**Kapitel 4 – Der erste Boden**
Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreiunddreißig. Hugo lag mit offenen Augen im Dunkeln und hatte ihn schon drei Minuten vorher gehört, obwohl er noch nicht geklingelt hatte. Das elektrische Summen des Zeigers war das erste Geräusch des Tages, und Hugo registrierte es nicht mit den Ohren, sondern mit dem Magen. Ein leichtes Ziehen, halb Hunger, halb etwas anderes, das er inzwischen kannte: die Spannung vor einem Tag, an dem etwas auf dem Spiel stand.
Er stand auf.
Die Wohnung roch nach Bohnerwachs und der billigen Seife, die er gestern in der Drogerie gekauft hatte. Das Wasser im Bad wurde erst nach zwei Minuten warm, und als es warm wurde, war es zu heiß. Hugo duschte trotzdem. Er stand unter dem Strahl und zählte die Sekunden. Nicht weil er es nötig hatte, sondern weil das Zählen ihm etwas gab, woran er sich festhalten konnte, während das Ziehen in seinem Bauch stärker wurde. Bei sechzig stellte er das Wasser ab.
Das Hemd hatte Elisabeth gebügelt, bevor sie abgefahren war. Es lag im Schrank, eingewickelt in Seidenpapier. Er zog es an. Die Krawatte war neu, dunkelblau, ein Geschenk von Svenja. „Für den ersten Tag“, hatte sie gesagt. „Und für alle Tage, an denen du dich wie ein Erwachsener fühlen willst.“ Hugo versuchte sie vor dem Spiegel zu binden, scheiterte zweimal, und beim dritten Versuch sah es zumindest nicht aus, als hätte er sich verheddert.
Der Anzug war der einzige, den er besaß. Dunkelgrau, von einem Schneider in Hamburg. Hugo hatte ihn zweimal getragen: zur Konfirmation und zu einem Begräbnis. Jetzt stand er vor dem Spiegel und sah einen Jungen in einem Anzug, der versuchte, älter auszusehen, als er war. Die Schultern waren noch zu schmal, die Hände zu groß für die Ärmel. Er drehte sich einmal zur Seite. Dann steckte er die Aktienhefte in die braune Lederaktentasche, die Werner ihm vor Jahren geschenkt hatte.
Um sieben Uhr verließ er die Wohnung. Draußen war es noch dunkel, die Straßenlaternen brannten, und der Asphalt war feucht. Er ging zu Fuß. Die Bank lag zwanzig Minuten entfernt, und er hatte die Strecke gestern dreimal abgeschritten. Einmal in jede Richtung und einmal quer durch die Altstadt, nur um sicherzugehen, dass er nicht zu früh und nicht zu spät kam. Das Ziehen in seinem Bauch wurde mit jedem Schritt deutlicher. Nicht schmerzhaft. Ein Ziehen, das ihm sagte: Heute ist nicht wie die anderen Tage.
Hugo bog in die letzte Straße ein. Die Deutsche Bank lag vor ihm, grau und breit. Er blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte das Pochen in den Schläfen, das er sonst nur vor wichtigen Kaufentscheidungen kannte. Aber diesmal war es stärker. Es saß tiefer. Ein flaues Gefühl in der Magengrube, als hätte er etwas Schweres verschluckt, das nicht hinunterwollte. Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging weiter.
An der Eingangstür stand ein Portier.
„Herr Voss?“
Hugo nickte.
„Fünfte Etage. Herr Brenner hat gesagt, Sie sollen um halb acht bei ihm vorbeischauen.“
Hugo ging hinein. Die Eingangshalle war fast leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden. Er drückte den Aufzugknopf und fuhr in die fünfte Etage. Im Aufzug sah er sich im Spiegel an. Der Anzug saß nicht richtig. Das Ziehen in seinem Bauch zog sich zusammen zu einem Knoten. Er legte die Hand auf seinen Magen, eine Geste, die er sich nicht erklären konnte, und die ihm auch nicht half.
Brenner saß bereits an seinem Schreibtisch. Als Hugo eintrat, sah er auf.
„Zu früh“, sagte er.
„Der Portier sagte, ich soll um halb acht kommen.“
„Der Portier hat Humor.“ Brenner legte das Blatt beiseite. „Setzen Sie sich.“
Hugo setzte sich. Der Knoten in seinem Magen lockerte sich ein wenig, weil er jetzt etwas tun konnte. Nicht mehr warten. Tun.
„Heute lernen Sie den Handelssaal kennen“, sagte Brenner. „Aber nicht jetzt.“
Hugo sah ihn an.
„Der Handel läuft noch nicht. Vorher haben Sie etwas anderes zu tun.“
Brenner legte ihm einen Geschäftsbericht auf den Tisch. Er erklärte, worauf Hugo achten sollte. Bilanz. Schulden. Beteiligungen. Vermögenswerte. Dann brachte er ihn in die vierte Etage zu seinem Arbeitsplatz.
„Setzen Sie sich. Lesen Sie. Schreiben Sie auf, was Ihnen auffällt. Und versuchen Sie nicht, mir zu beweisen, dass Sie schnell sind. Beweisen Sie mir, dass Sie genau sind.“
Hugo öffnete den Geschäftsbericht.
Die ersten Mitarbeiter kamen nach und nach herein. Telefone wurden abgenommen, Bildschirme eingeschaltet. Aus den anderen Bereichen drangen Stimmen in den Flur.
Hugo arbeitete.
Er las Zahlen, schrieb Notizen, strich etwas durch und begann von vorn. Nach einer Weile hatte er aufgehört, auf die Uhr zu sehen. Das Ziehen in seinem Bauch war nicht verschwunden, aber es war in den Hintergrund getreten, verdrängt von den Zahlen, die seine Aufmerksamkeit beanspruchten.
Dann stand Brenner plötzlich wieder neben seinem Schreibtisch.
„Kommen Sie.“
Hugo blickte auf.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Hugo stand auf und nahm seine Aktentasche. Der Knoten war zurück. Nicht so stark wie vorhin, aber spürbar. Ein leichtes Brennen in der Magengrube, als würde sein Körper sich auf etwas vorbereiten, das sein Verstand noch nicht kannte.
Brenner führte ihn durch einen Flur, dessen Boden aus einem Stein bestand, der wie Marmor aussah, aber kälter war. Je näher sie dem Handelssaal kamen, desto deutlicher wurde der Lärm. Telefone klingelten. Stimmen überschlugen sich. Irgendwo rief jemand einen Kurs durch den Raum.
Brenner blieb vor der Glastür stehen.
„Das ist der Handelssaal“, sagte Brenner, und seine Stimme klang anders als im Vorstellungsgespräch, nicht weniger autoritär, aber entspannter. „Sie werden hier nicht arbeiten. Das ist keine Information, die Sie enttäuschen soll. Es ist eine Information, die Sie entlasten soll.“
Er öffnete die Glastür, und die Welt dahinter traf Hugo wie ein körperlicher Schlag.
Es war nicht der Lärm allein. Es war die Dichte. Die Tatsache, dass sich in jedem Kubikzentimeter Luft mindestens drei Geräusche übereinanderlagerten und keines dem anderen den Vortritt ließ. Telefone klingelten in einem Rhythmus, der wie ein Herzschlag wirkte, nur schneller und unregelmäßiger. Männer schrien Kurse, Stückzahlen, Namen von Unternehmen. Stühle rollten über Linoleum, das in den Ecken schwarz wirkte, nicht aus Schmutz, sondern aus der Reibung tausend eiliger Bewegungen. Bildschirme flackerten, grün und rot, Zahlen, die sich änderten, während Hugo hinsah, so schnell, dass das Auge nicht folgen konnte.
