Kapitel 3 – Frankfurt

Fast zwei Jahre waren vergangen, seit Hugo begonnen hatte, sein erstes eigenes Geld an der Börse anzulegen. Der Herbst lag schwer über Hamburg, und der Himmel über Eppendorf hatte die Farbe von nasser Asche. Auf dem Rasen hinter dem Haus glänzte noch der Regen der Nacht. An den Zweigen der Sträucher hingen Tropfen, die sich im Wind sammelten, schwerer wurden und irgendwann ins dunkle Gras fielen.

Hugo saß an dem kleinen Tisch unter dem Fenster.

Vor ihm lag der braune Ordner, den seine Mutter ihm vor Jahren für die Schule gekauft hatte, damals noch für Hefte, Klassenarbeiten und all die Dinge, von denen Erwachsene behaupteten, dass sie später einmal wichtig sein würden. Inzwischen waren die Schulhefte verschwunden. Stattdessen steckten darin Kurslisten, Geschäftsberichte, handschriftliche Berechnungen und Seiten voller Zahlen, auf denen so oft radiert, ergänzt und neu gerechnet worden war, dass das Papier an einigen Stellen grau und dünn geworden war.

Er kannte die Unterlagen beinahe auswendig.

Trotzdem blätterte er.

Nicht durch die Gewinne.

Die interessierten ihn an diesem Morgen kaum.

Er suchte die Fehler.

Die Seite mit der Nordrhein-Chemie lag obenauf. Hugo sah den Zahlendreher noch vor sich, die beiden vertauschten Ziffern, und erinnerte sich an die Stimme der Frau am Telefon, an dieses kurze Zögern, bevor sie zugegeben hatte, dass nicht er sich verrechnet hatte.

Damals war ihm dieser Fehler riesig erschienen.

Heute wusste er, dass er nur der Anfang gewesen war.

Inzwischen gab es andere Fehler.

Eigene.

Entscheidungen, bei denen keine falsche Zahl in einem Geschäftsbericht gestanden hatte und niemand anders verantwortlich gewesen war. Entscheidungen, bei denen er selbst etwas gesehen, bewertet und anschließend falsch gehandelt hatte.

Die waren schlimmer.

Bei der Metallgesellschaft blieb sein Blick länger hängen.

Zweiundzwanzigtausend Mark.

Es war merkwürdig, wie zuverlässig sich eine Zahl im Gedächtnis festsetzen konnte, wenn man sie nicht verdient hatte. Hugo musste nicht nachrechnen. Er wusste sie. So wie andere Menschen Geburtstage wussten oder Telefonnummern.

Er strich mit dem Daumen über den Rand des Blattes und bemerkte erst nach einigen Sekunden, dass er dieselbe Stelle immer wieder glattstrich.

Hinter ihm knarrte die Tür.

Hugo drehte sich nicht um. Er kannte die Schritte seiner Mutter. Dieses leichte Zögern vor der Schwelle, als müsse Elisabeth selbst im Zimmer ihres Sohnes erst prüfen, ob sie störte.

„Du sitzt schon wieder da“, sagte sie.

Nicht vorwurfsvoll. Eher so, wie sie manchmal feststellte, dass es draußen regnete.

„Ich gehe die Entscheidungen noch einmal durch.“

„Die kennst du doch.“

„Die Fehler.“

Elisabeth trat näher. Sie trug ihren alten grauen Pullover, den sie morgens oft anzog, wenn das Haus noch kühl war, und hielt zwei Tassen Tee in den Händen. Eine stellte sie neben Hugos Ordner, weit genug von den Papieren entfernt, dass selbst bei einer ungeschickten Bewegung nichts passieren konnte.

Hugo bemerkte es.

Natürlich bemerkte er es.

Seine Mutter hatte längst gelernt, dass Flüssigkeiten in der Nähe seiner Unterlagen ungefähr denselben Sicherheitsabstand einhalten mussten wie Menschen an einer Bahnsteigkante.

„Warum gerade die Fehler?“

Hugo zog die Hand von der Seite zurück.

„Weil die mich danach fragen werden.“

„Woher willst du das wissen?“

„Die Gewinne kennen sie. Dafür brauchen sie mich nicht.“

Er sah zu ihr auf.

„Wenn ich denen nur erklären kann, warum etwas funktioniert hat, sagt das doch nichts. Interessant ist, warum ich falschlag.“

Elisabeth betrachtete die Seiten.

Vieles davon verstand sie nicht. Das hatte sie nie behauptet. Aber in den vergangenen Jahren hatte sie etwas anderes verstanden: wie Hugo mit Entscheidungen umging.

Wenn etwas gut lief, beschäftigte es ihn manchmal einen Abend.

Wenn etwas schlecht lief, beschäftigte es ihn wochenlang.

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Du bist siebzehn“, sagte sie leise. „Fast achtzehn. Und die Deutsche Bank lädt dich nach Frankfurt ein.“

Hugo blickte auf ihre Hand.

Es war ein Satz, der eigentlich beruhigend klingen sollte.

Stattdessen wurde ihm wieder bewusst, wie wenig die drei Dinge zusammenzupassen schienen.

Siebzehn.

Frankfurt.

Deutsche Bank.

„Papa hält es immer noch für Unsinn.“

Elisabeth zog die Hand zurück.

„Dein Vater hält vieles für Unsinn, solange er es nicht selbst erklären kann.“

„Er sagt, ich hätte Glück gehabt.“

„Vielleicht hattest du das.“

Hugo hob den Kopf.

Für einen Moment sagte er nichts.

„Was?“

Elisabeth zuckte mit den Schultern.

„Glück zu haben ist nichts Schlimmes.“

„Wenn alles nur Glück war, schon.“

Er hörte selbst, wie scharf der Satz klang.

Elisabeth schwieg.

Hugo sah wieder auf die Unterlagen.

Das war es.

Nicht Frankfurt.

Nicht die Männer.

Nicht einmal die Bank.

Die Möglichkeit, dass sein Vater am Ende recht haben könnte.

Dass all die Zahlen, all die Nächte, all die Geschäftsberichte und Berechnungen nur nachträgliche Erklärungen für etwas waren, das zufällig funktioniert hatte.

Bei dem Gedanken spannte sich etwas unterhalb seines Brustbeins an. Nicht stark. Eher dieses unangenehme Ziehen, das seit dem Aufstehen immer wiederkam und sofort verschwand, wenn er sich mit Zahlen beschäftigte.

„Dann sollen die Leute in Frankfurt eben herausfinden, ob es so war“, sagte Elisabeth.

Hugo schloss den Ordner.

Das Geräusch war lauter, als er beabsichtigt hatte.

„Und wenn die das auch glauben?“

Elisabeth sah ihn an.

„Dann fährst du wieder nach Hause.“

„Das ist alles?“

„Was soll sonst passieren?“

Für seine Mutter klang es tatsächlich so einfach.

Frankfurt lag ein paar Stunden entfernt. Dort saßen Männer, die mit ihm sprechen wollten. Danach würde er wieder in einem Zug sitzen und zurück nach Hamburg fahren.

Das Haus würde noch stehen.

Sein Zimmer würde noch da sein.

Sein Depot würde nicht verschwinden.

Die Aktien wären am nächsten Morgen dieselben.

Und trotzdem fühlte es sich für Hugo an, als würde etwas auf dem Spiel stehen, das sich nicht in Mark beziffern ließ.

Der Brief der Deutschen Bank lag seit Tagen im Arbeitszimmer. Schweres Papier, sauberer Druck, höfliche Sätze. Nichts daran war bedrohlich.

Aber jedes Mal, wenn Hugo ihn in die Hand nahm, hörte er dahinter dieselbe unausgesprochene Frage.

