Kapitel 9 – Die Mitstreiter
Das The Corinthian lag in der Appold Street, nur wenige Gehminuten von der Great Winchester Street entfernt. Die Bar war hell, modern und aufgeräumt. Ein langer U-förmiger Tresen aus warmem Holz beherrschte den Raum. Davor standen dicht gereiht dunkle Barhocker. Im übrigen Raum verteilten sich kleinere Tische und einige Stehtische, an denen sich die Gäste nach Feierabend drängten.
Der schwarz-weiß karierte Boden erinnerte an ein klassisches Café. Offene Regale mit Gläsern und Geschirr verbanden traditionelle Pub-Elemente mit einem moderneren, beinahe industriellen Stil.
Für Hugo war das The Corinthian längst zu seinem Lieblingspub geworden. Er kam regelmäßig hierher, wenn es ihn nach der Arbeit nicht sofort nach Hause zog oder er noch etwas Gesellschaft wollte. Viele der Gäste waren Geschäftsleute, Banker, Händler oder Fondsmanager. Darin unterschied sich das Pub allerdings kaum von vielen anderen in der Umgebung. Im Umkreis von nur wenigen hundert Metern lagen zahlreiche Banken, Investmentgesellschaften und Fondshäuser.
Besonders schätzte Hugo die Livemusik. An vielen Abenden spielten Musiker Reggae-Versionen älterer Pop- und Rocksongs, die dem Pub eine entspanntere Atmosphäre gaben, ohne dass es seinen geschäftsmäßigen Charakter verlor.
Die Stimmen der Männer an den Tischen lagen als gleichmäßiges Murmeln über dem Raum. Fast überall ging es um dasselbe: Geld.
Hugo saß allein an der Bar. Hinter ihm lag ein Tag mit zwei erfolgreichen Analysen, und zum ersten Mal seit Stunden musste er über keine Zahlen mehr nachdenken. Er trank einen Whisky und lauschte der Musik und den Gesprächen um ihn herum.
„… und dann sagt der Wichser, er hätte die Position nicht verkauft, wenn er gewusst hätte, dass der Kurs fällt. Ich sag: Du hättest wissen müssen, dass der Kurs fällt, du Fotze …“
„Hugo Voss?“
Hugo drehte sich um. Hinter ihm standen eine Frau und zwei Männer. Die Frau hatte ihn angesprochen. Sie war etwa siebenundzwanzig, dunkles Haar, ein schmales, schönes Gesicht, marineblauer Blazer über einem weißen Seidentop. Sie wirkte selbstbewusst, ohne es demonstrieren zu müssen. Hugos Blick glitt kurz über ihre Figur, bevor er ihr in die Augen sah.
„Ja.“
„Dr. Leila Farhadi.“ Sie reichte ihm die Hand. Ihr Händedruck war fest. „Helvetische Unionbank. Ich habe von Ihnen gehört.“ Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Man spricht in der City über den jungen Deutschen, den Edward Middleton geklaut hat. Einige halten Sie für ein Wunderkind, andere für einen Glücksritter. Ich wollte mir selbst ein Bild machen.“
„Und?“
„Sie sind jünger und unscheinbarer, als ich erwartet habe.“
Hugo musste lachen.
Der erste der beiden Männer trat näher. Er war groß und schlank, hatte etwas zu langes schwarzes Haar und eine Brille mit dicker Fassung. „Dr. Arjun Mehta. Harrington & Pierce. Technologieanalyse.“ Er schüttelte Hugo die Hand. „Sie haben den IT-Markt richtig eingeschätzt. Nicht schlecht.“
„Danke.“
Der andere Mann war noch jünger als Hugo, vielleicht neunzehn oder zwanzig. Hellbraunes Haar, blaue Augen, ein Gesicht wie aus einer Werbeanzeige und ein Maßanzug, der vermutlich mehr gekostet hatte als Hugos gesamte Garderobe wenige Jahre zuvor.
„Alexander Whitmore“, sagte er. „DHK Bank, London.“ Er betrachtete Hugo einen Moment. „Dann gehören wir wohl zum selben Verein. Ich hatte Sie mir anders vorgestellt.“
Farhadi warf ihm einen Blick zu. „Weil du nicht zuhörst, Alex. Du bist zu sehr damit beschäftigt, dich selbst zu bewundern.“
„Fick dich, Leila“, sagte Whitmore und grinste.
„Setzen wir uns“, sagte Mehta und deutete zu einem freien Tisch. Dann sah er Hugo an. „Wollen Sie uns Gesellschaft leisten?“
Sie nahmen einen Tisch in einer Ecke. Farhadi lehnte sich zurück und betrachtete Hugo noch immer mit unverhohlener Neugier.
„Also, Herr Voss. Wie schafft es ein Zwanzigjähriger, innerhalb weniger Monate die halbe City auf sich aufmerksam zu machen?“
„Indem er arbeitet.“
Whitmore verzog das Gesicht. „Alle arbeiten hier viel. Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausrede für Langweiler.“
Hugo nahm einen Schluck Whisky. „Dann die andere Antwort. Ich lese, was andere nicht lesen. Ich rufe dort an, wo andere nicht anrufen. Und wenn ich einen Fehler mache, suche ich nach dem Grund und nicht nach jemandem, dem ich die Schuld geben kann.“
Mehta hob leicht die Augenbrauen. „Der Software-Deal. Die neun Prozent. Das war Ihr Fehler?“
„Ja.“
„Und Sie sitzen immer noch hier, statt in einer Kiste zurück nach Deutschland geschickt zu werden?“ Mehta grinste. „Middleton muss Sie wirklich mögen.“
„Edward interessiert einen Scheißdreck, ob er mich mag“, sagte Hugo. „Ihn interessiert, ob ich Geld verdiene. Wenn ich richtigliege, bin ich gut. Wenn ich falschliege, bin ich ein Idiot. So einfach ist das.“
Farhadi nickte. „Das ist wahrscheinlich die vernünftigste Einstellung, die man zu diesem Geschäft haben kann. Die meisten bilden sich irgendwann ein, sie wären unersetzlich.“
„Netzwerke helfen“, warf Whitmore ein.
„Solange du erfolgreich bist“, sagte Farhadi. „Wenn du lange genug verlierst, stellst du ziemlich schnell fest, wie klein dein Netzwerk plötzlich wird.“
„Das ist zynisch.“
„Das ist London“, sagte Mehta und stellte sein Glas ab. „Und Hugo hat recht. Am Ende zählt das Ergebnis. Alles andere ist Gesellschaftsspiel.“
Das Gespräch sprang von Unternehmen zu Händlern und schließlich zu einem Hedgefondsmanager, dessen dritte Ehe gerade auseinanderbrach.
„Der hat sein Geld mit dem Schwanz verdient und verliert es jetzt mit demselben Organ“, sagte Farhadi. „Wenigstens konsequent.“
Whitmore lachte. „Leila, du bist die einzige Frau, die ich kenne, die ›Schwanz‹ sagt, ohne rot zu werden.“
„Weil ich keinen habe und deshalb keinen Grund sehe, besonderen Respekt davor zu haben.“
Diesmal lachte auch Hugo. Und irgendwann bemerkte er, dass er sich seit Wochen nicht mehr so entspannt gefühlt hatte. Nicht weil die drei besonders freundlich zu ihm waren. Sie behandelten ihn einfach wie einen von ihnen. Niemand erklärte ihm London, niemand prüfte sein Englisch, niemand schien sich dafür zu interessieren, dass er jünger war oder aus Deutschland kam.
Sie redeten über dieselben Dinge, über die inzwischen auch er reden konnte.
Als sie später aufstanden, tauschten sie Visitenkarten aus. Es geschah beiläufig, fast selbstverständlich. Sie hatten sich gut unterhalten, und Hugo merkte, dass ihm genau so etwas in London bisher gefehlt hatte: Menschen, die er nicht nur aus dem Büro oder über die Arbeit kannte.
Auf dem Heimweg steckte er die Karten sorgfältig ein. Zum ersten Mal hatte er in London das Gefühl, auch außerhalb der Bank langsam ein eigenes Umfeld aufzubauen.
Analysen, Treffer, Fehler, Korrekturen. Die kalten Monate waren vergangen, ohne dass Hugo sie außerhalb der Wege zwischen seiner Wohnung, der Bank und dem Pub in der Appold Street bewusst wahrgenommen hatte. Auf den Winter war der Frühling gefolgt, und irgendwann waren aus Wochen Monate geworden. Hugo hatte aufgehört, die Tage zu zählen.