Und dazwischen, wie ein weiteres Geräusch, das aber aus Wörtern bestand: Beschimpfungen.
„Scheiße!“, rief ein Mann an einem der mittleren Pulte, das Telefon noch in der Hand. „Nein, du kaufst nicht! Wenn du kaufst, bist du ein toter Wichser, verstanden? Zehntausend, Limit 320, und wenn das nicht klappt, kannst du dich selbst ficken!“
Er knallte den Hörer auf die Gabel. Der Mann drehte sich zu seinem Nachbarn um.
„Klaus, du Arschloch“, sagte er, und seine Stimme war jetzt ruhig, fast freundlich. „Hast du das mitgehört? Der will mir erzählen, wie man einen Markt bedient.“
Klaus lachte, trocken und schnell. „Hör auf, den Jungen anzugucken“, sagte er und deutete mit dem Kinn auf Hugo. „Du lässt ihn ja einschlafen mit deinem Mösen-Gelaber. Der Junge hat heute seinen ersten Tag und denkt schon, er ist in der Hölle.“
„Ich bin nicht in der Hölle“, sagte Hugo, und er wusste nicht, warum er es sagte, nur dass das Schweigen peinlicher war als die Antwort.
Der Mann mit dem Telefon zog eine Augenbraue hoch. „Nein? Dann willkommen im Paradies, Kleiner. Hier werden Träume wahr. Und zerfickt. Manchmal beides am selben Tag.“
Er wandte sich ab, griff nach einem anderen Telefon, und seine Stimme veränderte sich, wurde schneidend, präzise: „Daimler, 312, fünftausend Stück. Bestätigt? Bestätigt. Danke.“
Dazwischen, von einem Pult weiter links, rief ein jüngerer Mann mit einem Headset: „BASF rennt wie ein besoffener Schwanz! Wer hat gesagt, die fallen? Steh auf, du Wichser, ich will dein Gesicht sehen!“
Hugo versuchte, alles gleichzeitig aufzunehmen. Die Stimmen links, die Zahlen rechts, die Bewegung vor ihm, den Geruch von Kaffee und Schweiß und elektronischer Wärme. Er versuchte, die Gespräche zu verstehen, die Kurse zu lesen, die Gesichter zu ordnen. Es funktionierte nicht. Das Chaos blieb Chaos, und er stand in der Mitte, die Aktentasche in der Hand, und fühlte sich kleiner, als er war, jünger, als er war, und vor allem: langsamer.
Das Ziehen in seinem Bauch war verschwunden. An seine Stelle war ein hohles Gefühl getreten, ein Vakuum, als hätte jemand seine Eingeweide herausgezogen und ihn leer zurückgelassen. Er atmete flach. Zu schnell. Die Luft schien nicht mehr bis in den Bauch zu kommen, sondern blieb in der Brust stecken.
Er konzentrierte sich auf einen einzigen Bildschirm. Den, der direkt vor dem Mann mit dem Telefon stand. BASF. Die Zahlen änderten sich. Rot. Grün. Rot. 312. 313. 312,50. Er folgte ihnen mit den Augen. Er hörte die Stimmen nicht mehr. Er hörte das Klingeln nicht mehr. Er sah nur die Zahlen, die Farben, die Bewegung auf dem Screen, und langsam, sehr langsam, begann sich das Chaos um ihn herum zu ordnen. Nicht weil es weniger chaotisch geworden wäre, sondern weil er einen festen Punkt gefunden hatte, einen Anker, an dem er sich festhielt.
Das hohle Gefühl in seiner Magengrube füllte sich wieder. Nicht mit Nahrung, sondern mit etwas Festem. Eine Kugel aus Spannung, die ihm sagte: Hier kannst du atmen. Hier kannst du denken.
Brenner stand neben ihm, hatte nichts gesagt. Jetzt tippte er ihm auf die Schulter.
„Kommen Sie“, sagte er. „Das ist nicht Ihr Platz. Ihr Platz ist draußen. Dort, wo man nachdenkt, bevor man spricht. Hier drin spricht man, bevor man denkt. Das ist der Unterschied.“
Hugo nickte. Er ließ den Blick von dem Bildschirm los, und das Chaos kehrte zurück, aber diesmal nicht als Bedrohung, sondern als Hintergrund. Er folgte Brenner durch die Glastür. Im Flur war es kalt wieder, und Hugo atmete einmal tief durch, als wäre er unter Wasser gewesen. Die Luft fuhr kalt in seinen Bauch, und das Ziehen kehrte zurück, aber jetzt war es anders. Nicht Angst. Erwartung.
„Die Sprache“, sagte Hugo. Es war keine Frage.
Brenner sah ihn an. „Ja. Die Sprache.“
„Ich hatte erwartet…“ Hugo zögerte. „Ich hatte erwartet, dass es anders ist. Formeller. Professioneller.“
„Es ist professionell“, sagte Brenner. „Die Sprache nicht. Aber die Zahlen schon. Die Geschäfte schon. Die Männer, die Sie gerade gesehen haben, bewegen heute Vormittag Millionen. Und sie reden dabei wie Halbstarke an einer Bushaltestelle. Das irritiert Sie?“
„Ja.“
„Gut. Das soll es. Wenn es Sie nicht irritieren würde, wären Sie entweder dumm oder angepasst. Beides ist hier gefährlich.“
Sie gingen weiter. Hugo dachte an den Mann, der in eine Million Mark gesprochen hatte und dann seinen Kollegen als Arschloch bezeichnet hatte. Er dachte an die Muschi, die keiner gesehen hatte, und an das Wichser, das tot gewesen war. Er dachte daran, dass er diese Sprache nicht kannte, nicht fließend, nicht einmal als passive Kenntnis, und dass er sie, wenn er ehrlich war, auch nicht lernen wollte.
Aber er wusste, dass er sie sich merken würde. Nicht weil er sie übernehmen wollte, sondern weil sie ein Teil dieser Welt war, in die er eingetreten war.
Die vierte Etage war etwas anderes. Hier gab es keine Bildschirmwände, kein Klingeln, kein Geschrei. Hier standen Schreibtische in Reihen, mit Ordnern, mit Computern, deren Bildschirme grün leuchteten. Es roch nach Papier und nach staubiger Druckertinte.
„Das ist Ihr Platz“, sagte Brenner und deutete auf einen Schreibtisch in der Ecke, neben einem Fenster, das auf einen Hinterhof hinausging. „Als Analyst arbeiten Sie mit Geschäftsberichten, Bilanzen, Kennzahlen. Sie schreiben Analysen. Sie bewerten Unternehmen. Sie sagen uns, was wir kaufen oder verkaufen sollten, und warum. Sie sagen es schriftlich. Sie sagen es präzise. Und Sie sagen es so, dass ein Händler es in drei Sätzen versteht, auch wenn er keinen Abschluss hat.“
Hugo setzte sich. Der Stuhl war höher als der im Handelssaal, die Lehne starr.
„Heute beginnen Sie mit der Maschinenbaufirma, die Sie in Ihrer Analyse erwähnt haben“, sagte Brenner. „Ich habe Ihre Unterlagen gelesen. Gestern Abend. In der U-Bahn. Sie haben recht: Die Aktie ist unterbewertet. Aber Ihre Begründung ist zu lang. Zu viele Worte. Zu wenig Kante. Eine Analyse ist kein Aufsatz. Sie ist ein Messer. Schärfen Sie sie.“
Er legte ein Blatt auf den Schreibtisch. Die Bilanz der Firma, ausgedruckt, mit roten Anstreichungen.
