In einer der Bars gelang es ihm schließlich, eine Frau anzusprechen. Seine Stimme war zunächst unsicher, und er wusste kaum, wie er das Gespräch auf das bringen sollte, was er eigentlich wollte. Doch sie verstand schnell, weshalb er zu ihr gekommen war. Als sie darauf bestand, ein Hotelzimmer zu nehmen, lehnte Hugo ab. Seine eigene Wohnung lag nur wenige Minuten entfernt. Außerdem wollte er nicht wieder in einem fremden Bett liegen, in dem vor ihm bereits andere Männer gelegen hatten.
Manchmal nahm eine Frau sein Angebot an und begleitete ihn. Mit jeder Begegnung fiel ihm das Ansprechen etwas leichter. Bald erkannte er an einem länger gehaltenen Blick, einem Lächeln oder einem freien Platz neben einer Frau, ob sich ein Gespräch lohnen konnte.
Nach der Erfahrung mit dem Tausendmarkschein ließ Hugo sich an der Kasse seiner Bank zweitausend Mark in Hundertmarkscheinen auszahlen. Das Geld legte er in die Schublade im Wohnzimmer. Hatte er eine Frau bezahlt, ergänzte er den fehlenden Betrag am nächsten Banktag. Er wollte nicht noch einmal mit offenem Portemonnaie vor einer Frau stehen und sie fragen müssen, ob sie ihm Geld herausgeben konnte.
Auch sein Badezimmer veränderte sich. Neben seinem eigenen Duschgel standen bald mehrere Flaschen Shampoo, Duschgel und Körperlotion. Wenn eine Frau zum ersten Mal mit ihm kam, bat er sie zu duschen. Bei den Frauen, die wiederkehrten, war das bald nicht mehr nötig. Sie kannten seinen Wunsch und gingen nach dem Bezahlen von selbst ins Badezimmer.
Was ihm beim ersten Mal noch heimlich und beinahe verboten erschienen war, wurde allmählich zu einem festen Teil seines Lebens. Einmal in der Woche suchte er nach der Arbeit eine der Hotelbars auf. Einige Frauen sah er nur ein einziges Mal. Andere gefielen ihm, und er fragte sie bei späteren Begegnungen erneut, ob sie ihn begleiten wollten. Auch Lena kam immer wieder mit zu ihm, war jedoch nicht die Einzige.
Meistens buchte er die Frauen für die ganze Nacht. Er redete sich ein, dass sich der höhere Preis dadurch eher lohnte. Doch der Sex allein erklärte nicht, weshalb er wollte, dass sie bis zum Morgen blieben. Er mochte die Wärme eines Körpers neben sich, das leise Rascheln der Bettdecke und das gleichmäßige Atmen in der Dunkelheit. Solange eine Frau neben ihm lag, wirkte seine Wohnung weniger leer.
Er hätte dieses Gefühl niemals Einsamkeit genannt. Für ihn war es eine Belohnung nach einer Woche voller Zahlen, Anspannung und Arbeit. Dennoch lag er manchmal lange wach und lauschte dem Atem der schlafenden Frau. In solchen Augenblicken wusste er, dass er sich für eine Nacht nicht nur Sex gekauft hatte, sondern auch die vorübergehende Illusion, sein Leben mit jemandem zu teilen.
An den Wochenenden kam häufig Elisabeth nach Frankfurt. Sie kochte, putzte und füllte seinen Kühlschrank, als wäre er noch immer der Junge aus Hamburg, der ohne sie nicht zurechtkam. Hugo achtete deshalb darauf, dass bis dahin jede Spur seiner Besucherinnen verschwunden war. Keine fremden Haare im Badezimmer und keine aufgerissenen Kondomverpackungen neben dem Bett.
Svenja kam inzwischen nicht mehr nach Frankfurt. Einige Wochen später rief Werner Hugo in der Bank an.
„Deine Schwester hat entbunden.“
Hugo richtete sich auf. „Ist alles in Ordnung?“
„Alles bestens. Ein Mädchen. Christina.“
„Und Svenja?“
„Erschöpft, aber gesund.“
Noch am selben Wochenende fuhr Hugo nach Hamburg. Auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus stieg er gerade aus seinem BMW, als Werner mit seiner Frau auf ihn zukam. Marleen kannte Hugo bereits seit Jahren. Sie begrüßte ihn vertraut mit einer kurzen Umarmung.
Werner deutete zum Gebäude. „Willst du mal E.T. sehen?“
Hugo blieb stehen. „Was?“
Marleen schlug Werner leicht gegen den Oberarm. „Du kannst so etwas doch nicht sagen.“
„Dann soll er selbst entscheiden.“ Werner sah Hugo an. „Komm mit.“
Gemeinsam gingen sie in das Krankenhaus. Svenja lag in einem Zimmer am Ende des Flurs. Sie wirkte blass, lächelte aber, als Hugo eintrat. Neben ihrem Bett stand ein kleines durchsichtiges Bettchen.
„Da ist sie“, sagte Svenja leise.
Hugo trat näher und betrachtete Christina. Das Kind hatte einen verhältnismäßig großen Kopf, ein gerötetes, zerknittertes Gesicht und hielt die dünnen Arme dicht am Körper.
Verdammt, dachte Hugo. Sie hat tatsächlich etwas von E.T.
Er musste sich ein Grinsen verkneifen und blickte zu Werner. Der hob nur vielsagend die Augenbrauen. Marleen bemerkte den stummen Austausch sofort.
„Ihr seid beide unmöglich“, sagte sie.
Svenja sah zwischen ihnen hin und her. „Was ist?“
„Nichts“, sagte Hugo schnell. Er beugte sich über das Bettchen. „Sie ist wirklich süß.“
Diesmal grinste Werner, und Marleen stieß ihm erneut den Ellbogen in die Seite.
Als Hugo vorsichtig einen Finger in Christinas winzige Hand legte, schlossen sich ihre Finger darum. Der Druck war kaum spürbar, und doch blieb er länger stehen, als er beabsichtigt hatte. Für einen Augenblick dachte er nicht an die Bank, nicht an Zahlen und nicht daran, wann er wieder nach Hause fahren musste.
Nach dem Wochenende in Hamburg kehrte Hugo in sein gewohntes Leben zurück. An seinem wöchentlichen Abend änderte sich nichts. Auch Lena kam weiterhin zu ihm, doch sie war eine von mehreren Frauen. Er mochte ihre ruhige Art und fühlte sich in ihrer Gegenwart wohl. Trotzdem wartete er nicht auf sie und vermisste sie auch nicht, wenn in der folgenden Woche eine andere Frau neben ihm lag.
Als Lena wieder einmal bei ihm war, verlief der Abend wie die meisten zuvor. Sie duschte, kam unbekleidet zurück und legte sich zu ihm. Schon nach wenigen Berührungen merkte Hugo, dass er sich kaum würde beherrschen können. Er spannte den Körper an, hielt den Atem an und versuchte, seine Erregung zurückzudrängen. Es half nicht. Nachdem er in sie eingedrungen war, dauerte es kaum zwei Minuten.
Hugo löste sich von ihr und stand beinahe sofort auf. Er entfernte das Kondom und ging ins Badezimmer, um es im Klo zu entsorgen. Während anschließend das warme Duschwasser über ihn lief, verschwanden der Schweiß und das klebrige Gefühl auf seiner Haut. Erst danach ließ der Widerwille nach. Beim Verlassen des Badezimmers kontrollierte er noch einmal mit einem kurzen Blick die Toilettenschüssel.
Als er ins Zimmer zurückkehrte, lag Lena noch auf dem Bett. Sie hatte sich auf die Seite gedreht und beobachtete ihn. Hugo legte sich neben sie, nun sauber und ruhiger.
Lena mochte ihn. Er behandelte sie höflich, zahlte ohne Diskussion und buchte sie immer wieder. Am nächsten Morgen lag sie eine Weile schweigend neben ihm und fuhr langsam mit den Fingerspitzen über seinen Unterarm. Mehrmals sah sie ihn an, als suche sie nach Worten, die ihn nicht verletzten.
„Du behandelst mich gut“, sagte sie. „Das ist nicht selbstverständlich. Viele Männer, die regelmäßig buchen, werden mit der Zeit komisch. Besitzergreifend. Oder sie fangen an, mich runterzumachen, weil sie glauben, sie hätten das Recht dazu.“
„Ich zahle auch“, sagte Hugo.
„Ja. Aber du behandelst mich nicht wie eine Nutte. Du behandelst mich wie eine Frau.“
Hugo wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte nie darüber nachgedacht, wie er sie behandelte. Er hatte nur darüber nachgedacht, was er von ihr wollte.
Sie machte eine Pause, setzte sich auf, griff zu ihrer Handtasche, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke.
„Deshalb will ich dir etwas sagen“, fuhr sie fort. „Etwas, das ich normalerweise nicht sage. Nicht, weil es ein Geheimnis ist, sondern weil die meisten Männer es nicht hören wollen.“
Hugo setzte sich auf. Er lehnte sich gegen das Kopfteil und sah sie an.
