Kapitel 4

Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreiunddreißig. Hugo lag mit offenen Augen im Dunkeln und hatte ihn schon drei Minuten vorher gehört, obwohl er noch nicht geklingelt hatte. Das Gerät stand auf einem Karton neben dem Bett, den seine Mutter als Nachttisch improvisiert hatte, und sein Zeiger hatte in der Stille ein leises, elektrisches Summen von sich gegeben, das Hugos Gehör als erstes Geräusch des Tages registrierte.

Er stand auf. Die Wohnung roch nach Bohnerwachs und nach der billigen Seife, die er gestern Abend in der Drogerie um die Ecke gekauft hatte. Das Wasser im Bad wurde erst nach zwei Minuten warm, und als es warm wurde, war es zu heiß. Hugo duschte trotzdem. Er stand unter dem Strahl und zählte die Sekunden, nicht weil er es nötig hatte, sondern weil das Zählen ihm etwas gab, woran er sich festhalten konnte. Bei sechzig stellte er das Wasser ab.

Das Hemd hatte Elisabeth gebügelt, bevor sie abgefahren war. Es lag im Schrank, eingewickelt in Seidenpapier, das sie aus einer der Taschen gezaubert hatte, die Hugo für überflüssig gehalten hätte. Er zog es an. Die Krawatte war neu, dunkelblau, ein Geschenk von Svenja, das sie ihm beim Abschied in die Hand gedrückt hatte, ohne zu sagen, wofür. „Für den ersten Tag“, hatte sie nur gesagt. „Und für alle Tage, an denen du dich wie ein Erwachsener fühlen willst.“ Hugo hatte sie nicht gebunden. Er versuchte es jetzt vor dem Spiegel, scheiterte zweimal, und beim dritten Versuch sah es zumindest nicht aus, als hätte er sich verheddert.

Der Anzug war der einzige, den er besaß. Dunkelgrau, von einem Schneider in Hamburg, den sein Vater seit Jahren kannte. Hugo hatte ihn zweimal getragen: zur Konfirmation und zu einem Begräbnis eines Onkels, an das er sich kaum erinnerte. Jetzt stand er vor dem Spiegel und sah einen Jungen in einem Anzug, der versuchte, älter auszusehen, als er war. Die Schultern waren noch zu schmal, die Hände zu groß für die Ärmel. Er drehte sich einmal zur Seite und wieder zurück. Dann steckte er die Aktienhefte, die er mitgebracht hatte, in eine braune Lederaktentasche, die Werner ihm vor Jahren geschenkt hatte und die bis gestern leer im Schrank gelegen hatte.

Um sieben Uhr verließ er die Wohnung. Draußen war es noch dunkel, die Straßenlaternen brannten, und der Asphalt war feucht von einem nächtlichen Regen, den Hugo nicht mitbekommen hatte. Er ging zu Fuß. Die Bank lag zwanzig Minuten entfernt, und er hatte die Strecke gestern dreimal abgeschritten, einmal in jede Richtung und einmal quer durch die Altstadt, nur um sicherzugehen, dass er nicht zu früh und nicht zu spät kam. Jetzt ging er langsamer als nötig. Die Schuhe knirschten auf dem nassen Pflaster. Ein Mann in einem Mantel lief an ihm vorbei, die Zeitung unter den Arm geklemmt, und warf ihm einen Blick zu, der nichts sagte und trotzdem alles: Ein Junge im Anzug, zu früh dran, zu eifrig.

Hugo bog in die letzte Straße ein. Die Deutsche Bank lag vor ihm, grau und breit, mit Fenstern, die noch dunkel waren. Er blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte das Pochen in den Schläfen, das er sonst nur vor wichtigen Kaufentscheidungen kannte. Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging weiter.

An der Eingangstür stand ein Portier. Hugo kannte ihn nicht, aber der Portier schien ihn zu kennen, oder zumindest seine Art zu kennen: junge Männer im ersten Anzug, die zu früh kamen und sich nicht trauten, hineinzugehen.

„Herr Voss?“, fragte der Portier.

Hugo nickte.

„Fünfte Etage. Herr Brenner hat gesagt, Sie sollen um halb acht bei ihm vorbeischauen.“

Hugo wollte fragen, ob er warten sollte, aber der Portier hatte sich schon wieder seiner Zeitung zugewandt. Er ging hinein.

Die Eingangshalle war leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden, lauter als gestern, als hier noch Menschen gewesen waren. Er drückte den Aufzugknopf. Die Türen öffneten sich sofort, als hätte das Gebäude auf ihn gewartet. Er fuhr hinauf, allein im Spiegel, und sah sich selbst: grau, klein, unendlich jung.

Brenner saß bereits an seinem Schreibtisch, die Brille auf der Stirn, ein Blatt Papier in der Hand. Als Hugo eintrat, sah er auf und lächelte nicht.

„Zu früh“, sagte er.

„Der Portier sagte, ich soll um halb acht kommen.“

„Der Portier hat Humor.“ Brenner legte das Blatt beiseite. „Setzen Sie sich.“

Hugo setzte sich. Der Stuhl war hart, die Lehne zu steil.

„Heute lernen Sie den Handelssaal kennen. Nicht den großen, den Sie im Fernsehen gesehen haben. Den kleinen. Unseren. Dort sitzen etwa vierzig Leute, und jeder von ihnen weiß mehr über eine bestimmte Sache als Sie über alles, was Sie bisher geglaubt haben zu wissen.“

Hugo nickte.

„Das ist keine Aufforderung, etwas zu sagen. Das ist eine Information.“

Brenner lehnte sich zurück. „Sie werden heute kein eigenes Geschäft machen. Sie werden zuhören. Sie werden die Zahlen verfolgen, die auf den Bildschirmen laufen. Und Sie werden versuchen, nicht aufzufallen.“

„Ich bin Analyst“, sagte Hugo.

Brenner betrachtete ihn, diesen Blick, den Hugo schon vom Vater kannte: die Mischung aus Prüfung und leichter Belustigung.

„Heute sind Sie Zuschauer. Der Handelssaal ist nicht Ihr Arbeitsplatz. Er ist ein Ort, den Sie verstehen müssen, bevor Sie ihn verachten oder begehren.“

Brenner stand auf. „Kommen Sie.“

Brenner führte ihn nicht in den Aufzug, sondern durch einen Flur, dessen Boden aus einem Stein bestand, der wie Marmor aussah, aber kälter war, und dessen Wände mit einem Teppich belegt waren, der das Geräusch von Schritten verschlang, als würde man auf Schaum gehen. Hugo ging neben ihm, die Aktentasche in der Hand, obwohl er sie nicht brauchte, weil er noch nichts zu tragen hatte außer der Erwartung, die er selbst mitgebracht hatte und die schwerer war als jede Mappe.

„Das ist der Handelssaal“, sagte Brenner, und seine Stimme klang anders als im Vorstellungsgespräch, nicht weniger autoritär, aber entspannter, als würde er einen Ort betreten, in dem er nicht Vorgesetzter war, sondern nur jemand, der den Weg kannte. „Sie werden hier nicht arbeiten. Das ist keine Information, die Sie enttäuschen soll. Es ist eine Information, die Sie entlasten soll.“

Er öffnete eine Glastür, und die Welt dahinter traf Hugo wie ein körperlicher Schlag.

Es war nicht der Lärm allein, obwohl der Lärm gewaltig war. Es war die Dichte des Lärms, seine Schichtung, die Tatsache, dass sich in jedem Kubikzentimeter Luft mindestens drei Geräusche übereinanderlagerten und keines von ihnen dem anderen den Vortritt ließ. Telefone klingelten, nicht einzeln, sondern in einem Rhythmus, der wie ein Herzschlag wirkte, nur schneller und unregelmäßiger. Männer schrien Kurse, Stückzahlen, Namen von Unternehmen, die Hugo kannte und die hier, in diesem Raum, nichts mit der Realität dieser Unternehmen zu tun hatten, sondern nur mit der Realität ihrer Zahlen. Stühle rollten über einen Boden aus Linoleum, das so abgetreten war, dass es in den Ecken schwarz wirkte, nicht aus Schmutz, sondern aus der Reibung tausend eiliger Bewegungen. Bildschirme flackerten, grün und rot, Zahlen, die sich änderten, während Hugo hinsah, so schnell, dass das Auge nicht folgen konnte, sondern nur noch den Eindruck von Bewegung behielt, nicht von Inhalt.

Und dazwischen, wie ein weiteres Geräusch, das aber aus Wörtern bestand: Beschimpfungen.

„Scheiße!“, rief ein Mann an einem der mittleren Pulte, das Telefon noch in der Hand, die andere Faust auf dem Tisch, als würde er es festnageln wollen. „Nein, du kaufst nicht! Wenn du kaufst, bist du ein toter Wichser, verstanden? Zehntausend, Limit 320, und wenn das nicht klappt, kannst du dich selbst ficken, ich hab keine Zeit für deine Scheiße!“

Er knallte den Hörer auf die Gabel, eine Geste, die Hugo aus alten Filmen kannte, die aber hier nicht theatralisch wirkte, sondern alltäglich, so alltäglich wie das Absetzen einer Kaffeetasse. Der Mann drehte sich zu seinem Nachbarn um, einem Dünnen mit einer Brille, die so dick war, dass sie die Augen vergrößerte, bis sie wie die eines Insekts aussahen.

„Klaus, du Arschloch“, sagte er, und seine Stimme war jetzt ruhig, fast freundlich, der Tonfall eines Mannes, der gerade eine Million Mark bewegt hatte und sich nun entspannte. „Hast du das mitgehört? Der will mir erzählen, wie man einen Markt bedient. Der Typ hat noch nie eine Muschi gesehen, geschweige denn eine Position aufgebaut.“

Klaus lachte, ein trockenes, schnelles Lachen, das wie ein Husten klang. „Hör auf, den Jungen anzugucken“, sagte er und deutete mit dem Kinn auf Hugo, der in der Tür stand, die Aktentasche immer noch in der Hand, als wäre sie ein Schild, das er vor sich hielt. „Du lässt ihn ja einschlafen mit deinem Mösen-Gelaber. Der Junge hat heute seinen ersten Tag und denkt schon, er ist in der Hölle.“

„Ich bin nicht in der Hölle“, sagte Hugo, und er wusste nicht, warum er es sagte, nur dass das Schweigen peinlicher war als die Antwort.

Der Mann mit dem Telefon zog eine Augenbraue hoch. „Nein? Dann willkommen im Paradies, Kleiner. Hier werden Träume wahr. Und zerfickt. Manchmal beides am selben Tag.“

Er wandte sich ab, griff nach einem anderen Telefon, und seine Stimme veränderte sich, wurde schneidend, präzise, professionell: „Daimler, 312, fünftausend Stück. Bestätigt? Bestätigt. Danke.“

Dazwischen, von einem Pult weiter links, rief ein jüngerer Mann mit einem Headset, das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, der ihm bei der Hitze im Nacken klebte: „BASF rennt wie ein besoffener Schwanz auf dem Rastplatz! Wer hat gesagt, die fallen? Steh auf, du Wichser, ich will dein Gesicht sehen!“ Er lachte, aber das Lachen hatte nichts mit Humor zu tun, es war nur Druck, der sich entlud. „Fick dich, ich hab den Kurs zuerst gesehen!“

Hugo versuchte, alles gleichzeitig aufzunehmen. Die Stimmen links, die Zahlen rechts, die Bewegung vor ihm, den Geruch von Kaffee und Schweiß und elektronischer Wärme, die aus den Bildschirmen zu kommen schien und den Raum in eine Temperatur verwandelte, die nichts mit der Klimaanlage zu tun hatte. Er versuchte, die Gespräche zu verstehen, die Kurse zu lesen, die Gesichter zu ordnen. Es funktionierte nicht. Das Chaos blieb Chaos, und er stand in der Mitte, die Aktentasche in der Hand, und fühlte sich kleiner, als er war, jünger, als er war, und vor allem: langsamer. Die Männer in diesem Raum reagierten und sprachen in einer Geschwindigkeit, die seine eigene übertraf, nicht weil sie schneller dachten als er, sondern weil sie in einer Sprache arbeiteten, die er noch nicht fließend beherrschte: die Sprache des Augenblicks, des Reflexes, der Entscheidung in der Sekunde, bevor der Kurs fiel.

Er konzentrierte sich auf einen einzigen Bildschirm. Den, der direkt vor dem Mann mit dem Telefon stand. BASF. Die Zahlen änderten sich. Rot. Grün. Rot. 312. 313. 312,50. Die Sprünge waren klein, aber schnell, und Hugo folgte ihnen mit den Augen, als würde er einen Ball verfolgen, der hin und her geworfen wurde. Er hörte die Stimmen nicht mehr. Er hörte das Klingeln der Telefone nicht mehr. Er sah nur die Zahlen, die Farben, die Bewegung auf dem Screen, und langsam, sehr langsam, begann sich das Chaos um ihn herum zu ordnen. Nicht weil es weniger chaotisch geworden wäre, sondern weil er einen festen Punkt gefunden hatte, einen Anker, an dem er sich festhielt, während der Rest des Raumes weiter toste wie ein Meer, das nicht bemerkte, dass jemand an Bord eines einzelnen Schiffes versuchte, nicht zu ertrinken.

Brenner stand neben ihm, hatte nichts gesagt, während Hugo starrte. Jetzt tippte er ihm auf die Schulter, eine Geste, die leichter war, als sie aussah.

„Kommen Sie“, sagte er. „Das ist nicht Ihr Platz. Ihr Platz ist draußen. Dort, wo man nachdenkt, bevor man spricht. Hier drin spricht man, bevor man denkt. Das ist der Unterschied.“

Hugo nickte. Er ließ den Blick von dem Bildschirm los, und das Chaos kehrte zurück, aber diesmal nicht als Bedrohung, sondern als Hintergrund, als etwas, das existierte, aber nicht mehr ihn betraf. Er folgte Brenner durch die Glastür, die sich hinter ihnen schloss und den Lärm nicht abschnitt, sondern nur dämpfte, wie ein Deckel, den man auf einen kochenden Topf legt.

Im Flur war es kalt wieder, und der Teppich schluckte ihre Schritte, und Hugo atmete einmal tief durch, als wäre er unter Wasser gewesen.

„Die Sprache“, sagte er, und es war keine Frage, nur eine Feststellung, die er nicht zurückhalten konnte.

Brenner sah ihn an. „Ja. Die Sprache.“

„Ich hatte erwartet...“ Hugo zögerte. „Ich hatte erwartet, dass es anders ist. Formeller. Professioneller.“

„Es ist professionell“, sagte Brenner. „Die Sprache nicht. Aber die Zahlen schon. Die Geschäfte schon. Die Männer, die Sie gerade gesehen haben, bewegen heute Vormittag Millionen. Und sie reden dabei wie Halbstarke an einer Bushaltestelle. Das irritiert Sie?“

„Ja.“

„Gut. Das soll es. Wenn es Sie nicht irritieren würde, wären Sie entweder dumm oder angepasst. Beides ist hier gefährlich.“

Sie gingen weiter, zurück zu den Aufzügen, zurück zu der vierten Etage, wo Hugos Schreibtisch stand, wo die Bildschirme dunkel waren und die Telefone nicht klingelten und die einzige Stimme die seine war, wenn er mit sich selbst rechnete. Hugo dachte an den Mann, der in eine Million Mark gesprochen hatte und dann seinen Kollegen als Arschloch bezeichnet hatte. Er dachte an die Muschi, die keiner gesehen hatte, und an das Wichser, das tot gewesen war, und an die Scheiße, für die keine Zeit war. Er dachte daran, dass er diese Sprache nicht kannte, nicht fließend, nicht einmal als passive Kenntnis, und dass er sie, wenn er ehrlich war, auch nicht lernen wollte. Nicht jetzt. Nicht am ersten Tag.

Aber er wusste, dass er sie sich merken würde. Nicht weil er sie übernehmen wollte, sondern weil sie ein Teil dieser Welt war, in die er eingetreten war, und weil man Orte nicht verstand, ohne ihre Sprache zu verstehen, auch wenn man sie nicht sprach.

 

Die vierte Etage war etwas anderes. Hier gab keine Bildschirmwände, kein Klingeln, kein Geschrei. Hier standen Schreibtische in Reihen, mit Ordnern, mit Aktenstöpseln, mit Computern, deren Bildschirme grün leuchteten und Zahlen zeigten, die sich nicht alle drei Sekunden änderten. Es roch nach Papier und nach dem staubigen Geruch von Druckertinte.

„Das ist Ihr Platz“, sagte Brenner und deutete auf einen Schreibtisch in der Ecke, neben einem Fenster, das auf einen Hinterhof hinausging, wo Mülltonnen standen und eine Feuertreppe an der gegenüberliegenden Wand emporstieg. „Als Analyst arbeiten Sie mit Geschäftsberichten, Bilanzen, Kennzahlen. Sie schreiben Analysen. Sie bewerten Unternehmen. Sie sagen uns, was wir kaufen oder verkaufen sollten, und warum. Sie sagen es schriftlich. Sie sagen es präzise. Und Sie sagen es so, dass ein Händler es in drei Sätzen versteht, auch wenn er keinen Abschluss hat.“

Hugo setzte sich. Der Stuhl war höher als der im Handelssaal, die Lehne starr.

