Kapitel 8 -- Die neue Liga

Es war Oktober 1995. Hugo hatte Frankfurt am vergangenen Nachmittag verlassen und die Nacht in Paris verbracht. Während der Fahrt hatten hinter den Fenstern herbstlich gefärbte Wälder, abgeerntete Felder und Bäume vorbeigezogen, deren Blätter sich bereits im Wind lösten. Nun lag Frankfurt hinter ihm, und mit jedem Kilometer hatte sich das Gefühl verstärkt, nicht nur eine Stadt, sondern sein bisheriges Leben zu verlassen.. Am nächsten Morgen setzte er seine Reise vom Gare du Nord mit dem Eurostar fort. Als er knapp drei Stunden später in Waterloo International ausstieg, fiel Tageslicht durch das gewölbte Glasdach der Bahnhofshalle.

Das Taxi roch nach altem Leder und Zitronen-Lufterfrischer. Der Fahrer sprach einen Akzent, bei dem Hugo nur jedes zweite Wort verstand. Die Straßen waren enger als in Frankfurt. Die Stadt schien sich nicht ausgebreitet, sondern aufgestapelt zu haben, als hätte jemand Gebäude übereinander geschichtet, bis kein Platz mehr war.

Vor dem Belvedere Court blieb das Taxi stehen. Ein mehrstöckiger Backsteinbau mit abgerundeter Ecke, weißen Fensterrahmen, zurückgesetztem Eingang. Protzig war es nicht. Solide schon. Hugo mochte das. Er mochte Dinge, die nicht mehr versprachen, als sie hielten.

Die Wohnung roch nach Holzpolitur und Abwesenheit. Ein Flur. Rechts der große Wohnraum mit der gerundeten Außenwand. Links das Arbeitszimmer. Weiter hinten Schlafzimmer, Gästezimmer, Küche, Bad. Hugo ging die Räume durch, ohne das Licht anzumachen. Er kannte den Grundriss aus dem Prospekt. Es war seltsam, in einer Wohnung zu stehen, die er sich aus Papier und Beschreibungen zusammengereimt hatte, und nun war sie echt, größer als erwartet, aber auch leerer. Keine Geräusche von draußen drangen herein, nur das ferne Brummen der Stadt, das wie ein verspätetes Echo in seinen Ohren hallte.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Willkommen in London. Wenn etwas nicht funktioniert, rufen Sie mich an, nicht den Hausmeister. -- Claire.

Hugo las den Zettel zweimal. Die Handschrift war ordentlich. Fast zu ordentlich. Sie verriet nichts über die Person, die ihn geschrieben hatte. Keine Ungeduld, keine Freundlichkeit, nur Effizienz. Er legte den Zettel zurück, stellte den Koffer ab und öffnete das Fenster im Wohnzimmer. Draußen war es kalt und laut, und der Oktoberwind trieb einzelne gelbe und braune Blätter über die Straße. Verkehr. Ein Flugzeug. Irgendwo Musik. Die Kälte schlug ihm entgegen, und er merkte, dass er seit Stunden nicht mehr richtig durchgeatmet hatte. Er stand eine Weile da, die Hände auf dem Fensterrahmen, und versuchte, sich vorzustellen, dass dies jetzt sein Zuhause war. Aber das Wort passte nicht. Es war ein Quartier. Eine Operationsbasis. Nicht mehr.

Er dachte an seinen Vater, der nicht einmal richtig Abschied genommen hatte, nur eine Hand auf seine Schulter gelegt und etwas von „Vorsicht" gemurmelt hatte. Als hätte er befürchtet, dass der Junge etwas tun würde, das er nicht billigen konnte, aber nicht wusste, was. Hugo hatte genickt und war gegangen, ohne sich umzudrehen. Jetzt, in der fremden Wohnung, fragte er sich zum ersten Mal, ob das eine Tapferkeit oder eine Lüge gewesen war. In seinem Bauch zog sich etwas zusammen, schwerer als in Frankfurt, ein Knoten aus Erwartung, der sich erst lösen würde, wenn er bewies, warum Edward Middel ihn hierhergeholt hatte.

Edward Middel ließ Hugo am nächsten Tag in sein Büro kommen. Das Gebäude lag in der City, ein schwarzes Hochhaus mit so viel Glas, dass es aussah, als würde es den Himmel fressen. Die Lobby war hell, kalt, spartanisch. Glasfronten, ein paar Sessel, ein Teppich, der das Klicken der Absätze dämpfte, aber nicht ganz verschluckte. Hugo spürte die Klimaanlage auf seiner Haut, trocken und kühl. Alles war transparent, sichtbar, beobachtbar. Er ging durch die Eingangshalle und hatte das Gefühl, durch ein Aquarium zu schwimmen -- die Fische draußen sahen herein, und er war der einzige, der noch nicht wusste, wo die Futterstelle lag. Er zog die Schultern zurück und hob das Kinn, eine Haltung, die er sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte, wenn er sich unsicher fühlte.

Edwards Büro lag oben, hinter einer schweren Tür. Es war später Nachmittag, und das graue London-Licht lag bleiern durch die hohen Fenster. Auf dem Schreibtisch standen keine Familienfotos. Keine persönlichen Erinnerungsstücke. Nur Akten, ein silberner Füller, der Geruch nach altem Leder und noch älterem Tabak. Hugo betrat den Raum und spürte sofort, dass dies kein Ort war, an dem man sich niederließ. Es war ein Schaltzentrum. Edwards Reich.

An einer Seitenwand hing ein Bild. Hugo hatte es beim Eintreten registriert. Jetzt, während Edward hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, betrachtete er es genauer. Eine großformatige Fotografie, überwiegend Graustufen. Provokant. Geld und Sexualität zu einem Motiv verbunden. Zwei Farben durchbrachen das Grau: die Vagina in Rosa und die Geldscheine im typischen Grün amerikanischer Dollarscheine. Ein Bündel Hundert-Dollar-Scheine war so arrangiert, dass ein Teil in der Vagina verschwand, während der Rest herausragte.

Hugo spürte, wie sich seine Gedärme leicht zusammenzogen. Es war nicht Erregung, die ihn erfasste, sondern die kalte Berechnung, mit der hier etwas Dargestelltes zur Dekoration wurde. Das Bild selbst störte ihn nicht. Es war die Tatsache, dass jemand es über seinem Schreibtisch hängen hatte, als wäre es eine Landkarte oder ein Zertifikat. Als wäre es die einzige Wahrheit, die zählte.

„Gefällt es dir?", fragte Edward.

„Ich weiß es nicht."

„Falsche Antwort."

Edward stand auf. Seine Bewegungen waren ökonomisch, fast langsam. Er ging zu dem Bild.

„Es heißt ›Die bedauernswerte Realität‹."

„Warum?"

„Weil das hier alles ist, worauf es am Ende hinausläuft. Geld und Fotzen. Der Rest ist Verpackung."

Hugo sah ihn an. „Das ist ein bisschen einfach."

„Natürlich ist es einfach. Die Wahrheit ist meistens einfach. Die Leute machen sie nur kompliziert, weil sie sich dann intelligenter vorkommen."

Hugo blickte wieder zu dem Bild. In Frankfurt hatte ihn diese Sprache noch körperlich abgestoßen. Ein Eisgefühl in den Venen. Jetzt, in diesem stickigen Büro, klang sie bereits weniger fremd. Das erschreckte ihn mehr als das Bild selbst. Er fragte sich, ob das bedeutete, dass er härter wurde, oder ob er nur müde war, Widerstand zu leisten. Die Grenze zwischen beiden schien verschwommen.

„Und was ist daran bedauernswert?"

Edward lächelte. Nicht breit. Ein Anflug von Zufriedenheit, als hätte Hugo einen Test bestanden.

„Jetzt hast du die richtige Frage gestellt." Er deutete auf das Bild. „Die Tragödie kommt später. Irgendwann verliebst du dich in eine Muschi und redest dir ein, diese eine sei anders. Dass sie deine sei." Pause. „Dann stellst du fest, dass sie die Hälfte deines Geldes frisst. Dass sie nicht anders ist. Dass sie nur besser gespielt hat."

Hugo schwieg. Ein kleiner, hässlicher Teil von ihm wusste, dass da etwas Wahres dran war. Er dachte an die Mädchen in seiner Schule, an die Blicke, die er nie richtig deuten konnte, an das Gefühl, immer einer Logik zu folgen, die die anderen kannten und er nicht. Vielleicht war das hier die gleiche Logik, nur teurer.

„Dann bist du entsetzt", fuhr Edward fort, leiser. „Du wusstest es vorher. Aber du dachtest, für dich würden andere Regeln gelten."

„Und Moral?", fragte Hugo. Seine Stimme klang rauer als beabsichtigt. Er hätte das Wort nicht sagen sollen. Es klang nach seinem Vater, nach der Küche in Hamburg, nach dem Geruch von Bratkartoffeln und Erwartung.

Edward lachte. Kurz, abgehackt. „Komm mir nicht mit Moral. Kauf dir ein Buch über die Borgia. Moral ist das Lügengebäude, das die Leute sich bauen, damit sie nachts schlafen können. In diesem Büro sprechen wir Klartext. Ich will Geld verdienen. Sehr viel Geld. Wenn du dir bei einer Bewertung unsicher bist, sagst du es. Und wenn du was über Muschis wissen willst -- fragst du. Kein Theater."

Hugo sagte nichts. Er spürte, wie etwas in ihm kippte. Seine Überzeugungen waren ohnehin brüchig geworden seit Frankfurt, aber jetzt merkte er, dass es nicht mehr darum ging, was er glaubte. Es ging darum, wie er sich verhielt. Er stand da und merkte, dass er nicht widersprechen wollte. Er wollte gefragt werden. Er wollte dazugehören zu denen, die solche Sätze sagen durften, ohne dass jemand den Kopf schüttelte.

„Du kannst mich für ein Arschloch halten. Damit kann ich leben. Gefährlich werden die Leute, die dir mit Moral und Anstand kommen. Die lächeln, während sie dir das Messer zwischen die Rippen rammen. Ich ramm es wenigstens von vorne."

Er musterte Hugo. Zu lang. Als hätte er nicht nur die Kleidung, sondern das analysiert, was darunter lag. Die Unsicherheit. Die Gier.

Dann wechselte er das Thema so abrupt, dass Hugo zunächst glaubte, sich verhört zu haben.

„Wie oft wichst du?"

Hugo starrte ihn an. „Was?"

„Wie oft", schob Edward grob nach. Kein Lächeln. Keine Entschuldigung. „Ich habe dich nicht gefragt, ob du auf Pussys stehst. Ob du schwul bist, interessiert mich überhaupt nicht. Ich will wissen, ob du deinen Trieb unter Kontrolle hast. Oder ob er dich kontrolliert."

Hugo schwieg. Ihm war peinlich. Die Frage selbst hätte er vielleicht noch abgetan, aber die Art, wie sie gestellt wurde, ließ ihn sich vorkommen wie ein Tier auf dem Präsentiertisch. Aber gleichzeitig -- und das war das Verstörende -- spürte er etwas anderes. Erleichterung. Endlich sprach jemand aus, was sonst nur gemurmelt wurde. Keine Umschreibungen, keine Verlegenheit.

„Du denkst immer noch, ich rede über Sex", sagte Edward. „Ich rede über Konzentration. Hier reden wir über richtige Summen. Wenn du eine Entscheidung triffst, will ich deinen klaren Kopf am Tisch haben. Nicht den eines zwanzigjährigen Trottels, der seit Stunden irgendeiner Frau hinterherhechelt. Hormone machen blind, Hugo. Und Blindheit kostet hier Geld. Mein Geld."

„Und deine Lösung ist wichsen?" Hugos Stimme klang schriller als beabsichtigt. Er wollte sich nicht lächerlich machen, aber das Wort klang absurd in seinem Mund, wie ein Fremdwort, das er nicht richtig aussprechen konnte.

Edward grinste. Zum ersten Mal sah etwas Menschliches durch die Maske. „Meine Lösung ist: Kümmere dich um deinen Scheiß, bevor du durch diese Tür kommst. Egal wie. Hauptsache, wenn du hier sitzt, bist du hier. Nicht mit dem Kopf bei irgendeiner Fotze."

Hugo musste unwillkürlich lachen. Es entwich ihm wie ein Husten. Das Lachen brach etwas in ihm. Die Anspannung, den letzten Rest Distanz. Er wusste nicht, ob er lachen sollte, aber es tat gut. Es war wie ein Eintrittsritual, das er bestanden hatte ohne zu wissen, worauf er sich eingelassen hatte.

„Das meinst du ernst?"

„Vollkommen." Edward zeigte auf das Bild. „Anspannung ist wichtig. Gier ist wichtig. Gier ist Treibstoff. Aber wenn dein sexueller Trieb lauter wird als dein Verstand, hast du ein Problem. Dann bist du nicht mehr der Jäger. Dann bist du das Opfer. Und Opfer verdienen kein Geld."

Er beugte sich vor. Sein Gesicht war jetzt nur noch einen halben Meter entfernt. Hugo roch sein Aftershave. Teuer, holzig, aggressiv.

„Ich will Geld machen, Hugo. Dafür brauche ich jemanden, der die Spannung aushält. Zwischen dem, was er haben will, und dem, was er tun muss."

Hugo blickte noch einmal auf das Bild. Es erschien ihm wie ein Spiegel. Verzerrt, hässlich, aber nicht falsch. Er fragte sich, ob Edward recht hatte. Ob alles, was er bisher geglaubt hatte, nur Verpackung war. Die Liebe seiner Mutter, die Strenge seines Vaters, die Vorstellung, dass harte Arbeit und Anstand irgendwann belohnt würden. Vielleicht war das alles nur die Geschichte, die man denen erzählte, die nicht wussten, wo das wirkliche Geld gemacht wurde.

Als er das Büro verließ, überkam ihn ein Gefühl aus Scham und Ekel. Aber darunter lag etwas anderes. Das flirrende, süße Gefühl von Macht. Von Zugehörigkeit. Er hatte den Eindruck, eine Tür geöffnet zu haben, hinter der es dunkel war, aber in der Dunkelheit bewegte sich etwas Lebendiges, und er wollte wissen, was es war.