„Hör zu“, sagte sie. „Du kommst zu schnell, und wenn du kommst, ist das für dich das Ende. Du liegst da, atmest durch und denkst, der Job ist erledigt. Aber das ist dumm. Nicht nur für mich. Sondern auch für dich. Besonders für dich.“
Hugo runzelte die Stirn. „Warum?“
Sie lehnte sich auf einen Ellbogen. Ihre Stimme wurde leiser, konzentrierter, wie die Stimme einer Lehrerin, die einen besonders langsamen Schüler unterrichtet.
„Weil ein Mann, der versteht, wie er eine Frau sexuell befriedigt, sie nicht nur glücklich macht. Er bindet sie an sich. Emotional. Und das ist nicht nur etwas, das er für sie tut. Das ist etwas, das er für sich tut. Aus der reinsten, egoistischsten männlichen Perspektive, die es gibt.“
Hugo sah sie an. Er dachte an das, was er bei den Bankern gehört hatte – über Frauen als Angebot und Nachfrage.
„Du meinst“, sagte er langsam, „dass ich mich um deinen Orgasmus kümmern sollte, weil du dann zufriedener bist?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht nur. Du solltest dich auch um den Orgasmus deiner zukünftigen Partnerin kümmern, weil sie dann stärker an dir hängt. Weil sie loyaler ist. Weil sie weniger leicht geht. Nicht aus Dankbarkeit, sondern aus Bindung. Aus einer Art Abhängigkeit, die tiefer reicht als Geld, Verpflichtungen oder alles, was du mit Worten und Geschenken erreichen kannst.“
Sie machte eine Pause. Ihre Augen suchten seine.
„Die meisten Männer begreifen das nicht“, fuhr sie fort. „Sie denken, sie müssen reich sein, gut aussehen, charmant, erfolgreich. Sie denken, sie müssen einer Frau etwas bieten, damit sie bleibt. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Wenn du weißt, wie du eine Frau sexuell an dich bindest, wenn du verstehst, was sie braucht und wie du es ihr gibst, dann hast du einen Einfluss auf sie, den kein Geld der Welt kaufen kann.“
Hugo folgte der Bewegung ihrer Hand über ihren Bauch. Er verstand, was sie behauptete, konnte sich jedoch nicht vorstellen, wie eine solche Bindung stärker als Geld oder gesellschaftliche Stellung sein sollte.
„Gib mir ein Beispiel“, sagte er.
Lena nickte, als hätte sie genau diese Frage erwartet.
„Zuhälter“, sagte sie. „Früher, als es noch richtige Zuhälter gab, verstanden die das. Die wussten, dass sie eine Frau nicht nur mit Geld, Druck oder Drogen an sich binden konnten. Das funktioniert eine Weile, aber es bricht irgendwann. Die Frau läuft weg oder wird gefährlich. Aber wenn sie verstanden, wie sie eine Frau sexuell an sich banden – wenn sie wussten, wie sie sie befriedigten, wie sie sie dazu brachten, sich nach ihnen zu sehnen –, dann hatten sie etwas, das viel stabiler war.“
Sie legte die freie Hand auf ihren Bauch. Ihre Finger lagen auf der glatten Haut, berührten die feinen Linien, die Hugo so fasziniert hatten.
„Ein Zuhälter konnte hässlich sein“, sagte sie. „Arm. Glatzköpfig. Er konnte nichts bieten außer dem, was er im Bett tat. Aber wenn er das richtig tat, wenn er verstand, wie er sie sexuell an sich band, dann hing sie an ihm. Nicht aus Dankbarkeit. Sondern aus einer Art Sucht. Obwohl jeder vernünftige Gedanke ihr sagte, sie solle gehen.“
Hugo starrte auf ihre Hand. Er versuchte, das Bild zu verarbeiten – den hässlichen, glatzköpfigen Zuhälter, der eine Frau durch sexuelle Befriedigung an sich band. Es war keine Vorstellung, die er aus Büchern kannte. Es war keine ökonomische Theorie. Es war etwas anderes. Etwas Dunkles, das in den Kategorien nicht existierte, die er kannte.
„Du sagst also“, sagte er langsam, „dass ein Mann, der einer Frau sexuelle Befriedigung gibt, sie nicht nur zufriedenstellt, sondern sie auch kontrolliert?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Kontrolliert ist das falsche Wort. Er bindet sie. Er macht sie abhängig. Nicht in dem Sinne, dass sie nicht mehr ohne ihn leben kann. Sondern in dem Sinne, dass sie ihn nicht mehr so leicht vergisst. Dass sie ihn sucht, wenn er nicht da ist. Dass sie ihn anderen vorzieht, auch wenn der andere reicher oder hübscher ist.“
Sie lächelte. Es war ein Lächeln, das fast traurig wirkte.
„Das ist keine Moralpredigt“, sagte sie. „Ich sage dir nicht, dass du eine gute Tat vollbringst, wenn du auf meinen Orgasmus achtest. Ich sage dir, dass du dumm bist, wenn du es nicht tust. Du verpasst die Chance, eine Frau an dich zu binden, die du sonst vielleicht nie an dich binden könntest. Aus reiner Dummheit und Kurzsichtigkeit wirfst du etwas weg, das dir selbst nützen könnte.“
Sie stand auf und zog sich methodisch und ohne Eile an. Hugo beobachtete sie dabei. Als sie ihr Oberteil über den Kopf zog, fiel sein Blick wieder auf ihren Bauch. Sobald der Stoff ihn bedeckte, bemerkte er, dass ihm seine Form fehlte.
„Also“, sagte sie, während sie ihre Schuhe suchte. „Willst du nur kommen, oder willst du auch lernen?“
Hugo antwortete nicht sofort. Er saß auf dem Sofa und starrte auf die Stelle, an der sie gelegen hatte. Die Kissen waren noch warm.
„Ich will verstehen“, sagte er schließlich.
Lena lächelte. Diesmal war es ihr professionelles Lächeln, doch darunter lag noch etwas anderes. Etwas, das Hugo für echt hielt.
„Dann buch mich wieder“, sagte sie. „Und beim nächsten Mal wartest du. Nicht, weil ich es will. Sondern weil du es willst.“
Sie ging. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Hugo blieb allein in seiner Wohnung zurück und lauschte dem Summen des Kühlschranks.
In den folgenden Wochen veränderte sich etwas. Nicht schnell und nicht dramatisch. Doch Hugo bemerkte, dass er Frauen anders betrachtete. Wenn sie ihm auf der Straße begegneten, fiel sein Blick nicht mehr nur auf ihre Gesichter oder ihre Brüste, sondern auf ihre Körpermitte, auf die Stelle zwischen Brustkorb und Becken. Die flache Ebene. Die schmale Taille. Die Geometrie.
Er buchte auch andere Frauen. Einmal eine mit einem weicheren Bauch. Der Sex war gewöhnlich, Hugos Orgasmus blieb schwach und verpuffte ohne Druck, ohne Nachhall. Ein anderes Mal buchte er eine Frau, die in einem Fitnessstudio arbeitete und einen harten, deutlich definierten Sixpack hatte. Er hatte erwartet, dass ihn dieser Anblick erregen würde. Stattdessen hatte er das Gefühl, gegen eine Wand zu stoßen. Ihr Bauch war zu hart, zu männlich, zu sehr wie seine eigene Anspannung. Sein Orgasmus war mit dem, was er bei Lena erlebt hatte, nicht zu vergleichen. Er war beinahe lächerlich.
Er buchte Lena wieder. Und wieder. Jedes Mal beobachtete er ihren Bauch, wenn sie sich auszog. Jedes Mal spürte er dieselbe wachsende Erregung in seinem Glied, denselben intensiven Orgasmus, der sich wie ein Knoten in ihm zusammenzog und sich schließlich mit einer gewaltigen Menge Ejakulat löste, die ihn selbst erschreckte.
Auch in der Bank lief es hervorragend. Im Durchschnitt setzte die Bank jede zweite seiner Analysen um. Durch seine eigenen Geschäfte, die er inzwischen zusätzlich mit von der Bank geliehenem Geld finanzierte, und einen Bonus von 62.000 Euro nach Steuern und Abgaben stieg sein Vermögen auf 722.000 Euro.
Es hätten rund 15.000 Euro mehr sein können. Doch obwohl Hugo sich selbst gegenüber sonst ausgesprochen sparsam war, konnte und wollte er den Trieb eines jungen Mannes nicht ständig unterdrücken. So wurden die wöchentlichen Ausgaben für eine gemietete Frau – manchmal, wenn der Druck zu groß wurde, auch für zwei Treffen – für ihn zu einem festen und akzeptablen Posten.
Damit schaffe er sich Erinnerungen, hatte Samenschleuder ihm erklärt, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten würden – vorausgesetzt, er genoss diese Zeit und unterwarf sie nicht denselben Zahlen und Berechnungen wie alles andere. Wichtig sei nur, dass er sich genau das gönne, wonach sein Körper verlangte: seinen bevorzugten Frauentyp.
