissen. Er glaubte einen Moment lang, dass ihn das beruhigen würde.

„Lieber in vier Wochen", sagte er.

Am anderen Ende der Leitung wurde es still.

„Hugo. Was ist los?"

„Nichts."

„Du klingst nicht nach nichts."

Er dachte an Christina. An ihre winzige Hand um seinen Finger im Krankenhaus. Er wusste in diesem Moment selbst nicht genau, was gefährlich war und was nicht. Er wusste nur, dass er nicht wollte, dass Svenja und die Kleine in seiner Nähe waren, bevor er wusste, dass mit ihm alles in Ordnung war.

„Es ist wirklich nichts", sagte er. „Die Arbeit ist gerade anstrengend."

„Du lügst schlecht, wenn du müde bist. Das weißt du."

„Dann bin ich eben müde."

Svenja seufzte. „Du machst mir gerade ein bisschen Sorgen."

„Musst du warten", sagte Hugo und hörte selbst, wie unfreundlich es klang.

„Sagst du das ernst?"

„Ja."

Er behauptete, sicher zu sein, obwohl er alles andere als sicher war. Er konnte seiner Schwester nicht sagen: *Ich glaube, ich könnte HIV haben.* Er konnte es niemandem sagen. Der Satz war zu groß, um ihn auszusprechen, und zu konkret, um ihn zu denken.

Nach dem Gespräch stand Hugo eine Weile im Flur. Dann wusste er, dass er so nicht ins Büro fahren konnte. Nicht in diesem Zustand. Er brauchte eine Antwort. Etwas Handfestes, einen Termin, eine Zahl, irgendetwas, das man abhaken konnte.

Er suchte einen Arzt auf, einen Internisten in der City, den er aus dem Telefonbuch nahm. Schon während der Fahrt zitterten seine Hände am Lenkrad. Er versuchte, ruhig zu atmen, vier Sekunden ein, vier Sekunden aus, und schaffte es zweimal.

Die Praxis lag in einem verwinkelten Altbau, die Wartekam roch nach Desinfektionsmittel und altem Holz. Eine ältere Frau mit einem Husten saß gegenüber und las in einer Illustrierten. Hugo starrte auf den Tisch zwischen ihnen, auf eine Ausgabe eines Reisemagazins, auf dem eine Bucht in türkisblauem Wasser zu sehen war. Er dachte an Cannes und wandte den Blick ab.

Beim Arzt erzählte er es. Er brachte die Sätze heraus, stockend, ohne Details, die nicht nötig waren. Einmal in Frankreich. Zwei Frauen. Kondom beim Verkehr. Küssen. Oralverkehr. Er nannte es so sachlich wie möglich, und der Arzt, ein dürrer Mann mit grauem Bart und müden Augen, stellte nur einige wenige Fragen, nickte und ließ sich Blut abnehmen. Hugo spürte die Nadel, und für den kurzen Moment, in dem sie in seinem Arm steckte, war die Angst durch etwas anderes ersetzt: durch die Gewissheit, dass nun etwas geschah.

„Wann bekomme ich das Ergebnis?", fragte er.

„In zwei bis drei Wochen."

Hugo nickte. In zwei bis drei Wochen würde er wissen, ob er sich angesteckt hatte. Er stand schon auf, als er die Frage stellte, die ihm wichtiger war als alle anderen.

„Und wenn es negativ ist?"

„Nein", sagte der Arzt.

Das Wort traf Hugo härter als alles andere an diesem Morgen.

Der Arzt erklärte es ihm, mit jener geduldigen Langsamkeit, mit der man einem Kind etwas erklärt. Ein negatives Ergebnis jetzt, nur wenige Tage nach dem Kontakt, sage noch nichts aus. Der Körper brauchte Zeit. Für einen Kontakt dieser Art brauchte es Monate, bis ein Test verlässlich war. In Hugos Kopf entstand daraus sofort eine Zahl: sechs. Sechs Monate, bis er die Sache für sich endgültig abhaken konnte. Ein halbes Jahr, in dem er nicht wissen würde, ob in seinem Körper etwas war, das sein ganzes Leben verändern konnte.

Der Satz *sechs Monate* blieb bei ihm. Er begleitete ihn aus der Praxis, die Treppe hinunter, auf die Straße.

„Und wenn ich es habe?", fragte Hugo, noch in der Tür.

Der Arzt sah ihn an. „Dann haben Sie es."

Er sagte es nicht grausam. Er sagte es, wie man einen Befund sagt. Hugo kannte HIV und AIDS bisher aus Berichten. Aus Bildern. Aus Menschen, die abgemagert waren und starben. Es waren immer andere gewesen, immer fern. Jetzt konnte es ihn selbst treffen.

„Aber AIDS kann man nicht heilen", sagte Hugo.

„Nein."

Der Arzt fragte ihn nach seinem Sexualleben. Hugo sagte, er habe keine Freundin. Wechselnde Frauen. Es war ihm unangenehm, und er sagte zunächst nur: „Ich treffe mich mit Frauen."

Der Arzt machte ihm deutlich, was das bedeutete. Solange die Sache nicht geklärt sei, müsse Hugo davon ausgehen, dass er andere gefährden könne. Wenn er Sex habe, solle er es vorher sagen.

„Und mit Kondom?", fragte Hugo.

„Das Kondom ist das Minimum. Es reicht nicht als einzige Maßnahme, solange Sie nicht wissen, wo Sie stehen."

„Und wenn ich es nicht sagen will?"

„Dann schlafen Sie nicht mit ihr."

Hugo wurde wütend. Heiß und sofort. Er wusste überhaupt nicht, ob er HIV hatte. Nichts war bewiesen. Nichts war sicher. Er stand da, mit noch nicht einmal einem Testergebnis, und wurde behandelt wie eine Gefahr.

„Sie sagen das, weil Sie es nicht wissen", sagte er.

„Genau deshalb", sagte der Arzt. „Weil Sie es nicht wissen."

Er machte keine Ausnahme. Hugo fragte schließlich: „Und wenn es eine Prostituierte ist?"

Der Arzt sah ihn einen Moment an. „Dann gilt dasselbe."

Der Satz, der Hugo danach verfolgte, lautete: *Dass Sie von mir keine Erlaubnis bekommen, jemanden zu gefährden.*

Auf dem Flur vor der Praxis bekam er kaum Luft. Herzrasen, zitternde Hände, Druck auf der Brust. Er stützte sich an der Wand ab und atmete, vier Sekunden ein, vier Sekunden aus, bis es vorbei war. Eine Krankenschwester ging an ihm vorbei und warf ihm einen kurzen Blick zu. Er tat so, als suche er etwas in seiner Jackentasche.

Draußen kreisten seine Gedanken. Er war wütend. Auf Cannes, auf die beiden Frauen, auf den Arzt, und je länger er darüber nachdachte, desto mehr auf sich selbst. Andere Männer machten solche Dinge ständig. Edward und seine Händler erzählten von Frauen, als sei das vollkommen normal, und keiner von ihnen stand danach auf dem Flur einer Arztpraxis und kämpfte um Luft. Aber das half Hugo nichts. Er war hingegangen. Er hatte die Frauen angesprochen. Er hatte es getan.

Und das Beunruhigendste daran war: Er wollte es noch immer.

Die Angst hatte sein Verlangen nicht getötet. Sie lag nur darüber, wie eine dicke Decke über etwas, das darunter weiterbrannte.

Hugo verglich die Situation unwillkürlich mit seiner beruflichen Welt, weil das die einzige Welt war, in der er sich sicher fühlte. Eine Bilanz konnte er prüfen. Ein Unternehmen konnte er auseinandernehmen. Einen Kurs konnte er absichern. Geld konnte man einsetzen, um Risiken zu begrenzen. Hier funktionierte nichts davon. Er wusste nicht, was in seinem Körper passierte, und er konnte sich keine sofortige Gewissheit kaufen. Nicht für Geld, nicht für Arbeit, nicht für irgendetwas.

Ein halbes Jahr.

Und dann, immer wieder, die Frage, die in den nächsten Monaten zurückkehren würde wie ein Refrain:

*Was, wenn ich HIV habe?*

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Drei Tage später saß Hugo wieder in der Bank.

Er hatte nichts davon gezeigt. Er hatte gelernt, nichts davon zu zeigen. Morgens zog er den Maßanzug an, und der Maßanzug hielt zusammen, was der Mann darunter nicht hielt. Er las Geschäftsberichte, schrieb Analysen, sprach mit Händlern, und niemand in der Bank bemerkte, dass der junge Deutsche, der ihnen in den letzten Monaten Millionen verdient hatte, nachts kaum schlief und sich sein Körper wie ein fremdes Land anfühlte.

Claire stand an seinem Schreibtisch und hielt eine Mappe in der Hand. Seine Software-Analyse, die er vor Cannes abgegeben hatte. Edward hatte sie ihr zum Archivieren gegeben, und auf dem Weg hatte sie sie gelesen.

„Edward hat gesagt, es sei die beste Analyse, die ihm seit Jahren untergekommen ist", sagte Claire. „Von jemandem, der erst seit neun Monaten hier ist." Sie zögerte kurz. „Und er hat gesagt, Sie seien einer der fähigsten Analysten, mit denen er je gearbeitet hat."

Hugo hörte die Worte, und zunächst geschah in ihm nichts. Dann spürte er es körperlich. Etwas Lösendes in der Brust, warm, ganz nah an dem Gefühl, das er kannte, wenn eine Position ins Lief lief. Er sah zu, dass er es nicht zeigte. Aber es bedeutete ihm etwas. Es bedeutete ihm mehr, als er zugab.

Er war nicht mehr der Junge, der zufällig in London hereingeschneit war. Er hatte sich etwas erarbeitet. Das wusste er längst. Aber zwischen Wissen und Gehörtwerden lag ein Unterschied, und dieser Satz überbrückte ihn.

Tief in ihm wusste Hugo, dass er solche Worte eigentlich von einem anderen Mann hätte hören wollen. Von seinem Vater in Hamburg, der sie ihm nie gegeben hatte. Der *Auch ein blindes Huhn* gesagt hatte zu einem Jungen, der einen Fehler gefunden hatte, und nie etwas gesagt hatte zu einem Mann, der einer Bank Millionen verdient hatte.

Edward lobte ihn nicht aus Zuneigung. Edward sagte es, weil es für ihn eine Tatsache war. Und gerade deshalb bedeutete es Hugo so viel. Worte, die man aus Zuneigung sagt, kann man vergessen. Worte, die jemand sagt, weil er sie nicht verhindern kann, nicht.

Claire lächelte ihn wirklich an. Nicht das professionelle Lächeln, mit dem sie Telefonate beendete.

„Willkommen zurück, Herr Voss."

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In seinem Büro lief in diesen Wochen alles hervorragend. Privat wusste er nicht, ob er gerade sein Leben zerstörte. Die beiden Dinge liefen nebeneinander, und Hugo beobachtete sie manchmal mit der trockenen Faszination eines Mannes, der zwei Kurse auf dem Bildschirm verfolgt, von denen einer steigt und einer fällt, ohne dass er an beiden gleichzeitig etwas ändern kann.