„Schreiben Sie es noch einmal“, sagte Brenner. „Nicht länger als eine Seite. Fakten. Zahlen. Keine Spekulation. Keine Schönrederei. Wenn die Firma Schulden hat, sagen Sie es. Wenn sie schlecht geführt wird, sagen Sie es. Wenn Sie glauben, der Markt irrt sich, sagen Sie es. Aber beweisen Sie es. Mit Zahlen, nicht mit Gefühl.“
Hugo nahm das Blatt. „Und wenn ich fertig bin?“
„Dann schreiben Sie die nächste. Und die nächste. Bis Sie so schnell sind wie die Jungs da drüben im Saal. Nicht mit dem Telefon, sondern mit dem Kopf.“ Brenner ging zur Tür. „Und Voss. Keine Orders. Dafür sind die Händler da. Sie sind hier, um zu denken. Nicht, um zu spielen.“
Hugo arbeitete. Er las die Bilanz, Zeile für Zeile. Er fand Fehler in seiner eigenen Analyse, Dinge, die er übersehen hatte, Annahmen, die zu optimistisch gewesen waren. Er strich sie durch, schrieb neu, strich wieder durch.
Um eins Uhr mittags brachte eine Sekretärin ein Tablett mit belegten Brötchen und Kaffee. Hugo blieb an seinem Platz. Er hatte nicht gefragt, ob er etwas essen durfte, und niemand hatte es ihm angeboten.
Er öffnete seine Aktentasche und nahm ein Heft heraus. Ein Unternehmen, das Maschinenteile herstellte. Er hatte die Zahlen noch einmal durchgerechnet, in der Nacht, als er nicht schlafen konnte. Der Börsenwert lag unter dem Substanzwert. Die Schulden waren überschaubar. Die Gewinne stiegen seit zwei Quartalen.
Er sah auf den Computerbildschirm. Die Aktie lief unter den Kürzeln. Der Kurs war seit gestern um drei Prozent gefallen. Keine Nachricht. Kein Grund. Nur der Markt, der tat, was der Markt tat.
Hugo legte die Hände auf die Tastatur. Er begann zu tippen, langsam zuerst, dann schneller. Die Worte kamen anders als in seiner ersten Fassung. Kürzer. Härter. Keine Ausweichphrasen mehr.
Er schrieb: „Die Aktie ist unterbewertet. Begründung: Der Substanzwert übersteigt den Börsenwert um 23 Prozent. Die Schuldenquote liegt unter dem Branchendurchschnitt. Die Gewinnmargen steigen seit zwei Quartalen. Das Management hat keine Insiderverkäufe getätigt. Der Markt preist eine Insolvenz ein, die nach den Zahlen nicht eintreten wird.“
Er las den Satz durch. Dann löschte er den letzten Satz und schrieb stattdessen: „Der Markt irrt sich.“
Er las noch einmal. Nein. Zu weich. Er löschte wieder und tippte: „Der Markt preist eine Insolvenz ein, die nach den Zahlen nicht eintreten wird.“
Er las noch einmal. Besser. Kälter. Präziser. Das Ziehen in seinem Bauch, das während des Schreibens verschwunden war, kehrte zurück. Aber diesmal war es kein Ziehen der Unsicherheit. Es war das Ziehen der Überzeugung. Sein Magen fühlte sich fest an, gespannt wie eine Trommelhaut, als würde sein Körper die Wahrheit der Zahlen prüfen und zustimmen.
Um drei Uhr kam Brenner zurück. Er nahm das Blatt, las es, während er stand. Er sagte nichts. Er las es zweimal. Dann legte er es auf den Schreibtisch.
„Zu viel Substanzwert“, sagte er. „Die Gebäude sind abgeschrieben. Die Maschinen sind älter, als Sie denken. Schauen Sie in Anlage 3 der Bilanz. Die Abschreibungsraten.“
Hugo blätterte. Er fand die Zeile. Brenner hatte recht. Die Gebäude waren fast vollständig abgeschrieben, ihr Buchwert lag weit unter dem Marktwert, den Hugo angenommen hatte.
„Sie haben die Zahlen richtig gelesen“, sagte Brenner. „Aber Sie haben nicht gelesen, was zwischen den Zahlen steht. Eine Bilanz ist kein Roman. Aber sie ist auch keine Rechenaufgabe. Sie ist ein Verhör. Stellen Sie die Fragen, die sie nicht beantworten will.“
„Wie lauten die Fragen?“, fragte Hugo.
„Das müssen Sie selbst herausfinden.“ Brenner drehte sich um. „Morgen kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie die korrigierte Analyse mit. Wenn Sie bis dahin nicht verstanden haben, warum die Abschreibungen wichtiger sind als der Buchwert, dann haben Sie den Unterschied zwischen einem Händler und einem Analysten noch nicht begriffen. Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund. Sie wollen Analyst sein. Dann sehen Sie den Grund.“
Er ging. Hugo blieb an seinem Schreibtisch sitzen. Er las Anlage 3 noch einmal. Dann noch einmal. Und während er las, begann er zu verstehen, was Brenner meinte: Nicht der Wert der Gebäude zählte, sondern die Frage, warum sie so schnell abgeschrieben worden waren. Ob sie verfallen waren. Ob sie verkauft werden sollten. Ob das Management etwas wusste, was nicht in den Zahlen stand.
Das Ziehen in seinem Bauch veränderte sich während dieser Überlegungen. Es wurde tiefer, schwerer. Nicht Angst, sondern Respekt vor der Tiefe, die er noch nicht gesehen hatte.
Er stand auf. Seine Schultern taten weh. Seine Augen brannten. Er steckte die Hefte in seine Aktentasche und sah auf die Uhr. Noch drei Stunden bis zum Feierabend. Drei Stunden, in denen er nichts tun würde außer lesen, rechnen, und die Fragen stellen, die die Bilanz nicht beantworten wollte.
Um sechs Uhr abends war der Saal leer. Hugo saß allein an seinem Schreibtisch. Er hatte gesehen, was Brenner gemeint hatte: Die Volumenspitzen kamen nicht dort, wo die Nachrichten am stärksten waren. Sie kamen dort, wo die Nachrichten am schwächsten waren, in den Momenten der Unsicherheit.
Er stand auf. Er ging zur Tür. Im Flur traf er auf Keller, der an einem Fenster stand und rauchte.
„Und?“, fragte Keller.
„Ich bin Analyst“, sagte Hugo. „Nicht Händler.“
Keller zog an seiner Zigarette. „Weiter.“
„Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund.“
Keller warf die Zigarette aus dem Fenster. Er drehte sich zu Hugo um und betrachtete ihn, diesmal länger, diesmal ohne Spott.
„Morgen“, sagte er. „Kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie Ihre Analyse mit. Die von der Maschinenbaufirma. Und die von drei anderen Firmen, die Sie für unterbewertet halten. Wenn Sie welche finden.“
„Warum?“
„Weil ich morgen vielleicht Zeit habe, Ihnen zu zeigen, wie man aus einer richtigen Analyse ein richtiges Geschäft macht. Und wie man aus einem richtigen Geschäft Geld verdient. Und wie man aus Geld Nerven bekommt. Und wie man aus Nerven einen Beruf.“
Er ging. Hugo blieb am Fenster stehen und sah hinaus auf Frankfurt, das im Dunkeln lag.
Er dachte an den Handelssaal, an den Lärm, an die Männer. Er dachte an seinen Schreibtisch in der vierten Etage, an die Bilanz, die er noch einmal lesen musste. Er dachte an Brenner, der seine Analyse in der U-Bahn gelesen hatte. An Keller, der ihm morgen vielleicht etwas zeigen würde.