Es war Mitte Januar, und allmählich gelang es Hugo, mehr Kontrolle über sich zu gewinnen. Nur Stück für Stück, aber es ging voran. Nach jedem gelungenen Abend zählte er die Erfolge still mit, und manchmal, wenn er nachts wach lag, fragte er sich, ob das wirklich er selbst war – oder nur eine Phase, die jeden Moment wieder kippen konnte. Er buchte andere Frauen, die in den angrenzenden Hotels arbeiteten. Mit jeder Buchung fiel es ihm leichter, und gelegentlich gaben ihm sogar Hotelangestellte einen Tipp, wenn eine neue Frau, die seinem Beuteschema entsprach, in einem der Hotels auf Kundenfang war und zufällig noch verfügbar war.
Sonja war genau so eine Frau. Sie war jünger als Lena, und das faszinierte ihn. Jünger sogar als er selbst – gerade erst achtzehn. Ihr Körper war weicher, rundlicher, und Hugo bemerkte, dass sein Blick nicht an ihrer Mitte hängen blieb. Das irritierte ihn mehr, als er zugeben wollte. Sie war bildhübsch und so jung, aber sie hatte nicht das, was er suchte. Nicht die Form. Nicht die Geometrie. Er fragte sich, warum ausgerechnet das bei ihm so fest saß, und fand keine Antwort.
Sie duschte bei ihm, wie es inzwischen seine Gewohnheit war. Danach kam sie zurück ins Wohnzimmer, setzte sich neben ihn aufs Sofa, und sie begannen. Hugo versuchte umzusetzen, was Lena ihn gelehrt hatte. Er konzentrierte sich auf ihre Anweisungen, so gut er sie im Kopf hatte, und hoffte insgeheim, dass seine Hände sich daran erinnerten, auch wenn sein Kopf zögerte. Er kniete sich vor sie und liebkoste ihre Waden, strich langsam über die weiche Haut hinunter bis zu den Knöcheln und weiter zu ihren Füßen. Schließlich massierte er ihre Füße mit geübtem Druck: an den Ballen etwas kräftiger, von den Zehen zurück zu den Ballen etwas leichter. Seine Finger bewegten sich in langsamen, kreisenden Bewegungen. War das richtig? Fühlte sie überhaupt etwas, oder wartete sie nur ab, bis er fertig war? Er konnte es nicht unterscheiden, und das machte ihn nervös.
Sein Blick fiel dabei immer wieder auf den Teil ihres Körpers, der ihn magisch anzog. Doch trotz ihrer Jugend fehlte Sonja das, was ihn bei Lena so stark angezogen hatte. Er löste sich von ihren Füßen, führte sie zum Bett und verlangsamte seine Bewegungen. Er berührte sie am Hals und liebkoste sie. Er ließ seine Zunge über ihre Brüste gleiten und schmeckte ihre Haut. Er achtete auf ihre Atmung und auf die Spannung ihrer Muskeln. Jede kleine Regung prüfte er wie ein Zeichen, das er zu deuten versuchte – und bei dem er nie sicher war, ob er es richtig las. Er achtete darauf, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben – nicht aus Güte, sondern aus dem Wissen, dass das Geben eine Form der Macht war, die er noch nicht beherrschte. Dieses Wissen hatte er von Lena, und es beschämte ihn ein wenig, wie fremd es ihm immer noch war.
Es dauerte länger als bei Lena. Hugo fand keinen verlässlichen Zugang zu ihren Reaktionen und wurde zunehmend unsicher. Ein ungutes Ziehen breitete sich in ihm aus, dieses vertraute Gefühl, kurz davor zu sein, etwas falsch zu machen. Doch irgendwann spürte er, wie sich ihre Atmung und seine eigene veränderten. Seine eigene Atmung wurde schneller. Er selbst stand kurz vor dem Höhepunkt und glaubte, auch sie sei bereit, gemeinsam mit ihm diese Schwelle zu überschreiten.
Doch als sein Orgasmus abgeklungen war, sagte sie schließlich:
„Ich bin nicht gekommen.“
Ihre Stimme war flach, fast gelangweilt. Sie sagte es nicht vorwurfsvoll. Sie stellte es lediglich als Tatsache fest, wie man sagt: Es regnet. Hugo spürte einen kurzen Stich. Nicht Wut, sondern diese dumpfe Ernüchterung, die sich einstellte, als ihm klar wurde, dass er ihre Reaktionen falsch gedeutet hatte. Er hatte geglaubt, kurz vor dem Erfolg zu stehen, und sich erneut getäuscht.
Er dachte an das, was Lena ihm gesagt hatte. An die Zuhälter. An die Bindung, die tiefer reichte als Geld. An die Loyalität, die aus sexueller Befriedigung erwuchs.
Er dachte daran und wusste, dass es nicht Sonjas Schuld war. Es war sein Problem, weil er es nicht geschafft hatte. Weil er noch nicht gut genug war. Weil er ein Anfänger in einer Welt war, deren Regeln in keinem Buch standen. Der Gedanke frustrierte ihn, aber er weigerte sich, daran zu zerbrechen. Lena hatte ihm gezeigt, dass es möglich war. Dann musste auch er lernen können, die Reaktionen einer Frau richtig zu verstehen.
Er rollte sich von ihr herunter, blieb neben ihr auf dem Rücken liegen und starrte an die Decke.
„Das ist doch nicht dein Problem“, sagte er. „Das ist mein Problem, wenn du nicht kommst.“
Sonja drehte den Kopf und sah ihn an. In ihren Augen lag etwas, das er nicht erwartet hatte – keine Dankbarkeit, keine Bewunderung, sondern eine Art Erstaunen, das beinahe wie Respekt aussah.
„Du hast zugehört“, sagte sie.
Hugo nickte nur. Das war mehr, als er von ihren ersten Worten erwartet hatte, und es ließ ihn leichter atmen.
Weitere Wochen vergingen. Hugo buchte inzwischen regelmäßig dieselben vier Frauen. Sie ähnelten sich vom Typ her: jung, schlank und zierlich, mit kleinen Brüsten. Zwei von ihnen waren außerdem slawischen Typs. Die Routine beruhigte ihn. Er wusste inzwischen, worauf er sich einließ, und die Angst, vorzeitig zu versagen, trat zwar nicht ganz zurück, verlor aber deutlich an Schärfe. Manchmal, wenn eine der Frauen unter ihm stöhnte, fragte er sich noch immer, wie viel davon gespielt war – aber er lernte, mit dieser Ungewissheit zu arbeiten statt daran zu verzweifeln.
Der Frühling kam unaufhaltsam. Die Frauen um ihn herum trugen kürzere Röcke, was vor allem seine Kollegen mit ausgiebigen Blicken honorierten. Hugo wurde mittlerweile für die Gegenkontrolle der Analysen anderer Mitarbeiter herangezogen. Nun saß er manchmal auf der anderen Seite des Schreibtisches, während einer seiner Kollegen ihm seine Analyse vortrug. Eigentlich wäre das nicht erwähnenswert gewesen, wenn man sein Alter außer Acht gelassen hätte. Hugo selbst spürte dabei eine gedämpfte Genugtuung. Hier, in diesem Raum, war er nicht der, der zu früh kam und danach die Bettwäsche wechselte. Hier wusste er, was er tat.
Als Brenner ihn eines Tages erneut an den Konferenztisch setzte, betrachtete der ältere Analyst mit dem Siegelring Hugo über den Rand seiner Unterlagen hinweg.
„Das darf er jetzt auch schon?“, fragte er.
Brenner deutete mit dem Kinn auf Hugo.
„Der Knabe hat uns mittlerweile zweiundneunzig Millionen eingebracht. Dagegenzuhalten dürfte erheblich schwieriger sein, als sein Alter zu beanstanden.“
Hugo lächelte höflich und sagte nichts. Der Begriff „Knabe“ stachelte ihn ein wenig, aber die Zahl, die Brenner genannt hatte, trug das locker weg. Zweiundneunzig Millionen. Er spürte, wie sich etwas in seiner Brust aufrichtete – eine verhaltene, aber echte Zufriedenheit.
## Teil 2 – Lena
Immer wieder kam Lena zu ihm. Ohne es ausdrücklich vereinbart zu haben, buchte er sie stets in der letzten Woche des Monats für einen Abend. Manchmal blieb sie auch etwas länger. Es war zur Gewohnheit geworden, und Hugo stellte überrascht fest, dass er diese Termine im Kalender anders markierte als die anderen. Nicht bewusst. Er bemerkte es erst, als er einmal danach suchte.
„Am Monatsende wird bei vielen das Geld knapp“, scherzte sie einmal. „Dann kann ich mir bei dir wenigstens ein bisschen mehr Zeit lassen.“
Er mochte diese Bemerkung. Sie klang nicht wie eine Rechnung, sondern wie etwas, das man sagt, wenn man sich wohlfühlt.
Sie holte sogar etwas zu essen, während Hugo am Schreibtisch saß und so tat, als würde er vertieft arbeiten. Doch sie bemerkte, wie sein Blick immer wieder verstohlen über ihren Körper wanderte. Zwischen ihnen hatte sich längst eine gewisse Vertrautheit entwickelt. In ihrer Gegenwart musste er seine Unsicherheit nicht mehr ständig verbergen. Sie nahm das Geld, das Hugo auf die Küchenarbeitsplatte gelegt hatte, verschwand und kehrte mit chinesischem Essen für sie beide zurück.
