# Kapitel 5 – Die Bankerin
Hugo stand an der Fensterbank, wo Elisabeths Tasse noch stand. Sie war leer und kalt, der Rand noch leicht feucht von ihrem Lippenstift, den sie nie direkt auftrug, sondern immer mit dem Zeigefinger verblendete. Er stellte sie nicht zurück. Wenn er das täte, wäre sie weg, und dann wäre nichts mehr von ihr da außer der Vorhangfalte, in der ihr Parfüm hing.
Er ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen, und lag auf dem Rücken. Die Decke war grau im Dunkeln. Er lauschte auf seinen Atem, der zu gleichmäßig kam, als würde sein Körper etwas vorspielen. Irgendwann klingelte der Wecker, und er wusste nicht, ob er geschlafen hatte.
Der Tag danach roch nach dem gleichen Bohnerwachs, dem gleichen Hemd, der gleichen Straße. Die Laternen brannten noch, als Hugo zur Bank ging, kleine gelbe Punkte im Nebel. Das Ziehen in seinem Bauch war schwächer als am ersten Tag, aber es war noch da. Nicht Schmerz. Eine Art Knoten, der sich erst löste, wenn er den Saal betrat und den Geruch nach Papier, Kaffee und abgestandenem Rauch einatmete.
Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, ein einzelnes Kopfheben, das Hugo mehr bedeutete als ein Gruß. Im Saal war es noch leer. Die Schreibtische standen wie Inseln im Halbdunkel, die Bildschirme schwarz, die Stühle zurückgeschoben. Hugo setzte sich, öffnete die Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend verworfen hatte. Die Maschinenbaufirma. Zu klein. Zu illiquide. Er blätterte um und begann von vorn, die Zahlen wie Brailleschrift mit den Fingern zu ertasten, obwohl er sie nur sah.
Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Niemand grüßte ihn. Er war der Junge, der vor zwei Wochen hereingekommen war, und in der vierten Etage zählte man nicht in Tagen, sondern in Jahren. Hugo rechnete. Die Zahlen waren seine Sprache, und in dieser Sprache fühlte er sich sicherer als in jeder anderen.
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Um neun Uhr stand eine junge Frau neben seinem Schreibtisch. Grauer Blazer, weißes Hemd, eine Tasse Kaffee in der Hand, die sie nicht trank. Ihr Haar war dunkelblond, mittellang, fiel über den Kragen, wenn sie den Kopf neigte. Sie roch nach etwas Scharfem, das Hugo nicht einordnen konnte – nicht süß, nicht schwer. Etwas, das die Luft zwischen ihnen dünner machte.
„Sie haben einen Fehler in den Zahlen", sagte sie.
Hugo runzelte die Stirn. „Wie bitte?"
„Die Abschreibung. Sie haben angenommen, die neue Maschine fällt unter denselben Vertrag wie die alte. Das stimmt nicht. Der Vertrag wurde geändert. Seite vierundachtzig, Fußnote sieben."
Hugo sah auf sein Blatt. Dann wieder zu ihr. Sie hatte recht. Er wusste es, bevor er nachgeschlagen hatte, an der Art, wie sie es sagte. Nicht triumphierend. Einfach als Tatsache, wie man sagt: Es regnet.
„Wer sind Sie?"
„Julia. Analyseabteilung." Sie deutete auf seinen Stuhl. „Darf ich?"
Hugo zuckte mit den Schultern. Sie setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches. Das war ungewöhnlich. Die meisten hier setzten sich nicht auf Schreibtische. Die meisten setzten sich überhaupt nicht neben ihn. Sie saß so, dass ihr Blazer sich öffnete und das weiße Hemd darunter spannte, und Hugo bemerkte, dass sein Blick nicht an ihrem Gesicht, nicht an ihrer Brust hängen blieb, sondern an ihrer Mitte. Der Stoff spannte sich glatt über einen Bauch, der fast unwirklich fest wirkte. Die Konturen darunter waren klar, trainiert, eine flache Ebene, die beim Atmen nur leicht hob und senkte, kontrolliert, als würde jeder Atemzug gezählt.
Er starrte länger hin, als höflich gewesen wäre. Es war nicht nur, dass Julia attraktiv war. Es war diese Mitte. Diese feste, flache Fläche, die trainierte Spannung darunter. Irgendetwas daran zog seinen Blick immer wieder zurück, wie eine Zahl, die nicht aufging.
„Der ist nicht von allein so geworden, Herr Voss."
Hugo sah ihr in die Augen, dann wieder auf ihren Bauch. „Wie dann?"
„Arbeit. Dreimal die Woche Krafttraining. Auch wenn ich bis zehn in der Bank sitze. Ich passe beim Essen auf, ich trinke unter der Woche keinen Alkohol, und wenn die anderen am Wochenende faul herumliegen, trainiere ich."
„Nur für einen flachen Bauch?"
Julia lachte. „Natürlich nicht nur für einen flachen Bauch." Sie beugte sich etwas vor, und Hugo roch dieses scharfe Parfüm wieder, stärker jetzt. „Ich bin sechsundzwanzig. Glauben Sie, ich will mit vierzig immer noch hier sitzen und Geschäftsberichte lesen? Ich will mir einen reichen Banker angeln. Und die Männer hier haben genug Auswahl. Wenn du auffallen willst, musst du ihnen etwas bieten, was die anderen nicht haben."
Sie strich mit der flachen Hand kurz über ihren Bauch, eine Geste, die schnell war, aber nicht beiläufig. Eine Geste, die sagte: Das hier gehört mir.
Hugo sah sie an. Er wusste nicht, ob sie scherzte. Ihr Blick sagte ihm, dass sie es vollkommen ernst meinte. Etwas daran faszinierte ihn. Nicht nur, wie ihr Bauch aussah, sondern dass Julia darüber sprach wie über eine Investition: Aufwand, Disziplin, Ziel. Sie hatte einen Plan für ihren Körper, wie andere einen Plan für ihr Geld hatten.
Der Gedanke blieb.
Julia bestellte einen Salat und Wasser. Hugo bestellte Pasta.
„Haben Sie ein Auto?", fragte sie.
„BMW. 320i. E36. Dunkelblau. Gebraucht. Mein Vater hat ihn mir zum achtzehnten Geburtstag gegeben."
„Der ist älter als Sie."
„Mein Vater ist nicht reich. Und ich auch nicht."
„Das haben Sie nicht erklären müssen."
„Doch. Sonst denken Sie, ich bin jemand, der ich nicht bin."
Julia lächelte. „Dann fahren Sie mich nach Hause. Wenn der BMW es schafft."
„Er schafft es."
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Nach dem Essen stiegen sie in den Wagen. Er roch nach altem Leder und dem Lufterfrischer, den Elisabeth ihm mitgegeben hatte. Julia gab ihm die Adresse. Zwanzig Minuten entfernt, ein Neubau am Main.
Während der Fahrt sprachen sie wenig. Hugo konzentrierte sich auf den Verkehr, auf das Gefühl der Schaltung in seiner Hand, auf die direkte, körperliche Kontrolle, die das Auto ihm gab. Eine andere Art von Kontrolle als die über Zahlen. Direkter. Greifbarer.
„Sie fahren gut", sagte sie, als er vor ihrem Haus hielt.
„Ich übe."
„Wofür?"
„Für alles."
Sie lächelte. Dann öffnete sie die Tür. „Kommen Sie rauf. Auf einen Kaffee."
Hugo zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. „Ich trinke keinen Kaffee."
Julia blieb in der geöffneten Tür stehen. Die Innenraumbeleuchtung fiel auf ihr Gesicht, machte die Schatten unter ihren Augen sichtbar. „Das war keine Frage nach Ihrem Getränkeverhalten. Das war eine Einladung."
Hugo starrte auf das Lenkrad. Er dachte an die Wohnung hinter ihm, an das Bett, das er noch nicht gemacht hatte, an die Stille, die ihn erwartete. Die Stille war vertraut. Die Stille war sicher. Aber sie war auch leer.
„Ich weiß", sagte er. „Aber ich trinke wirklich keinen Kaffee."
Sie lachte. Warm, echt, ein Ton, der im dunklen Auto beinahe körperlich wirkte, wie etwas, das man anfassen könnte. „Dann kommen Sie trotzdem."
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Ihre Wohnung war größer als seine. Hell, eine Küche, die nach Zitrone roch, ein Sofa, das nicht von der Straße stammte. Julia zog die Jacke aus und warf sie über eine Stuhllehne. Hugo blieb in der Mitte stehen. Er wusste nicht, wohin er sich setzen sollte. Er wusste nicht, welche Distanz angemessen war, welche Haltung, welche Worte.
„Setzen Sie sich."
Er setzte sich auf das Sofa. Es war weicher als erwartet. Er sank tiefer ein, als ihm recht war, und spürte, wie die Polster ihn umschlossen wie Wasser.
Julia ging in die Küche. Er hörte Wasser laufen, Gläser. Dann kam sie zurück, ohne Getränke, und setzte sich neben ihn. Näher, als er es von Besuchen bei Michael gewohnt war. Ihr Knie berührte fast sein Knie.
„Sie sind nervös", sagte sie.
„Nein."
„Doch. Ihre Hände liegen auf den Knien, als wären sie festgenagelt."
Hugo sah auf seine Hände. Sie lagen tatsächlich auf seinen Knien, die Finger leicht gespreizt, die Fingernägel fast weiß vor Druck. Er hatte sie nicht so hingelegt. Sie waren einfach dort gelandet, als hätte sein Körper entschieden, dass dieser Ort der sicherste war.
„Ich bin nicht nervös", sagte er. „Ich bin vorsichtig."
„Wovor?"
Hugo sah sie an. Ihr Gesicht war nah. Er roch etwas Warmes, das nur sie war, unter dem scharfen Parfüm, etwas, das nach Haut und Arbeit roch. Er spürte, wie sein Herz schneller wurde, nicht dramatisch, aber spürbar, ein leiser Motor, der hochdrehte.
Julia beugte sich vor. Ihre Hand lag auf seinem Knie, nicht zufällig, sondern mit einem Druck, der eine Absicht hatte, der eine Richtung vorgab.
„Hugo", sagte sie leise. „Küss mich."
Es war keine Bitte. Es war eine Feststellung dessen, was sie wollte, gesprochen mit einer Sicherheit, die Hugo von den Händlern im Saal kannte, von Männern, die wussten, dass sie gewinnen würden.
Hugo erstarrte. Er spürte ihre Hand auf seinem Knie, ihre Wärme, ihren Atem so nah an seinem Gesicht, dass er die Feuchtigkeit spürte. Sein Herz hämmerte jetzt gegen seine Rippen, nicht mehr leise, sondern laut, ein Schlagen, das er fürchtete, sie könnte hören. Seine Hände lagen steif auf den Knien, als wären sie eingefroren. Er war achtzehn. Er hatte noch nie... Er wusste nicht, wie man küsste, nicht wirklich, nicht so, nicht in einer solchen Situation. Sein Kopf, der sonst Zahlen mühelos verarbeitete, war leer. Ein weißes Rauschen, in dem kein einziger Gedanke Platz hatte.
Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, etwas Souveränes, etwas, das zeigen würde, dass er dazugehörte, aber es kam nichts als:
„Nein."