„Heute beginnen Sie mit der Maschinenbaufirma, die Sie in Ihrer Analyse erwähnt haben“, sagte Brenner. „Ich habe Ihre Unterlagen gelesen. Gestern Abend. In der U-Bahn. Sie haben recht: Die Aktie ist unterbewertet. Aber Ihre Begründung ist zu lang. Zu viele Worte. Zu wenig Kante. Eine Analyse ist kein Aufsatz. Sie ist ein Messer. Schärfen Sie sie.“

Er legte ein Blatt auf den Schreibtisch. Die Bilanz der Firma, ausgedruckt, mit roten Anstreichungen an den Rändern.

„Schreiben Sie es noch einmal“, sagte Brenner. „Nicht länger als eine Seite. Fakten. Zahlen. Keine Spekulation. Keine Schönrederei. Wenn die Firma Schulden hat, sagen Sie es. Wenn sie schlecht geführt wird, sagen Sie es. Wenn Sie glauben, der Markt irrt sich, sagen Sie es. Aber beweisen Sie es. Mit Zahlen, nicht mit Gefühl.“

Hugo nahm das Blatt. „Und wenn ich fertig bin?“

„Dann schreiben Sie die nächste. Und die nächste. Bis Sie so schnell sind wie die Jungs da drüben im Saal. Nicht mit dem Telefon, sondern mit dem Kopf.“ Brenner ging zur Tür. Und Voss. Keine Orders. Dafür sind die Händler da. Sie sind hier, um zu denken. Nicht, um zu spielen.“

Hugo arbeitete. Er las die Bilanz, Zeile für Zeile, und verglich sie mit den Zahlen, die er aus dem Hoppenstedt kannte, mit den Kursen, die er verfolgt hatte. Er fand Fehler in seiner eigenen Analyse, Dinge, die er übersehen hatte, Annahmen, die zu optimistisch gewesen waren. Er strich sie durch, schrieb neu, strich wieder durch.

Um eins Uhr mittags brachte eine Sekretärin ein Tablett mit belegten Brötchen und Kaffee. Sie stellte es auf einen Tisch in der Mitte des Raums, und die Männer in der Nähe strömten herbei, einige mit Blicken, die noch auf ihre Bildschirme gerichtet waren. Hugo blieb an seinem Platz. Er hatte nicht gefragt, ob er etwas essen durfte, und niemand hatte es ihm angeboten.

Er öffnete seine Aktentasche und nahm ein Heft heraus. Die letzte Analyse, die er vor seiner Abreise aus Hamburg geschrieben hatte. Ein Unternehmen, das Maschinenteile herstellte, dessen Aktie er für unterbewertet hielt. Er hatte die Zahlen noch einmal durchgerechnet, in der Nacht, als er nicht schlafen konnte. Der Börsenwert lag unter dem Substanzwert. Die Schulden waren überschaubar. Die Gewinne stiegen seit zwei Quartalen. Er hatte alles notiert, Seite für Seite, und am Ende stand die Summe, die ihn überzeugt hatte.

Er sah auf den Computerbildschirm vor ihm. Die Aktie lief unter den Kürzeln, die er verfolgte. Der Kurs war seit gestern um drei Prozent gefallen. Keine Nachricht. Kein Grund. Nur der Markt, der tat, was der Markt tat.

Hugo legte die Hände auf die Tastatur. Er begann zu tippen, langsam zuerst, dann schneller. Die Worte kamen anders als in seiner ersten Fassung. Kürzer. Härter. Keine Ausweichphrasen mehr, kein „möglicherweise“, kein „es könnte sein, dass“. Er schrieb: „Die Aktie ist unterbewertet. Begründung: Der Substanzwert übersteigt den Börsenwert um 23 Prozent. Die Schuldenquote liegt unter dem Branchendurchschnitt. Die Gewinnmargen steigen seit zwei Quartalen. Das Management hat keine Insiderverkäufe getätigt. Der Markt irrt sich.“

Er las den Satz durch. Dann löschte er „Der Markt irrt sich“ und schrieb stattdessen: „Der Markt preist eine Insolvenz ein, die nach den Zahlen nicht eintreten wird.“

Er las noch einmal. Besser. Kälter. Präziser.


Um drei Uhr kam Brenner zurück. Er nahm das Blatt, das Hugo ihm hinstreckte, und las es, während er stand, die Brille auf der Stirn. Er sagte nichts. Er las es zweimal. Dann legte er es auf den Schreibtisch.

„Zu viel Substanzwert“, sagte er. „Die Gebäude sind abgeschrieben. Die Maschinen sind älter, als Sie denken. Schauen Sie in Anlage 3 der Bilanz. Die Abschreibungsraten.“

Hugo blätterte. Er fand die Zeile. Brenner hatte recht. Die Gebäude waren fast vollständig abgeschrieben, ihr Buchwert lag weit unter dem Marktwert, den Hugo angenommen hatte.

„Sie haben die Zahlen richtig gelesen“, sagte Brenner. „Aber Sie haben nicht gelesen, was zwischen den Zahlen steht. Eine Bilanz ist kein Roman. Aber sie ist auch keine Rechenaufgabe. Sie ist ein Verhör. Stellen Sie die Fragen, die sie nicht beantworten will.“

„Wie lauten die Fragen?“, fragte Hugo.

„Das müssen Sie selbst herausfinden.“ Brenner drehte sich um. „Morgen kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie die korrigierte Analyse mit. Wenn Sie bis dahin nicht verstanden haben, warum die Abschreibungen wichtiger sind als der Buchwert, dann haben Sie den Unterschied zwischen einem Händler und einem Analysten noch nicht begriffen. Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund. Sie wollen Analyst sein. Dann sehen Sie den Grund.“

Er ging. Hugo blieb an seinem Schreibtisch sitzen, die korrigierte Bilanz vor sich. Er las Anlage 3 noch einmal. Dann noch einmal. Und während er las, begann er zu verstehen, was Brenner meinte: Nicht der Wert der Gebäude zählte, sondern die Frage, warum sie so schnell abgeschrieben worden waren. Ob sie verfallen waren. Ob sie verkauft werden sollten. Ob das Management etwas wusste, was nicht in den Zahlen stand.

Er stand auf. Seine Schultern taten weh. Seine Augen brannten. Er steckte die Hefte in seine Aktentasche und sah auf die Uhr. Noch drei Stunden bis zum Feierabend. Drei Stunden, in denen er nichts tun würde außer lesen, rechnen, und die Fragen stellen, die die Bilanz nicht beantworten wollte.

Um sechs Uhr abends war der Saal leer. Die Analysten waren gegangen, einer nach dem anderen, ohne Abschied, ohne ein Wort. Hugo saß allein an seinem Schreibtisch, die Kursausdrucke vor sich, sortiert, geordnet, mit Notizen versehen. Er hatte gesehen, was Brenner gemeint hatte: Die Volumenspitzen kamen nicht dort, wo die Nachrichten am stärksten waren. Sie kamen dort, wo die Nachrichten am schwächsten waren, in den Momenten der Unsicherheit, in denen niemand wusste, was als Nächstes geschah.

Er stand auf. Er ging zur Tür. Im Flur traf er auf Keller, der an einem Fenster stand und rauchte.

„Und?“, fragte Keller.

„Ich bin Analyst“, sagte Hugo. „Nicht Händler.“

Keller zog an seiner Zigarette. „Weiter.“

„Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund.“

Keller warf die Zigarette aus dem Fenster. Er drehte sich zu Hugo um und betrachtete ihn, diesmal länger, diesmal ohne Spott.

„Morgen“, sagte er. „Kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie Ihre Analyse mit. Die von der Maschinenbaufirma. Und die von drei anderen Firmen, die Sie für unterbewertet halten. Wenn Sie welche finden.“

„Warum?“

„Weil ich morgen vielleicht Zeit habe, Ihnen zu zeigen, wie man aus einer richtigen Analyse ein richtiges Geschäft macht. Und wie man aus einem richtigen Geschäft Geld verdient. Und wie man aus Geld Nerven bekommt. Und wie man aus Nerven einen Beruf.“

Er ging. Hugo blieb am Fenster stehen und sah hinaus auf Frankfurt, das im Dunkeln lag, die Lichter der Straßen, die Autos, die Menschen, die nach Hause fuhren oder gerade erst anfingen, ihr Leben zu leben.

Er dachte an den Handelssaal, an den Lärm, an die Männer, die schrien und lachten und telefonierten. Er dachte an seinen Schreibtisch in der vierten Etage, an die Bilanz, die er noch einmal lesen musste. Er dachte an Brenner, der seine Analyse in der U-Bahn gelesen hatte. An Keller, der ihm morgen vielleicht etwas zeigen würde.

Er dachte an seine Mutter, die in Hamburg saß und auf seinen Anruf wartete. An Svenja, die inzwischen vielleicht das dritte Mal in dieser Woche um drei Uhr morgens wach war. An seinen Vater, von dem er seit der Abreise nichts mehr gehört hatte.

Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging zur Treppe. Die Uhr im Flur zeigte halb sieben. Er war seit dreizehn Stunden in der Bank. Er hatte nichts verdient. Er hatte nichts gekauft. Er hatte nichts verkauft.

Und trotzdem, als er die Treppe hinunterging und die Schritte der Nachtwache hörte, die gerade ihre Runde begann, wusste er, dass dieser Tag der erste gewesen war, an dem er verstanden hatte, was es bedeutete, ein Analyst zu sein.

Nicht das Kaufen. Nicht das Verkaufen. Nicht der Lärm.

Das Denken.

Und das Wissen, dass das Denken schwerer war als alles andere.

Der fünfte Tag nach Hugos erstem Arbeitstag endete anders als die vorherigen. Er kam um halb sieben von der Bank, die Straßen waren bereits dunkel, und in der Wohnung roch es nach nichts, was ihm allein gehörte. Es roch nach Lavendel, nach dem Shampoo, das Elisabeth letztes Mal im Bad gelassen hatte, nach Kaffee, den er nicht getrunken hatte, und nach einer Warmheit, die nur entstand, wenn jemand den Raum vorher beheizt hatte, eine Warmheit, die Hugos eigene Wohnung niemals von allein produzierte.

Elisabeth saß auf der Fensterbank, die blaue Tasse in der Hand, und blickte auf die Straße hinunter. Sie trug denselben Schal wie beim Abschied in Hamburg, nur dass sie ihn jetzt anders geknotet hatte, lockerer, als hätte sie unterwegs die Enge verloren, die sie dort getragen hatte. Neben ihr stand ein Koffer, nicht groß, aber groß genug, um zu zeigen, dass sie nicht nur für eine Nacht geblieben war, und Hugo wusste, dass sie ihn selbst gepackt hatte, weil niemand sonst ihre Art des Packens kannte, diese spezifische Ordnung, die aus Chaos und Intuition bestand.

„Du hast den Schlüssel benutzt“, sagte Hugo.

„Du hast ihn mir gegeben.“ Sie drehte sich nicht um. Ihre Stimme klang rau, mit diesem Abendkratzen, das er inzwischen kannte. „Das impliziert eine Einladung zur Benutzung. Oder zumindest eine Erlaubnis, die ich mir gerne herausnehme.“

„Das impliziert ein Vertrauen, das ich nicht bereue.“

Elisabeth lächelte, dieses asymmetrische Lächeln, bei dem die linke Seite ihres Mundes schneller nach oben zuckte als die rechte. „Dein Vater und Svenja kommen in einer Stunde. Der Zug aus Hamburg hatte Verspätung. Sie sind im Hotel nebenan eingecheckt, weil dein Vater meinte, deine Wohnung sei für drei Personen plus mich eine humanitäre Katastrophe, und er wolle nicht in einer humanitären Katastrophe seinen Sohn besuchen, zumal an dessen Geburtstag.“

„Er hat recht“, sagte Hugo. „Die Wohnung ist für eine Person eine humanitäre Katastrophe. Für vier wäre sie ein Kriegsrechtverstoß.“

„Du unterschätzt dich. Und die Wohnung.“ Sie stand auf, kam zu ihm, und Hugo roch den Zug an ihr, diesen spezifischen Geruch aus gepresster Luft, aus Kaffeeflecken auf Pappbechern und aus der leichten Angst, die jeder hatte, der aus Hamburg nach Frankfurt fuhr und nicht wusste, ob das, was er zurückließ, noch da sein würde, wenn er zurückkehrte. „Du riechst nach Bank“, sagte sie. „Nach Papier und diesem komischen Desinfektionsmittel, das sie in den Aufzügen versprühen, als würden sie nicht Geld, sondern Krankheiten transportieren.“

„Das ist der Geruch von Geld.“

„Das ist der Geruch von jemandem, der zu viel arbeitet und zu wenig duscht.“ Sie strich ihm über die Schulter, eine Geste, die nichts mit Körperpflege zu tun hatte und alles mit Besitz, mit dieser stillschweigenden Aneignung, die sie in den wenigen Tagen seit seiner Ankunft praktizierte und die Hugo längst nicht mehr bemerkte, weil sie zu selbstverständlich geworden war. „Geh duschen. Ich habe die Handtücher gewechselt. Die alten waren eine wissenschaftliche Studie in Bakteriologie, und ich habe genug von Wissenschaft, wenn ich hierherkomme.“

Hugo duschte in sechzig Sekunden, wie immer, aber diesmal stand ein frisches Handtuch bereit, und als er zurückkam, stand Svenja im Flur, die Tasche über der Schulter, und lächelte ihn an mit diesem Lächeln, das gleichzeitig amüsiert und besorgt war, als hätte sie gerade festgestellt, dass er noch lebte, und wäre nicht sicher, ob das gut oder schlecht war.

„Du siehst aus“, sagte sie, „wie jemand, der gerade festgestellt hat, dass Erwachsenwerden hauptsächlich aus Müdigkeit besteht und aus der Erkenntnis, dass die eigenen Socken nicht von allein sauber werden.“

„Ich bin müde“, sagte Hugo. „Aber ich bin achtzehn. Das ist heute offiziell.“

„Offiziell“, wiederholte Svenja. „Als hättest du vorher inoffiziell existiert, wie eine Schwarzarbeit oder eine nicht eingetragene Firma.“

„Existiert habe ich immer. Jetzt darf ich es auch rechtlich. Mit allen Konsequenzen.“

Sein Vater stand hinter ihr, im Türrahmen, den Mantel noch umgehängt, als würde er jeden Moment wieder gehen, als wäre der Besuch eine Pflichtübung, die man möglichst kurz hielt. Er trug denselben Anzug wie bei Hugos Abschied, nur dass er jetzt mehr Falten hatte, nicht von der Reise, sondern von einer allgemeinen Erschöpfung, die Hugo noch nicht benennen konnte, die aber in den Schultern saß und in der Art, wie der Vater den Kopf hielt, leicht nach vorne geneigt, als würde er gegen einen unsichtbaren Wind gehen.

„Vater“, sagte Hugo.

„Hugo.“ Der Vater nickte, dieses kurze Nicken, das bedeutete: Ich sehe dich. Ich habe keine Zeit für Umarmungen, keine Energie für Gefühle, die ich nicht genau lokalisieren kann. „Die Wohnung ist klein.“

„Sie ist funktional.“

„Funktional ist ein Wort, das Architekten benutzen, wenn sie keine Fenster einbauen wollen und keine Heizung, die mehr als einen Raum erwärmt.“

Elisabeth lachte, ein kurzes, trockenes Lachen, das den Raum etwas größer machte, als würde sie mit ihrer Stimme Wände verschieben. „Er hat zwei Fenster. Und einen Balkon, auf dem man theoretisch sitzen könnte, wenn man nicht vor Kälte sterben würde oder vor Langeweile, weil der Blick auf einen Hinterhof geht, in dem eine Frau Wäsche aufhängt, die wir bereits kennen.“

„Ich habe einen Vorschlag“, sagte Hugo. Er hatte ihn seit drei Tagen vorbereitet, seit Elisabeth am Telefon gesagt hatte: „Wir fahren an deinem Geburtstag, wir sind da um acht, und nein, du musst nichts vorbereiten, außer dich selbst.“ Er hatte den Satz im Kopf geübt, in der U-Bahn, am Schreibtisch, unter der Dusche, und er hatte ihn jedes Mal verworfen, weil er zu formuliert geklungen hatte, zu sehr wie eine Rede, die man hielt, wenn man etwas beweisen wollte. „Ich möchte euch zum Essen einladen. Nicht hier. Draußen. In Frankfurt. Ich kenne ein Lokal.“

Svenja hob eine Augenbraue. „Du kennst ein Lokal? Seit wann? Du isst Tütensuppe und vergisst, Brot zu kaufen.“

„Seit ich hier arbeite. Es heißt Jimmy's Bar. Es ist nicht weit. Sie haben Burger. Und Bier. Und eine Atmosphäre, die nicht nach Tütensuppe riecht und nicht nach der Einsamkeit eines siebzehnjährigen Analysten, der vergessen hat, wie man mit Menschen spricht.“

Elisabeth sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte. Es war nicht Überraschung. Es war eher dieses Gefühl, wenn man ein Buch aufschlägt, das man schon hundertmal gelesen hat, und feststellt, dass die Geschichte weitergeht, als man gedacht hatte, und dass der Protagonist plötzlich Dinge tut, die nicht im Inhaltsverzeichnis standen.