Die folgenden Monate ordneten sich um die Termine. Alle zwei Monate flog er nach Frankfurt: Depot, Finanzierungen, Unterlagen, Unterschriften. Claire begleitete ihn auf den Flügen, wenn organisatorische Dinge seine Anwesenheit erforderten. Wenn er anschließend nach Hamburg weiterreiste, zu seiner Familie, blieb Claire in London oder flog zurück. Hugo flog später direkt von Hamburg nach London. Die Abläufe blieben, was sie immer gewesen waren. Nur der Mann, der sie durchlief, war ein anderer.

Er arbeitete. Das half am meisten. Wenn er las und rechnete, waren die Bilder aus Cannes weit weg. In den Pausen kamen sie zurück.

Er beobachtete seinen Körper wie einen Aktienkurs. Eine Erkältung wurde zum Ereignis. Ein roter Fleck auf dem Unterarm. Eine Nacht, in der er schwitzte. Jedes harmlose Zeichen konnte in seinem Kopf plötzlich Bedeutung bekommen, und er hasste sich dafür, aber er konnte nicht aufhören. Er dachte an die sechs Monate. Er dachte an die beiden Frauen. Er dachte an den Arzt und an den Satz mit der Erlaubnis, die er nicht bekommen hatte.

Nach einigen Wochen kam das erste Ergebnis.

Hugo saß im Labor und hielt das Papier, und spürte Erleichterung, die echt war und trotzdem nicht reichte. Für den Kontakt, der erst wenige Wochen zurücklag, war das noch keine Entwarnung. Der Arzt hatte es ihm so gesagt, und er hatte es verstanden. Die Erleichterung hielt zwei Tage. Dann war die Angst wieder da, leiser, aber nicht weg.

Er schlief in dieser Zeit mit keiner Frau. Das war wichtig, und er hielt es durch, ohne dass es ihm leicht gefallen wäre. Sein Trieb verschwand nicht. Genau das machte die Situation für ihn so zusätzlich absurd. Er stand nachts in seiner Küche und trank ein Glas Wasser und wusste, dass er nichts durfte, und wollte es trotzdem. Das Verlangen war unverändert da, nur ohne Adresse, ohne Ventil, und es schleuderte sich gegen die Wände, die er selbst hochgezogen hatte.

Nach weiteren Monaten, nach dem letzten vereinbarten Kontrollpunkt, war die Sache für Hugo erledigt. Der Arzt sagte es in demselben sachlichen Ton, und diesmal reichte es. Sechs Monate nach Cannes war die Angst zu Ende, so plötzlich und vollständig, wie sie gekommen war.

Hugo trug sie nicht weiter. Er trug vieles mit sich, aber nicht das. HIV und AIDS kehrten in den Bereich zurück, aus dem sie gekommen waren: die Welt der anderen, der Fernsehbilder, der Menschen, die er nicht kannte. Er hatte ein halbes Jahr seines Lebens mit einer Angst verbracht, die niemand um ihn herum gekannt hatte, und dann war sie vorbei, und er sprach nie wieder darüber. Er schrieb sie nicht auf, nicht einmal in Gedanken. Es war geschehen, und es war vorbei.

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Parallel zu all dem richtete sich sein Blick in diesen Monaten immer deutlicher auf Technologie.

Zunächst Software, dann Internet, dann Medien, Telekommunikation, Unternehmen, deren Geschäftsmodelle überhaupt erst durch die Digitalisierung möglich wurden. Hugo hatte Glück gehabt, sehr früh gerade diesen Bereich gewählt zu haben. Er sagte es sich selbst so ehrlich wie möglich: Er hatte eine gute Entscheidung getroffen, und die Welt war ihm ein Stück weit entgegengekommen. Beides war wahr, und nur eines davon lag an ihm.

Wenn er Geschäftsberichte las, verlor er das Zeitgefühl. Was ihn faszinierte, war, dass diese Unternehmen noch nicht von allen Analysten gleichermaßen beobachtet wurden. Die Zahlen standen da, aber niemand hatte sie in dieselbe Ordnung gebracht. Hugo suchte nicht nur Umsätze und Gewinne. Er untersuchte die Geschwindigkeit, mit der sich neue Technologien verbreiteten. Die Skalierbarkeit der Geschäftsmodelle. Die tatsächliche wirtschaftliche Substanz hinter den Prognosen. Und er suchte den Unterschied zwischen wirklichem Potenzial und bloßer Euphorie, jene Kluft, in der Geld verdient und verloren wurde.

Im Verlauf des Jahres 1997 erkannte er immer deutlicher, dass es nicht um einige interessante Firmen ging. Es ging um eine Veränderung, die ganze Branchen erfassen würde.

Edward gab ihm immer wichtigere Unternehmen und größere Verantwortung. Auf Grundlage von Hugos Analysen bewegte die Bank erhebliche Summen. Edward lobte selten ausdrücklich. Hugo lernte, seine Wertschätzung an dem abzulesen, was ihm anvertraut wurde. Die Aufgaben. Die Summen. Die Unternehmen, deren Namen vorher nur Edwards eigene Analysten zu Gesicht bekommen hatten.

Dabei entstand in Hugo der Vergleich, den er nicht gesucht hatte.

Sein Vater hatte jeden Fehler gesehen und die Erfolge für selbstverständlich gehalten. Edward sah Hugos Erfolge und schien seine Fehler kaum mehr zu registrieren, sobald sie vorbei waren. Hugo fragte sich manchmal, welche Form von Blindheit ihm eigentlich unangenehmer war.

An der Jahreswende 1996/97 betrug sein Vermögen ungefähr 2,64 Millionen Euro.

Der größte Teil lag weiterhin in sorgfältig ausgewählten Einzelaktien. Die Bank stellte ihm gegen die Wertpapiere einen Kredit von zunächst ungefähr 510.000 Euro zur Verfügung. Die Beleihungsgrenze betrug zweiundvierzigeinhalb Prozent und wuchs mit dem Depotwert. Auch das geliehene Kapital investierte Hugo. Dadurch verdiente er stärker, als es mit dem eigenen Kapital allein möglich gewesen wäre. Gehalt und einen erheblichen Teil seines Bonus verbrauchte er für sein Leben in London. Der Rest arbeitete.

Die 2,64 Millionen veränderten etwas in ihm. Er versuchte, die Summe mit dem Leben seiner Eltern zu vergleichen. Sein Vater hatte in Jahrzehnten nicht annähernd solche Summen verdient. Seine Mutter hatte Pfennigbeträge auf Sparbücher gelegt und dabei geweint, wenn etwas Unvorhergesehenes war. Für Hugo waren 2,64 Millionen irgendwann nicht mehr einfach eine Zahl. Es war ein Maßstab. Ein Abstand. Zu Hamburg, zu seiner Familie und zu dem Jungen, der früher an der Bushaltestelle auf Nina gewartet hatte.

Gelegentlich fragte er sich, ob dieser Abstand ihn sicherer machte oder lediglich einsamer. Er fand keine Antwort, die ihn zufriedenstellte.

Das Vermögen veränderte auch sein Verhältnis zur Bank. Das Gehalt war längst nicht mehr der Grund, morgens in die City zu fahren. Die Bank bot ihm etwas anderes: Informationen, Zugang und die Nähe zu Menschen, die Märkte bewegten. Darin lag ein Widerspruch, den Hugo spürte, sobald er lange genug darüber nachdachte. Er besaß Millionen und war finanziell zunehmend unabhängig. Beruflich hing er noch immer an einer Organisation, deren Aufträge er brauchte, deren Etage er betrat und deren Name auf seiner Visitenkarte stand.

Bis Ende Dezember 1997 investierte Hugo insgesamt rund 1,8 Millionen Euro in EM.TV. Der auf die spätere Aktienstruktur zurückgerechnete Vergleichskurs betrug ungefähr 0,38 Euro je Aktie, entsprechend rund 4,7 Millionen Aktien in der späteren Zählung. EM.TV war ausdrücklich nicht seine einzige Position. Er investierte und handelte auch andere Werte des Neuen Marktes, mit Erfolg. Diese anderen Geschäfte waren wichtig, auch wenn er das damals nicht so formulieren konnte: Der spätere Unterschied zwischen dem Erlös aus EM.TV und seinem gesamten Vermögen würde genau daraus bestehen.

Seine Grundthese war einfach. Die Deutschen begannen sich stärker für Aktien zu interessieren. Der Neue Markt konnte deshalb enorme Kapitalzuflüsse erleben. Technologie-, Medien- und Wachstumsunternehmen könnten Bewertungen erreichen, die kurz zuvor kaum vorstellbar gewesen waren. Ob er recht behielt, wusste er nicht. Er wusste nur, dass er früh genug drin war, um es herauszufinden.

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Die drei aus dem The Corinthian wurden in diesem Jahr zu einem festen Bestandteil seines Lebens.

Farhadi, Mehta und Whitmore waren keine neuen Bekannten mehr. Aus gelegentlichen Begegnungen war ein regelmäßiger Kreis geworden. Sie aßen zusammen, sahen sich häufig im The Corinthian, gingen gelegentlich ins Theater oder auf Konzerte. Die Gespräche wurden persönlicher, aber sie blieben fast immer bei den Märkten, den Unternehmen und dem Geld. Das war der Boden, auf dem sie sich verstanden.

Whitmore erkannte schnell, welchen Frauentyp Hugo bevorzugte, und machte sich darüber lustig. Er redete dabei gern verklausuliert übers Essen und fragte Hugo beispielsweise, ob er nicht einmal chinesisch oder vietnamesisch probieren wolle, obwohl er genau wusste, dass das nicht auf Hugos persönlicher Speisekarte stand. Er behauptete, Hugos Frauen sähen trotz verschiedener Gesichter und Nationalitäten erstaunlich ähnlich aus. Schlank, ähnlich proportioniert, möglichst dieselbe Mitte.

Hugo ärgerte sich darüber. Und unter dem Ärger steckte etwas, das ihn überraschte: Sie machten sich über ihn lustig, weil sie ihn akzeptierten. So machte man sich nicht über einen Fremden lustig. Man machte sich über jemanden lustig, den man für einen der eigenen hielt.

Fachlich waren die drei Gegenpole, an denen Hugo sich reiben konnte. Mehta verstand Technologieunternehmen, Wachstumswerte und neue Geschäftsmodelle besonders schnell. Farhadi zwang Hugo dazu, seine schnellen Einsichten mit Zahlen und langfristigem Unternehmenswert zu belegen, bevor er sie aussprach. Und Whitmore dachte unmittelbar darüber nach, was man mit einer Situation praktisch anfangen konnte: investieren, übernehmen, restrukturieren, aufspalten oder später gegen eine Aktie absichern. Hugo lernte durch sie mehr als durch jede einzelne Analyse, die er schrieb.

Gleichzeitig warnten sie ihn. Nicht gemeinsam, nicht koordiniert, aber alle drei, jeder auf seine Weise.