Bist du wirklich so gut?

Oder hattest du einfach Glück?

Es war dieselbe Frage, die sein Vater ihm seit Jahren stellte.

Nur dass sie diesmal von Männern kommen würde, deren Urteil Hugo nicht so leicht mit einem Schulterzucken abtun konnte.

Elisabeth ging zur Tür.

„Svenja kommt gleich.“

„Ich weiß.“

„Dann hör auf, dich noch eine halbe Stunde verrückt zu machen.“

„Ich mache mich nicht verrückt.“

Sie blieb in der Tür stehen und sah ihn an.

„Natürlich nicht.“

Hugo sah ihr nach.

Trotz allem musste er kurz lächeln.

Dann öffnete er den Ordner wieder.


Der Platz seines Vaters am Frühstückstisch blieb leer.

Hugo bemerkte es sofort.

Er sagte nichts.

Elisabeth räumte in der Küche Dinge weg, die längst weggeräumt waren. Sie öffnete einen Schrank, schloss ihn wieder, prüfte ein zweites Mal die Fahrkarten und ein drittes Mal ihre Tasche.

Hugo beobachtete sie aus dem Augenwinkel.

Sie war genauso nervös wie er.

Nur anders.

Er kontrollierte Zahlen.

Sie kontrollierte Fahrkarten.

Svenja kam früher als vereinbart.

Hugo hörte ihre Stimme bereits im Flur. Dann den Mantel an der Garderobe, ein kurzes Gespräch mit Elisabeth, und schließlich trat sie in die Küche.

Sein Blick blieb einen Augenblick an ihrem Bauch hängen.

Die Schwangerschaft ließ sich inzwischen auch unter weiter Kleidung kaum noch verbergen.

Svenja bemerkte seinen Blick sofort.

„Du starrst.“

„Tue ich nicht.“

„Doch.“

Sie legte eine Hand auf den Bauch.

„Ist immer noch da.“

„Sehr witzig.“

„Ich wollte dich nur beruhigen.“

Elisabeth stellte ihr eine Tasse Tee hin.

Svenja setzte sich neben Hugo und nahm sie mit beiden Händen.

„Nervös?“

„Nein.“

„Lügner.“

„Ich bin nicht nervös.“

„Dann hast du wahrscheinlich nur aus wissenschaftlichem Interesse dreimal denselben Ordner durchgesehen.“

Hugo sah seine Mutter an.

„Erzählt ihr euch alles?“

„Nur die wichtigen Dinge“, sagte Elisabeth.

Svenja nahm einen Schluck.

„Und die peinlichen.“

Hugo lehnte sich zurück.

„Sehr beruhigend.“

Svenja grinste.

Hugo kannte sie gut genug, um zu wissen, dass der Spott nur die Oberfläche war. Sie machte Witze, wenn sie merkte, dass er sich in etwas festbiss. Schon als er kleiner gewesen war, hatte sie das getan. Sie hatte die Fähigkeit, ihn gleichzeitig zu ärgern und aus einem Gedanken herauszuholen, bevor er sich darin festfraß.

Heute funktionierte es nur teilweise.

„Was willst du denen eigentlich erzählen?“, fragte sie.

„Nichts Besonderes.“

„Hugo.“

„Was denn? Die haben meine Unterlagen. Die wissen, was ich gemacht habe.“

„Das meine ich nicht.“

Er sah sie an.

„Was dann?“

Svenja stellte die Tasse ab.

„Wenn da drei Männer sitzen, die das seit zwanzig Jahren machen, und dich fragen, warum ausgerechnet du etwas kannst, was andere nicht können.“

Hugo verzog den Mund.

Genau diese Frage hatte er sich selbst schon zehnmal gestellt.

Vielleicht zwanzigmal.

Er nahm die Teetasse, stellte aber fest, dass er gar keinen Durst hatte, und setzte sie wieder ab.

„Ich bin nicht besser als die.“

„Und das sagst du denen?“

„Wenn sie fragen.“

Svenja sah Elisabeth an.

„Das Gespräch wird bestimmt großartig.“

Elisabeth musste lachen.

„Was soll ich denn sagen?“, fragte Hugo. „Dass ich besser bin als alle anderen?“

„Nein.“

„Dann.“

„Vielleicht einfach die Wahrheit.“

„Das habe ich vor.“

„Und wenn sie dich nach den zweiundzwanzigtausend fragen?“

Hugos Blick ging automatisch zu dem Ordner.

Da war die Zahl wieder.

Svenja kannte die Geschichte.

Sie wusste auch, dass er sie nicht vergessen hatte.

„Dann sage ich, dass ich zu früh ausgestiegen bin.“

„Warum?“

„Weil ich unsicher geworden bin.“

„Siehst du.“

Hugo zog die Stirn kraus.

„Was sehe ich?“

„Dass du eine Antwort hast.“

Sie lehnte sich etwas zu ihm.

„Du tust die ganze Zeit so, als müsstest du denen beweisen, dass du keine Fehler machst. Vielleicht wollen die nur wissen, ob du verstehst, warum du sie machst.“

Hugo sah sie länger an.

Er mochte nicht, wenn Svenja mit einfachen Sätzen Dinge traf, über die er selbst seit Tagen nachdachte.

Gleichzeitig merkte er, dass dieses Ziehen unterhalb seines Brustbeins für einen Moment nachließ.

„Das habe ich Mama vorhin auch gesagt.“

Svenja drehte sich zu Elisabeth.

„Siehst du? Er braucht uns eigentlich gar nicht mehr.“

„Das habe ich schon vor Jahren befürchtet“, sagte Elisabeth.

Hugo griff nach seinem Ordner.

„Können wir fahren?“

Elisabeth sah auf die Uhr.

„Der Zug fährt heute immer noch zur selben Zeit wie gestern.“

„Ich weiß.“

„Und morgen vermutlich auch.“

„Mama.“

Svenja stand auf.

„Lass ihn. Er ist nicht nervös.“

Hugo sah sie an.

Svenja lächelte.

„Überhaupt nicht.“

Er wollte etwas erwidern.

In diesem Moment meldete sich sein Magen mit einem leisen Geräusch.

Svenja hob eine Augenbraue.

Hugo stand auf.

„Kein Wort.“

Sie grinste.


Am Hauptbahnhof war es voller, als Hugo erwartet hatte.

Menschen schoben sich mit Koffern über den Bahnsteig, Lautsprecherdurchsagen verschwammen im Hall der Halle, irgendwo quietschten Bremsen. Es roch nach kalter Luft, Metall, Zigarettenrauch und den Imbissständen unter dem Dach.

Hugo trug seinen kleinen Koffer in der einen und den Ordner in der anderen Hand.

Elisabeth ging voraus.

Sie hatte die Fahrkarten, kannte den Wagen und wusste, wo ihre Plätze lagen. Die Reise war seit Tagen geplant. Niemand hatte an diesem Morgen entschieden, ob man nun mit dem Auto oder mit dem Zug nach Frankfurt fahren würde. Hugo wusste seit einer Woche, welchen Zug sie nahmen.

Trotzdem wurde die Reise erst jetzt wirklich.

Ein Brief war Papier.

Ein Termin war eine Uhrzeit.

Ein Zug, in den man einstieg, war etwas anderes.

Als die Türen hinter ihnen zugingen, sah Hugo noch einmal hinaus auf den Bahnsteig.

Für einen kurzen, vollkommen unsinnigen Moment dachte er daran, wie einfach es wäre, wieder auszusteigen.

Nicht weil er tatsächlich wegwollte.

Es war nur dieser eine Gedanke, der auftauchte, gerade weil es jetzt nicht mehr ging.

Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Svenja ging neben ihm.

Sie sah auf den Ordner.

„Du hältst den, als wären die Kronjuwelen drin.“

„Meine Notizen.“

„Das meinte ich.“

Hugo sah sie an.

„Du bist heute besonders hilfreich.“

„Dafür bin ich mitgekommen.“

Ihre Plätze lagen in der ersten Klasse. Hugo setzte sich ans Fenster, Svenja neben ihn, Elisabeth ihnen gegenüber.

Als der Zug Fahrt aufnahm, sah Hugo hinaus.

Hamburg glitt langsam zurück. Häuser, Brücken, Gleise, Industrieflächen, dann offene Landschaft.

Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe und spürte das feine Vibrieren an der Schläfe.

Eigentlich hatte er geglaubt, dass er ruhiger werden würde, sobald sie unterwegs waren.

Das Gegenteil geschah.

Jetzt konnte er nichts mehr tun.

Nicht noch einmal in sein Zimmer gehen.

Nicht noch eine Berechnung überprüfen.

Nicht den Brief erneut lesen.

Er war unterwegs.

Mehr nicht.

Svenja betrachtete ihn von der Seite.

„Du hast kaum geschlafen.“

„Doch.“

„Wie lange?“

Hugo antwortete nicht.

„Hugo.“

„Zwei Stunden. Vielleicht drei.“

„Das ist kein Schlaf.“

„Hat gereicht.“

„Natürlich.“

Sie legte ihre Hand auf seine.

Seine Finger waren kalt.

Svenjas Hand dagegen warm.

„Erzähl mir von den zweiundzwanzigtausend.“

„Die Geschichte kennst du.“

„Erzähl sie trotzdem.“

Hugo atmete aus.

„Metallgesellschaft. Ich bin ausgestiegen, weil ich dachte, der Kurs fällt weiter. Danach ist er um achtzehn Prozent gestiegen. Wenn ich gehalten hätte, wären es ungefähr zweiundzwanzigtausend Mark mehr gewesen.“

Die Zahl lag wieder zwischen ihnen.

Nicht weil er das Geld brauchte.

Sondern weil sie der Preis für einen Fehler war, den er selbst gemacht hatte.

„Warum bist du ausgestiegen?“

„Weil ich meiner eigenen Analyse plötzlich nicht mehr vertraut habe.“

„War die Analyse falsch?“

„Nein.“

„Was war dann falsch?“

Hugo sah hinaus.

Seine Finger spannten sich unwillkürlich unter Svenjas Hand an.

„Ich.“

Svenja schüttelte den Kopf.

„Deine Entscheidung.“

„Das ist dasselbe.“

„Nein.“

„Für mein Depot schon.“

„Für dein Depot vielleicht.“

Sie drückte seine Hand leicht.

„Für dich nicht.“

Hugo schwieg.

Er wusste, was sie meinte.

Er wusste nur nicht, ob er es selbst so sehen konnte.

Für ihn waren Entscheidungen nie etwas gewesen, das neben ihm existierte.

Wenn er falschlag, hatte nicht irgendeine Entscheidung versagt.

Er hatte versagt.

Vielleicht war genau das der Grund, warum er seine Fehler nicht loslassen konnte.


Der Zug fuhr weiter nach Süden.

Göttingen.

Später Kassel.

Dann Fulda.

Hugo nahm die Orte eher als Namen wahr denn als Städte. Dazwischen lagen Wälder, Felder, kleinere Bahnhöfe und lange Abschnitte, auf denen das gleichmäßige Geräusch der Räder beinahe einschläfernd hätte wirken können.

Bei ihm tat es das nicht.

Elisabeth hatte eine Zeitung aufgeschlagen.

Hugo bemerkte irgendwann, dass sie seit zehn Minuten dieselbe Seite ansah.

Sie las genauso wenig wie er.

In seinem Kopf liefen Fragen.

Warum diese Aktie?

Warum nicht jene?

Warum verkauft?

Warum gehalten?

Was haben Sie übersehen?

Wie viel davon war Analyse?

Wie viel Glück?

Er formulierte Antworten.

Verwarf sie.

Begann von vorn.

Irgendwann griff Svenja über ihn hinweg und klappte den Ordner zu.

Hugo zuckte zusammen.

„Was machst du?“

„Schluss.“

„Gib her.“

„Nein.“

„Svenja.“

Sie legte beide Hände auf den Ordner.

„Du wirst in den nächsten zwei Stunden nichts herausfinden, was du in den letzten zwei Jahren nicht herausgefunden hast.“

„Darum geht es nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

Elisabeth blickte über ihre Zeitung.

„Lass ihn.“

Svenja hielt den Ordner noch einen Augenblick fest.

Dann schob sie ihn zurück.

„Bitte.“

Hugo nahm ihn.

Seine Finger lagen auf dem Deckel.

Er wollte ihn sofort wieder aufschlagen.

Stattdessen blieb seine Hand dort liegen.

Nach einigen Sekunden zog er sie zurück.

Der Ordner blieb geschlossen.

Svenja sagte nichts.

Das war vielleicht das Freundlichste, was sie in diesem Moment tun konnte.


Je näher Frankfurt kam, desto stiller wurde Hugo.

Nicht weil ihm nichts mehr einfiel.

Im Gegenteil.

Plötzlich fiel ihm alles gleichzeitig ein.

Jeder Kauf.

Jeder Verkauf.

Jede falsche Entscheidung.

Jede Aktie, bei der er bis heute nicht genau wusste, ob seine Analyse gut gewesen war oder ob der Markt ihm nur zufällig recht gegeben hatte.

Er rieb die Handflächen unauffällig an der Hose ab.

Elisabeth faltete die Zeitung zusammen.

„Wir sind gleich da.“

Hugo nickte.

Svenja zog ihren Mantel an.

„Jetzt darfst du nervös sein.“

„Bin ich nicht.“

Sie sah auf seine Hände.

Hugo folgte ihrem Blick.

Seine Finger zitterten leicht.

Er schloss sie zur Faust.

„Kalt.“

„Natürlich“, sagte Svenja.

Hugo hätte gern etwas Schlagfertiges erwidert.

Ihm fiel nichts ein.

Der Zug wurde langsamer.

Draußen verdichteten sich die Häuser. Gleise liefen nebeneinander her, verschwanden unter Brücken und tauchten wieder auf. Industriegebäude, Mauern, Hinterhöfe.

Hugo spürte seinen Herzschlag plötzlich deutlicher als vorher.

Dann glitt der Zug unter das Dach des Frankfurter Hauptbahnhofs.

Hugo stand auf.

Für einen Moment wurde ihm leicht schwindelig.

Er sagte sich, er sei nur zu schnell aufgestanden.

Er nahm den Koffer.

Den Ordner klemmte er unter den Arm.

Elisabeth stand bereits vor ihm.

Svenja wartete hinter ihm.

„Komm“, sagte seine Mutter.

Sie stiegen aus.

Der Lärm traf Hugo beinahe körperlich. Stimmen, Lautsprecherdurchsagen, Schritte auf Stein, rollende Koffer, irgendwo das scharfe metallische Kreischen eines bremsenden Zuges.

Hugo blieb einen Augenblick auf dem Bahnsteig stehen.

Frankfurt.

Bis eben war es ein Name gewesen.

Auf einem Briefkopf.

In Telefongesprächen.

Auf einer Fahrkarte.

Jetzt stand er mittendrin.

Svenja trat neben ihn.

„Alles gut?“

Hugo sah in Richtung Bahnhofshalle.

„Ja.“

„Sicher?“

Er griff fester um den Koffergriff.

„Nein.“

Svenja lächelte.