Es klang härter, als er es meinte. Abrupt. Wie ein Türknall in einer leeren Wohnung.
Julia zog die Hand zurück. Schnell, als hätte sie sich an etwas Heißem verbrannt. Ihre Augen weiteten sich, nicht vor Schock, sondern vor etwas Schärferem, einem Blitz, der schneller war als ihre Miene.
„Nein?", wiederholte sie. Ihre Stimme war eine Spur dünner geworden.
Hugo wollte etwas erklären. Dass er es nicht so meinte. Dass er nicht wusste, warum er das gesagt hatte. Dass sein Körper eine Sprache gesprochen hatte, die er nicht kannte. Aber er fand keine Worte. Er saß da, starr, unbeweglich, ein Junge in einem Anzug, der plötzlich viel zu groß für ihn wirkte.
„Ich...", begann er.
„Aber lassen Sie es", sagte Julia. Sie stand auf. Ihre Bewegung war jetzt steif, abweisend, die Geste einer Frau, die nicht abgewiesen werden wollte. „Das ist ja interessant. Das hätte ich nicht erwartet. Nicht von Ihnen."
Hugo stand ebenfalls auf. Seine Beine fühlten sich an wie Holz, als wären die Gelenke eingerostet. „Es tut mir leid."
„Leid?" Sie lachte. Kurz, hart. „Nein. Das tut es nicht. Sie wissen ja nicht einmal, wofür Sie sich entschuldigen."
Er griff nach seiner Jacke. „Ich fahre nach Hause."
„Ja. Tun Sie das."
Er ging zur Tür. Dort blieb er stehen. „Julia?"
Sie drehte sich nicht um. „Was?"
Er verstummte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nur, dass etwas in ihm sich weigerte, diese Tür zu öffnen, ohne dass er verstand, warum. „Gute Nacht", sagte er schließlich.
Sie antwortete nicht.
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Er fuhr nach Hause. Der BMW glitt durch die nächtlichen Straßen, und Hugo dachte an nichts als die Schaltung, an das Gefühl des Hebels in seiner Hand, an die präzise Bewegung von Gang zu Gang. Erst als er in seiner Wohnung stand, begann sein Kopf wieder zu arbeiten.
Er setzte sich an den Tisch. Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier. Oben schrieb er:
**Analyse: Julia**
Darunter:
**Positiv:**
- Hat mich zum Essen eingeladen.
- Hat mich zu sich nach Hause eingeladen.
- Saß nah.
- Hat mich geküsst haben wollen.
**Negativ:**
- Hat Nein bekommen.
- Ist sauer geworden.
**Fehlerquellen:**
- Warum habe ich Nein gesagt?
- Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
Er durchstrich die letzte Zeile. Er wusste es wirklich nicht. Er war überfordert gewesen. Wie ein Computer, der eine Eingabe bekam, für die kein Programm existierte. Ein Systemabsturz in Fleisch und Blut.
Er legte den Stift hin. Er sah auf das Blatt. Dann griff er wieder danach und schrieb darunter:
**Frauen sind keine Aktien.**
Er betrachtete den Satz. Er stimmte. Er stimmte so sehr, dass Hugo das Gefühl hatte, gegen eine Wand gelaufen zu sein, die er nicht gesehen hatte. Eine Wand, die aus etwas anderem bestand als aus Zahlen.
Er stand auf. Er ging zum Fenster. Frankfurt lag vor ihm, grau und gleichmäßig, ein Raster aus Lichtern und Schatten, das er noch nicht lesen konnte.
Er dachte an Julias Bauch. An ihre Worte. An das Nein, das aus ihm herausgefallen war, bevor er es hatte aufhalten können. Eine Zahl, die nicht in ihre Rechnung gepasst hatte – und nicht in seine.
Er wusste, dass er sie wiedersehen würde. Nicht wegen der Liste. Sondern weil sie eine Frage gestellt hatte, die er nicht beantworten konnte. Und Fragen ließ er nicht liegen.
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## Der erste große Treffer
Hugo hatte die Akte seit Wochen auf seinem Schreibtisch liegen. Ein mittelständischer Chemiekonzern mit Sitz in Ludwigshafen, börsennotiert, seit Jahren als solide geltend, Kurs seit Monaten in einer Bandbreite, die die Händler als „tot" bezeichneten. Die Analysten der Konkurrenz hatten das Unternehmen als „fair bewertet" abgehakt.
Hugo hatte den letzten Geschäftsbericht vor vier Wochen gelesen und etwas gespürt, das er noch nicht benennen konnte. Eine Art Unbehagen, das sich nicht in den Zahlen zeigte, sondern zwischen ihnen. Die Zahlen waren zu sauber. Zu rund. Zu sehr wie gezeichnet, nicht wie gewachsen.
Er begann, sie auseinanderzunehmen. Tag für Tag, Woche für Woche. Er las den Geschäftsbericht des laufenden Jahres, verglich ihn mit dem Vorjahr, mit dem Vorvorjahr. Er las die Quartalsberichte der Tochtergesellschaften, die im Anhang versteckt waren wie Kinder, die man vergessen hatte einzutragen. Er fand ein Werk in New Jersey, dessen Grundstück mit einem Preis bewertet war, den niemand in den letzten drei Jahren bezahlt hatte. Zu hoch. Viel zu hoch. Er fand Schulden, die die Firma in den Büchern versteckt hatte – Schäden, die irgendwann jemand bezahlen musste. Er fand Gewinne, die nur einmalig waren: verkaufte Fabriken, die so dargestellt wurden, als gehörten sie zum normalen Geschäft. Das Kerngeschäft schrumpfte. Die Bilanz war aufgebläht. Der Markt bewertete das Unternehmen nach einer Gewinnspanne, die in Wahrheit nicht existierte.
Er schrieb seine Analyse neu. Nicht einmal, sondern mehrmals. Er ließ sie liegen, las sie nach drei Tagen noch einmal, fand Schwachstellen, verbesserte sie. Nach vier Wochen war er sicher. Nicht sicher im Sinne eines Gefühls. Sicher im Sinne einer Kette von Schlüssen, bei der kein Glied mehr wackelte.
Er bat seinen Vorgesetzten um ein Gespräch. Der Mann mit der goldfarbenen Brille las die Analyse, während Hugo wartete. Die Sekunden dehnten sich. Hugo hörte das Blättern, das Husten des Mannes am Nebentisch, das rhythmische Tippen einer Schreibmaschine irgendwo im Hintergrund.
„Das ist groß", sagte der Vorgesetzte schließlich. Seine Stimme war flach, aber etwas darunter bebte. „Wenn Sie recht haben."
„Ich habe recht", sagte Hugo. Seine Stimme klang fester, als er sich fühlte. In seinen Händen, die auf den Knien lagen, spürte er ein leichtes Zittern, das er mit den Fingernägeln in seinen Oberschenkeln zu ersticken versuchte.
„Das haben wir letztes Jahr auch schon mal gehört. Von einem anderen Jungen. Der ist jetzt in der Abwicklung."
*Der andere Junge. Abwicklung. Das könnte ich sein. In zwei Wochen sitze ich dort.*
Hugo sagte nichts. Er saß reglos, während in seinem Kopf eine Rechnung lief, die nichts mit dem Chemiekonzern zu tun hatte. Eine Rechnung über Dauer, über Wahrscheinlichkeiten, über das Risiko, achtzehn zu sein und zu glauben, man hätte die Welt verstanden.
„Aber es ist sauber geschrieben", sagte der Vorgesetzte. „Wir prüfen es."
Die Prüfung dauerte drei Tage. Drei Tage, in denen Hugo nicht schlief, nicht richtig. Er lag wach um drei Uhr morgens, starrte an die Decke und rechnete im Dunkeln. Hatte er irgendwo eine Null vergessen? Hatte er den Vertrag wirklich richtig gelesen? Er stand auf, machte Licht, blätterte in den Unterlagen, fand nichts, legte sich wieder hin, und der Knoten in seinem Bauch zog sich enger.
Hugo saß in drei Besprechungen, in denen ältere Analysten seine Zahlen durchgingen. Ein Mann mit grauem Seitenscheitel, dessen Hände nach teurer Lotion rochen, fand einen Fehler in Hugos Nebenrechnung zu den US-Rückstellungen. Hugo hatte für ein laufendes Verfahren die Rückstellungszahl aus dem Vorjahr statt der aktualisierten, niedrigeren Summe verwendet.
„Wenn Sie hier schon falsch liegen", sagte der Mann, und seine Stimme war nicht laut, aber sie traf. „Warum sollte man Ihnen bei der Hauptthese trauen?"
Hugo sah ihn an. Er spürte die Hitze in seinem Gesicht, ein brennendes Gefühl, das von innen gegen seine Wangen schlug. Demütigung. Reiner, körperlicher Schlag.
„Weil der Fehler in Ihre Richtung zeigt", sagte Hugo, und seine Stimme zitterte nicht, obwohl seine Hände es taten. „Wenn ich ihn korrigiere, wird die Unterdeckung größer, nicht kleiner."
Der Mann verzog das Gesicht. Es war keine Zustimmung, aber auch keine weitere Attacke. Hugo saß da und spürte, wie der Schweiß in seinen Hemdärmeln kalt wurde.
Am vierten Tag stand der Chef der Wertpapierabteilung in der Tür. Der breitschultrige Mann mit der Narbe über der linken Augenbraue. Er sagte nichts eine Sekunde lang. Er sah Hugo nur an, als würde er ihn wiegen.
„Wir bauen auf", sagte er dann. „Vierzig Millionen. Langsam. Short."
Hugo nickte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Unter dem Tisch presste er die Fingernägel so fest in die Oberschenkel, dass es wehtat. Vierzig Millionen. Er war achtzehn. Er hatte noch nie in seinem Leben vierzig Mark auf einmal ausgegeben, geschweige denn vierzig Millionen.
*Zu viel. Viel zu viel. Er war achtzehn. Was wusste er schon?*
Die Bank würde Aktien leihen, verkaufen und später billiger zurückkaufen. Die Differenz war der Gewinn. Und das Risiko war unbegrenzt. Wenn der Kurs statt fiel, wenn das Unternehmen morgen eine Übernahme ankündigte, wenn irgendein Analyst ein „Kaufen" schrieb und der Kurs zehn Prozent nach oben riss – dann waren das nicht fünf Millionen Gewinn. Dann waren das fünf Millionen Verlust. Und sein Name stand darunter.
Hugos Analyse musste stimmen. Jetzt.
Er spürte, wie ihm heiß wurde, und dann wieder kalt, ein Wechsel, der so schnell ging, dass er sich schwindlig fühlte. Der Chef drehte sich um und ging. Hugo saß noch eine Minute reglos da und starrte auf die Tür. Dann stand er auf und ging auf die Toilette, wo er sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzte und sich im Spiegel ansah. Ein Junge. Ein verdammt junger Junge mit zu großen Augen und einem Hemd, das an den Achseln feucht war.
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Die Händler begannen am nächsten Morgen. Hugo saß nicht bei ihnen. Er saß an seinem Schreibtisch und sah zu. Die Position wurde über mehrere Tage aufgebaut. Vierzig Millionen Mark, verteilt auf Leerverkäufe. Die Zahlen auf seinem Bildschirm bewegten sich, langsam, fast unmerklich, und Hugo spürte, wie sein Atem sich anpasste, wie er die Luft anhielt, wenn die Zahlen rot wurden, und sie erst wieder ausstieß, wenn sie grün wurden.