Es war an einem Abend im The Corinthian, an einem der Tische hinten, als Farhadi es aussprach. Die Musik war lauter geworden, die Gespräche an den anderen Tischen hatten sich verlagert.

„Du bist außergewöhnlich gut, Hugo", sagte sie. „Aber du schwimmst in einem Markt, der dir entgegenkommt."

„Die Analysen stimmen", sagte Hugo.

„Die Analysen stimmen", sagte Farhadi. „Und trotzdem steigen viele Aktien gerade ohnehin. Der Markt trägt fast alles mit sich. Das ist keine Kritik an dir. Es ist eine Erinnerung an die Bedingungen."

Mehta nickte. „Wenn die Flut zurückgeht, weißt du, wer ohne Badehose dasteht."

„Ihr redet, als würde ich das nicht wissen."

„Du weißt es", sagte Farhadi. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob du es dir jeden Abend vor Augen hältst."

Diese Bemerkung beschäftigte ihn stärker, als er es ihr zeigte. Nachts lag er manchmal wach und fragte sich, wie viel seines Erfolgs wirklich ihm gehörte und wie viel dem Markt. Der Gedanke war schwer zu ertragen. Er ließ ihn nicht los, und er wollte ihn auch nicht loslassen. Diese Unsicherheit war nützlich. Sie hielt ihn wacher als jede Konkurrenz.

Eines Abends, im The Corinthian, nachdem die Musik lauter geworden war und die Gespräche an den anderen Tischen sich verlagert hatten, legte Hugo den dreien zum ersten Mal Gedanken vor, die er noch nicht einmal für sich selbst zu Ende gedacht hatte.

In Amerika sah er, wie Kapital, technologische Ideen und junge Gründer aufeinandertrafen. Unternehmen entstanden, bevor irgendein Geschäftsbericht sie kannte, und gingen an die Börse, bevor die alten Regeln sie einordnen konnten. Hugo wollte langfristig nicht mehr darauf warten, dass ein Unternehmen groß genug für die Börse geworden war.

Er wollte vorher drin sein.

„Eine spätere Gesellschaft könnte mit eigenem Kapital junge Unternehmen beteiligen", sagte er. „Langfristig könnten Büros an wichtigen Standorten entstehen. Silicon Valley. Boston. New York. Möglicherweise später Asien. Mitarbeiter, die Kontakte zu Hochschulen und Universitäten pflegen. Und die Gesellschaft müsste bekannt genug werden, damit Gründer mit guten Ideen von selbst zu ihr kommen."

Während er sprach, sah er die Büros bereits vor sich. Nicht als Pläne. Als Räume. Tische, Glas, junge Männer und Frauen, die Laptops aufklappten und ihm ihre Unternehmen erklärten, weil sie wussten, wer er war.

Unter dieser Vorstellung lag wieder sein Vater.

Hugo erinnerte sich, wie sich die Stimme seines Vaters veränderte, sobald ein wichtiger Kunde anrief. Dieses leichte Absinken, diese plötzliche Freundlichkeit, die nichts mit dem Mann zu tun hatte, der am Küchentisch saß. Sein Vater war formell selbstständig gewesen und trotzdem nicht frei. Er war abhängig von Kunden, und Hugo hatte erlebt, wie diese Abhängigkeit das Verhalten seines Vaters formte, Satz für Satz.

Hugo wollte ein Unternehmen, bei dem niemand am anderen Ende der Leitung diese Macht über ihn hatte.

„Eure Rechnung geht nicht auf", sagte Farhadi, nachdem sie ihn ausreden ließ. Ihr Blick war freundlich und unbewegt zugleich. „Von fünf jungen Unternehmen scheitern drei."

„Das weiß ich."

„Dann rechne noch einmal."

„Ich habe gerechnet", sagte Hugo. „Wenn zwei außergewöhnlich erfolgreich werden, gleichen sie nicht nur die Verluste aus. Sie erzielen Gewinne, die alles andere irrelevant machen."

„Wenn", sagte Mehta. „Das Wort heißt wenn."

„Bei jeder Analyse, die wir schreiben, steht dasselbe Wort."

„Deshalb haben Analysen auch kein Eigenkapital", sagte Farhadi. „Du nicht."

Sie wiesen ihn auf das eigentliche Problem hin, und Hugo hatte es vorher gesehen und trotzdem gehofft, dass es kleiner ausfallen würde. Selbst ein Multimillionär verfügte nicht über genug Geld, um gleichzeitig ein internationales Netz aufzubauen, Mitarbeiter zu bezahlen und zahlreiche junge Unternehmen ausreichend zu beteiligen.

Daraus entstand für Hugo ein unmittelbares Zwischenziel, klar wie eine Limit-Order: Er brauchte wesentlich mehr eigenes Kapital.

Mehr war an diesem Abend nicht. Es war nicht das endgültige Gespräch, und die Sätze, die später alles zusammenhalten würden, fielen nicht. Hugo ging nach Hause mit dem Gefühl, eine Tür gefunden zu haben, hinter der etwas lag, das größer war als alles, was er bisher gebaut hatte. Er wusste nur noch nicht, wie man sie öffnete.

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Im Mai 1997 flog Edward mit Hugo und einem Kunden nach Monaco.

Bis dahin war Hugo schon mehrfach mit Edward an die Côte d'Azur geflogen. Cannes, Saint-Tropez, Cap-Ferrat gehörten für Edward und seine Kunden fast zum geschäftlichen Alltag. Monaco war neu für Hugo.

Er erwartete eine überteuerte Kulisse für Menschen, die gesehen werden wollten. Eine Stadt wie eine Einkaufspassage, nur teurer. Er sagte es Edward nicht, aber Edward merkte es trotzdem.

„Du wirst es hassen", sagte er im Flugzeug. „Und du wirst es dir merken. Beides."

Sie wohnten im Hôtel Hermitage, in normalen Zimmern. Von der Terrasse blickte Hugo auf Port Hercule, die Yachten und das Meer. Der Anblick gefiel ihm. Aber noch nicht so, dass er Monaco als zukünftigen Wohnort gedacht hätte. Es war ein Hafen mit hohen Preisen, nichts weiter.

Edward zeigte ihm am Nachmittag die Stadt. Und dabei nervte Hugo das permanente Hoch und Runter. Treppen, Rampen, Straßen auf unterschiedlichen Ebenen. Er war es gewohnt, dass sich Städte horizontal ausbreiteten. Hier schien alles übereinanderzustehen. Die Sonne brannte auf die weißen Fassaden, und Hugo ging neben Edward den Hang hinauf und spürte den Schweiß unter dem Hemd.

Irgendwann blieb er stehen und fragte: „Ist das hier eigentlich irgendwo auch mal gerade?"

Edward grinste und schwieg und führte ihn weiter, hinunter Richtung Hafen.

Dort veränderte sich Hugos Meinung.

Flach. Das war das erste Wort, das ihm einfiel. Ein flacher, künstlicher Stadtteil am Hafen, mit Restaurants, Geschäften, breiten Wegen. Fontvieille. Überschaubarer und ruhiger als der Rest. Die Gebäude standen nebeneinander statt übereinander, und man konnte geradeaus gehen, ohne dass einem die Stadt in die Knie zwang. Hugo spürte, wie sich etwas in ihm lockerte, ein Muskel, den er nicht angespannt hatte.

Er konnte sich dort plötzlich vorstellen, einen Kaffee zu trinken, einen Spaziergang zu machen, ein Büro zu betreten, ohne jemandem etwas beweisen zu müssen. Zum ersten Mal entstand, ganz leise, die Vorstellung, dass ein anderes Leben denkbar sein könnte als Bank, Club und die möblierte Londoner Wohnung zwischen den Gleisen der Northern Line.

Er schob den Gedanken sofort beiseite. Er war Besucher. Er hatte seinen Rückflug, und Edward stand zwei Schritte entfernt und redete über einen Short, den er dem Kunden morgen verkaufen wollte. Die Idee stammte wesentlich von Hugos Analyse.

Am Abend zeigte Edward ihm den Heliport. Der Rückflug am nächsten Tag sollte mit dem Hubschrauber gehen, und Hugo freute sich darauf. Auf die Distanz, auf die Übersicht, auf Monaco, das klein und geordnet unter ihm liegen würde, eine Stadt wie ein Modell.

Danach gingen sie mit dem Kunden in Fontvieille essen.

Hugo gefiel die flache Hafengegend wesentlich besser als alles, was er bisher von Monaco gesehen hatte. Vor den Restaurants standen Ferrari und Porsche in auffälligen Farben, nebeneinander, so eng, dass es wirkte, als stünden sie nicht zum Parken, sondern zur Schau.

„Hier versucht aber auch wirklich keiner, unauffällig zu sein", sagte Hugo.

Edward zuckte mit den Schultern. „Warum sollte man nach Monaco fahren, um unauffällig zu sein?"

Im Restaurant kannte der Kunde Edward und den Chefkellner. Alle begrüßten sich mit Vornamen, Händedrücke, ein Witz, den Hugo nicht verstand. Der Chefkellner führte sie zu einem guten Tisch, nahm die Getränkebestellung entgegen und ging.

Hugo stand zunächst zwischen den Stühlen und wusste nicht sofort, wo er hin sollte. Er fühlte sich wieder wie der Junge, der mitgebracht wurde, nicht wie der Mann, der eingeladen war. Dieses Gefühl war vertraut, und er hasste es noch immer. Er hasste es, nicht zu wissen, wohin er gehörte, und er hasste es noch mehr, wenn andere seine Unsicherheit sahen.

Später am Abend, als der Wein floß und die Teller gewechselt wurden, machte sich der Kunde über Hugos Beschwerde über die Steigungen lustig. Hugo, sagte er, sei wie ein Tourist durch die Stadt gelaufen. Menschen, die Monaco kannten, nutzten Aufzüge, Rolltreppen und die Durchgänge zwischen den Ebenen. Man müsse nur wissen, wo sie seien.

Hugo erkannte, dass es stimmte. Er war die Gassen hinaufgestiegen wie jemand, der eine Stadt besuchte, statt sie zu benutzen. Das traf ihn mehr, als der Kunde ahnen konnte. Aber statt sich zurückzuziehen, merkte er sich alles. Jede Passage, jede Verbindung, jeden Weg. Niemand sollte ihn dort ein zweites Mal für einen ahnungslosen Touristen halten, der die Treppe nimmt, wenn es einen Lift gibt.

Dann kamen die beiden jungen Frauen ins Restaurant.

Tschechinnen, erkannte Hugo sofort an dem, was sie trugen und wie sie es trugen. Sie waren jung, Anfang zwanzig vielleicht, und sie bewegten sich zwischen den Tischen mit der Selbstsicherheit von Menschen, die genau wussten, warum sie hier waren und dass niemand sie dafür verstoßen würde.

Edward erkannte sofort, was sie waren. Er sah sie eine halbe Sekunde an, dann lächelte er.

Der Kunde folgte seinem Blick. „Edward", sagte er, „die sind ja so jung, die könnten deine Töchter sein."