„Du möchtest uns einladen“, sagte sie leise.

„Ja.“

„Mit deinem Geld.“

„Mit dem Geld, das ich verdiene. Ja.“

Der Vater räusperte sich, dieses Geräusch, das Hugo von Kindesbeinen an kannte, das bedeutete: Ich habe eine Meinung, die ich vorerst für mich behalte, weil ich noch nicht weiß, ob sie stichhaltig ist oder nur ein Vorurteil. „Jimmy's Bar“, sagte er. „Klingt nach einem Ort, an dem man sich die Schuhe klebt und die Lunge mit Rauch füllt.“

„Die Schuhe klebt man sich überall“, sagte Svenja. „Das ist kein Argument, das ist eine Konstante des städtigen Lebens. Und die Lunge füllt sich von allein, auch ohne Bar.“

Sie gingen. Die Straßen waren nass, es hatte geregnet, während Hugo in der Bank gesessen hatte, und die Laternen spiegelten sich in den Pfützen wie zweite, flüssige Städte, die unter der ersten existierten und auf die niemand achtete. Jimmy's Bar lag in einer Seitenstraße, die Hugo an einem Mittwoch entdeckt hatte, als er statt der direkten Route einen Umweg genommen hatte, weil er die Bewegung brauchte, weil die Zahlen in seinem Kopf zu laut geworden waren und weil er das Gefühl hatte, dass Frankfurt nur dann zu seiner Stadt werden würde, wenn er ihre Seitenstraßen kannte, nicht nur ihre Hauptwege.

Die Bar war klein, dunkel, mit Holzwänden, die nach Bier und nach dem Rauch von tausend Zigaretten rochen, der sich wie ein Erinnerungsstoff in das Holz gelegt hatte. An der Theke stand ein Mann mit einem Tattoo am Hals, das aussah wie eine Karte, die niemand mehr lesen konnte, weil die Länder verschoben worden waren. Musik lief, etwas mit Gitarren, nicht laut, aber präsent, wie ein Gesprächspartner, der nicht aufhört zu reden, auch wenn man ihn nicht versteht.

Hugo führte sie zu einem Tisch in der Ecke, nicht zu dem in der Mitte, wo die anderen Gäste saßen, zwei Männer in Hemden, die ihre Krawatten gelockert hatten, und eine Frau, die lachte, als würde sie das Lachen von jemandem abgeguckt haben, den sie nicht mochte, aber vor dem sie Eindruck machen wollte.

„Setzt euch“, sagte er.

Elisabeth nahm den Platz am Fenster, von wo aus sie auf die nasse Straße sehen konnte, Svenja neben ihr, der Vater gegenüber. Hugo blieb stehen, einen Moment länger als nötig, und betrachtete sie: seine Familie, in einer Bar, in Frankfurt, an seinem achtzehnten Geburtstag. Es war keine Vision, die er gehabt hätte, wenn man ihn vor einem Jahr gefragt hätte. Es war keine Vision überhaupt. Es war einfach das, was jetzt geschah, und die Tatsache, dass es geschah, ohne dass er es geplant hatte, außer der Einladung, die er seit drei Tagen übte, machte es irgendwie greifbarer als jede Vision.

Er ging zur Theke, bestellte vier Burger, vier Bier – außer für Svenja, die ein Wasser wollte, „mit Gas, bitte. Jemand in dieser Familie muss heute Abend noch denken können“ – und bezahlte. Der Mann mit dem Tattoo nahm das Geld, zählte es nicht, steckte es in die Tasche seiner schmutzigen Schürze, und Hugo wusste, dass er mehr Trinkgeld gegeben hatte als nötig, aber es war sein Geld, und er wusste nicht, wie viel Trinkgeld angemessen war, also gab er zu viel, weil zu viel weniger peinlich war als zu wenig, und weil es sein Geld war, das er verdient hatte, und nicht das Geld seines Vaters, das er geliehen oder geerbt hätte.

Er kam zurück mit den Bieren, stellte sie ab, setzte sich. Die Flaschen waren kalt, und das Kondenswasser bildete kleine Ringe auf dem Holz, die aussahen wie unsichtbare Stempel.

„Du trinkst Bier“, sagte der Vater. Keine Frage. Eine Feststellung, die wie eine Prüfung klang.

„Ich trinke Bier“, sagte Hugo. „Heute. Weil ich achtzehn bin. Und weil ich das Geld dafür verdient habe. Nicht weil ich es von jemandem bekommen habe. Nicht weil ich es durch eine Aktie verdoppelt habe, die ich im Schlafzimmer ausgesucht habe. Sondern weil ich es für Arbeit bekommen habe. Für Analysen. Für Zahlen, die ich geprüft habe. Für Überstunden, die ich gemacht habe, ohne dass mich jemand dazu gezwungen hat.“

Der Vater nahm sein Glas, drehte es in den Händen, betrachtete das Etikett, als würde er eine Aktie prüfen, die er nicht kannte, eine Firma, die plötzlich auf dem Markt auftauchte und von der niemand wusste, ob sie solide war oder nur eine Blase. „Du verdienst Geld. Das ist nicht neu. Du hast schon vorher Geld verdient. Mit deinen Aktien. Mit deinem Taschenrechner. Mit deinen Analysen.“

„Das war anders“, sagte Hugo.

„Wie anders?“

„Das war ich allein, mit meinem System, meinen Zahlen. Das war ich in meinem Zimmer in Hamburg, mit dem Taschenrechner und den Geschäftsberichten, die ich mir besorgt hatte. Das war nicht...“ Er machte eine Pause, suchte nach dem Wort, das er seit Tagen suchte, seit er wusste, dass dieser Moment kommen würde, und seit er ihn fürchtete, nicht weil er schiefgehen könnte, sondern weil er echt sein würde. „Das war nicht Arbeit in dieser Dimension. Nicht wirklich. Das war meine eigene Analyse, mein eigenes Depot. Jetzt arbeite ich für eine Großbank. Jetzt bekomme ich ein Gehalt. Jetzt zahle ich Steuern. Jetzt bin ich achtzehn. Heute lade ich dich ein.“

Der Vater trank einen Schluck Bier. Er trank ihn langsam, nicht wie jemand, der durstig ist, sondern wie jemand, der Zeit braucht, um einen Geschmack zu verarbeiten, den er nicht erwartet hatte, einen Geschmack, der nicht nach Bier schmeckte, sondern nach etwas anderem, nach einer Veränderung, die man nicht in der Flasche finden konnte.

„Du lädst mich ein“, sagte er.

„Ja.“

„Mit deinem Gehalt.“

„Mit meinem Gehalt. Ja.“

Der Vater stellte das Glas ab. Er sah Hugo an, nicht mit dem Blick, den er früher gehabt hatte, diesen Blick, der sagte: Du bist mein Sohn, und ich bin stolz, aber ich verstehe dich nicht, und das macht mich nervös. Es war ein anderer Blick. Ein Blick, der sagte: Du bist nicht mehr der Junge, der mit Aktien herumexperimentiert und glaubt, er hätte die Welt verstanden, weil er eine Formel gefunden hat. Du bist jemand, der mich einlädt. Du bist jemand, der arbeitet. Du bist jemand, der bezahlt.

„Das Bier ist warm“, sagte der Vater.

„Es ist Bier“, sagte Svenja. „Bier ist immer warm, wenn man zu lange darüber nachdenkt. Das ist eine physikalische Konstante.“

„Ich denke nicht darüber nach“, sagte der Vater. „Ich trinke es.“

Und er trank es. Er trank es aus, stellte das Glas mit einem leisen Klacken auf den Tisch, und Hugo sah, dass seine Hand zitterte, kaum merklich, nur ein leichtes Vibrieren im kleinen Finger, als würde etwas in ihm nachgeben, das er noch nicht benennen konnte, eine Festigkeit, die er seit Jahren aufrechterhalten hatte und die jetzt, an diesem Tisch, in dieser Bar, an diesem achtzehnten Geburtstag seines Sohnes, nicht mehr nötig war.

Elisabeth legte ihre Hand auf Hugos Arm. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen. Ihre Hand war warm, und sie roch nach Lavendel, und das war genug, mehr als genug, es war alles, was in diesem Moment gesagt werden musste, und Hugo wusste, dass sie es verstanden hatte, lange bevor er es selbst verstanden hatte, dass sie den Moment gekannt hatte, bevor er ihn geplant hatte, und dass sie ihn deshalb geliebt hatte, nicht trotz seiner Seltsamkeit, sondern wegen ihr.

Die Burger kamen, groß, unordentlich, mit Soße, die über die Ränder lief und auf die Holzplatten tropfte, wo sie klebrige Spuren hinterließ. Svenja aß mit beiden Händen, was sie sonst nie tat, und Elisabeth tupfte sich die Mundwinkel ab mit einer Serviette, die aussah wie Pergament, das man aus einem alten Buch gerissen hätte. Der Vater aß langsam, kaute jeden Bissen zehn Mal, wie er es schon immer getan hatte, und Hugo aß, weil er Hunger hatte, weil er achtzehn war, und weil es sein Geld war, das auf dem Tisch lag, in Form von Bier und Burger und einem Tisch in einer Bar, die nach Rauch und Bier roch und in der Musik lief, die nicht aufhörte.

Als sie gingen, war es halb elf. Die Straßen waren noch nasser, und der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel war so dunkel, dass man nicht mehr sagen konnte, ob es bewölkt war oder ob es einfach nur Nacht war. Elisabeth ging neben Hugo, ihre Hand in seiner, nicht fest, aber da, eine Präsenz, die er nicht mehr analysierte, sondern nur vermisste, wenn sie fehlte. Svenja ging vor ihnen, die Hände in den Taschen, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, als würde sie prüfen, ob der Himmel noch da war, und Hugo sah, wie sie die Schultern hochzog gegen die Kälte, eine Geste, die er von früher kannte. Der Vater ging hinter ihnen, zwei Schritte zurück, und Hugo hörte seine Schritte auf dem nassen Asphalt, dieses rhythmische Klacken, das er kannte aus Kindertagen, aus Spaziergängen, aus einer Zeit, in der er geglaubt hatte, dass Väter immer hinter einem gehen, um einen zu beschützen, und nicht, weil sie nicht wussten, wohin der Weg führte, oder weil sie Angst hatten, den Blick nicht halten zu können, wenn sie ihn sahen.

An der Wohnungstür blieb der Vater stehen. Er sah Hugo an, und in seinem Blick lag etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte. Es war nicht Stolz. Es war nicht Zuneigung. Es war eher dieses Gefühl, wenn man eine Rechnung begleicht und feststellt, dass die Zahlen auf einmal stimmen, dass die Bilanz ausgeht, dass das, was man für einen Verlust gehalten hat, plötzlich ein Gewinn ist, auch wenn man nicht genau sagen kann, wann sich das geändert hat.

„Danke“, sagte der Vater.

„Für das Bier?“

„Für die Einladung.“

Der Vater zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche, zwei Schlüssel an einem abgewetzten Lederband, und hielt ihn Hugo hin. „Der BMW steht unten am Hotel. Dunkelblau. 320i. E36. Gebraucht, aber zuverlässig. Jetzt hast du wenigstens ein eigenes Auto.“

Hugo nahm den Schlüssel. Das Leder war warm von der Tasche des Vaters, und das Metall kalt gegen seine Handfläche. „Danke“, sagte er.

Der Vater zuckte mit den Schultern. „Du bist achtzehn. Du brauchst ein Auto, das zu dir passt. Und nicht zu mir.“

Hugo nickte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nur, dass es sein Geld gewesen war, und dass sein Vater es akzeptiert hatte, und dass das mehr bedeutete als alle Aktien, die er je gekauft hatte, alle Gewinne, die er je gemacht hatte, alle Formeln, die er je entwickelt hatte. Es bedeutete, dass sein Vater ihn nicht mehr als Experiment betrachtete, sondern als jemanden, der eine Rechnung begleichen konnte, nicht nur in Zahlen, sondern in Gesten.

„Wir fahren morgen früh zurück“, sagte Elisabeth. „Der Zug um sieben. Du musst nicht mitkommen. Du hast eine Bank, die auf dich wartet, und ich habe einen Zug, der auf mich wartet, und beide warten nicht gern.“

„Ich weiß“, sagte Hugo.

„Aber du solltest schlafen. Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nicht geschlafen, und das ist angeblich schlecht für die Haut, obwohl ich dir das nicht sagen muss, weil du ohnehin nicht auf deine Haut achtest.“

„Ich schlafe“, sagte Hugo. „Nur nicht viel. Und nicht gut. Aber das ist nicht neu.“

Elisabeth küsste ihn auf die Stirn, eine Geste, die so selbstverständlich geworden war, dass er sie nicht mehr analysierte, sondern nur noch als Teil seiner Geographie akzeptierte, wie die knarrende Stelle vor dem Kühlschrank. Svenja umarmte ihn, länger als nötig, und er roch an ihrem Haar etwas, das an Kindheit erinnerte, an eine Zeit, in der Geburtstage aus Kuchen und Geschenken bestanden und nicht aus Bier und Burger in einer Bar, in der man sich die Schuhe klebte. Der Vater gab ihm die Hand, nicht die Umarmung, nie die Umarmung, aber die Hand war fest, und sie zitterte nicht mehr, und sie hielt einen Moment länger als nötig, als würde er prüfen, ob die Festigkeit echt war oder nur eine Fassade.

Dann gingen sie. Hugo blieb in der Tür stehen, sah ihnen nach, bis sie um die Ecke verschwanden, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, bis der nasse Asphalt leer war und nur noch die Laternen ihn beobachteten. Dann ging er hinein, in die Wohnung, die nach Lavendel und Kaffee roch, nach einer Warmheit, die nicht ihm gehörte, aber die er jetzt bezahlen konnte, wenn er wollte, und die er deshalb irgendwie mehr zu schätzen begann, nicht weil sie teurer war, sondern weil er sie sich leisten konnte, ohne fragen zu müssen.

Er stand an der Fensterbank, wo Elisabeths Tasse noch stand, die blaue, die nicht in seinen Schrank passte und die deshalb, wann immer sie da war, auf der Fensterbank thronte wie ein fremdes Wappen, das er inzwischen als sein eigenes betrachtete. Er nahm sie in die Hand, sie war noch warm, und er trank den Rest Kaffee, den sie zurückgelassen hatte. Er schmeckte nach nichts, nach Bitterkeit und nach etwas, das er nicht benennen konnte, etwas, das zwischen Zufriedenheit und Unruhe lag, zwischen dem Gefühl, angekommen zu sein, und dem Gefühl, dass der Weg, der hierher geführt hatte, nur der Anfang eines längeren Weges war.

Draußen wurde es stiller. Die Straßenlaternen warfen gelbe Rechtecke auf die gegenüberliegende Hauswand, und irgendwo in der Stadt fuhr ein Auto vorbei, dessen Motor Hugo inzwischen kannte, weil er ihn jeden Abend hörte, wenn er zu spät nach Hause kam. Er war achtzehn Jahre alt. Er hatte seinen Vater eingeladen. Er hatte eigenes Geld verdient. Und er wusste, dass er am nächsten Arbeitstag wieder zur Bank gehen würde, wieder suchen würde, wieder rechnen würde, und dass die Wochen, die jetzt kommen würden, anders sein würden als die Tage, die hinter ihm lagen, nicht weil sich die Arbeit ändern würde, sondern weil er sich geändert hatte, ohne es bemerkt zu haben, in einer Bar, an einem Tisch, mit einem Bier, das er selbst bezahlt hatte.

Er stellte die Tasse zurück auf die Fensterbank, dort, wo sie hingehörte, und ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen, weil er die Dunkelheit inzwischen mochte, nicht als Feind, sondern als Verbündeten, der ihm erlaubte, nicht mehr zu funktionieren, sondern einfach nur zu sein.

 

 

 

 

 

 

Der Tag danach begann mit dem gleichen Wecker, dem gleichen Bohnerwachsgeruch im Treppenhaus und dem gleichen Hemd, das Elisabeth gebügelt hatte. Hugo stand um sechs Uhr dreißig auf, duschte in sechzig Sekunden, zog den Anzug an und ging zu Fuß zur Bank. Die Straßen waren noch dunkel, die Laternen brannten, und Frankfurt roch nach Kaffee und Abgasen, einem Geruch, den Hugo inzwischen mit dem Morgen verband, obwohl er ihn noch nicht mochte.

Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, diesmal ohne Überraschung im Blick, und Hugo fuhr in die vierte Etage. Der Saal war noch leer, die Bildschirme dunkel, nur das staubige Tageslicht fiel durch die Fenster auf die Schreibtische. Hugo setzte sich an seinen Platz, öffnete seine Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend zu Hause korrigiert hatte.

Die Maschinenbaufirma. Er hatte die Abschreibungen neu berechnet, den Gebäudewert korrigiert, die Schuldenquote neu ermittelt. Die Aktie war nach wie vor unterbewertet. Nach seinen Zahlen um achtzehn Prozent. Hugo lächelte kaum merklich, während er die Seiten ordnete. Heute würde er sie abgeben.

Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Männer in Anzügen, die Kaffeetassen in der Hand trugen, die Zeitung unter dem Arm, die Gesichter noch vom Schlaf geschwollen. Niemand grüßte Hugo. Er war der Junge, der vor zwei Tagen hereingekommen war, und in der Welt der vierten Etage zählte man nicht in Tagen, sondern in Jahren.

Hugo wartete.

Um neun Uhr stand ein Mann neben seinem Schreibtisch. Mittelgroß, graues Haar an den Schläfen, ein Gesicht, das wie aus Leder geschnitten schien, mit Falten, die nicht von der Müdigkeit kamen, sondern von jahrzehntelangem Hinschauen auf Zahlen, die nicht immer das taten, was sie sollten. Er trug keinen Anzug, sondern ein braunes Tweedjackett, das an den Ellbogen mit Leder geflickt war, und eine Krawatte, deren Knoten seit dem Morgen nicht mehr nachgezogen worden war.

„Voss“, sagte er. Keine Frage.

Hugo sah auf. „Ja?“

„Brandt. Analyseabteilung. Seit fünfzehn Jahren.“ Er deutete auf die Blätter auf Hugos Schreibtisch. „Brenner sagt, Sie hätten da etwas über eine Maschinenbaufirma geschrieben.“

„Ja.“

„Darf ich?“

Hugo reichte ihm die Blätter. Brandt nahm sie, setzte sich auf die Ecke des Schreibtisches – ohne zu fragen, ob das störte – und begann zu lesen. Seine Augen bewegten sich schnell, nicht zeilenweise, sondern in Sprüngen, die Hugo sofort erkannte: Der Mann las nicht den Text, er las die Zahlen. Die Worte dazwischen waren für ihn nur Gerüst.

Nach zwei Minuten legte Brandt die Blätter auf den Schreibtisch zurück.

„Nett“, sagte er.

„Nett?“, wiederholte Hugo.

„Nett. Sauber gerechnet. Die Abschreibungen haben Sie jetzt kapiert. Der Substanzwert stimmt. Die Schuldenquote stimmt. Die Gewinnmargen stimmen. Alles nett.“

Hugo wartete. Er kannte diesen Ton. Sein Vater benutzte ihn manchmal, wenn er etwas gut fand, aber nicht gut genug.

„Und?“, fragte Hugo.

Brandt zog eine Augenbraue hoch. „Und was?“

„Was fehlt?“

Brandt lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, eher das Lächeln eines Mannes, der eine Frage schon hundertmal gehört hatte und sich immer noch nicht entscheiden konnte, ob sie naiv oder mutig war.

„Hören Sie, Voss. Sie haben hier eine Firma, die achtzehn Prozent unter ihrem Wert liegt. Nach Ihrer Rechnung. Wenn die Bank eine Million Mark in diese Aktie steckt und Sie recht haben, machen wir hundertachtzigtausend Mark Gewinn. Nett. Wirklich nett.“

Er machte eine Pause. Hugo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.

„Aber“, sagte Brandt.

„Aber“, wiederholte Hugo.

„Aber die Firma hat einen Börsenwert von vierzig Millionen. Die tägliche Umsatzmenge liegt bei dreihundert Stück. Wenn wir eine Million investieren wollen, müssten wir den Markt fast zwei Wochen lang aufkaufen. Jeder würde es merken. Der Kurs würde steigen, bevor wir fertig sind. Und wenn wir verkaufen wollen – wer kauft? Dreihundert Stück pro Tag. Wir würden Wochen brauchen, um unsere Position wieder loszuwerden. In der Zeit kann alles passieren.“

Hugo starrte auf die Blätter. Er hatte die Stückzahl gesehen. Er hatte sie notiert. Aber er hatte sie nicht als Problem erkannt.

„Sie suchen nach Fehlbewertungen“, sagte Brandt. „Das ist gut. Das ist Ihr Job. Aber Sie suchen nach Fehlbewertungen, bei denen wir auch etwas damit anfangen können. Eine Fehlbewertung, in die wir nicht genug hineinkriegen, ist keine Fehlbewertung. Sie ist eine akademische Übung.“

Er stand auf.

„Hundertachtzigtausend Mark Gewinn“, sagte er noch einmal. „Gegen eine Position in Millionenhöhe, die wir nicht aufbauen können. Verstehen Sie den Unterschied?“

Hugo nickte. Er verstand ihn. Er verstand ihn sofort, und das Verständnis tat weh, weil es etwas zunichtemachte, das er für richtig gehalten hatte.

Brandt ging. Hugo blieb sitzen und sah auf die Analyse, die er gestern Abend noch für überzeugend gehalten hatte. Die Zahlen waren dieselben. Die Rechnung war dieselbe. Aber der Rahmen, in dem sie standen, hatte sich verändert.

Nicht nur Fehlbewertung zählte.

Zusätzlich zählten: Größe des Unternehmens. Handelsvolumen. Verfügbare Stückzahl. Mögliche Positionsgröße. Die Frage, ob sich seine Erkenntnis für eine Institution überhaupt skalieren ließ.

Hugo legte die Hände auf die Tastatur. Er tippte nicht. Er dachte.

Das war neu. In seinem privaten Depot hatte er nie darüber nachdenken müssen, ob er genug Stücke kaufen konnte. Er hatte gekauft, was er kaufen wollte, und verkauft, wenn er verkaufen wollte. Die Bank war keine Person. Die Bank war ein Organismus mit einem anderen Stoffwechsel, anderen Hunger, anderen Maßen. Was für ihn als Privatanleger ein Gewinn von hunderttausend Mark bedeutete, war für die Bank ein Tropfen auf einen heißen Stein – vorausgesetzt, sie konnte den Tropfen überhaupt in den Eimer kriegen.

Er löschte die Analyse. Nicht wütend. Nicht enttäuscht. Sondern weil er begriff, dass er von vorn anfangen musste.


Die nächsten Tage vergingen anders als die ersten.

Hugo suchte. Er las Geschäftsberichte, Bilanzen, Quartalszahlen. Er rechnete. Er fand Unternehmen, die unterbewertet waren, und verwarf sie, sobald er die Marktkapitalisierung und das Handelsvolumen prüfte. Zu klein. Zu illiquide. Zu wenig Stücke. Zu wenig Umsatz. Zu wenig Substanz, um eine Bankposition zu tragen.

Er kam früher zur Bank und ging später. Die Analysten in seiner Nähe begannen, ihn zu bemerken – nicht als Person, sondern als Präsenz, die immer da war, wenn sie kamen, und noch da war, wenn sie gingen. Manchmal saß Hugo mit einem belegten Brötchen an seinem Schreibtisch, das er vergessen hatte zu essen, weil er in einer Bilanz steckte. Die Sekretärin, die das Tablett mit dem Kaffee brachte, stellte manchmal eine Tasse neben ihm ab, ohne dass er es merkte. Die Tasse stand dort, bis sie kalt war, und wurde am Abend unberührt weggeräumt.

Die Wochen vergingen.

An diesem Tag fiel ihm keine Aktie auf, die groß genug war. Er fand drei, die interessant gewesen wären, wenn er allein gehandelt hätte. Für die Deutsche Bank waren sie nichts. Er verwarf sie und machte weiter.

Die Skepsis um ihn herum wuchs. Nicht laut. Nicht offen. Aber Hugo bemerkte es. Er bemerkte die Blicke, wenn er an der Kaffeemaschine stand und zwei Kollegen hinter ihm leise redeten. Er bemerkte, dass Brenner nicht mehr täglich vorbeischaute. Er bemerkte, dass Brandt ihm nicht mehr auf die Blätter schaute, wenn er vorbeikam, sondern nur noch nickte, dieses kurze Nicken, das bedeutete: Ich sehe Sie. Ich habe keine Zeit.

Der berühmte junge Analyst war da. Aber er brachte der Bank noch nicht den großen Treffer.

Hugo ließ sich nicht treiben. Er sah eine Aktie, die mittelmäßig unterbewertet war, die aber liquide genug gewesen wäre für eine Bankposition. Er schrieb die Analyse, las sie durch, strich sie durch. Nicht gut genug. Nicht überzeugend genug. Wenn er jetzt etwas abgab, nur damit etwas von ihm auf dem Tisch lag, würde er das sein, was sie alle dachten: ein Junge, der Glück gehabt hatte und jetzt seine fünf Minuten Ruhm ausreizte.

Er warf das Blatt in den Papierkorb und fing von vorn an.


Abends, in seiner Wohnung, arbeitete Hugo an einer anderen Ebene.

Die kleineren Unternehmen, die er tagsüber für die Bank verworfen hatte, waren für sein Privatdepot weiterhin interessant. Er saß an dem kleinen Tisch unter dem Fenster, den Taschenrechner neben sich, die Kurslisten vor sich, und rechnete. Die Straßenlaternen warfen gelbe Rechtecke auf die gegenüberliegende Hauswand, und irgendwo in der Stadt fuhr ein Auto vorbei, dessen Motor Hugo nicht kannte.

An einem Dienstagabend kaufte er eine Aktie, die er am Morgen für die Bank verworfen hatte. Ein mittelständisches Unternehmen aus Bayern, Spezialmaschinenbauer, Börsenwert zwölf Millionen Mark, täglicher Umsatz achtzig Stück. Für die Deutsche Bank uninteressant. Für Hugo Voss, Privatanleger, sehr interessant. Er hatte die Zahlen drei Mal durchgerechnet, hatte die Einwände geprüft, hatte nichts gefunden, was dagegensprach.

Er rief bei der Bank an, bei der Abteilung, die sein Depot verwaltete – jetzt ebenfalls die Deutsche Bank – und gab die Order auf. Der Mann am Telefon kannte seinen Namen. Das war neu. Früher hatte er bei der Dresdner Bank angerufen und war einer von vielen gewesen. Jetzt war er der junge Analyst, der bei der Deutschen Bank arbeitete und gleichzeitig ein Privatdepot führte, das die Bank kannte, überwachte und in dessen Gewinne und Verluste sie Einblick hatte.

„Voss“, sagte der Mann. „Natürlich. Wie viel?“

Hugo nannte die Zahl. Nicht riesig. Aber nicht klein.

„Und der Limit?“

„Kein Limit. Marktorder.“

Der Mann zögerte eine Sekunde. „Sind Sie sicher?“

„Ja.“

Hugo legte auf und sah auf die Uhr. Halb zehn. Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen außer einem belegten Brötchen, das er nicht geschmeckt hatte. Er stand auf, ging in die Küche und holte eine Tütensuppe aus dem Schrank.


Die Tütensuppe roch nach nichts und schmeckte nach Salz. Hugo aß sie stehend an der Küchentheke, während er auf den Taschenrechner sah, der auf dem Tisch im Zimmer lag. Er hatte gerade eine Order aufgegeben, die sein Gehalt von drei Monaten verschlang. Und er aß eine Tütensuppe, die neunzig Pfennig kostete.

Das Telefon klingelte. Svenja.

„Hallo“, sagte Hugo.

„Du klingst, als hättest du gerade etwas Unanständiges getan.“

„Ich habe eine Aktie gekauft.“

„Und?“

„Und ich esse Tütensuppe.“

Svenja lachte. Nicht herzlich. Eher dieses Lachen, das Hugo kannte, das gleichzeitig amüsiert und besorgt war.

„Hugo. Du verdienst jetzt richtiges Geld. Du hast ein Privatdepot, das offenbar so groß ist, dass die Bank dich beim Namen kennt. Und du isst Tütensuppe?“

„Sie schmeckt.“

„Sie schmeckt nach Salz und Chemie.“

„Für mich schmeckt sie.“

Hugo nahm einen Löffel. Die Suppe war inzwischen lauwarm.

„Svenja“, sagte er. „Wenn ich jetzt jeden Abend ins Restaurant gehe, was passiert dann?“

„Dann isst du besser.“

„Nein. Dann gebe ich Geld aus, das ich nicht ausgebe. Geld, das heute nicht ausgegeben wird, arbeitet morgen weiter. Zinseszins. Du kennst die Rechnung.“

„Die Rechnung kenne ich. Der Mensch hinter der Rechnung macht mir Sorgen.“

„Warum?“

„Weil du inzwischen bei einer der größten Banken Deutschlands arbeitest, ein Vermögen aufbaust, das ich mir nicht vorstellen kann – und trotzdem lebst du wie ein Student, der sein Bafög nicht zum Ende des Monats bringt.“

Hugo sah auf die Tütensuppe. Dann auf die Küchentheke. Dann aus dem Fenster auf die Straße, wo ein Mann mit einem Hund vorbeiging.

„Ich lebe nicht wie ein Student“, sagte er. „Ich lebe wie Hugo.“

Svenja schwieg einen Moment.

„Das ist genau das, was mir Sorgen macht“, sagte sie leise.

Hugo lächelte. Er konnte nicht anders. Es war nicht einmal ein richtiges Lächeln, eher ein Zucken im Gesicht, das sich gegen seine eigene Willkür durchsetzte.

„Ich rufe dich am Wochenende an“, sagte er.

„Du rufst mich morgen an“, sagte Svenja. „Und du isst etwas Richtiges.“

„Ja, Mama.“

„Ich bin nicht Mama.“

„Nein“, sagte Hugo. „Du bist schlimmer.“

Er legte auf, aß die Suppe aus und stellte den Becher in die Spüle. Dann ging er zurück zum Tisch, öffnete einen neuen Ordner und begann zu rechnen.

Draußen wurde es dunkel über Frankfurt. Die Straßenlaternen gingen an, und irgendwo in der Stadt telefonierte ein Mann mit einer Stimme, die Hugos Vater gehört hätte: tief, selbstbewusst, ein wenig zu laut. Hugo hörte es nicht. Er hörte nur die Zahlen, die in seinem Kopf liefen, und das leise Summen des Taschenrechners, der neben ihm auf dem Tisch stand.

Er war achtzehn Jahre alt. Er arbeitete für die Deutsche Bank. Er besaß ein wachsendes Privatvermögen. Und er wusste, dass er morgen früh wieder eine Tütensuppe essen würde, wenn er dazu kam.

Das war kein Opfer. Das war keine Selbstkasteiung.

Es war einfach nur Hugo.

4.10

Elisabeth stand in Hugos Küche, den Rücken zur Fensterfront, und rührte in einer Tasse, die sie selbst mitgebracht hatte – ein dickwandiges Ding aus hellblauem Steinzeug, das nicht in seinen Schrank passte und deshalb, wann immer sie da war, auf der Fensterbank thronte wie ein fremdes Wappen. Es war Samstagmorgen, kurz nach neun, und die Herbstsonne fiel so schräg durch das Fenster, dass ihre Haare wie geschlagener Kupferdraht aussahen.

Sie trug eines seiner alten Hemden, die Ärmel hatte sie zweimal aufgekrempelt, und darunter ihre eigene Hose vom Vortag, als sie aus dem Zug gestiegen war, den sie wie jeden Freitagabend oder Samstagmorgen nahm, wenn die Woche in ihr genug Rauschen gemacht hatte.

„Du hast wieder vergessen, den Müll rauszubringen“, sagte sie, ohne aufzusehen. Ihre Stimme klang rau, mit diesem Samstagmorgen-Kratzen, das er inzwischen kannte wie den Klang seiner eigenen Kaffeemaschine, die sie übrigens besser bediente als er selbst.

Hugo saß am Tisch und beobachtete, wie sie den Löffel gegen den Rand der Tasse schlug – dreimal, immer gegen den Uhrzeigersinn, eine Gewohnheit, die sie angeblich von ihrer Großmutter hatte und die er irgendwann stillschweigend als Teil des Wochenendrituals akzeptiert hatte. Sie war hier. Wirklich hier. Nicht als Duft, nicht als Erinnerung, nicht als Konstrukt seiner Einsamkeit. Sie kannte die knarrende Stelle vor dem Kühlschrank, wich ihr instinktiv aus, während sie den Kaffee zum Tisch trug. Sie hatte gestern Abend angerufen, wie fast jeden Abend in der vergangenen Woche, nur dass diesmal das Telefonat nicht mit „Schlaf gut“ geendet hatte, sondern mit „Ich nehme den Zug um sechs, sei nicht zu spät auf“.

„Der Müll riecht nicht“, sagte er.

„Er riecht nach dir. Das ist etwas anderes.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, zog die Beine an, die Füße barfuß auf der Stuhlkante. Ihre Zehen waren kalt, das wusste er, auch ohne sie zu berühren. „Gestern, als du angerufen hast, hast du gesagt, das Meeting sei schiefgegangen. Du hast es nicht erwähnt, als ich ankam. Willst du nicht darüber reden?“

Hugo zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht, dass der Abend danach riecht.“

Elisabeth lächelte, dieses asymmetrische Lächeln, bei dem die linke Seite ihres Mundes schneller nach oben zuckte als die rechte. „Zu spät. Alles riecht hier nach dir. Nach Papier und diesem komischen Tee, den du jetzt trinkst, und nach dem Shampoo, das ich letztes Mal im Bad gelassen habe.“ Sie nahm einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht. „Und nach Altlasten. Hugo, du musst den Müll rausbringen, bevor ich gehe. Sonst überlebt das Wochenende nicht.“

Sie blieb meistens das Wochenende. Manchmal nur die Nacht auf Samstag, manchmal bis Sonntagabend. Sie hatte inzwischen einen Schlüssel, den er ihr ohne viele Worte gegeben hatte, und sie benutzte ihn sparsam, klingelte meist trotzdem, als wolle sie den Moment des Öffnens nicht stehlen. Ihre Präsenz war laut und konkret: Ihr Schal hing über der Stuhllehne im Flur, ihre Creme stand im Badezimmer neben seinem Rasierer, ihr Buch lag auf dem Nachttisch – diesmal ein dicker Roman über eine Familie, die er nicht kannte und nicht lesen würde, aber dessen Lesezeichen er respektierte wie einen Grenzstein.