Die ersten zwei Wochen passierte fast nichts. Der Kurs bewegte sich seitwärts, schwankte leicht nach oben. Ein Händler, den Hugo nur als „den Dicken" kannte, ging an seinem Schreibtisch vorbei und sagte: „Dein Scheißkonzern pennt immer noch. Und er träumt von oben."
Hugo sah auf den Bildschirm. Der Kurs hatte an zwei Tagen leicht zugelegt. Die Position zeigte bereits einen kleinen buchmäßigen Verlust. Er spürte etwas in der Magengegend, das er noch nicht kannte. Nicht Angst. Die Erkenntnis, dass eine Analyse richtig sein konnte und der Markt trotzdem zunächst das Gegenteil tat. Dass die Welt nicht logisch war, sondern nur in der Rückschau.
„Der Markt braucht Zeit", sagte Hugo. Seine Stimme klang rau, als hätte er lange nicht gesprochen.
„Der Markt ist ein Arschloch", sagte der Dicke. „Und du bist derjenige, der gerade mit vierzig Millionen auf ihm reitet."
Hugo lächelte nicht. Er starrte auf die Zahlen und spürte, wie seine Finger auf der Tischkante zitterten, so leicht, dass es nur er selbst bemerkte.
In der dritten Woche begann sich etwas zu bewegen. Nicht der Kurs – der blieb stur, wie ein Maultier, das sich weigerte – aber die Stimmung. Ein Analyst einer Konkurrenzbank senkte seine Einstufung von „kaufen" auf „halten". Die Begründung war vage. Es reichte nicht. Der Kurs reagierte kaum.
Hugo begann, die Tagescharts mit einer Intensität zu verfolgen, die ihn selbst überraschte. Er schlief schlecht. Nicht wegen der Sorge um das Geld – das war nicht seins. Sondern wegen der Sorge um die Richtigkeit. Wenn er falsch lag, war es nicht nur ein Fehler. Es war ein öffentlicher Fehler, den vierzig Millionen Mark begleiteten, die schwerer waren als jede Schuld, die er je getragen hatte.
Er wachte nachts auf, starrte an die Decke und sah die Zahlen vor sich, die er nicht mehr abrufen konnte, die sich in seinem Kopf bewegten wie Fische in trübem Wasser. Er stand auf, machte Kaffee, den er nicht trank, und setzte sich an den Tisch, bis die Fenster grau wurden.
In der vierten Woche fiel der erste Stein. Das Unternehmen veröffentlichte eine Ad-hoc-Mitteilung. Die Geschäftsführung kündigte an, die Bilanzierung des US-Immobilienbestands „im Rahmen der anstehenden Jahresabschlussprüfung zu überprüfen". Der Markt reagierte zunächst nicht. Aber Hugo las die Formulierung dreimal. „Überprüfen" bedeutete in der Sprache der Bilanzierung: Wir haben einen Fehler gefunden. Wir wissen es. Und wir versuchen, ihn kleinzureden, bevor er uns verschlingt.
Am nächsten Tag fiel der Kurs um zwei Prozent. Am übernächsten um weitere drei. Am dritten Tag gab das Unternehmen bekannt, dass die US-Immobilien um zwölf Millionen Dollar überbewertet waren und zusätzliche Rückstellungen für Umweltschäden gebildet werden müssten. Die Analysten der Konkurrenz schrieben „verkaufen". Der Kurs brach innerhalb einer Woche um mehr als zehn Prozent ein.
Die Bank schloss die Position über drei Tage. Der durchschnittliche Rückkaufspreis lag bei rund 297,50 Mark. Der Verkaufspreis hatte bei 340 Mark gelegen.
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Sie saßen zusammen in dem kleinen Raum neben dem Handelssaal, der nach altem Rauch und abgestandenem Kaffee roch. Der Chef der Abteilung war nicht dabei. Die, die da waren, waren die Händler, die die Position aufgebaut hatten, plus zwei Analysten, plus Hugo. Sie standen um einen Tisch mit einem Taschenrechner in der Mitte.
„Zwölf Komma fünf Prozent", sagte einer der Händler. Ein Mann Ende dreißig, aufgekrempelte Ärmel, eine Stimme, die klang, als würde er alles gleichzeitig als Witz und Beleidigung meinen. „In einem Monat."
Hugo nickte. „Ja." Sein Mund war trocken. Er schluckte, aber es half nicht.
„Vierzig Millionen Einsatz. Fünf Millionen Gewinn."
Einer der anderen – ein kleiner Mann mit rotem Haar und Sommersprossen, die auch im Winter nicht verschwanden – nahm den Taschenrechner. „Mit Wiederanlage wären das dreihundertelf Prozent."
„So kann man das nicht rechnen", sagte Hugo. Seine Stimme klang seltsam fern in seinen eigenen Ohren.
„Ich weiß. Deshalb rechnen wir es jetzt richtig."
Er tippte. Die Tasten klapperten.
„Dreihundertelf Prozent."
„Dreihundertelf", sagte ein anderer. Er lehnte in einem Sessel mit abgewetzten Armlehnen.
Hugo schüttelte den Kopf. „Das ist eine vollkommen unsinnige Hochrechnung. Niemand macht jeden Monat zwölf Komma fünf Prozent."
„Natürlich nicht."
„Warum rechnen Sie es dann aus?"
Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln lehnte sich zurück und betrachtete Hugo einen Moment. Sein Blick war nicht feindselig. Er war prüfend, wie der Blick eines Vaters, der prüft, ob das Kind schon groß genug ist für etwas, das es noch nicht versteht.
„Weil du achtzehn bist und uns gerade in einem Monat fünf Millionen Mark verdient hast."
Er schaute noch einmal auf die Zahlen und grinste.
„Voss, wenn du eine Frau wärst, ich würde dich ficken."
Hugo sah ihn irritiert an. In seinem Kopf war noch die Rechnung, die er gerade widerlegt hatte. Die Zahlen. Die Logik. Und jetzt dieser Satz, der aus dem Nichts kam, der keine Verbindung zu dem hatte, was er kannte.
„Was hat das mit der Rendite zu tun?"
Für einen Moment war es still. Dann lachten die anderen. Nicht höhnisch. Nicht gegen ihn. Sondern ein tiefes, raues Lachen, das den kleinen Raum füllte und gegen die Wände schlug.
Der Rote wischte sich über die Augen. „Jesus, Voss. Du bist wirklich achtzehn, oder?"
„Ja", sagte Hugo.
„Das merkt man." Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln stand auf und klopfte Hugo auf die Schulter. „Willkommen in der vierten Etage, Junge. Ab jetzt hört dir hier jemand zu."
Hugo blieb sitzen, während die anderen gingen. Er sah auf den Taschenrechner, der noch auf dem Tisch lag. Fünf Millionen. In einem Monat. Aus einer Analyse, die er über Wochen geschrieben hatte, in Nächten, in denen er allein gewesen war, in denen er gezweifelt hatte, in denen er sich gefragt hatte, ob er verrückt war.
Er spürte ein Kribbeln in den Fingern, ein Zittern, das von innen kam. Er stand auf, ging zur Tür, dann weiter, den Gang entlang, in die Toilette, wo er sich über das Waschbecken beugte und kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen ließ. Er zitterte. Nicht vor Kälte. Er zitterte vor Erleichterung, die so stark war, dass sie sich wie Panik anfühlte. Er sah sich im Spiegel. Ein Junge. Ein verdammt junger Junge, der gerade fünf Millionen Mark verdient hatte, und er wusste nicht, ob er stolz sein sollte oder sich einfach nur übergeben wollte.
Er atmete tief durch. Dreimal. Dann ging er zurück.
Die Männer an ihren Schreibtischen sahen auf, als er vorbeikam. Nicht alle. Aber einige. Und einer, der Dicke, hob kurz die Hand. Nicht als Gruß, sondern als Zeichen, das Hugo erst später verstehen würde: Er war jetzt einer von ihnen. Nicht gleich. Aber auch nicht mehr der Junge, der vor drei Monaten hereingekommen war.
Hugo setzte sich an seinen Platz. Er öffnete eine neue Akte. Er begann zu lesen. Aber etwas hatte sich verändert. Die Worte auf dem Papier waren dieselben. Die Zahlen waren dieselben. Aber er spürte, dass der Raum ihn anders wahrnahm. Und er wusste, dass dies nur der Anfang war.
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## Der Männerabend
Am nächsten Tag, als der Handelssaal sich dem Abend näherte, trat der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln an Hugos Schreibtisch. Er roch nach demselben Aftershave wie gestern, nur stärker, als hätte er sich für den Abend frisch eingecremt.
„Voss. Du kommst mit."
Es war keine Frage. Hugo legte den Stift hin.
„Wohin?"
„Essen. Trinken. Feiern. Du hast uns gestern fünf Millionen verdient. Da gibt's kein Nein."
Hugo nickte. Er stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und griff nach seiner Aktentasche.
„Lass die Scheiße hier", sagte der Händler. „Heute Abend bist du nicht der Analyst. Heute Abend bist du einer von uns."
Das Restaurant lag nur zwei Straßen von der Bank entfernt, ein schweres Gebäude aus rotem Sandstein mit getönten Fenstern. Im Innern roch es nach altem Holz, gebratenem Fleisch und Zigarettenrauch, der unter der Decke hing wie ein Vorhang. Ein Kellner führte sie in einen separaten Raum im hinteren Bereich, wo ein langer Tisch mit schweren Stühlen stand.
Die Männer setzten sich nicht nach Hierarchie, sondern nach Gewohnheit. Der ältere Banker mit dem grauen Seitenscheitel setzte sich an das Ende des Tisches und winkte Hugo zu sich.
„Her mit dir, Kleiner. Du sitzt neben mir."
Hugo setzte sich. Die Stühle waren aus massivem Eichenholz. Er legte die Hände auf die Tischkante und bemerkte, wie die anderen ihre Krawatten lösten, die Hemdknöpfe öffneten und sich zurücklehnten, als würden sie erst jetzt aus einer Hülle schlüpfen, die sie den Tag über getragen hatten. Hugo tat es nicht. Er ließ seine Krawatte sitzen, aber er öffnete das oberste Hemdknöpf, eine kleine Geste, die ihm selbst auffiel.
Der Kellner brachte die Karten. Hugo bestellte ein Steak und ein Wasser. Der ältere Banker bestellte einen doppelten Whisky, bevor der Kellner fragen konnte. Die anderen bestellten ohne hinzusehen.
„Kein Wasser", sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und grinste. „Nicht heute Abend. Heute Abend feiern wir deinen ersten richtigen Treffer. Und dafür trinkt man was Ordentliches."
Hugo wechselte seine Bestellung in ein Bier.
Die ersten zwanzig Minuten drehten sich die Gespräche um den Markt. Die Position. Der Chemiekonzern, der um zwölf Prozent gefallen war. Einer der Händler rechnete laut vor, wie viel die Bank noch verdienen könnte, wenn sie die Position zwei Wochen länger hielten. Ein anderer widersprach. Der ältere Banker schüttelte den Kopf und meinte, beide hätten keine Ahnung.