Draußen wartete Claire. Sie saß an einem Schreibtisch im Vorzimmer. Kurzes dunkelblondes Haar, dezente Perlenkette, altrosa Blazer über grauer Bluse. Als sie aufsah, musterte sie ihn ruhig und sachlich, ohne erkennbare Neugier. Sie war etwas dicklich, schätzte Hugo, vielleicht acht Jahre älter als er. Unattraktiv war sie nicht, aber in einer Art, die für ihn keine Spannung erzeugte. Ihr Bauch war weich, eine Rundung unter der Bluse, die er registrierte, weil er alles registrierte, aber die ihn nicht interessierte.

„Herr Voss. Ich bin Claire. Edward hat mich Ihnen als persönliche Assistentin zugeteilt. Ich soll Ihnen den Einstieg erleichtern, Ihnen alles zeigen und mich künftig um alles kümmern, was Sie brauchen, damit Sie sich auf Ihre Arbeit konzentrieren können."

„Ich brauche einen Englischlehrer", sagte Hugo. „Jeden Werktag. Sechs Uhr dreißig bis acht Uhr dreißig. Morgens."

Claire blinzelte. „Jeden Tag? Zwei Stunden?"

„Zehn Stunden pro Woche. Ja."

„Die meisten fragen nach zwei, drei Stunden."

„Ich bin nicht die meisten."

Sie verzog den Mund zu einer Bewertung. „Und sonst?"

„Jemanden, der die Wohnung sauber hält, die Wäsche macht und einkauft. Montag bis Freitag. Tagsüber. Wenn ich abends zurückkomme, soll alles erledigt sein."

„Eine Haushälterin."

„Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich nenne es funktional."

„Funktional", wiederholte sie. „Noch etwas?"

„Ich brauche einen Schneider."

Claires Stift blieb in der Luft hängen. „Sie sind erst gestern angekommen."

„Und ich sehe aus wie jemand, der erst gestern angekommen ist. Das ändert sich aber."

Sie legte den Stift hin. „Edward hat gesagt, Sie wären jung. Er hat nicht gesagt, dass Sie so... sicher."

„Ich bin nicht sicher. Ich bin nur schneller als andere, wenn es darum geht, Probleme zu lösen, statt über sie zu diskutieren."

Claire nickte langsam. „Dann werde ich den Lehrer besorgen. Einen älteren Briten, nehme ich an? Korrekt, streng?"

„Jemanden, der mich nicht mit Schulenglisch langweilt."

„Verstanden."

Sie stand auf. Hugo bemerkte, wie sie sich mit einer gewissen Schwere bewegte, beharrlich, als würde sie jeden Schritt vorher berechnen. Er fiel ihr auf, das wusste er. Nicht weil sie es zeigte, sondern weil sie es nicht zeigte. Sie war gut darin, Distanz zu wahren, und er merkte, dass er das brauchte. Jemanden, der funktionierte, ohne ihn zu kennen.

„Noch etwas", sagte Hugo. „Sagen Sie dem Lehrer: Ich will keine Grammatik. Ich will Schnelligkeit. Ich will verstehen, was diese Leute hier sagen, wenn sie drei Sätze in einer Sekunde raushauen. Und ich will selbst so sprechen, dass sie mich nicht für einen deutschen Schuljungen halten."

In ihren Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte. Vielleicht Respekt. Vielleicht auch nur die Erkenntnis, dass dieser Junge zuhörte, ohne zu hören. Dass er die passenden Fragen stellte, während sein Kopf bereits woanders war.

„Ich werde es ihm ausrichten."

Als Claire sich wieder setzte, blieb Hugo noch einen Augenblick vor ihrem Schreibtisch stehen. Es war das erste Mal, dass er einem anderen Menschen Teile seines neuen Lebens überließ. In Frankfurt hatte er fast alles selbst kontrolliert; hier musste er lernen, dass Kontrolle auch bedeuten konnte, die richtigen Menschen auszuwählen und ihnen anschließend nicht bei jedem Handgriff über die Schulter zu sehen. Der Gedanke behagte ihm nicht. Gerade deshalb wusste er, dass er sich daran gewöhnen musste.

Mr. Pembroke erschien am nächsten Morgen um halb sieben. Sechsundfünfzig, Tweed-Anzug, Pfeifentabak, Menthol. Er setzte sich an den Küchentisch, öffnete eine Mappe und sagte: „Guten Morgen, Herr Voss. Ihre Assistentin hat mitgeteilt, dass Sie kein Schulenglisch wünschen. Dann fangen wir an."

Hugo las einen Text aus der Financial Times vor. Pembroke unterbrach ihn alle drei Wörter. „Nein. Nicht con-TRO-versy. CON-troversy. Der Akzent liegt auf der ersten Silbe. Noch einmal."

Zwei Stunden lang. Keine Pause. Als Pembroke ging, schmerzte Hugos Kiefer von der ungewohnten Artikulation. Aber er merkte, dass er schneller geworden war. Die Worte fühlten sich weniger wie Watte in seinem Mund an, mehr wie Werkzeuge, die er endlich richtig greifen konnte.

Parallel zum Englischunterricht organisierte Claire einen Etikette-Coach. Ein älterer Herr, ehemaliger Militär, der mittwochs abends in Hugos Wohnzimmer erschien und ihm beibrachte, wie man eine Gabel hielt, eine Serviette auf den Schoß legte und eine Einladung formulierte. Hugo saß da und dachte an den Trading Floor, wo Milliarden bewegt wurden, während er hier lernte, von links zu essen. Es war absurd. Aber er übte. Denn er merkte schnell, dass er in The Corinthian und bei Edward ohne diese Codes angeeckt wäre. Es war eine weitere Rüstung, die er anlegte, eine weitere Sprache, die er lernen musste, um nicht als Eindringling erkannt zu werden.

In den ersten Tagen in London beobachtete Hugo den Verkehr. Das Stauchaos, die Parkplatzsuche, die Zeit, die man im Blech verlor. Dann hatte er gerechnet. Die Underground war schneller. Also fuhr er damit, obwohl er sie nicht mochte.

Die Menschen an sich störten ihn nicht. Es war die Dichte, das ständige Reagieren. Die Rush Hour presste ihn gegen die Tür eines Wagons, der nach altem Regenmantel und heißer Elektrizität roch. Er hielt sich an der Stange fest und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Es war keine Furcht, die seinen Puls trieb, sondern die Anstrengung, zu viele Eindrücke gleichzeitig zu verarbeiten. Zu viele Gesichter, Gerüche, Ansagen, die er kaum verstand, die Enge. Er zählte die Stationen, um sich zu beruhigen. Blackfriars. Mansion House. Cannon Street. Jeder Halt ein kleiner Sieg über die Masse, die ihn umschloss.

Die ersten zwei Wochen im Büro verliefen anders als in Frankfurt.

Hugo saß direkt neben dem Trading Floor, in einem offenen Bereich, der von drei Seiten Glas umgeben war. Die Händler waren lauter, schneller, internationaler. Schottisch, australisch, südafrikanisch, amerikanisch. Die Orders auf den Tickern waren größer. Nicht Millionen. Hundert Millionen. Milliarden.

Hugo war Analyst. Er kaufte nicht, er verkaufte nicht. Er saß an seinem Schreibtisch, las Geschäftsberichte, Quartalszahlen, Bilanzen, und schrieb Empfehlungen. Kaufen. Verkaufen. Halten. Dann gab er seine Analyse an die Händler weiter, und die entschieden.

Nach etwa zwei Wochen wurde Edward ungeduldig.

Er trat an Hugos Schreibtisch. „Wo sind die Analysen?"

„Ich habe noch keine fertig."

„Warum nicht?"

„Weil ich mir erst einen Überblick verschaffen will. Die Märkte hier sind anders. Wenn ich jetzt etwas liefere, ist es halbgar."

Edward starrte ihn an. Kalt. Ohne den leisesten Funken Verständnis. „Du bist nicht hier, um dir einen Überblick zu verschaffen. Du bist hier, um Geld zu verdienen. Wenn ich einen Überblick will, kaufe ich mir einen Reiseführer."

Er ging. Hugo spürte, wie sich die Männer am Nebentisch umdrehten, wie das Flüstern begann. Der junge Deutsche. Edward hat ihn persönlich geholt, und er liefert nichts.

Es war gefährlich. In Frankfurt hatte Hugo sich einen Namen gemacht. Hier war er ein Niemand. Die Worte trafen ihn härter, als er zugeben wollte. Ihre Ungerechtigkeit hätte er ertragen. Aber sie stimmten.

Hugo arbeitete schneller. Er stand um fünf auf, las vor Pembrokes Stunde die Kursblätter, arbeitete bis Mitternacht. Die Haushälterin, die Claire gefunden hatte -- eine schweigsame Frau aus Polen namens Danuta -- hinterließ Essen im Kühlschrank, das er manchmal kalt aß.

In dieser Zeit bekam Hugo auch das erste Mal direkt mit, wie das Büro tickte. Es war kurz nach einem erfolgreichen Trade, einer der Händler, ein schweigsamer Waliser mit roten Augenrändern, hielt ihm ein kleines silbernes Röhrchen hin. „Hilft beim Durchhalten", sagte er leise. „Willst du?"

Hugo spürte den Geruch, bevor er das Röhrchen richtig sah. Chemisch, süßlich. Er dachte an Edwards Worte. Hormone machen blind. Drogen machten nicht nur blind. Sie machten abhängig. Und Abhängigkeit bedeutete, die Kontrolle abzugeben.

„Nicht mein Scheiß", sagte Hugo. Nicht empört, fast gelangweilt.

Der Waliser zuckte mit den Schultern. „Deine Entscheidung."

Hugo beobachtete, wie der Mann wegging. Ein Teil von ihm fragte sich, ob sie ihn für langweilig hielten. Ein anderer Teil war stolz. Er hatte die Disziplin, die Edward forderte. Er lehnte nicht aus moralischen Gründen ab. Er lehnte ab, weil er das Kalkül verstand. Er wusste, dass er in diesem Spiel nur gewinnen konnte, wenn er nüchtern blieb. Nicht nur vom Alkohol, vom Rausch, von allem, was den Kopf vernebelte.

Die erste Analyse war gut. Ein britischer Chemiekonzern, den der Markt als langweilig abgetan hatte. Hugo fand eine Tochtergesellschaft in Singapur, deren Gewinne nicht konsolidiert worden waren. Die Händler kauften. Der Kurs stieg um vierundzwanzig Prozent. Die Bank machte zwölf Millionen Mark Gewinn.

Für einen kurzen Augenblick wartete Hugo auf etwas, ohne sich einzugestehen, worauf. Ein Satz von Edward hätte genügt, vielleicht sogar nur ein Blick, der länger dauerte als gewöhnlich. Zwölf Millionen Mark waren für Hugo noch immer eine Summe, die sich seinem wirklichen Begreifen entzog. Für die Männer um ihn herum schien sie lediglich zu beweisen, dass er getan hatte, wofür man ihn bezahlte.

Edward sagte nichts. Er nickte und ging weiter.

Die zweite Analyse war eine Katastrophe.

Ein Software-Unternehmen. Die Zahlen sahen solide aus. Aber Hugo hatte übersehen, dass das Unternehmen gerade einen Großkunden verloren hatte. Eine Meldung in einem elektronischen Branchendienst, den er nicht verfolgt hatte. Die Händler bauten eine Long-Position auf. In der darauffolgenden Woche veröffentlichte das Unternehmen eine Pressemitteilung und der Kurs fiel um zwölf Prozent.

Edward ließ Hugo in den Handelssaal kommen. Vor allen.

„Das hier", sagte er und zeigte auf den Bildschirm, auf dem die roten Zahlen leuchteten, „ist dein Scheiß, Voss. Zwölf Prozent an einem Tag. Der Markt ist nicht irrational. Du warst faul." Dabei ballte er die rechte Hand zur Faust und schlug mit der linken, in der er einige Papiere hielt, auf den Tisch.

Hugo spürte, wie sich sein Gesicht erhitzte. „Ich habe den Dienst nicht gesehen."

„Dann sieh ihn. Und wenn du ihn nicht siehst, suchst du weiter. Und wenn du nicht weiter suchst, bist du hier fehl am Platz. Ich habe dich nicht geholt, damit du Bilanzen liest, die jeder andere auch liest. Ich habe dich geholt, damit du das siehst, was andere nicht sehen."

Dann warf er die Papiere vor Hugos Füße und drehte sich um und ging. Die Händler sahen Hugo an. Niemand lachte. Aber Hugo spürte ihre Blicke wie Nadelstiche, als er die Papiere aufhob.

Er ging zurück an seinen Schreibtisch. Seine Hände zitterten. Angst empfand er nicht. Er war wütend auf sich selbst. Er setzte sich, aber der Stuhl schien härter als sonst, die Lehne drückte gegen seine Schulterblätter wie eine Erinnerung. Die Blicke der Händler spürte er noch immer, kleine stechende Punkte auf seiner Haut, die nicht wegwollten. Er öffnete den Branchendienst, den er übersehen hatte, und las die Meldung. Sie war zwei Wochen alt. Zwei Wochen. Er spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Nicht Hunger quälte ihn, sondern etwas Härteres. Ein Gefühl, das er kannte: das Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein. In Frankfurt war es sein Vater gewesen, der das ausgelöst hatte. Hier war es Edward. Und das Schlimmste war: Edward hatte recht.

Er stand auf, ging ins Bad, schloss die Tür und starrte in den Spiegel. Sein Gesicht war blass, die Augen gerötet. Er drehte das kalte Wasser auf und hielt sich die Hände darunter, bis sie aufhörten zu zittern. Dann sah er sich noch einmal an. Ein junger Mann in einem teuren Anzug, der aussah wie ein Junge, der sich verlaufen hatte. Er hasste diesen Blick. Er hasste ihn so sehr, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Er dachte an seinen Vater, der nie zufrieden gewesen war, an die Lehrer, die ihn für arrogant gehalten hatten, an die Mädchen, die ihn nicht beachtet hatten. Alle hatten sie dasselbe gesehen: einen Jungen, der mehr versprach, als er hielt. Er würde ihnen beweisen, dass sie unrecht hatten. Nicht durch Worte. Durch Zahlen.

Als er zurückkam, löschte er alle persönlichen Dateien auf seinem Computer. Nichts Privates. Nichts, was ablenkte. Dann begann er zu lesen.