„Sind sie aber nicht", sagte Edward.

Er sprach sie an, auf Französisch, locker, ohne die Stimme zu senken. Was er sagte, verstand Hugo nicht ganz, aber es reichte. Die beiden Frauen blieben stehen, wechselten einen kurzen Blick, und dann kamen sie an den Tisch.

Der Chefkellner reagierte routiniert. Zwei Stühle wurden ergänzt, Gläser gestellt, als sei die Situation vollkommen normal. Vielleicht war sie das.

Hugo registrierte Kleidung, Körper, Verhalten und die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen sich setzten. Und irgendwann rechnete er nach.

Drei Männer. Zwei Frauen.

Er sagte es, bevor er nachdachte. „Moment mal. Das passt doch überhaupt nicht."

Edward sah ihn an. „Was passt nicht?"

„Das Verhältnis. Zwei Frauen, drei Männer. Da ist doch eine zu wenig."

Es war ein Augenblick, in dem der Tisch still wurde. Dann sagte Edward, mit der Ruhe eines Mannes, der einen Kurs nennt:

„Was willst du eigentlich? Hier sind doch gerade sechs Löcher reingekommen. Das sind zwei für jeden von uns."

Hugo brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass Edward es ernst meinte. Der Kunde lachte. Eine der Frauen lächelte, ohne sich zu rühren.

Hugo spürte, wie ihm heiß wurde. Er war gleichzeitig erregt und verlegen, und beides zusammen machte ihn fast sprachlos, weil er der Einzige am Tisch war, der die Situation nicht verstanden hatte. Der Kunde streichelte ihm gönnerhaft über den Kopf und nannte ihn den Knaben.

Hugo hasste diese Geste. Er hasste sie so sehr, dass er für einen Moment am ganzen Tisch hätte vorbeisehen müssen, um sicherzugehen, dass niemand sein Gesicht sah.

Gleichzeitig beobachtete er die beiden Frauen. Er war nicht einfach schockiert. Er versuchte herauszufinden, welche Regeln hier galten. In Frankfurt, dachte er, hätte er sich vielleicht verzogen. Jetzt beobachtete er.

Eine der Frauen folgte ihm später, als er zur Toilette ging. Im vorderen Bereich des Restaurants blieb sie neben ihm stehen. Sie war kleiner als er und roch nach etwas Süßlichem, und sie sagte auf gebrochenem Englisch, dass er später mitkommen könne, wenn er wolle.

Hugo sagte ihr, dass er später nicht mitkommen würde.

Sie zuckte nur mit den Schultern. Für sie mache es keinen Unterschied, sagte sie, ob zwei oder drei Männer dabei seien. Am Ende seien sie ohnehin gleichzeitig in einer der Frauen und würden wechseln. Sie sagte das vollkommen gleichgültig, wie man über etwas spricht, das man oft genug erlebt hat, um es nicht mehr zu sehen.

Gerade diese Gleichgültigkeit beschäftigte Hugo. Nicht als moralische Lektion. Sondern weil er diese Welt und ihre Regeln nicht kannte. Er stand vor einer Frau, die ihm eine Art Alltag anbot, der ihm vollkommen fremd war, und er verstand plötzlich, dass es hier Regeln gab, die man nicht in Frankfurt lernte.

Am nächsten Morgen präsentierte Hugo dem Kunden die Analyse.

Jetzt war die Rollenverteilung eine andere. Der Kunde stellte schwierige Fragen. Er griff in jede Annahme, jede Zahl, jede Wahrscheinlichkeit, und Hugo beantwortete alles. Er wusste jeden Bestandteil seiner Analyse, weil er ihn selbst gebaut hatte, und nach einer halben Stunde war es vorbei. Der Kunde entschied sich für die Position.

Dann sagte er, sinngemäß, und Hugo vergaß es nie: Gestern Abend sei Hugo noch der Knabe gewesen. Heute wisse er fachlich genau, was er tue.

Das war für Hugo eine Form von Anerkennung, die er vorher nicht kannte. Nicht das Kompliment über die Analyse. Der Satz darüber, dass der Mann am Tisch einen Unterschied machte zwischen dem Jungen, der hereingeschneit war, und dem Mann, der wusste, was er tat. Wieder zeigte sich der Gegensatz zwischen seiner persönlichen Unerfahrenheit und seiner fachlichen Sicherheit. Er lebte in beiden Welten gleichzeitig, und nur eine davon konnte er kontrollieren.

Beim Rückflug saß Hugo im Hubschrauber neben Edward. Als sie abhoben, legte sich Monaco unter sie, klein, hell, geordnet. Die Distanz und die Übersicht gefielen ihm. Aus der Höhe war alles überschaubar, sogar eine Stadt, in der er sich verlaufen hatte.

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Eine Woche später lud derselbe Kunde Edward und Hugo in einen alten Herrenclub in St James's ein.

Der Club lag hinter einer unscheinbaren Tür in einer Straße, in der Hugo nie zuvor einen Grund gehabt hätte, langsamer zu gehen. Im Inneren war es dunkler als draußen und stiller, als ein Raum mit Menschen still sein durfte. Dunkles Holz, Ledersessel, gedämpftes Licht, Teppiche, die jeden Schritt verschluckten. An den Wänden Bilder von Männern, die seit Langem tot waren und deren Blicke Hugo aus allen Winkeln folgten. Die Luft roch nach Holz, altem Rauch und dem Staub von Dingen, die niemand mehr anfasste.

Man kannte den Kunden hier. Der Empfang nickte nur, ein Portier führte sie nicht, sondern deutete mit einer kleinen Kopfbewegung Richtung eines der hinteren Räume. Niemand fragte nach Hugo. Er war die Begleitung eines Mitglieds, und offenbar genügte das.

Sie setzten sich in eine Nische, tief in den Sesseln, so dass man von den anderen Tischen nur Köpfe und Schultern sah. Ein Kellner, alt genug, um selbst zum Inventar zu gehören, stellte Whisky hin, ohne zu fragen. Edward atmete einmal durch und lehnte sich zurück; in diesem Raum wurde er sichtbar ruhiger, fast friedlich.

Hugo gefiel die Atmosphäre, und gleichzeitig merkte er, dass er dort noch ein Fremder war. Die Männer an den anderen Tischen kannten sich seit Jahrzehnten. Sie hatten dieselben Schulen besucht, dieselben Clubs, dieselben Sommer. Niemand musterte ihn unfreundlich. Schlimmer: Niemand musterte ihn überhaupt.

Beim zweiten Glas Whisky fragte Hugo, weshalb er überall dieselben Menschen traf. London, die Côte d'Azur, Monaco. Immer wieder Banker, Anwälte, Kunden und Vermögende aus demselben Kreis.

Der Kunde lächelte, als sei das die vernünftigste Frage des Abends. Sehr reiche Menschen, sagte er, brauchten bestimmte Infrastruktur. Gute Hotels, Jachthäfen, Clubs, Restaurants, Kasinos, Makler, Händler, Banken. Und vor allem andere Menschen mit vergleichbarem Vermögen. Ohne diese Infrastruktur wäre das Geld allein nur eine Zahl.

„Stellen Sie sich einen Mann vor, der zweihundert Millionen besitzt und in einer Stadt wohnt, in der jeder weiß, dass er zweihundert Millionen besitzt", sagte der Kunde. „Er würde keinen ruhigen Tag mehr haben. Hier" -- er deutete in den Raum -- „weiß niemand, wer wie viel hat, und es interessiert auch niemanden. Das ist der Luxus, den man mit dem Geld eigentlich kauft."

Edward ergänzte: „Ein König ohne Hof ist nur ein Mann mit einer teuren Krone."

Hugo begriff. Die Kulisse wechselte, aber die Nachbarschaft blieb. Er sah es in diesem Raum konkret: zwei Tische weiter ein Mann, den er in Cannes am Nebentisch einer Bar gesehen hatte, ohne ihn zu grüßen, weil er ihn nicht kannte. In Cannes war er ein Gesicht gewesen. Hier war er ein Nachbar.

Später an diesem Abend formulierte er es für sich selbst, in dem Satz, der ihm einfiel und den er behielt: Reiche leben nicht überall. Sie besitzen nur Häuser überall. Leben tun sie an denselben wenigen Orten.

Der Kunde und Edward sprachen teilweise bewusst vulgär, überheblich und derb. Es war ihre Sprache, und Hugo hörte sie so an, wie man einen Dialekt hört, den man noch nicht spricht. Der Kunde sprach über junge Frauen und die wenigen internationalen Orte, an denen sich seine Welt traf. Sein Viertel, sagte er sinngemaß, habe sich lediglich über einen halben Kontinent verteilt. Sommer an der Côte d'Azur, Marbella oder Costa Smeralda. Winter beispielsweise Courchevel oder Kitzbühel. Dazwischen London, Ascot und die anderen entsprechenden Orte.

„Man muss nicht reisen", sagte er. „Man muss nur immer am richtigen Ort sein. Der Rest ist Logistik."

Hugo erkannte im Club tatsächlich Männer wieder, die ihm zuvor in Cannes vorgestellt worden waren. Er hatte mit seiner Frage recht gehabt. Es war dieselbe Welt.

Die Unterhaltung wurde anschließend noch vulgärer und sexueller. Sie sprachen über Frauen, über was man mit ihnen machte, was sie kosteten und was sie verschlangen. Der Ton blieb dabei seltsam entspannt, die Stimmen nicht lauter als beim Whisky. Der Kunde erzählte eine Geschichte über eine junge Frau in Marbella, die ihn einen ganzen Sommer begleitet hatte, und über die Rechnung, die hinterher gekommen war. Er erzählte sie so, wie man eine Börsengeschichte erzählt: mit Zahlen, Pointe und einem gewissen Respekt vor dem Gegenstand.

Dann sah der Kunde Hugos Rolex und sagte ihm, er solle sein Geld lieber für Erinnerungen ausgeben als für Uhren. „Eine Uhr kann dir jeder nachbauen", sagte er. „Einen Sommer in Porto Cervo mit einer Frau, die halb so alt ist wie du, kann dir niemand nachbauen. Dafür gibt es keinen Kurs."

Er fügte, in derselben Tonlage, mit der er zuvor über Kasinos gesprochen hatte, eine Bemerkung hinzu, die Hugo nicht wiederholte und nicht vergaß: Irgendwann, sagte er, werde Hugo feststellen, dass jede Frau, für die man sich ernsthaft interessiere, am Ende nur eines wolle, und die Vorstellung, eine Frau an sich zu binden, sei so, als versuche man, ihr das Wasser aus dem Mund zu pissen, ohne dass sie sich wehre.

Die Männer lachten. Hugo lächelte mit. Er hörte zu. Er verurteilte nichts und stimmte nichts zu. Er speicherte. Ihm fiel auf, dass das Speichern inzwischen leichter fiel als in Frankfurt; es fühlte sich weniger an wie eine Belehrung, mehr wie die Aufzeichnung fremder Regeln.