Im Juli 1996, neun Monate nach seiner Ankunft in London, flog Edward Middleton mit Hugo und drei seiner Händler in einem Privatjet nach Nizza. Edward nannte es „strategische Neuausrichtung“, aber Hugo wusste, was es wirklich war: eine Feier. Sie hatten vierhundertsechzig Millionen bewegt und knapp fünfunddreißig Prozent Gewinn gemacht.
Der Jet war klein, aber luxuriös: Leder, helles Holz und eine Stewardess, die Drinks servierte, bevor jemand danach fragte. Edward nannte sie nur die „Saftschubse“.
Hugo saß am Fenster und trug inzwischen Maßanzüge aus der Savile Row.
Manchmal, wenn er nachts aufwachte, dachte er an Hamburg, an seine Mutter, an Svenja und Christina. Er vermisste sie mehr, als er sich eingestehen wollte. Umso mehr freute er sich, wenn seine Mutter gelegentlich für ein paar Tage nach London kam. Ihre Besuche brachten etwas Vertrautes in sein Leben, das sonst fast nur aus Arbeit, Terminen, Bars und ständig wechselnden Menschen bestand. Für diese wenigen Tage fühlte sich alles geordneter und ruhiger an.
In Nizza nahmen sie einen Mietwagen und fuhren weiter nach Cannes. Edward hatte für zwei Nächte Suiten im Carlton gebucht. Am ersten Abend aßen sie in einem Restaurant an der Croisette. Edward trank viel und erzählte Geschichten über den Markt, über Frauen und über einen Prinzen, den er angeblich in Monaco um vier Millionen erleichtert hatte. Die Händler lachten, und Hugo lachte mit. Trotzdem merkte er, dass zwischen ihnen noch ein Unterschied bestand. Er war der Analyst, der ihnen die Informationen lieferte, auf deren Grundlage sie handelten. Sie schätzten ihn, weil er ihnen Geld verdiente, aber als einen der Ihren betrachteten sie ihn noch nicht. Das störte Hugo mehr, als er zugeben wollte.
Nach dem Essen gingen sie in eine Bar und später in einen Club. Die Musik war laut, die Frauen jung und schön, viele von ihnen aus Tschechien, Ungarn, Polen oder Russland.
„Töchter der Kommunisten“, flüsterte einer der Händler Hugo ins Ohr. „Die Eltern haben sie zum Ballett geschickt. Deshalb sind sie so verdammt beweglich. Jetzt kann man sie in verschiedenen Stellungen besser ficken.“
Hugo lächelte. Es war nur einer dieser derben Witze, die unter den Händlern ständig fielen. Inzwischen kannte er diese Art zu reden gut genug, um zu wissen, dass es weniger um die Frauen ging als um die Männer selbst. Darum, sich gegenseitig zu zeigen, dass man zu derselben Gruppe gehörte.
Gegen zwei Uhr morgens verabschiedete Hugo sich. Er hatte genug getrunken und wollte nur noch ins Bett.
Als er durch die Lobby des Carlton ging, hörte er plötzlich seinen Namen.
„Hugo!“
Er drehte sich um. An der Bar saßen Arjun Mehta und Alexander Whitmore, die er einige Monate zuvor im The Corinthian kennengelernt hatte. Die obersten Hemdknöpfe offen, Gläser vor sich auf dem Tresen.
„Was machst du denn hier?“, rief Whitmore. Er war offensichtlich betrunken. „Ich dachte, du bist das Arbeitstier, das nie feiert.“
„Ich feiere anders“, sagte Hugo und ging zu ihnen.
„Setz dich“, sagte Mehta. Er wirkte nüchterner, auch wenn seine Augen bereits glasig waren. „Wir haben gerade über dich gesprochen.“
„Schlecht, hoffe ich.“
„Warum schlecht?“
Hugo setzte sich zu ihnen. „Weil gute Gerüchte langweilig sind.“
Whitmore lachte. „Der Junge hat Humor.“
Der Kellner kam, und Hugo bestellte ein Wasser.
„Leila ist nicht hier“, sagte Mehta. „Sie hasst Cannes. Zu viel Geld, zu wenig Substanz, sagt sie. Sie ist nach Spanien geflogen.“
„Und ihr?“
„Wir sind hier, weil Alex eine Frau treffen wollte, die ihn nicht treffen wollte“, sagte Mehta. „Und ich bin hier, weil ich keine Lust hatte, allein in London zu sitzen.“
„Fick dich, Arjun“, sagte Whitmore, aber ohne jede Schärfe. Dann wandte er sich Hugo zu. „Ich bin hier, weil das hier im Sommer das Zentrum der Welt ist. Und weil ich Geld habe, das ich ausgeben muss, bevor mein Steuerberater es entdeckt.“
Sie redeten über den Markt, über London und über die DHK Bank, bei der Whitmore ebenfalls arbeitete. Hugo erfuhr, dass er aus einer alten Londoner Bankerfamilie stammte, sein Vater bei der Bank of England gearbeitet hatte und er seit seinem sechzehnten Geburtstag ein eigenes Depot besaß.
„Und du?“, fragte Whitmore. „Du hast doch auch mit sechzehn angefangen, oder?“
„Mit fünfzehn.“
„Fünfzehn?“ Whitmore starrte ihn an. „Das ist krank.“
„Mein Bruder hat mir erklärt, wie es funktioniert“, sagte Hugo. „Mein Vater hat nicht geglaubt, dass ich damit Erfolg haben würde.“
Mehta nickte. „Der Vater. Die Ursprungsgeschichte jedes Bankers. Entweder war er erfolgreich und der Sohn will es ihm gleichtun, oder er war es nicht und der Sohn will beweisen, dass er es besser kann. Welcher bist du?“
Hugo dachte einen Moment nach. „Wahrscheinlich der zweite. Mein Vater war kein Versager. Er hat nur nie verstanden, was ich wollte.“
„Tief“, sagte Whitmore und verdrehte die Augen. „Wir sind hier, um zu feiern, nicht um unsere Kindheit zu analysieren.“
„Dann feier“, sagte Hugo. „Ich gehe schlafen.“
„Schon?“ Mehta sah ihn an. „Es ist zwei Uhr morgens.“
„Eben.“
Hugo stand auf. Bevor er gehen konnte, hielt Mehta ihn kurz am Arm fest.
„Du bist schon in Ordnung, du kleiner Wichser.“ Mehta grinste. „Geh ins Bett.“
Hugo lachte.
„Wir sehen uns in London“, sagte Mehta. „Vielleicht auch mal öfter, wenn du Lust hast.“
„Bin dabei“, sagte Hugo. „Meldet euch einfach.“
Hugo verließ die Bar und ging durch die Lobby zu den Aufzügen. Der Boden bestand aus hellen, glänzenden Fliesen, auf denen seine Schritte deutlich zu hören waren. Erst hier fiel ihm der Geruch des Hotels bewusst auf. Eine Mischung aus poliertem Holz, frischen Blumen und diesem schwer zu bestimmenden Duft teurer Häuser, in denen selbst die Luft gepflegt wirkte. Hugo kannte ihn nicht, aber er prägte sich ihm sofort ein. Es war ein Geruch, den er später überall wiedererkennen würde.
Er fuhr mit dem Aufzug nach oben. Auf seiner Etage wurde es stiller. Hier lagen dicke Teppiche auf dem Boden, gedämpftes Licht fiel auf die Wände, und schwere Türen reihten sich entlang des langen Flurs.
Schließlich erreichte Hugo seine Suite und öffnete die Tür. Der Raum war riesig, das Bett so breit, dass drei Menschen darin hätten schlafen können. Er zog sich aus, legte sich auf den Rücken und blickte durch die geöffneten Türen des französischen Balkons auf das Mittelmeer.
In der Bucht von Cannes lagen kleinere Yachten dicht vor der Küste, weiter draußen zeichneten sich größere Boote auf dem dunklen Wasser ab. Sie verlängerten das Panorama über den Strand hinaus und ließen die Bucht noch weiter wirken.
Von draußen drangen das entfernte Rauschen des Meeres und das Lachen der Menschen von der Hotelterrasse herein.
Hugo dachte an Arjun und Alex und an Leila, die nicht einmal hier war. Zum ersten Mal seit Frankfurt hatte er wieder Menschen kennengelernt, mit denen er auch außerhalb der Arbeit Zeit verbringen wollte. Menschen in seinem Alter, die denselben Ehrgeiz hatten und dieselbe Welt verstanden.
Am nächsten Tag sah Hugo von den anderen erst am späten Nachmittag wieder etwas. Edward hatte den Vormittag verschlafen, zwei der Händler waren irgendwann zum Strand verschwunden, und Hugo hatte einige Stunden in seiner Suite verbracht, im Sessel am Fenster Zeitungen gelesen und Unterlagen durchgesehen, während das Licht der Côte d’Azur tief in den Raum fiel.