„Rufst du heute Abend deine Mutter an?“, fragte er.

„Morgen. Sonntagmorgen, halb zehn. Das weißt du. Wir haben es gestern am Telefon besprochen, als du mir von deiner Arbeit erzählt hast.“

„Ich wollte wissen, ob sich etwas geändert hat.“

„Nichts ändert sich. Außer dass du jetzt tatsächlich den Müll rausbringst.“ Sie stand auf, ging zum Fenster, lehnte sich auf die Fensterbank, wo ihre Tasse stand, ein blauer Exot in seiner grauen Welt. „Die Stadt sieht von hier aus klein aus. Nicht so klein wie zu Hause, aber überschaubar. Wie ein Modell. Wenn ich hier stehe, verstehe ich, warum du geblieben bist.“

„Ich bin geblieben, weil ich hier arbeite.“

„Du bist geblieben, weil du hier atmen kannst, ohne dass dich jemand fragt, warum du so atmet.“ Sie drehte sich um, das Sonnenlicht fiel auf ihr Gesicht, und Hugo sah die feinen Sommersprossen, die im Herbst immer deutlicher wurden, als würden sie sich vor dem Winter noch einmal sammeln. „Ich werde heute Nachmittag einkaufen gehen. Du hast keine Milch mehr, und dein Brot ist Wissenschaft. Es bewegt sich nicht, aber es lebt.“

Hugo lachte, ein echtes Lachen, das ihn selbst überraschte. „Es ist Roggenbrot. Es soll so sein.“

„Es ist ein Organismus, Hugo. Ich kaufe normales Brot. Und Käse. Und vielleicht diese Blumen, die dir immer so gut gefallen, die Lila, deren Namen ich vergesse.“

„Aster.“

„Richtig. Aster. Du und deine Blumen.“ Sie kam zurück zum Tisch, beugte sich hinunter, küsste ihn auf die Stirn, eine Geste, die so selbstverständlich geworden war, dass er sie nicht mehr analysierte, sondern nur vermisste, wenn sie fehlte. „Ich bin hier“, sagte sie leise, als hätte sie seine Gedanken gelesen, diese kleine, hartnäckige Angst, dass alles, was gut war, nur vorübergehend ausgeliehen sei. „Wirklich. Nicht als Geist. Nicht als Erinnerung. Ich bin hier, und ich gehe morgen Abend, und dann rufen wir uns wieder an, und nächstes Wochenende, oder das übernächste, bin ich wieder da. Das ist real. Das ist genug Realität für eine Wohnung.“

Hugo nickte, obwohl er nicht wusste, ob es genug war oder zu viel oder genau das Richtige. Er wusste nur, dass ihre Tasse auf der Fensterbank stand, dass ihr Schal über der Lehne hing, und dass der Müll tatsächlich raus musste, bevor sie am Sonntag wieder in den Zug stieg und das Telefonat am Abend von „Wie war dein Tag“ zu „Ich habe dich heute vermisst“ überging, wie es inzwischen fast immer tat.

4.11

Svenja klingelte an einem Dienstagabend, unangekündigt, obwohl sie vorher angerufen hatte – Hugo hatte den Anruf verpasst, weil sein Telefon im Mantel steckte, den er über einen Stuhl geworfen hatte, und der Mantel hatte das Klingeln verschluckt wie ein Kissen. Als er die Tür öffnete, stand sie da mit einer Tasche über der Schulter und einem Gesicht, das müder wirkte als sonst, aber auch irgendwie entschlossener, als hätte sie einen innerlichen Zettel abgehakt.

„Ich war in der Gegend“, sagte sie, und die Lüge klang so schlecht, dass sie beide gleichzeitig lachen mussten.

„Du warst nicht in der Gegend“, sagte Hugo und trat zur Seite.

„Doch. Deine Gegend. Meine Gegend ist woanders. Das ist der Punkt.“

Sie kam herein, atmete tief durch, und ihr Gesicht veränderte sich, als würde sie einen Raum betreten, in dem sie den Atem anhalten konnte, den sie zu Hause nicht mehr hatte. „Es riecht nach Elisabeth“, stellte sie fest. „Nach ihrem Lavendel-Zeug. Ist sie gerade erst gegangen?“

„Gestern Abend.“

„Schade. Ich hätte sie gern gesehen.“ Svenja ging in die Küche, setzte sich, ohne gefragt zu werden, und legte die Hand auf den Bauch, eine Geste, die Hugo erst jetzt bewusst registrierte, weil sie den Pullover dabei leicht spannte und eine Rundung sichtbar wurde, die nichts mit Stoff zu tun hatte. Fester. Neue Form.

„Du…“, begann er.

„Ja. Fünfter Monat. Oder fast. Man zählt ja anders, als man denkt. Die Ärzte sind zufrieden. Alles in Ordnung. Das übliche.“

Hugo stellte Wasser auf, mehr aus Automatismus als aus Gastfreundschaft. „Und du fährst im fünften Monat allein nach Frankfurt?“

„Ich bin nicht allein. Ich bin mit mir. Das ist manchmal genug.“ Sie lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. „Und ich wollte dich sehen. Nicht telefonieren. Sehen. Du weißt schon, mit Augen und so.“

Sie redeten eine Weile oberflächlich, über ihre Schwester in Darmstadt, über den Zug, der Verspätung gehabt hatte, über die Schwangerschaft, die angeblich gut verlief. Aber dann stand Svenja auf, wollte ihre Jacke ablegen, und ihr Blick fiel auf die offene Tür zum Schlafzimmer, hinter der der Kleiderschrank stand – die Tür stand offen, weil Hugo morgens in Eile etwas herausgerissen hatte und vergessen hatte, sie zu schließen. Sie blieb stehen, und Hugo kannte diesen Tonfall, bevor sie ihn ausgesprochen hatte.

„Hugo“, sagte sie, und ihre Stimme hatte dieses Gemisch aus Mitleid und praktischer Entschlossenheit, das sie seit ihrer Studienzeit beherrschte. „Das ist kein Kleiderschrank. Das ist ein Archiv des Scheiterns. Ein Denkmal dafür, dass der Mensch morgens keine Entscheidungen treffen sollte, bevor er Kaffee getrunken hat.“

Hugo kam zu ihr. Sie hatte recht. Die Bügel waren durcheinander, Hemden hingen neben Hosen, die Farben waren willkürlich verteilt wie in einem Wahlverhalten, und vor allem: nichts passte zusammen. Er wusste es selbst. Er griff morgens hinein, zog das Erste heraus, was nicht zu sehr zerknittert war, kombinierte es mit dem, was als Nächstes griffbereit lag, und das Ergebnis war eine ästhetische Katastrophe, die er mit Frankfurt erklärte – in Frankfurt, so sagte er sich, sei es egal, was man anhatte, solange man funktionierte.

„Du hast kein System“, sagte Svenja. „Du hast eine Ansammlung. Das funktioniert nicht, wenn du unter Zeitdruck stehst und nicht nachdenken willst.“

„Ich denke morgens nicht gern.“

„Darum bauen wir dir ein System. Ein Kleiderbügel-System. Etwas, das zu deinem Kopf passt. Zu dieser komischen Art, wie du die Welt in Kästchen einteilst, aber die Kästchen vergisst.“

4.12

Sie machte sich ohne weitere Fragen ans Werk. Sie zog alles aus dem Schrank, legte es auf das Bett, eine bunte Landschaft aus Stoff und verpassten Gelegenheiten. Hugo stand daneben und fühlte sich nackter als je zuvor, obwohl er vollständig angezogen war, als würde er sich mit jedem herausgezogenen Hemd enthüllen.

„Du denkst in Kategorien“, sagte Svenja, während sie die Bügel sortierte und die zerknitterten Sachen aufhängte, um sie zu glätten. „Nicht in Farben. Du bist kein Künstler, du bist ein… Strukturierer. Ein analytischer Zerleger. Also strukturieren wir nach Anlässen, nicht nach Farben. Das würde dich nur verwirren und morgens in Depressionen stürzen, wenn dir einlüge, dass Ocker zu Navy passt.“

Sie nahm die alten, dünnen Holzbügel, die Hugo seit Jahren hatte, und begann, sie zu kodieren. Sie drehte kleine Papierstreifen um die Haken, schrieb mit ihrem Kugelschreiber, dessen Mine fast leer war, aber gerade noch reichte: M für Montag bis Mittwoch – Büro, neutral, keine Entscheidungen nötig, greifen und anziehen. D für Donnerstag, etwas lockerer, fast Wochenende, aber noch nicht ganz. F für Freitag, wenn man sich schon fühlen will wie im Freizeitmodus, aber noch nicht darf. W für Wochenende, wenn Elisabeth kommt und man nicht wie ein Buchhalter aussehen will, der gerade von der Bilanzierung kommt. Und E für die Einzelstücke, die nur zu bestimmten Hemden passen, die sie nummerierte, damit er nicht nachdenken musste: E-1 passt zu M-3, E-2 zu D-1, einfach wie ein Rezept.

„Es ist idiotensicher“, sagte sie, während sie die Streifen befestigte und die Reihe musterte. „Du greifst morgens nach dem Bügel, der zum Tag passt. Du brauchst keine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung ist schon gefallen. Von mir. Für dich. Einmalig. Keine Abonnementgebühren.“

Hugo hielt einen der Bügel in der Hand. M-2. Ein graues Hemd, das er eigentlich nicht mochte, weil es an einen schlechten Vortrag erinnerte, aber das Svenja offenbar für zweckmäßig hielt.

„Warum tust du das?“, fragte er leise.

Svenja hielt inne, die Hand noch an einem Bügelhaken, der Papierstreifen zwischen den Fingern. Sie sah nicht ihn an, sondern die Reihe der Kleidungsstücke, die nun wie eine kleine, ordentliche Armee vor ihnen stand, farblos, aber funktional.

„Weil ich gerade tun muss, was ich kann“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte kaum merklich, nur ein leichtes Vibrieren im letzten Wort. „Zu Hause… zu Hause darf ich nichts tun. Marcus hat ein System für alles. Für die Bügel, für die Schubladen, für die Kissen auf dem Sofa, für die Handtücher im Bad. Alles hat seine Farbe, seine Form, seine Regel. Wenn ich etwas verändere, auch nur den Winkel einer Gardine, ist es, als würde ich ein Gesetz brechen. Er sagt, es sei für das Kind. Dass Ordnung Sicherheit bedeute. Dass Chaos das Baby krank mache. Aber ich glaube, es ist für ihn. Damit nichts aus dem Rahmen fällt. Damit ich nicht aus dem Rahmen falle.“

Sie drehte sich zu ihm um, und Hugo sah, dass ihre Augen feucht waren, aber sie weinte nicht. Sie hatte das Weinen offenbar irgendwo abgelegt, zusammen mit den alten, falschen Kleiderbügeln, die nicht mehr in ihr Leben passten.

„Ich bin nicht unglücklich“, sagte sie, und es klang wie ein Zitat, das sie oft genug wiederholt hatte, um es selbst zu glauben. „Ich bin nur… eingehängt. Wie deine Hemden vorher. An einem Haken, der nicht zu mir passt, aber ich weiß nicht mehr, welcher Bügel der richtige wäre. Und jetzt, mit dem Bauch…“ Sie strich über die Rundung unter dem Pullover, eine Bewegung, die halb zärtlich, halb verloren wirkte. „Jetzt bin ich an einen Haken gehängt, den ich nicht gewählt habe, und er wird schwerer, und ich weiß nicht, ob der Haken hält.“

Hugo legte den M-2-Bügel zurück in den Schrank, ordentlich zwischen M-1 und M-3, wo er hingehörte. „Du könntest…“, begann er vorsichtig.

„Nein“, unterbrach sie sanft, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, der sowieso zu nichts geführt hätte. „Könnte ich nicht. Nicht jetzt. Nicht mit diesem Bauch. Nicht mit dieser Geschichte. Marcus ist nicht böse. Er glaubt nur fest an Dinge, die ich nicht mehr glauben kann. Und das System hier, dein System, das ist etwas, das ich noch kann. Etwas, das Sinn ergibt, ohne zu ersticken. Ein Bügel für jeden Tag. Eine Entscheidung weniger. Vielleicht brauchst du das ja auch. Vielleicht brauchen wir das beide. Einen Ort, wo etwas passt, ohne dass man darum kämpfen muss.“

Sie half ihm, die restlichen Sachen zurückzuhängen, und als sie fertig waren, sah der Schrank aus wie ein kleines Kontrollzentrum, ordentlich, fast militärisch, aber beruhigend in seiner Vorhersehbarkeit. Svenja machte einen Schritt zurück, den Kopf leicht schiefgelegt, und nickte zufrieden, wie eine Architektin, die ihr Modell betrachtet.

„Wenn Elisabeth das nächste Mal kommt“, sagte sie, „wird sie staunen. Du wirst aussehen wie jemand, der weiß, was er anhat. Oder zumindest wie jemand, der eine Freundin hat, die es für ihn weiß.“

„Ich weiß es immer noch nicht. Du weißt es.“

„Das ist das Schöne an einem guten System. Man muss es nicht verstehen. Man muss es nur benutzen. Marcus versteht sein System. Ich benutze es nur. Das ist der Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuhause.“

Sie blieb noch eine Stunde, trank den Tee, den Hugo gemacht hatte, und erzählte von dem Kinderzimmer, das Marcus bereits in einem bestimmten Blauton gestrichen hatte, obwohl sie noch nicht wussten, was es würde. „Neutral“, hatte er gesagt. „Blau ist neutral. Blau ist keine Entscheidung.“ Svenja hatte dabei gelächelt, aber Hugo sah, wie ihre Finger um die Tasse sich krallten, als wäre sie ein Rettungsring. Als sie ging, um den Zug zu erwischen, umarmte sie ihn länger als nötig, und Hugo roch an ihrem Haar etwas, das an Kindheit erinnerte, an eine Zeit, in der Systeme noch aus Sand gebaut wurden und nicht aus Kleiderbügeln und Farbcodes.

4.13

Michael kam zwei Wochen später, an einem Freitagabend, als Hugo gerade dabei war, die Wochenendleere zu antizipieren, jene besondere Art von Stille, die in Großstädten lauter ist als auf dem Land, weil sie aus tausend entfernten Gerächen besteht, die keinen Namen haben. Er rief nicht an, er klingelte einfach dreimal, zwei kurze, eine lange, ein Rhythmus, den Hugo von früher kannte, aus einer Zeit, in der sie noch im selben Treppenhaus gewohnt hatten und dieser Code bedeutet hatte: „Ich habe Bier, mach auf.“

Als er die Tür öffnete, stand Michael da mit einer Flasche Rotwein in der Hand und einem Lächeln, das den ganzen Treppenabsatz erhellte und den Nachbarn gegenüber vermutlich die Vorhänge in Bewegung setzte.

„Ich war in der Gegend“, sagte er.

„Lügner“, erwiderte Hugo und trat zur Seite.

„Stimmt. Vier Stunden Zug. Weil du dich seit Wochen kaum noch meldest und ich dachte, du seiest entweder tot oder erfolgreich. Beides wäre ein Grund, vorbeizuschauen, um mich zu vergewissern, dass du es nicht bist.“

Er ging durch die Wohnung wie ein Inspektor auf Rundgang. Öffnete den Kühlschrank – fast leer, wie erwartet. Betrachtete die Bücher im Regal, tippte gegen die Wand, um die Stabilität zu prüfen, und blieb schließlich vor dem Kleiderschrank im Flur stehen, dessen Tür einen Spaltbreit offen war und den neuen, mit Papierstreifen versehenen Bügeln einen Blick auf die Außenwelt gewährte.

„Was ist das?“, fragte er und deutete mit dem Kinn auf das System. „Ein Schrank oder ein Rechenzentrum? Hast du einen Server in deinen Hemden?“

„Ein Freund hat mir ein System gebaut“, sagte Hugo.

„Ein Freund. Oder eine Freundin?“ Michael drehte sich um, die Augenbrauen so hochgezogen, dass sie fast an seine Haarlinie stießen. „Elisabeth?“

„Svenja.“

„Ach. Die Schwangere. Die mit dem…“ Er machte eine vage, wellenförmige Geste, die irgendwo zwischen Ehe, Katastrophe und unlösbarem Puzzle hing. „Ja. Die.“

Sie setzten sich auf den Balkon, der gerade für zwei Stühle und ein kleines Tablett reichte. Michael trug dieselbe alte Lederjacke, die er seit dem Studium hatte, und er zündete sich eine Zigarette an, obwohl er vor zwei Jahren angeblich aufgehört hatte, wie er selbst behauptet hatte, und Hugo sagte nichts dazu, weil er wusste, dass Menschen manchmal zu den Gewohnheiten zurückkehrten, die zu ihnen passten, nicht zu denen, die gesund waren.