Er dachte an seine Mutter, die in Hamburg saß und auf seinen Anruf wartete. An Svenja. An seinen Vater, von dem er seit der Abreise nichts mehr gehört hatte.
Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging zur Treppe. Die Uhr im Flur zeigte halb sieben. Er war seit dreizehn Stunden in der Bank. Er hatte nichts verdient. Er hatte nichts gekauft. Er hatte nichts verkauft.
Und trotzdem, als er die Treppe hinunterging, wusste er, dass dieser Tag der erste gewesen war, an dem er verstanden hatte, was es bedeutete, ein Analyst zu sein.
Nicht das Kaufen. Nicht das Verkaufen. Nicht der Lärm.
Das Denken.
Und das Wissen, dass das Denken schwerer war als alles andere.
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Der fünfte Tag nach Hugos erstem Arbeitstag war sein achtzehnter Geburtstag.
Er kam um halb sieben von der Bank. In der Wohnung roch es nach Lavendel, nach dem Shampoo, das Elisabeth letztes Mal im Bad gelassen hatte, nach Kaffee, den er nicht getrunken hatte, und nach einer Wärme, die nur entstand, wenn jemand den Raum vorher beheizt hatte.
Elisabeth saß auf der Fensterbank, die blaue Tasse in der Hand. Sie trug denselben Schal wie beim Abschied in Hamburg, nur dass sie ihn jetzt anders geknotet hatte, lockerer. Neben ihr stand ein Koffer, nicht groß, aber groß genug, um zu zeigen, dass sie nicht nur für eine Nacht geblieben war.
„Du hast den Schlüssel benutzt“, sagte Hugo.
„Du hast ihn mir gegeben.“ Sie drehte sich nicht um. „Das impliziert eine Erlaubnis, die ich mir gerne herausnehme.“
„Das impliziert ein Vertrauen, das ich nicht bereue.“
Elisabeth lächelte. „Dein Vater und Svenja kommen in einer Stunde. Der Zug aus Hamburg hatte Verspätung. Sie sind im Hotel nebenan eingecheckt, weil dein Vater meinte, deine Wohnung sei für drei Personen plus mich eine humanitäre Katastrophe.“
„Er hat recht“, sagte Hugo. „Die Wohnung ist für eine Person eine humanitäre Katastrophe. Für vier wäre sie ein Kriegsrechtverstoß.“
„Du unterschätzt dich. Und die Wohnung.“ Sie stand auf, kam zu ihm, und Hugo roch den Zug an ihr. „Du riechst nach Bank“, sagte sie. „Nach Papier und diesem komischen Desinfektionsmittel, das sie in den Aufzügen versprühen.“
„Das ist der Geruch von Geld.“
„Das ist der Geruch von jemandem, der zu viel arbeitet und zu wenig duscht.“ Sie strich ihm über die Schulter. „Geh duschen. Ich habe die Handtücher gewechselt.“
Hugo duschte in sechzig Sekunden, wie immer, aber diesmal stand ein frisches Handtuch bereit. Als er zurückkam, stand Svenja im Flur.
„Du siehst aus“, sagte sie, „wie jemand, der gerade festgestellt hat, dass Erwachsenwerden hauptsächlich aus Müdigkeit besteht.“
„Ich bin müde“, sagte Hugo. „Aber ich bin achtzehn. Das ist heute offiziell.“
„Offiziell“, wiederholte Svenja. „Als hättest du vorher inoffiziell existiert, wie eine Schwarzarbeit.“
„Existiert habe ich immer. Jetzt darf ich es auch rechtlich.“
Sein Vater stand hinter ihr, im Türrahmen, den Mantel noch umgehängt. Er trug denselben Anzug wie bei Hugos Abschied, nur dass er jetzt mehr Falten hatte. „Die Wohnung ist klein.“
„Sie ist funktional.“
„Funktional ist ein Wort, das Architekten benutzen, wenn sie keine Fenster einbauen wollen.“
Elisabeth lachte.
Sie gingen essen. Ein kleines italienisches Restaurant in der Nähe. Hugo hatte es ausgesucht.
Als der Kellner die Rechnung brachte, griff der Vater danach.
Hugo legte die Hand darauf.
„Nein.“
Der Vater sah ihn an. „Was nein?“
„Ich bezahle.“
„Du hast Geburtstag.“
„Eben.“
„Normalerweise bezahlt man nicht sein eigenes Geburtstagsessen.“
„Heute schon.“
Elisabeth sah zwischen beiden hin und her. „Hugo wollte uns einladen.“
Der Vater ließ die Rechnung noch nicht los.
„Mit deinem Geld?“
„Ja.“
„Mit dem Geld, das du verdient hast?“
Hugo nickte. „Mit meinem Geld, das ich verdient habe.“
Für einen Moment sagte der Vater nichts. Dann nahm er die Hand von der Rechnung.
„Na gut.“
Hugo zog sie zu sich. Es war nur eine Rechnung. Ein Betrag auf einem Stück Papier. Und trotzdem fühlte es sich für ihn anders an als jeder Kauf, den er vorher gemacht hatte. Dieses Geld kam nicht von seinen Eltern. Er hatte dafür gearbeitet. In seinem Bauch breitete sich ein warmes Gefühl aus, nicht heiß, nur warm, wie eine Tasse Tee, die man mit beiden Händen hält.
Elisabeth bemerkte sein Gesicht.
„Fühlt sich gut an?“
Hugo sah kurz zu ihr.
„Ja.“
„Dann genieß es.“
Er bezahlte.
Draußen blieb die Familie auf dem Bürgersteig stehen. Die Luft war kalt.
„So“, sagte der Vater. „Und jetzt zurück?“
Hugo schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
Svenja sah ihn misstrauisch an. „Was kommt jetzt noch?“
„Ich lade euch noch auf einen Drink ein.“
„Noch eine Einladung?“
„Ja.“
„Hugo wird achtzehn und entdeckt plötzlich die Gastronomie.“
Elisabeth lachte. „Wohin?“
Hugo steckte die Hände in die Manteltaschen.
„Jimmy's Bar.“
Der Vater hob eine Augenbraue. „Jimmy's Bar?“
„Ja.“
Svenja sah Hugo an. „Und woher kennst du die jetzt wieder?“
„Frankfurt ist nicht so groß, wie ihr glaubt.“
„Das war keine Antwort.“
„Kommt einfach mit.“
Jimmy's Bar lag im Hessischen Hof. Als Hugo die Tür öffnete, blieb Svenja einen Moment stehen.
Dunkles Holz zog sich über die Wände, schwere Ledersessel standen um kleine Tische. Rauch hing in der Luft. Am hinteren Ende des Raumes spielte eine Live-Band. Die Musik war präsent, ohne die Gespräche zu überdecken.
„Das kennst du?“, fragte Svenja.
„Ich war schon einmal hier.“
Der Vater sah sich um. „Das hätte ich dir jetzt nicht zugetraut.“
„Was? Eine Bar?“
„Diese Bar.“
Hugo zog einen der Ledersessel zurück. „Was stimmt mit der Bar nicht?“
„Nichts.“ Sein Vater setzte sich. „Genau das meine ich.“
Elisabeth ließ sich neben Hugo nieder und strich mit den Fingerspitzen über die Armlehne. „Hier kann man sitzen.“
Svenja sah sie an. „Das ist normalerweise der Sinn eines Sessels.“
„Nein.“ Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich meine richtig sitzen. Stundenlang. Ohne dass der Raum versucht, einen wieder hinauszuwerfen.“
Hugo sah sich noch einmal um. Genau das war es. Der Raum war geschlossen, ohne eng zu sein. Dunkel, ohne bedrückend zu wirken. Die hohen Rücken der Sessel, das Holz, das gedämpfte Licht und selbst der Rauch schufen kleine Bereiche innerhalb des Raumes, in denen Gespräche bei denen blieben, die sie führten.