Am Abend trafen sie sich wieder. Sie aßen in einem Restaurant am Yachthafen, diesmal ruhiger als am Vorabend. Das Restaurant lag unmittelbar am Yachthafen. Die Tische standen auf einer großen Holzterrasse zwischen Palmen und niedrigen Pflanzkübeln, über ihnen spannte sich der dunkelblaue Abendhimmel. Hinter der Brüstung lagen die Yachten dicht nebeneinander, ihre weißen Aufbauten von den Lichtern des Hafens angestrahlt. Hin und wieder hörte Hugo das Klirren von Geschirr, das gedämpfte Lachen von einem der Nachbartische und irgendwo draußen das dumpfe Schlagen eines Taus gegen einen Mast.
Einer der Händler deutete mit seinem Weinglas auf eine große Yacht gegenüber.
„So eine“, sagte er. „Irgendwann.“
Edward folgte seinem Blick. „Warum irgendwann? Verdien mehr Geld.“
„Danke für den Tipp.“
Die anderen lachten.
„Nein, im Ernst“, sagte der Händler. „Das ist doch das Ziel. Du fliegst nach Nizza, steigst nicht in irgendeinen beschissenen Mietwagen, sondern lässt dich zum Hafen fahren. Deine Yacht liegt da, die Crew kennt dich, deine Sachen sind schon an Bord. Morgen Saint-Tropez, übermorgen Monaco, danach Sardinien. Wenn dir irgendwo zu viele Leute sind, fährst du einfach weiter.“
„Und du hast dein eigenes Schlafzimmer, deine eigene Küche, deine eigenen Leute“, sagte ein anderer. „Eigentlich ein Haus, nur dass du bestimmen kannst, vor welcher Stadt es morgen steht.“
Hugo sah hinaus auf die Boote. Dieser Gedanke gefiel ihm. Ein eigenes Haus, das sich bewegen konnte. Kein Hotelzimmer, keine fremden Betten, keine ständig wechselnde Umgebung. Und trotzdem jeden Morgen ein anderer Ort.
„Früher haben sich reiche Leute Herrenhäuser gebaut“, sagte Edward. „Heute bauen sie sich schwimmende Paläste.“
„Mit dem Vorteil, dass du deinen Palast nach Saint-Tropez mitnehmen kannst.“
„Und mit dem Nachteil“, sagte der dritte Händler, „dass garantiert fünf Minuten später irgendein Arschloch neben dir anlegt, dessen Palast zwanzig Meter länger ist.“
Edward lachte. „Das ist das Problem mit Statussymbolen. Es gibt immer einen, der einen Größeren hat.“
Hugo hörte ihnen zu und betrachtete die Yacht gegenüber genauer. Von hier wirkte sie beinahe wie ein kleines Herrenhaus auf dem Wasser. Mehrere Decks, beleuchtete Fenster, Menschen in weißen Hemden, die sich darin bewegten. Schön war sie. Vielleicht sogar beeindruckend.
„Es gibt sowieso nur zwei wirklich schöne Tage im Leben eines Yachtbesitzers“, sagte einer der Händler.
„Welche?“
„Den Tag, an dem er sie kauft, und den Tag, an dem er sie wieder verkauft.“
Edward grinste. „Das sagt normalerweise derjenige, der sich keine leisten kann.“
„Blödsinn. So ein Ding frisst Geld, während es im Hafen liegt. Mannschaft, Liegeplatz, Wartung, Versicherung, Maschinen. Und wenn du anfängst, daran zu sparen, kannst du zusehen, wie es dir unter dem Arsch wegfault.“
Hugo blickte wieder hinaus.
Genau dieser Teil störte ihn.
Der andere Händler hob sein Glas. „Ich sage euch sowieso: Alles, was schwimmt, fliegt oder bumst, sollte man mieten. Das ist auf lange Sicht günstiger.“
Für einen Moment war es still, dann lachten alle.
„Vor allem die Wartung wird später teuer“, sagte der dritte Händler. „Denk nur an die Plastiktitten.“
Edward verschluckte sich beinahe an seinem Wein und zwinkerte dem Händler zustimmend zu.
Hugo lachte mit, sah aber wieder hinaus auf die Yacht. Er sagte nichts. Er hörte zu.
Der Spruch war bescheuert, aber hinter dem Witz steckte etwas, das ihm einleuchtete. Warum musste man etwas besitzen, nur weil man es benutzen wollte? Eine Yacht konnte man chartern. Ein Flugzeug konnte man mieten. Man bekam genau das, was man gerade brauchte, und danach war man es wieder los.
Er betrachtete die beleuchteten Decks gegenüber jetzt mit anderen Augen.
Was brachte es ihm, so ein Scheißding zu besitzen? Es kostete Geld, wenn er damit fuhr, und es kostete Geld, wenn es nur herumlag. Menschen mussten bezahlt werden, damit sie sich darum kümmerten. Maschinen mussten gewartet, Teile ersetzt und der Rumpf gepflegt werden. Und währenddessen wurde das Ding jedes Jahr älter.
Ein Herrenhaus dagegen konnte nach hundert Jahren noch immer stehen. Wenn es gut gebaut und gepflegt worden war, konnte es Generationen überdauern. Eine Yacht wurde irgendwann technisch überholt und durch die nächste ersetzt.
Ein schwimmender Palast vielleicht – aber einer mit einem Verfallsdatum.
Hugo nahm einen Schluck Wein. Er wusste nicht, ob er sich irgendwann überhaupt eine Yacht leisten konnte. Aber falls es je so weit kommen sollte, würde er sich an diesen Abend erinnern.
Während Hugo darüber nachdachte, biss er sich beim Kauen plötzlich kräftig auf die Innenseite der Wange.
„Scheiße.“
Er verzog das Gesicht und fuhr mit der Zunge über die Stelle.
Einer der Händler sah zu ihm. „Ist natürlich scheiße, wenn man nicht mit Messer und Gabel essen kann.“
„Ich hab mir auf die Wange gebissen, du Arschloch.“
„Noch schlimmer. Dafür brauchst du nicht mal Besteck.“
Die anderen lachten. Hugo nahm einen Schluck Wein. Die Stelle brannte noch einen Moment, dann vergaß er sie wieder.
Als sie mit dem Essen fertig waren, legte Edward die Serviette neben seinen Teller.
„Wir gehen zurück ins Carlton“, sagte er. „Und rauchen noch eine.“
Sie setzten sich auf die Terrasse vor dem Hotel. Es war ein warmer Sommerabend. Aus versteckten Lautsprechern lief leise Musik, unaufdringlich genug, um die Gespräche nicht zu stören. Dazwischen war das künstlich eingespielte Zirpen von Grillen zu hören, als wollte das Hotel selbst die Geräuschkulisse der Côte d’Azur kontrollieren.
Edward ließ Zigarren bringen, nahm eine aus dem Humidor, schnitt sie sorgfältig an und zündete sie an.
„Jetzt fehlt nur noch ein vernünftiger Whisky.“
Als der Kellner kam, bestellte Edward einen Whisky.
„Und ein Nosing-Glas.“
Der Kellner sah ihn verständnislos an.
„A whisky nosing glass.“
Der Kellner entschuldigte sich. Ein solches Glas hätten sie nicht.
Edward sah zu den anderen und schüttelte langsam den Kopf.
„Franzosen.“
Einer der Händler grinste.
„Sie können aus Trauben ein Vermögen machen“, sagte Edward, „aber gib ihnen Whisky, und sie schütten ihn dir in einen verdammten Wassereimer.“
Der Kellner verstand offenbar genug Englisch, um den Tonfall zu erfassen, ließ sich jedoch nichts anmerken.
„Kein Problem“, sagte Edward. „Ich habe mein eigenes.“
Hugo sah ihn an. „Du hast ein Glas dabei?“
„Natürlich.“
„Du reist mit einem Whiskyglas?“
Edward nahm einen Zug von seiner Zigarre.
„Man reist mit Dingen, auf die man sich verlassen kann.“
Er stand auf und ging ins Hotel.
Ein paar Minuten später kam er tatsächlich mit einem Glas zurück. Es war kleiner als die üblichen Whiskygläser, unten bauchig und nach oben deutlich schmaler.
Edward stellte es vor den Kellner.
„Da rein.“
Der Kellner schenkte ein.
Edward nahm das Glas, schwenkte den Whisky leicht und hielt es Hugo hin.
„Riech.“
Hugo tat es.