„Elisabeth war letzte Woche hier“, sagte Hugo, bevor Michael fragen konnte, und es klang beinahe wie eine Verteidigung.

„Das weiß ich. Sie hat mir erzählt.“

Hugo erstarrte kurz mit dem Glas in der Hand. Der Wein war zu warm, aber er bemerkte es nicht. „Sie erzählt dir das?“

„Wir telefonieren ab und zu. Nicht oft. Aber manchmal. Sie sagt, du würdest gut aussehen. Für jemanden, der in einer Großstadt lebt und vergisst, den Müll rauszubringen. Sie sagt, du hättest eine Tasse auf der Fensterbank, die nicht dir gehört. Und einen Rhythmus. Das ist ihr Wort. Rhythmus.“

Hugo musste lachen, ein Lachen, das aus ihm herausplatzte wie ein Husten.

„Sie hat dir das alles erzählt?“

„Sie hat mir erzählt, dass du hier lebst. Nicht überlebst. Lebst. Das ist ein Unterschied, den sie sehr ernst nimmt. Fast so ernst wie du diese komischen Bügel da drin.“ Michael nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und blies den Rauch in die Nacht, wo er sich mit dem Dunst der Stadt vermischte. „Sie fragt manchmal nach dir. Nicht, wie es dir geht. Sondern, was du gerade tust. Ob du noch den gleichen Tee trinkst. Ob du immer noch gegen den Uhrzeigersinn rührst. Als würde sie eine Liste abhaken. Um sicherzugehen, dass du noch existierst. Dass du nicht durch das Raster dieser Stadt gefallen bist.“

„Ich existiere.“

„Das sehe ich. Aber existierst du hier, oder existierst du nur?“

Hugo sah auf den Innenhof hinunter. Die Frau, die vor Wochen Wäsche aufgehängt hatte, hing jetzt Lichterketten auf, obwohl es noch nicht kalt war, kleine gelbe Punkte im Grau der Dämmerung.

„Ich existiere hier“, sagte er. „Ich habe einen Schrank mit einem System, das ich nicht verstehe, aber benutze. Ich habe eine Tasse auf der Fensterbank, die nicht mir gehört, aber zu mir gehört. Ich habe einen Rhythmus. Und ich habe Besuch. Das ist mehr, als ich vor einem Jahr hatte.“

Michael nickte langsam, die Zigarette zwischen den Fingern, der Rauch sich windend wie ein Gedanke, den er noch nicht formuliert hatte. „Das ist gut. Aber Rhythmen sind Musik, Hugo. Und Musik braucht auch mal eine Pause. Eine Stelle, wo nichts spielt. Wo du hörst, was wirklich da ist, unter all dem Takt.“

Er blieb bis kurz vor Mitternacht, trank den Wein, erzählte von zu Hause, von gemeinsamen Bekannten, von Dingen, die Hugo inzwischen fremd vorkamen, aber nicht unangenehm, nur wie Nachrichten aus einem Paralleluniversum, das er einmal besucht hatte. Als er ging, um den letzten Zug zu erwischen, legte er ihm eine Hand auf die Schulter, eine Geste, die bei ihm selten war und deshalb schwerer wog als Worte.

„Du musst nicht alles mitnehmen, was du hattest“, sagte er. „Aber du solltest auch nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Frankfurt ist eine neue Stadt, keine neue Existenz. Elisabeth ist hier. Svenja war hier. Ich bin hier. Das ist kein Zufall. Das ist ein Netz. Fang an, es zu spüren. Es zieht schon, du merkst es nur noch nicht.“

Hugo blieb auf dem Balkon stehen, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war und Michaels Schritte die Treppe hinabgeklungen waren. Er spürte das Netz nicht, nicht wirklich, aber er spürte die Stühle, die noch warm waren, und den Geruch von Tabak und altem Leder, der in der Nachtluft hängen blieb wie eine Erinnerung an etwas, das erst im Entstehen begriffen war. Er spürte, dass etwas zusammenhing, auch wenn er noch nicht wusste wie, und dass der Müll tatsächlich rausmusste, bevor Elisabeth am nächsten Wochenende wieder kam. Er ging hinein, schloss die Balkontür, und im Flur leuchteten ihm die Papierstreifen an den Bügeln entgegen, kleine Wegweiser in einer Wohnung, die langsam begann, ein Zuhause zu werden.

 

 

 

Kapitel 5

Hugo stand an der Fensterbank, wo Elisabeths Tasse noch stand, die blaue, die nicht in seinen Schrank passte und die deshalb, wann immer sie da war, auf der Fensterbank thronte wie ein fremdes Wappen, das er inzwischen als sein eigenes betrachtete. Er nahm sie in die Hand, sie war noch warm, aber leer. Er stellte sie zurück, dort, wo sie hingehörte, und ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen, weil er die Dunkelheit inzwischen mochte, nicht als Feind, sondern als Verbündeten, der ihm erlaubte, nicht mehr zu funktionieren, sondern einfach nur zu sein.

Der Tag danach begann mit dem gleichen Wecker, dem gleichen Bohnerwachsgeruch im Treppenhaus und dem gleichen Hemd, das Elisabeth gebügelt hatte. Hugo stand um sechs Uhr dreißig auf, duschte in sechzig Sekunden, zog den Anzug an und ging zu Fuß zur Bank. Die Straßen waren noch dunkel, die Laternen brannten, und Frankfurt roch nach Kaffee und Abgasen, einem Geruch, den Hugo inzwischen mit dem Morgen verband, obwohl er ihn noch nicht mochte.

Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, diesmal ohne Überraschung im Blick, und Hugo fuhr in die vierte Etage. Der Saal war noch leer, die Bildschirme dunkel, nur das staubige Tageslicht fiel durch die Fenster auf die Schreibtische. Hugo setzte sich an seinen Platz, öffnete seine Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend zu Hause verworfen hatte.

Die Maschinenbaufirma. Zu klein. Zu illiquide. Er blätterte die Seiten um und begann von vorn.

Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Männer in Anzügen, die Kaffeetassen in der Hand trugen, die Zeitung unter dem Arm, die Gesichter noch vom Schlaf geschwollen. Niemand grüßte Hugo. Er war der Junge, der vor zwei Wochen hereingekommen war, und in der Welt der vierten Etage zählte man nicht in Tagen, sondern in Jahren.

Hugo rechnete.

Um neun Uhr stand eine junge Frau neben seinem Schreibtisch. Sie trug einen grauen Blazer über einem weißen Hemd und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand, die sie nicht trank, sondern nur als Requisit zu halten schien. Ihr Haar war dunkelblond, nicht lang, nicht kurz, sondern so, dass es über den Kragen fiel, wenn sie den Kopf neigte. Sie sah auf seine Unterlagen.

„Die Abschreibung passt nicht“, sagte sie.

Hugo runzelte die Stirn. „Wie bitte?“

„Die Nutzungsdauer. Sie haben sie mit fünfzehn Jahren angesetzt. Aber die Anlage ist neu. Laut Anhang drei gilt die verkürzte AfA nur für die alte Maschine.“

Hugo sah auf sein Blatt. Dann wieder zu ihr. Er hatte den Anhang drei gestern Abend durchgearbeitet. Sie hatte recht.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich arbeite hier. Seit zwei Wochen. Praktikum in der Analyseabteilung. Mein Name ist Julia.“

„Hugo Voss.“

„Das weiß ich. Sie sind der Achtzehnjährige, der alle nervös macht.“

Hugo wusste nicht, ob das ein Kompliment war. Er entschied sich, es als solches zu behandeln.

„Der Ordner war braun“, sagte er.

„Und voll.“

„Ja.“

Sie deutete auf seinen Stuhl. „Darf ich?“

Hugo zuckte mit den Schultern. Sie setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches, nicht auf den Stuhl neben ihm. Das war ungewöhnlich. Die meisten hier setzten sich nicht auf Schreibtische. Die meisten hier setzten sich überhaupt nicht neben ihn, wenn sie nicht mussten.

„Warum fünfzehn Jahre?“, fragte sie.

„Weil ich dachte, die neue Anlage fällt unter denselben Vertrag wie die alte.“

„Das haben alle gedacht. Aber der Vertrag wurde geändert. Seite vierundachtzig, Fußnote sieben.“

„Fußnoten liest niemand.“

„Ich schon.“

Hugo legte den Stift hin. Er betrachtete sie. Ihr Gesicht war schmal, mit hohen Wangenknochen und einer Haut, die aussah, als würde sie nicht viel schlafen. Ihre Augen waren grau, nicht hell, sondern so dunkel, dass sie beinahe blau wirkten.

„Wollen Sie mich anmachen?“, fragte er.

Sie blinzelte. „Entschuldigung?“

„Ich meine: Wollen Sie mir etwas beweisen? Dass Sie besser sind? Dass Sie Fußnoten lesen?“

Julia lachte. Es war ein kurzes, überraschtes Geräusch, das im Großraumbüro lauter klang als gedacht. Ein Kollege zwei Tische weiter sah hoch.

„Nein“, sagte sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie zuhören.“

„Ich höre zu.“

„Gut. Dann hören Sie jetzt zu: Sie sollten mit mir essen gehen.“

Das war keine Frage. Hugo überlegte, ob er das als Befehl oder als Einladung werten sollte. Bei Zahlen war er schnell. Bei Menschen brauchte er länger.

„Warum?“, fragte er.

„Weil Sie die Abschreibung falsch berechnet haben und ich Ihnen den Rest der Fußnoten zeigen will, bevor Sie vor einem Kunden dastehen und sich blamieren.“

Hugo dachte an seine Wohnung. An den Kühlschrank, in dem nur ein halber Liter Milch und eine Tiefkühlpizza standen. An die Abende, die er seit Wochen allein verbrachte.

„Gut“, sagte er.

Sie gingen in ein italienisches Restaurant drei Straßen von der Bank entfernt. Es war kleiner, als Hugo erwartet hatte, mit roten Tischdecken und einem Kellner, der sie behandelte, als wären sie schon seit Jahren Stammgäste.

Julia bestellte einen Salat und Wasser. Hugo bestellte Pasta, weil er Hunger hatte.

Als sie sich setzten, fiel sein Blick auf ihren Bauch. Nicht absichtlich. Er saß ihr gegenüber, und als sie sich zurücklehnte, zog sich ihr Oberteil eng über die Haut. Ihr Bauch war flach. Nicht mager, sondern fest, als würde jemand, der dort saß, regelmäßig etwas tun, das Hugo selbst nie tat.

„Sie starren“, sagte Julia.

„Ihr Bauch“, sagte Hugo.

Sie hob eine Augenbraue. „Entschuldigung?“

„Er ist... flach.“

Julia legte das Besteck hin. Sie sah ihn an, und für einen Moment wirkte sie nicht sicher, ob sie lachen oder gehen sollte.

„Das ist keine Naturgewalt, Herr Voss“, sagte sie. „Das ist Arbeit. Dreimal die Woche Krafttraining, egal ob ich bis zehn in der Bank sitze. Ernährung, bei der ich aufpasse, was ich esse. Kein Alkohol an Wochentagen. Ein flacher Bauch ist keine Gabe. Er ist eine Bilanz. Eine Bilanz, die man selbst aufstellt.“

Hugo dachte darüber nach. Er dachte an Elisabeth, die nie über ihren Körper sprach. An Svenja, die in der Schwangerschaft anders gewesen war. An die Frauen, die er bisher gesehen hatte, ohne sie wirklich anzusehen.

„Das Gesicht hat man einfach“, sagte er langsam.

„Genau“, sagte Julia. „Aber den Rest muss man sich verdienen.“

Sie aß weiter. Hugo aß schneller, als er sollte. Er bemerkte, dass sie zwischen den Bissen aufhörte, ihn ansah, dann wieder aß.

„Haben Sie das oft?“, fragte sie, als sie fertig waren. „Frauen zum Essen einladen?“

Hugo zuckte mit den Schultern. Er dachte an Tanja, an die paar Male, die sie zusammen essen gegangen waren, an das Ende, das nicht wirklich ein Ende gewesen war, sondern nur ein Auseinanderdriften. „Nicht oft“, sagte er. „Aber ich bin auch nicht unerfahren.“

Er wusste nicht, warum er das sagte. Es war nicht wirklich gelogen, aber es klang anders, als es war. Es klang, als hätte er eine Vergangenheit, die er nicht hatte. Julia musterte ihn, und in ihrem Blick lag etwas, das er als Respekt einordnete, obwohl es nur Neugier war.

„Haben Sie ein Auto?“, fragte sie.

„Ja.“

„Was?“

„BMW. 320i. E36. Dunkelblau. Gebraucht. Mein Vater hat ihn mir zum achtzehnten Geburtstag gegeben.“

Sie runzelte die Stirn. „Der ist älter als Sie.“

„Mein Vater hat ihn mir zum achtzehnten Geburtstag gegeben. Gebraucht. Er ist nicht reich. Und ich auch nicht.“

„Das haben Sie nicht erklären müssen.“

„Doch“, sagte Hugo. „Sonst denken Sie, ich bin jemand, der ich nicht bin.“

Julia lächelte. „Dann fahren Sie mich nach Hause. Wenn der BMW es schafft.“

„Er schafft es.“

Sie stiegen in den Wagen. Er roch nach altem Leder und dem Lufterfrischer, den Elisabeth ihm mitgegeben hatte. Der Motor sprang sofort an, ein ruhiger, tiefer Ton, der Hugo seit dem ersten Tag vertraut war.

Julia gab ihm die Adresse. Sie wohnte zwanzig Minuten entfernt, in einem Neubau am Main.

Während der Fahrt sprachen sie wenig. Hugo konzentrierte sich auf den Verkehr, auf die Ampeln, auf die Schaltung. Er mochte das Gefühl, das Auto zu beherrschen. Es war eine andere Art von Kontrolle als die über Zahlen. Direkter. Körperlicher.

„Sie fahren gut“, sagte sie, als er vor ihrem Haus hielt.

„Ich übe.“

„Wofür?“

„Für alles.“

Sie lächelte. Dann öffnete sie die Tür. „Kommen Sie rauf. Auf einen Kaffee.“

Hugo zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er sah sie an.

„Ich trinke keinen Kaffee“, sagte er.

Julia blieb in der geöffneten Tür stehen. Die Innenraumbeleuchtung fiel auf ihr Gesicht, und Hugo sah, dass sie müde war. Nicht nur von der Arbeit. Von etwas anderem.

„Das war keine Frage nach Ihrem Getränkeverhalten“, sagte sie leise. „Das war eine Einladung.“

Hugo starrte auf das Lenkrad. Er dachte an die Wohnung hinter ihm, an das Bett, das er noch nicht gemacht hatte, an die Stille, die ihn erwartete.

„Ich weiß“, sagte er. „Aber ich trinke wirklich keinen Kaffee.“

Sie lachte. Diesmal nicht überrascht, sondern echt, ein warmer Ton, der im dunklen Auto beinahe körperlich wirkte.

„Dann kommen Sie trotzdem.“

* * *

Ihre Wohnung war größer als seine. Nicht viel, aber genug, um einen eigenen Eingangsbereich zu haben, in dem zwei Paar Schuhe standen, nicht eins. Sie war heller, mit einer Küche, die nach Zitrone roch, und einem Sofa, das nicht aussah, als käme es von der Straße.

Julia zog die Jacke aus und warf sie über eine Stuhllehne. Hugo blieb in der Mitte des Raumes stehen. Er wusste nicht, wohin er sich setzen sollte. Auf das Sofa? Auf den Stuhl? Stehen bleiben?

„Setzen Sie sich“, sagte sie.

Er setzte sich auf das Sofa. Es war weicher als erwartet. Er sank tiefer ein, als ihm recht war.

Julia ging in die Küche. Er hörte Wasser laufen, Gläser, einen Kühlschrank. Dann kam sie zurück, ohne Getränke, und setzte sich neben ihn. Nicht weit weg. Näher, als er es von Besuchen bei Michael gewohnt war.

„Sie sind nervös“, sagte sie.

„Nein.“

„Doch. Ihre Hände liegen auf den Knien, als wären sie festgenagelt.“

Hugo sah auf seine Hände. Sie lagen tatsächlich auf seinen Knien, die Finger leicht gespreizt, als bereite er sich auf etwas vor, das nicht kam.

„Ich bin nicht nervös“, sagte er. „Ich bin... vorsichtig.“

„Wovor?“

Hugo sah sie an. Ihr Gesicht war nah. Er sah die kleine Sommersprosse auf ihrer linken Wange, die er beim Essen nicht bemerkt hatte. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als sie atmete. Er roch wieder dieses Zitronige, gemischt mit etwas Warmem, das nur sie war.

Julia beugte sich vor. Ihre Hand lag auf seinem Knie, nicht zufällig, sondern mit einem Druck, der eine Absicht hatte.