Am Ende des Abends, als die Gläser leer waren und die Sessel sich geleert hatten, sagte der Kunde zu Hugo sinngemaß: Er müsse nur noch den Londoner Provinzbanker loswerden und sich von der Bank lösen. Auf der anderen Seite des Tisches mache es erheblich mehr Spaß.

Edward reagierte sofort. „Vorsichtig, alter Freund. Du redest von meinem Analysten."

Der Kunde drehte sein Glas in der Hand. „Ich rede von seinem Leben."

Hugo registrierte den Machtanspruch zwischen den beiden. Edward, der ihn nicht hergeben wollte, weil er ihn brauchte. Der Kunde, der ihm etwas anbot, das er noch nicht benennen konnte.

Der Satz blieb in seinem Kopf. *Auf dieser Seite des Tisches.*

Er entschied an diesem Abend nichts. Aber zum ersten Mal entstand eine konkrete Vorstellung davon, dass er irgendwann nicht mehr der junge Angestellte sein wollte, der an den Tisch anderer Männer eingeladen wurde. Er wollte irgendwann selbst bestimmen, wer an seinem Tisch saß und wer nur eingeladen war.

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Nachdem die Angstphase endgültig vorbei war, kehrte Hugos Sexualtrieb nicht zurück. Er war nie weg gewesen.

Er hatte nur ungefähr ein halbes Jahr keinen Sex gehabt, und als die sechs Monate vorbei waren, stand das Verlangen so da, wie es immer gestanden hatte, nur aufgestaut. Zunächst probierte er etwas anderes aus und besuchte eine Dominatrix.

Er hatte die Adresse über ein Gespräch am Rande, nicht über die Bank. Ein Geschäftsführer, mit dem er in Frankfurt gegessen hatte, hatte sie ihm auf einen Zettel gegeben, mit dem Hinweis, dass dort alles sehr professionell sei. Hugo war nicht sicher gewesen, was ihn dorthin trieb. Neugier, vermutlich. Und die Erwartung, dass etwas anders sein müsste als das, was er kannte.

Die Tür wurde von einer jungen nackten Frau geöffnet, einer Art Assistentin oder Sklavin, je nachdem, wie man die Rollen lesen wollte. Sie öffnete schlicht die Tür und führte ihn hinein, ohne ein Wort. Hugo blieb einen Moment im Türrahmen stehen, weil er nicht wusste, ob er grüßen sollte. Dann war er drinnen.

Das Zimmer dahinter war hergerichtet wie eine Bühne. Kerzen, Leder, ein Gerüst, ein Tisch mit Dingen, deren Zweck Hugo nicht alle kannte. Die Beleuchtung war so gedimmt, dass die Ecken des Raumes verschwammen. Alles wirkte gleichzeitig teuer und unbenutzt, wie ein Geschäft, das noch auf seinen ersten Kunden wartete.

Die Domina empfing ihn in einem Kleid aus schwarzem Lack, mit einer Stimme, die probt und es weiß. Sie sprach Sätze, die klingen mussten wie Befehle, und Hugo merkte an den Pausen, dass sie auf Reaktionen wartete, die in einem Drehbuch vorgesehen waren. Als er nicht so reagierte, wie das Drehbuch es verlangte, wiederholte sie den Satz, leicht verändert, einmal, dann noch einmal.

Hugo beobachtete die Rollen, die Reaktionen, die verteilte Aufmerksamkeit. Die Assistentin rückte Kerzen zurecht, ohne dass sie es nötig gehabt hätte. Die Domina wechselte ihre Position immer genau dann, wenn das Licht sie von der vorteilhaftesten Seite traf. Nichts davon war zufällig, und nichts davon war für ihn. Je länger er hinsah, desto deutlicher merkte er, dass alles Teil einer bezahlten Inszenierung war. Jeder Satz hatte seinen Preis. Jede Verbeugung war abonniert. Die beiden Frauen kannten ihren Text, und er war die einzige Person im Raum, die ihren Teil nicht kannte.

Gerade dadurch funktionierte es für ihn nicht. Er musste schließlich über die Künstlichkeit lachen, und es war kein gutes Lachen. Die Domina zog eine Braue hoch, als wäre sein Lachen ein Vertragsbruch. Vielleicht war es das.

Er ging unbefriedigt wieder nach Hause. Auf dem Rücksitz des Taxis sah er die Stadt vorbeiziehen und merkte, dass ihn nicht einmal die Enttäuschung beschäftigte, sondern die Erkenntnis, dass er die Inszenierung durchschaut hatte, bevor sie begonnen hatte -- und trotzdem bis zum Ende geblieben war. Aus Höflichkeit, vermutlich. Oder weil er gehofft hatte, dass es doch noch umschlagen würde. Es schlug nicht um.

Danach kehrte er zu den Escorts zurück.

Und er begann, mit den Augen eines Mannes hinzusehen, der gelernt hatte, Bilanzen zu lesen.

Es war an einem der ersten Abende nach der Dominatrix, in seiner Wohnung, mit einer Frau, die er über eine Agentur gebucht hatte. Sie war gekommen, hatte die Schuhe im Flur ausgezogen, ehe er sie dazu aufgefordert hatte, und als er nach zwanzig Minuten sein Glas noch einmal hob, war es gefüllt, bevor er den Mund aufgemacht hatte. Er hatte es erst bemerkt, als er trank.

Ihm fiel in diesen Monaten immer stärker auf, wie professionell bestimmte Formen der Aufmerksamkeit waren. Die Frauen achteten auf sein Glas, bevor er es bemerkte. Sie rückten näher, wenn er es tat. Sie berührten ihn, als hätten sie seinen Körper studiert. Manche zogen in seiner Wohnung die Schuhe aus, als gehöre das zum Ritual, und er merkte, dass es das war. Sie fragten, ob es ihn störe, wenn sie sich eine Zigarre anzündeten, und boten ihm eine an. Zigarren, nicht Zigaretten. Es war eine andere Welt, mit anderen Ritualen, und Hugo lernte sie Stück für Stück.

Er erkannte, dass vieles davon antrainierte Aufmerksamkeit war. Geübt, wiederholt, auf viele Männer zugeschnitten. Das störte ihn weniger, als es ihn hätte stören müssen. Trainierte Aufmerksamkeit war berechenbar. Sie verlangte nichts, was er nicht geben konnte, und sie enthielt keine Falle. Bei einer bezahlten Frau wusste er, woran er war. Die Rechnung war die ehrlichste aller Vereinbarungen.

Später kam er über sein Bankenumfeld nach Barcelona. Ein Kollege einer spanischen Bank hatte ihn eingeladen, mitzukommen, und Hugo war ohne Plan gefahren, was ihm inzwischen selten passierte.

In Barcelona lernte er an einem Abend ein System mit verschiedenfarbigen Armbändern kennen, mit dem bestimmte Kreise einander erkannten, ohne Fragen zu stellen. Sie waren in einem Club, dessen Name er später nicht mehr wiedergab, und sein Begleiter erklärte es ihm halb im Scherz, während er selbst ein Armband anlegte. Die Farbe sagte, wer man war und was man suchte. Man musste nichts fragen. Man musste nichts erklären.

„Und wenn man die falsche Farbe trägt?", fragte Hugo.

„Dann gehört man eben dazu", sagte der andere und lachte. „Das ist der Punkt. Niemand kontrolliert es. Es funktioniert, weil alle so tun, als funktioniere es."

Hugo erhielt ein blaues Armband. Er trug es den Abend, merkte, wie Türen leichter aufgingen, und fand das System elegant und beunruhigend zugleich. Über dieses Umfeld hörte er erstmals den Namen Hanna Dvořáková und von ihrer Prager Agentur, von Auswahl und Diskretion. Man gab ihm ihre Nummer, auf einen Zettel, nebenbei, während man über etwas anderes sprach.

Das wirkte wie eine beiläufige Information an einem beiläufigen Abend. Er steckte die Nummer ein und dachte nicht weiter darüber nach. Sie sollte später wichtig werden.

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Bei einem Essen mit Svenja in London bemerkte eine fremde Frau an einem Nachbartisch deutlich ihr Interesse an Hugo.

Sie saßen in einem kleinen Restaurant in Soho, das Svenja ausgesucht hatte, weil sie in einer Zeitschrift davon gelesen hatte. Die Frau saß zwei Tische weiter, mit einer Begleitung, die offenbar langweilte. Sie hielt Hugos Blick, lächelte, ließ die Pause einen Atemzug zu lang werden. Als Hugo nichts tat, wiederholte sie es, einmal, mit einer Geduld, die bewusst war.

Svenja bemerkte es sofort. Hugo auch.

Sie sprachen weiter über Hamburg, über Christina, über das Haus in Eppendorf. Irgendwann, zwischen zwei Gängen, sagte Svenja, ohne die Stimme zu senken: „Die Frau da drüben versucht gerade, dich zu bestellen. Willst du nicht hingehen?"

„Nein."

„Warum nicht?"

„Weil ich mit dir esse."

„Das hält dich sonst nie."

Hugo zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort, und Svenja ließ es zunächst ruhen. Aber auf dem Nachhauseweg, als sie eine Weile schweigend nebeneinanderhergegangen waren, begann sie das Gespräch. Sie kannte ihn gut genug, um nicht mit der fremden Frau anzufangen. Sie begann mit ihm.

„Warum reagierst du nicht?", fragte sie.

„Auf was?"

„Auf die Frau."

Er zuckte mit den Schultern. „Weil ich nicht wusste, was sie wollte."

„Sie wollte, dass du hingehst."

„Vielleicht. Vielleicht wollte sie auch nur wissen, ob ich hinsehe."

Svenja sah ihn von der Seite an. Dann fragte sie direkt, ob er überhaupt eine Beziehung wolle, oder ob das mit den Frauen, die er bezahlte, alles sei, was er sich vorstellen könne.

Hugo überlegte, ob er ausweichen sollte. Dann beschloss er, es ihr zu erklären, so gut er es konnte.

Er hielt Prostituierte für ehrlicher, sagte er. Er wollte einer Frau nicht erzählen oder suggerieren, sie sei die Einzige, mit ihr jahrelang zusammenleben, Jahre ihres Lebens und ihrer Jugend in Anspruch nehmen und sich später womöglich doch einer jüngeren Frau zuwenden. Bei Prostituierten seien die Bedingungen von Anfang an klar. Niemand täusche niemanden.

Außerdem, und das wurde mit zunehmendem Vermögen immer wichtiger für ihn: Bei einer Frau konnte er irgendwann nicht mehr wissen, ob sie ihn wolle oder das Leben um ihn herum. Den Unterschied würde er nie mit Sicherheit erkennen. Bei einer bezahlten Frau wusste er es.

Svenja hörte ihm zu, bis er fertig war. Sie verstand einen Teil davon, das sah er. Aber sie glaubte ihm nicht ganz.

„Du weißt schon, was das klingt?", sagte sie. „Deine angebliche Ehrlichkeit. Für mich klingt das auch wie eine bequeme Begründung, sich nicht festlegen zu müssen."

„Vielleicht ist es das."

„Vielleicht", sagte Svenja. „Aber du solltest dir das irgendwann selbst sagen, nicht nur mir."

Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht nicht. Hugo wusste es selbst nicht, und an diesem Abend entschied er, dass es auch egal war. Er hatte seine Ordnung gefunden, und sie funktionierte.

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Elisabeth besuchte ihn in diesem Jahr mehrmals in London.

Sie kam jeweils für ein paar Tage, ohne Ankündigung genug, um die Wohnung vorher nicht aufzuräumen, und mit genug Ankündigung, um frische Sachen aus Hamburg mitzubringen. Bei ihrem Besuch im Spätsommer kochte sie in seiner Küche Kartoffelsalat nach Art des Hauses und strich ihm über die Haare, wenn sie ihn zu müde fand. Sie erzählte von Hamburg, von seinem Vater, der inzwischen gelegentlich nachfragte, wie es in London laufe, und von Christina, die inzwischen laufe.

„Laufen ist übertrieben", sagte Elisabeth. „Sie fällt vorwiegend. Aber sie kommt voran."

Hugo saß an seinem Tisch und war in diesen Stunden nicht der Analyst und nicht der Multimillionär. Er war ihr Sohn. Sie rief ihn so, und er antwortete darauf, und nichts an diesem Austausch hatte sich verändert, seit er fünfzehn war.

Am zweiten Abend ihres Besuchs standen sie auf dem kleinen Balkon seiner Wohnung. Es war kühl, und Elisabeth hatte seinen dicken Pullover übergezogen, ohne ihn zu fragen. Unten fuhr die Northern Line vorbei, ein Rattern, das er inzwischen nicht mehr hörte.

„Du siehst müde aus", sagte sie.

„Ich bin nicht müde."

„Hugo."

„Ich bin abends immer müde."

„Nein", sagte Elisabeth. „Du warst früher abends anders. Früher warst du am Abend nur müde."

Er musste lachen. Sie auch. Dann schwieg sie einen Moment und sagte, ohne ihn anzusehen: „Du wirst immer weiter weg."

„Von Hamburg?"

„Von allem, was ich sehen kann."

Hugo wusste nicht, was darauf die richtige Antwort war. Sie brachte Sicherheit mit, die er nicht verloren hatte und die er auch nicht verlieren wollte. Aber er merkte, wie er sich gleichzeitig aus sämtlichen Abhängigkeiten löste. Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Er liebte seine Familie, und gerade deshalb war die Distanz für ihn schwer. Man muss etwas nicht verachten, um es hinter sich zu lassen. Es reicht, wenn man merkt, dass man es schon verlassen hat, während man noch dabei ist, es zu verlassen.

„Ihr habt immer ein Zuhause", sagte er schließlich. Das war der Satz, den sie ihm einmal gegeben hatte, und er gab ihn zurück, so gut es ging.

Elisabeth nickte. Sie schien zu merken, dass das alles war, was er an diesem Abend geben konnte, und sie nahm es, ohne ihn zum Weitersprechen zu drängen.

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Ein Jahr vor dem Ende seines dreijährigen Vertrages traf Hugo seine Entscheidung.

Er teilte sie zunächst niemandem mit. Sie reifte mehrere Monate in ihm, während alles andere weiterging: die Analysen, die Gespräche, die Reisen, die Nächte.

Es gab keinen einzelnen Auslöser, und Hugo verließ sich bewusst nicht auf Auslöser. Es gab stattdessen eine Reihe von Abenden, an denen er an sein Ziel kam und merkte, dass es nicht mehr dasselbe Ziel war. Einmal saß er nach einem Gespräch mit Edward im Büro und wartete auf die Erleichterung, die früher gekommen war, wenn Edward ihm recht gab. Sie kam nicht. Ein andermal flog er von Frankfurt nach London und sah aus dem Flugzeugfenster die Stadt liegen und dachte an die Visitenkarte in seiner Jackentasche: der Name einer Bank, nicht seiner. Ein drittes Mal war es nichts als ein Satz seines Vaters am Telefon, der in ihm nachhing, weil er daran dachte, wie sehr die Stimme gefallen war, als ein Kunde dazugekommen war.

Er würde den Vertrag nicht verlängern.

Die Bank behandelte ihn gut. Das war das Erstaunliche daran, und Hugo hielt es sich vor Augen, damit er sich nichts vormachte. Edward schätzte ihn und zeigte es auf seine Weise. Er verdiente sehr gutes Geld. Er hatte fachliche Anerkennung, mehr, als er vor drei Jahren für möglich gehalten hätte. Sein Grund war kein Ärger über die Bank. Nichts war falsch.

Er wollte schlicht keinen Chef mehr.

Dabei dachte er wieder an seinen Vater. Sein Vater war formell selbstständig gewesen und trotzdem nicht frei. Abhängig von Kunden, deren Anrufe seine Stimme veränderten. Hugo hatte erlebt, wie diese Abhängigkeit das Verhalten seines Vaters formte, und er hatte beschlossen, dass es bei ihm nicht so kommen würde. Nicht so und nicht anders. Er wollte weder von einem Arbeitgeber noch von Kunden, Investoren oder Gesellschaftspartnern abhängig sein. Er wollte ausschließlich mit eigenem Kapital arbeiten.

Die Entscheidung war kein Sprung. Sie war das Ergebnis der bisherigen Entwicklung: des Vermögens, das ihn unabhängiger machte als jedes Gehalt; der Bank, die ihm Zugang gab und gleichzeitig eine Decke über ihm hielt; seines Vaters, dessen Stimme er noch im Ohr hatte; der Gespräche mit den drei Freunden; und des Satzes des Kunden von der anderen Seite des Tisches. Alles lief in dieser einen Entscheidung zusammen, wie mehrere Positionen in einem Depot auf denselben Namen liefen.

Einige Monate vor Vertragsende flog Hugo einmal mehr mit Claire von London nach Frankfurt. Es war der vorletzte gemeinsame Flug im Rahmen seiner Tätigkeit für die Bank.

Hugo kritzelte während des Fluges auf einem Notizblock. Fünf Linien, zunächst ohne Absicht, dann mit. Aus den fünf Linien entstand, spielerisch und fast zufällig, die stilisierte Form eines weiblichen Bauches. Die Rundungen, die Linien unterhalb des Brustkorbs, die sanfte Einziehung zur Taille, die Weichheit darunter.

Claire, die neben ihm saß und Akten ordnete, bemerkte es und fragte, was das sei.

Hugo betrachtete die Zeichnung und erklärte seine Vorstellung von einem Symbol, das bereits mit sehr wenigen Linien eindeutig erkennbar war. Er nannte als Vergleiche den Eiffelturm, das Sydney Opera House, den Burj al Arab. Man erkenne sie aus fünfzig Metern, aus der Silhouette, ohne dass ein Name dabeistünde. Ein Unternehmen müsse idealerweise erkannt werden, bevor sein Wachstum für jeden offensichtlich war. Er verband die Form anschließend mit seiner Vorstellung von dem, was entstehen sollte: Ursprung, Wachstum und das, was später folgen würde.

Claire sah ihn eine Weile schweigend an. Sie war klug genug, nicht nach dem Zeichenblock zu fragen. Sie erkannte, was Hugo ihr nicht sagte: dass er gedanklich längst über seine Tätigkeit bei der DHK hinaus war, dass der Mann neben ihr auf dem Flug nach Frankfurt eigentlich schon woanders saß.

Das Logo entstand auf diesem Flug. Nicht früher. Erst hier, über den Wolken zwischen London und Frankfurt, wurden aus den Beobachtungen, die Hugo seit Monaten mit sich trug, fünf Linien.

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Im Oktober 1998 saß Hugo wieder in Frankfurt, in dem Besprechungsraum, in dem Jahre zuvor Brenner und Weber ihm den ersten Vertrag erklärt hatten.

Es saßen mehrere da: Weber, Brenner, und ein Mann aus der Personalabteilung, den Hugo weniger kannte. Auf dem Tisch lagen Unterlagen, und die Atmosphäre war freundlicher, als Hugo erwartet hatte. Man wusste offenbar, dass man ihm etwas anbieten musste, das größer war als ein Dank.

Man bot ihm bessere Bedingungen, mehr Freiheit, eine klare Perspektive. Man nannte Zahlen, die vor drei Jahren sein Leben verändert hätten. Man nannte eine Beteiligung an Fondsergebnissen und die Möglichkeit, ein eigenes Team aufzubauen. Der Mann aus der Personalabteilung sprach von langfristiger Perspektive und benutzte das Wort Familie zweimal, was Hugo bei einer Bank vermutete, bei der er nie das Wort Familie benutzt hatte.

„Sie verstehen sicher, dass das nicht üblich ist", sagte Weber, „für jemanden in Ihrem Alter."

„Ich weiß", sagte Hugo. „Es ändert nichts."

Brenner, der bis dahin geschwiegen hatte, legte die Unterlagen beiseite. „Sagen Sie mir eines. Wenn nicht das Geld und nicht die Bedingungen -- was ist es dann?"

Hugo hatte die Antwort seit Monaten, aber er hatte sie niemandem gesagt. „Ich will nicht mehr fragen müssen", sagte er. „Nicht um Urlaub. Nicht um Positionen. Nicht um die Dinge, die ich mit meinem eigenen Geld mache."

„Sie wollen Ihr eigenes Geld machen", sagte Brenner.

„Ich mache es bereits", sagte Hugo. „Das ist genau das Problem."

Es entstand eine Pause, in der niemand widersprach. Dann machte Weber aus dem, was bleiben sollte, ein Angebot, das beide Seiten verstanden: Die Bank wollte ihn als Kunden. Hugo stimmte zu. Die Bank konnte weiterhin sein Depot führen, Finanzierungen bereitstellen und Geschäfte für ihn ausführen. Der entscheidende Unterschied lag im Verhältnis: Hugo verließ die DHK als Angestellter, nicht als Feind. Er würde wiederkommen, aber als jemand, der zahlte, statt zu kassieren.

„Wir sehen uns also weiter", sagte Brenner, als sie sich die Hand gaben.

„Als Kunde", sagte Hugo.

„Das ist die bessere Seite des Schreibtisches", sagte Brenner. „Sie werden es merken."

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Nach London zurückgekehrt, führte Hugo mit Farhadi, Mehta und Whitmore das Gespräch, auf das alles seit dem Abend im The Corinthian hinausgelaufen war.

Jetzt wurde aus den seit 1997 entwickelten Ideen ein konkretes Modell. Sie saßen bei Hugo in der Wohnung, weil Hugo es dort lieber wollte als im Club; es sollte kein Gespräch zwischen Kollegen sein, sondern eines zwischen Menschen, die gemeinsam etwas aufbauen wollten. Claire hatte Getränke besorgt und war gegangen. Auf dem Tisch lag nichts als das, worum es ging.

Hugo legte es ihnen dar, direkt und ohne Umschweife.

Eine klassische Partnerschaft lehnte er ab. Das sagte er am Anfang, bevor irgendjemand etwas anbieten konnte.

„Ich will keine Partner", sagte er. „Ich habe gesehen, was Partnerschaft bedeutet."