„Und jetzt stell dir denselben Whisky in diesem breiten Scheißglas vor.“ Edward deutete auf eines der Gläser auf dem Tisch. „Da verfliegt dir die Hälfte. Hier hat der Whisky unten genug Fläche, und oben wird das Aroma gebündelt.“
Er drehte das Glas langsam zwischen den Fingern.
„Die Form entscheidet darüber, was du riechst. Und was du riechst, entscheidet darüber, wie du den Whisky wahrnimmst.“
Hugo nahm ihm das Glas ab und betrachtete es.
„Wegen der paar Zentimeter?“
Edward grinste.
„Gerade wegen der paar Zentimeter.“
Hugo sah ihn kurz an. Bei Edward wusste man nie genau, ob ein Satz wirklich nur vom Whisky handelte.
Edward nahm das Glas zurück.
„Ein gutes Glas ist kein Schmuck. Es ist ein Werkzeug.“
Hugo nickte. Ihn faszinierte weniger der Whisky als Edwards Anspruch, selbst bei solchen Kleinigkeiten nichts dem Zufall zu überlassen.
Lange beschäftigte ihn der Gedanke allerdings nicht. Während die Männer ihre Zigarren rauchten, ließ Hugo den Blick über die Terrasse schweifen – und vergaß das Glas beinahe sofort.
Überall saßen Frauen.
Sein Blick blieb an ihnen hängen. Es waren nicht nur einzelne, sondern so viele, dass er sich unwillkürlich fragte, was an diesem Abend im Carlton los war.
Viele von ihnen trugen auffallend freizügige Abend- und Cocktailkleider, wie Hugo sie in dieser Häufung noch nie gesehen hatte. Fließende Stoffe, tiefe Ausschnitte, hohe Schlitze und raffinierte Schnitte, die große Teile des Bauches freiließen. Manche Kleider wurden nur von schmalen Stoffbahnen, Ringen oder überkreuzten Bändern zusammengehalten. Schwarz, Weiß, Dunkelblau, Champagner – teuer wirkend, elegant und gleichzeitig so körperbetont, dass Hugo Mühe hatte, nicht ständig hinzusehen.
Er spürte eine zunehmende Erregung. Sein Puls beschleunigte sich, und auch zwischen seinen Beinen machte sich die Reaktion bemerkbar. Er rückte unwillkürlich etwas anders auf seinem Stuhl und ärgerte sich darüber, wie wenig sich sein Körper dafür interessierte, ob ihm die Situation gerade passte.
Hugo kannte Frauen, die sich in den Bars großer Hotels ihre Kunden suchten. Das war nichts Neues für ihn. Aber hier waren es so viele, dass er zunächst an etwas anderes dachte. Vielleicht eine Modenschau, eine Veranstaltung oder irgendeine Gesellschaft, die im Carlton untergebracht war.
Dann bemerkte er, dass die Frauen gar nicht zusammengehörten. Sie saßen meist zu zweit an kleinen Tischen, über die ganze Terrasse verteilt. Sie redeten miteinander, tranken Champagner oder Mineralwasser und ließen ihre Blicke immer wieder über die Männer an den anderen Tischen wandern.
Eine Dunkelhaarige sah Hugo direkt an. Ihr Kleid bestand aus dunklem Stoff, der sich über einer Schulter kreuzte und ihren Bauch fast vollständig frei ließ. Sie hielt seinen Blick. Hugo spürte sofort wieder dieses Kribbeln, diesmal stärker. Als sie schließlich lächelte, war ihm klar, dass ihr Blick kein Zufall gewesen war.
Er sah zu den nächsten Tischen. Zwei weitere Frauen. Dahinter noch einmal drei. Je länger er hinsah, desto absurder erschien ihm die Zahl.
„Was ist denn hier los?“, fragte er schließlich. „Ist hier irgendeine Veranstaltung?“
Einer der Händler folgte seinem Blick und grinste.
„Nein.“
Hugo sah wieder zu der Dunkelhaarigen.
„Die können doch nicht alle anschaffen.“
Der Händler grinste. „Willkommen in Cannes.“
Hugo schwieg. Die Brünette gefiel ihm. Sehr sogar.
Edward bemerkte seinen Blick.
„Dann geh rüber.“
„Jetzt?“, fragte Hugo und sah ihn an.
Edward grinste. „Willst du vorher noch einen schriftlichen Antrag bei der französischen Regierung stellen?“
Die Männer lachten.
Hugo stand auf. „Arschlöcher.“
Er ging hinüber.
Die Brünette sah auf, als er an ihren Tisch trat. Ihre blonde Begleiterin musterte ihn offen. Aus der Nähe gefiel ihm die Dunkelhaarige noch besser. Das Kleid ließ ihren Bauch fast vollständig frei, und Hugo musste sich zwingen, ihr ins Gesicht zu sehen.
„Bonjour.“
„Bonjour“, antwortete sie.
Hugo deutete auf sich. „Hugo.“
Die Brünette sagte ihren Namen. Er verstand ihn nicht richtig, nickte aber, als hätte er ihn
verstanden.
„Français?“, fragte er.
Sie hob Daumen und Zeigefinger und ließ kaum einen Abstand dazwischen.
„Un peu.“
„Moi aussi… français pas bon“, stammelte Hugo.
Ob sie den Satz vollständig verstand, wusste Hugo nicht. Ihr Lächeln blieb, und das
genügte ihm zunächst.
Er deutete zur Hotelfassade und anschließend auf sie und sich selbst.
„Voulez-vous… avec moi… hôtel?“
Die Brünette wechselte einen kurzen Blick mit ihrer Freundin.
Bis hierhin schien sie ihn verstanden zu haben.
Hugo zog sein Portemonnaie heraus, zählte zehn 500-Franc-Scheine ab und zeigte sie ihr.
„Somme… okay?“
Die Veränderung war sofort zu spüren. Die Brünette wurde nicht laut und wirkte auch nicht empört, aber ihr Lächeln verschwand. Sie schüttelte den Kopf und sagte mehrere schnelle Sätze in ihrer Sprache.
Hugo verstand kein einziges Wort.
„Non?“
Sie schüttelte erneut den Kopf.
Er versuchte es noch einmal, zählte fünfzehn 500-Franc-Scheine ab und zeigte sie ihr. Die Brünette schob seine Hand mit dem Geld zurück und sah über seine Schulter zu Edwards Tisch.
Hugo begriff nicht, was er falsch gemacht hatte. Wollte sie ihn verarschen? 7.500 Francs – das durfte doch wohl nicht wahr sein. So viel war sie ihm nun auch wieder nicht wert. Doch als er ihr Gesicht ansah, merkte er, dass es ihr offenbar gar nicht um die Höhe des Betrags ging. Sie wollte das Geld überhaupt nicht nehmen. Genau das verstand er nicht. Sie beide wussten doch, worum es ging. Warum sollte er so tun, als wäre es etwas anderes?
Schließlich gab er auf und kehrte zu den Männern zurück.
Edward grinste bereits.
„Na?“
Hugo setzte sich. „Das lief überhaupt nicht.“
„Was hast du gemacht?“, fragte einer der Händler.
„Mit ihr geredet. Oder es zumindest versucht. Die spricht genauso gut Französisch wie ich.“
„Ich denke, im Französischen ist die viel besser als du“, unterbrach Edward ihn lachend.
Die Männer grinsten.
Hugo deutete mit dem Kinn zu den beiden Frauen. „Also noch mal. Was genau habe ich falsch gemacht?“
Der Händler nahm die Zigarre aus dem Mund. „Du hast ihr direkt Geld angeboten.“
„Ja.“
„Das kannst du hier nicht machen.“
Hugo runzelte die Stirn. „Warum nicht?“
„Weil das hier Frankreich ist. Einer Frau etwas zu schenken, ist völlig in Ordnung. Aber du kannst dich nicht auf die Terrasse des Carlton stellen, dein Portemonnaie aufmachen und ihr offen Geld für Sex anbieten.“
Hugo sah zurück zu den Frauen. „Deshalb hat sie sofort dichtgemacht?“
„Natürlich. Du hast auf sie gezeigt, auf dein Geld und dann aufs Hotel.“
Edward lachte.
Hugo schüttelte den Kopf. „Na wunderbar.“
„Mach es anders“, sagte der Händler. „Du gehst wieder hin und sagst ihr, du würdest ihr gern etwas schenken.“
„Was denn?“
„Schmuck. Ein Kleid. Schuhe. Irgendetwas.“
Hugo sah ihn verständnislos an. „Ich will ihr doch keine Schuhe kaufen.“
„Musst du ja auch nicht.“
„Das wird immer besser“, sagte Hugo lachend, obwohl in seiner Stimme längst Skepsis mitschwang.