Er arbeitete drei Tage ohne Pause. Er las nicht nur Geschäftsberichte, sondern Fachpublikationen, elektronische Dienste, Zeitungsarchive. Er rief bei einem ehemaligen Mitarbeiter des Software-Unternehmens an, gab sich als Journalist aus, und erfuhr, dass der Kunde schon seit Monaten unzufrieden gewesen war. Die Information war da gewesen. Er hatte sie nur nicht gefunden.

Die dritte Analyse war hervorragend. Ein australischer Bergbaukonzern. Hugo fand heraus, dass das Unternehmen stillschweigend ein neues Verfahren zur Lithiumgewinnung testete. Die Händler bauten eine Position auf. Innerhalb einer Woche stieg der Kurs um achtzehn Prozent.

Die vierte funktionierte. Die fünfte. Die sechste.

Edward klopfte ihm auf die Schulter. Eine kleine Geste, fast beiläufig. Aber Hugo merkte, wie sich etwas im Raum veränderte. Die Händler nickten ihm zu. Einer, ein älterer Mann mit einer Narbe über der linken Augenbraue, sagte: „Gut gemacht. Das war sauber."

Hugo spürte etwas in seiner Brust. Es war kein Stolz, wie er ihn kannte, dieser warme, weiche Drang, sich freuen zu wollen. Es war etwas Schärferes, Fast-Schmerzhaftes. Es war das Gefühl, endlich gesehen zu werden, und gleichzeitig die Erkenntnis, wie wenig es bedeutete. Das Nicken der Händler, das Klopfen auf die Schulter -- es war wie ein Tropfen Wasser auf heißem Stein. Er wollte mehr. Er wollte, dass sie ihn nicht nur anerkannten, sondern dass sie ihn brauchten. Dass sie ohne ihn nicht mehr konnten. Dass seine Analysen nicht mehr nur Empfehlungen waren, sondern Befehle.

Aber er lächelte nicht. Er bemerkte etwas anderes. Edwards Zuneigung hing nicht an ihm. Sie hing an seinen Ergebnissen. An dem Tag, an dem er nicht lieferte, würde das Klopfen aufhören. Das war neu. Und es machte ihn härter. Er merkte, dass er diese Kälte brauchte. Sie schützte ihn vor der Enttäuschung, die kommen würde, wenn er sich einredete, hier würde man ihn mögen.

Kurz vor dem Jahreswechsel 1995/96, als Hugo bereits seit fast drei Monaten in London lebte, dachte er an einem dieser langen Winterabende zum ersten Mal bewusst über sein Vermögen nach. Er saß in seiner Wohnung, der Laptop war an, und die Zahlen leuchteten grün. Ende 1995: umgerechnet 13,04 Millionen Euro. Er starrte auf die Ziffern. Sie wirkten abstrakt, wie eine Telefonnummer, die ihm nichts sagte. Er verglich sie mit dem, was sein Vater in zwanzig Jahren verdient hatte. Mit dem, was seine Mutter für ein Leben an Sparbüchern angehäuft hatte. Die Zahlen waren größer, aber sie bedeuteten noch nichts. Er spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Nicht Freude war es, die ihn durchfuhr, sondern etwas anderes. Vor der Erkenntnis, dass er nicht mehr aufhören konnte, weil die Maschine nun selbst lief.

Als er den Laptop zuklappte, war die Wohnung unverändert still. Kein Geräusch, kein Gegenstand und kein Mensch bestätigte ihm, dass er nun Millionär war. Sein Leben hatte mit der Geschwindigkeit seines Vermögens nicht Schritt gehalten. Er besaß mehr, als er sich wenige Jahre zuvor hatte vorstellen können, und saß dennoch allein an demselben Küchentisch, an dem Pembroke ihn jeden Morgen seine Aussprache wiederholen ließ. Zum ersten Mal ahnte Hugo, dass Geld eine Entfernung schaffen konnte, lange bevor es einem das Gefühl gab, irgendwo angekommen zu sein.

Mit dem wachsenden Vermögen kam auch der erste Besuch auf der Savile Row. Claire hatte einen Termin bei Henry Poole organisiert. Hugo betrat die heilige Halle der britischen Schneiderkunst und fühlte sich wie ein Betrüger. Der junge Deutsche, der nicht wusste, wie man sich bei einem Maßanzug verhielt. Der Schneider berührte ihn, maß ihn. Hugo spürte die kühlen Finger des Maßbandes am Hals. Der Stoff wurde ihm gezeigt. Er verstand nicht, warum der eine Anzug £1.800 kostete und der andere £1.300. Er sagte „Ja" zu allem, weil er nicht zugeben wollte, dass er es nicht verstand.

Maßgefertigte Schuhe sollten ein Leben halten. Hugo zog sie an, stand auf, und sie schmerzten sofort. Kein Wunder, dachte er. So unbequem und hart wie die sind, trägt man sie schließlich kaum. Er kaufte drei Paare. Die Rechnung belief sich auf mehrere tausend Pfund. Er ärgerte sich. Es lag nicht daran, dass er es sich nicht hätte leisten können. Er hielt es einfach für verschwendet. Aber er hatte bemerkt, dass die anderen ihn anders behandelten. Die Stewardess war aufmerksamer, die Händler grüßten ihn mit einem Kopfnicken, das fast respektvoll wirkte. Es war lächerlich. Und es war effektiv.

An einem Abend, als Danuta, die Haushälterin, gerade gehen wollte, stand sie zögernd in der Küchentür. Hugo saß am Tisch, müde vom Arbeiten, und sah auf ihre Hände. Sie hielt einen Zettel.

„Herr Voss", sagte sie auf gebrochenem Deutsch. „Das Geld in der Schublade. Es ist alle."

Hugo nickte. „Ich lege Ihnen morgen Nachschub hin. Wenn Sie merken, dass es bald alle ist, kleben Sie mir einfach ein Post-it von innen an die Wohnungstür."

Sie zögerte. „Und... ich habe mir mehr genommen. Diesen Monat. Ich dachte, es reicht nicht."

Hugo sah sie an. Sie stand da, verlegen, die Hände in der Schürze.

„Wollen Sie gar nicht wissen, warum?", fragte sie.

Hugo lächelte müde. „Ich bin sicher, ich hatte meine Gründe."

Er meinte: Er hatte seine Gründe, ihr so viel Geld zu geben. Aber Danuta verstand es anders. Sie runzelte die Stirn.

„Das kann nicht so laufen, Herr Voss. Künftig ordentlich überweisen. Abrechnen."

„Ja, bitte", sagte Hugo. „Das wäre praktischer."

Er sah ihr nach, als sie ging. Er dachte nicht, dass sie gestohlen hatte. Er dachte, dass sie verstanden hatte, wie das System funktionierte. Ein Funke Respekt, gemischt mit der Erkenntnis, dass er selbst das System geschaffen hatte. Er wusste nicht, ob das eine gute oder eine gefährliche Entwicklung war. Aber es war seine.

Der Club hieß The Corinthian und lag in einer Seitenstraße nahe der Bank of England. Schwere Holztür, altlederner Geruch, gedämpftes Licht. Die Stimmen der Männer an den Tischen klangen wie das Murmeln eines Bachs, der über Geld sprach.

Hugo saß an der Bar. Er war allein gekommen, nach einem Tag mit zwei erfolgreichen Analysen. Er trank einen Whisky und lauschte.

„...und dann sagt der Wichser, er hätte die Position nicht verkauft, wenn er gewusst hätte, dass der Kurs fällt. Ich sag: Du hättest wissen müssen, dass der Kurs fällt, du Fotze..."

„Hugo Voss?"

Hugo drehte sich um. Hinter ihm standen drei Menschen. Eine Frau und zwei Männer. Die Frau hatte gesprochen. Sie war etwa siebenundzwanzig, deutlich älter als Hugo, wirkte aber nicht wie jemand, der sich über sein Alter Autorität verschaffen musste. Dunkles Haar, strenges, schönes Gesicht, marineblauer Blazer, weißes Seidentop. Ihr Bauch war flach, eine harte Linie unter dem Stoff. Hugo bemerkte es, weil sein Blick automatisch dorthin ging, und er musste sich zwingen, in ihre Augen zu sehen.

„Ja", sagte Hugo.

„Dr. Leila Farhadi.“ Sie streckte ihm die Hand hin. Der Händedruck war fest, trocken. „Helvetische Unionbank. Ich habe von Ihnen gehört."

„Vom Markt?"

„Vom Markt." Sie lächelte nicht. „Man spricht in der City über den jungen Deutschen, den Edward Middel geklaut hat. Einige sagen, Sie wären ein Wunderkind. Andere sagen, ein Glücksritter. Ich wollte selbst sehen."

„Und?"

„Sie sind jünger und unscheinbarer, als ich erwartet habe."

Hugo lachte. Es war echt, ungeplant. Er bemerkte, wie sich die Anspannung in seinem Nacken, die er gar nicht mehr registriert hatte, langsam löste. Er war nicht mehr der Jüngste im Raum, nicht mehr der Deutsche, den alle beobachteten. Er war einer von ihnen. Fast.

Der erste Mann trat näher. Groß, schlank, zu langes schwarzes Haar, Brille mit dünnen Fassungen. „Dr. Arjun Mehta. Harrington & Pierce. Technologieanalyse. Sie haben den australischen Bergbau richtig gesehen. Nicht schlecht."

„Danke."

Der zweite Mann war jünger als Hugo, neunzehn oder zwanzig, Werbegesicht, hellbraunes Haar, blaue Augen. Maßgeschneiderter Anzug. „Alexander Whitmore“, sagte er. Überrascht, fast irritiert. „DHK Bank. London. Dann gehören wir wohl zum selben Verein. Ich hatte Sie mir anders vorgestellt."

Farhadi warf ihm einen Blick zu. „Weil du nicht zuhörst, Alex. Du bist zu sehr damit beschäftigt, dich selbst zu bewundern."

„Fick dich, Leila", sagte Whitmore, aber er lächelte dabei.

„Setzen wir uns", sagte Mehta. „Ich habe Durst."

Sie nahmen einen Tisch in der Ecke. Farhadi lehnte sich zurück. Ihre Augen musterten Hugo mit einer Intensität, die an Edward erinnerte, aber weniger kalt war.

„Erzählen Sie uns, Herr Voss. Wie schafft ein Zwanzigjähriger es, in acht Monaten die Hälfte der City alt aussehen zu lassen?"

„Indem ich arbeite. Mehr als die anderen."

„Alle arbeiten hier viel", sagte Whitmore. „Das ist keine Antwort. Das ist eine Ausrede für Langweiler."

„Dann die andere Antwort", sagte Hugo. „Ich lese, was andere nicht lesen. Ich rufe an, wo andere nicht anrufen. Und wenn ich einen Fehler mache, dann suche ich den Grund, statt einen Schuldigen."

Mehta hob sein Glas. „Der Software-Deal. Die zwölf Prozent. Das war Ihr Fehler?"

„Ja."

„Und Sie stehen hier und trinken mit uns, statt in einer Kiste nach Hause zu schiffen?" Mehta lächelte. „Edward Middel muss Sie wirklich mögen."

„Edward Middel interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob er mich mag", sagte Hugo. Es klang härter als beabsichtigt. „Er interessiert sich dafür, ob ich Geld verdiene. Gestern war ich ein Genie. Heute bin ich ein Mensch. Wenn ich morgen verliere, bin ich wieder nichts."

Farhadi nickte langsam. „Das ist die ehrlichste Antwort, die ich seit Monaten hier gehört habe. Die meisten reden sich ein, dass sie unersetzlich sind. Dummheit. Wenn du verlierst, bist du weg. Punkt."

„Netzwerke helfen", sagte Whitmore.

„Netzwerke helfen denen, die nicht verlieren", sagte Farhadi. „Wenn du verlierst, vergessen dich deine Freunde schneller, als du ›Insolvenz‹ sagen kannst."

„Das ist zynisch", sagte Whitmore.

„Das ist London", sagte Mehta. Er stellte das Glas ab. „Hugo -- darf ich Hugo sagen? -- hat recht. Hier zählt das Ergebnis. Alles andere ist Gesellschaftsspiel."

Sie sprachen weiter. Über den Markt, über einen Hedgefonds-Manager, der gerade seine dritte Frau verlor. Farhadi sagte: „Der hat sein Geld mit dem Schwanz verdient und verliert es jetzt mit dem gleichen Organ. Symmetrie."

Whitmore lachte. „Leila, du bist die einzige Frau, die ich kenne, die ›Schwanz‹ sagt, ohne zu erröten."

„Weil ich keinen habe und deshalb keinen Respekt davor", sagte sie trocken.

Hugo lachte. Es war das erste Mal seit Wochen, dass er sich so richtig entspannte. Ihre Nettigkeit hätte ihn nicht erleichtert. Es war ihre Ehrlichkeit, die ihn freimachte. Es war, als hätte er stundenlang eine fremde Sprache gesprochen und plötzlich fiel ihm auf, dass er sie bereits fließend beherrschte.

Als sie gingen, tauschten sie Visitenkarten aus. Keine große Geste. Nur ein kleiner Stapel Pappe. Aber Hugo spürte das Gewicht jedes einzelnen Kartons in seiner Hand. Es war mehr als Kontaktinformation.

Auf dem Heimweg steckte Hugo die Karten nicht achtlos in die Manteltasche, sondern ordnete sie zweimal nach Namen und Bank. In Frankfurt hatte er sich seinen Platz durch Leistung erkämpft. An diesem Abend begriff er, dass Leistung allein zwar die Tür öffnete, aber erst andere Menschen entschieden, ob sie einen hindurchgehen ließen. Der Gedanke machte ihn abhängig von einem Urteil, das er nicht berechnen konnte. Genau das beunruhigte ihn. Es war ein Versprechen, das niemand ausgesprochen hatte: Du bist drin. Vielleicht. Wenn du lieferst.*

Analysen, Treffer, Fehler, Korrekturen. Der Winter war vergangen, ohne dass Hugo ihn außerhalb der Wege zwischen seiner Wohnung, der Bank und dem Club bewusst wahrgenommen hatte. Auf den Winter war der Frühling gefolgt, und irgendwann waren es nicht mehr Wochen, sondern Monate gewesen. Hugo hatte aufgehört, die Tage zu benennen. Im Juli 1996, neun Monate nach seiner Ankunft in London, flog Edward Middel mit Hugo und drei seiner Händler in einem Privatjet nach Nizza. Edward nannte es „Strategische Neuausrichtung", aber Hugo wusste, was es war: Feiern. Sechshundert Millionen bewegt. Fünfunddreißig Prozent Gewinn

Der Jet war klein, aber luxuriös: Leder, dunkles Holz, ein Steward, der Drinks servierte, bevor man danach fragte. Hugo saß am Fenster und trug nun Anzüge von Savile Row -- drei Stück, maßgeschneidert. Manchmal, wenn er nachts aufwachte, wusste er eine Sekunde lang nicht, in welcher Stadt er war. Das Gefühl war nicht beunruhigend. Es war befreiend. Er war nirgendwo zu Hause und überall angekommen.