Sie verstand auch, ohne dass er es ihr erklären musste, dass er vor dem Schlafengehen das Bett lieber noch einmal frisch bezog. Sein Ekel vor seinem eigenen Ejakulat war merklich gewachsen. Nach dem Sex duschte er sofort. Etwa vierzig Minuten später ging er häufig noch einmal unter die Dusche, weil ihn der Gedanke beschäftigte, es könne weiterhin Sperma aus ihm austreten. Dazwischen bezog er das Bett neu, weil er sich davor ekelte, mit möglichen Spuren seines eigenen Spermas in Berührung zu kommen. Diese Zwänge ärgerten ihn selbst. In der einen Hinsicht gewann er Kontrolle, und in der anderen verlor er sie spürbar – nur dass niemand außer ihm das je zu Gesicht bekam.
Lena erkannte seine innere Abneigung, ohne ihn darauf anzusprechen. Hugo war ihr dankbar dafür, dass sie sein Verhalten weder kommentierte noch infrage stellte.
## Teil 3 – Die Sexlektion
Es war Ende Juni, und die Wohnung roch nach nichts, das Hugo sonst kannte. Er hatte gelüftet, die Heizung höher gedreht, sich ein zweites Mal geduscht und mit einem frischen Handtuch abgetrocknet. Er wusste nicht, für wen er all diese Vorbereitungen traf. Für sie – oder für das Bild, das er von sich entwerfen wollte. Sein Puls war schneller, als er es gern gehabt hätte. Er lief noch einmal durch die Zimmer, prüfte Dinge, die er bereits geprüft hatte, und merkte, dass er sich mit Beschäftigung vor der Aufregung drückte.
Lena klingelte um elf, wie vereinbart. Sie trug einen zu großen Mantel aus schwarzem Wollstoff, der die Konturen ihrer Schultern verschwimmen ließ. Er nahm ihn ihr ab. Darunter kam ein schlichtes, eng anliegendes schwarzes Kleid zum Vorschein, das ihre Mitte betonte, ohne etwas zu enthüllen.
„Du hast aufgeräumt“, sagte sie. Es war keine Frage.
„Ich wollte, dass du dich wohlfühlst.“
Sie sah ihn an. In ihren Augen lag dieselbe Prüfung wie immer, dieselbe Routine, doch diesmal schien sie länger zu brauchen, um zu einem Urteil zu kommen. Hugo hielt ihrem Blick stand, obwohl sein beschleunigter Herzschlag seine Anspannung verriet.
„Das ist neu.“
„Ich bin neu“, sagte er. Hatte das albern geklungen? Er wusste es nicht, aber es war gesagt.
Sie lächelte. Es war nicht ihr professionelles Lächeln, sondern etwas anderes, das er an ihr noch nicht gesehen hatte. Ihr Lächeln nahm ihm einen Teil seiner Anspannung, und er wünschte sich, es noch einmal zu sehen.
„Dann zeig mir, was du gelernt hast.“
Sie ging duschen. Er hörte das Wasser, dieses gleichmäßige Rauschen, das ihm inzwischen vertraut war. Er stand in der Mitte des Wohnzimmers und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Er legte sie auf die Sofalehne, steckte sie in die Hosentaschen und legte sie schließlich wieder auf die Lehne. Dann atmete er tief durch. Was, wenn das alles nicht reichte? Was, wenn sie nach zwei Minuten merkte, dass er immer noch der alte Hugo war? Er schob den Gedanken weg. Er war nicht mehr der alte Hugo. Das hatte er ihr ja gerade selbst gesagt.
Als sie zurückkam, trug sie nur ein Handtuch. Es war groß, beige und aus einem Stoff, der für eine Frau wie sie zu rau wirkte. Sie hatte es sich um die Brust geschlungen; es reichte nur bis zur Mitte ihrer Oberschenkel. Ihre Beine waren lang und schlank. Ihre Haut war so hell, dass sie beinahe leuchtete.
Sie setzte sich nicht sofort. Sie blieb vor ihm stehen und ließ ihn schauen, wie sie es immer tat. Doch diesmal betrachtete Hugo sie nicht nur. Er studierte sie wie eine Karte, die er auswendig lernen wollte. Er sah die feinen Linien ihrer Hüften, die teilweise unter dem Handtuch verschwanden. Er beobachtete, wie sich ihre Bauchdecke beim Atmen hob und senkte – kontrolliert, aber nicht so streng wie bei Julia. Bei Lena wirkte es weicher und natürlicher. Echte Spannung, keine antrainierte Haltung. Er wollte diese Stellen wiederfinden, später, mit seinen Händen. Er wollte wissen, wo sie reagierte und wo sie ihn nicht spürte.
„Setz dich“, sagte er.
Seine Stimme zitterte nicht. Auch das war neu.
Sie setzte sich. Das Handtuch rutschte ein Stück zur Seite und gab mehr von ihrem Körper frei: die sanfte Rundung ihrer Hüfte, die zum Becken hin verschwand. Er roch das Duschgel, etwas mit Mandeln, und darunter ihre eigene Wärme, die selbst diesen künstlichen Duft überlagerte.
„Letztes Mal“, sagte sie, „hast du mich angesehen. Aber du hast mich nicht gesehen.“
„Diesmal sehe ich dich.“
„Beweis es.“
Der Satz legte sich wie eine Herausforderung auf ihn. Hugo schluckte. Beweisen – das war eine hohe Latte, und er war sich nicht sicher, ob er darüber sprang. Aber die Angst, die ihn sonst gelähmt hätte, war diesmal gedämpfter. Er hatte geübt. Er hatte zugehört.
Er beugte sich vor. Nicht, um sie zu küssen, und nicht, um nach ihr zu greifen. Er legte lediglich eine Hand auf ihre Wange. Ihre Haut war warm und noch feucht vom Dampf. An ihrem Kiefer spürte er die Pulsader, ein schnelles, leises Trommeln. Sein eigener Puls antwortete darauf, und für einen Moment war er sich nicht sicher, ob er ihr Dröhnen oder seines spürte. Er ließ seine Finger dort ruhen, ertastete die Kontur ihres Gesichts und glitt dann langsam mit dem Daumen über ihre Unterlippe, als berühre er eine Taste, deren Funktion er noch nicht kannte.
Sie öffnete den Mund. Nicht weit. Nur so weit, dass er ihren warmen Atem an seinem Finger spürte.
Er zog die Hand zurück. Er wollte nichts überstürzen. Er wollte verstehen, wo er anfangen musste. Und wenn er bei ihrem Puls anfing – gut. Das war ein Anfang, den er lesen konnte.
Er begann bei ihren Händen. Er nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden, drehte sie um und betrachtete ihre Finger, die kurzen, sauberen Nägel und die feinen Linien auf der Haut. Er beugte sich hinab und küsste ihren Handrücken, dann ihr Handgelenk, dort, wo ihr Puls deutlicher zu spüren war. Er hörte, wie sich ihre Atmung veränderte.
„Das ist ungewöhnlich“, sagte sie.
„Ist es gut?“
„Es ist anders.“
Anders. Nicht gut, nicht schlecht. Hugo zog daraus keinen Schluss und beschloss, dass er ihn auch nicht brauchte. Er würde einfach weitermachen und schauen, was geschah.
Er ließ ihre Hand los und fuhr mit den Fingern ihren Arm hinauf. Über den Ellenbogen und weiter über die Innenseite, wo ihre Haut dünner war und bläulich schimmerte. Sie zuckte leicht, als er die empfindliche Stelle in ihrer Armbeuge berührte. Er merkte es. Ein kleines Zeichen – aber ein echtes, und es freute ihn mehr, als ihm lieb war.
Seine Finger strichen weiter über den Oberarm bis zu ihrer Schulter. Statt nach ihrer Brust zu greifen, wie sein Körper es verlangte, legte er seine Hand in ihren Nacken. Seine Erregung drängte, aber er ignorierte sie. Noch nicht. Erst wollte er hören, was ihr Körper sagte.
Ihr Haar war noch feucht und kühlte seine Finger. Er massierte ihren Nacken langsam, mit einem Druck, der nicht forderte, sondern anbot. Sie senkte leicht den Kopf. Unter seinen Fingern spürte er, wie sich ihre Muskulatur löste und sie sich ihm Zentimeter für Zentimeter hingab. Dieses leichte Nachgeben erschien ihm unwillkürlich und nahm ihm einen Teil seiner Zweifel. Zum ersten Mal an diesem Abend glaubte er, ihre Reaktion richtig verstanden zu haben.
Erst dann küsste er sie.
Seine Lippen trafen auf ihre, trocken und warm, und er verharrte so, ohne sich zu bewegen. Er wollte zunächst nur spüren, wie sie atmete. Als sie den Mund öffnete, ließ er seine Zunge vorsichtig hineingleiten. Nicht fordernd, nur anwesend. Sie schmeckte nach Minze und nach etwas, das nur ihr gehörte. Ein Geschmack, den er nicht benennen konnte und dennoch wiedererkannte. Das Gefühl, das er dabei hatte, gefiel ihm. Es fühlte sich an, als gehöre dieser Geschmack inzwischen zu etwas, das er kannte und das ihn nicht mehr bedrohte.