„Hugo“, sagte sie leise. „Küss mich.“

Es war keine Bitte. Es war eine Feststellung dessen, was sie wollte, gesprochen mit einer Sicherheit, die Hugo von den Händlern im Saal kannte. Die wussten auch, was sie wollten, und sagten es direkt.

Hugo erstarrte. Er spürte ihre Hand auf seinem Knie, ihre Wärme, ihren Atem so nah an seinem Gesicht. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, aber nicht aus Erregung – aus Panik. Er wusste nicht, was er tun sollte. Seine Hände lagen steif auf den Knien, als wären sie eingefroren. Er war achtzehn. Er hatte noch nie... Er wusste nicht, wie man küsste, nicht wirklich, nicht so, nicht in einer solchen Situation. Sein Kopf, der sonst Zahlen und Bilanzen mühelos verarbeitete, war leer. Ein weißes Rauschen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, etwas Souveränes, etwas Erwachsenes, das zu dem Mann passte, für den sie ihn hielt, aber es kam nichts als:

„Nein.“

Es klang härter, als er es meinte. Abrupt. Wie ein Türknall.

Julia zog die Hand zurück. Nicht langsam. Schnell, als hätte sie sich an etwas Heißem verbrannt. Ihre Augen weiteten sich, nicht vor Schock, sondern vor etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte – eine Mischung aus Überraschung und etwas Schärferem, das er nicht benennen konnte.

„Nein?“, wiederholte sie. Ihre Stimme war noch gleichmäßig, aber eine Spur dünner geworden.

Hugo wollte etwas erklären. Dass er es nicht so meinte. Dass er nicht wusste, warum er das gesagt hatte. Dass seine Stimme ihm einen Verrat begangen hatte, bevor sein Verstand hatte eingreifen können. Aber er fand keine Worte. Er saß da, starr, unbeweglich, ein Junge in einem Anzug, der plötzlich viel zu groß für ihn wirkte.

„Ich...“, begann er.

„Aber lassen Sie es“, sagte Julia. Sie stand auf. Ihre Bewegung war jetzt anders, nicht mehr die entspannte Nähe von vorher, sondern etwas Steifes, Abweisendes. „Das ist ja interessant. Das hätte ich nicht erwartet. Nicht von Ihnen.“

Hugo stand ebenfalls auf. Seine Beine fühlten sich an wie Holz. „Es tut mir leid.“

„Leid?“ Sie lachte. Ein kurzes, hartes Geräusch, das nichts mit dem Lachen im Auto gemein hatte. „Nein. Das tut es nicht. Sie wissen ja nicht einmal, wofür Sie sich entschuldigen. Oder vielleicht doch? Vielleicht ist das genau Ihr Spiel – erst den großen Mann markieren, dann zurückziehen?“

Er griff nach seiner Jacke, die er gar nicht ausgezogen hatte. „Ich fahre nach Hause.“

„Ja. Tun Sie das.“

Er ging zur Tür. Dort blieb er stehen. „Julia?“

Sie drehte sich nicht um. „Was?“

Er verstummte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dass er sie attraktiv fand? Dass er es nicht gewagt hatte? Dass er ein Feigling war? Keiner dieser Sätze würde herauskommen, nicht heute, nicht so. „Gute Nacht“, sagte er schließlich.

Sie antwortete nicht.

* * *

Er fuhr nach Hause. Der BMW glitt durch die nächtlichen Straßen, und Hugo dachte an nichts als die Schaltung. Erst als er in seiner Wohnung stand, der Mantel noch an, begann sein Kopf wieder zu arbeiten.

Er setzte sich an den Tisch. Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier. Oben schrieb er:

**Analyse: Julia**

Darunter:

**Positiv:**
- Hat mich zum Essen eingeladen.
- Hat mich zu sich nach Hause eingeladen.
- Saß nah.
- Hat mich angesehen.
- Hat mich geküsst haben wollen.

**Negativ:**
- Hat Nein bekommen.
- Ist sauer geworden.
- Hat mich komisch genannt.

**Unklar:**
- Warum Einladung, wenn sie nur einen Kuss wollte?
- Warum nah sitzen, wenn sie nichts über mich wissen wollte?
- Warum ist sie sauer, weil ich Nein gesagt habe?

Hugo starrte auf die Liste. Er fügte hinzu:

**Fehlerquellen:**
- Warum habe ich Nein gesagt?
- Ich wollte sie nicht ablehnen.
- Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Er durchstrich die letzte Zeile. Er wusste es wirklich nicht. Er hatte nicht Nein gemeint, nicht so. Er hatte nur... überfordert gewesen. Wie ein Computer, der eine Eingabe bekam, für die kein Programm existierte.

Er legte den Stift hin. Er sah auf das Blatt. Dann griff er wieder danach und schrieb darunter:

**Frauen sind keine Aktien.**

Er betrachtete den Satz. Er war nicht von ihm. Er hörte ihn in Svenjas Stimme, in Elisabeths Ton, in irgendeinem Gespräch, das er vergessen hatte. Aber er stimmte. Er stimmte so sehr, dass Hugo das Gefühl hatte, gegen eine Wand gelaufen zu sein, die er nicht gesehen hatte.

Er stand auf. Er ging zum Fenster. Frankfurt lag vor ihm, grau und gleichmäßig, ohne die Unterbrechungen, die er von Hamburg kannte.

Er dachte an Julias Bauch. An ihre Worte. An das Nein, das aus ihm herausgefallen war, bevor er es hatte aufhalten können. Eine Zahl, die nicht in ihre Rechnung gepasst hatte – und nicht in seine.

Hugo legte die Hände auf die Fensterbank. Die Kälte des Glases drang durch seine Finger.

Er wusste, dass er sie wiedersehen würde. Nicht wegen der Liste. Sondern weil sie eine Frage gestellt hatte, die er nicht beantworten konnte. Und Fragen ließ er nicht liegen.

Hugo hatte die Akte seit sechs Wochen auf seinem Schreibtisch liegen. Ein mittelständischer Chemiekonzern mit Sitz in Ludwigshafen, börsennotiert, seit Jahren als solide geltend, Kurs seit Monaten in einer Bandbreite, die die Händler in der vierten Etage als „tot“ bezeichneten. Die Analysten der Konkurrenz hatten das Unternehmen als „fair bewertet“ abgehakt. Hugo hatte den letzten Geschäftsbericht zum ersten Mal vor vier Wochen gelesen und etwas gespürt, das er noch nicht benennen konnte. Eine Art Unbehagen. Die Zahlen waren zu sauber.

Er begann, sie auseinanderzunehmen. Nicht in einer Nacht. Tag für Tag, Woche für Woche. Er las den Geschäftsbericht des laufenden Jahres, verglich ihn mit dem Vorjahr, mit dem Vorvorjahr. Er las die Quartalsberichte der Tochtergesellschaften, die im Anhang versteckt waren. Er rechnete die Segmentergebnisse nach. Er prüfte die Bewertung des Immobilienbestands in den USA, wo das Unternehmen eine Tochtergesellschaft besaß, deren Werke auf einem Grundstück in New Jersey standen, das in der Bilanz mit einem Quadratmeterpreis angesetzt war, den Hugo mit keiner öffentlichen Transaktion der letzten drei Jahre in Einklang bringen konnte. Zu hoch. Um einen Faktor, der allein schon auffällig war.

Aber das allein reichte nicht. Hugo wusste, dass eine einzelne Abweichung keinen Handel rechtfertigte. Er arbeitete weiter. Er verglich die Rückstellungen für laufende Umweltverfahren mit den Berichten aus den USA, die er über eine internationale Datenbank einsehen konnte. Die Rückstellungen waren niedriger, als die öffentlichen Gerichtsakten nahelegten. Er prüfte die „operativen Erträge“ des Kerngeschäfts über fünf Jahre und entdeckte, dass in drei der letzten vier Quartale erhebliche Posten aus dem Verkauf von Beteiligungen und Immobilien in die operative Ergebnisrechnung eingeflossen waren – einmalige Erträge, die im Geschäftsbericht so dargestellt wurden, als gehörten sie zum laufenden Geschäft. Der Markt, das sah Hugo, bewertete das Unternehmen nach einer Gewinnspanne, die in Wahrheit nicht existierte. Das Kerngeschäft schrumpfte. Die Bilanz war aufgebläht durch überbewertete Aktiva und zu niedrige Rückstellungen.

Er schrieb seine Analyse neu. Nicht einmal, sondern mehrmals. Er ließ sie liegen, las sie nach drei Tagen noch einmal, fand Schwachstellen, verbesserte sie. Er verglich seine Berechnungen mit öffentlichen Daten, mit Branchenvergleichen, mit den Bewertungsmethoden anderer Analysten. Nach vier Wochen war er sicher. Nicht sicher im Sinne eines Gefühls. Sicher im Sinne einer Kette von Schlüssen, bei der kein Glied mehr wackelte.

Er bat seinen Vorgesetzten um ein Gespräch. Der Mann mit der goldfarbenen Brille las die Analyse, während Hugo wartete. Er strich mit den Fingern über seine Krawatte.

„Das ist groß“, sagte er schließlich. „Wenn Sie recht haben.“

„Ich habe recht“, sagte Hugo.

„Das haben wir letztes Jahr auch schon mal gehört. Von einem anderen Jungen. Der ist jetzt in der Abwicklung.“

Hugo sagte nichts. Er wusste, dass Widerspruch ihn nicht weiterbrachte.

„Aber es ist sauber geschrieben“, sagte der Vorgesetzte. „Wir prüfen es.“

Die Prüfung dauerte drei Tage. Hugo saß in drei Besprechungen, in denen ältere Analysten seine Zahlen durchgingen. Ein Mann mit grauem Seitenscheitel und einer Stimme, die klang, als würde er ständig etwas bemängeln wollen, fand einen Fehler in Hugos Nebenrechnung zu den US-Rückstellungen. Hugo hatte für ein laufendes Verfahren die Rückstellungszahl aus dem Vorjahr statt der aktualisierten, niedrigeren Summe aus dem jüngsten Quartalsbericht verwendet.

„Wenn Sie hier schon falsch liegen“, sagte der Mann, „warum sollte man Ihnen bei der Hauptthese trauen?“

Hugo sah ihn an. „Weil der Fehler in Ihre Richtung zeigt. Wenn ich ihn korrigiere, wird die Unterdeckung größer, nicht kleiner. Die aktuelle Rückstellung ist niedriger als im Vorjahr. Das Unternehmen hat also noch weniger zurückgestellt, als ich angenommen habe.“

Der Mann verzog das Gesicht. Es war keine Zustimmung, aber es war auch keine weitere Attacke.

Am vierten Tag stand der Chef der Wertpapierabteilung in der Tür. Der breitschultrige Mann mit der Narbe über der linken Augenbraue sagte: „Wir bauen auf. Vierzig Millionen. Langsam. Short.“

Hugo nickte. Er wusste, was das bedeutete. Die Bank würde Aktien des Unternehmens leihen, sie verkaufen und später – wenn der Kurs gefallen war – billiger zurückkaufen, um sie an den Verleiher zurückzugeben. Die Differenz war der Gewinn. Und das Risiko war unbegrenzt, denn wenn der Kurs stieg statt fiel, musste die Bank teurer zurückkaufen. Hugos Analyse musste stimmen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Die Händler begannen am nächsten Morgen. Hugo saß nicht bei ihnen. Er saß an seinem Schreibtisch und sah zu, wie die anderen Männer telefonierten, in Bildschirme starrten und mit Stiften auf Papiere klopften. Er hatte die Analyse geliefert. Jetzt war er Zuschauer. Die Position wurde über mehrere Tage aufgebaut, nicht auf einen Schlag. 40 Millionen Mark, verteilt auf Leerverkäufe, die nicht den Markt bewegen sollten.

Die ersten zwei Wochen passierte fast nichts. Der Kurs bewegte sich seitwärts, schwankte leicht nach oben. Ein Händler, den Hugo nur als „den Dicken“ kannte, weil alle ihn so nannten, ging an seinem Schreibtisch vorbei und sagte: „Dein Scheißkonzern pennt immer noch. Und er träumt von oben.“

Hugo sah auf den Bildschirm. Der Kurs hatte an zwei Tagen leicht zugelegt. Das bedeutete, dass die Position der Bank bereits einen kleinen buchmäßigen Verlust zeigte. Er spürte etwas in der Magengegend, das er noch nicht kannte. Es war nicht Angst. Es war die Erkenntnis, dass eine Analyse richtig sein konnte und der Markt trotzdem zunächst das Gegenteil tat.

„Der Markt braucht Zeit“, sagte Hugo.

„Der Markt ist ein Arschloch“, sagte der Dicke. „Und du bist derjenige, der gerade mit vierzig Millionen auf ihm reitet.“

In der dritten Woche begann sich etwas zu bewegen. Nicht der Kurs des Chemiekonzerns – der blieb stur in seiner Bandbreite – aber die Stimmung. Ein Analyst einer Konkurrenzbank senkte seine Einstufung von „kaufen“ auf „halten“. Die Begründung war vage, etwas von „marginalem Gewinnrückgang im Kerngeschäft“. Hugo las den Bericht und wusste, dass der Mann einen Teil der Wahrheit gesehen hatte, aber nicht die ganze. Es reichte nicht. Der Kurs reagierte kaum.

Hugo begann, die Tagescharts mit einer Intensität zu verfolgen, die ihn selbst überraschte. Er verglich jeden Tag die Schlusskurse, notierte die Umsätze, suchte nach Mustern. Er öffnete andere Unterlagen, versuchte, sich abzulenken, aber sein Blick fiel immer wieder zurück auf den Bildschirm. Er schlief schlecht. Nicht wegen der Sorge um das Geld – das war nicht seins. Sondern wegen der Sorge um die Richtigkeit. Wenn er falsch lag, war es nicht nur ein Fehler. Es war ein öffentlicher Fehler, den vierzig Millionen Mark begleiteten.

In der vierten Woche fiel der erste Stein. Das Unternehmen veröffentlichte eine Ad-hoc-Mitteilung. Nicht die erwartete Gewinnwarnung, sondern etwas Schlimmeres in seiner Harmlosigkeit: Die Geschäftsführung kündigte an, die Bilanzierung des US-Immobilienbestands „im Rahmen der anstehenden Jahresabschlussprüfung zu überprüfen“. Der Markt reagierte zunächst nicht. Aber Hugo las die Formulierung dreimal. „Überprüfen“ bedeutete in der Sprache der Bilanzierung: Wir haben einen Fehler gefunden und suchen nach einer Art, ihn zuzugeben, ohne zugeben zu müssen, dass er ein Fehler war.

Am nächsten Tag fiel der Kurs um zwei Prozent. Am übernächsten Tag um weitere drei. Am dritten Tag gab das Unternehmen bekannt, dass die US-Immobilien um zwölf Millionen Dollar überbewertet waren und dass zusätzliche Rückstellungen für Umweltschäden gebildet werden müssten. Die Analysten der Konkurrenz, die das Unternehmen noch vor Wochen als „kaufen“ eingestuft hatten, schrieben jetzt „verkaufen“. Der Kurs brach innerhalb einer Woche um mehr als zehn Prozent ein.

Die Bank schloss die Position über drei Tage, kontrolliert, ohne den Markt zu stören. Der durchschnittliche Rückkaufspatz lag bei rund 297,50 Mark. Der Verkaufspreis hatte bei 340 Mark gelegen.


Sie saßen zusammen in dem kleinen Raum neben dem Handelssaal, der nach altem Rauch und abgestandenem Kaffee roch. Der Chef der Abteilung war nicht dabei. Die, die da waren, waren die Händler, die die Position aufgebaut hatten, plus zwei Analysten, plus Hugo. Sie standen um einen Tisch mit einem Taschenrechner in der Mitte.

„Zwölf Komma fünf Prozent“, sagte einer der Händler. Er war Ende dreißig, trug ein Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln und hatte eine Stimme, die klang, als würde er alles, was er sagte, gleichzeitig als Witz und als Beleidigung meinen. „In einem Monat.“

Hugo nickte. „Ja.“

„Vierzig Millionen Einsatz. Fünf Millionen Gewinn.“

Einer der anderen – ein kleiner Mann mit rotem Haar und Sommersprossen, die auch im Winter nicht verschwanden – nahm den Taschenrechner. „Wenn wir das einfach mal zwölf nehmen, sind das hundertfünfzig Prozent im Jahr.“

„So kann man das nicht rechnen“, sagte Hugo.

„Ich weiß. Deshalb rechnen wir es jetzt richtig.“

Er tippte. Die Tasten des alten Taschenrechners klapperten.

„Mit Wiederanlage wären das dreihundertelf Prozent.“

„Dreihundertelf“, sagte ein anderer. Er lehnte in einem Sessel mit abgewetzten Armlehnen und hielt eine Zigarette in der Hand, obwohl seit einer Stunde niemand mehr geraucht hatte.

Hugo schüttelte den Kopf. „Das ist eine vollkommen unsinnige Hochrechnung. Niemand macht jeden Monat zwölf Komma fünf Prozent.“

„Natürlich nicht.“

„Warum rechnen Sie es dann aus?“

Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln lehnte sich zurück und betrachtete Hugo einen Moment. Sein Blick war nicht feindselig. Er war prüfend, wie man einen Gegenstand prüft, den man gerade erst entdeckt hat.