In Nizza fuhren sie mit einem Mietwagen weiter nach Cannes, zwei Nächte im Carlton. Edward hatte Suiten gebucht, und am ersten Abend aßen sie in einem Restaurant an der Croisette. Edward trank viel. Er erzählte Geschichten über den Markt, über Frauen, über einen Prinzen, den er angeblich in Monaco um vier Millionen erleichtert hatte. Die Händler lachten. Hugo lachte mit. Aber er bemerkte, dass er nicht wirklich dazugehörte. Er war der Analyst, der Junge, der das Denken übernommen hatte. Er war nützlich, aber noch nicht gleichwertig. Das störte ihn mehr, als er zugeben wollte.

Nach dem Essen gingen sie in eine Bar, später in einen Club. Die Musik war laut, die Frauen jung und schön, viele von ihnen aus Tschechien, Ungarn, Polen oder Russland. „Kommunistinnen", flüsterte einer der Händler Hugo ins Ohr. „Die Eltern haben sie zum Ballett geschickt. Deshalb sind sie so verdammt beweglich. Jetzt kann man sie in verschiedenen Stellungen besser ficken."

Hugo lächelte. Es war nur ein Witz, einer von vielen. Aber er merkte, dass er die Sprache bereits verstand. Nicht als Beleidigung, sondern als Code. Ein Code, der sagte: Hier gehören wir dazu. Wir sind die Jäger.

Er ging früh, um zwei Uhr morgens. Er wollte nicht mehr trinken. Er wollte schlafen.

Als er durch die Lobby des Carlton ging, hörte er seinen Namen.

„Hugo!"

Er drehte sich um. An der Bar saßen zwei der drei aus dem Club in London. Arjun Mehta und Alexander Whitmore. Hemden aufgeknöpft, Gläser in den Händen.

„Was machst du hier?", rief Whitmore. Er war betrunken. „Ich dachte, du bist das Arbeitstier, das nie feiert."

„Ich feiere anders", sagte Hugo und ging zu ihnen.

„Setz dich", sagte Mehta. Er schien nüchterner, aber seine Augen waren glasig. „Wir haben gerade über dich gesprochen."

„Schlecht, hoffe ich."

„Warum schlecht?"

„Weil gute Gerüchte langweilig sind."

Whitmore lachte. „Der Junge hat Humor."

Mehta deutete auf einen Stuhl. Hugo setzte sich. Der Kellner kam, und Hugo bestellte ein Wasser.

„Leila ist nicht hier", sagte Mehta. „Sie hasst Cannes. Zu viel Geld, zu wenig Substanz, sagt sie. Sie ist nach Spanien geflogen."

„Und ihr?"

„Wir sind hier, weil Alex eine Frau treffen wollte, die ihn nicht treffen wollte", sagte Mehta. „Und ich bin hier, weil ich keine Lust hatte, allein in London zu sitzen."

„Fick dich, Arjun", sagte Whitmore, aber ohne Wut. Er drehte sich zu Hugo. „Ich bin hier, weil das hier im Sommer das Zentrum der Welt ist. Und weil ich Geld habe, das ich ausgeben muss, bevor der Steuerberater kommt."

Sie sprachen. Über den Markt, über London, über die DHK Bank, bei der Whitmore arbeitete. Hugo erfuhr, dass Whitmore aus einer alten Londoner Bankerfamilie stammte, dass sein Vater bei der Bank of England gearbeitet hatte, dass er seit seinem sechzehnten Geburtstag ein eigenes Depot hatte.

„Und du?", fragte Whitmore. „Du warst mit sechzehn schon am Handeln, oder?"

„Mit fünfzehn", entgegnete Hugo.

„Fünfzehn?" Whitmore starrte ihn an. „Das ist krank."

„Ich hatte einen Bruder, der es mir erklärt hat", sagte Hugo. „Und einen Vater, der es mir nicht geglaubt hat."

Mehta nickte langsam. „Der Vater. Die Ursprungsgeschichte jedes Bankers. Entweder der Vater war erfolgreich, und der Sohn will es ihm gleichtun. Oder der Vater war ein Versager, und der Sohn will beweisen, dass er es besser macht. Welcher Typ bist du?"

Hugo dachte nach. „Der zweite", sagte er schließlich. „Mein Vater war kein Versager. Er hat nur nicht verstanden, was ich wollte. Und ich wollte nicht, dass er es versteht."

„Tief", sagte Whitmore und rollte mit den Augen. „Wir sind hier, um zu feiern, nicht um unsere Kindheitstraumata zu analysieren."

„Dann feier", sagte Hugo. „Ich gehe schlafen."

„Schon?" Mehta sah ihn an. „Es ist zwei Uhr morgens. In London fängt die Nacht gerade erst an."

„In London", sagte Hugo. „Hier bin ich müde."

Er stand auf. Aber bevor er ging, legte Mehta eine Hand auf seinen Arm.

„Hugo", sagte er leise. „Das mit der Software-Analyse. Die zwölf Prozent. Das passiert. Jedem. Die Frage ist nicht, ob du mal daneben greifst. Die Frage ist, ob du es abschüttelst und weitermachst. Das haben wir gemerkt. Leila, Alex und ich. Du bist nicht der Typ, der sich in Selbstmitleid suhlt. Das ist selten. Das ist wertvoll."

Hugo spürte, wie etwas in ihm nachgab. Nicht viel. Ein kleines Rucken, wie wenn man ein Fenster öffnet, das lange verklemmt war. Er hatte nicht gewusst, dass er das hören musste. Dass er irgendjemanden brauchte, der sagte, dass der Fehler nicht das Ende war, sondern nur ein Teil dessen, was er werden würde. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Edward nur Ergebnisse wollte. Dass sein Vater nur Ergebnisse gesehen hatte. Dass niemand nach dem Weg fragte, nur nach dem Ziel. Und jetzt sagte dieser Mann, den er kaum kannte, dass die Art, wie er fiel, wichtiger war als der Fall selbst.

„Danke", sagte Hugo.

„Nicht nötig", sagte Mehta. „Wir sehen uns in London. Und dann vielleicht öfter. Wenn du willst."

„Ich will", sagte Hugo.

Er ging. Auf dem Weg zu seinem Zimmer dachte er an das, was Mehta gesagt hatte. Abschütteln und weiter. Das war es. Fehlerfreiheit war ohnehin eine Lüge. Entscheidend war die Fähigkeit, weiterzumachen, wenn man auf die Fresse gefallen war.

Er öffnete die Tür zu seiner Suite. Sie war riesig, ein Bett für drei Personen. Er zog sich aus, legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke.

Draußen hörte er das Meer und das Lachen von Menschen, die noch feierten. Aber hier war es still. Und in dieser Stille spürte Hugo etwas, das er seit Frankfurt nicht mehr gespürt hatte.

Zu einer Gruppe junger Menschen, die genauso hungrig waren wie er und verstanden, dass man in diesem Geschäft entweder schnell war oder tot.

Er schlief ein. Ohne Musik, ohne Kassette. Zum ersten Mal seit Wochen.

Am nächsten Tag sah Hugo von den anderen erst am späten Nachmittag wieder etwas. Edward hatte den Vormittag verschlafen, zwei der Händler waren irgendwann zum Strand verschwunden, und Hugo hatte einige Stunden in seiner Suite verbracht, Zeitungen gelesen und Unterlagen durchgesehen.

Am Abend trafen sie sich wieder. Sie aßen in einem Restaurant am Yachthafen, diesmal ruhiger als am Vorabend. Fisch, Austern, Wein, den Edward bestellte, ohne die Karte länger als ein paar Sekunden anzusehen.

Als sie mit dem Essen fertig waren, legte Edward die Serviette hin.

„Wir gehen zurück ins Carlton", sagte er. „Und rauchen noch eine."

Sie gingen zurück zum Carlton und setzten sich draußen auf die Terrasse vor dem Hotel. Der Abend war kühl, und die Männer behielten ihre Mäntel an. Edward ließ Zigarren bringen. Er nahm eine aus dem Humidor, schnitt sie sorgfältig an, zündete sie an und lehnte sich zurück.

„Jetzt fehlt nur noch ein vernünftiger Whisky."

Als der Kellner kam, bestellte Edward einen Whisky.

„Und ein Nosing-Glas."

Der Kellner sah ihn verständnislos an.

„A whisky nosing glass."

Der Kellner entschuldigte sich. So ein Glas hätten sie nicht.

Edward sah zu den anderen und schüttelte langsam den Kopf.

„Franzosen."

Einer der Händler grinste.

„Sie können aus Trauben ein Vermögen machen", sagte Edward, „aber gib ihnen Whisky, und sie schütten ihn dir in einen verdammten Wassereimer."

Der Kellner verstand offenbar genug Englisch, um den Tonfall zu erfassen, ließ sich aber nichts anmerken.

„Kein Problem", sagte Edward. „Ich habe mein eigenes."

Hugo sah ihn an.

„Du hast ein Glas dabei?"

„Natürlich."

„Du reist mit einem Whiskyglas?"

Edward nahm einen Zug von seiner Zigarre.

„Man reist mit Dingen, auf die man sich verlassen kann."

Er stand auf und ging ins Hotel.

Ein paar Minuten später kam er tatsächlich mit einem Glas zurück.

Hugo betrachtete es. Es war kleiner als die üblichen Whiskygläser, unten bauchig und nach oben deutlich schmaler werdend.

Edward stellte es vor den Kellner.

„Da rein."

Der Kellner schenkte ein.

Edward nahm das Glas am Fuß, schwenkte es leicht und hielt es Hugo hin.

„Riech."

Hugo tat es.

„Und jetzt stell dir denselben Whisky in diesem breiten Scheißglas vor", sagte Edward und deutete auf eines der Gläser auf dem Tisch. „Da verfliegt dir die Hälfte. Hier bekommt der Whisky unten Fläche, aber oben wird das Aroma gebündelt."

Er drehte das Glas langsam zwischen den Fingern.

„Die Form entscheidet darüber, was du riechst. Und was du riechst, entscheidet darüber, wie du den Whisky wahrnimmst."

Hugo nahm ihm das Glas ab und betrachtete es genauer.

„Wegen der paar Zentimeter?"

„Gerade wegen der paar Zentimeter."

Edward nahm es zurück.

„Ein gutes Glas ist kein Schmuck. Es ist ein Werkzeug."

Hugo nickte. Er merkte sich das. Er merkte sich alles, was Edward ihm zeigte. Nicht der Whisky interessierte ihn, sondern die Prinzipien, die dahinterstanden. Es ging um die Beherrschung von Details, die anderen entgingen.

Während die Männer ihre Zigarren rauchten und sich über Whisky und Franzosen unterhielten, ließ Hugo den Blick über die Terrasse wandern.

Dabei fielen ihm die Frauen auf.

Nicht eine. Viele.

Auffallend viele schöne Frauen saßen zu zweit an kleinen Tischen. Wegen der kühlen Luft trugen sie Mäntel, Jacken oder etwas über den Schultern. Manche tranken Champagner, andere Wein oder Mineralwasser. Sie redeten miteinander, sahen aber immer wieder zur Lobby, zum Eingang oder zu den Männern an den anderen Tischen.

Hugo beobachtete zwei von ihnen besonders lange.

Eine Brünette und ihre blonde Begleiterin.

Sie war nicht die Schönste auf der Terrasse. Aber es war etwas in der Art, wie sie lächelte, halb gelangweilt, halb berechnend, das seinen Blick festhielt. Hugo spürte ein Pochen in seinen Schläfen, das nicht vom Whisky kam. Er erinnerte sich an Edwards Worte im Büro: Hormone machen blind. Er hatte gedacht, das gelte für andere. Für schwache Männer. Aber jetzt, in dieser kühlen Nacht, mit dem Geruch von Zigarren und dem Meer im Hintergrund, merkte er, dass sein Körper ihm eine andere Sprache vorschlug als sein Verstand.

Er beobachtete, wie die Brünette ihren Mantel enger zog, wie sich der Stoff über ihre Hüften spannte. Eine Linie. Nichts weiter. Aber sein Blick blieb hängen, und er musste sich zwingen, wieder zu Edward zu sehen.

„Was ist?", fragte Edward.

„Nichts."

Einer der Händler folgte Hugos Blick.

„Ah."

Hugo sah ihn an.

„Was?"

„Jetzt versteht er Cannes."

„Was soll ich verstehen?"

Der Händler deutete unauffällig mit seiner Zigarre zu den beiden Frauen.

„Die warten nicht auf ihre Ehemänner."

Hugo sah wieder hinüber.

„Prostituierte?"

„Nenn sie, wie du willst."

Hugo schwieg.

Die Brünette gefiel ihm.

Sehr sogar.

Edward bemerkte seinen Blick.

„Dann geh rüber."

Hugo sah ihn an.

„Einfach so?"

„Nein, Voss. Stell vorher einen schriftlichen Antrag bei der französischen Regierung."

Die Männer lachten.

Hugo stand auf.

„Arschlöcher."

Er ging hinüber.

Die Brünette sah auf, als er an den Tisch trat. Ihre Freundin musterte ihn offen. Ihr Bauch war flach, fast hart unter dem engen Kleid. Hugo registrierte es, wie er alles registrierte, aber diesmal blieb sein Blick nicht stehen. Es war etwas anderes. Ihre Augen. Ihre Haltung.

Hugo stellte sich vor.

Die Brünette antwortete auf Englisch. Ihr Akzent war osteuropäisch.

Sie wechselten ein paar Sätze.

Dann kam Hugo auf das, was er eigentlich wollte.

Und machte es so, wie er es für logisch hielt.