Der Händler grinste. „Du sagst einfach, du würdest ihr gern ein schönes Paar Schuhe schenken.“
„Und das darf ich?“
„Natürlich. Du kannst einer Frau schenken, was du willst. Das interessiert hier niemanden.“
Hugo dachte einen Moment nach. „Die Geschäfte sind aber längst geschlossen.“
„Genau.“
Hugo sah ihn an.
Der Händler wartete.
„Und?“
„Dann fragst du sie, was die Schuhe kosten würden, die sie gern hätte.“
Hugo schwieg kurz.
Langsam begann er zu grinsen. „Ach so.“
„Jetzt kommt er dahinter“, sagte Edward lachend.
„Ich gebe ihr also das Geld für die Schuhe.“
„Genau.“
Hugo schüttelte den Kopf. „Das ist doch vollkommen bescheuert.“
Edward blies den Rauch seiner Zigarre zur Seite. „Aber eben nicht illegal.“
Der Händler hob einen Finger. „Und noch was. Wenn sie das Geld genommen hat, gehst du nicht sofort mit ihr rein.“
Hugo sah ihn an. „Warum nicht?“
„Weil dann jeder sieht, wie du ihr Geld gibst und sie zwei Minuten später mit dir im Hotel verschwindet. Dann kannst du dir die ganze Geschichte mit den Schuhen auch sparen.“
„Na großartig. Und was mache ich?“
„Du bleibst sitzen.“
„Und sie?“
„Sie geht erst mal weg.“
Hugo verzog das Gesicht. „Mit meinem Geld?“
Die Männer lachten.
„Ja, Hugo. Mit deinem Geld.“
„Das schafft Vertrauen.“
Edward grinste. „Sie kommt schon wieder.“
Der Händler fuhr fort: „Sie verschwindet ein paar Minuten. Geht zur Toilette, läuft durchs Hotel, völlig egal. Nach außen hat sie ihr Geschenk bekommen und ist ihrer Wege gegangen.“
„Und dann kommt sie zurück.“
„Genau.“
„Und dann gehen wir hoch.“
„Dann geht ihr hoch.“
Hugo schüttelte lachend den Kopf. „Also schenke ich ihr Geld für Schuhe, die sie nicht kaufen geht, sie verschwindet mit meinem Geld aufs Klo, kommt fünf Minuten später wieder und dann dürfen wir plötzlich zusammen nach oben.“
„Jetzt hast du es verstanden.“
Edward hob sein Glas. „Willkommen in Frankreich.“
Hugo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Na klasse. Und jetzt soll ich das Ganze mit meinem beschissenen Schulfranzösisch hinkriegen. Hätte ich bei Frau Tietchen im Unterricht mal besser aufgepasst.“ Er stand auf und strich sein Oberhemd glatt. „Wer hätte damals ahnen können, dass ich irgendwann an der Côte d’Azur sitze und versuche, eine osteuropäische Nutte auf Französisch abzuschleppen? Hätte Frau Tietchen das in den Lehrplan geschrieben, hätte ich vermutlich jedes Wort gelernt und würde heute perfekt Französisch sprechen.“
Die Männer lachten.
Hugo machte zwei Schritte, blieb stehen und drehte sich noch einmal um.
„Also erst Geschenk.“
„Richtig.“
„Dann verschwindet sie.“
„Richtig.“
„Dann kommt sie wieder.“
Edward hob sein Glas. „Und dann darfst du endlich nach oben. Viel Erfolg.“
Als Hugo erneut an den Tisch der beiden Frauen trat, sah die Brünette ihn zunächst nur abwartend an.
Hugo deutete auf einen freien Stuhl.
„Moi … ici?“
Die Brünette sah kurz zu ihrer Freundin und nickte.
Hugo setzte sich zu ihnen und deutete auf die Schuhe der Brünetten.
„Chaussures.“
Sie blickte an sich hinunter und anschließend wieder zu ihm.
Hugo zeigte erst auf die Schuhe, dann auf sich.
„Ich … äh … cadeau. Für dich.“ Er deutete auf sie. „Moi kaufen … chaussures. Schön. Très schön.“
Die Brünette sah ihn einen Moment lang an.
Hugo zeigte noch einmal auf ihre Schuhe. „Cadeau. Von mir. Pour toi.“
Das Lächeln kehrte in ihr Gesicht zurück.
Sie sagte etwas zu ihrer Freundin. Die Blonde lachte. Hugo verstand kein Wort, aber offenbar spielte die Brünette diesmal mit.
Hugo zog einige Geldscheine aus seinem Portemonnaie und hielt sie ihr hin.
„Pour chaussures.“
Die Brünette sah auf das Geld, dann auf ihre Schuhe. Sie deutete darauf, hob die Augenbrauen und machte mit beiden Händen eine kleine Bewegung, als wollte sie ihm klarmachen, dass diese Schuhe deutlich mehr kosteten.
Hugo verstand.
„Ah. Teuer.“
Er zog weitere Scheine aus dem Portemonnaie, zählte nach und erhöhte den Betrag auf 7.500 Francs.
Die Brünette betrachtete die Scheine und lächelte.
Hugo deutete noch einmal demonstrativ auf ihre Schuhe. „Cadeau. Chaussures.“
Sie nickte ebenso demonstrativ, nahm das Geld und steckte es in ihre Handtasche. Dann deutete sie auf ihre blonde Freundin.
Hugo blickte zur Blonden.
„Sie auch? Äh … elle aussi?“
Die Brünette nickte und zeigte abwechselnd auf sich und ihre Freundin.
Hugo sah von einer zur anderen. Die Blonde hielt seinem Blick stand und lächelte.
Er zeigte auf beide Frauen und anschließend auf sich.
„Ihr beide? Deux … beide? Avec moi?“
Die Brünette nickte.
Hugo musste grinsen. Damit hatte er nicht gerechnet.
Er sah zur Blonden und deutete auf ihre Schuhe.
„Auch chaussures?“
Die Blonde schüttelte lächelnd den Kopf. Stattdessen hob sie ihr Handgelenk und zeigte auf ihr Armband.
Hugo verstand sofort.
„Ah. Bracelet.“
Sie nickte.
Hugo zog erneut sein Portemonnaie hervor und zählte weitere 7.500 Francs ab.
„Pour bracelet.“
Die Blonde betrachtete die Scheine und lächelte.
Hugo hielt ihr das Geld hin. „Cadeau.“
Sie nahm es und steckte es in ihre Handtasche.
Hugo sah von einer zur anderen und grinste. Mit der Blonden hatte er nicht gerechnet. Aber er hatte nichts dagegen.
Er deutete auf beide Frauen und anschließend zur Hotelfassade.
„D’accord. Beide. En haut.“
Die Brünette hob sofort die Hand.
„Non, non.“
Hugo sah sie fragend an.
Sie zeigte auf ihn und anschließend auf den Stuhl, auf dem er saß.
„Toi … ici.“
„Ich soll hierbleiben?“
Sie nickte. Dann deutete sie auf sich und die Blonde und anschließend in Richtung Hotel.
„Nous … partir. Après … revenir.“
Hugo runzelte die Stirn.
Die Blonde deutete auf ihre Schuhe, dann auf ihr Armband und anschließend Richtung Hotel.
Jetzt verstand Hugo.
„Ach so. Erst weg.“
Beide Frauen nickten.
Hugo grinste. „Natürlich. Schuhe und Armband kaufen.“
Die Brünette lächelte.
„Na wunderbar“, murmelte Hugo und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
Die beiden Frauen standen auf, gingen davon und verschwanden im Hotel.
Hugo sah ihnen nach. Wenigstens hatte der Händler recht gehabt. Sie spielten das Ganze genauso, wie er es ihm erklärt hatte.
Einige Minuten später kamen die beiden Frauen zurück. Tatsächlich waren sie nur auf der Toilette gewesen. Die Brünette blieb vor Hugo stehen und lächelte ihn an wie seine feste Freundin, die sich ehrlich freute, ihn wiederzusehen.
Hugo musste grinsen und stand auf.
„Jetzt? En haut?“
Sie nickte.
Mehr Französisch brauchten sie nicht.
Wenig später gingen sie gemeinsam zur Lobby. Als Hugo an Edwards Tisch vorbeikam, hob dieser sein Nosing-Glas.
„Viel Spaß, Kleiner.“
Hugo zeigte ihm im Vorbeigehen den Mittelfinger.
Die Männer lachten.
Oben schloss sich die Tür seiner Suite hinter ihnen.