„Schon besser.“

Elisabeth ging voraus, und Hugo folgte ihr.

Irgendwo in dieser Stadt warteten Männer auf ihn, die seine Gewinne kannten, seine Fehler, seine Berechnungen und einen Teil seiner Entscheidungen.

Was sie noch nicht kannten, war er.

Und genau das machte ihm mehr Angst als jede Zahl.


Frankfurt war lauter und enger, als Hugo es sich vorgestellt hatte.

Autos schoben sich durch die Straßen. Menschen mit Aktentaschen gingen an ihnen vorbei, ohne sich anzusehen, und zwischen älteren Häusern standen Fassaden aus Glas und Stein, die Hugo sofort mit Banken verband, obwohl er gar nicht wusste, was sich dahinter befand.

Je näher sie der angegebenen Adresse kamen, desto weniger nahm Hugo wahr.

Sein Blick ging zwar über Schaufenster, Straßenschilder und Hauseingänge, aber nichts blieb hängen.

Elisabeth hatte die Adresse.

Sie führte sie, obwohl auch sie den Weg nicht kannte.

Hugo bewunderte diese Fähigkeit an ihr. Sie konnte irgendwo stehen, sich kurz orientieren und dann losgehen, als hätte sie nie gezweifelt.

Er selbst konnte eine Unternehmensbilanz zerlegen und aus fünf unterschiedlichen Angaben eine Bewertung bauen.

Aber gerade hätte er jemanden gebraucht, der ihm sagte, welche Tür er öffnen sollte.

Dann blieben sie vor dem Gebäude stehen.

Hugo sah nach oben.

Die Deutsche Bank.

Bis zu diesem Moment war sie Papier gewesen.

Briefe.

Telefonnummern.

Namen unter Unterschriften.

Jetzt stand sie vor ihm.

Menschen gingen hinein und hinaus, als wäre daran nichts Besonderes.

Für sie war es wahrscheinlich auch nichts Besonderes.

Für Hugo schon.

Elisabeth betrachtete ihn.

„Wir warten.“

„Ihr müsst nicht.“

„Wir warten.“

„Das kann dauern.“

„Dann dauert es.“

Svenja nickte.

„Du wirst uns nicht los.“

Hugo nahm den Ordner fester unter den Arm.

Elisabeth trat einen Schritt näher und richtete seinen Kragen.

„Mama.“

„Stillhalten.“

„Der sitzt.“

„Jetzt.“

Sie ließ ihn los.

Hugo schluckte.

Sein Mund war trocken.

Für einen Moment wollte er sie noch irgendetwas fragen.

Was, wusste er nicht.

Vielleicht nur, um nicht durch diese Tür gehen zu müssen.

Svenja hob die Hand.

„Wenn sie gemein zu dir sind, merk dir die Namen.“

Hugo sah sie an.

„Warum?“

„Dann mag ich sie nicht.“

„Das wird sie schwer treffen.“

„Man weiß nie.“

Hugo musste kurz lachen.

Es half.

Zumindest für ein paar Schritte.

Kurz vor der Eingangstür bemerkte er, dass seine Mutter und Svenja nicht hinter ihm waren.

Er war allein.

Hugo blieb stehen.

Nur für einen Moment.

Dann drückte er die Tür auf.


Die Eingangshalle war heller, als er erwartet hatte.

Der Steinboden glänzte. Stimmen verloren sich unter der hohen Decke. Irgendwo klingelte ein Telefon.

Hugo spürte plötzlich jeden Schritt.

An der Information stand ein Mann im dunklen Anzug.

Hugo ging auf ihn zu.

„Hugo Voss“, sagte er. „Ich habe einen Termin.“

Der Mann sah auf.

Für einen Bruchteil einer Sekunde erschien in seinem Gesicht genau der Ausdruck, vor dem Hugo sich gefürchtet hatte.

Überraschung.

Nicht viel.

Aber genug.

Da war er.

Dieser Blick.

Der Mann hatte jemanden erwartet.

Nur offenbar keinen Siebzehnjährigen.

Dann verschwand der Ausdruck.

„Herr Voss. Natürlich. Bitte nehmen Sie den Aufzug links. Fünfte Etage. Herr Dr. Brenner erwartet Sie.“

„Danke.“

Hugo ging zum Aufzug.

Als sich die Türen hinter ihm schlossen, atmete er aus.

Er hatte nicht einmal gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte.

Im Spiegel sah ihm ein hochgewachsener Siebzehnjähriger entgegen, mit seinen knapp eins sechsundachtzig bereits fast ausgewachsen. Trotz seiner Größe wirkte Hugo schmächtig, beinahe etwas zu schmal für seine Länge. Sein Gesicht war ebenfalls schmal und noch deutlich jugendlich, mit einer eher hohen Stirn, einer geraden Nase und einem ruhigen, beinahe ernsten Mund. Das glatte braune Haar lag ordentlich am Kopf. Hinter der schmalen Brille blickten seine Augen aufmerksam und prüfend zurück. Es war kein Gesicht, das einen Raum sofort für sich einnahm. Eher eines, bei dem man ein zweites Mal hinsah, weil dieser konzentrierte, ernste Blick nicht recht zu dem jungen Gesicht passen wollte.

Hugo betrachtete sich einen Moment länger. Er wusste, was die Männer oben zuerst sehen würden: keinen Anleger, keine Berechnungen und keine Entscheidungen, sondern einen siebzehnjährigen, schmächtigen Jungen mit Brille. Und genau das störte ihn. Man sah ihm nicht an, wie viele Nächte er über Geschäftsberichten gesessen, wie viele Fehler er durchgerechnet und wie viele Entscheidungen er getroffen und wieder verworfen hatte.

Aber die Zahlen änderten sich dadurch nicht. Sein Alter änderte keine Bilanz. Und sein Gesicht keinen Kurs.

Der Aufzug setzte sich in Bewegung.

Bei der Vier bemerkte Hugo, dass er die Fingernägel in die Handfläche gedrückt hatte.

Er öffnete die Hand.

Vier kleine helle Halbmonde blieben zurück.

Als die Türen aufgingen, wartete bereits ein Mann auf dem Flur.

Vielleicht fünfzig, graues Haar an den Schläfen, schmale Brille, dunkler Anzug.

„Herr Voss?“

„Ja.“

„Brenner.“

Der Händedruck war fest.

Hugo konzentrierte sich darauf, dass seiner ebenfalls fest war.

„Gut hergefunden?“

„Ja.“

„Dann kommen Sie.“

Sie gingen den Flur entlang.

Hugo hatte das Gefühl, zu laut zu gehen.

Jeder Schritt war auf dem Boden zu hören.

Brenner öffnete eine Tür.

Im Besprechungsraum saßen zwei weitere Männer.

Einer erhob sich.

„Herr Voss“, sagte Brenner. „Dr. Friedrich Weber, Leiter unserer Analyseabteilung.“

Weber gab Hugo die Hand.

„Guten Tag.“

„Guten Tag.“

„Und Klaus Eberhardt.“

Eberhardt war älter, fast kahl, mit Falten unter den Augen, die Hugo nicht müde, sondern aufmerksam vorkamen.

Er nickte.

Hugo setzte sich.

Den Koffer stellte er neben den Stuhl.

Den braunen Ordner legte er vor sich.

„Kaffee?“, fragte Brenner.

„Nein, danke.“

„Wasser?“

„Gerne.“

Brenner schenkte ein.

Hugo nahm das Glas.

Er sah die Bewegung des Wassers am Rand und stellte es wieder ab.

Für einige Sekunden sagte niemand etwas.

Die Stille war furchtbar.

Weber sah ihn an.