Whitmore hob die Augenbrauen. Mehta grinste. Farhadi nickte nur, als habe sie genau das erwartet.

„Du trennst die Welt also in Chefs und Angestellte", sagte Whitmore. „Nachmittags wolltest du selbst keiner mehr sein."

„Deswegen", sagte Hugo. „Ich habe nicht einen Chef verlassen, um anschließend von Partnern abhängig zu sein. Wenn drei Leute gleichberechtigt entscheiden, entscheidet am Ende der, der am lautesten ist oder am dringendsten braucht. Das ist meine Erfahrung mit Menschen, nicht mit Theorien."

Wieder spielte die Erfahrung mit seinem Vater hinein, obwohl er sie nicht aussprach: Ein Selbstständiger konnte genauso unfrei sein wie ein Angestellter, wenn andere wirtschaftlich über ihn bestimmen konnten. Kunden, Investoren, Gesellschafter. Der Name änderte sich, die Leine blieb.

Er formulierte seine Haltung in dem Satz, der für ihn das Prinzip zusammenfasste: Lieber ein kleiner König als ein großer Knecht.

„Und wenn du dich verrennst?", fragte Mehta. „Kein Partner, der dir sagt, dass du falschliegst?"

„Dann habe ich Farhadi", sagte Hugo. „Sie sagt es mir im Gegenzug."

„Und wenn du es dir trotzdem nicht sagen lässt?", sagte Whitmore.

„Dann habe ich ein Problem", sagte Hugo. „Aber es ist meins."

Als Whitmore einwandte, dass Verträge doch Sicherheit gäben, sagte Hugo: „Verträge sind dafür da, dass man sich verträgt. Wenn es darauf ankommt, dass ein Stück Papier mich hält, habe ich bereits verloren."

Trotzdem sollten Farhadi, Mehta und Whitmore unmittelbar am Erfolg ihrer Arbeit beteiligt sein. Das gehörte für Hugo zusammen, und er hatte es durchdacht: drei Prozent Beteiligung auf die jeweilige von ihnen betreute Investitionssumme, zusätzlich zweieinhalb Prozent Gewinnbeteiligung. Die Gesellschaft gehörte Hugo. Die endgültigen Entscheidungen traf Hugo. Damit verband er zwei Dinge, die er nicht trennen wollte: Er behielt die Kontrolle, während außergewöhnlich gute Mitarbeiter finanziell erheblich vom Erfolg profitieren konnten. Kontrolle und Anreiz. Er wollte nicht das eine ohne das andere.

„Ihr werdet es hassen", sagte Whitmore, „wenn alle denken, wir sind deine Angestellten."

„Ihr seid meine Angestellten", sagte Hugo. „Was andere denken, ist Teil eures Gehalts."

Mehta lachte. Farhadi nicht. Sie sah ihn nur an und sagte: „Und wenn du falschliegst, entscheidest du trotzdem?"

„Ja."

„Das ist eine teure Form der Freiheit."

„Alles andere ist teurer", sagte Hugo.

Nach Frankfurt und London fuhr Hugo nach Hamburg, zu seiner Familie, und zu Steinhöfel.

Er saß in demselben Büro wie Jahre zuvor, und Steinhöfel ließ ihn zunächst erzählen, ohne ihn zu unterbrechen, mit derselben Haltung wie damals: zuhören, bevor urteilen, urteilen, bevor andere aufhören zu denken.

Hugo sagte ihm, dass sein Vertrag ende und dass er noch nicht wisse, wo er anschließend leben werde.

Steinhöfel riet ihm, nicht sofort von London nach Deutschland zurückzukehren und dort automatisch wieder einen festen Lebensmittelpunkt zu begründen. Er solle zunächst reisen. Wohnsitz, steuerlicher Status und Standort der späteren Gesellschaft sollten sauber geplant werden, nicht hinterher.

„Sie haben in London einiges aufgebaut", sagte Steinhöfel. „Wenn Sie jetzt einfach zurückfahren und sich irgendwo niederlassen, überlassen Sie es dem Zufall, wo Sie steuerlich und rechtlich landen. Der Zufall ist in diesem Bereich ein teurer Ratgeber."

Hugo erzählte von seiner Idee, mit eigenem Kapital zu investieren, ohne Anlegergelder, ohne klassisches Kundengeschäft. Steinhöfel hörte zu und machte sich Notizen.

„Das vereinfacht einiges", sagte er. „Und es macht die Sache persönlicher. Fehler treffen dann niemanden außer Sie selbst."

„Das weiß ich."

„Gut. Dann reisen Sie. Und bevor Sie sich irgendwo festlegen, sprechen wir."

Steinhöfels Kanzlei eröffnete zu dieser Zeit eine Niederlassung in Monaco, und Hugo registrierte es, ohne ein Zeichen zu geben. Aber Steinhöfel sagte noch nicht: Ziehen Sie nach Monaco. Er wollte die Möglichkeiten zunächst prüfen. Hugo sollte reisen. Steinhöfel untersuchte Monaco genauer und meldete sich.

Ende 1998, nach seinem Ausscheiden aus der Bank, besaß Hugo erstmals etwas, das er vorher kaum gehabt hatte: Zeit ohne Verpflichtungen.

Er begann eine längere Reise. New York. Los Angeles. Südafrika. Namibia, mit Safari. Hongkong. Singapur. Dazwischen weitere Regionen und Städte, je nachdem, wohin ihn die Fragen trieben, die er mit sich trug.

In New York ging er an einem Tag dreißig Blocks zu Fuß, von Midtown bis runter an die Wall Street, und merkte, dass die Stadt ihn nicht anstrengte, sondern ruhig machte. Überall wurde Entschiedenheit gepredigt; nirgends wurde gewartet. Er saß abends in der Hotelbar und hörte zwei Männern an der Theke zu, die über eine Übernahme sprachen, und es gefiel ihm, dass niemand wusste, wer er war.

In Los Angeles verbrachte er Tage, in denen er nichts tat als Autofahren und sich Firmen anzusehen, von denen er nur die Namen kannte. Die Stadt war ihm unsympathisch und aufschlussreich zugleich: Hier wurde Geld nicht hinter Fassaden aus Stein gemacht, sondern hinter Gärten, und niemand gab vor, dass es anders sei.

Die Safari in Namibia war Claires Idee gewesen. „Sie wollen Orte verstehen", hatte sie gesagt. „Dann müssen Sie auch einmal einen Ort sehen, an dem Geld nichts kauft." Er stand in der Dämmerung auf, weil der Fahrer es verlangte, und sah die Savanne hell werden, und es war der einzige Morgen auf der ganzen Reise, an dem er keine einzige Zahl dachte. Es war unbequem und einmalig, und er verstand, was sie gemeint hatte.

In Hongkong versuchte er, über eine Vermittlung Frauen zu buchen, wie er es aus Europa kannte. Das Treffen scheiterte an drei Sätzen Englisch und einer Rechnung, die er nicht verstand, und er saß danach in der Hotelbar und fragte sich, ob seine Vorlieben überhaupt übersetzbar waren. In Singapur gab es ein System, das er nicht lesen konnte, mit Armbändern in anderen Farben und anderen Regeln. Der Mann, der es ihm erklären wollte, gab nach zwei Fragen auf und lachte. Hugo lachte nicht. Er zahlte und ging.

Es war kein Urlaub, obwohl er sich erholte. Hugo beobachtete Städte, Finanzplätze, Unternehmen, Immobilien, Hotels, Lebensstile und die verschiedenen Milieus vermögender Menschen. Er knüpfte an dem Verständnis an, das im Herrenclub begonnen hatte, und sah es bestätigt und ergänzt: Vermögende Menschen bewegten sich international und konzentrierten sich gleichzeitig auf bestimmte Orte. Die Welt war groß, aber ihre Welt war klein, und sie war überall gleich.

Die Reise funktionierte als Zwischenphase. London lag hinter ihm. Monaco lag noch vor ihm. Hugo gehörte für eine Zeit nirgends richtig hin, und zum ersten Mal seit Jahren war das kein Mangel. Es war die ruhigste Weise, die nächste Entscheidung reifen zu lassen.

Und irgendwann, in einer Hotellobby in Paris, zwischen zwei Flügen, erinnerte er sich an die Nummer aus Barcelona.

Er hatte sie den ganzen Weg mit sich herumgetragen, auf einem Zettel, der inzwischen weich war. Er hatte ihn ein Dutzend Mal weglegen wollen und nie weggelegt. Jetzt rief er an.

Eine Frau meldete sich, nicht mit einem Namen, nur mit einem ruhigen „Ja?" Hugo stellte sich vor und nannte den Namen des Mannes, von dem er die Nummer hatte. Am anderen Ende wurde es einen Moment still.

„Und was suchen Sie?", fragte die Frau.

Hugo beschrieb es, vorsichtig und genauer, als er es je einem Vermittler beschrieben hatte. Er wurde nicht unterbrochen. Als er fertig war, stellte sie drei Fragen, kurze, präzise Fragen, auf die er antwortete. Dann sagte sie: „Ich melde mich."

„Wie kann ich Sie erreichen?", fragte Hugo.

„Sie können es nicht", sagte sie und legte auf.

Hanna Dvořáková. Ihre Agentur, ihre Art, Fragen zu stellen und keine zu beantworten, ihre Diskretion -- über sie konnte er Frauen buchen, die seinen Vorstellungen wesentlich genauer entsprachen. Was er suchte, verstand sie meist vor dem dritten Satz. Zwei Tage später lag in seinem Hotel eine Nachricht ohne Absender, mit einer Zeit und einem Ort, die er kannte.

Aus der scheinbar beiläufigen Information an einem beiläufigen Abend wurde eine Verbindung, die für Hugos weiteres Leben wichtig werden sollte.

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Während und nach der Reise meldete sich Steinhöfel.

Er hatte Monaco inzwischen genauer geprüft. Für Hugos Situation war die Lage besonders günstig, und Steinhöfel erklärte ihm warum: Hugo würde keine Anlegergelder verwalten und keine klassische Kundengesellschaft aufbauen. Er wollte ausschließlich mit eigenem Vermögen investieren. Genau das machte die Konstruktion überschaubar. Die genaue rechtliche und steuerliche Gestaltung arbeitete Steinhöfel aus, Punkt für Punkt, mit der Sorgfalt eines Mannes, der wusste, dass Fehler an dieser Stelle später teuer werden.

„Es trägt", sagte Steinhöfel am Telefon, nachdem er ihm die Konstruktion in ihren Grundzügen dargelegt hatte. „Aber es trägt nur, weil es vorher steht. Warten Sie, bis die ersten Geschäfte gemacht sind, und nichts davon lässt sich noch nachholen."

„Ich weiß", sagte Hugo. „Deswegen rufe ich ja an, bevor ich etwas tue."

Am anderen Ende war ein kurzes Schweigen. „Das sagen viele", sagte Steinhöfel. „Es stimmt trotzdem nicht immer."