Er bot ihr Geld an.

Die Reaktion war sofort da.

Nicht empört. Nicht laut.

Aber zurückhaltend.

Das Lächeln blieb, doch plötzlich war eine Distanz da, die vorher nicht da gewesen war. Hugo spürte, wie seine Kehle sich zuschnürte. Scham empfand er noch nicht. Es war das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne zu wissen, was. Er hatte nur die Wahrheit gesagt. Er hatte das angeboten, was sie beide wussten. Warum war das falsch? Er versuchte noch einmal zu erklären, was er meinte, aber seine Worte klangen selbst in seinen Ohren steif, deutsch, ungeschickt.

Die Frau antwortete ausweichend. Ihre Augen wanderten über seine Schulter, zu den Männern an Edwards Tisch, als suche sie dort Erklärung für seine Unwissenheit.

Nach ein paar Minuten gab er auf. Er drehte sich um und ging, und spürte dabei ein Brennen in seinem Gesicht, das nicht von der kühlen Luft herrührte.

Als er zu den Männern zurückkam, sah Edward ihn bereits grinsend an.

„Na?"

Hugo setzte sich.

„Das lief überhaupt nicht."

„Was hast du gemacht?", fragte einer der Händler.

„Was soll ich gemacht haben? Ich habe mit ihr geredet."

„Und dann?"

„Dann habe ich ihr Geld angeboten."

Der ältere Händler nahm die Zigarre aus dem Mund und sah Hugo an.

„Du hast ihr direkt Geld angeboten?"

„Ja."

Der Mann schüttelte den Kopf.

„Du bist wirklich Deutscher."

„Was hätte ich denn sonst machen sollen?"

„Ein Geschenk."

Hugo starrte ihn an.

„Was?"

„Du bietest ihr ein Geschenk an."

„Was für ein Geschenk?"

„Völlig egal."

„Völlig egal?"

„Schmuck. Ein Kleid. Schuhe."

Hugo schüttelte den Kopf.

„Ich will ihr keine Schuhe kaufen."

„Darum geht es nicht."

„Worum geht es dann?"

Der Mann nahm einen Schluck Whisky.

„Du gehst hin und sagst: Ich würde dir gern ein Paar Schuhe schenken."

Hugo sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

„Das ist doch völlig bescheuert."

„Natürlich ist es bescheuert."

Edward grinste.

Der Händler fuhr fort.

„Dann sagt sie vielleicht: Die Geschäfte sind geschlossen."

„Ja."

„Und du sagst: Schade. Was würden die Schuhe denn ungefähr kosten?"

Hugo schwieg.

Dann verstand er.

„Und dann gebe ich ihr das Geld für die Schuhe."

Der Händler hob sein Glas.

„Siehst du. Man kann dir doch etwas beibringen."

Hugo lachte ungläubig.

„Und das soll einen Unterschied machen?"

„Hier schon."

„Das ist verrückt."

„Das ist Cannes."

Edward blies den Rauch seiner Zigarre zur Seite.

„Du musst verstehen, Hugo: Die Leute lieben Regeln. Noch mehr lieben sie Möglichkeiten, Regeln so zu formulieren, dass sie trotzdem bekommen, was sie wollen."

Hugo sah wieder zu den beiden Frauen.

„Also Schuhe."

„Schuhe", sagte der Händler.

Hugo stand erneut auf.

„Wenn ich gleich mit einem Schuhkarton zurückkomme, seid ihr schuld."

Edward hob sein Glas.

„Viel Erfolg."

Diesmal dauerte das Gespräch länger.

Hugo ging hinüber, und diesmal war er nicht sicher, ob er mehr Angst vor einer weiteren Ablehnung oder vor dem Erfolg hatte. Der Satz mit den Schuhen klang in seinem Kopf absurd, wie eine schlechte Übersetzung aus einem anderen Leben. Aber als er ihn aussprach, bemerkte er, wie sich etwas in der Haltung der Brünetten veränderte. Nicht nur im Gesicht. In der ganzen Art, wie sie saß. Die Schultern sanken ein wenig, das Lächeln wurde breiter, echter. Sie verstand sofort.

Ein kleines Lächeln.

Dann redeten die beiden Frauen miteinander.

Die Brünette nannte einen Betrag.

Hugo verhandelte automatisch dagegen.

Nicht einmal aus Geiz. Es war Reflex.

Sie nannte eine andere Summe.

Hugo antwortete.

Nach wenigen Minuten waren sie sich einig.

Hugo wollte gerade aufstehen, als die Brünette zu ihrer Freundin sah.

Dann wieder zu Hugo.

„And her?"

Hugo blickte zur Blonden.

„Was ist mit ihr?"

Die Brünette deutete auf ihre Freundin.

Hugo sah von einer zur anderen.

„Eigentlich wollte ich nur mit dir."

Die Blonde sagte etwas in einer Sprache, die Hugo nicht verstand.

Beide Frauen lachten.

Hugo runzelte die Stirn.

Dann begriff er.

„Ihr meint beide?"

Die Brünette nickte.

Hugo setzte sich wieder.

„Dann brauchen wir offenbar noch ein Paar Schuhe."

Diesmal lachte auch die Blonde.

Einige Minuten später standen sie auf.

Hugo ging mit den beiden Frauen Richtung Lobby.

Als er an Edwards Tisch vorbeikam, sah dieser hoch.

Er hob sein Nosing-Glas.

„Schneller Lerner."

Hugo zeigte ihm im Vorbeigehen den Mittelfinger.

Die Männer lachten.

Oben schloss sich die Tür seiner Suite hinter ihnen.

Der Raum war groß, zu groß für drei Menschen, die nicht wussten, was sie zueinander hatten. Hugo stand einen Moment unschlüssig neben dem Bett. Die Brünette lächelte ihn an, und er merkte, dass seine Hände feucht waren. Er war erregt, das spürte er deutlich in seiner Hose, aber daneben lag etwas anderes, das ihn lähmen wollte: die Gewissheit, dass er nicht wusste, was als Nächstes geschah. Dass er, der sonst alles plante und kalkulierte, jetzt in einer Situation saß, für die es keine Analyse gab, kein Excel-Sheet, keine vergangene Erfahrung, auf die er sich berufen konnte.

Die Brünette trat näher. Ihr Parfum roch nach etwas Süßlichem, das er nicht kannte. Sie legte eine Hand auf seine Brust, und er spürte, wie sich seine Atemfrequenz veränderte. Sie stellte keine Fragen, verlangte keine Erklärung. Sie wusste, warum sie hier war, und sie erwartete, dass er es ebenfalls wusste. Hugo nickte ihr zu, mehr aus Reflex als aus Überzeugung, und fragte sich, ob sie seinen Herzschlag unter dem Stoff seines Hemdes spürte.

Die Blonde hatte sich auf den Sessel am Fenster gesetzt und beobachtete sie. Ihre Beine waren überschlagen, ihr Kleid hatte sich etwas hochgeschoben, und sie schien sich nicht die Mühe zu machen, es zu korrigieren. Ihre Augen ruhten auf Hugo mit einer Prüfung, die an Neugier grenzte, aber keine Eile verriet. Sie wirkte zurückhaltend, fast abwartend, als würde sie erst einmal sehen wollen, wie sich der Deutsche so verhielt, bevor sie sich selbst einbrachte.

Die Brünette begann, seinen Mantel zu öffnen. Ihre Finger waren geschickt, routiniert. Hugo ließ es geschehen, stand reglos, während sie den Mantel abstreifte und über einen Stuhl warf. Dann löste sie seine Krawatte. Er beobachtete ihre Hände, die kleinen, präzisen Bewegungen, und fragte sich, wie oft sie das bereits getan hatte. Hundertmal? Tausendmal? Der Gedanke beschäftigte ihn, nicht weil er eifersüchtig war, sondern weil er spürte, dass er hier der Einzige war, der nicht wusste, wie das Spiel verlief. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte, und merkte, dass es irrelevant war. Das hier war etwas anderes. Nicht intim. Nicht persönlich. Aber intensiv in einer Art, die er noch nicht verstand und die ihn gleichzeitig faszinierte und ängstigte.

Als sie sein Hemd öffnete, spürte er die kühle Luft auf seiner Haut. Die Brünette lächelte, ein Lächeln ohne Tiefe, und sagte etwas auf Russisch zu ihrer Freundin. Die Blonde antwortete, und beide lachten leise. Hugo verstand nicht, worüber sie lachten, und das machte ihn unsicher. Er wollte fragen, unterdrückte es aber. Er wollte nicht der Deutsche sein, der alles übersetzen lassen musste, der sich lächerlich machte vor zwei Frauen, die wahrscheinlich jünger waren als er, aber um Welten erfahrener.

Die Brünette zog ihn zum Bett. Er ließ sich darauf sinken, und sie kniete sich neben ihn. Ihre Hände glitten über seinen Bauch, und er merkte, dass er angespannt war. Seine Erektion war unübersehbar, und der Gedanke, dass sie sie sah, durchfuhr ihn mit einer Mischung aus Stolz und Scham. Er wusste nicht, was von ihm erwartet wurde. Sollte er aktiv sein? Sollte er warten? Sollte er die Blonde auch zu sich rufen? Er warf einen Blick zu ihr hinüber. Sie saß immer noch im Sessel, nippte an einem Glas Wasser, das sie offenbar irgendwoher genommen hatte, und beobachtete sie mit einem halben Lächeln, das ihn nicht erleichterte.

Die Brünette beugte sich über ihn. Ihr Haar fiel ihm ins Gesicht, roch nach Shampoo und Zigarettenrauch. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Aber sein Verstand arbeitete weiter. Er dachte an das Geld, das er gerade ausgegeben hatte. An die Verhandlung über die Schuhe. An Edwards Gesicht, als er den Mittelfinger gesehen hatte. Die Bilder überlagerten sich, während die Brünette ihn berührte, und er merkte, dass er nicht ganz bei der Sache war. Ein Teil von ihm stand noch an der Bar und beobachtete sich selbst, bewertete jede Bewegung, fürchtete jede Peinlichkeit.

Dann spürte er, wie die Brünette ihre Kleidung abstreifte. Der Stoff fiel leise zu Boden. Sie nahm seine Hand und führte sie an ihren Körper. Ihre Haut war warm, glatt, fast zu glatt, als wäre sie poliert. Er öffnete die Augen und sah sie über sich, die Brüste, den flachen Bauch, die Hüften. Sie bewegte sich langsam, berechnend, und er merkte, dass seine Atmung schneller wurde. Es war ihre Effizienz, die ihn erregte, mehr noch als ihre Schönheit. Sie wusste genau, was sie tat, und sie tat es ohne Umwege. Ihre Hand glitt in seine Hose, und er stöhnte leise auf, bevor er sich daran gewöhnen konnte, dass sie ihn berührte.

Er hörte, wie sich der Sessel bewegte. Die Blonde stand auf und kam zum Bett. Sie sagte etwas zu der Brünetten, und diese antwortete, während sie sich über Hugo beugte. Dann setzte sich die Blonde neben ihn. Ihre Hand lag auf seinem Oberschenkel, kalt, unerwartet. Er zuckte zusammen, und beide Frauen lachten wieder. Diesmal lachte er mit, nicht weil er den Witz verstanden hätte, sondern weil er merkte, dass er sich lächerlich fühlte, und das Lachen war die einzige Möglichkeit, das Gefühl zu überspielen.

Die Brünette führte ihn weiter. Sie zog ihm die restliche Kleidung aus, und er half ihr, ungeschickt, zu hastig, seine Finger zitterten leicht, als er seine Schuhe abstreifte. Die Blonde beobachtete sie dabei, und Hugo spürte ihren Blick auf seinem nackten Körper wie einen physischen Druck. Er wollte gut aussehen in diesem Moment, wollte, dass sie nicht dachten, er wäre nur ein dummer Junge mit zu viel Geld. Aber er wusste nicht, wie er das bewerkstelligen sollte. Die Brünette schien es nicht zu stören. Sie schob ihn auf den Rücken und setzte sich über ihn, und als er in sie eindrang, schloss er die Augen und spürte eine Hitze, die seinen Verstand leerte.

Die Blonde bewegte sich nun ebenfalls. Sie kniete sich neben das Bett, beugte sich über die Brünette, und Hugo sah, wie sie ihre Hände über den Körper der anderen Frau gleiten ließ, während diese sich auf ihm bewegte. Es war zu viel. Zu viele Eindrücke, zu viele Berührungen, zu viele Augenpaare, die ihn sahen. Er spürte, wie er schneller kam, als er wollte, und versuchte, sich zurückzuhalten, indem er an etwas Abstoßendes dachte, an Edwards Gesicht, an die Zahlen des letzten Trades. Es half nichts. Die Brünette spürte es, vermutete er, denn sie verlangsamte ihre Bewegungen, lachte leise und sagte etwas auf Russisch, das wie ein Kommando klang.

Die Blonde verstand. Sie zog die Brünette zurück, und beide wechselten die Position. Jetzt war die Blonde über ihm, und Hugo merkte sofort den Unterschied. Sie war langsamer, ihre Berührungen flüchtiger, als würde sie sich nicht ganz einbringen wollen. Ihr Körper war härter, weniger geschmeidig, ihre Brüste kleiner. Sie bewegte sich anders, nicht mit der selbstsicheren Routine der Brünetten, sondern mit einer Art sorgfältiger Distanz, als würde sie jeden Schritt abwägen. Hugo fand sie faszinierend in ihrer Zurückhaltung, und gleichzeitig merkte er, dass er die Brünette bevorzugte, ihre Direktheit, ihre Art, zu wissen, was sie wollte. Er fragte sich, ob das auffiel, ob es eine Rolle spielte, ob sie es übelnahmen, wenn er die eine mehr begehrte als die andere.

Die Brünette kniete sich neben sie und griff nach seiner Hand. Sie führte sie zwischen die Beine der Blonden, und Hugo spürte, wie diese leicht zuckte, als seine Finger sie berührten. Die Brünette flüsterte ihm etwas ins Ohr, er verstand es nicht, aber der Klang ihrer Stimme, ihr Atem an seinem Hals, ließen ihn erneut hart werden. Die Blonde bemerkte es und lächelte zum ersten Mal ein Lächeln, das nicht nur beobachtend war. Sie begann sich schneller zu bewegen, und Hugo gab sich ihr hin, seine Hände auf ihren Hüften, die Augen offen, weil er alles sehen wollte, jede Regung, jeden Unterschied zwischen diesen beiden Körpern, die er für eine Nacht gekauft hatte.