„Herr Voss. Warum glauben Sie, dass wir Sie eingeladen haben?“

Die Frage traf ihn unvorbereitet.

Er hatte mit Aktien gerechnet.

Mit Zahlen.

Nicht damit.

„Weil Sie wissen wollen, ob meine Ergebnisse Zufall waren.“

Eberhardt hob leicht die Augenbrauen.

„Und waren sie es?“

Hugo hätte jetzt etwas Selbstbewusstes sagen können.

Etwas Kluges.

Etwas, das nach einem Menschen klang, den eine große Bank einstellen sollte.

Stattdessen sagte er:

„Teilweise bestimmt.“

Weber sah ihn länger an.

Hugo wartete.

„Das ist eine ungewöhnliche Antwort“, sagte Weber.

„Warum?“

„Die meisten Menschen, die uns von ihren Erfolgen erzählen, halten Glück für vollständig ausgeschlossen.“

„Dann erzählen sie Ihnen wahrscheinlich nur von ihren Erfolgen.“

Der Satz war draußen, bevor Hugo ihn zurückhalten konnte.

Sofort spürte er die Wärme im Gesicht.

Zu frech.

Verdammt.

Weber lächelte nicht.

Aber etwas in seinem Blick veränderte sich.

„Und Sie nicht?“

„Nein.“

„Warum?“

Hugo sah kurz auf den Ordner.

„Weil Sie sonst nicht feststellen können, ob ich etwas kann.“

Eberhardt verschränkte die Arme.

„Sie haben uns tatsächlich auch Entscheidungen angekündigt, die später falsch waren.“

„Ja.“

„Metallgesellschaft.“

Hugo nickte.

„Zum Beispiel.“

„Sie sind ausgestiegen.“

„Zu früh.“

„Danach stieg die Aktie weiter.“

„Achtzehn Prozent.“

„Sie wissen es genau.“

„Natürlich.“

„Und das ärgert Sie?“

Hugo musste beinahe lachen.

Ärgern war ein kleines Wort dafür.

„Ja.“

„Warum? Sie hatten vorher bereits verdient.“

Hugo dachte nach.

„Weil ein Gewinn eine falsche Entscheidung nicht richtig macht.“

Stille.

Wieder diese Stille.

Weber schrieb etwas auf.

Hugo starrte einen Moment auf den Stift.

Was schreibt der?

Eberhardt fragte:

„Warum haben Sie verkauft?“

„Weil ich meiner Analyse nicht mehr vertraut habe.“

„Gab es neue Informationen?“

„Nein.“

„Neue Unternehmenszahlen?“

„Nein.“

„Eine Meldung?“

„Nein.“

„Dann war der Verkauf irrational.“

Hugo nickte.

Das Wort tat weh.

Weil es stimmte.

„Ja.“

„So einfach?“

„Im Nachhinein schon.“

„Und vorher?“

Hugo sah kurz auf seine Hände.

„Vorher fühlt sich eine falsche Entscheidung selten falsch an.“

Weber schrieb wieder.

Diesmal sah Hugo weg.

Er bemerkte, dass seine Schultern nicht mehr ganz so hochgezogen waren wie vor einigen Minuten.

Sie fragten nach einem Fehler.

Und er konnte ihn erklären.

Vielleicht war das tatsächlich alles.


Als sie zu den Unternehmensbewertungen kamen, veränderte sich etwas.

Hugo bemerkte es fast überrascht.

Weber schob ihm eine Unterlage hin.

„Kommen wir zu Roithner.“

Allein der Name veränderte etwas in ihm.

Hier musste er nicht darüber nachdenken, wie alt er war.

Er musste nicht überlegen, ob ein Satz zu selbstbewusst klang oder ob seine Hände zitterten.

Roithner kannte er.

Nicht persönlich.

Aber die Zahlen.

Die Beteiligungen.

Die Grundstücke.

Die Abschreibungen.

Die Stellen, an denen das Unternehmen in seinen Augen anders aussah als in der Bewertung des Marktes.

Weber zeigte auf eine Position.

„Sie haben das Unternehmen deutlich anders bewertet als unsere Analysten.“

Hugo beugte sich vor.

„Ja.“

„Und Sie waren sich dabei ziemlich sicher.“

„Sonst hätte ich nicht gekauft.“

Eberhardt sah ihn an.

„Das ist keine Begründung.“

Der Satz reizte ihn.

Nicht stark.

Aber gerade genug.

Hugo rückte die Unterlage näher zu sich.

„Nein. Die Begründung steht darunter.“

Weber sah kurz zu Eberhardt.

Dann wieder auf Hugo.

„Erklären Sie sie.“

Hugo begann.

Er sprach über die Beteiligungen, über Vermögenswerte, die seiner Meinung nach im Kurs nicht ausreichend berücksichtigt wurden, über die Schulden und darüber, welche Teile des Unternehmens er vorsichtiger bewertet hatte als andere.

Anfangs hörte er noch auf seine eigene Stimme.

Nach wenigen Sätzen nicht mehr.

Er war wieder dort, wo er sich sicher fühlte.

In den Zahlen.

Eberhardt unterbrach ihn.

„Sie setzen hier einen anderen Wert an.“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich den veröffentlichten Wert für zu hoch halte.“

„Auf welcher Grundlage?“

Hugo erklärte es.

Eberhardt schüttelte leicht den Kopf.

„Sie haben die Immobilie nie gesehen.“

„Nein.“

„Sie kennen keinen Gutachter, der sie bewertet hat.“

„Nein.“

„Sie waren nie bei Roithner.“

„Nein.“

Beim dritten Nein merkte Hugo, wie sich etwas in ihm regte.

Nicht Nervosität.

Ärger.

Die Fragen ließen seine Arbeit plötzlich so aussehen, als hätte er ein paar Zahlen aus einem Geschäftsbericht abgeschrieben und anschließend nach Gefühl verändert.

Er wusste, worauf Eberhardt hinauswollte.

Und genau deshalb störte ihn der Ton.

„Und trotzdem korrigieren Sie den Wert“, sagte Eberhardt.

Hugo hob den Blick.

Jetzt war der Ärger hilfreich.

„Ja.“

„Obwohl Ihnen entscheidende Informationen fehlen.“

„Mir fehlen immer Informationen.“

Eberhardt schwieg.

Hugo merkte, dass auch Weber genauer hinsah.

„Ich habe keinen Zugang zu Informationen, die andere Anleger nicht haben. Ich habe Geschäftsberichte, den Hoppenstedt, veröffentlichte Zahlen, Meldungen und Kurslisten. Wenn ich erst alles wissen müsste, könnte ich überhaupt kein Unternehmen bewerten.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Welcher?“

Eberhardt lehnte sich etwas zurück.

„Zwischen einer Schätzung und Wissen.“

Hugo spürte, wie etwas in ihm auf Widerstand ging.

„Deshalb schreibe ich ja nicht hin, dass ich weiß, was das Grundstück wert ist.“

Er zeigte auf die Berechnung.

„Ich schreibe hin, welchen Wert ich ansetze und warum.“

„Das bleibt eine Annahme.“

„Natürlich.“

„Und darauf setzen Sie Geld.“

„Auf andere Dinge auch.“

Weber hob den Blick.

„Welche?“

Hugo sah zu ihm.

„Auf Gewinne der nächsten Jahre. Auf Margen. Auf Verkaufspreise. Auf Beteiligungen. Auf die Frage, ob eine Geschäftsleitung ihre eigenen Prognosen einhält. Das sind doch alles Annahmen.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Hugo spürte, wie sein Herz schneller schlug, aber diesmal war es keine Angst.

Er war wach.

Fast aufgeregt.