Hugo war von Monaco als Ganzem nach wie vor nicht begeistert. Er erinnerte sich an die Treppen, an die aufgestapelten Ebenen, an das Gefühl, in einer Stadt gelaufen zu sein, die sich nicht um ihn kümmerte.

Aber er erinnerte sich auch an Fontvieille. Gerade der flachere, übersichtlichere Teil hatte ihm bei seinem ersten Besuch gefallen. Damit erhielt die Monaco-Reise von 1997 rückwirkend eine Bedeutung, die sie zum Zeitpunkt nicht gehabt hatte. Monaco erschien jetzt nicht plötzlich aus dem Nichts als Möglichkeit. Hugo kannte den Ort bereits. Er wusste, welcher Teil für ihn überhaupt infrage kam, und dieser Teil gefiel ihm.

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Anfang 1999 bat Hugo Claire, den praktischen Aufbau in Monaco zu übernehmen.

Claire verließ die Bank. Sie tat es, ohne eine große Szene daraus zu machen, und Hugo war ihr dafür dankbar, ohne es ihr zu sagen. Zwei Wochen später zeigte sie ihm in Fontvieille ein Büro, das noch nach frischer Farbe roch: zwei Räume, funktional, mit einem Blick auf den Hafen, den sie beide nur kurz erwähnten. Sie organisierte Büroräume, die ersten Mitarbeiter, administrative Abläufe, die grundlegende Infrastruktur des Neuen. Sie kümmerte sich um Strom, Verträge, Möbel, Telefonanschlüsse, um die tausend Dinge, die niemand sieht und ohne die nichts funktioniert.

„Die Wohnung ist zwei Straßen weiter", sagte sie, als sie am selben Nachmittag den Schlüssel übergab. „Siebzig Quadratmeter. Ich habe nichts dekoriert. Sie wollten keine Kulisse."

„Keine Kulisse", sagte Hugo.

„Ich weiß", sagte Claire. „Deswegen ist es auch keine."

Für Hugo mietete sie ausdrücklich keine Luxuswohnung und kein Penthouse. Er bekam eine normale Zweizimmerwohnung von ungefähr siebzig Quadratmetern: Schlafzimmer, Wohnzimmer, die üblichen Räume. Auch Claire bezog zunächst eine normale Wohnung. Kein großes Leben. Das war wichtig, und Hugo hatte es so verlangt: Er war bereits sehr vermögend, aber sein späterer Lebensstil war noch nicht entstanden, und er wollte ihn nicht vorspielen, bevor er ihn selbst gebaut hatte.

Im Frühjahr 1999 entschieden sich Farhadi und Mehta, nach Monaco zu kommen.

Sie sagten es bei einem Abendessen in London, an dem auch Whitmore teilnahm. Farhadi sprach zuerst. Sie hatte sich, wie sie sagte, lange genug überlegt, wovon sie überzeugt sein musste: nicht von dem Modell allein, sondern davon, dass Hugo an dem Tag, an dem er falschläge, nicht aufhören würde.

„Werden Sie?", fragte sie.

„An dem Tag", sagte Hugo, „wissen Sie es als Erste."

„Das ist keine Antwort."

„Es ist die einzige, die es gibt."

Mehta entschied sich mit dem Gedanken, den er laut aussprach: Er sei zu lange jemand gewesen, der Unternehmen analysiere, statt in sie einzusteigen. „Ich will einmal auf der Seite sitzen, die baut", sagte er. „Nicht auf der, die zuschaut."

Whitmore blieb zunächst bei der DHK. Er beobachtete, ob Hugos Modell tatsächlich funktionierte, und sagte es auch so, ohne Beschönigung: Er folge erst, wenn er sehe, dass es funktioniere.

„Wenn du nach einem Jahr noch da bist, wo du jetzt bist", sagte er, „bin ich da. Vorher nicht."

Hugo respektierte das. Es war die ehrlichste Art von Loyalität, die er kannte. Ungefähr zum Jahreswechsel kam Whitmore.

Hugo bot außerdem seinem alten Schulfreund Michael an, zu ihm zu kommen. Er rief ihn an einem Sonntag an, und sie sprachen eine Stunde. Michael wusste von Hugos Erfolgen, kannte aber nicht das tatsächliche Ausmaß seines Vermögens.

„Was würde ich dort machen?", fragte Michael.

„Was du kannst", sagte Hugo. „Organisieren. Prüfen. Mir sagen, wenn ich etwas übersehe. Das hast du immer besser gemacht als ich."

„Du hast Leute dafür."

„Ich habe Angestellte dafür. Ich frage dich als Freund."

Am anderen Ende war es lange still. „Ich habe hier Arbeit", sagte Michael schließlich. „Und eine Freundin. Und ein Leben, Hugo. Ich weiß nicht einmal, was ich in Monaco eigentlich tun sollte -- außer neben dir zu sitzen und zu merken, dass wir seit zwanzig Jahren nicht mehr über dasselbe reden."

„So ist es doch schon."

„Vielleicht nicht", sagte Michael. „Aber es würde sich so anfühlen. Lass mich hier."

Hugo akzeptierte es. Es war wichtig für ihn, es anzunehmen: Er baute ein neues berufliches Umfeld auf, aber seine alten persönlichen Beziehungen kamen nicht automatisch mit. Nicht einmal Michael. Das war kein Verlust, den er einfach so hinnehmen musste. Es war eine Grenze, die er lernen musste zu sehen.

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Im September 1999 verkaufte Hugo seine Position in EM.TV.

Der Kurs lag in der Größenordnung von sechzig bis siebzig Euro je Aktie. Nach der bestehenden Berechnung entstanden daraus ungefähr 329 Millionen Euro.

Hugo sah die Zahl auf dem Bildschirm. Dann sah er sie wieder. Er rechnete nach, wie er es seit seinem fünfzehnten Lebensjahr getan hatte, und die Rechnung blieb bestehen. Es stimmte.

Aber EM.TV erklärte nicht sein gesamtes Vermögen. Seit 1997, während des Booms, hatte Hugo auch mit anderen Aktien des Neuen Marktes erhebliche Gewinne erzielt. Diese anderen Geschäfte, nebenbei getätigt, nebenbei gehalten, summierten sich. Sein Gesamtvermögen nach dem Verkauf belief sich auf ungefähr 361 Millionen Euro.

Die Zahl saß bei ihm nicht sofort. Sie kam in Etappen.

Er war nicht einfach reicher. Der junge Mann, der wenige Jahre zuvor über 2,64 Millionen nachgedacht hatte und dabei gemerkt hatte, wie sich ein Abstand zu allem Bisherigen auftat, verfügte nun über ein Vermögen, mit dem seine ursprüngliche Vorstellung einer eigenen internationalen Investmentgesellschaft tatsächlich realisierbar wurde.

Damit löste sich das zentrale Problem aus der Runde im The Corinthian von einst. Farhadi hatte recht gehabt: Ein paar Millionen hätten nicht gereicht. Ein internationales Netz, Mitarbeiter, zahlreiche junge Unternehmen -- dafür hätte er damals Geld leihen und Anteile abgeben müssen, und beides hätte ihn abhängig gemacht. Jetzt besaß er das Kapital selbst.

Steinhöfel hatte die steuerliche Seite des Verkaufs vorher geprüft und bestätigte, dass die Konstruktion hielt. Die EM.TV-Aktien hielt Hugo seit 1997; die damals einschlägigen privaten Veräußerungsfristen waren bei einem Verkauf im September 1999 längst überschritten. Hugo war zudem seit seinem Weggang aus London nicht mehr in Großbritannien steuerlich ansässig und hatte in Deutschland keinen Wohnsitz mehr. Sein Verhältnis zu beiden Staaten war sauber beendet worden, bevor die große Zahl entstand, und die Konstruktion, die Steinhöfel aufgebaut hatte, trug. Entscheidend war, dass alles vorher geschehen war und nichts nachträglich geflickt werden musste. Hugo hielt daran fest, wie er an allem festhielt, was sauber war.

Am Abend des Verkaufs saß er lange in seiner Wohnung. Er dachte an den Jungen mit der braunen Mappe vor der Elbhanse Bank. An die 4.900 Mark. An die drei Lufthansa-Aktien an der Wand. An Frankfurt, an die kleine Wohnung, an die Tütensuppe. An London, an Edwards Büro und das Bild an der Wand. An Cannes und die sechs Monate danach, an die niemand außer ihm wusste.

Keiner von ihnen wusste etwas von dieser Zahl. Seine Mutter nicht. Svenja nicht. Michael nicht. Sein Vater nicht.

Hugo stellte fest, dass ihn das nicht traurig machte. Es machte ihn leise.

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Im September 1999 ließ sich Hugo endgültig in Monaco nieder.

Er zog in die von Claire organisierte Wohnung in Fontvieille. Siebzig Quadratmeter, Schlafzimmer, Wohnzimmer, die üblichen Räume. Noch kein großes Leben. Noch nichts davon, was später kommen sollte und dessen Gestalt er selbst noch nicht kannte.

An seinem ersten Abend trug er die letzten Kartons in den Flur. Claire hatte alles Nötige besorgt: Handtücher, Tassen, Strom, ein Bett, das bezogen war. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel in ihrer ordentlichen Handschrift. Wenn etwas nicht funktioniere, solle er sie anrufen, nicht den Hausmeister.

Hugo stellte den letzten Karton ab und ging ans Fenster.

Fontvieille lag flach vor ihm. Der Hafen, die Lichter der Boote, das ruhige Wasser. Die Straßen, die geradeaus liefen, ohne Treppen, ohne Rampen, ohne dass die Stadt ihn in die Knie zwang. Irgendwo dort draußen lagen die Büros, die Claire aufgebaut hatte. Irgendwo warteten Farhadi und Mehta auf den nächsten Morgen, und Whitmore würde zum Jahreswechsel kommen.

Er dachte an den Satz, der ihm seit dem Abend im Herrenclub in St James's gefolgt war. *Auf dieser Seite des Tisches.* Der Tisch war noch nicht gebaut. Aber Hugo wusste jetzt, an welchem Ende er sitzen würde, und er wusste, dass er künftig selbst bestimmte, wer neben ihm Platz nahm.

Draußen legte sich ein Boot vom Kai ab und glitt ohne Eile durch das dunkle Wasser. Die Lichter der Stadt zitterten darin, fanden aber immer wieder ihre Form.

Hugo blieb eine Weile am Fenster stehen. Dann drehte er sich um, stellte zwei Tassen in den Schrank, eine neben die andere, und überlegte, was er am nächsten Morgen zuerst tun würde. Es gab eine Liste. Claire hatte sie auf den Küchentisch gelegt, nummeriert, ohne Kommentar. Er wusste den ersten Punkt darauf und den zweiten. Den Rest würde er entscheiden, wenn er dort war -- nicht früher, und nicht jemand anders.

Morgen früh würde er im Büro sein. Zum ersten Mal ohne Chef über sich, mit eigenem Kapital und Menschen, die freiwillig an seinen Tisch gekommen waren.

Das war der einzige Schritt, den er heute Abend kannte. Wie weit er trug, würde sich zeigen