Irgendwann, als die Blonde sich über ihm aufrichtete und sich das Haar aus dem Gesicht strich, sah er ihre Augen. Sie blickten nicht auf ihn. Sie blickten zur Seite, zur Uhr, zur Tür. Sie war nicht bei ihm. Sie war bei der nächsten Stunde, dem nächsten Kunden, dem nächsten Tag. Und in diesem Moment merkte er, dass das die Pointe war. Das Geld kaufte keine Liebe, keine Leidenschaft. Es kaufte Distanz. Es kaufte den Raum, in dem man sich nicht verstellen musste, weil niemand hinsah, niemand urteilte, niemand erwartete, dass er etwas anderes war als ein Körper mit einem Scheckheft.

Das wusste er jetzt. Und es erregte ihn mehr, als er zugeben wollte. Nicht die Frauen selbst, sondern die Erkenntnis, dass er hier regieren konnte, wenn er erst die Regeln beherrschte. Er war noch nicht so weit. Er zitterte noch, war noch zu schnell, zu ungeschickt, zu sehr damit beschäftigt, sich nicht lächerlich zu machen. Aber er sah bereits, wie es sein könnte. Wie er irgendwann sitzen würde wie Edward, die Frauen würden zu ihm kommen, nicht weil er sie rief, sondern weil sie wussten, dass er das Geld hatte, das sie wollten. Und er würde wählen, nicht sie. Er würde bestimmen, wer blieb und wer ging, was geschah und was nicht. Die Vorstellung ließ ihn härter werden, ließ ihn mutiger werden. Er griff nach der Brünetten, zog sie zu sich, und sie kam, überrascht von seiner plötzlichen Entschlossenheit, lächelnd, bereit.

Er ließ sie nicht mehr führen. Er bewegte sich nun aktiv, wechselte die Position, legte die Brünette auf den Rücken und nahm sie, während die Blonde neben ihm kniete und seinen Rücken streichelte. Er spürte ihre Nägel auf seiner Haut, spürte, wie die Brünette unter ihm stöhnte, weder gespielt noch ganz echt, sondern irgendwo dazwischen. Er fickte sie härter, als er es sonst gewagt hätte, weil er wusste, dass sie es erwartete, dass sie dafür bezahlt wurde, und weil er merkte, dass es ihn erregte, zu wissen, dass sie nur des Geldes wegen da war. Das war das neue Gefühl. Nicht Intimität. Macht. Die Macht, einen Körper zu mieten und ihn zu benutzen, ohne sich entschuldigen zu müssen.

Als er in der Brünetten kam, zuckte er heftig, presste sie gegen das Kissen, und sie hielt ihn fest, ihre Beine um seine Hüften, als würde sie ihn willkommen heißen. Die Blonde lachte leise und sagte etwas, das wie eine Bemerkung über seine Ausdauer klang. Die Brünette antwortete, und beide lachten. Diesmal lachte Hugo nicht mit. Er lächelte, atmete schwer, und in seinem Kopf war nur ein Gedanke: Das war erst der Anfang. Er würde besser werden. Schneller lernen als alle anderen. Er würde irgendwann so sein wie Edward, nur besser, weil er jünger war, weil er hungriger war.

Die Blonde stand auf und ging ins Bad. Er hörte Wasser laufen. Die Brünette blieb neben ihm liegen, atmete gleichmäßig, ihre Finger zeichneten kleine Kreise auf seine Brust. Er sah auf ihre Hand, die kleinen, gepflegten Nägel, und dachte daran, dass diese Hand in einer Stunde einen anderen Mann berühren würde. Der Gedanke störte ihn nicht. Er störte ihn so wenig, dass er sich fragte, ob er jemals gestört hätte, oder ob er nur geglaubt hatte, dass es ihn stören müsste.

Die Blonde kam zurück, nackt, ihre Haut feucht. Sie legte sich auf die andere Seite des Bettes, nicht nah genug, um ihn zu berühren, aber nah genug, um im Raum zu bleiben. Keiner sagte etwas. Das Schweigen war nicht peinlich. Es war vertraglich. Sie hatten getan, wofür sie bezahlt worden waren. Er hatte getan, wofür er bezahlt hatte. Die Rechnung war beglichen, und doch lag etwas in der Luft, das Hugo nicht benennen konnte. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass er sich nicht schämte. Dass er keine Reue empfand, kein Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Er lag zwischen zwei Frauen, die er gekauft hatte, und das Einzige, was er fühlte, war ein leises, wachsendes Verlangen nach mehr. Nach Kontrolle. Nach der Gewissheit, dass er das hier nicht nur einmal, sondern jederzeit wiederholen konnte, wo er wollte, mit wem er wollte.

Er starrte an die Decke und lauschte dem Atem der beiden Frauen. Er verstand jetzt etwas, das er vorher nicht gewusst hatte. Diese Welt bot ihm Möglichkeiten, die außerhalb seiner Vorstellungskraft lagen, und er musste nur lernen, wie man sie nutzte. Es war, als hätte jemand eine Tür geöffnet, hinter der ein Raum voller Geräte stand, deren Funktion er noch nicht kannte, aber deren Bedienung er lernen würde. Schneller als die meisten anderen.

Als Hugo am nächsten Morgen aufwachte, war die Suite still.

Die beiden Frauen waren fort.

Hugo blieb einen Moment im Bett liegen. Das Laken roch nach Parfüm und einer fremden Seife. Die Kissen waren verschoben, und auf dem Nachttisch stand ein leeres Wasserglas, das er nicht benutzt hatte. Er starrte an die Decke und versuchte, sich an Details zu erinnern. Er sah die Brünette über sich, die Blonde neben sich, spürte ihre Hände, ihren Atem. Es war kein verschwommener Rausch gewesen. Er erinnerte sich an alles, an jeden Moment, an jede Berührung, an den Punkt, an dem seine Angst in etwas anderes umgeschlagen war. An den Punkt, an dem er begriffen hatte, dass das Geld nicht nur den Körper kaufte, sondern auch die Distanz, die er brauchte, um zu sein, wer er wollte.

Die Leere, die ihn umgab, hatte nichts mit Einsamkeit zu tun. Sie war die Leere eines Raums, in dem etwas Lautes gewesen war und nun still war, aber nicht traurig still. Erfüllt still. Als hätte er etwas abgeschlossen, das er nicht gewusst hatte, dass er abschließen musste.

Dann musste er an Edward denken.

An sein Nosing-Glas.

An die Schuhe.

Und an die merkwürdige Selbstverständlichkeit, mit der diese Männer Dinge wussten, von denen Hugo nicht einmal geahnt hatte, dass es dafür überhaupt Regeln gab.

Als Hugo drei Tage später zurück in London war, stand Claire an seinem Schreibtisch. Sie hielt ein Blatt in der Hand, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den er noch nicht kannte.

„Was ist?", fragte er.

„Die Bergbau-Analyse", sagte sie. „Die mit den achtzehn Prozent. Edward hat sie mir gezeigt. Er hat gesagt, ich soll sie archivieren. Und er hat gesagt..." Sie zögerte.

„Was?"

„Er hat gesagt, das ist die beste Analyse, die ihm seit Jahren untergekommen ist. Von jemandem, der erst seit neun Monaten hier ist."

Hugo setzte sich. Er war müde vom Flug, müde vom Jetlag, aber diese Worte trafen ihn wie ein Schluck kaltes Wasser. Er hatte sie zwar nicht erwartet, doch das allein hätte ihn nicht getroffen. Sie bestätigten das, was er in Cannes geahnt hatte: dass er nicht mehr der Junge war, der hereingeschneit war. Dass er etwas aufgebaut hatte, das Bestand hatte. Er spürte, wie sich seine Finger leicht krümmten, als wollten sie etwas festhalten. Die Anerkennung. Den Moment, bevor sie verflog. Denn er wusste: Edward sagte das nicht, um ihn zu wärmen. Edward sagte es, weil es eine Tatsache war. Und Tatsachen waren das Einzige, was in dieser Welt zählte. Er ließ den Moment vorbeiziehen, ohne ihn zu benennen.

„Claire", sagte er.

„Ja?"

„Organisieren Sie mir einen Termin bei dem Schneider auf Savile Row. Ich brauche noch mehr Anzüge. Dunkle für abends."

Sie lächelte. Zum ersten Mal, seit er sie kannte, war es ein echtes Lächeln, das ihre Augen erreichte.

„Ja, Herr Voss", sagte sie. „Und willkommen zurück."

Zurück in London richtete Hugo seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bank und seine privaten Anlagen. Auch dort hatte das vergangene Jahr seine Erwartungen noch einmal deutlich übertroffen. Seine 13,04 Millionen Euro hatte er weiterhin überwiegend in sorgfältig ausgewählte Einzelaktien investiert. Zu Beginn des Jahres hatte ihm die Bank auf seine Wertpapiere einen Kredit von rund 5,54 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Da die vereinbarte Beleihungsgrenze von 42,5 Prozent regelmäßig an den steigenden Wert seines Depots angepasst wurde, erhöhte sich im Laufe des Jahres auch sein Kreditrahmen. Das zusätzlich verfügbare Kapital investierte Hugo ebenfalls in die von ihm ausgewählten Werte. Er erzielte erneut eine außergewöhnliche Rendite: 232,50 Prozent und damit fünf Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Weil er neben seinem eigenen Vermögen auch das geliehene Geld investiert hatte, verdiente er erheblich mehr, als es allein mit seinem eigenen Kapital möglich gewesen wäre. Nach Kreditzinsen und sonstigen Abzügen belief sich sein Vermögen zum Jahreswechsel 1996/97 auf 54,09 Millionen Euro. Sein Gehalt und den größten Teil seines Bonus hatte er dagegen für sein Leben in London ausgegeben.

Die 54,09 Millionen Euro veränderten Hugos Verhältnis zur Bank. Sein Gehalt war längst nicht mehr der Grund, weshalb er morgens in die City fuhr. Die Bank verschaffte ihm jedoch etwas, das sich nicht einfach kaufen ließ: Informationen, Zugang und die Nähe zu Menschen, die über ganze Märkte entschieden. Solange er dieses Umfeld brauchte, blieb auch seine finanzielle Unabhängigkeit auf eigentümliche Weise an seine Stellung als Angestellter gebunden.

Monaco

Bis zum Ende des Jahres 1996 war Hugo bereits sechsmal mit Edward an die Côte d’Azur geflogen. Was bei seinem ersten Besuch noch außergewöhnlich gewesen war, gehörte mittlerweile fast schon zur geschäftlichen Routine. Mal ging es mit der Linienmaschine nach Nizza, mal mit einem Privatjet nach Cannes-Mandelieu. Nach der Landung wartete bereits ein Wagen, der sie dorthin brachte, wo der jeweilige Kunde sich gerade aufhielt. Cannes, Saint-Tropez oder Cap-Ferrat – wenn diese Leute nicht nach London kommen wollten, kam London eben zu ihnen. Im Mai 1997 folgte die siebte gemeinsame Reise. Diesmal sollte Edward einem Kunden in Monaco eine Short-Idee vorstellen, die im Wesentlichen auf Hugos Analyse beruhte. Monaco allerdings kannte Hugo noch nicht.

Bis dahin hatte Monaco für ihn nur aus Namen, Bildern und den beiläufigen Bemerkungen reicher Kunden bestanden. Er erwartete eine überteuerte Kulisse für Menschen, die gesehen werden wollten. Dass dieser Ort später einmal mehr für ihn bedeuten könnte, kam ihm nicht in den Sinn.

Am frühen Nachmittag erreichten sie schließlich das Hôtel Hermitage. Edward hatte für sie zwei normale Zimmer reservieren lassen. Sie brachten ihre Sachen hinauf und trafen sich wenig später wieder auf der Terrasse.

Hugo trat an die Brüstung und blieb stehen. Direkt unter ihm lag der Port Hercule, dicht gefüllt mit Yachten. Auf der anderen Seite des Hafens erhob sich der Felsen von Monaco mit dem Fürstenpalast.

Der Blick gefiel ihm. Es war nicht nur die Schönheit. Es war die Ordnung. Alles schien seinen Platz zu haben, alles war berechnet, nichts wuchs einfach so. Selbst der Hafen wirkte wie ein Schaufenster.

Edward stellte sich neben ihn.

„Nicht schlecht, oder?"

Hugo nickte. „Nein. Wirklich nicht."

Sie tranken etwas, dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Eigentlich wollte Edward ihm Monaco zeigen, gleichzeitig nutzten sie den Spaziergang, um den Pitch für den Abend noch einmal durchzugehen.

Vom Hôtel Hermitage gingen sie hinüber zum Hôtel de Paris, dann weiter Richtung Meer. Während sie liefen, ging Edward mit Hugo noch einmal die Zahlen durch, stellte Fragen, unterbrach ihn, ließ ihn einzelne Argumente neu formulieren.

Irgendwann grinste Edward.

„Bist du eigentlich schon mal durch ein ganzes Land gelaufen?"

Hugo sah ihn an. „Nein."

„Dann wird es heute Zeit."

Von der Küste aus führte Edward ihn quer durch Monaco nach oben. Die Strecke ging dabei keineswegs einfach nur bergauf. Immer wieder stiegen sie ein Stück hinauf, liefen wieder hinunter, bogen ab, nahmen Treppen, Rampen und Straßen, die sich in Kurven durch die verschiedenen Ebenen der Stadt zogen.

Hugo dagegen merkte zunehmend, wie sehr ihn dieses ständige Auf und Ab nervte. Er war es gewohnt, dass Städte sich horizontal ausbreiteten, nicht vertikal. Jedes Mal, wenn er glaubte, sie hätten den höchsten Punkt erreicht, ging es wieder hinunter, und dann noch einmal hinauf. Es war wie ein Labyrinth, in dem jemand die Wände ständig verschob.

Erst als sie schließlich weit oben auf der anderen Seite angekommen waren, blieb Edward stehen und sah ihn grinsend an.

„Siehst du."

Hugo blickte ihn fragend an.

„Gerade ein ganzes Land durchlaufen. Vom Meer bis hier hoch."

Hugo musste lachen.

Edward klopfte ihm auf die Schulter. „Kann auch nicht jeder von sich behaupten."