Plötzlich war es still.
Hugo blieb einen Moment stehen. Noch vor wenigen Minuten hatte er mit den Männern unten auf der Terrasse gesessen. Jetzt standen zwei Frauen in seiner Suite, und beide sahen ihn an.
Die Brünette lächelte. Hugo spürte seine Erregung deutlich, gleichzeitig schlug sein Herz schneller, als ihm lieb war. Er wusste nicht, was er zuerst tun sollte, wohin mit seinen Händen, nicht einmal, ob er etwas sagen sollte.
Die Blonde wechselte einen Blick mit ihrer Freundin und lächelte ebenfalls.
Offenbar war er der Einzige im Raum, der nervös war.
„Trinken?“, fragte Hugo schließlich.
Die Brünette schüttelte lächelnd den Kopf.
Hugo schluckte. Auf der Terrasse hatte sich das alles noch wie eine großartige Idee angefühlt. Jetzt, wo die beiden tatsächlich vor ihm standen, war von seiner Selbstsicherheit nicht mehr viel übrig.
Die Brünette trat näher. Ihr Parfüm roch warm und süßlich, nach Orangenblüten, Jasmin und einem Hauch Vanille. Sie legte eine Hand auf seine Brust, und er fragte sich, ob sie seinen Herzschlag unter dem Stoff seines Hemdes spürte. Sie stellte keine Fragen und verlangte keine Erklärung. Sie wusste, warum sie hier war, und erwartete offenbar, dass er es ebenfalls wusste.
Die Blonde setzte sich auf den Sessel am Fenster und beobachtete sie. Ihre Beine waren überschlagen, dabei war ihr Kleid seitlich so weit verrutscht, dass es sie beinahe vollständig entblößte. Sie machte keinerlei Anstalten, den Stoff wieder zurechtzuziehen. Ihre Augen ruhten auf Hugo, neugierig und abwartend, als wollte sie erst einmal sehen, wie sich der Deutsche verhielt, bevor sie sich selbst einbrachte.
Eine Frau war eine Sache. Zwei gleichzeitig eine andere. Konnte er überhaupt beiden gerecht werden, ohne sich vollkommen lächerlich zu machen?
Die Brünette trat dicht vor ihn und begann, die ersten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Ihre Bewegungen waren ruhig und selbstverständlich. Hugo blieb zunächst einfach stehen und ließ sie machen. Aus der Nähe wirkte ihr Kleid noch gewagter als unten auf der Terrasse. Eigentlich bestand es nur aus wenigen dunklen Stoffbahnen, die sich über ihren Körper zogen und große Teile ihrer Haut frei ließen. Schon als sie ihn von ihrem Tisch aus angesehen hatte, hatte sie ihn erregt. Jetzt stand sie unmittelbar vor ihm, so nah, dass er neben ihrem Parfüm auch die Wärme ihrer Haut wahrnahm.
Schließlich sagte die Brünette etwas in einer Sprache, die Hugo nicht verstand. Tschechisch oder Ungarisch, vermutete er, war sich aber nicht sicher. Dann wechselte sie ins Französische. Ihr Akzent war so stark, dass er einen Moment brauchte, um sie zu verstehen.
„Relax. Wir machen. Laisse-nous faire.“
Sie lächelte.
Hugo sah zur Blonden.
Sie saß noch immer im Sessel. Jetzt öffnete sie langsam die Beine und strich mit der rechten Hand das letzte Stück ihres ohnehin kaum vorhandenen Kleides zur Seite. Dann ließ sie ihre Finger durch ihren Intimbereich gleiten, ohne den Blick von Hugo zu nehmen.
Seine Erregung kehrte mit solcher Deutlichkeit zurück, dass Hugo erleichtert aufatmete. Wenigstens sein Körper schien inzwischen entschieden zu haben, dass ihm die Situation gefiel.
Die Brünette nahm seine Hand und zog ihn zum Bett. Hugo setzte sich auf die Kante, während sie dicht vor ihm stehen blieb. Dann wandte sie sich kurz an ihre Freundin und sagte etwas in ihrer Sprache. Die Blonde antwortete, ohne ihre Hand zurückzuziehen.
Hugo verstand kein Wort. Trotzdem hatte er das deutliche Gefühl, dass sie über ihn sprachen.
„Quoi?“
Die Brünette schüttelte den Kopf.
„Rien.“
Hugo sah sie an. „Das glaube ich euch nicht.“
Sie verstand offenbar nicht jedes Wort, aber seinen Ton. Ihr Lächeln wurde breiter.
Hugo merkte, dass sich auch seine anfängliche Unsicherheit langsam legte. An ihre Stelle trat immer mehr Neugier. Die beiden Frauen wirkten vollkommen selbstverständlich miteinander. Wenn sie sich etwas zuflüsterten, verstand er kaum ein Wort, doch inzwischen störte ihn das weniger. Vor allem überraschte ihn, wie unterschiedlich sie waren. Die Brünette war direkt und selbstsicher und übernahm ohne Zögern die Führung. Die Blonde blieb zurückhaltender und schien sich einen Spaß daraus zu machen, seine Reaktionen zu verfolgen. Gerade dieser Unterschied faszinierte ihn.
Trotzdem blieb ihm bewusst, dass diese Nacht gekauft war. Für einen Augenblick musste er wieder an die absurde Unterhaltung über die Schuhe denken. Unten auf der Terrasse hatte er nicht einmal gewusst, wie er die Brünette ansprechen sollte. Jetzt waren beide mit ihm in seiner Suite.
Wegen ihm und wegen seines Geldes, korrigierte er sich.
Seltsamerweise störte ihn der zweite Teil nicht. Sie wussten alle drei, weshalb sie hier waren. Niemand musste etwas vorspielen, was über diese Nacht hinausging.
Die Brünette setzte sich neben ihn und strich mit den Fingern über seine Schulter. Für einige Sekunden geschah erstaunlich wenig. Sie blieb einfach dicht bei ihm und ließ ihm Zeit. Hugo merkte, wie gut ihm genau das tat. Niemand erwartete von ihm, dass er plötzlich wusste, wie man sich in einer Situation verhielt, die er noch nie erlebt hatte.
Dann stand die Blonde auf.
Hugos Blick folgte ihr sofort.
Sie zog das letzte Stück Stoff zur Seite, ließ das Kleid zu Boden gleiten und blieb nackt vor dem Sessel stehen. Aus der Nähe bemerkte Hugo erneut, wie anders sie wirkte als ihre Freundin. Die Brünette war offen und beinahe herausfordernd. Bei der Blonden war es dieser zurückhaltende, neugierige Blick, der ihn reizte.
Normalerweise hätte Hugo spätestens jetzt darauf bestanden, dass die beiden vorher duschten. Noch vor einer Stunde hätte er sich nicht vorstellen können, darauf zu verzichten.
Der Gedanke kam ihm tatsächlich – und verschwand beinahe im selben Augenblick wieder.
Er wollte die Situation nicht unterbrechen, niemanden ins Bad schicken und keine vernünftige Entscheidung treffen. Ihm war sogar egal, dass genau das vollkommen untypisch für ihn war. Er wollte die beiden Frauen, und in diesem Moment war dieses Verlangen stärker als alles andere. Was ihn sonst gestört, gewarnt oder zum Nachdenken gebracht hätte, spielte plötzlich keine Rolle mehr. Seine Erregung hatte seine Vorsicht vollständig überrollt. Sein Kopf, der sonst selbst in den unpassendsten Augenblicken weiterarbeitete, hatte aufgehört, Einwände zu produzieren. Für diesen Moment war ihm beinahe gleichgültig, welchen Preis er später dafür zahlen könnte.
Die Blonde kam langsam vom Fenster zum Bett herüber. Die Brünette sagte etwas zu ihr, worauf beide lächelten.
Hugo hob den Kopf. „Schon wieder über mich?“
Die Blonde blieb vor ihm stehen.
„Peut-être.“
Es war eines der wenigen französischen Wörter, die Hugo sofort verstand.
Er lachte. „Großartig.“
Sie kam näher.
Erneut übernahmen die beiden Frauen die Situation. Die Blonde legte eine Hand auf seine Schulter und sah ihn mit diesem kleinen, schwer zu deutenden Lächeln an, das ihn schon vom Sessel aus gereizt hatte. Die Brünette stellte sich auf seine andere Seite.
Offenbar erwarteten sie gar nicht, dass er sich für eine von ihnen entschied.