Hugo hörte zu. Er sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer ihn nicht direkt nach seiner Meinung fragten, sondern über ihn sprachen, als wäre er ein neues Möbelstück. Aber sie sprachen ihn an. Sie sagten: „Voss, was hältst du davon?" Und: „Der Junge hat gestern recht gehabt." Das war neu. Das war ein Gerüst, das sich um ihn herum baute, langsam, Ziegel für Ziegel.
Mit dem zweiten Bier veränderte sich der Ton. Nicht abrupt. Sondern langsam, wie eine Schraube, die sich aus einem Holzbrett löst. Einer der Männer erzählte eine Geschichte über einen Kunden, der bei einem Telefonat so laut geschrien hatte, dass der gesamte Saal es gehört hatte. Ein anderer fügte hinzu, dass dieser Kunde eine Frau sei und dass sie wahrscheinlich nicht nur geschrien, sondern auch ihren Mann betrogen hätte. Der ältere Banker sagte trocken, dass er den Mann kenne und dass der es verdient habe. Gelächter. Nicht höhnisch. Sondern das Lachen von Männern, die wussten, dass sie unter sich waren, dass die Regeln draußen nicht mehr galten.
Hugo lachte mit. Nicht, weil er den Witz besonders lustig fand, sondern weil er begriff, dass das Mitlachen an diesem Tisch wichtiger war als die Analyse eines Geschäftsberichts. Er beobachtete die Gesichter. Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln hatte eine Röte im Gesicht, die nicht nur vom Wein kam. Einer der anderen wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Der ältere Banker trank seinen Whisky in kleinen Schlucken, als würde er Medizin einnehmen, aber er bestellte bereits den nächsten.
„Und du, Voss?", fragte einer der Männer plötzlich. „Hast du schon mal eine richtige Frau gehabt?"
Das Gespräch verstummte. Nicht vollständig. Aber die Nebengeräusche schienen lauter zu werden, als würde jemand an der Lautstärke drehen.
Hugo sah den Mann an. Er wusste, dass die Frage eine Falle sein konnte. Eine Tür, die entweder nach oben oder nach unten führte.
„Ich bin achtzehn", sagte er. „Was glaubst du?"
Der Mann grinste. „Ich glaube, du hast noch nie eine Muschi gesehen, die nicht in einem Magazin war."
Gelächter. Lauter diesmal. Hugo spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Aber er lächelte. Nicht breit. Nicht unterwürfig. Sondern das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er heute fünf Millionen Mark verdient hatte und dass dieser Fakt an diesem Tisch mehr wog als jede sexuelle Erfahrung, die er nicht hatte. Das Lächeln war sein Schild.
Der ältere Banker lachte kurz auf. „So eine Möse kostet dich eine Tankfüllung und zwei Drinks."
Die Männer lachten. Hugo lächelte und zuckte mit den Schultern.
Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln klopfte Hugo auf die Schulter. „Du wirst schon lernen, Junge. Heute Abend lernst du."
Das Essen dauerte zwei Stunden. Die Flaschen wurden geleert, neue bestellt. Die Gespräche drifteten weiter ab von Kursen und Bilanzen. Sie sprachen über Frauen, über Reisen, über einen Kollegen, der sich in Bangkok eine Krankheit eingefangen hatte, über die Schwiegermutter eines der Händler, die angeblich reicher war als ihr Mann, und über die Frau des älteren Bankers, die ihm die Hälfte seiner ersten Million abgenommen hatte.
„Eine Million", sagte einer der Händler und pfiff durch die Zähne. „Für eine Fotze. Das ist Wucher."
„Die zweite Million habe ich behalten", sagte der ältere Banker trocken. „Weil ich gelernt habe."
„Was denn?"
„Dass Ehe der einzige Beruf ist, bei dem man für den gleichen Scheiß jeden Tag weniger bezahlt wird."
Wieder Gelächter. Hugo lachte mit, aber ein Teil von ihm stand neben sich und beobachtete die Szene wie ein Experiment. Er sah Männer, die tagsüber in Anzügen Millionen bewegten und abends wie Halbstarke über Frauen sprachen. Er sah, dass die Sprache sich veränderte, je mehr Alkohol floss. Und er sah, dass niemand an diesem Tisch sich dafür schämte. Das faszinierte ihn mehr, als es ihn abstieß. Es war eine Welt, in der alles kaufbar war, in dem alles ein Preisschild trug. Und ein Teil von ihm – ein kleiner, noch kaum sichtbarer Teil – spürte, dass diese Welt eine Versuchung war. Ein Eintritt in eine männliche Identität, die er noch nicht kannte, aber die er bereits spürte.
Als sie das Restaurant verließen, war es dunkel. Frankfurt roch nach Abend, nach Abgasen, nach dem Regen, der vor einer Stunde gefallen war. Die Männer standen auf dem Bürgersteig, zündeten sich Zigaretten an und redeten durcheinander. Hugo stand etwas abseits und atmete die kühle Luft ein. Er fühlte sich nicht betrunken. Er hatte drei Bier getrunken, aber das Essen hatte den Alkohol aufgefangen. Er fühlte sich leicht. Leichter als tagsüber im Saal. Aber unter der Leichtigkeit lag etwas Kaltes, das er nicht benennen konnte – nicht Angst, eher das Gefühl, in ein Fahrzeug gestiegen zu sein, dessen Ziel schon feststand, bevor er gefragt hatte.
„Komm, Kleiner", sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und winkte ein Taxi heran. „Der Abend ist noch jung."
Hugo stieg ein. Er wusste noch nicht, wohin sie fuhren. Er wusste nur, dass er dazugehörte. Nicht weil er es wollte. Sondern weil er es sich verdient hatte.
Im Taxi saß Hugo hinten zwischen zwei Männern. Vorne, neben dem Fahrer, saß der ältere Banker. Für die anderen war er nur noch die „Samenschleuder". Hugo wusste nicht recht, wohin mit den Händen. Er war zum ersten Mal dabei, und das Taxi roch nach dem Aftershave der Männer und nach etwas Süßlichem, das vom Fahrer kam.
„Guck ihn dir an", sagte einer neben ihm. „Der sitzt da, als würden wir ihn gleich fressen."
Hugo zwang sich zu einem Grinsen. „Lass den Jungen", sagte der ältere Banker von vorne. „Der lernt heute was fürs Leben."
„Von dir? Dann lieber nicht."
Das Taxi füllte sich mit Gelächter.
Der ältere Banker drehte sich auf dem Beifahrersitz halb zu den anderen um. „Hey, Kleiner. Ich geb dir einen Tipp. Das Kondom bringst du immer selber weg."
Hugo sah ihn an. „Selber? Warum?"
Die anderen begannen bereits zu grinsen. „Jetzt erzählt er wieder seine Heldengeschichte", sagte einer.
Der ältere Banker zeigte mit dem Daumen auf sich selbst. „Ich hab mit meiner Alten gefickt. Danach sagt sie, sie wirft das Kondom weg. Sie nimmt es mit und verschwindet damit. Nach einer Weile denk ich: Wo bleibt die eigentlich?"
Von hinten kam sofort: „Na ja. Du hast ja auch eine Nutte geheiratet."
Das Taxi explodierte vor Gelächter.
Der ältere Banker verzog keine Miene. „Eben. Deshalb kenne ich mich ja aus."
„Und deshalb heißt er Samenschleuder", sagte der Mann neben Hugo.
„Das ist Verleumdung", sagte der ältere Banker.
„Das ist ein Kompliment."
Noch mehr Gelächter.
Dann sagte einer der Männer: „Eigentlich musst du es machen wie ein vernünftiger Mensch. Geh zum Arzt, lass dir die Leitung kappen und gut ist."
„Genau", sagte ein anderer. „Ficken kannst du danach genauso. Du schießt nur noch Blanks."
„Und der ältere Banker hätte heute ein größeres Vermögen."
Der ältere Banker drehte sich wieder nach hinten. „Ihr seid solche Arschlöcher."
Hugo lachte mit. Aber er hörte genau zu.
Der ältere Banker wandte sich wieder an Hugo. „Deswegen, Kleiner: Merk dir eine Sache. Du kannst machen, was du willst. Aber wenn du ein Kondom benutzt hast, gibst du das Ding keiner Frau und sagst: Schmeiß mal weg."
Hugo sagte nichts. Der Mann tippte ihm mit dem Finger gegen den Brustkorb. „Das Kondom bringst du immer selber weg."
Hugo nickte, spürte den Druck des Fingers noch, als die Hand längst wieder weg war. „Immer?"
„Immer."
„Auch wenn sie sagt, sie macht das?"
„Gerade dann."
Einer der anderen lachte. „Der Kleine schreibt sich das gleich auf."
Hugo sah ihn an. „Warum sollte ich es aufschreiben? Ich kann es mir merken."
Für einen Moment war es still. Dann lachten wieder alle. Der Mann neben ihm schüttelte grinsend den Kopf. „Du bist echt okay, Kleiner."
Das Taxi fuhr weiter. Für die anderen war die Geschichte bereits vorbei. Hugo dagegen dachte noch darüber nach.
Ein benutztes Kondom. Eine Entscheidung von wenigen Sekunden. Eine Handlung, eine Konsequenz.
Das verstand er.
Und je näher sie dem Ziel kamen, das noch niemand ausgesprochen hatte, desto mehr wünschte er sich, er hätte heute Abend nicht mitgehen müssen – auch wenn er wusste, dass er es sich nicht anmerken lassen würde.
Kurz darauf hielt das Taxi. Die Männer stiegen aus. Erst jetzt sah Hugo, dass sie vor einem Bordell parkten. Das Schild war rot, die Tür klein und unauffällig, fast bescheiden.
Hugo blieb einen Moment sitzen. In seinem Magen zog sich etwas zusammen, eine Kälte, die von innen kam. Eigentlich tat man so etwas nicht, jedenfalls hatte er es immer so empfunden. Der Gedanke hineinzugehen war ihm unangenehm, beinahe peinlich. Gleichzeitig lagen Scham, Neugier und Angst so dicht beieinander, dass er selbst nicht wusste, was davon gerade stärker war. Was, wenn er dort drin völlig versagte? Wenn er nervös wurde, keinen hochbekam oder viel zu schnell kam? Die Vorstellung, sich zu blamieren oder einfach nicht zu funktionieren, setzte sich in seinem Kopf fest wie ein Nagel.
Er atmete tief durch. Sein Herz schlug schneller, als er die Hand an den Türgriff legte. Für einen Augenblick zögerte er noch. Dann fasste er sich Mut, öffnete die Tür, stieg aus und ging hinein.
Am folgenden Arbeitstag begegnete ihm einer der Männer vom Abend. Er grinste.
„Na, Kleiner. Wie's war?"
Hugo sah ihn an. „Gut."
Mehr sagte er nicht.
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## Hayek, Kommunismus und die zynische Männerlogik
Der Termin war für Dienstagmorgen um acht Uhr dreißig vereinbart, in einer Praxis in Sachsenhausen, die Hugo aus dem Telefonbuch herausgesucht hatte. Er notierte sich die Adresse auf einem gelben Post-it, das er an seinen Bildschirm klebte, und versuchte dann, sich wieder auf die Akte zu konzentrieren. Ein spanischer Stahlkonzern. Langweilig. Solide. Aber der gelbe Zettel blieb im Blickfeld, ein kleiner gelber Fleck, der etwas bedeutete, das er noch nicht benennen konnte.