Sie erwiderte den Kuss. Ihre Hand lag auf seinem Knie, und er spürte, wie sich ihre Finger in den Stoff seiner Hose krallten. Nicht aus Anstrengung, sondern aus Erwartung.
Er löste sich von ihr. Er wollte sich nicht im Kuss verlieren. Er wollte weiter – auch wenn ein Teil von ihm lieber geblieben wäre und der andere Teil schon längst etwas ganz anderes wollte.
Langsam schob er das Handtuch zur Seite. Er riss es ihr nicht vom Körper, sondern bewegte es nur so weit, dass zunächst ihre Hüfte und dann ihr Bauch frei wurden.
Er sah ihn wieder.
Die flache Ebene, die feinen Linien, die vom Brustansatz parallel nach unten verliefen wie eine natürliche Zeichnung. Der kleine, leicht längliche Nabel. Die glatte, beinahe porzellanfarbene Haut. Beim Atmen hob und senkte sich ihre Bauchdecke nur leicht. Hugo spürte, wie sich sein Atem beschleunigte. Hier war es wieder – dieses Ziehen, das ihn anzog und ihn gleichzeitig aufforderte, ruhig zu bleiben. Er war aufgeregt und angespannt wie bei ihrem ersten Treffen, nur dass er die Aufregung diesmal nicht fürchtete.
Hugo legte beide Hände auf ihren Bauch. Seine Finger waren gespreizt, die Daumen lagen am Rippenansatz. Die Wärme, die von ihrem Körper ausging, war dort intensiver als in ihrem Gesicht. Er ließ seine Hände ruhen und beobachtete, wie sich ihre Bauchdecke unter seinen Fingern bewegte.
„Atme“, sagte er.
Lena lachte kurz auf.
„Das habe ich dir beim letzten Mal gesagt.“
„Diesmal sage ich es dir.“
Das Lächeln dazu brachte er zustande. Immerhin. Ein kleiner Triumph, den nur er verstand.
Er begann, sie zu streicheln. Langsam. Von der Mitte aus bewegten sich seine Hände nach oben, über den Rippenansatz und dann seitlich an den sanften Konturen entlang. Er spürte, wie sich die Muskulatur unter ihrer Haut anspannte und wieder entspannte. Ihr Körper antwortete ihm, nicht mit Worten, sondern durch jede einzelne Reaktion ihrer Haut. Hugo registrierte jede dieser Reaktionen. Seine anfänglichen Zweifel ließen nach, je deutlicher ihr Körper auf seine Berührungen antwortete.
Er beugte sich vor und küsste ihre Schulter, dann ihren Hals und schließlich ihr Schlüsselbein. Seine Lippen hinterließen eine feuchte Spur, die sich über den Ansatz ihrer Brust zog. Ihre Brüste waren klein und fest. Als er eine ihrer Brustwarzen mit der Zunge umspielte, hörte er, wie sie den Atem anhielt. Er wechselte zur anderen Seite, nahm sich Zeit, ließ seine Zunge kreisen und saugte leicht daran. Unter seinen Lippen spürte er, wie sich die Brustwarze verhärtete. Diese unmittelbare Reaktion ließ keinen Zweifel zu. Erleichterung durchströmte Hugo, weil er offenbar die richtige Berührung gefunden hatte.
Doch er blieb nicht dort. Er wollte weiter, zu jenem Teil ihres Körpers, der ihn am stärksten anzog.
Er küsste sich an ihrem Körper hinab. Seine Hände umfassten ihren Brustkorb, die Daumen lagen auf ihren Rippen, während seine Lippen über die feinen Linien wanderten, die er zuvor so lange betrachtet hatte. Er küsste ihren Nabel, ließ seine Zunge hineingleiten und spürte, wie sie sich leicht wand. Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle. Ihr leises Stöhnen bestärkte ihn darin, weiterzumachen.
Er ging tiefer. Seine Hände glitten unter sie und hoben sie leicht an, während sein Mund ihren Venushügel erreichte. Nun roch er nicht mehr das Duschgel, sondern sie selbst, ihr eigenes Aroma, scharf und süß zugleich. Sein Körper reagierte sofort, die Anspannung in ihm wuchs, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. Erst sie, dachte er. Diesmal zuerst sie.
Er küsste die glatte Haut und ließ seine Zunge darübergleiten. Ihre Atmung wurde schneller.
„Langsam“, flüsterte sie.
Er gehorchte. Er wurde noch langsamer, umspielte sie mit der Zunge, ohne sofort ihre empfindlichste Stelle zu berühren. Er umkreiste sie, näherte sich ihr und wich wieder zurück. Ihre Hände krallten sich in das Kissen unter ihr. Er las daraus, dass er auf dem richtigen Weg war – aber richtig war noch nicht genug. Er wollte ganz sicher.
Erst als ihre Hüften sich leicht gegen ihn drückten, gab er ihr, wonach ihr Körper verlangte. Seine Zunge fand die kleine Erhebung und umspielte sie. Lena wurde lauter. Nicht gespielt, sondern echt. Ein tiefes, kehliges Geräusch, das aus ihrer Mitte zu kommen schien. Genugtuung erfüllte ihn, doch er zwang sich, konzentriert zu bleiben. Noch war ihr Höhepunkt nicht erreicht.
Er nahm zunächst vorsichtig einen Finger hinzu. Er spürte ihre Feuchtigkeit, ihre Enge und ihre Wärme. Langsam bewegte er ihn im Takt seiner Zunge, während er ihren Bauch beobachtete. Er sah, wie sich die feinen Linien veränderten und sich ihre Bauchdecke anspannte, wie sie sich nach innen zog. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.
„Dort“, sagte sie atemlos. „Genau dort.“
Er blieb bei derselben Bewegung. Er veränderte nichts, sondern wiederholte sie immer und immer wieder. Nicht ablenken, dachte er. Nichts ändern, wenn es funktioniert. Er spürte, wie sie sich um seinen Finger schloss und ihre Muskulatur zu pulsieren begann.
Dann kam sie.
Es war kein lauter Schrei, sondern ein tiefes, konzentriertes Zittern, das ihren gesamten Körper erfasste. Ihre Hände griffen nach seinen Haaren und hielten ihn fest. Sie presste sich gegen seinen Mund, während die Wellen durch sie gingen. Hugo spürte, wie sich ihr Zittern auf seinen eigenen Körper übertrug, und begriff, dass er ihr diesen Höhepunkt verschafft hatte. Zum ersten Mal hatte er nicht nur genommen, sondern auch ihr etwas gegeben. Diese Erkenntnis erfüllte ihn mit ungewohntem Stolz.
Er hörte nicht auf. Sein Finger bewegte sich weiter, nun sanfter, bis ihr Zittern allmählich nachließ und sich ihr Körper entspannte.
Erst als sie reglos dalag und ihre Atmung ruhiger wurde, zog er sich zurück. Er sah auf sie hinab. Ihr Bauch war leicht feucht von seinem Speichel und ihrem Schweiß. Die flachen Linien traten deutlicher hervor, während sich ihre Haut in einem langsameren Rhythmus hob und senkte.
Lena öffnete die Augen und sah ihn an. In ihrem Blick lag etwas, das er nicht kannte. Keine Dankbarkeit und keine Bewunderung, sondern Überraschung, vermischt mit einem kaum sichtbaren Anflug von Zärtlichkeit. Hugo starrte in diesen Blick und hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas zwischen ihnen sich verändert hatte – nicht dramatisch, nur um einen kleinen Schritt. Weg von der Transaktion, hin zu etwas, das noch keinen Namen hatte.
„Wo hast du das gelernt?“, fragte sie.
„Ich habe zugehört“, sagte er.
Sie lächelte. Diesmal war es echt.
„Dann hast du besser zugehört als die meisten.“
Hugo stand auf. Während sie ihn beobachtete, zog er sich hektisch aus.
Als er nackt vor ihr stand, bemerkte er, wie hart er war. Härter als je zuvor. Trotzdem empfand er kein unbeherrschbares Drängen. Seine Erregung war deutlich spürbar, doch sie beherrschte ihn nicht mehr. Das war ein eigenartiges Gefühl: Erregung ohne Panik. Er kannte es nicht und fand, dass es ihm gefiel.
Sie öffnete die Beine für ihn. Er kniete sich zwischen sie und griff nach dem Kondom, das er vor ihrer Ankunft auf den Nachttisch gelegt hatte. Er öffnete die Verpackung und rollte es über.
Dann drang er langsam in sie ein.
Sie war noch feucht, ihr Körper hallte noch von ihrem Höhepunkt nach. Sie nahm ihn mit einer Weichheit auf, die ihn überraschte. Hugo bewegte sich langsam. Sehr langsam. Er beobachtete ihr Gesicht und suchte nach jedem Anzeichen, das ihm verriet, was sie empfand. Als sich ihre Lippen öffneten und sie die Augen halb schloss, wusste er, dass er den richtigen Rhythmus gefunden hatte. Aber er misstraute dem Gefühl der Sicherheit noch. Es war zu früh, sich darauf auszuruhen.
Er beugte sich über sie und küsste ihren Hals und ihre Schulter. Seine linke Hand lag auf ihrem Bauch, dort, wo die feinen Linien verliefen. Unter seinen Fingern spürte er die Anspannung ihrer Muskulatur und wie sich ihr Körper gegen ihn presste.