Die Finger der Blonden schoben sich unter sein halb geöffnetes Hemd und strichen langsam über seine Brust. Dabei hielt sie seinen Blick fest. Je länger sie ihn ansah, desto schwerer fiel es Hugo, still sitzen zu bleiben. Gerade ihre Langsamkeit machte ihn unruhig. Sie schien genau zu merken, welche Wirkung sie auf ihn hatte, und ließ sich deshalb erst recht Zeit.
Die Brünette half ihr, ohne ein Wort. Vier Hände öffneten die restlichen Knöpfe und strichen ihm das Hemd von den Schultern. Hugo stand auf, um die übrigen Kleidungsstücke selbst abzulegen.
Als er sich wieder auf die Bettkante setzte, war er nackt.
Beide Frauen betrachteten ihn. Der Blick der Brünetten wanderte unverhohlen an seinem Körper hinab und blieb an seinem erregten Glied hängen. Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
Sie sagte etwas in ihrer Sprache, kurz und mit angehobener Braue. Die Blonde lachte leise und übersetzte nicht.
„Was heißt das?“, fragte Hugo.
Die Blonde grinste.
„Bien“, sagte sie. „Ça veut dire: gut.“
Hugo spürte, wie ihn die knappe Antwort gleichzeitig amüsierte und beruhigte. Die beiden wirkten so selbstverständlich miteinander, während für ihn noch immer fast alles an diesem Abend neu war. Doch er musste nicht mehr über jede Bewegung nachdenken. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, die Situation nicht nur geschehen zu lassen, sondern selbst ein Teil davon zu sein.
Er drehte die Brünette sanft auf den Bauch. Sie ließ es bereitwillig geschehen und machte es sich auf dem Bett bequem. Hugo setzte sich neben sie und legte beide Hände auf ihren Rücken. Die Wärme ihrer Haut unter seinen Handflächen gefiel ihm. Er begann an den Schultern, drückte die Daumen in die verspannten Muskeln neben ihrem Nacken, suchte die harten Stellen und arbeitete sich ohne Eile weiter nach unten.
Die Brünette gab einen zufriedenen Laut von sich und ließ den Kopf tiefer ins Kissen sinken. Nach und nach wich die Spannung aus ihrem Körper. Unter Hugos Händen wurde sie weicher, ihr Atem tiefer und gleichmäßiger.
Ihre unmittelbare Reaktion machte ihn sicherer. Noch vor wenigen Minuten hatte er geglaubt, den beiden vollkommen ausgeliefert zu sein. Jetzt bemerkte er, dass auch er etwas tun konnte, das ihnen gefiel. Er musste nicht länger überlegen, was von ihm erwartet wurde. Er musste nur aufmerksam bleiben.
Die Blonde sah ihm dabei vom Bett aus zu.
„Tu sais faire“, sagte sie schließlich anerkennend.
Hugo lächelte. Das Lob war knapp formuliert, aber er verstand, was sie meinte.
Seine Hände wanderten über die Wirbelsäule der Brünetten hinab, auf beiden Seiten des Kreuzbeins entlang und weiter über ihre Hüften. Als seine Finger ihren Oberschenkel erreichten, gab sie ein kleines Geräusch von sich, halb Lachen, halb Seufzen.
Hugo zog die Blonde zu sich.
Sie legte sich neben ihre Freundin, zunächst auf die Seite, den Kopf auf eine Hand gestützt. Hugo wandte sich ihr zu und nahm ihren Fuß in beide Hände. Seine Daumen strichen über die Fußsohle, suchten mit sanftem Druck die verspannten Stellen und ließen sich Zeit.
Die Blonde ließ den Kopf von ihrer Hand ins Kissen sinken und schloss die Augen. Ihre bisherige Zurückhaltung wich einer Ruhe, die Hugo ermutigte, weiterzumachen. Er arbeitete sich über ihren Knöchel und die Wade nach oben, strich über die warme Haut und massierte die Muskeln mit den Daumen.
Die Brünette drehte den Kopf auf dem Kissen zu ihnen. Als die Blonde etwas in ihrer Sprache sagte, antwortete sie leise.
„Redet ihr schon wieder über mich?“
Die Blonde öffnete die Augen.
„Peut-être.“
Hugo schüttelte lachend den Kopf. „Das Wort kannst du jedenfalls.“
Das Lachen zerstörte die Stimmung nicht, wie er zunächst befürchtet hatte. Im Gegenteil. Es nahm ihm die letzte Scheu.
Seine Hände erreichten die Kniekehle der Blonden und wanderten weiter über ihren Oberschenkel. Ihre Beine öffneten sich dabei beinahe von selbst ein wenig weiter. Die Schenkel zitterten leicht unter seinen Händen. Hugo bemerkte jede dieser kleinen Reaktionen. Gerade weil sie ihn anfangs nur beobachtet hatte, erregte es ihn umso mehr, sie nun selbst auf seine Berührungen reagieren zu sehen.
Er beugte sich vor und küsste ihren Bauch. Langsam, ohne die Eile, die ihn noch wenige Minuten zuvor beherrscht hatte. Seine Hände blieben auf ihren Oberschenkeln und hielten sie nah bei ihm. Ihr Atem wurde hörbar schwerer. Eine Hand legte sich auf seinen Oberarm, zunächst nur leicht, dann fester.
Hugo hob den Kopf und sah sie an.
Für einen Augenblick war von ihrem vorherigen amüsierten Beobachten nichts mehr übrig. Sie hielt seinen Blick, während ihr Körper ihm entgegenkam. Ihre Finger schlossen sich fester um seinen Arm, und aus der zurückhaltenden Frau wurde langsam eine, die selbst seine Nähe suchte.
Hugo blieb noch einen Moment bei ihr, küsste ihren Bauch und ließ seine Hände über ihre Schenkel gleiten. Dann hielt er sie einfach fest, bis ihr Atem wieder ruhiger wurde.
Die Brünette hatte sich inzwischen aufgerichtet und kam näher. Sie brauchte keine Aufforderung. Ihr Blick traf Hugos, und darin lag dieselbe direkte Selbstverständlichkeit, die ihn bei ihr von Anfang an fasziniert hatte.
Er beugte sich erneut über die Blonde und küsste zärtlich ihren Bauch. Seine Zunge zog eine langsame Spur von der Mitte nach oben, während seine Finger zwischen ihre Beine glitten. Sie war bereits feucht. Als er ihre Klitoris fand, berührte er sie zunächst nur mit dem Zeigefinger, ganz leicht und in langsamen Kreisen.
Ihr Atem wurde schwerer. Sie klammerte sich an seinen Oberarmen fest und bewegte sich gegen seine Hand, erst vorsichtig, dann fordernder. Ihre Hüften folgten seinen Bewegungen. Hugo wurde nicht schneller, sondern genauer. Er ließ sich von ihren Reaktionen führen, bis ihre Stirn gegen seine Schulter sank.
Sie kam mit leisen, atemlosen Lauten. Ihr ganzer Körper spannte sich an, dann ließ die Spannung langsam wieder nach.
Hugo hielt seine Hand noch einen Moment zwischen ihren Beinen und spürte das Nachzittern.
Nun richtete sich die Brünette auf. Sie wartete nicht auf eine Einladung. Mitten auf dem breiten Bett drehte sie sich auf alle viere, drückte die Schultern tief in die Matratze und streckte Hugo den Hintern entgegen. Ihr Rücken war durchgedrückt, der Kopf zur Seite gedreht.
Es lag keine Verlegenheit darin.
Es war eine Aufforderung.
Hugo kniete sich hinter sie. Er legte beide Hände auf ihre Pobacken, spreizte sie sanft und betrachtete sie einen Atemzug lang. Ihre Haut war warm, und sie zitterte unter seiner Berührung. Sie zeigte ihm deutlich, was sie wollte. Er musste nicht raten.
Er beugte sich vor und begann. Seine Zunge setzte an ihrem Geschlecht an, glitt über ihre geschwollenen Schamlippen und weiter über die schmale Stelle bis zu ihrer Rosette, die sich bei der Berührung unwillkürlich zusammenzog.
Sie stieß einen Laut aus, der halb Atem, halb etwas anderes war.
Hugo hielt einen Augenblick inne, weil ihm ihre Reaktion gefiel und er sie noch einmal spüren wollte.
Dann wiederholte er es. Langsamer.
Diesmal ließ er die Zungenspitze kurz zwischen ihre Schamlippen eindringen. Er schmeckte sie, salzig und heiß, und spürte, wie ihr ganzer Körper nach vorn zuckte und anschließend wieder zurück in seine Hände kam. Seine Zunge umspielte ihre Schamlippen in immer engeren Kreisen. Als er ihre Klitoris erreichte, schloss er die Lippen darum und saugte sanft.
Sie schrie leise in die Kissen.