Die Diskussion machte ihm plötzlich Spaß.

Eberhardt sah wieder auf die Unterlage.

„Sie halten also nicht viel von Buchwerten.“

„Doch.“

„Das klingt gerade anders.“

„Ich halte nur nichts davon, eine Zahl für wahr zu halten, nur weil sie in einer Bilanz steht.“

Brenner hob leicht den Kopf.

Weber lächelte.

Nur kurz.

Aber Hugo sah es.

Und diesmal bedeutete dieses Lächeln mehr als zuvor.

Etwas richtete sich in ihm auf.

Nicht weil er glaubte, gewonnen zu haben.

Darum ging es nicht.

Es war das erste Mal, dass er das Gefühl hatte, dass sie mit ihm diskutierten.

Nicht mit dem siebzehnjährigen Jungen aus Hamburg.

Mit ihm.

Eberhardt tippte mit dem Finger auf eine andere Zeile.

„Dann erklären Sie mir die hier.“

Hugo sah hin.

Er kannte die Zahl.

Sofort.

„Die Beteiligung.“

„Ja.“

„Die ist zu niedrig bewertet.“

„Wieder Ihrer Meinung nach.“

„Ja.“

„Warum?“

Hugo erklärte es.

Diesmal unterbrach Eberhardt ihn erst später.

Dann widersprach Weber.

Hugo widersprach zurück.

Brenner hörte zu.

Und irgendwann bemerkte Hugo, dass sich das Gespräch verändert hatte.

Sie prüften ihn noch immer.

Aber er fühlte sich nicht mehr geprüft.

Er arbeitete.


Die Fragen kamen schneller.

Umsatz.

Gewinn.

Schulden.

Beteiligungen.

Immobilien.

Abschreibungen.

Hugo merkte irgendwann, dass sie ihn kaum noch fragten, was er gekauft hatte.

Sie wollten wissen, warum.

Weber nannte eine Zahl.

Hugo antwortete.

Eberhardt widersprach.

Hugo erklärte.

Brenner hörte meistens nur zu.

Einige Male wusste Hugo etwas nicht.

Beim ersten Mal zögerte er.

„Das weiß ich nicht.“

Er wartete beinahe auf eine Reaktion.

Es kam keine.

Beim zweiten Mal fiel es ihm leichter.

Beim dritten Mal sagte Weber:

„Sie haben erstaunlich wenig Schwierigkeiten damit, etwas nicht zu wissen.“

Hugo sah ihn an.

„Wenn ich es nicht weiß, weiß ich es nicht.“

„Viele Menschen ersetzen das durch eine Vermutung.“

„Ich vermute auch.“

„Aber?“

„Dann schreibe ich dazu, dass es eine Vermutung ist.“

Weber sah zu Brenner.

Wieder wurde etwas notiert.

Hugo bemerkte es.

Und diesmal störte es ihn kaum.

Am Anfang hatte jeder Strich eines Stiftes ihn nervös gemacht.

Jetzt fragte er sich eher, welcher seiner Sätze den Männern wichtig genug war, um ihn aufzuschreiben.

Langsam verstand er, dass nicht jede Frage eine richtige Antwort haben musste.

Manche Fragen dienten nur dazu festzustellen, was er tat, wenn er keine hatte.

Diese Erkenntnis beruhigte ihn mehr als alles, was seine Mutter oder Svenja ihm an diesem Morgen gesagt hatten.


Eberhardt zog eine weitere Seite aus der Mappe.

„Sie haben Verluste gemacht.“

„Ja.“

„Nicht nur bei der Metallgesellschaft.“

„Nein.“

„Auch andere Ihrer angekündigten Entscheidungen lagen falsch.“

„Ja.“

„Warum haben Sie uns die trotzdem geschickt?“

Hugo runzelte die Stirn.

Zum ersten Mal verstand er die Frage nicht.

„Weil das Ihre Bedingung war.“

„Sie hätten warten können.“

„Dann hätten Sie hinterher nicht gewusst, ob ich die Entscheidung wirklich vorher getroffen habe.“

Eberhardt schwieg.

Hugo sah ihn an.

Jetzt begriff er, worum es ging.

„Wenn ich Ihnen nur die Sachen schicke, die funktionieren, können Sie mich doch gar nicht beurteilen.“

Weber legte den Stift hin.

„Das war also der Grund.“

„Ja.“

„Sie wollten beweisen, dass die Entscheidungen tatsächlich von Ihnen stammen.“

Hugo überlegte.

„Auch.“

„Was noch?“

„Dass Sie alles sehen.“

„Auch die Fehler.“

„Gerade die.“

Danach war wieder Stille.

Aber diesmal empfand Hugo sie nicht mehr als Bedrohung.

Er saß einfach da.

Zum ersten Mal seit dem Morgen hatte er nicht das Gefühl, irgendetwas verstecken zu müssen.

Und plötzlich verstand er, dass die Männer ihn vielleicht gerade deshalb ernst nahmen.

Nicht weil er keine Fehler machte.

Sondern weil er ihnen nicht davonlief.


Das Gespräch dauerte fast zwei Stunden.

Irgendwann war das Wasserglas vor Hugo leer.

Der Ordner lag noch immer auf dem Tisch, aber er hatte ihn kaum geöffnet. Fast alles, was die Männer wissen wollten, hatte ohnehin in seinem Kopf gesteckt.

Weber schloss schließlich seine Mappe.

Eberhardt lehnte sich zurück.

Brenner faltete die Hände.

Sofort veränderte sich etwas.

Solange sie über Unternehmen gesprochen hatten, war Hugo ruhig gewesen.

Jetzt ging es wieder um ihn.

„Herr Voss“, sagte Weber, „wir werden das intern besprechen.“

Hugo nickte.

Er hasste diesen Satz schon beim ersten Hören.

Er bedeutete alles und nichts.

„Wann?“

Eberhardt sah ihn an.

Brenner antwortete.

„Sie hören von uns.“

„Das kann morgen bedeuten oder in drei Wochen.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann lächelte Brenner.

„Sie sind wirklich siebzehn?“

„Ja.“

„Wir melden uns.“

Hugo nahm seinen Ordner.

Seine Finger fühlten sich plötzlich unbeholfen an.

Er hätte gern gefragt, was sie von ihm hielten.

Ob das Gespräch gut gewesen war.

Ob sie ihn für fähig hielten.

Oder ob sie lediglich höflich genug gewesen waren, einen merkwürdigen Jungen aus Hamburg zwei Stunden lang anzuhören.

Er fragte nichts davon.

Er stand auf.

Weber ebenfalls.

Sie gaben sich die Hand.

Eberhardt erhob sich diesmal auch.

Sein Händedruck war kräftig.

Brenner begleitete Hugo hinaus.

Auf dem Flur ging Hugo drei Schritte.

Dann blieb er stehen.

Er konnte nicht anders.

„Herr Brenner.“

„Ja?“

Hugo zögerte.

Jetzt war es ohnehin zu spät.

„War das schlecht?“

Brenner sah ihn an.

Dann hob sich ein Mundwinkel.

„Wenn es schlecht gewesen wäre, hätten wir deutlich weniger Zeit gebraucht.“

Mehr sagte er nicht.

Die Aufzugtür schloss sich hinter Hugo.

Er stand allein vor dem Spiegel.

Erst jetzt merkte er, wie sehr er die Schultern die ganze Zeit hochgezogen hatte.

Er ließ sie sinken.

Atmete tief aus.

Noch einmal.

Dann sah er auf seine Hand.

Die vier kleinen Halbmonde der Fingernägel waren fast verschwunden.

Hugo musste lächeln.

Diesmal sah er im Spiegel nicht mehr nur einen Jungen.