Plötzlich spürte er, wie sein Höhepunkt näher kam.
Halt es zurück.
Noch war es nicht zu spät.
Abrupt stoppte Hugo seine Bewegung und hielt inne. Einen Moment lang, vielleicht auch zwei. Er blieb tief in ihr und begann, ihren Mund und ihren Nacken zu küssen. Körperliche Anspannung und beißender Frust durchströmten ihn. Der Frust war schlimmer als die Anspannung. Sein Körper schrie danach, weiterzumachen, und der Satz nein, noch nicht, noch nicht, musste er sich beinahe laut sagen. Ein Zittern ging durch seine Oberschenkel. Er zwang es weg.
Halt es zurück.
Er hörte die Worte mit Lenas Stimme in seinem Kopf.
Reiß dich zusammen. Kontrolle.
Der Drang, sich endlich Erleichterung zu verschaffen, war nahezu unerträglich. Doch genau diese Kontrolle wollte er. Er war bereits so weit gekommen und würde diesem Impuls nicht nachgeben, so stark er auch sein mochte. Nicht heute. Er musste sich selbst beweisen, dass er es schaffen konnte. Und unter dem Frust, tief darunter, begann etwas anderes zu wachsen – das vage, stolze Bewusstsein, dass er es aushielt, dass er diesen Impuls besaß und nicht der Impuls ihn.
Seine Küsse wurden zärtlicher.
Lena bemerkte seine Anspannung und den Frust, der sich in seinem Gesicht abzeichnete. Sie öffnete die Augen, strich ihm sanft über die Wange und ließ ihre Hände beruhigend über seinen Rücken gleiten.
„Warte“, flüsterte sie.
Er wartete. Regungslos blieb er in ihr und spürte ihre Wärme und ihren Puls. Nur ihre Hände bewegten sich weiter über seinen Rücken. Ihre Berührung half ihm, die Anspannung auszuhalten.
Allmählich ließ der Druck nach.
Hugo hatte erfolgreich dagegen angekämpft. Er hatte seinen inneren Trieb bezwungen. Stolz durchströmte ihn. Ein Gefühl vollkommener Männlichkeit breitete sich in ihm aus. Niemand außer ihm wusste, wie viel Kraft ihn dieser kurze Moment gekostet hatte. Umso stärker empfand er den Stolz darüber, sich nicht selbst verloren zu haben.
Als Lena ihm zunickte, begann er erneut. Langsam und ganz vorsichtig.
Und dann geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte: Er wollte, dass sie Freude empfand. Nicht er, sondern sie sollte es genießen.
Dieser Wunsch überraschte ihn.
Bisher war er immer auf sich selbst fokussiert gewesen – auf seine Angst, seine Kontrolle, sein Versagen. Dass er jetzt ihren Ausdruck suchte, ihre Anspannung, ihre Freude, war ihm selbst neu. Es fühlte sich nicht wie ein Verzicht an. Ihre Lust steigerte seine eigene Erregung und gab ihm zugleich das Gefühl, die Kontrolle zu besitzen.
Seine Stöße wurden allmählich kräftiger, und er drang tiefer in sie ein. Wieder und wieder. Er beobachtete, wie sich ihr Körper erneut anspannte, wie sich ihre Hände in die Matratze krallten und sie den Kopf in den Nacken legte. Schließlich gab sie sich dem Gefühl hin, das sich Welle für Welle in ihrem Körper aufbaute.
Hugo spürte seinen eigenen Höhepunkt noch immer näher kommen, doch er hielt ihn weiterhin zurück. Noch nicht. Er kannte den Trick jetzt. Er wusste, dass er aushielt, und dieses Wissen machte das Aushalten leichter.
Als Lena zum zweiten Mal kam, wurde sie lauter. Ihre Hände gruben sich in seinen Rücken. Ihre Muskeln zogen sich rhythmisch um ihn zusammen, immer und immer wieder. Die rhythmischen Bewegungen ihrer Muskeln brachten ihn selbst gefährlich nahe an den Höhepunkt. Dennoch hielt er sich zurück.
Erst als ihr Körper sich entspannte, hob Hugo seinen Oberkörper von ihr und betrachtete ihren Bauch, für den er – das musste er sich inzwischen eingestehen – eine Art Besessenheit entwickelt hatte. Warum ihn ausgerechnet dieser Teil des weiblichen Körpers derart faszinierte, konnte er nicht erklären. Im Augenblick wollte er auch keine Erklärung dafür finden. Seine Faszination war vorhanden, und er gab sich ihr hin.
Noch während er darüber nachdachte, spürte er, dass der Moment, in dem er sich noch hätte zurückhalten können, vorüber war.
Er drang schneller in sie ein. Der Anblick ihres feuchten, verschwitzten Körpers, ihrer kleinen Brüste, der vollkommenen Brustwarzen und dieses Bauches war zu viel für ihn. Zu viel, und es war gut so.
Augenblicklich bemerkte er, dass sich sein Orgasmus anders anfühlte. Er dauerte länger und war kräftiger, als er erwartet hatte. Sein Körper bäumte sich mehrmals auf, während sich das Kondom mit seinem Samen füllte.
Es war ein Höhepunkt, an den er sich erinnern würde.
Die Verbindung aus dem, was für ihn zu einem Fetisch werden sollte – oder vielleicht schon immer einer gewesen war, ohne dass er es gewusst hatte –, seiner neu entdeckten Selbstkontrolle und der Erregung, die dadurch entstanden war, dass er sich selbst die Erlösung verweigert hatte, war überwältigend.
Er blieb noch einen Moment in ihr und genoss ihre Wärme. Dann zog er sich zurück, rollte sich neben sie und ließ sich auf den Rücken sinken. Sie lagen schweißnass und atemlos nebeneinander. Hugo hörte, wie sich ihr Atem allmählich dem seinen anglich. Er lauschte darauf, wie man etwas lauscht, das man nicht gesteuert hat und das trotzdem gut läuft.
Nach einer Weile – er wusste nicht, wie lange sie bereits so dagelegen hatten – drehte Lena sich zu ihm. Sie legte ihre Hand auf seine Brust, direkt über sein Herz, und lächelte.
„Das“, sagte sie, „war keine Transaktion mehr.“
Hugo starrte an die Decke. Er spürte das Gewicht ihres Kopfes auf seinem Arm und die Wärme ihres Körpers an seiner Seite. Er wusste, dass sie recht hatte. Er dachte nach, ob ihn das beunruhigen sollte, und stellte fest, dass es ihn nicht beunruhigte.
Er hatte nicht bezahlt, um zu nehmen. Er hatte bezahlt, um zu lernen. Und er hatte gelernt, dass im Geben eine Macht lag, die tiefer reichte als jede Analyse.
„Buch mich wieder“, sagte sie leise. „Nicht, weil du es musst, sondern weil du es willst.“
In den folgenden Monaten buchte Hugo dieselben Frauen immer wieder und setzte bei ihnen um, was er durch seine bisherigen Erfahrungen gelernt hatte. Manchmal verlor er die Kontrolle noch zu früh, doch es geschah immer seltener. Seine Berührungen wurden sicherer, und er verstand zunehmend, wie unterschiedlich Frauen reagierten. Immer häufiger gelang es ihm, sie zum Orgasmus zu bringen, bevor er selbst kam. Ihr Stöhnen, das Beben ihrer Körper und die Gewissheit, dass er diese Lust in ihnen ausgelöst hatte, steigerten seine eigene Erregung zusätzlich.
Auch beruflich entwickelte Hugo zunehmend Sicherheit. Fehler unterliefen ihm weiterhin, doch ihre Zahl nahm deutlich ab. Gleichzeitig erkannte er, wie wichtig das Mehr-Augen-Prinzip war. Selbst eine noch so sorgfältige Analyse konnte eine Schwäche enthalten, die einem anderen auffiel. Hugo begann zu verstehen, dass ein gutes Team bessere Ergebnisse erzielte als selbst der fähigste Einzelne.
Bei seinen privaten Anlagen dagegen verließ er sich weiterhin ausschließlich auf sein eigenes Urteil. Auch dort erlitt er zwischendurch Verluste, doch er lernte immer besser, damit umzugehen. Sie lösten nicht mehr die Magenschmerzen aus, unter denen er früher gelitten hatte. Dasselbe galt für Analysen, die er der Bank vorgelegt hatte und die sich später als falsch erwiesen. Verluste und Fehlentscheidungen gehörten für ihn zunehmend zum Geschäft. Entscheidend war nicht mehr, jeden einzelnen Fehler zu vermeiden, sondern am Ende häufiger richtig als falsch zu liegen.
Auch sein eigenes Vermögen wuchs weiter. Zum Jahreswechsel 1994/95 belief es sich umgerechnet auf 3,20 Millionen Euro. Die Summe gab ihm Sicherheit und Selbstvertrauen. Seine Schüchternheit gegenüber Vorgesetzten war noch nicht vollständig verschwunden, doch sie wurde zu einem immer kleineren Punkt am Horizont.