Das Geräusch ging Hugo unmittelbar durch den Körper. Er konzentrierte sich auf jede Veränderung ihres Körpers unter seinen Händen. Dann glitt seine Zunge wieder hinauf und blieb an ihrer Rosette. Er umkreiste sie, ohne einzudringen, während zwei Finger seiner rechten Hand hinabwanderten und erneut ihre Klitoris fanden.
Mund und Hand arbeiteten gleichzeitig an ihr. Sie presste sich ihm entgegen, ihre Finger krallten sich in die Laken, und die Worte, die aus ihr kamen, gehörten einer Sprache an, die Hugo nicht verstand. Eine Übersetzung brauchte er nicht.
Die Blonde hatte sich auf die Seite gelegt und beobachtete sie. Eine ihrer Hände lag zwischen ihren Beinen. Hugo bemerkte aus dem Augenwinkel, wie sie sich selbst berührte, während sie ihnen zusah.
Er änderte das Tempo seiner Finger. Mal schneller, dann wieder langsamer. Seine Zunge umfuhr weiter die Rosette der Brünetten, während das Zittern in ihren Hüften stärker wurde und sich über ihre Schenkel und ihren Rücken ausbreitete.
Ihr Rücken bog sich. Ein tiefer, lang gezogener Laut brach aus ihr heraus. Hugo hielt sie fest, Mund und Hände an ihr, bis das Zittern nachließ und sie nach vorn in die Matratze sank.
Für einen Moment war es still.
Nur das Meer.
Hugo blieb regungslos hinter ihr und genoss den kurzen Augenblick. Vorhin hatte er sich noch gefragt, ob er mit zwei Frauen überhaupt zurechtkommen würde. Jetzt lag die Brünette erschöpft vor ihm, und die Blonde betrachtete ihn mit einem Ausdruck, der ihm verriet, dass die Nacht noch lange nicht vorbei war.
Sie zog Hugo zu sich und setzte sich mit dem Rücken gegen das Kopfteil. Die Brünette richtete sich wieder auf und kniete neben ihrer Freundin. Was anschließend geschah, benötigte keine Absprache. Zwei Paar Hände legten sich um sein Glied. Zwei verschiedene Griffe, zwei unterschiedliche Temperaturen.
Dann nahm die Brünette ihn in den Mund.
Die feuchte Wärme ließ Hugo scharf einatmen. Er stützte eine Hand an der Wand ab, während sie ihn tief aufnahm und sich zunächst sehr langsam bewegte. Gleichzeitig glitten die Finger der Blonden an seinem Schaft entlang und suchten genau die Stellen, an denen sein Körper zuckte.
Dann wechselten sie.
Der Mund der Blonden fühlte sich kühler und sanfter an. Ihre Zungenspitze kreiste um die empfindlichste Stelle direkt unter der Eichel und verweilte immer wieder dort, wo er am heftigsten reagierte. Jedes Mal, wenn Hugo glaubte, die Kontrolle zu verlieren, zog sie sich zurück und liebkoste ihn nur mit den Lippen. Sie ließ die Spannung gerade weit genug nach, um sie gleich darauf erneut in ihm aufzubauen.
Lena hatte ihm beigebracht, die Kontrolle nicht zu früh aufzugeben und auf den richtigen Augenblick zu warten.
Der Gedanke an sie war nur kurz da. Dann verschwand er wieder. Was gerade mit ihm geschah, war zu intensiv.
Die Brünette nahm ihn erneut in den Mund, diesmal tiefer, während die Blonde seinen Hals und seine Brust küsste. Hugo atmete durch den Mund. Sein Herz hämmerte. Als die beiden abermals wechselten und ihre Münder und Hände sich beinahe an ihm trafen, griff er in ihre Haare, ohne daran zu ziehen, nur um sich festzuhalten.
Die Brünette sah zu ihm hoch, während sie ihn im Mund hatte. Er erkannte an ihrem Blick, dass sie genau wusste, was sie mit ihm machte.
Es wurde immer schwieriger, die Kontrolle zu behalten. Gerade das erregte ihn. Er wollte sich noch nicht fallen lassen, obwohl sein Körper längst etwas anderes verlangte.
Schließlich ließ die Brünette ihn aus ihrem Mund gleiten und zog ihn über sich.
„Viens“,
sagte sie. „Maintenant.“
Hugo richtete sich auf und trat ans Fußende des Bettes.
In der offenen Reisetasche lag seine Toilettentasche. Er holte ein Kondom heraus.
Die Brünette beobachtete ihn. Etwas in ihrem Gesicht entspannte sich, als er die Folie aufriss und das Kondom über sein pochendes Glied rollte. Dann ließ sie sich zurücksinken, öffnete die Beine und führte ihn zu sich.
Als er in sie eindrang, stieß sie hörbar den Atem aus.
Sie war heiß, eng und ungeduldig. Hugo bewegte sich zunächst langsam und tief,
dann schneller, als ihre Bewegungen es verlangten.
Die Blonde schmiegte sich seitlich an ihre Freundin.
Ihre Hände strichen über den Körper der Brünetten, dann über Hugos Rücken und
seine Hüften. Der Anblick der beiden Frauen, die sich berührten, trieb ihn beinahe über den Rand.
Noch nicht.
Er wollte diesen Augenblick nicht zu früh beenden. Die Nervosität, mit der alles begonnen hatte, war verschwunden. Jetzt kostete es ihn beinahe seine gesamte Konzentration, nicht sofort die Kontrolle zu verlieren.
Die Brünette spannte sich unter ihm an. Ihre Beine schlossen sich um seine Hüften, und als sie kam, zog sie ihn fest an sich.
Einige Atemzüge später ließ auch Hugo los.
Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Er presste die Stirn gegen ihre Schulter, während der Höhepunkt ihn erfasste und alles andere für einige Sekunden verschwunden war. Als die Anspannung endlich nachließ, blieb er schwer auf ihr liegen und war für einen Moment unfähig, sich zu bewegen.
Er nahm kaum etwas anderes wahr als seinen eigenen Atem und den warmen Körper unter sich. Sie strich ihm über den Rücken. Für einen Moment überkam Hugo ein Gefühl, mit dem er nicht gerechnet hatte. Es war nicht mehr nur Erregung. Ihre Nähe fühlte sich vertraut und beinahe geborgen an, obwohl er diese Frau kaum kannte. Unten auf der Terrasse drang das Lachen von Edwards Händlern zu ihnen herauf und verklang wieder. Das Meer rauschte durch die geöffnete Balkontür.
Hugo hob sich schließlich etwas an, löste sich vorsichtig von der Brünetten und entfernte das Kondom. Er wickelte es in ein Taschentuch und brachte es ins Badezimmer. Dort entsorgte er es in der Toilette, wusch sich gründlich und kehrte anschließend zum Bett zurück.
Die beiden Frauen lagen noch immer nebeneinander. Die Blonde hatte den Kopf an die Schulter ihrer Freundin gelegt. Als Hugo sich zu ihnen legte, rückten beide näher an ihn heran. Für einige Minuten lagen sie so zwischen den zerwühlten Laken, ohne etwas zu sagen.
Hugo genoss die Stille. Er hatte erwartet, dass danach vielleicht Verlegenheit aufkommen würde oder dieses merkwürdige Gefühl, plötzlich wieder zwei Fremden gegenüberzuliegen. Doch in diesem Augenblick fühlte sich ihre Nähe einfach angenehm an.
Er wusste, dass er sie kaum kannte und dass dieser Abend gekauft war. Trotzdem musste er das, was er gerade empfand, nicht kleinreden.
„Bon?“, fragte die Blonde schließlich.
In ihrer Stimme lag wieder dieses kleine Lächeln, das Hugo schon vom Sessel aus kannte.
Er drehte den Kopf zu ihr und ließ sie einen Augenblick auf seine Antwort warten.
„Peut-être.“
Beide Frauen lachten. Hugo lachte mit.
Dass ausgerechnet dieses eine Wort zu einem kleinen Scherz zwischen ihnen geworden war, gefiel ihm. Am Anfang hatte er noch befürchtet, ein Lachen könne die gesamte Stimmung zerstören. Jetzt fühlte es sich vollkommen natürlich an.
Er schloss die Augen. Sein Körper löste sich Stück für Stück, und die Anspannung wich langsam aus ihm. Draußen lag Cannes im warmen Dunkel. Irgendwo unten auf der Terrasse rauchten Männer Zigarren und redeten über Geld, während Hugo Voss zwischen zwei Frauen lag, die er kaum kannte, und es genoss, dass es für diesen Augenblick nichts zu berechnen gab.
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