Elisabeth und Svenja warteten unten.

Svenja stand sofort auf, als sie ihn sah.

„Und?“

Hugo ging auf sie zu.

Seine Beine fühlten sich merkwürdig leicht an.

„Sie wollen beraten.“

„Das heißt?“

„Dass sie beraten wollen.“

„Hugo.“

Er sah seine Schwester an.

Dann seine Mutter.

Elisabeth sagte nichts.

Sie sah nur in sein Gesicht.

Hugo hatte das Gefühl, dass sie darin etwas suchte.

„Ich glaube“, sagte er langsam, „es war nicht schlecht.“

Elisabeths Schultern sanken ein wenig.

Er hatte vorher gar nicht bemerkt, wie angespannt sie gewesen war.

Sie legte kurz eine Hand an seinen Arm.

Svenja grinste.

„Siehst du.“

„Was?“

„Du hast überlebt.“

Hugo sah zurück zu den Aufzügen.

„Knapp.“

Er merkte, dass er plötzlich Hunger hatte.

Das erschien ihm als gutes Zeichen.


Am Bahnhof hatten sie noch Zeit.

Svenja setzte sich auf eine Bank und suchte eine Position, in der ihr Bauch nicht störte. Elisabeth kaufte sich am Kiosk einen Kaffee und hielt den Becher mit beiden Händen.

Hugo blieb zunächst stehen.

Er konnte noch nicht sitzen.

Sein Körper war müde.

Sein Kopf nicht.

Das Gespräch lief darin weiter.

Jede Frage.

Jede Antwort.

Besonders Roithner.

Eberhardts Widerspruch.

Webers kurzes Lächeln.

Es überraschte Hugo, dass ausgerechnet diese Minuten in seinem Kopf hängen geblieben waren. Nicht die Stellen, an denen er eine richtige Antwort gegeben hatte. Sondern der Moment, in dem er gemerkt hatte, dass er widersprechen durfte.

„Was passiert, wenn sie Nein sagen?“, fragte Svenja.

Hugo zuckte mit den Schultern.

„Dann fahre ich nach Hause.“

„Und dann?“

„Dann mache ich weiter.“

„Mit deinem Depot?“

„Ja.“

„Und mit der Schule?“

Hugo sah zu ihr.

Elisabeth ebenfalls.

„Das ist keine unwichtige Frage“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Dann antworte.“

Hugo setzte sich neben Svenja.

„Ich weiß nicht, ob ich noch lange zur Schule gehe.“

Elisabeth stellte den Kaffee ab.

„Das ist etwas anderes als das, was du bisher gesagt hast.“

„Bisher gab es Frankfurt auch nicht.“

„Und deshalb willst du jetzt die Schule hinschmeißen?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Fast.“

Hugo spürte, wie der Ärger sofort in seinen Nacken stieg.

Svenja sah von einem zum anderen.

„Er hat gesagt, er weiß es nicht.“

Elisabeth schwieg.

Hugo sah auf die Menschen vor ihnen.

Ein Mann im Anzug lief schnell durch die Halle. Eine Frau zog zwei Kinder hinter sich her. Ein älteres Ehepaar stand vor einer Anzeigetafel.

Alle schienen zu wissen, wohin sie gehörten.

„Ich sitze jeden Morgen in der Schule“, sagte Hugo, „und denke darüber nach, was ich nachmittags machen will.“

„Das geht vielen so.“

„Bei mir ist es anders.“

Elisabeths Blick wurde härter.

„Natürlich ist es bei dir anders.“

Hugo hörte den Ton.

„So meinte ich das nicht.“

Sie atmete aus.

„Ich weiß.“

Svenja legte eine Hand auf Hugos Knie.

„Was willst du denn?“

Hugo musste nicht lange nachdenken.

„Arbeiten.“

Das Wort kam ohne Zögern.

„Bei der Bank?“

„Wenn sie mich wollen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann eben allein.“

Elisabeth betrachtete ihn.

„Dein Vater wird das nicht gut finden.“

Hugo lachte kurz.

Nicht fröhlich.

„Mein Vater findet seit Jahren nichts davon gut.“

„Das stimmt so nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

Hugo sah sie an.

„Erst hat er gesagt, ich spinne. Dann war alles Glück. Danach war es zu gefährlich. Jetzt ist Frankfurt verdächtig, weil eine Bank keinen Jungen ohne Abitur einladen würde.“

Elisabeth schwieg einen Moment.

„Er hat Angst.“

„Wovor?“

„Dass du dich verrennst.“

„Ich verdiene Geld.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

„Darum, dass du siebzehn bist und Entscheidungen triffst, die er selbst mit siebzehn niemals getroffen hätte.“

Hugo sah weg.

Der Satz traf einen Punkt, an den er nicht gedacht hatte.

„Das ist nicht mein Problem.“

„Nein“, sagte Elisabeth. „Aber vielleicht seines.“

Hugo antwortete nicht.

Er wusste nicht, ob das etwas besser machte.

Vielleicht machte es die Sache sogar schlimmer.


Am Abend saßen sie in einem Restaurant, das Svenja ausgesucht hatte.

Weiße Tischdecken. Schwere Gläser. Kellner, die sich so geräuschlos bewegten, dass Hugo manchmal erst bemerkte, dass einer neben ihm stand, wenn bereits etwas auf dem Tisch lag.

Svenja hatte sich umgezogen. Sie trug ein dunkles Kleid, schlicht geschnitten, der Bauch sichtbar darunter.

Hugo trug ein Hemd, das sie ihm am Nachmittag aus dem Koffer gezogen hatte.

„Das andere nicht“, hatte sie gesagt.

„Warum?“

„Weil es nicht passt.“

„Es passt.“

„Nein.“

„Ich habe es letzte Woche getragen.“

„Dann hat es letzte Woche schon nicht gepasst.“

Jetzt saß sie ihm gegenüber und sah zufrieden aus.

„Besser.“

„Ich wusste gar nicht, dass Frankfurt eine Modenschau ist.“

„Ist es nicht. Aber du musst trotzdem nicht aussehen, als hätte dich jemand aus einem Schrank gezogen.“

Elisabeth schüttelte den Kopf.

„Lass ihn.“

„Ich helfe ihm.“

„Ihr nennt alles helfen“, sagte Hugo.

Svenja hob ihr Glas.

„Auf Frankfurt.“

Hugo sah sie an.

„Wir wissen noch gar nichts.“

„Dann auf zwei Stunden Gespräch.“

Elisabeth hob ebenfalls ihr Glas.

„Darauf kann man trinken.“

Hugo gab nach.

Sie stießen an.

Eine Weile redeten sie über das Essen, über das Hotel, über den Zug am nächsten Morgen. Svenja erzählte von Nächten, in denen das Kind offenbar beschlossen hatte, dass drei Uhr morgens eine hervorragende Zeit für Bewegung sei.

Hugo hörte zu.

Zum ersten Mal seit dem Morgen dachte er einige Minuten nicht an die Bank.

Er bemerkte irgendwann, dass er sich zurückgelehnt hatte.

Der Nacken war nicht mehr angespannt.

Dann fragte Svenja:

„Was hast du eigentlich so lange da oben gemacht?“

„Zahlen.“

„Das habe ich mir gedacht.“

„Unternehmen. Bewertungen. Entscheidungen.“

„Und?“

Hugo zuckte mit den Schultern.

„Sie wollten wissen, wie ich denke.“

Svenja verzog das Gesicht.

„Das klingt unangenehm.“

„Am Anfang.“

„Und später?“

Hugo dachte an Roithner.

„Später nicht mehr.“

„Warum?“

„Weil wir irgendwann gestritten haben.“

Svenja blinzelte.