Vor allem aber zu der Art, wie der Raum funktionierte. Vier Menschen konnten an einem Tisch sitzen und miteinander reden, während wenige Meter weiter ein anderes Gespräch stattfand, ohne dass sich beides vermischte. Man konnte gemeinsam in einem großen Raum sein und trotzdem das Gefühl haben, für sich zu bleiben.
Hugo wusste nicht, wofür er diese Beobachtung einmal brauchen würde. Aber er merkte sie sich. Sein Bauch merkte sie sich. Ein leichtes Ziehen, halb Erkenntnis, halb Vorfreude auf etwas, das noch nicht existierte.
Als sie gingen, war es halb elf. Die Straßen waren noch nasser. Elisabeth ging neben Hugo, ihre Hand in seiner, nicht fest, aber da. Svenja ging vor ihnen, die Hände in den Taschen. Der Vater ging hinter ihnen, zwei Schritte zurück.
An der Wohnungstür blieb der Vater stehen. Er sah Hugo an, und in seinem Blick lag etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte. Es war nicht Stolz. Es war nicht Zuneigung. Es war eher dieses Gefühl, wenn man eine Rechnung begleicht und feststellt, dass die Zahlen auf einmal stimmen.
„Danke“, sagte der Vater.
„Für das Bier?“
„Für die Einladung.“
Der Vater zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche. „Der BMW steht unten am Hotel. Dunkelblau. 320i. E36. Gebraucht, aber zuverlässig. Jetzt hast du wenigstens ein eigenes Auto.“
Hugo nahm den Schlüssel. Das Leder war warm von der Tasche des Vaters, und das Metall kalt gegen seine Handfläche. „Danke“, sagte er.
Der Vater zuckte mit den Schultern. „Du bist achtzehn. Du brauchst ein Auto, das zu dir passt. Und nicht zu mir.“
Hugo nickte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nur, dass es sein Geld gewesen war, und dass sein Vater es akzeptiert hatte. In seinem Bauch breitete sich das warme Gefühl erneut aus, aber diesmal war es schwerer, voller. Nicht nur Tee. Etwas, das länger blieb.
„Wir fahren morgen früh zurück“, sagte Elisabeth. „Der Zug um sieben. Du musst nicht mitkommen.“
„Ich weiß“, sagte Hugo.
„Aber du solltest schlafen. Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nicht geschlafen.“
„Ich schlafe“, sagte Hugo. „Nur nicht viel. Und nicht gut. Aber das ist nicht neu.“
Elisabeth küsste ihn auf die Stirn. Svenja umarmte ihn, länger als nötig. Der Vater gab ihm die Hand, nicht die Umarmung, nie die Umarmung, aber die Hand war fest, und sie hielt einen Moment länger als nötig.
Dann gingen sie. Hugo blieb in der Tür stehen, sah ihnen nach, bis sie um die Ecke verschwanden. Dann ging er hinein, in die Wohnung, die nach Lavendel und Kaffee roch.
Er stand an der Fensterbank, wo Elisabeths Tasse noch stand. Er nahm sie in die Hand, sie war noch warm, und er trank den Rest Kaffee. Er schmeckte nach Bitterkeit und nach etwas, das er nicht benennen konnte, etwas, das zwischen Zufriedenheit und Unruhe lag.
Draußen wurde es stiller. Er war achtzehn Jahre alt. Er hatte seinen Vater eingeladen. Er hatte eigenes Geld verdient. Und er wusste, dass er am nächsten Arbeitstag wieder zur Bank gehen würde.
Er stellte die Tasse zurück auf die Fensterbank und ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen.
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Der Tag danach begann mit dem gleichen Wecker, dem gleichen Bohnerwachsgeruch und dem gleichen Hemd. Hugo stand um sechs Uhr dreißig auf, duschte in sechzig Sekunden, zog den Anzug an und ging zu Fuß zur Bank. Die Straßen waren noch dunkel, und Frankfurt roch nach Kaffee und Abgasen.
Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, und Hugo fuhr in die vierte Etage. Der Saal war noch leer, die Bildschirme dunkel. Hugo setzte sich an seinen Platz, öffnete seine Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend zu Hause korrigiert hatte.
Die Maschinenbaufirma. Er hatte die Abschreibungen neu berechnet, den Gebäudewert korrigiert, die Schuldenquote neu ermittelt. Die Aktie war nach wie vor unterbewertet. Nach seinen Zahlen um achtzehn Prozent. Hugo lächelte kaum merklich, während er die Seiten ordnete. Das Ziehen in seinem Bauch war da, aber es war ruhig. Ein Ziehen, das ihm sagte: Hier stimmt etwas. Nicht alles. Aber etwas.
Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Männer in Anzügen, die Kaffeetassen in der Hand trugen, die Gesichter noch vom Schlaf geschwollen. Niemand grüßte Hugo.
Hugo wartete.
Um neun Uhr stand ein Mann neben seinem Schreibtisch. Mittelgroß, graues Haar an den Schläfen, ein Gesicht, das wie aus Leder geschnitten schien. Er trug keinen Anzug, sondern ein braunes Tweedjackett, das an den Ellbogen mit Leder geflickt war.
„Voss“, sagte er. Keine Frage.
Hugo sah auf. „Ja?“
„Brandt. Analyseabteilung. Seit fünfzehn Jahren.“ Er deutete auf die Blätter auf Hugos Schreibtisch. „Brenner sagt, Sie hätten da etwas über eine Maschinenbaufirma geschrieben.“
„Ja.“
„Darf ich?“
Hugo reichte ihm die Blätter. Brandt nahm sie, setzte sich auf die Ecke des Schreibtisches und begann zu lesen. Seine Augen bewegten sich schnell, nicht zeilenweise, sondern in Sprüngen. Der Mann las nicht den Text, er las die Zahlen.
Nach zwei Minuten legte Brandt die Blätter auf den Schreibtisch zurück.
„Nett“, sagte er.
„Nett?“, wiederholte Hugo.
„Nett. Sauber gerechnet. Die Abschreibungen haben Sie jetzt kapiert. Der Substanzwert stimmt. Die Schuldenquote stimmt. Die Gewinnmargen stimmen. Alles nett.“
Hugo wartete. Er kannte diesen Ton.
„Und?“, fragte Hugo.
Brandt zog eine Augenbraue hoch. „Und was?“
„Was fehlt?“
Brandt lächelte. „Hören Sie, Voss. Sie haben hier eine Firma, die achtzehn Prozent unter ihrem Wert liegt. Nach Ihrer Rechnung. Wenn die Bank eine Million Mark in diese Aktie steckt und Sie recht haben, machen wir hundertachtzigtausend Mark Gewinn. Nett. Wirklich nett.“
Er machte eine Pause. Hugo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht im Kopf. Im Bauch. Ein Zusammenziehen der Magenmuskeln, als würde er einen Schlag erwarten.
„Aber“, sagte Brandt.
„Aber“, wiederholte Hugo.
„Aber die Firma hat einen Börsenwert von vierzig Millionen. Die tägliche Umsatzmenge liegt bei dreihundert Stück. Wenn wir eine Million investieren wollen, müssten wir den Markt fast zwei Wochen lang aufkaufen. Jeder würde es merken. Der Kurs würde steigen, bevor wir fertig sind. Und wenn wir verkaufen wollen – wer kauft? Dreihundert Stück pro Tag. Wir würden Wochen brauchen, um unsere Position wieder loszuwerden.“
Hugo starrte auf die Blätter. Er hatte die Stückzahl gesehen. Er hatte sie notiert. Aber er hatte sie nicht als Problem erkannt.