Die Tage nach dem Männerabend verliefen seltsam unterschiedlich. Tagsüber saß Hugo an seinem Platz, las Geschäftsberichte, rechnete Bewertungen nach, und niemand erwähnte das Bordell. Niemand fragte, was passiert war. Die Männer behandelten ihn am nächsten Morgen wie immer – ein Nicken hier, ein kurzer Zuruf dort. Hugo war nicht sicher, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Es war, als hätte er eine Prüfung bestanden, von der niemand wusste, dass sie stattgefunden hatte.
Erst am Donnerstag, als der Handelssaal sich dem späten Nachmittag neigte, trat der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln an seinen Schreibtisch. Er roch nicht mehr nach Aftershave, sondern nach Kaffee und nach etwas, das wie Schlaf roch.
„Voss. Du kommst mit."
Hugo legte den Stift hin. „Wohin?"
„Essen. Nicht feiern, nur essen. Und reden. Die anderen sind schon da."
Es war keine Frage. Hugo stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und folgte ihm. Diesmal trug er seine Aktentasche nicht mit.
Das Restaurant lag am Rand von Frankfurt, in einem Gewerbegebiet. Ein flaches, langes Haus mit großen Fenstern. Im Innern roch es nach gebratenem Fleisch, Bier und Zigarettenrauch. Ein Kellner führte sie in einen separaten Raum, wo ein langer Tisch stand, an dem bereits mehrere Männer saßen. Hugo erkannte den älteren Banker mit dem grauen Seitenscheitel, den Roten, den Dicken und zwei weitere. Sie saßen nicht nach Hierarchie, sondern nach Gewohnheit, die Stühle zurückgelehnt, die Krawatten gelöst.
„Der Kleine", sagte der ältere Banker und deutete auf den Platz neben sich. „Setz dich."
Hugo setzte sich. Der Stuhl war aus hellem Holz, leichter als der im letzten Restaurant.
Der Kellner brachte die Karten. Hugo bestellte ein Schnitzel und Wasser. Der ältere Banker bestellte einen doppelten Whisky, bevor der Kellner fragen konnte.
Die ersten zwanzig Minuten drehten sich die Gespräche um den Markt. Hugo hörte zu. Er sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer ihn inzwischen anders behandelten als vor zwei Wochen. Sie sprachen nicht mehr über ihn, sondern mit ihm.
Mit dem zweiten Bier veränderte sich erneut der Ton. Der ältere Banker begann, über Politik zu sprechen.
„Dieser Scheißstaat", sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Gläser wackelten. „Jeden Tag neue Regulierung. Jeden Tag neue Steuern. Als hätten die nichts Besseres zu tun, als Leuten wie uns das Leben schwerzumachen."
„Die wollen doch nur, dass du brav bleibst", sagte der Rote. „Solange du zahlst, sind sie zufrieden."
„Ich zahle genug", sagte der ältere Banker. „Ich zahle für drei Leute. Und trotzdem kommt jeder neue Idiot aus Bonn oder Berlin und glaubt, er müsste mir noch mehr abnehmen."
Hugo nippte an seinem Wasser. Für ihn war Politik ein Faktor in Bewertungen, ein Risiko in Analysen. Nicht etwas, das man mit der Faust auf den Tisch schlug.
„Was haltet ihr von Hayek?", fragte er.
Die Männer sahen ihn an. Für einen Moment war es still. Dann lachte der ältere Banker. Nicht höhnisch. Überrascht.
„Hayek? Der Kleine liest Hayek?"
„Die Straße zur Knechtschaft", sagte Hugo. „Und einige seiner Aufsätze zur Wirtschaftspolitik. Er hat recht mit der Kritik an staatlicher Planung. Wenn der Staat versucht, Preise und Mengen zu steuern, entstehen Fehlallokationen. Das sieht man an jeder Planwirtschaft."
Der ältere Banker lehnte sich zurück. Er betrachtete Hugo mit einem Blick, der nicht mehr prüfend war, sondern neugierig, wie der Blick eines Mannes, der ein Werkzeug entdeckt, das er noch nicht kannte.
„Der Junge hat also nicht nur Bilanzen gelesen", sagte er zu den anderen. „Der hat auch noch Philosophie studiert."
„Nicht studiert", sagte Hugo. „Nur gelesen."
„Und was hat dir Hayek beigebracht?", fragte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln. Er lehnte sich über den Tisch, die Ellbogen auf der Tischplatte.
„Dass freie Märkte effizienter sind als Planwirtschaft", sagte Hugo. „Dass Wissen verteilt ist und nicht zentralisiert werden kann. Dass der Staat, der glaubt, er könne alles besser wissen als Millionen einzelner Marktteilnehmer, am Ende nur Unsinn produziert."
„Schön gesagt", sagte der ältere Banker. „Aber du hast etwas vergessen."
„Was?"
Der ältere Banker grinste. Es war ein Grinsen, das nicht freundlich war, sondern das Grinsen eines Mannes, der eine Pointe kennt, die der andere noch nicht ahnt.
„Du hast vergessen, dass Hayek zwar recht hat, aber dass es einen Haufen Leute gibt, die den Kommunismus toll finden. Und die sind nicht alle dumm. Einige von denen sind sogar ziemlich clever. Sie wissen genau, was sie wollen."
Hugo runzelte die Stirn. „Wer?"
„Frauen", sagte der ältere Banker.
Die anderen lachten. Nicht alle. Aber der Dicke und der Rote lachten, und der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln grinste.
„Jetzt kommt wieder seine Theorie", sagte der Rote.
„Halt die Fresse", sagte der ältere Banker. „Der Junge soll was lernen."
Er wandte sich wieder Hugo zu. Seine Stimme war jetzt nicht mehr laut, sondern leiser, konzentrierter, wie die Stimme eines Mannes, der eine Geheimlehre weitergibt.
„Hör zu, Kleiner. Es gibt Frauen, die den Kommunismus befürworten. Nicht alle. Aber genug. Und die tun das nicht aus Solidarität mit anderen Frauen. Ganz im Gegenteil. Diese Frauen sind hinterhältige Fotzen, die ihre eigenen Genossinnen abgrundtief hassen. Besonders die hübschen. Besonders die begehrten."
Hugo sah ihn an. Er wusste nicht, ob das ein Witz war. Der ältere Banker sprach mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Witz erlaubte.
„Warum?", fragte Hugo.
„Weil sie selbst keinen Mann bekommen haben, den sie wollten", sagte der ältere Banker. „Oder weil sie sich mit irgendeinem hässlichen Kerl abgeben müssen und deshalb allen anderen Frauen dasselbe gönnen. Sie hassen es, dass es Frauen gibt, die sich einen erfolgreichen, reichen, begehrten Mann aussuchen können. Sie hassen es, dass diese Frauen etwas haben, was sie nicht haben. Und deshalb mögen sie den Kommunismus."
Er machte eine Pause, nahm einen Schluck Whisky.
„Weil im Kommunismus niemand wirtschaftlich herausragen kann. Nicht der Mann, nicht die Frau. Wenn alle gleich viel verdienen, sich alle gleich wenig unterscheiden können, dann kann sich auch kein Mann mehr durch Geld, Erfolg oder Status von den anderen abheben. Selbst die größte Niete bekommt irgendwann eine Frau ab. Und die Frauen haben weniger Möglichkeiten, sich einen besonders erfolgreichen oder begehrten Mann auszusuchen."
Hugo dachte darüber nach. Er versuchte, die Logik zu durchschauen, sie in sein analytisches Raster zu pressen. Es war keine ökonomische Analyse, die er kannte. Es war etwas anderes. Eine Mischung aus Zynismus und Beobachtung, die so dicht war, dass er sie nicht durchbrechen konnte.
„Das heißt", sagte er langsam, „dass diese Frauen den Kommunismus nicht aus Überzeugung befürworten, sondern aus Neid?"
„Genau", sagte der ältere Banker. „Nicht Gleichheit aus Solidarität. Gleichmacherei aus Neid. Weil sie es nicht ertragen können, dass andere Frauen etwas haben, was sie nicht haben."
Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln nickte. „Und das Schlimmste ist: Diese Frauen wissen möglicherweise sogar, dass das System irgendwann zusammenbricht. Oder sie hoffen es insgeheim."
„Warum?", fragte Hugo.
„Weil wenn der Kommunismus zerfällt", sagte der ältere Banker, „dann geraten Frauen wirtschaftlich unter Druck und müssen sich als Prostituierte verdingen."
Er lehnte sich zurück und breitete die Arme aus.
„Und wenn der ganze Laden zusammenbricht, dann schwimmen sie hier rüber. Tausende von ihnen. Gleichzeitig. Und weißt du, was das bedeutet?"
Hugo schüttelte den Kopf.
„Angebot und Nachfrage", sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln. Er lächelte, und in seinem Lächeln lag etwas, das Hugo nicht mochte, etwas, das zu glatt war, zu berechnet.
„Wenn Tausende Frauen gleichzeitig in den Westen kommen", sagte der ältere Banker, „steigt das Angebot. Massiv. Und für einen gut verdienenden Frankfurter Banker wird der Unterschied zwischen seinem Einkommen und dem eines Mannes aus dem zusammengebrochenen System gewaltig. Er verdient hier in einer Stunde, was der dort in einem Monat verdient. Vielleicht in einem Jahr."
Er machte eine Pause. Die anderen waren still. Nicht, weil sie schockiert waren. Sondern weil sie zuhörten, weil sie die Pointe kannten und darauf warteten, wie ein Publikum, das den Schluss einer Geschichte bereits kennt.
„Und dann", sagte der ältere Banker, und seine Stimme wurde noch leiser, fast flüsternd, „muss ein erfolgreicher Banker gerade mal zehn Minuten arbeiten, um sie in irgendein Loch zu ficken."
Er lehnte sich zurück. Ein Grinsen breitete sich über sein Gesicht.
„Und du willst mir erzählen, der Kommunismus wäre für einen Banker nicht geil?"
Die Männer lachten. Nicht höhnisch. Sondern das Lachen von Männern, die eine Welt gefunden hatten, in der Wirtschaftstheorie und Vulgarität nicht nur nebeneinander existierten, sondern sich gegenseitig bedingten. Hayek und Fotze in einem Satz. Angebot und Nachfrage, gemessen an Minuten und Löchern.
Hugo lachte nicht. Er lächelte, aber es war ein Lächeln, das nicht von innen kam. Er dachte an Julia. An ihren flachen Bauch, an ihre Worte über Investition und Disziplin. Er dachte an das „Nein", das aus ihm herausgefallen war. Er dachte an die Prostituierten und an die Logik der Banker, die alles in Angebot und Nachfrage übersetzten.
Er sah die Männer an, die um ihn herum lachten. Er verstand ihren Humor. Er verstand ihre Logik. Er verstand, dass sie in einer Welt lebten, in der alles kaufbar war, in dem alles ein Preisschild trug, in dem selbst der Zusammenbruch eines politischen Systems nur dazu diente, das Angebot an Frauen zu erhöhen und den Preis zu senken.