Hugo hatte den Rundgang durchaus interessant gefunden. Richtig begeistert war er von Monaco trotzdem nicht.

„Ist das hier eigentlich irgendwo auch mal gerade?", fragte er irgendwann.

Edward lachte. „Warte ab. Ich zeige dir nachher Fontvieille."

Und tatsächlich änderte sich sein Eindruck dort beinahe sofort.

Fontvieille lag viel flacher als das alte Monaco. Rund um den Hafen gab es Restaurants, Geschäfte und das Einkaufszentrum. Plötzlich musste Hugo nicht mehr ständig irgendwo hinauf oder hinunter. Alles wirkte überschaubarer, praktischer, fast wie eine eigene kleine Stadt innerhalb Monacos.

Das gefiel ihm. Er atmete auf, als hätte er stundenlang einen Koffer getragen und ihn endlich absetzen dürfen. Hier konnte man sich orientieren. Hier konnte man planen.

Zum ersten Mal an diesem Tag betrachtete Hugo Monaco nicht nur als Bühne für fremden Reichtum. Fontvieille löste in ihm eine leise Vorstellung davon aus, wie ein Leben aussehen konnte, das nicht zwischen Bank, Club und einer möblierten Londoner Wohnung stattfand. Er schob den Gedanken sofort beiseite. Noch gehörte er hierher wie ein Besucher, der seinen Rückflug bereits gebucht hatte.

Am Abend nahmen Edward und Hugo ein Taxi. Edward wollte vor dem Essen noch einen kurzen Umweg machen.

„Ich zeige dir, wo wir morgen abfliegen."

Sie fuhren durch die Tunnel hinunter nach Fontvieille. Als sie wieder ins Freie kamen, saß Hugo plötzlich aufrechter. Hier unten öffnete sich alles. Keine engen Straßen mehr, die sich den Hang hinaufzogen, sondern Hafenbecken, breite Wege und dahinter das Mittelmeer.

Der Wagen hielt zunächst in der Nähe des Héliport de Monaco.

Edward deutete hinüber.

„Morgen früh. Von hier."

Hugo betrachtete die Anlage.

„Wir fliegen wirklich mit dem Hubschrauber zurück?"

„Natürlich."

Hugo grinste. Der Hubschrauber war ihm deutlich lieber als der Gedanke, sich wieder durch die Straßen hinauf zum Casino zu bewegen.

Danach ließ Edward das Taxi weiterfahren. Sie fuhren bis an die westliche Seite des Hafens, fast bis zur französischen Grenze, und stiegen dort aus.

Von hier gingen sie zu Fuß weiter.

Der Abend war warm. Rechts von ihnen lagen die Boote und Yachten dicht nebeneinander im Hafen, links reihten sich Gebäude und Restaurants aneinander. Weiter vorne öffnete sich der Blick zum Mittelmeer.

Hugo sah sich immer wieder um.

Das hier war etwas völlig anderes als das Monaco, das Edward ihm tagsüber gezeigt hatte.

Flach. Wasser direkt neben ihnen. Restaurants am Hafen. Geschäfte in Laufweite. Alles kompakt.

„Das hier gefällt mir", sagte Hugo.

Edward sah ihn von der Seite an. „Fontvieille?"

„Ja. Das andere ist mir zu viel Berg."

Edward lachte.

Je näher sie dem Restaurant kamen, desto lebhafter wurde es. Vor den Restaurants und Hotels standen Ferrari und Porsche in Farben, die man in London wesentlich seltener sah: leuchtendes Rot, kräftiges Blau, Gelb, Grün.

Hugo sah einem roten Ferrari hinterher.

„Hier versucht aber auch wirklich keiner, unauffällig zu sein."

Edward grinste. „Warum sollte man nach Monaco fahren, um unauffällig zu sein?"

Vor dem Restaurant am Hafen wartete bereits der Mann, mit dem Edward zum Essen verabredet war. Ein Kunde der Bank, den Edward offensichtlich schon lange kannte.

Als die drei das Restaurant betraten, erkannte der Chefkellner Edward und den Kunden sofort. Sein Gesicht hellte sich auf.

„Bonsoir, Monsieur."

Er begrüßte Edward herzlich, dann den Kunden ebenso überschwänglich. Man schüttelte sich die Hände, lachte, wechselte sofort ein paar vertraute Bemerkungen.

Hugo stand daneben.

Zunächst lächelte er noch höflich.

Dann wusste er nicht mehr so recht, wohin mit sich.

Die drei unterhielten sich, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Hugo kannte weder die Leute, über die sie sprachen, noch die Geschichten dahinter. Niemand wollte ihn bewusst ausschließen, trotzdem stand er plötzlich ein Stück hinter Edward und dem Kunden. Er war der Junge, der mitgebracht worden war, nicht der Mann, der eingeladen worden war. Er spürte, wie seine Hände in den Hosentaschen verkrampften, während er versuchte, lässig zu wirken. Er hasste es, nicht zu wissen, wo er hingehörte. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten.

Erst nach einigen Augenblicken wandte Edward sich zu ihm.

„Ach ja. Hugo Voss."

Der Chefkellner streckte Hugo sofort die Hand entgegen.

„Willkommen, Monsieur Voss."

Damit war der unangenehme Moment vorbei.

Der Chefkellner führte sie hinaus auf die Terrasse, unmittelbar an der Straße. Edward und der Kunde gingen nebeneinander voraus, Hugo folgte ihnen.

Der Kunde wandte sich im Gehen zu Hugo um. „Und? Wie gefällt Ihnen Monaco?"

„Fontvieille gefällt mir", sagte Hugo. „Aber der Rest ehrlich gesagt nicht besonders. Dieses ständige Bergauf und Bergab, überall Treppen und Steigungen."

Der Kunde blieb einen Augenblick langsamer und sah Hugo mit einem dünnen Lächeln an.

„Das sollten Sie hier besser nicht so laut sagen."

Hugo blickte ihn fragend an.

„Damit verraten Sie nämlich sofort, dass Sie zum ersten Mal hier sind und keine Ahnung haben, wie man sich in Monaco bewegt."

Edward sah kurz zu ihm herüber, sagte aber nichts.

„In Monaco läuft niemand, der sich auskennt, ständig irgendwelche Treppen hoch und runter", fuhr der Kunde fort. „Dafür gibt es überall Aufzüge, Rolltreppen und Durchgänge zwischen den verschiedenen Ebenen. Sie gehen in ein Gebäude hinein, fahren ein paar Stockwerke und kommen auf einer völlig anderen Straße wieder heraus."

Er musterte Hugo noch einmal.

„Wer sich hier über die Hügel beschwert, ist entweder Tourist oder kennt sich schlicht nicht aus."

Sie gingen weiter.

„Sie sind heute wahrscheinlich durch halb Monaco gelaufen und haben gedacht, die Stadt sei schlecht geplant."

Der Kunde lächelte spöttisch.

„Dabei wussten Sie einfach nur nicht, wo die Aufzüge sind."

Hugo schluckte und sagte nichts. Er spürte, wie ihm warm wurde, und dann wieder kalt. Scham war es nicht, die ihn erwischte. Es war die Erkenntnis, dass er hereingefallen war. Dass er wie ein Kind durch die Stadt gelaufen war, statt zu fragen. Er hasste es, nicht zu wissen. Und er hasste es noch mehr, wenn andere es merkten. Gleichzeitig merkte er sich jedes Wort. Die Aufzüge. Die Durchgänge. Die Ebenen. Er würde es nicht wieder vergessen. Niemand würde ihn hier ein zweites Mal für einen Touristen halten.

Vor ihnen lag der dunkle Hafen, die Lichter der Yachten spiegelten sich in langen goldenen und weißen Streifen auf der Oberfläche. Gegenüber erhob sich der beleuchtete Felsen von Monaco gegen den tiefblauen Nachthimmel.

Hugo blieb für einen Augenblick stehen. Von irgendwo hinter ihnen heulte wieder ein Motor auf. Ein Ferrari schoss draußen an der Straße vorbei.

Edward setzte sich, ohne hinzusehen.

„Irgendwann", sagte er, „hörst du das nicht mehr."

Kaum saßen sie, begann um sie herum eine eingespielte Choreografie. Ein Kellner stellte Wasser und Gläser auf den Tisch, ein zweiter legte Servietten zurecht, ein dritter brachte Brot.

Edward brach sich ein Stück Brot ab.

„Deswegen komme ich her."

Der Kunde lachte. „Wegen des Brotes?"

„Unter anderem."

Dann öffnete sich die Tür zur Terrasse.

Zwei junge Frauen kamen herein.

Beide waren Tschechinnen, Mitte zwanzig, sehr schlank und auffallend zurechtgemacht. Die eine wirkte beinahe abgemagert, allerdings nicht ungepflegt, sondern als wäre diese extreme Schlankheit gewollt. Sie trug ein extrem kurzes Kleid. Die andere war flachbrüstig und trug ein silbernes, mit Pailletten besetztes Minikleid.

Sie blieben kurz stehen und ließen ihre Blicke über die besetzten Tische wandern.

Hugo sah sie sofort. Nicht weil sie die Schönsten waren. Sondern weil sie anders hereinkamen als die anderen Gäste. Nicht auf dem Weg zu einem Tisch. Auf dem Weg zu einer Entscheidung. Ihre Augen scannten den Raum, berechnend, routiniert.

Edward bemerkte sie sofort.

Der Kunde ebenfalls.

„Prostituierte", sagte Edward leise.

Hugo sah ihn an. „Woher willst du das wissen?"

Edward griff nach seinem Weinglas.

„Die kommen hier fast immer zu zweit."

Der Kunde musterte die beiden Frauen noch einmal.

„Edward, die sind ja so jung, die könnten deine Töchter sein."

Edward nahm einen Schluck.

„Sind sie aber nicht."

Er stellte sein Glas ab, stand auf und ging zu ihnen.

Hugo sah ihm nach.

Edward sprach vielleicht eine halbe Minute mit den beiden. Eine der Frauen lachte, die andere sah zu ihrem Tisch herüber. Dann kamen alle drei zurück.

Der Chefkellner hatte längst verstanden.

Noch bevor Edward den Tisch erreicht hatte, gab er einem Kellner ein Zeichen.

„Sofort, Monsieur."

Ein weiterer Tisch wurde herangeschoben. Zwei Stühle kamen dazu. Gläser, Besteck und Servietten wurden ergänzt. Niemand fragte etwas, niemand wirkte überrascht. Nach kaum einer Minute sah es aus, als sei der Tisch von Anfang an für fünf Personen gedeckt gewesen.

Die beiden Frauen setzten sich.

Edward sah die beiden an. „Und wie heißt ihr eigentlich?"

„Petra", sagte die erste.

„Petra", wiederholte Edward und lächelte. „Ach, ich liebe diesen Namen."

Die andere musste lachen.

„Und du?"

„Lenka."

„Lenka", wiederholte Edward. „Auch nicht schlecht."

Er stellte ihnen Hugo und den Kunden vor, wobei es wirkte, als würde er zwei Bekannte miteinander bekannt machen und nicht zwei Frauen, die er gerade erst im Restaurant angesprochen hatte.

Hugo beobachtete Petra. Sie setzte sich, und ihr ohnehin extrem kurzes Kleid rutschte noch etwas höher. Hugos Blick fiel auf ihren Slip, blieb einen Moment hängen, dann wanderte er weiter. Er bemerkte, dass Lenka eleganter saß, die Beine überschlug, und dass ihr Kleid dabei verrutschte. Er sah hin. Kein Slip. Vollständig rasiert.

Er blickte wieder auf die beiden Frauen, dann zu Edward und dem Kunden. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Hugo zählte noch einmal.

Edward, der Kunde und er. Drei Männer.

Zwei Frauen.

Hugo rechnete kurz nach. Drei Männer, zwei Frauen. Eines war für ihn jedenfalls klar: Mit den beiden Typen hier würde er ganz bestimmt nicht die Schwerter kreuzen.

Er runzelte die Stirn.

„Moment mal. Das passt doch überhaupt nicht."

Edward sah ihn an.

„Was?"

„Das Verhältnis. Zwei Frauen, drei Männer. Da ist doch eine zu wenig."

Edward sah erst Hugo, dann die beiden Frauen an.

„Was willst du eigentlich? Hier sind doch gerade sechs Löcher reingekommen. Das sind zwei für jeden von uns."

Der Kunde lachte kurz, beugte sich zu Hugo herüber und strich ihm gönnerhaft zweimal über den Kopf.

„Edward, nun lass doch den Knaben."

Hugo lächelte gezwungen.

„Schon gut."

Mehr sagte er nicht.

Er sah zu den beiden jungen Frauen. Beide saßen da, als wäre an der ganzen Situation nichts Besonderes. Eine von ihnen nahm einen Schluck Wasser, die andere strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte über irgendeine Bemerkung Edwards.

Hugo wusste nicht, was er davon halten sollte. Ein Teil von ihm registrierte die Szene wie eine Beobachtung aus einem fremden Labor. Er war nicht schockiert. Er war neugierig. Er versuchte zu verstehen, welche Regeln hier gespielt wurden, und merkte, dass er sie noch nicht kannte. Aber er wollte sie lernen. Das war das Neue. In Frankfurt hätte er sich abgewandt. Hier beobachtete er.

Er machte gute Miene, lachte an den richtigen Stellen und ließ den Abend über sich ergehen.

Das Essen zog sich hin. Fleisch wurde gebracht, Wein nachgeschenkt, Teller abgeräumt. Edward und der Kunde redeten über Geschäfte, Märkte, Leute, die Hugo nicht kannte. Immer wieder fielen Namen und Summen, und irgendwann hörte Hugo nur noch halb zu.

Nach einer Weile stand er auf.

„Ich bin kurz auf der Toilette."

Er ging durch das Restaurant nach hinten.

Wenige Sekunden später hörte er Schritte hinter sich.

Eine der beiden Frauen kam denselben Gang entlang.

Hugo blieb kurz stehen.

Sie sah ihn an.

„Alles okay?"

„Ja."

Er zögerte.

„Ich komme später übrigens nicht mit."

Sie sah ihn einen Moment lang an, dann zuckte sie nur leicht mit den Schultern.

„Dann eben nicht. Für uns macht das keinen Unterschied."

Hugo runzelte die Stirn.