Lediglich mit Statussymbolen tat er sich noch schwer. Obwohl er inzwischen eine Rolex Daytona aus Stahl am Handgelenk trug, fühlte sie sich für ihn manchmal noch immer wie etwas an, das eigentlich einem anderen gehörte. Wie die anderen Banker ließ auch er die Ärmel seiner Oberhemden ein wenig länger tragen, damit die Uhr unter dem noch immer etwas preiswerteren Maßanzug hervorsah. Er hatte gelernt, wie man in dieser Welt aussah. Ob er wirklich zu ihr gehörte, war eine andere Frage.
Trotz seiner beruflichen Erfolge fühlte er sich in Frankfurt nicht wirklich angekommen. Die Stadt war für ihn zu einer Station geworden, aber nicht zu einem Zuhause.
Umso interessanter war es für Hugo, als Edward Middleton, der Geschäftsführer der Londoner Tochtergesellschaft der DHK Bank, ihm ein Angebot unterbreitete. London war für ihn kein unbekannter Gedanke. Schon früher hatte er darüber gesprochen, eines Tages dort arbeiten zu wollen. Die Stadt stand für eine größere Welt, für bedeutendere Geschäfte und für eine Finanzbranche, in der Entscheidungen getroffen wurden, die weit über Deutschland hinausreichten.
Middleton sprach ihn während einer Konferenz in Frankfurt an. Hugo kannte ihn bisher nur aus internen Berichten und einigen Zeitungsartikeln. Er war breitschultrig, trug einen dunklen Anzug und hatte eine Stimme, die selbst in dem überfüllten Saal mühelos zu verstehen war.
„Voss“, sagte er. „Hugo Voss.“
Hugo nickte. „Ja.“
„Der junge Mann aus Hamburg, der der Bank inzwischen mehrere Hundert Millionen eingebracht hat.“
Hugo wusste nicht, ob er darauf mit Stolz oder Zurückhaltung reagieren sollte. „Nicht jede Entscheidung beruhte allein auf meiner Arbeit.“
Middleton betrachtete ihn einen Augenblick. „Gespielte Bescheidenheit zieht bei mir nicht.“
Middleton zog eine silberne Zigarettendose aus der Innentasche seines Sakkos. Er nahm eine Zigarette heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen, ohne sie anzuzünden.
„Ich brauche jemanden wie Sie in London“, sagte er. „Jemanden, der Zahlen nicht nur liest, sondern erkennt, was ein Unternehmen hinter ihnen zu verbergen versucht.“
Obwohl Hugo mit dieser Möglichkeit gerechnet hatte, trafen ihn die Worte unvorbereitet. Für einen Moment nahm er die Gespräche um sich herum nur noch als undeutliches Stimmengewirr wahr.
London.
Plötzlich war es keine Vorstellung mehr, über die er irgendwann einmal gesprochen hatte. Es war ein tatsächliches Angebot.
„Warum ich?“, fragte er.
„Weil Sie noch hungrig und gierig sind.“
Hugo sah ihn an und hob eine Augenbraue. Es war eine Geste, die Zustimmung bedeutete.
„Ein Fischer erkennt einen anderen Fischer schon von Weitem.“
Hugo lächelte.
„Ich will Sie in meinem Team.“
„Was genau bieten Sie mir an?“
„Oh, verhandeln wir schon?“, entgegnete Middleton.
„Ununterbrochen“, erwiderte Hugo. Seine Stimme klang souverän.
„Eine Stelle als Analyst bei mir in London. Die Einzelheiten besprechen wir, wenn Sie grundsätzlich interessiert sind.“
„Wie lange habe ich Zeit?“
„Sechs Tage.“
„Warum sechs?“
„Weil eine Woche zu bequem wäre.“
Middleton steckte die unangezündete Zigarette zurück in die Dose.
„Denken Sie darüber nach, Voss. Aber nicht zu lange. Wer nach London will, sollte keine Angst vor schnellen Entscheidungen haben.“
Er ging, bevor Hugo etwas erwidern konnte.
Hugo war beeindruckt. Genau so hatte er sich Middleton vorgestellt, eigentlich sogar noch beeindruckender. Dieser Mann schien nicht für die Bank zu arbeiten. Er benutzte sie. Sie war für ihn ein Instrument, eine Plattform, auf der er Geschäfte machte, Menschen bewegte und Entscheidungen traf. Und wenn ihm diese Bank eines Tages nicht mehr genügte, dachte Hugo, würde vermutlich irgendwo eine andere auf ihn warten.
Noch am selben Abend meldete er sich für einige Tage ab und fuhr nach Hamburg.
Elisabeth wusste nichts von seinem Besuch. Als sie die Tür öffnete und ihn vor sich stehen sah, trat für einen Augenblick Freude in ihr Gesicht, unmittelbar gefolgt von Besorgnis.
„Ist etwas passiert?“
„Nein.“
„Dann hättest du anrufen können.“
„Dann hättest du angefangen, Essen vorzubereiten.“
„Natürlich hätte ich das.“
Sie ließ ihn eintreten. Wenig später saßen sie in der Küche. Vor Hugo stand eine Tasse Tee, obwohl er keinen verlangt hatte.
„Ich habe ein Angebot aus London“, sagte er.
Elisabeth legte den Löffel neben ihre Tasse. „London.“
Sie sprach das Wort nicht fragend aus. Es klang, als müsse sie sich zunächst daran gewöhnen.
„Die Tochtergesellschaft der Bank will mich als Analysten.“
„Willst du denn nach London?“
„Ich habe früher immer gedacht, dass ich dorthinwill.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Hugo sah in seine Tasse. „Ich weiß es nicht. Als es nur eine Vorstellung war, war es einfacher.“
Elisabeth schwieg einen Moment.
„Du hast in Frankfurt viel erreicht“, sagte sie schließlich. „Aber glücklich bist du dort nicht.“
„Darum geht es nicht.“
„Bei dir geht es angeblich nie darum.“
Hugo hob den Blick. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf. Gerade deshalb traf ihn der Satz.
„London wäre größer“, sagte er. „Die Geschäfte wären größer. Und der Mann dort ist ein echter Killer.“
„Und davor hast du Angst?“
„Ich weiß nicht, ob Angst das richtige Wort ist.“
„Dann nenn es anders. Es bleibt dasselbe Gefühl.“
Hugo musste lächeln.
„Was würdest du tun?“, fragte er.
Elisabeth schüttelte den Kopf. „Ich werde diese Entscheidung nicht für dich treffen. Du bist erwachsen und hast dir längst bewiesen, dass du deinen eigenen Weg gehen kannst. Wenn du gehst, werde ich dich vermissen. Wenn du aus Rücksicht auf mich bleibst, werde ich mich darüber ärgern.“
Sie griff über den Tisch und legte ihre Hand auf seine.
„Du hast hier immer ein Zuhause. Auch wenn du irgendwann am anderen Ende der Welt arbeitest.“
Hugo legte seine zweite Hand auf ihre. Die Vorstellung, Hamburg noch seltener zu sehen, schmerzte ihn mehr, als er erwartet hatte. Gleichzeitig wusste er, dass seine Mutter recht hatte. Wenn er das Angebot ablehnte, würde Frankfurt dadurch nicht zu seiner Heimat werden.
Am nächsten Tag besuchte er Svenja. Christina schlief, als er ankam. Svenja führte ihn in den kleinen Wintergarten, der unmittelbar an die Küche angrenzte.
„London“, sagte sie, nachdem er ihr von dem Angebot erzählt hatte. „Das ist weit.“
„Frankfurt ist auch weit.“
„Aber Frankfurt ist Deutschland.“
„Gerade deshalb interessiert mich London.“
Svenja betrachtete ihn. „Du hast dich doch längst entschieden.“
„Nein.“
„Doch. Du bist nur hier, weil du möchtest, dass dir jemand sagt, dass du trotzdem ein guter Bruder und Sohn bist.“
Hugo wollte widersprechen, brachte aber keinen überzeugenden Satz zustande.
„Dann sag du es mir“, verlangte er.
„Du bist manchmal ein ziemlich schwieriger Bruder“, sagte Svenja. „Aber nicht, weil du nach London willst.“
Hugo lachte leise.
Svenja wurde wieder ernst. „Geh hin. Aber versprich mir, dass du anrufst. Nicht nur, wenn du Geld verdienst und alles funktioniert. Auch wenn du einen Fehler machst.“
„Ich mache ständig Fehler.“
„Du erzählst bloß nie davon.“
Bevor Hugo nach Frankfurt zurückkehrte, suchte er seinen Bruder Michael auf. Dessen Arbeitszimmer war bis ins Kleinste geordnet. Auf dem Schreibtisch lag kein Blatt, das nicht seinen festen Platz zu haben schien.
„Die DHK Bank will mich nach London holen“, sagte Hugo.
Michael lehnte sich zurück. „Hugo, ich bin kein internationaler Wirtschaftsjurist. Bei dir geht es nicht nur um ein Gehalt. Du hast ein beträchtliches Vermögen in Wertpapieren und willst sicherlich weiterhandeln. London ist für private Wertpapiergewinne keine Steueroase wie Deutschland. Sobald du in London lebst und arbeitest, wird die steuerliche Lage kompliziert.“
Hugo hob die rechte Augenbraue. Es war eine Geste, die Zustimmung bedeutete.