Aber er verstand auch, dass er nicht dazugehörte. Noch nicht. Er saß an diesem Tisch, weil er fünf Millionen Mark verdient hatte. Er saß hier, weil sie ihn mitgenommen hatten. Aber er war nicht einer von ihnen. Nicht noch. Vielleicht nie.
Er nahm einen Schluck Wasser. Es schmeckte nach nichts.
Der ältere Banker klopfte ihm auf die Schulter. „Du lernst schon noch, Kleiner. Hayek ist gut. Aber manchmal muss man auch verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert."
Hugo nickte. Er wusste nicht, ob das eine Belehrung war oder eine Einladung. Er wusste nur, dass er den Satz nicht vergessen würde. Nicht weil er ihn für richtig hielt. Sondern weil er ihn für wichtig hielt. Weil er zeigte, wie diese Männer dachten. Wie sie Frauen sahen. Wie sie die Welt sahen.
Und weil er spürte, dass ein Teil von ihm – ein kleiner, noch kaum sichtbarer Teil – begann, diese Logik zu verstehen.
Er stand auf. „Ich muss los."
„Schon?", sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln. „Der Abend ist noch jung."
„Ich habe morgen früh einen Termin", sagte Hugo. Er sagte nicht, dass es der Termin in der Praxis in Sachsenhausen war.
Der ältere Banker sah ihn an. In seinen Augen lag etwas, das Hugo nicht deuten konnte. Etwas, das zwischen Wissen und Vermutung schwankte. „Bis morgen, Voss."
Hugo ging. Draußen roch Frankfurt nach Abend, nach Abgasen, nach dem Regen, der vor einer Stunde gefallen war. Er atmete tief ein.
Er dachte an Hayek. An freie Märkte. An die Kritik an staatlicher Planung. Er dachte an den Kommunismus und an die Frauen, die ihn angeblich aus Neid befürworteten. Er dachte an zehn Minuten Arbeit und an irgendein Loch.
Und er wusste, dass er diese Welt verstehen musste, wenn er in ihr überleben wollte.
Er bestellte ein Taxi und fuhr nach Hause. In seiner Wohnung roch es nach nichts. Nach Leere. Nach einem Leben, das noch nicht richtig begonnen hatte.
Er setzte sich an den Tisch. Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier. Oben schrieb er:
**Analyse: Banker-Logik**
Darunter:
**Kernthese:** Alles ist Markt. Alles ist Preis. Alles ist kaufbar.
**Anwendung:** Frauen, Politik, Zusammenbruch von Staaten.
**Implikation:** Wenn man genug verdient, kann man alles kaufen, was man will.
**Kritische Frage:** Was kauft man, wenn man alles kaufen kann?
Er legte den Stift hin. Er betrachtete das Blatt. Dann faltete er es zusammen und steckte es in seine Aktentasche. Er würde es nicht wegwerfen. Er würde es aufbewahren. Als Erinnerung. Als Warnung. Als Dokument einer Welt, in die er gerade erst eintrat.
Er ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen. Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Draußen röhrte ein Auto vorbei. Irgendwo schrie eine Katze.
Hugo dachte an den nächsten Tag. An den Termin, den er vereinbart hatte. An die Dinge, die er klären wollte, bevor der Rest beginnen konnte. Und an die Welt, die vor ihm lag – eine Welt, in der Hayek und Fotze im selben Atemzug fielen, in der fünf Millionen Mark einen Achtzehnjährigen zu einem Mann machten, den man mitnahm, und in der er noch immer nicht wusste, was er wollte, außer mehr.
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## Die Escort-Entwicklung
Die Wochen nach dem Abend mit den Bankern vergingen, ohne dass Hugo sich veränderte. Er ging zur Arbeit, las Geschäftsberichte, rechnete Bewertungen nach, und ab und zu aß er mit den anderen Männern. Er nahm an den Abenden teil, an denen er eingeladen wurde, und er lehnte ab, wenn er keine Lust hatte. Niemand zwang ihn. Aber er merkte, dass die Einladungen häufiger wurden, je mehr Deals er lieferte.
Trotzdem gab es etwas, das nicht passte. Der Abend im Bordell hatte ihn nicht verändert, aber er hatte ihn gezeichnet. Nicht der Akt selbst – der war funktional gewesen, schnell, ohne Bedeutung, ein mechanischer Vorgang, der keine Spuren hinterlassen hatte. Aber der Raum, der Geruch, die Vorstellung, dass vor ihm andere Männer an derselben Stelle gelegen hatten – das hatte ihn angeekelt. Nicht moralisch. Körperlich. Es war, als hätte er in einem fremden Bett geschlafen, das noch warm war von einem anderen Körper.
Er begann, anders zu denken. Wenn er schon bezahlte, dann wollte er nicht in einem Zimmer mit rotem Teppich und Desinfektionsmittelgeruch liegen. Er wollte Kontrolle über die Umgebung haben. Über die Sauberkeit. Über den Zeitpunkt.
Er begann, Frauen zu buchen, die zu ihm kamen. Nicht jede Woche. Aber regelmäßig genug. Er lernte schnell, dass die Fotos logen, dass die Namen erfunden waren, dass das Alter eine Schätzung war, die nach unten korrigiert worden war. Das störte ihn nicht. Er war nicht auf der Suche nach einer Identität. Er war auf der Suche nach einem Körper, der für eine begrenzte Zeit ihm gehörte, der seine Regeln akzeptierte.
Eine von ihnen hatte sich herauskristallisiert. Sie nannte sich Lena, was offensichtlich nicht ihr Name war, und sie war etwa vier oder fünf Jahre älter als er. Hugo hatte sie zum ersten Mal drei Wochen nach dem Abend mit den Kollegen gebucht, und seitdem war sie vier Mal bei ihm gewesen. Sie war pünktlich, lautete nie die falsche Klingel, und sie verstand, dass er sie nicht unterhalten wollte. Sie war eine Dienstleistung, und Hugo behandelte sie wie eine Dienstleistung – höflich, präzise, ohne Sentimentalität.
Die ersten beiden Male hatten sie kaum gesprochen. Sie war gekommen, hatte geduscht – Hugo bestand darauf –, und dann hatten sie Sex gehabt, der für Hugo funktional gewesen war. Er war gekommen, sie war gegangen, und er hatte das Gefühl gehabt, eine Transaktion abgeschlossen zu haben, nicht anders als wenn er sein Auto in die Werkstatt brachte.
Das dritte Mal hatte sich etwas verändert. Nicht im Akt selbst, sondern in der Art, wie sie ihn ansah, als sie sich ankleidete.
„Du buchst mich regelmäßig", hatte sie gesagt. „Das ist nicht üblich. Die meisten wechseln."
„Ich mag Gewohnheiten", hatte Hugo geantwortet.
Sie hatte gelächelt. Nicht das professionelle Lächeln, das sie an der Tür aufsetzte, sondern etwas anderes. Etwas, das Hugo nicht einordnen konnte. „Du bist komisch, Hugo. Nicht komisch schlecht. Komisch anders."
Er hatte nicht gewusst, ob das ein Kompliment war.
Das vierte Mal, an einem Freitagabend im Dezember, war sie um elf gekommen, wie vereinbart. Hugo hatte die Wohnung aufgeräumt, nicht weil er glaubte, dass es sie interessierte, sondern weil er die Unordnung nicht mehr ertragen konnte. Sie duschte, wie immer, und kam mit einem Handtuch um den Körper zurück ins Wohnzimmer.
Sie ließ das Handtuch fallen und stand vor ihm. Hugo sah auf ihren Bauch. Er hatte ihn schon bei den vorherigen Malen gesehen, aber diesmal fiel es ihm stärker auf. Er war lang und schlank, mit einer schmalen Taille, die in die Hüften überging. Die Haut war glatt und hell, und beim Atmen hob und senkte sich die Bauchdecke nur leicht. Zwei feine Linien verliefen vom Brustansatz senkrecht nach unten, parallel, fast wie eine natürliche Zeichnung, eine Geometrie, die Hugo nicht benennen konnte. Seitlich zeichneten sich dezente Konturen ab, die zum Becken hin leicht V-förmig zuliefen, wie Pfeile, die auf etwas zeigten. Der Nabel war klein, natürlich, leicht länglich. Der Unterbauch blieb flach, straff und gerade, ohne Wölbung, eine Ebene, die Hugo an etwas erinnerte, das er noch nicht kannte.
Hugo starrte länger hin, als er beabsichtigt hatte. Er bemerkte, dass seine Atmung sich verändert hatte, bevor sie ihn überhaupt berührt hatte. Ein Ziehen im Unterleib, das nicht nur Erwartung war, sondern etwas Schärferes, Konzentrierteres, wie ein Strahl, der auf einen Punkt fokussiert war.
„Gefällt dir was?", hatte sie gefragt.
Hugo hatte den Blick abgewendet. „Ja."
Sie war zu ihm gekommen, hatte sich neben ihn auf das Sofa gesetzt, und sie hatten angefangen, sich zu berühren. Der Sex war anders gewesen als die Male zuvor. Nicht weil sie etwas anderes tat, sondern weil Hugo etwas anderes fühlte. Sein Orgasmus war nicht nur schneller gekommen, er war intensiver gewesen, fast schmerzhaft in seiner Konzentration, als würde etwas in ihm zusammengepresst und dann plötzlich freigegeben, ein Gefühl, das an Schmerz grenzte, aber nicht Schmerz war.
Er lag danach auf dem Rücken und starrte an die Decke, und sein Herz hämmerte gegen die Rippen.
Sie lag neben ihm, den Kopf auf ihrem Arm, und rauchte eine Zigarette.
„Du bist heute anders", sagte sie.
„Wie?"
„Schneller. Und gleichzeitig langsamer. Du hast auf etwas gewartet."
Hugo drehte den Kopf. Er sah auf ihren Bauch, der sich beim Atmen hob und senkte. Die feinen Linien waren im Halbdunkel nur noch Schatten, aber er wusste, dass sie da waren. Er wusste ihre Lage, ihre Neigung, ihre Länge.
„Ich habe auf nichts gewartet", sagte er.
Sie zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst."
Sie rauchte schweigend weiter. Hugo lag da und spürte, wie sein Körper sich langsam entspannte. Er dachte an Julia, an ihren Bauch, der ähnlich gewesen war, aber nicht gleich. Julias Bauch war härter gewesen, trainierter, die Spannung darunter aggressiver. Bei Lena war es anders. Weicher. Natürlicher. Aber die Grundstruktur war ähnlich. Die Länge. Die Schlankheit. Die flache Linie vom Brustkorb zum Becken. Die Geometrie.
„Kann ich dir was sagen?", fragte sie.
Hugo nickte.
„Du behandelst mich gut", sagte sie. „Das ist nicht selbstverständlich. Viele Männer, die regelmäßig buchen, werden mit der Zeit komisch. Besitzergreifend. Oder sie fangen an, uns runterzumachen, weil sie glauben, sie hätten das Recht dazu."
„Ich zahle auch", sagte Hugo.
„Ja. Aber du behandelst mich nicht wie eine Nutte. Du behandelst mich wie eine Frau, die gerade bei dir ist. Das merkt man."
Hugo wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte nie darüber nachgedacht, wie er sie behandelte. Er hatte nur darüber nachgedacht, was er von ihr wollte.