„Nicht?"

„Nein. Ob ihr zwei oder drei seid, ist mir egal. Am Ende seid ihr doch sowieso gleichzeitig in einer von uns -- und irgendwann wechselt ihr."

Sie sagte es vollkommen ruhig.

„So läuft das eben. Jeder von uns macht, was er machen muss."

Dann ging sie an ihm vorbei.

Hugo blieb stehen.

Sie verschwand hinter der Tür zur Toilette.

Für einen Moment bewegte er sich nicht. Die Gleichgültigkeit, mit der sie gesprochen hatte, beschäftigte ihn mehr als das Gesagte. Dann stieß er sich von der Wand ab und ging weiter.

Der nächste Morgen holte das Geschäftliche zurück.

Sie trafen den Kunden in einem Konferenzraum im Hotel. Edward führte das Gespräch, Hugo erklärte die Analyse, die Zahlen, die Überlegungen dahinter. Der Kunde stellte zwei unangenehme Fragen, griff in Hugos Argumentation, suchte nach Lücken. Hugo beantwortete sie sicher, ohne zu zögern, ohne zu überreagieren. Er wusste, dass der Kunde testete, ob der junge Mann, auf dessen Einschätzung er Millionen setzen sollte, auch hinter den Zahlen stand.

Am Ende lehnte sich der Kunde zurück und sah zu Edward.

„Die Position will ich", sagte er. „Wenn der Junge recht hat, verdienen wir Geld. Wenn nicht, war es meine Entscheidung."

Edward nickte. „Es ist Ihre Entscheidung."

Der Kunde lächelte dünn. „Der Knabe von gestern Abend. Heute weiß er fachlich genau, was er tut."

Hugo spürte, wie sich etwas in ihm straffte. Stolz war es nicht, was ihn durchfuhr. Es war Bestätigung, die härtere Art, die schärfer war als ein Lob. Es war das Gefühl, eine Prüfung bestanden zu haben, von der er nicht gewusst hatte, dass sie stattfand. Der Kunde hatte ihn gestern Abend für einen unerfahrenen Jungen gehalten, der sich über Treppen beschwerte. Heute Morgen war er jemand, auf dessen Wort Millionen gesetzt wurden. Der Unterschied lag nicht in ihm. Er lag in der Macht, die seine Zahlen verliehen.

Danach fuhren sie zum Héliport. Der Hubschrauber wartete bereits, ein schwarzer Vogel auf dem Beton, die Rotorblätter drehten sich träge. Hugo stieg ein, setzte sich ans Fenster, und als die Maschine abhob, sah er Monaco noch einmal von oben. Die Küste, die Yachten, der Felsen, das Casino. Alles klein, alles überschaubar. Er grinste. Das gefiel ihm. Die Höhe. Die Distanz. Die Kontrolle.

St James's

Eine Woche später, noch im Mai 1997, lud der Kunde Edward und Hugo in einen alten Herrenclub in St James’s ein. Dunkles Holz, schwere Ledersessel, gedämpftes Licht. Die Kellner bewegten sich lautlos über den dicken Teppich.

Hugo hatte den Mann schon mehrmals in der Bank gesehen, jedoch nie außerhalb eines Besprechungszimmers. Jetzt saß er ihnen mit gelockerter Krawatte gegenüber und beobachtete Hugo über den Rand seines Glases.

„Sie denken zu laut, Voss. Ich höre es förmlich, wie Ihnen das Gehirn raucht."

Hugo lächelte. „Ich habe mich nur gefragt, weshalb man ständig denselben Leuten begegnet. In London sitzen sie in der City, und kaum fährt man an die Côte d'Azur, stehen dieselben Banker, Anwälte und Kunden wieder vor einem."

„Und das überrascht Sie?", fragte der Kunde.

„Ein wenig. In Deutschland wäre das anders."

„In Deutschland lebt man in der Provinz und nennt es Heimat", sagte Edward. „Hier nennen wir es Beschränkung."

Der Kunde lachte kurz. „Edward, lass den Jungen erst einmal selbst denken, bevor du ihm einredest, was er denken soll."

„Er denkt zu langsam", sagte Edward.

„Dann bringen wir ihn auf Tempo", erwiderte der Kunde und wandte sich wieder Hugo zu. „Nehmen wir an, Sie besitzen fünfhundert Millionen und leben in irgendeinem englischen Provinznest. Was machen Sie dort mit Ihrem Geld? Dreimal täglich mit dem Ferrari durch die Hauptstraße fahren, damit der Metzger und der Apotheker sehen, dass Sie reich sind?"

Hugo zuckte mit den Schultern. „Man könnte auch einfach in Ruhe leben."

„In Ruhe leben", wiederholte der Kunde spöttisch. „Das ist die Fantasie von Leuten, die nie reich sein werden. Reichtum braucht eine Bühne, Voss. Gute Hotels, Jachthäfen, Clubs, Restaurants, Kasinos, Makler, Händler und Banken, bei denen niemand nervös wird, sobald eine Rechnung sechs Stellen hat. Vor allem braucht es andere Menschen mit demselben Vermögen. Ohne sie sind Sie nur ein reicher Mann, der allein in einem großen Haus sitzt und sich langweilt."

„Also ist es nicht das Geld selbst", sagte Hugo. „Es ist die Infrastruktur."

„Die Infrastruktur und das Publikum", ergänzte Edward. „Ein König ohne Hof ist nur ein Mann mit einer teuren Krone."

Hugo nickte langsam. „Deshalb begegnet man sich immer wieder. Die Kulisse wechselt, aber die Nachbarschaft bleibt."

„Sehen Sie", sagte der Kunde und tippte mit seinem Glas gegen Hugos. „Der Junge hat es begriffen. Edward, du hast diesmal tatsächlich einen mit Grips ausgegraben."

„Mit Grips und Mangel an Manieren", sagte Edward. „Er ist in einem spießigen Haushalt aufgewachsen. Dort hält man Beschränktheit für Anstand und Neid für Moral. Das muss erst aus ihm raus."

Hugo sah Edward kalt an. „Ich bin nicht spießig. Ich bin vorsichtig. Das ist etwas anderes."

„Vorsichtig", lachte der Kunde. „Das ist das Lieblingswort des deutschen Bürgertums. Man wohnt im Reihenhaus, fährt einen vernünftigen Wagen und erklärt jedem, der mehr besitzt, sein Leben sei oberflächlich. Man tut das nicht aus Verzichtswille. Man tut das aus der Gewissheit, ihn niemals zu erreichen."

„Also erklärt man das Unerreichbare für unanständig", sagte Hugo.

„Exakt." Der Kunde nahm einen Schluck. „Dann fühlt sich das eigene kleine Leben plötzlich wie eine moralische Leistung an. Haben Sie das nicht auch getan, Voss? Sich eingeredet, dass Anstand wichtiger ist als Geld?"

Hugo dachte an seinen Vater, an die Küche in Hamburg, an die Sparbücher seiner Mutter. „Vielleicht", sagte er. „Aber nicht mehr."

Die Antwort kam schnell, doch sie fühlte sich nicht endgültig an. Ein Teil von ihm verteidigte noch immer die Welt seiner Eltern, gerade weil er sie verlassen hatte. Edward und der Kunde hielten diese Herkunft für eine Schwäche, die man ihm austreiben musste. Hugo begann dagegen zu begreifen, dass sie auch der Widerstand war, an dem er seine neuen Überzeugungen prüfte.

Edward beugte sich vor. „Das ist der Blick, den du noch immer mit dir herumschleppst. Du siehst eine Jacht, eine Villa oder eine junge Frau an der Seite eines alten Mannes und suchst sofort nach einer moralischen Erklärung."

„Bei den Frauen suche ich bestimmt nicht nach Moral", erwiderte Hugo.

„Da bin ich mir nicht so sicher", sagte Edward. „Du hast in Cannes noch genug Moral gehabt, um dich zu zieren."

„Ich habe mich nicht geziert", sagte Hugo. „Ich habe gelernt."

Der Kunde lachte. „Sehr vernünftig. Auch die Frauen verstehen das System besser als die meisten Männer. Glauben Sie, eine junge Frau aus dem Osten verlässt ihre trostlose Heimat, um in London im Regen zu stehen?"

„Nein", sagte Hugo. „Sie fährt dorthin, wo die Sonne scheint."

„Und wo die reichen Männer sitzen", fügte Edward hinzu.

„Natürlich.“ Der Kunde nickte. „Wenn sie schon einen reichen Mann sucht, fährt sie dorthin, wo die reichen Männer unter der Sonne sitzen. An die Côte d’Azur. Oder nach Marbella, auf Sardinien, wohin auch immer. Reich sind die Männer auch in London. Aber dort ist es kalt, grau und nass. Also denkt sie mit ihrem kleinen Hühnerhirn gerade weit genug: Wenn ich mich schon verkaufe, dann wenigstens dort, wo es warm ist.“

Hugo runzelte die Stirn. „Sie nennen das kleines Hühnerhirn?“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, sagte der Kunde. „Fakt ist: Sie denkt pragmatisch. Sie will Sonne, Schmuck, ein besseres Leben. Und die Männer wollen junge Körper und die Gewissheit, dass morgen schon die nächste an der Bar sitzt. Jeder bekommt, was er will.“

„Nur der deutsche Spießbürger“, sagte Edward, „muss daraus ein moralisches Drama machen.“

„Ich bin kein Spießbürger“, sagte Hugo. Seine Stimme war härter als beabsichtigt.

„Dann hören Sie auf, diese Welt für eine Ansammlung zufälliger Ausschweifungen zu halten“, sagte der Kunde. „Die Dekadenz ist kein Unfall. Sie ist das Produkt. Genau dafür wurden diese Orte geschaffen. Im Sommer die Côte d’Azur, Marbella oder die Costa Smeralda. Im Winter Courchevel oder Kitzbühel. Dazwischen Ascot, London und ein paar weitere Orte, die sich nicht jeder leisten kann. Arme Menschen begegnen sich ständig in ihrem Stadtteil, weil ihr Leben nicht über diesen Stadtteil hinausreicht. Die Wohlhabenden haben ihr Viertel nur über den halben Kontinent verteilt.“

Hugo ließ den Blick durch den Raum schweifen. An einem Tisch nahe der Bibliothek erkannte er zwei Männer, die ihm wenige Wochen zuvor in Cannes vorgestellt worden waren.

„Keine Zufälle“, sagte er leise.

„Endlich“, erwiderte Edward. „Du beginnst zu verstehen.“

„Ich habe es verstanden“, sagte Hugo und drehte sich wieder zu den beiden. „Reiche leben nicht überall. Sie besitzen nur Häuser überall. Leben tun sie an denselben wenigen Orten.“

Der Kunde lächelte zufrieden. „Vielleicht wird aus dem deutschen Bürgersohn doch noch etwas.“

Er deutete auf Hugos Handgelenk. „Aber hören Sie auf, Ihr Geld für solchen Unsinn zum Fenster hinauszuwerfen. Ich sehe doch, dass Sie eine Rolex tragen.“

Hugo blickte auf seine Uhr. „Und was ist daran falsch?“

„Denken Sie einmal darüber nach“, sagte der Kunde und beugte sich näher. „Wie viele junge Frauen zwischen zwanzig und dreiundzwanzig Sie für dieses Geld hätten bumsen können. Schaffen Sie Erinnerungen. Das ist das Einzige, was am Ende zählt.“

„Erinnerungen statt Uhren“, sagte Hugo.

„Genau. Was ist befriedigender? Eine Uhr am Arm oder der Orgasmus auf dem Körper einer Zweiundzwanzigjährigen?“

Hugo sah ihn an. „Sie sind sehr direkt.“

„Ich bin alt und reich“, sagte der Kunde. „Direktheit ist das Privileg des Alters. Und wenn Ihnen das als Erinnerung nicht reicht, pissen Sie ihr eben noch in den Mund. Dann vergessen Sie den Abend garantiert nicht.“

Edward lachte leise. „Du übertreibst.“

„Ich übertreibe nicht“, sagte der Kunde. „Ich erinnere daran, was zählt. Für die Uhr bleibt Ihnen später noch genug Zeit. Lassen Sie sich das von einem alten Sack wie mir sagen: Eine Rolex können Sie auch noch mit sechzig kaufen. Aber den Schwanz eines jungen Mannes können Sie sich später nicht kaufen. Also genießen Sie Ihre Jugend jetzt und hören Sie auf, Ihr Geld für Blendwerk zu verpulvern.“

Hugo nahm einen Schluck Whisky. Der Geschmack war rauchig, bitter, komplex.

Dann beugte sich der Kunde zu Hugo. „Jetzt müssen Sie nur noch diesen Londoner Provinzbanker loswerden und sich von der Bank lösen. Auf dieser Seite des Tisches macht es erheblich mehr Spaß.“

Edwards Lächeln gefror für einen Sekundenbruchteil. „Vorsichtig, alter Freund. Du redest von meinem Eigentum.“

„Ich rede von seinem Potenzial“, erwiderte der Kunde. „Potenzial, das Sie offenbar nicht ausreizen.“

Hugo sah von einem zum anderen. Er spürte die Spannung zwischen den beiden Männern, das leise Knirschen von Machtansprüchen. Er wusste, dass der Kunde ihn ködern wollte. Und er wusste, dass Edward es wusste. Aber statt zu antworten, lächelte er nur und dachte an etwas anderes. An die Form der Dinge. An die Bauchigkeit eines Nosing-Glases, an die Rundung eines Bauchs unter einem Kleid, an die Geometrie von Regeln, die man nur verstand, wenn man sie beobachtete, statt sie zu verurteilen.

Er wusste noch nicht, wohin das alles führte. Aber er wusste, dass er nicht mehr der Junge war, der in Frankfurt an einer Bushaltestelle gestanden hatte und auf seinen Bruder gewartet hatte. Er war hier. Und er wollte nicht nur dazugehören. Er wollte irgendwann selbst bestimmen, wer an seinem Tisch saß und wer nur zusah.

Er lernte schnell.

Aber jedes neue Wissen verschob die Grenze dessen, was ihm wenige Jahre zuvor noch unanständig, überheblich oder unerreichbar erschienen wäre. Hugo bemerkte diese Verschiebung. Er hielt sie nicht auf. Noch glaubte er, jederzeit entscheiden zu können, wie weit er gehen wollte.

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