„Sie suchen nach Fehlbewertungen“, sagte Brandt. „Das ist gut. Das ist Ihr Job. Aber Sie suchen nach Fehlbewertungen, bei denen wir auch etwas damit anfangen können. Eine Fehlbewertung, in die wir nicht genug hineinkriegen, ist keine Fehlbewertung. Sie ist eine akademische Übung.“
Er stand auf.
„Hundertachtzigtausend Mark Gewinn“, sagte er noch einmal. „Gegen eine Position in Millionenhöhe, die wir nicht aufbauen können. Verstehen Sie den Unterschied?“
Hugo nickte. Er verstand ihn sofort. Und das Verständnis tat weh. Es tat nicht weh in seinem Kopf. Es tat weh in seinem Bauch. Ein hohles Gefühl, als hätte jemand mit der Faust in seine Magengrube geschlagen und die Hand dort gelassen.
Brandt ging. Hugo blieb sitzen und sah auf die Analyse, die er gestern Abend noch für überzeugend gehalten hatte. Die Zahlen waren dieselben. Die Rechnung war dieselbe. Aber der Rahmen, in dem sie standen, hatte sich verändert.
Nicht nur Fehlbewertung zählte.
Zusätzlich zählten: Größe des Unternehmens. Handelsvolumen. Verfügbare Stückzahl. Mögliche Positionsgröße.
Hugo legte die Hände auf die Tastatur. Er tippte nicht. Er dachte.
Das war neu. In seinem privaten Depot hatte er nie darüber nachdenken müssen, ob er genug Stücke kaufen konnte. Die Bank war kein Mensch. Die Bank war ein Organismus mit einem anderen Stoffwechsel.
Er löschte die Analyse. Nicht wütend. Nicht enttäuscht. Sondern weil er begriff, dass er von vorn anfangen musste.
Die nächsten Tage vergingen anders als die ersten.
Hugo suchte. Er las Geschäftsberichte, Bilanzen, Quartalszahlen. Er rechnete. Er fand Unternehmen, die unterbewertet waren, und verwarf sie, sobald er die Marktkapitalisierung und das Handelsvolumen prüfte. Zu klein. Zu illiquide.
Er kam früher zur Bank und ging später. Die Analysten in seiner Nähe begannen, ihn zu bemerken – nicht als Person, sondern als Präsenz. Manchmal saß Hugo mit einem belegten Brötchen an seinem Schreibtisch, das er vergessen hatte zu essen.
Die Wochen vergingen.
An diesem Tag fiel ihm keine Aktie auf, die groß genug war. Er fand drei, die interessant gewesen wären, wenn er allein gehandelt hätte. Für die Deutsche Bank waren sie nichts. Er verwarf sie und machte weiter.
Die Skepsis um ihn herum wuchs. Hugo bemerkte es. Er bemerkte, dass Brenner nicht mehr täglich vorbeischaute. Er bemerkte, dass Brandt ihm nicht mehr auf die Blätter schaute, sondern nur noch nickte.
Der berühmte junge Analyst war da. Aber er brachte der Bank noch nicht den großen Treffer.
Hugo ließ sich nicht treiben. Er sah eine Aktie, die mittelmäßig unterbewertet war, die aber liquide genug gewesen wäre. Er schrieb die Analyse, las sie durch, strich sie durch. Nicht gut genug.
Er warf das Blatt in den Papierkorb und fing von vorn an.
Abends, in seiner Wohnung, arbeitete Hugo an einer anderen Ebene.
Die kleineren Unternehmen, die er tagsüber für die Bank verworfen hatte, waren für sein Privatdepot weiterhin interessant. Er saß an dem kleinen Tisch unter dem Fenster, den Taschenrechner neben sich, und rechnete.
An einem Dienstagabend kaufte er eine Aktie, die er am Morgen für die Bank verworfen hatte. Ein mittelständisches Unternehmen aus Bayern, Spezialmaschinenbauer, Börsenwert zwölf Millionen Mark, täglicher Umsatz achtzig Stück. Für die Deutsche Bank uninteressant. Für Hugo Voss, Privatanleger, sehr interessant.
Er hatte die Zahlen drei Mal durchgerechnet. Nichts hatte dagegensprochen. Aber das allein war nicht der Grund. Der Grund war das Ziehen in seinem Bauch, das stärker geworden war, je länger er über die Firma nachdachte. Ein Ziehen, das nicht von Angst kam, sondern von Überzeugung. Sein Magen fühlte sich fest an, gespannt, bereit.
Er rief bei der Bank an und gab die Order auf. Der Mann am Telefon kannte seinen Namen.
„Voss“, sagte der Mann. „Natürlich. Wie viel?“
Hugo nannte die Zahl. „Und der Limit?“
„Kein Limit. Marktorder.“
Der Mann zögerte eine Sekunde. „Sind Sie sicher?“
„Ja.“
Hugo legte auf und sah auf die Uhr. Halb zehn. Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen außer einem belegten Brötchen. Er stand auf, ging in die Küche und holte eine Tütensuppe aus dem Schrank.
Die Tütensuppe roch nach nichts und schmeckte nach Salz. Hugo aß sie stehend an der Küchentheke. Er hatte gerade eine Order aufgegeben, die sein Gehalt von drei Monaten verschlang. Und er aß eine Tütensuppe, die neunzig Pfennig kostete.
Das Telefon klingelte. Svenja.
„Hallo“, sagte Hugo.
„Du klingst, als hättest du gerade etwas Unanständiges getan.“
„Ich habe eine Aktie gekauft.“
„Und?“
„Und ich esse Tütensuppe.“
Svenja lachte. „Hugo. Du verdienst jetzt richtiges Geld. Du hast ein Privatdepot, das offenbar so groß ist, dass die Bank dich beim Namen kennt. Und du isst Tütensuppe?“
„Sie schmeckt.“
„Sie schmeckt nach Salz und Chemie.“
„Für mich schmeckt sie.“
Hugo nahm einen Löffel. Die Suppe war inzwischen lauwarm.
„Svenja“, sagte er. „Wenn ich jetzt jeden Abend ins Restaurant gehe, was passiert dann?“
„Dann isst du besser.“
„Nein.“ Hugo sah auf die lauwarme Suppe und musste selbst kurz über die Absurdität grinsen. Dann wurde er wieder ernst. „Dann gebe ich Geld aus, das ich nicht ausgebe. Geld, das heute nicht ausgegeben wird, arbeitet morgen weiter. Zinseszins. Du kennst die Rechnung.“
„Die Rechnung kenne ich. Der Mensch hinter der Rechnung macht mir Sorgen.“
„Warum?“
„Weil du inzwischen bei einer der größten Banken Deutschlands arbeitest, ein Vermögen aufbaust, das ich mir nicht vorstellen kann – und trotzdem lebst du wie ein Student, der sein Bafög nicht zum Ende des Monats bringt.“
Hugo sah auf die Tütensuppe. Dann auf die Küchentheke. Dann aus dem Fenster.
„Ich lebe nicht wie ein Student“, sagte er. „Ich lebe wie Hugo.“
Svenja schwieg einen Moment.
„Das ist genau das, was mir Sorgen macht“, sagte sie leise.
Hugo lächelte. Er konnte nicht anders.
„Ich rufe dich am Wochenende an“, sagte er.