„Weil du achtzehn bist und uns gerade in einem Monat fünf Millionen Mark verdient hast.“

Er schaute noch einmal auf die Zahlen und grinste.

„Voss, wenn du eine Frau wärst, ich würde dich ficken.“

Hugo sah ihn irritiert an. Er verstand den Zusammenhang nicht. In seinem Kopf war noch die Rechnung, die er gerade widerlegt hatte. Die Zahlen. Die Logik. Die unsinnige Hochrechnung. Und jetzt dieser Satz, der aus dem Nichts kam wie ein Telefonanruf in einer stillen Nacht.

„Was hat das mit der Rendite zu tun?“

Für einen Moment war es still. Dann lachten die anderen. Nicht höhnisch. Nicht gegen ihn. Sondern ein tiefes, raues Lachen, das den kleinen Raum füllte und an den Wänden abprallte wie etwas, das lange eingesperrt gewesen war.

Der Rote wischte sich über die Augen. „Jesus, Voss. Du bist wirklich achtzehn, oder?“

„Ja“, sagte Hugo.

„Das merkt man.“ Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln stand auf und klopfte Hugo auf die Schulter. Nicht freundschaftlich. Aber auch nicht abweisend. Es war eine Geste der Anerkennung, die Hugo noch nicht kannte. „Willkommen in der vierten Etage, Junge. Ab jetzt hört dir hier jemand zu.“

Hugo blieb sitzen, während die anderen gingen. Er sah auf den Taschenrechner, der noch auf dem Tisch lag. Die Zahlen waren klein und grün auf dem schwarzen Display. Fünf Millionen. In einem Monat. Aus einer Analyse, die er über Wochen geschrieben hatte.

Er dachte an seinen Vater, der ihm vor zwei Jahren noch erklärt hatte, dass ein Schiffsmakler ein anständiger Beruf sei. Er dachte an Elisabeth, die jedes Wochenende nach Frankfurt fuhr und ihm Milch und Bügeleisen mitbrachte. Er dachte an Julia, an ihren flachen Bauch, an sein eigenes „Nein“, das ihm noch immer in den Ohren lag, weil er schüchtern und überfordert gewesen war.

Dann stand er auf und ging zurück in den Saal. Die Männer an ihren Schreibtischen sahen auf, als er vorbeikam. Nicht alle. Aber einige. Und einer, der Dicke, hob kurz die Hand, nicht als Gruß, sondern als Zeichen, das Hugo erst später verstehen würde: Er war jetzt einer von ihnen. Nicht gleich. Aber auch nicht mehr der Junge, der vor drei Monaten hereingekommen war und niemanden gekannt hatte.

Hugo setzte sich an seinen Platz. Er öffnete eine neue Akte. Er begann zu lesen. Aber etwas hatte sich verändert. Die Worte auf dem Papier waren dieselben. Die Zahlen waren dieselben. Aber er spürte, dass der Raum ihn anders wahrnahm. Und er wusste, dass dies nur der Anfang war. Dass die Männer, die ihn eben noch ausgelacht hatten, ihn bald zu ihren Abenden mitnehmen würden. Nicht weil sie ihn mochten. Sondern weil er jetzt einer von denen war, die man mitnahm.

 Am nächsten Tag, als der Handelssaal sich langsam dem Abend näherte und die Bildschirme die letzten Kurse des Tages in grüner und roter Schrift anzeigten, trat der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln an Hugos Schreibtisch. Er roch nach demselben Aftershave wie gestern, nur stärker, als hätte er sich für den Abend noch einmal eingecremt.

„Voss. Du kommst mit.“

Es war keine Frage. Hugo legte den Stift hin und sah auf. Der Mann grinste nicht, aber in seinen Augen lag etwas, das Hugo als Anerkennung einordnete – die Art von Anerkennung, die man einem Hund zeigte, der endlich apportieren gelernt hatte.

„Wohin?“, fragte Hugo.

„Essen. Trinken. Feiern. Du hast uns gestern fünf Millionen verdient. Da gibt's kein Nein.“

Hugo nickte. Er wusste, dass Widerspruch nicht nur nutzlos, sondern unhöflich war. Er stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und griff nach seiner Aktentasche.

„Lass die Scheiße hier“, sagte der Händler. „Heute Abend bist du nicht der Analyst. Heute Abend bist du einer von uns.“

Das Restaurant lag drei Straßen von der Bank entfernt, ein schweres Gebäude aus rotem Sandstein mit getönten Fenstern und einem Eingang, der breiter war als nötig. Im Innern roch es nach altem Holz, gebratenem Fleisch und dem Zigarettenrauch, der unter der Decke hing wie ein zweiter Teppich. Ein Kellner in einer weißen Schürze führte sie in einen separaten Raum im hinteren Bereich, wo ein langer Tisch mit schweren Stühlen stand. Die Männer setzten sich nicht nach Hierarchie, sondern nach Gewohnheit. Einer der Händler nahm den Platz neben der Tür. Ein anderer presste sich in eine Ecke, die ihm gerade noch breit genug schien. Zwei weitere Händler, die Hugo nur vom Sehen kannte, nahmen die mittleren Plätze ein. Ein älterer Banker mit grauem Seitenscheitel und einem Gesicht, das aussah, als würde er ständig etwas bemängeln wollen, setzte sich an das Ende des Tisches und winkte Hugo zu sich.

„Her mit dir, Kleiner. Du sitzt neben mir. Dann können die anderen dich wenigstens alle sehen.“

Hugo setzte sich. Die Stühle waren aus massivem Eichenholz und schwerer, als sie aussahen. Er legte die Hände auf die Tischkante und bemerkte, wie die anderen ihre Krawatten lösten, die Hemdkröffnungen öffneten und sich zurücklehnten, als würden sie erst jetzt aus einer Hülle schlüpfen, die sie den ganzen Tag getragen hatten.

Der Kellner brachte die Karten. Hugo bestellte ein Steak, weil er Hunger hatte, und ein Wasser, weil er nicht wusste, wie viel er trinken sollte. Die anderen bestellten ohne hinzusehen. Zwei T-Bone-Steaks, ein Cordon bleu, drei Mal die Hausplatte. Und zu trinken: zwei Flaschen Rotwein, vier Bier und für den älteren Banker einen doppelten Whisky.

„Kein Wasser“, sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und grinste. „Nicht heute Abend. Heute Abend feiern wir deinen ersten richtigen Treffer. Und dafür trinkt man was Ordentliches.“

Hugo wechselte seine Bestellung in ein Bier. Er war achtzehn. Bier war legal. Und er wollte nicht der sein, der an diesem Tisch wie ein Schuljunge wirkte, nur weil er auf sein Wasser bestand.

Die ersten zwanzig Minuten drehten sich die Gespräche um das, was Hugo kannte. Der Markt. Die Position. Der Chemiekonzern, der nun um zwölf Prozent gefallen war und noch weiter fallen würde, wenn die nächsten Quartalszahlen kamen. Einer der Händler rechnete laut vor, wie viel die Bank noch verdienen könnte, wenn sie die Position zwei Wochen länger hielten. Ein anderer widersprach und sagte, man solle jetzt abschließen, bevor die Konkurrenz auf den Zug aufsprang. Der ältere Banker schüttelte den Kopf und meinte, beide hätten keine Ahnung, weil sie nicht verstünden, wie die amerikanischen Hedgefonds in diesem Segment arbeiteten.

Hugo hörte zu. Er sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer ihn nicht direkt nach seiner Meinung fragten, sondern über ihn sprachen, als wäre er ein neues Möbelstück, das noch nicht richtig stand. Aber sie sprachen ihn an. Sie sagten: „Voss, was hältst du davon?“ Und: „Der Junge hat gestern recht gehabt. Vielleicht hat er auch heute recht.“ Das war neu. Vor drei Tagen hätte keiner gefragt.

Mit dem zweiten Bier veränderte sich der Ton. Nicht abrupt. Nicht wie ein Lichtschalter. Sondern langsam, wie eine Schraube, die sich aus einem Holzbrett löst. Einer der Männer erzählte eine Geschichte über einen Kunden, der bei einem Telefonat so laut geschrien hatte, dass der gesamte Saal es gehört hatte. Ein anderer fügte hinzu, dass dieser Kunde eine Frau sei und dass sie wahrscheinlich nicht nur geschrien, sondern auch ihren Mann betrogen hätte. Der ältere Banker sagte trocken, dass er den Mann kenne und dass der es verdient habe, betrogen zu werden, weil er bei der letzten Emission zu spät eingestiegen sei. Gelächter. Nicht höhnisch. Nicht gegen jemanden gerichtet. Sondern das Lachen von Männern, die wussten, dass sie unter sich waren.

Hugo lachte mit. Nicht, weil er den Witz besonders lustig fand, sondern weil er begriff, dass das Mitlachen an diesem Tisch wichtiger war als die Analyse eines Geschäftsberichts. Er beobachtete die Gesichter. Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln hatte eine Röte im Gesicht, die nicht nur vom Wein kam. Einer der anderen wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Der ältere Banker trank seinen Whisky in kleinen Schlucken, als würde er Medizin einnehmen, aber er bestellte bereits den nächsten.

„Und du, Voss?“, fragte einer der Männer plötzlich. „Hast du schon mal eine richtige Frau gehabt?“

Das Gespräch verstummte. Nicht vollständig. Aber die Nebengeräusche – das Klappern von Besteck, das Murmeln des Kellners im Nebenraum, das Zischen der Küche – schienen lauter zu werden.

Hugo sah den Mann an. Er wusste, dass die Frage eine Falle sein konnte. Eine Einladung, sich lächerlich zu machen. Oder eine Prüfung. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich bin achtzehn“, sagte er. „Was glaubst du?“

Der Mann grinste. „Ich glaube, du hast noch nie eine Muschi gesehen, die nicht in einem Magazin war.“

Gelächter. Lauter diesmal. Hugo spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Aber er lächelte. Nicht breit. Nicht unterwürfig. Sondern das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er heute fünf Millionen Mark verdient hatte und dass dieser Fakt an diesem Tisch mehr wog als jede sexuelle Erfahrung, die er nicht hatte.

Der ältere Banker lachte kurz auf. „Für fünf Millionen? Bist du bescheuert? So eine Möse kostet dich eine Tankfüllung und zwei Drinks.“

Die Männer lachten. Hugo lächelte und zuckte mit den Schultern.

Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln klopfte Hugo auf die Schulter. Nicht fest. Aber auch nicht mehr wie gestern in der vierten Etage. Diesmal war es die Geste eines Mannes, der einen anderen Mann in seine Runde aufnahm.

„Du wirst schon lernen, Junge“, sagte er. „Heute Abend lernst du.“

Das Essen dauerte zwei Stunden. Die Flaschen wurden geleert, neue bestellt. Die Gespräche drifteten weiter ab von Kursen und Bilanzen. Sie sprachen über Frauen, über Reisen, über einen Kollegen, der sich bei einer Geschäftsreise in Bangkok eine Krankheit eingefangen hatte, über die Schwiegermutter eines der Händler, die angeblich reicher war als ihr Mann, und über die Frau des älteren Bankers, die ihm die Hälfte seiner ersten Million abgenommen hatte.

„Eine Million“, sagte einer der Händler und pfiff durch die Zähne. „Für eine Fotze. Das ist Wucher.“

„Die zweite Million habe ich behalten“, sagte der ältere Banker trocken. „Weil ich gelernt habe.“

„Was denn?“

„Dass Ehe der einzige Beruf ist, bei dem man für den gleichen Scheiß jeden Tag weniger bezahlt wird.“

Wieder Gelächter. Hugo lachte mit, aber ein Teil von ihm stand neben sich und beobachtete die Szene wie ein Experiment. Er sah Männer, die tagsüber in Anzügen Millionen bewegten und abends wie Halbstarke über Frauen sprachen. Er sah, dass die Sprache sich veränderte, je mehr Alkohol floss. Und er sah, dass niemand an diesem Tisch sich dafür schämte. Nicht einmal ansatzweise.

Als sie das Restaurant verließen, war es dunkel. Frankfurt roch nach Abend, nach Abgasen, nach dem Regen, der vor einer Stunde gefallen war und nun in den Gullys rauschte. Die Männer standen auf dem Bürgersteig, zündeten sich Zigaretten an und redeten durcheinander. Hugo stand etwas abseits und atmete die kühle Luft ein. Er fühlte sich nicht betrunken. Er hatte drei Bier getrunken, aber das Essen hatte den Alkohol aufgefangen. Er fühlte sich leicht. Leichter als tagsüber im Saal.

„Komm, Kleiner“, sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und winkte ein Taxi heran. „Der Abend ist noch jung.“

Hugo stieg ein. Er wusste noch nicht, wohin sie fuhren. Er wusste nur, dass er dazugehörte. Nicht weil er es wollte. Sondern weil er es sich verdient hatte.

Im Taxi saß Hugo hinten zwischen zwei Männern aus der Wertpapierabteilung. Vorne, neben dem Fahrer, saß der ältere Banker. Für die anderen war er nur noch die „Samenschleuder“. Hugo wusste nicht recht, wohin mit den Händen. Er war zum ersten Mal dabei, und natürlich hatten die anderen längst gemerkt, wie nervös er war.

„Guck ihn dir an“, sagte einer neben ihm. „Der sitzt da, als würden wir ihn gleich fressen.“

„Lass den Jungen“, sagte der ältere Banker von vorne. „Der lernt heute was fürs Leben.“

„Von dir? Dann lieber nicht.“

Das Taxi füllte sich mit Gelächter.

Der ältere Banker drehte sich halb nach hinten.

„Hey, Kleiner. Ich geb dir einen Tipp. Das Kondom bringst du immer selber weg.“

Hugo sah ihn an.

„Selber“, wiederholte Hugo.

„Warum?“

Die anderen begannen bereits zu grinsen.

„Jetzt erzählt er wieder seine Heldengeschichte“, sagte einer.

Der ältere Banker zeigte mit dem Daumen auf sich selbst.

„Ich hab mit meiner Alten gefickt. Danach sagt sie, sie wirft das Kondom weg. Sie nimmt es mit und verschwindet damit. Nach einer Weile denk ich: Wo bleibt die eigentlich? Stattdessen hat sie sich den Inhalt selbst eingeführt. Schwanger. Kind. Seitdem zahl ich Alimente.“

Von hinten kam sofort:

„Na ja. Du hast ja auch eine Nutte geheiratet.“

Das Taxi explodierte vor Gelächter.

Der ältere Banker verzog keine Miene.

„Eben. Deshalb kenne ich mich ja aus.“

„Und deshalb heißt er Samenschleuder“, sagte der Mann neben Hugo.

„Das ist Verleumdung“, sagte der ältere Banker.

„Das ist ein Kompliment.“

Noch mehr Gelächter.

Dann sagte einer der Männer:

„Eigentlich musst du es machen wie ein vernünftiger Mensch. Geh zum Arzt, lass dir die Leitung kappen und gut ist.“

„Genau“, sagte ein anderer. „Ficken kannst du danach genauso. Du schießt nur noch Blanks.“

„Und der ältere Banker hätte heute ein größeres Vermögen.“

Der ältere Banker drehte sich wieder nach hinten.

„Ihr seid solche Arschlöcher.“

Hugo lachte mit.

Aber er hörte genau zu.

Der ältere Banker wandte sich wieder an Hugo.

„Deswegen, Kleiner: Merk dir eine Sache. Du kannst machen, was du willst. Aber wenn du ein Kondom benutzt hast, gibst du das Ding keiner Frau und sagst: Schmeiß mal weg.“

Hugo sagte nichts.

Der Mann tippte ihm mit dem Finger gegen den Brustkorb.

„Das Kondom bringst du immer selber weg.“

Hugo nickte.

„Immer?“

„Immer.“

„Auch wenn sie sagt, sie macht das?“

„Gerade dann.“

Einer der anderen lachte.

„Der Kleine schreibt sich das gleich auf.“

Hugo sah ihn an.

„Warum sollte ich es aufschreiben? Ich kann es mir merken.“

Für einen Moment war es still.

Dann lachten wieder alle.

Der Mann neben ihm schüttelte grinsend den Kopf.

„Du bist echt okay, Kleiner.“

Das Taxi fuhr weiter.

Für die anderen war die Geschichte bereits vorbei. Sie waren beim nächsten Witz, beim nächsten Spruch, beim nächsten Thema. Hugo dagegen dachte noch darüber nach.

Ein benutztes Kondom. Eine Entscheidung von wenigen Sekunden. Ein Kind. Alimente über Jahre.

Eine Handlung, eine Konsequenz.

Das verstand er.

Kurz darauf hielt das Taxi. Die Männer stiegen aus. Erst jetzt sah Hugo, dass sie tatsächlich vor dem Bordell angekommen waren.

Am folgenden Arbeitstag begegnete ihm einer der Männer vom Abend.

Er grinste.

„Na, Kleiner. Wie war's?“

Hugo sah ihn an.

„Gut.“

Mehr sagte er nicht.

Für die kommende Woche vereinbarte er einen Termin.

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