Michael nahm die Brille ab. „Bei deinen Summen werde ich dir nichts erklären, bei dem ich mir nur zu neunzig Prozent sicher bin.“
Er zog ein Adressbuch aus einer Schublade und blätterte darin.
„Ich kenne einen Rechtsanwalt in Hamburg. Steinhöfel. Der beschäftigt sich mit solchen Gestaltungen.“
„Okay, gut.“
„Ich werde ihn morgen anrufen und um einen Termin für dich bitten. Du bleibst ja noch ein paar Tage hier, oder?“, sagte Michael trocken. „Ich habe einen guten Draht zu ihm. Das klappt schon.“
Am folgenden Nachmittag saß Hugo Steinhöfel gegenüber. Der Rechtsanwalt ließ ihn zunächst erzählen, ohne ihn zu unterbrechen. Erst nachdem Hugo das Angebot, sein Vermögen, das Depot, die Kredite und seinen Eigenhandel erklärt hatte, stellte Steinhöfel einzelne Fragen.
„Sie wollen nach London?“, fragte er schließlich.
„Ich denke darüber nach.“
„Nein“, sagte Steinhöfel ruhig. „Sie denken darüber nach, wie Sie nach London gehen können. Ob Sie gehen, haben Sie bereits entschieden.“
Hugo schwieg.
„Das ist keine Kritik“, fuhr Steinhöfel fort. „Aber wir sollten von der richtigen Ausgangslage ausgehen.“
Er zog Hugos Aufstellung näher zu sich.
„Ihr britisches Gehalt wird in Großbritannien versteuert. Schwieriger ist Ihr vorhandenes Vermögen. Sie dürfen Ihre Londoner Einkünfte, Ihr bisheriges Kapital und die neuen Gewinne aus Ihrem deutschen Depot nicht wahllos miteinander vermischen.“
„Dann bezahle ich mein Leben in London von meinem Gehalt.“
„Das wäre der sauberste Ausgangspunkt. Für die ersten Ausgaben können bereits vorhandene Mittel gesondert bereitgestellt werden. Danach müssen die Konten und Geldbewegungen klar voneinander getrennt bleiben.“
„Und die Gewinne aus meinem Depot?“
„Die bleiben zunächst außerhalb Großbritanniens und werden nicht für Ihre laufenden Ausgaben in London verwendet. Entscheidend ist, dass jede Bewegung später nachvollzogen werden kann.“
Hugo nickte langsam. Diese Form der Ordnung gefiel ihm. Verschiedene Konten, eindeutige Wege, keine Vermischung.
„Wie lange kann ich dort bleiben?“
Steinhöfel legte den Stift aus der Hand.
„Ich rate Ihnen zu einer von Anfang an auf drei Jahre begrenzten Entsendung.“
„Warum genau drei Jahre?“
„Weil ich nicht möchte, dass aus einem vorübergehenden Aufenthalt schleichend eine endgültige Übersiedlung wird. Ihre persönliche und steuerliche Situation kann in drei Jahren völlig anders aussehen. Ebenso können sich die Gesetze ändern.“
„Und wenn ich dann in London bleiben will?“
„Dann entscheiden Sie das in drei Jahren und nicht heute.“
Steinhöfel lehnte sich zurück.
„Der Vertrag endet nach drei Jahren. Keine automatische Verlängerung und kein bereits vereinbartes viertes Jahr. Kurz vor Ablauf kommen Sie wieder zu mir. Dann prüfen wir Ihre Vermögensverhältnisse, die geltenden Regeln und die Frage, wo Sie künftig leben wollen.“
„Und wenn die Bank darauf nicht eingeht?“
„Dann müssen Sie entscheiden, ob London Ihnen wichtiger ist als eine saubere Gestaltung Ihres Vermögens. Ich würde Ihnen nicht dazu raten.“
Hugo betrachtete die Zahlen vor Steinhöfel. Noch vor wenigen Jahren hätte er nicht verstanden, weshalb jemand wegen eines Vertrags auf eine solche Gelegenheit verzichten sollte. Jetzt wusste er, dass Freiheit nicht nur aus Geld bestand. Sie bestand auch darin, Bedingungen stellen zu können.
„Drei Jahre“, sagte er.
„Höchstens drei Jahre“, erwiderte Steinhöfel. „Danach sehen wir weiter.“
Am Abend traf Hugo Michael in einer Kneipe auf St. Pauli. Michael hörte sich die Geschichte an, nahm einen Schluck Bier und stellte das Glas wieder ab.
„London“, sagte er. „Das ist wirklich krass.“
„Es ist nur die Tochtergesellschaft der Bank, bei der ich jetzt arbeite.“
„In London.“
„Ja.“
„Also ist es groß.“
Hugo sah auf sein Getränk. „Ich weiß nicht, ob ich dort bestehen kann.“
„Natürlich weißt du das nicht.“
„Das hilft mir ungemein.“
Michael grinste. „Wenn du sicher wärst, dass du alles kannst, müsstest du nicht hin. Du willst doch gerade sehen, ob du es schaffst.“
„Und wenn nicht?“
„Dann kommst du zurück und bist immerhin der reichste Mensch, den ich persönlich kenne.“
Hugo schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht.“
„Ich weiß. Deshalb musst du ja hin.“
Michael beugte sich etwas vor.
„Du hast mir schon früher von London erzählt. Damals war es irgendeine ferne Welt, in die du irgendwann einmal wolltest. Jetzt hält dir jemand die Tür auf, und du überlegst, ob du draußen stehen bleibst.“
Hugo schwieg.
„Geh“, sagte Michael. „Sonst fragst du dich dein ganzes Leben, was dort auf dich gewartet hätte.“
Zurück in Frankfurt verlangte Hugo den Vertragsentwurf. Die Bank ließ ihn zwei Tage warten. Dann lag das Dokument vor ihm.
Das Gehalt war höher, als er erwartet hatte. Hinzu kamen ein Bonus, eine möblierte Wohnung und die Übernahme der Umzugskosten. Die Entsendung war zunächst auf vier Jahre angelegt.
Hugo strich die Zahl durch.
Im Gespräch mit Middleton legte er den Vertrag zwischen sie.
„Drei Jahre“, sagte Hugo.
Middleton sah auf die Änderung. „Vier.“
„Drei. Keine automatische Verlängerung.“
„Sie sind zwanzig Jahre alt und verhandeln mit mir über die Dauer einer Stelle, für die andere Männer auf die Knie gehen würden.“
„Dann nehmen Sie einen von denen.“
Middleton betrachtete ihn lange. Hugo spürte, wie seine Sicherheit brüchig wurde, ließ es sich aber nicht anmerken. Er wollte nach London. Vielleicht wollte er es inzwischen zu sehr. Dennoch dachte er an Steinhöfels ruhige Stimme: höchstens drei Jahre.
Middleton nahm seinen Füller und änderte die Laufzeit.
„Drei Jahre“, sagte er. „Danach werden Sie vermutlich nicht mehr zurück nach Frankfurt wollen.“
„Dann sehen wir weiter.“
Hugo unterschrieb.
Die Monate bis zu seinem Wechsel vergingen schneller, als er erwartet hatte. Er arbeitete weiter, ordnete sein Depot und richtete mit Steinhöfels Hilfe die notwendigen Konten ein. Seine Wohnung wurde nach und nach leerer. Viel gab es nicht einzupacken. Einige Kleidungsstücke, Bücher, Unterlagen und der Discman passten in wenige Kartons.
Elisabeth kam ein letztes Mal nach Frankfurt. Sie putzte nicht und bügelte auch keine Hemden. Stattdessen saß sie mit Hugo zwischen den Kartons auf dem Sofa.
„Drei Jahre“, sagte sie.
„Höchstens.“
„Das ist lang.“
„Es geht vorbei.“
Sie nickte, sah aber nicht überzeugt aus.
Auch Lena kam noch einmal. Hugo hatte sie gebucht, obwohl ihm das Wort diesmal unpassend erschien. Sie verbrachten den Abend miteinander, ohne über London zu sprechen, bis sie sich anzog und ihren Mantel vom Haken nahm.
„Du wirst dort andere Frauen kennenlernen“, sagte sie.
„Vermutlich.“
Sie trat näher und strich ihm mit den Fingern über die Wange.
„Dann hör ihnen genauso gut zu.“
Hugo wollte ihr sagen, dass er nicht wusste, ob eine andere Frau ihm das hätte beibringen können. Die Worte erschienen ihm zu groß für das, was zwischen ihnen gewesen war. Deshalb nickte er nur.
Lena lächelte und ging.
Als die Wohnung schließlich leer war, blieb Hugo noch einen Moment im Wohnzimmer stehen. Hier hatte er sich zum ersten Mal vollkommen allein gefühlt. Hier hatte er gelernt, mit Geld eine Nähe zu kaufen, die sich irgendwann nicht mehr vollständig gekauft angefühlt hatte. Hier hatte er Fehler gemacht, Erfolge gefeiert.
Er zog die Wohnungstür hinter sich zu und gab den Schlüssel beim Makler der Bank ab.
Wenig später saß er im Taxi zum Frankfurter Hauptbahnhof. Von dort würde er über Paris mit dem Eurostar nach London fahren.
Vor ihm lag London.
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