„Du rufst mich morgen an“, sagte Svenja. „Und du isst etwas Richtiges.“
„Ja, Mama.“
„Ich bin nicht Mama.“
„Nein“, sagte Hugo. „Du bist schlimmer.“
Er legte auf, aß die Suppe aus und stellte den Becher in die Spüle. Dann ging er zurück zum Tisch, öffnete einen neuen Ordner und begann zu rechnen.
Draußen wurde es dunkel über Frankfurt. Hugo hörte nur die Zahlen, die in seinem Kopf liefen, und das leise Summen des Taschenrechners.
Er war achtzehn Jahre alt. Er arbeitete für die Deutsche Bank. Er besaß ein wachsendes Privatvermögen. Und er wusste, dass er morgen früh wieder eine Tütensuppe essen würde, wenn er dazu kam.
Das war kein Opfer. Das war keine Selbstkasteiung.
Es war einfach nur Hugo.
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Elisabeth stand in Hugos Küche, den Rücken zur Fensterfront, und rührte in einer Tasse, die sie selbst mitgebracht hatte. Es war Samstagmorgen, kurz nach neun. Sie trug eines seiner alten Hemden, die Ärmel hatte sie zweimal aufgekrempelt.
„Du hast wieder vergessen, den Müll rauszubringen“, sagte sie, ohne aufzusehen.
Hugo saß am Tisch und beobachtete, wie sie den Löffel gegen den Rand der Tasse schlug – dreimal, immer gegen den Uhrzeigersinn.
„Der Müll riecht nicht“, sagte er.
„Er riecht nach dir. Das ist etwas anderes.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, zog die Beine an. „Gestern, als du angerufen hast, hast du gesagt, das Meeting sei schiefgegangen. Du hast es nicht erwähnt, als ich ankam. Willst du nicht darüber reden?“
Hugo zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht, dass der Abend danach riecht.“
Elisabeth lächelte. „Zu spät. Alles riecht hier nach dir. Nach Papier und diesem komischen Tee, den du jetzt trinkst, und nach dem Shampoo, das ich letztes Mal im Bad gelassen habe.“ Sie nahm einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht. „Und nach Altlasten. Hugo, du musst den Müll rausbringen, bevor ich gehe.“
Sie blieb meistens das Wochenende. Sie hatte inzwischen einen Schlüssel, den er ihr ohne viele Worte gegeben hatte. Ihre Präsenz war laut und konkret: Ihr Schal hing über der Stuhllehne im Flur, ihre Creme stand im Badezimmer neben seinem Rasierer.
„Rufst du heute Abend deine Mutter an?“, fragte er.
„Morgen. Sonntagmorgen, halb zehn. Das weißt du.“
„Ich wollte wissen, ob sich etwas geändert hat.“
„Nichts ändert sich. Außer dass du jetzt tatsächlich den Müll rausbringst.“ Sie stand auf, ging zum Fenster, lehnte sich auf die Fensterbank. „Die Stadt sieht von hier aus klein aus. Nicht so klein wie zu Hause, aber überschaubar. Wenn ich hier stehe, verstehe ich, warum du geblieben bist.“
„Ich bin geblieben, weil ich hier arbeite.“
„Du bist geblieben, weil du hier atmen kannst, ohne dass dich jemand fragt, warum du so atmest.“ Sie drehte sich um. „Ich werde heute Nachmittag einkaufen gehen. Du hast keine Milch mehr, und dein Brot ist Wissenschaft.“
Hugo lachte. „Es ist Roggenbrot. Es soll so sein.“
„Es ist ein Organismus, Hugo. Ich kaufe normales Brot. Und Käse. Und vielleicht diese Blumen, die dir immer so gut gefallen, die Lila, deren Namen ich vergesse.“
„Aster.“
„Richtig. Aster. Du und deine Blumen.“ Sie kam zurück zum Tisch, beugte sich hinunter, küsste ihn auf die Stirn. „Ich bin hier“, sagte sie leise. „Wirklich. Nicht als Geist. Nicht als Erinnerung. Ich bin hier, und ich gehe morgen Abend, und dann rufen wir uns wieder an. Das ist real.“
Hugo nickte. Er wusste nur, dass ihre Tasse auf der Fensterbank stand, dass ihr Schal über der Lehne hing, und dass der Müll tatsächlich rausmusste.
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Svenja klingelte an einem Dienstagabend, unangekündigt, obwohl sie vorher angerufen hatte – Hugo hatte den Anruf verpasst. Als er die Tür öffnete, stand sie da mit einer Tasche über der Schulter und einem Gesicht, das müder wirkte als sonst.
„Ich war in der Gegend“, sagte sie.
„Lügner“, erwiderte Hugo und trat zur Seite.
„Doch. Deine Gegend. Meine Gegend ist woanders. Das ist der Punkt.“
Sie kam herein, atmete tief durch. „Es riecht nach Elisabeth“, stellte sie fest. „Nach ihrem Lavendel-Zeug. Ist sie gerade erst gegangen?“
„Gestern Abend.“
„Schade. Ich hätte sie gern gesehen.“ Svenja ging in die Küche, setzte sich, ohne gefragt zu werden, und legte die Hand auf den Bauch, eine Geste, die Hugo erst jetzt bewusst registrierte, weil sie den Pullover dabei leicht spannte und eine Rundung sichtbar wurde.
„Du…“, begann er.
„Ja. Siebter Monat. Oder fast. Die Ärzte sind zufrieden. Alles in Ordnung.“
Hugo stellte Wasser auf. „Und du fährst im fünften Monat allein nach Frankfurt?“
„Ich bin nicht allein. Ich bin mit mir. Das ist manchmal genug.“ Sie lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. „Und ich wollte dich sehen. Nicht telefonieren. Sehen.“
Sie redeten eine Weile oberflächlich. Aber dann stand Svenja auf, wollte ihre Jacke ablegen, und ihr Blick fiel auf die offene Tür zum Schlafzimmer, hinter der der Kleiderschrank stand.
„Hugo“, sagte sie, und ihre Stimme hatte dieses Gemisch aus Mitleid und praktischer Entschlossenheit. „Das ist kein Kleiderschrank. Das ist ein Archiv des Scheiterns.“
Hugo kam zu ihr. Sie hatte recht. Die Bügel waren durcheinander, Hemden hingen neben Hosen, die Farben waren willkürlich verteilt.
„Du hast kein System“, sagte Svenja. „Du hast eine Ansammlung. Das funktioniert nicht, wenn du unter Zeitdruck stehst.“
„Ich denke morgens nicht gern.“
„Darum bauen wir dir ein System. Ein Kleiderbügel-System. Etwas, das zu deinem Kopf passt.“
Sie machte sich ohne weitere Fragen ans Werk. Sie zog alles aus dem Schrank, legte es auf das Bett. Hugo stand daneben und fühlte sich nackter als je zuvor, obwohl er vollständig angezogen war.
„Du denkst in Kategorien“, sagte Svenja, während sie die Bügel sortierte. „Nicht in Farben. Du bist kein Künstler, du bist ein… Strukturierer. Ein analytischer Zerleger. Also strukturieren wir nach Anlässen, nicht nach Farben.“
Sie nahm die alten, dünnen Holzbügel und begann, sie zu kodieren. Sie drehte kleine Papierstreifen um die Haken, schrieb mit ihrem Kugelschreiber: M für Montag bis Mittwoch – Büro, neutral, keine Entscheidungen nötig. D für Donnerstag, etwas lockerer. F für Freitag. W für Wochenende. Und E für die Einzelstücke, die sie nummerierte.