Sie machte eine Pause, zog an der Zigarette, blies den Rauch zur Decke.
„Deshalb will ich dir etwas sagen", fuhr sie fort. „Etwas, das ich normalerweise nicht sage. Nicht weil es ein Geheimnis ist, sondern weil die meisten Männer es nicht hören wollen."
Hugo setzte sich auf. Er lehnte sich gegen das Kopfteil des Sofas und sah sie an.
„Hör zu", sagte sie. „Du kommst schnell. Nicht immer, aber oft. Und wenn du kommst, ist das für dich das Ende. Du liegst da, atmest durch, und denkst, der Job ist erledigt. Aber das ist dumm. Nicht nur für mich. Sondern auch für dich. Besonders für dich, wenn du klug bist."
Hugo runzelte die Stirn. „Warum?"
Sie lehnte sich auf einen Ellbogen. Ihre Stimme wurde leiser, konzentrierter, wie die Stimme einer Lehrerin, die einen besonders langsamen Schüler unterrichtet.
„Weil ein Mann, der versteht, wie er eine Frau sexuell befriedigt, sie nicht nur glücklich macht. Er bindet sie an sich. Emotional. Manchmal sogar abhängig. Und das ist nicht nur etwas, das er für sie tut. Das ist etwas, das er für sich tut. Aus der reinsten, egoistischsten männlichen Perspektive, die es gibt."
Hugo sah sie an. Er dachte an das, was er bei den Bankern gehört hatte – über Frauen als Aktien, als Angebot und Nachfrage.
„Du meinst", sagte er langsam, „dass ich mich um deinen Orgasmus kümmern sollte, weil du dann zufriedener bist?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Du solltest dich um den Orgasmus deiner zukünftigen Partnerinnen kümmern, weil sie dann stärker an dir hängen. Weil sie loyaler sind. Weil sie weniger leicht gehen. Nicht aus Dankbarkeit. Sondern aus Bindung. Aus einer Art Abhängigkeit, die tiefer ist als Geld, tiefer als Verpflichtung, tiefer als das, was du mit Worten oder Geschenken erreichen kannst."
Sie machte eine Pause. Ihre Augen suchten seine.
„Die meisten Männer begreifen das nicht", fuhr sie fort. „Sie denken, sie müssen reich sein, gut aussehen, charmant, erfolgreich. Sie denken, sie müssen einer Frau etwas bieten, damit sie bleibt. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Wenn du weißt, wie du eine Frau sexuell an dich bindest, wenn du verstehst, was sie braucht und wie du es ihr gibst, dann hast du einen Einfluss auf sie, den kein Geld der Welt kaufen kann."
Hugo starrte auf ihre Hand, die auf ihrem Bauch lag. Er versuchte, das Bild zu verarbeiten.
„Gib mir ein Beispiel", sagte er.
Lena nickte, als hätte sie genau diese Frage erwartet.
„Zuhälter", sagte sie. „Früher, als es noch richtige Zuhälter gab, verstanden die das. Die wussten, dass sie eine Frau nicht nur mit Geld, Druck oder Drogen an sich binden konnten. Das funktioniert eine Weile, aber es bricht irgendwann. Die Frau läuft weg oder wird gefährlich. Aber wenn sie verstanden, wie sie eine Frau sexuell an sich binden – wenn sie wussten, wie sie sie befriedigten, wie sie sie dazu brachten, sich nach ihnen zu sehnen – dann hatten sie etwas, das viel stabiler war."
Sie legte die freie Hand auf ihren Bauch. Ihre Finger lagen auf der glatten Haut, berührten die feinen Linien, die Hugo so fasziniert hatten.
„Ein Zuhälter konnte hässlich sein", sagte sie. „Arm. Glatzköpfig. Er konnte nichts bieten außer dem, was er im Bett tat. Aber wenn er das richtig tat, wenn er verstand, wie er sie sexuell an sich band, dann hing sie an ihm. Nicht aus Dankbarkeit. Sondern aus einer Art Sucht. Obwohl jeder vernünftige Gedanke ihr sagte, sie solle gehen."
Hugo starrte auf ihre Hand. Er versuchte, das Bild zu verarbeiten – den hässlichen, glatzköpfigen Zuhälter, der eine Frau durch sexuelle Befriedigung an sich band. Es war keine Vorstellung, die er aus Büchern kannte. Es war keine ökonomische Theorie. Es war etwas anderes. Etwas Dunkles, das in den Kategorien nicht existierte, die er kannte.
„Du sagst also", sagte er langsam, „dass ein Mann, der einer Frau sexuelle Befriedigung gibt, sie nicht nur zufriedenstellt, sondern sie auch kontrolliert?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Kontrolliert ist das falsche Wort. Er bindet sie. Er macht sie abhängig. Nicht in dem Sinne, dass sie nicht mehr ohne ihn leben kann. Sondern in dem Sinne, dass sie ihn nicht mehr so leicht vergisst. Dass sie ihn sucht, wenn er nicht da ist. Dass sie ihn anderen vorzieht, auch wenn der andere reicher oder hübscher ist."
Sie lächelte. Es war ein Lächeln, das fast traurig wirkte.
„Das ist keine Moralpredigt", sagte sie. „Ich sage dir nicht, dass du eine gute Tat vollbringst, wenn du auf meinen Orgasmus achtest. Ich sage dir, dass du dumm bist, wenn du es nicht tust. Dass du eine Chance verpasst, eine Frau an dich zu binden, die du sonst nie binden würdest. Dass du aus reiner Dummheit und reiner Egoismusblindheit etwas wegwirfst, das dir nützen könnte."
Hugo saß still. Er hörte den Kühlschrank in der Küche summen, das Ticken der Uhr im Flur.
„Und wenn ich das nicht will?", fragte er. „Wenn ich nicht will, dass du an mir hängst?"
Lena betrachtete ihn. In ihren Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte. Etwas, das zwischen Mitleid und Respekt schwankte.
„Dann bist du entweder ein Heiliger", sagte sie, „oder ein Narr. Und Heilige gibt es nicht in diesem Beruf."
Sie stand auf. Sie zog ihre Kleidung an, methodisch, ohne Eile. Hugo sah zu, wie sie sich anzog, und bemerkte, dass sein Blick wieder auf ihren Bauch fiel, auf die Stelle, wo die feinen Linien verschwanden, als sie ihr Oberteil über den Kopf zog. Er bemerkte, dass er die Form vermisste, sobald sie bedeckt war.
„Also", sagte sie, während sie ihre Schuhe suchte. „Willst du nur kommen, oder willst du auch lernen?"
Hugo antwortete nicht sofort. Er saß auf dem Sofa und starrte auf die Stelle, an der sie gelegen hatte. Die Kissen waren noch warm.
„Ich will verstehen", sagte er schließlich.
Lena lächelte. Diesmal war es ihr professionelles Lächeln, aber es lag etwas anderes darunter. Etwas, das Hugo für echt hielt.
„Dann buch mich wieder", sagte sie. „Und nächstes Mal wartest du. Nicht weil ich es will. Sondern weil du es willst."
Sie ging. Die Tür fiel ins Schloss. Hugo saß allein in seiner Wohnung und hörte dem Summen des Kühlschranks zu.
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Die Wochen danach veränderten sich. Nicht schnell. Nicht dramatisch. Aber Hugo bemerkte, dass er anders hinsah. Wenn er Frauen auf der Straße begegnete, fiel sein Blick nicht mehr nur auf Gesichter oder Brüste, sondern auf die Mitte, auf die Stelle zwischen Brustkorb und Becken. Er suchte die Linien, die er bei Lena gesehen hatte. Die flache Ebene. Die schmale Taille. Die Geometrie.
Er buchte andere Frauen. Einmal eine, die älter war, mit weicherem Bauch. Der Sex war gewöhnlich gewesen, Hugos Orgasmus kam schnell und verpuffte, ohne Nachhall. Ein anderes Mal buchte er eine Frau, die im Fitnessstudio arbeitete, mit einem harten, definierten Sixpack. Er hatte erwartet, dass ihn das erregen würde. Stattdessen hatte er das Gefühl gehabt, gegen eine Wand zu stoßen. Der Bauch war zu hart, zu männlich, zu sehr wie seine eigene Spannung. Sein Orgasmus war schwach gewesen, fast lächerlich.
Er buchte Lena wieder. Und wieder. Jedes Mal beobachtete er ihren Bauch, wenn sie sich auszog. Jedes Mal spürte er die gleiche Verstärkung, den gleichen intensiven Orgasmus, der sich wie ein Knoten in ihm zusammenzog und dann mit einer Gewalt löste, die ihn erschreckte. Er bemerkte, dass er anders hinsah. Aber er sagte sich nicht, warum.
Es war Mitte Januar, als er eine andere Frau buchte. Sie hieß, wie sie sagte, Sonja, und sie war jünger als Lena. Sie hatte einen anderen Körper, weicher, rundlicher, und Hugo bemerkte sofort, dass sein Blick nicht an ihrer Mitte hängen blieb. Sie war hübsch, aber sie hatte nicht das, was er suchte. Nicht die Form. Nicht die Geometrie.
Sie duschte bei ihm, wie es seine Gewohnheit war. Sie kam zurück ins Wohnzimmer, setzte sich neben ihn, und sie begannen. Hugo versuchte, das zu tun, was er gelernt hatte. Er verlangsamte sich. Er achtete auf ihre Atmung, auf die Spannung ihrer Muskeln. Er achtete darauf, nicht nur zu nehmen, sondern zu geben – nicht aus Güte, sondern aus dem Wissen, dass das Geben eine Form der Macht war, die er noch nicht beherrschte.
Es dauerte länger als bei Lena. Ihr Körper war nicht so empfänglich. Aber dann, nach vielen Minuten, spürte er, wie sie sich veränderte. Wie ihre Hände, die zuvor reglos auf dem Sofa gelegen hatten, sich in seine Schultern gruben. Wie ihre Atmung schneller wurde, nicht gespielt, sondern echt.
Und dann, als er selbst kurz vor dem Höhepunkt war, als er spürte, dass sie fast dort war, sagte sie:
„Ich bin nicht gekommen."
Ihre Stimme war flach, fast gelangweilt. Sie sagte es nicht vorwurfsvoll. Sie sagte es nur, als Tatsache, wie man sagt: Es regnet.
Hugo hielt inne. Er lag über ihr, atmete schwer, spürte seinen eigenen Körper, der protestierte, der weiterwollte, der nicht verstand, warum er stoppen sollte. Er spürte die Verlockung, einfach weiterzumachen, sie zu ignorieren, zu kommen und zu gehen, die Transaktion abzuschließen.
Aber dann dachte er an das, was Lena gesagt hatte. An die Zuhälter, die hässlich und arm sein konnten, aber Frauen an sich banden, weil sie verstanden. An die Bindung, die tiefer war als Geld. An die Loyalität, die aus sexueller Befriedigung wuchs.
Er dachte daran, und er wusste, dass es nicht ihre Schuld war. Dass es sein Problem war, weil er es nicht geschafft hatte. Weil er noch nicht gut genug war. Weil er ein Anfänger war in einer Welt, in der die Regeln nicht in Büchern standen.
Er rollte sich von ihr herunter. Er lag neben ihr auf dem Rücken, starrte an die Decke.
„Das ist doch nicht dein Problem", sagte er. „Das ist mein Problem, wenn du nicht kommst."
Sonja drehte den Kopf. Sie sah ihn an. In ihren Augen lag etwas, das er nicht erwartet hatte – nicht Dankbarkeit, nicht Bewunderung, sondern eine Art Erstaunen, das fast wie Respekt aussah.
„Du hast zugehört", sagte sie. „Das ist mehr, als die meisten tun."
Hugo antwortete nicht. Er lag da und starrte an die Decke und spürte, wie etwas in ihm sich verschob. Nicht seine Lust – die war noch da, unbefriedigt, pochend, ein Kind, das nicht versteht, warum es nicht spielen darf. Sondern etwas anderes. Eine Erkenntnis, die nicht angenehm war, aber notwendig. Die Erkenntnis, dass er nicht der war, der er gedacht hatte. Dass er nicht der analytische Beobachter war, der über allem stand. Dass er ein Anfänger war in einer Welt, in der die Regeln nicht in Büchern standen, sondern in Körpern, in Berührungen, in dem, was zwischen zwei Menschen geschah, wenn sie nackt waren und die Masken fielen.
Er stand auf. Er zog sich an, langsam, methodisch. Sonja saß auf dem Sofa und beobachtete ihn. Sie sagte nichts mehr. Sie lächelte nicht.
Er gab ihr das Geld. Sie nahm es, zählte es diesmal, steckte es ein.
Hugo dachte an Lena, die ihm das erklärt hatte, was er jetzt verstand. Er dachte an die Bordelle, in denen er geübt hatte. Er dachte an die Frauen, deren Bäuche ihm nichts gesagt hatten, und an die eine Form, die ihn aus der Bahn warf.
Er wusste, dass er weiterüben musste. Dass er lernen musste. Dass die Geometrie, die er suchte, nicht nur in den Körpern lag, sondern auch in ihm selbst, in einer Fähigkeit, die er noch nicht besaß.
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## London
Die Monate vergingen, und Frankfurt wurde nicht zu Hugos Stadt. Er kannte inzwischen die Straßen, die Restaurants, die Bars. Er kannte die Männer, mit denen er arbeitete, ihre Namen, ihre Geschichten. Er verstand ihre Sprache, ihre Witze, ihre Logik. Aber er gehörte nicht dazu. Nicht wirklich. Er war der Junge aus Hamburg, der zu viel las und zu wenig trank, der bei Witzen über Frauen lächelte, aber nicht lachte, der an Tischen saß, an denen er nicht sitzen wollte, und der nachts in seiner Wohnung saß und Analysen schrieb, die niemand von ihm verlangte.
Sein Vermögen wuchs. Zum Jahreswechsel 1994/95 belief es sich auf 2,47 Millionen Mark, wobei der Großteil durch seinen Eigenhandel zustande gekommen war. Das Gehalt und die Boni der Bank trugen zwar bei, aber der Hauptteil resultierte aus Positionen, die er neben seiner regulären Arbeit aufgebaut hatte. Er war nicht mehr auf den Arbeitsplatz angewiesen. Das beruhigte ihn. Aber es beruhigte ihn nicht genug.
Frankfurt war zu provinziell, zu deutsch, zu eng. Die interne Bankaufsicht mit ihren Regularien, den ständigen Gesprächen über Compliance und Risikomanagement war auf Dauer nichts für ihn. Hugo wollte nicht von einem Ausschuss kontrolliert werden, der nicht verstand, was er tat. Er wollte nicht in einer Stadt leben, in der die Nacht um elf Uhr begann und um zwei endete.
Er überlegte, wie sein Leben weiterverlaufen sollte. Die Bank war eine Station, keine Bestimmung. Aber 2,47 Millionen waren nicht genug, um etwas Eigenes anzufangen. Nicht genug, um unabhängig zu sein.
Elisabeth besuchte ihn weiterhin regelmäßig. Sie kam am Freitagabend, brachte Milch, Brot und manchmal ein Buch. Sie bügelte seine Hemden, putzte seine Wohnung und kochte etwas, das sie gemeinsam aßen. Hugo bemerkte, dass sie älter wurde. Nicht sichtbar – ihre Haut war noch glatt, ihre Bewegungen noch sicher. Aber er bemerkte es in der Art, wie sie sich setzte, in der Vorsicht, mit der sie Treppen stieg.
Seine Mutter rief täglich um elf Uhr im Büro an. Sie fragte, ob er genug aß, ob er warm genug angezogen war. Hugo antwortete mit denselben Sätzen: Ja, Mutter. Nein, Mutter. Ich habe keine Zeit, Mutter. Sie sagte nie etwas über die Frauen, die er möglicherweise besuchte, und Hugo erwähnte sie nicht. Aber er wusste, dass sie es wusste. Mütter wussten immer alles.
Seine Schwester Svenja hatte inzwischen ihr Kind bekommen, Christina, und die Fahrten nach Frankfurt waren zu anstrengend geworden. Sie schrieb Briefe, manchmal Postkarten, und Hugo antwortete mit kurzen Nachrichten.
Es war Edward Middel, der die Entscheidung herbeiführte. Middel war der Chef einer deutschen Banktochtergesellschaft in London, ein Mann, den Hugo nur aus der Zeitung kannte – breitschultrig, mit einer Stimme, die selbst durch Lautsprecher noch persönlich klang. Sie trafen sich auf einer Konferenz in Frankfurt, einer Pflichtveranstaltung.
Middel sprach Hugo an: „Voss, Hugo Voss. Der Knabe aus Hamburg, der der Deutschen Bank über sechzig Millionen eingebracht hat."
Hugo nickte.
„Ich habe Ihre Analysen gelesen", sagte Middel. „Sauber. Präzise. Ohne das Geschwafel, mit dem sich die meisten Analysten ihre Unsicherheit schönreden. Sie haben die Unternehmen auseinandergenommen wie ein Uhrmacher eine Taschenuhr."
„Danke", sagte Hugo.
„Nicht nötig. Ich habe nicht gelobt. Ich habe festgestellt." Middel zog eine Zigarette aus einer silbernen Dose und steckte sie sich zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden. „Ich brauche jemanden wie Sie in London. Jemanden, der Zahlen liest wie andere Menschen Gesichter. Jemanden, der nicht erst drei Meetings braucht, um eine Entscheidung zu treffen."
Hugo sah ihn an. „Warum ich?"
„Weil Sie jung sind. Weil Sie hungrig sind. Und weil Sie noch nicht gelernt haben, dass manche Dinge unmöglich sind. Das macht Sie gefährlich. Für die Konkurrenz. Und für mich, wenn ich Sie nicht habe."
Hugo schwieg. Er dachte an Frankfurt, an die vierte Etage, an die Männer, die ihn inzwischen akzeptierten, aber nicht respektierten. Er dachte an die Wohnung, die nach nichts roch. An die Escorts, die kamen und gingen. An Elisabeth, die am Wochenende kam und seine Wohnung in ein Zuhause verwandelte, das aufhörte zu existieren, sobald sie wieder fuhr.
„Ich gebe Ihnen sechs Tage", sagte Middel. „Und dann sagen Sie mir, ob Sie nach London kommen oder nicht."
Er drehte sich um und ging, bevor Hugo antworten konnte. Die Zigarette steckte noch immer zwischen seinen Lippen, unberührt.
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Hugo nahm sich die Zeit, die ihm gegeben worden war. Er fuhr nach Hamburg, ohne es Elisabeth zu sagen. Er saß in der Küche seiner Mutter, trank den Tee, den sie gemacht hatte, und sagte: „Ich habe ein Angebot aus London."
Seine Mutter legte den Löffel hin. „London", sagte sie. Nicht als Frage. Als Feststellung.
„Ja. Eine Banktochtergesellschaft. Der Chef heißt Edward Middel. Er will mich als Analyst."
„Und was sagst du?"
„Ich weiß nicht. Deshalb bin ich hier."
Seine Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab. Sie setzte sich ihm gegenüber. „Hugo", sagte sie. „Du hast mehr Geld verdient, als dein Vater in zwanzig Jahren verdient hat. Du lebst in einer Stadt, die du nicht magst, mit Menschen, die du nicht magst, und du fragst mich, ob du nach London gehen sollst?"
„Ja."
„Dann sag ich dir das Gleiche, was ich dir immer sage: Du wirst schon wissen, was das Beste für dich ist."
Hugo lächelte. Es war ein schiefes Lächeln. „Das ist keine Antwort, Mutter."
„Doch. Es ist die einzige Antwort, die ich habe. Du bist erwachsen, Hugo. Nicht nur vor dem Gesetz. Du bist erwachsen in dem, was du tust, in dem, wie du denkst, in dem, was du willst. Ich kann dir nicht sagen, ob London das Richtige ist. Ich kann dir nur sagen, dass du hier immer ein Zuhause hast. Und dass ich stolz auf dich bin. Auch wenn ich nicht verstehe, was du tust."
Am nächsten Tag fuhr er zu Svenja. Sie wohnte inzwischen in einem Reihenhaus am Stadtrand, und das Baby schlief, als er kam. Sie setzten sich in den Garten, obwohl es kalt war.
„London", sagte sie, nachdem er ihr erzählt hatte. „Das ist weit."
„Frankfurt ist auch weit."
„Aber Frankfurt ist Deutschland. London ist... anders."
„Das ist der Punkt, Svenja. Ich will anders. Ich will nicht mehr der Junge sein, der aus Hamburg kommt und in Frankfurt sitzt und auf eine Beförderung wartet, die in fünf Jahren vielleicht kommt. Ich will..." Er suchte nach dem Wort. „Ich will spielen. Auf einem anderen Niveau. Mit anderen Regeln."
Svenja sah ihn an. In ihren Augen lag etwas, das er kannte. Das Wissen einer Schwester, die ihn seit der Kindheit beobachtet hatte.
„Dann tu es", sagte sie. „Aber versprich mir eins: Ruf an. Nicht nur, wenn du Geld verdienst. Auch, wenn du verlierst. Besonders dann."
Michael war der Letzte. Sie trafen sich in einer Kneipe in St. Pauli, an einem Tisch in der Ecke.
„London", sagte Michael und nippte an seinem Bier. „Das ist krass, Hugo. Das ist wirklich krass."
„Ich weiß nicht, ob ich es schaffe."
„Genau. Und deshalb musst du hin. Weil du diese Welt sehen willst. Weil du nicht der Typ bist, der in Frankfurt sitzt und mit fünfzig noch denselben Schreibtisch hat. Du bist der Typ, der irgendwann seinen eigenen Tisch hat. Und dafür musst du nach London."
Hugo sah ihn an. „Du klingst wie meine Mutter."
„Deine Mutter ist eine kluge Frau."
Sie tranken noch ein Bier. Dann fuhr Hugo zurück nach Frankfurt, in die Nacht hinein, auf der Autobahn, die er inzwischen kannte wie seine eigene Hand. Der BMW brummte gleichmäßig.
Er wusste es, bevor er die Stadtgrenze erreichte. Er wusste es, während der Motor seine gleichmäßige Melodie spielte. Er wusste es, und er spürte, dass etwas begann, das nicht mehr aufzuhalten war.
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