„Es ist idiotensicher“, sagte sie. „Du greifst morgens nach dem Bügel, der zum Tag passt. Du brauchst keine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung ist schon gefallen. Von mir. Für dich.“
Hugo hielt einen der Bügel in der Hand. M-2. Ein graues Hemd.
„Warum tust du das?“, fragte er leise.
Svenja hielt inne. Sie sah nicht ihn an, sondern die Reihe der Kleidungsstücke. „Weil ich gerade tun muss, was ich kann“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte kaum merklich. „Zu Hause… zu Hause darf ich nichts tun. Marcus hat ein System für alles. Für die Bügel, für die Schubladen, für die Kissen auf dem Sofa. Alles hat seine Farbe, seine Form, seine Regel. Wenn ich etwas verändere, auch nur den Winkel einer Gardine, ist es, als würde ich ein Gesetz brechen. Er sagt, es sei für das Kind. Dass Ordnung Sicherheit bedeute. Aber ich glaube, es ist für ihn. Damit nichts aus dem Rahmen fällt. Damit ich nicht aus dem Rahmen falle.“
Sie drehte sich zu ihm um, und Hugo sah, dass ihre Augen feucht waren, aber sie weinte nicht.
„Ich bin nicht unglücklich“, sagte sie, und es klang wie ein Zitat. „Ich bin nur… eingehängt. Wie deine Hemden vorher. An einem Haken, der nicht zu mir passt, aber ich weiß nicht mehr, welcher Bügel der richtige wäre. Und jetzt, mit dem Bauch…“ Sie strich über die Rundung unter dem Pullover. „Jetzt bin ich an einen Haken gehängt, den ich nicht gewählt habe, und er wird schwerer, und ich weiß nicht, ob der Haken hält.“
Hugo legte den M-2-Bügel zurück in den Schrank, ordentlich zwischen M-1 und M-3. „Du könntest…“, begann er vorsichtig.
„Nein“, unterbrach sie sanft. „Könnte ich nicht. Nicht jetzt. Nicht mit diesem Bauch. Nicht mit dieser Geschichte. Marcus ist nicht böse. Er glaubt nur fest an Dinge, die ich nicht mehr glauben kann. Und das System hier, dein System, das ist etwas, das ich noch kann. Etwas, das Sinn ergibt, ohne zu ersticken. Ein Bügel für jeden Tag. Eine Entscheidung weniger. Vielleicht brauchst du das ja auch. Vielleicht brauchen wir das beide. Einen Ort, wo etwas passt, ohne dass man darum kämpfen muss.“
Sie half ihm, die restlichen Sachen zurückzuhängen. Als sie fertig waren, sah der Schrank aus wie ein kleines Kontrollzentrum. Svenja machte einen Schritt zurück und nickte zufrieden.
„Wenn Elisabeth das nächste Mal kommt“, sagte sie, „wird sie staunen. Du wirst aussehen wie jemand, der weiß, was er anhat. Oder zumindest wie jemand, der eine Freundin hat, die es für ihn weiß.“
„Ich weiß es immer noch nicht. Du weißt es.“
„Das ist das Schöne an einem guten System. Man muss es nicht verstehen. Man muss es nur benutzen. Marcus versteht sein System. Ich benutze es nur. Das ist der Unterschied zwischen einem Gefängnis und einem Zuhause.“
Sie blieb noch eine Stunde, trank den Tee, den Hugo gemacht hatte. Als sie ging, um den Zug zu erwischen, umarmte sie ihn länger als nötig.
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Michael kam zwei Wochen später, an einem Freitagabend. Hugo war gerade dabei, die Wochenendleere zu antizipieren. Er klingelte dreimal, zwei kurze, eine lange, ein Rhythmus, den Hugo von früher kannte.
Als er die Tür öffnete, stand Michael da mit einer Flasche Rotwein in der Hand.
„Ich war in der Gegend“, sagte er.
„Lügner“, erwiderte Hugo und trat zur Seite.
„Stimmt. Vier Stunden Zug. Weil du dich seit Wochen kaum noch meldest.“
Er ging durch die Wohnung wie ein Inspektor auf Rundgang. Öffnete den Kühlschrank – fast leer. Betrachtete die Bücher im Regel. Und blieb schließlich vor dem Kleiderschrank im Flur stehen.
„Was ist das?“, fragte er und deutete mit dem Kinn auf das System. „Ein Schrank oder ein Rechenzentrum?“
„Ein Freund hat mir ein System gebaut“, sagte Hugo.
„Ein Freund. Oder eine Freundin?“ Michael drehte sich um. „Elisabeth?“
„Svenja.“
„Ach. Die Schwangere. Die mit dem…“ Er machte eine vage, wellenförmige Geste.
Sie setzten sich auf den Balkon. Michael trug dieselbe alte Lederjacke und zündete sich eine Zigarette an.
„Elisabeth war letzte Woche hier“, sagte Hugo.
„Das weiß ich. Sie hat mir erzählt.“
Hugo erstarrte kurz. „Sie erzählt dir das?“
„Wir telefonieren ab und zu. Sie sagt, du würdest gut aussehen. Für jemanden, der in einer Großstadt lebt und vergisst, den Müll rauszubringen. Sie sagt, du hättest eine Tasse auf der Fensterbank, die nicht dir gehört. Und einen Rhythmus.“
Hugo musste lachen. „Sie hat dir das alles erzählt?“
„Sie hat mir erzählt, dass du hier lebst. Nicht überlebst. Lebst. Das ist ein Unterschied, den sie sehr ernst nimmt.“
Michael nahm einen tiefen Zug. „Sie fragt manchmal nach dir. Nicht, wie es dir geht. Sondern, was du gerade tust. Ob du noch den gleichen Tee trinkst. Ob du immer noch gegen den Uhrzeigersinn rührst. Als würde sie eine Liste abhaken. Um sicherzugehen, dass du noch existierst.“
„Ich existiere.“
„Das sehe ich. Aber existierst du hier, oder existierst du nur?“
Hugo sah auf den Innenhof hinunter. Die Frau, die vor Wochen Wäsche aufgehängt hatte, hing jetzt Lichterketten auf.
„Ich existiere hier“, sagte er. „Ich habe einen Schrank mit einem System, das ich nicht verstehe, aber benutze. Ich habe eine Tasse auf der Fensterbank, die nicht mir gehört, aber zu mir gehört. Ich habe einen Rhythmus. Und ich habe Besuch. Das ist mehr, als ich vor einem Jahr hatte.“
Michael nickte langsam. „Das ist gut. Aber Rhythmen sind Musik, Hugo. Und Musik braucht auch mal eine Pause. Eine Stelle, wo nichts spielt. Wo du hörst, was wirklich da ist, unter all dem Takt.“
Er blieb bis kurz vor Mitternacht. Als er ging, legte er ihm eine Hand auf die Schulter.
„Du musst nicht alles mitnehmen, was du hattest“, sagte er. „Aber du solltest auch nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Frankfurt ist eine neue Stadt, keine neue Existenz. Elisabeth ist hier. Svenja war hier. Ich bin hier. Das ist kein Zufall. Das ist ein Netz. Fang an, es zu spüren. Es zieht schon, du merkst es nur noch nicht.“
Hugo blieb auf dem Balkon stehen. Er spürte das Netz nicht, nicht wirklich. Aber er spürte die Stühle, die noch warm waren, und den Geruch von Tabak und altem Leder. Und er spürte, dass etwas zusammenhing, auch wenn er noch nicht wusste wie.
Er ging hinein, schloss die Balkontür, und im Flur leuchteten ihm die Papierstreifen an den Bügeln entgegen, kleine Wegweiser in einer Wohnung, die langsam begann, ein Zuhause zu werden.
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