„Du hast bei der Deutschen Bank gestritten?“

„Diskutiert.“

„Natürlich.“

„Über eine Bewertung.“

„Noch besser.“

Hugo musste lächeln.

„Sie haben wissen wollen, warum ich bestimmte Werte anders ansetze.“

„Und?“

„Ich habe es ihnen erklärt.“

„Und sie haben dir geglaubt?“

Hugo dachte nach.

„Darum ging es gar nicht.“

Das überraschte ihn selbst.

„Worum dann?“

Er sah auf sein Glas.

„Ob ich erklären kann, warum ich es mache.“

Elisabeth beobachtete ihn.

„Und konntest du?“

Hugo nickte.

„Ja.“

Es war ein kleines Wort.

Aber als er es sagte, merkte er, wie gut es sich anfühlte.

Nicht überheblich.

Nicht triumphierend.

Einfach sicher.

Svenja grinste.

„Das klingt schon ganz anders als heute Morgen.“

„Was?“

„Du.“

Hugo antwortete nicht.

Vielleicht hatte sie recht.


Später wurde Svenja ernster.

„Wenn sie dich nehmen“, sagte sie, „würdest du wirklich hierherziehen?“

Hugo antwortete nicht sofort.

„Wenn ich hier arbeite, muss ich hier wohnen.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Doch.“

„Nein. Ich habe gefragt, ob du es willst.“

Hugo sah aus dem Fenster.

Frankfurt war dunkel geworden. Autos zogen über die nasse Straße, und die Lichter spiegelten sich auf dem Asphalt.

Bis zu diesem Augenblick hatte er über Frankfurt immer wie über eine berufliche Entscheidung nachgedacht.

Bank.

Arbeit.

Aktien.

Geld.

Jetzt sah er plötzlich sein Zimmer in Eppendorf.

Michael.

Den Frühstückstisch.

Die Küche.

Seine Mutter auf dem Flur.

Den Vater, dessen Stimme durch das Haus drang, wenn er telefonierte.

All diese Dinge, die ihn manchmal störten, bekamen plötzlich ein anderes Gewicht.

Hugo rieb mit dem Daumen über den Rand seines Glases.

„Ich glaube schon“, sagte er.

Elisabeth senkte den Blick.

Hugo sah es.

„Mama.“

„Was?“

„Ich bin nicht weg.“

„Frankfurt ist nicht Eppendorf.“

„Nein.“

„Du bist siebzehn.“

„Fast achtzehn.“

Elisabeth lächelte müde.

„Diesen Satz höre ich in letzter Zeit auffällig oft.“

Hugo wollte etwas sagen, das sie beruhigte.

Etwas wie: Es ändert sich nichts.

Aber das wäre gelogen gewesen.

Wenn die Bank Ja sagte, würde sich etwas ändern.

Das wusste er jetzt.

Und zum ersten Mal machte ihm nicht nur die Möglichkeit Angst, dass die Bank Nein sagen könnte.

Sondern auch die Möglichkeit, dass sie Ja sagte.


Einige Tage später stand Elisabeth wieder mit einem Fahrplan am Küchentisch.

Die Deutsche Bank hatte sich gemeldet.

Hugo sollte erneut nach Frankfurt kommen.

Diesmal ging es nicht mehr darum, ob die Bank ihn interessant fand.

Diesmal ging es um einen Arbeitsvertrag.

Für Elisabeth war selbstverständlich gewesen, dass sie mitfuhr.

Sie hatte gerade überlegt, ob sie erneut eine Nacht bleiben sollten, als Hugos Vater in die Küche kam.

Er blieb in der Tür stehen.

Sein Blick fiel zuerst auf Elisabeth.

Dann auf den Fahrplan.

Hugo sah, wie sich sein Gesicht veränderte.

Nur wenig.

Aber genug.

Der Mund wurde schmaler.

Hugo kannte diesen Ausdruck.

„Du fährst wieder mit.“

Es war keine Frage.

Elisabeth hob den Kopf.

„Ja.“

„Natürlich.“

Hugo legte den Bleistift aus der Hand.

„Was soll das heißen?“, fragte Elisabeth.

„Gar nichts.“

„Dann sag es auch nicht so.“

Der Vater zog einen Stuhl zurück, setzte sich aber nicht.

„Seit Wochen gibt es hier nur noch Hugo.“

Elisabeth sah ihn an.

„Was?“

„Hugo fährt nach Frankfurt. Hugo hat einen Termin. Hugo braucht dies. Hugo braucht jenes. Und jetzt fährst du schon wieder hinter ihm her.“

„Ich fahre nicht hinter ihm her.“

„Nein? Was ist es denn dann?“

„Ich begleite meinen Sohn.“

„Deinen Sohn.“

„Ja.“

Der Vater lachte kurz.

Hugo kannte diesen Ton ebenfalls.

Er spürte, wie sich etwas in ihm sofort dagegenstellte.

„Was soll das jetzt?“, fragte er.

Sein Vater drehte sich zu ihm.

„Du hältst dich da raus.“

„Du redest über mich.“

„Ich rede mit meiner Frau.“

„Dann red nicht so, als wäre ich nicht im Raum.“

Für einen Moment sahen Vater und Sohn einander an.

Hugo kannte diesen Blick.

Er hatte ihn oft genug gesehen.

Dieses Gemisch aus Ärger und etwas anderem, etwas, das sein Vater nie aussprach und das Hugo deshalb nie richtig benennen konnte.

Als würde jeder Erfolg des Sohnes gleichzeitig irgendwo an ihm selbst kratzen.

„Du bist siebzehn“, sagte sein Vater. „Fast achtzehn. Wenn du glaubst, du kannst bei der Deutschen Bank arbeiten, wirst du wohl auch einen Zug nach Frankfurt finden.“

„Darum geht es doch gar nicht“, sagte Elisabeth.

„Doch.“

„Nein.“

Ihre Stimme wurde lauter.

„Es geht dir darum, dass ich mitfahre.“

Der Vater sah sie an.

„Ja, verdammt noch mal. Darum geht es mir.“

Danach war die Küche plötzlich zu klein.

„Ich habe keine Lust mehr darauf, dass du alles stehen und liegen lässt, sobald er mit dem Finger schnippt.“

Hugo stand auf.

Der Stuhl schabte über den Boden.

„Ich habe Mama überhaupt nicht gebeten—“

„Setz dich hin.“

„Schrei mich nicht an.“

„Dann benimm dich nicht so, als würde sich die ganze Welt um dich drehen.“

Hugo spürte die Hitze im Gesicht.

„Ich habe sie nicht gebeten mitzufahren!“

„Natürlich nicht. Musst du ja auch nicht.“

Elisabeth stand jetzt ebenfalls.

„Es reicht.“

„Nein, Elisabeth. Seit Monaten dreht sich hier alles nur darum, was Hugo kann, was Hugo verdient und was Hugo als Nächstes macht. Du sitzt bei ihm, du fährst mit ihm zur Bank, und sobald ich etwas dazu sage, bin ich der Böse.“

Elisabeth sah ihn an.

Für einen kurzen Moment wirkte sie nicht wütend.

Nur verletzt.

So kurz, dass Hugo nicht sicher gewesen wäre, ob er es überhaupt gesehen hätte, wenn er seine Mutter nicht so gut gekannt hätte.

Dieser Ausdruck traf ihn stärker als das Geschrei.

Sein Ärger brach für einen Augenblick ab.

Dann sagte Elisabeth:

„Vielleicht solltest du dich einmal fragen, warum er lieber mit mir redet als mit dir.“

Hugo wusste sofort, dass der Satz getroffen hatte.

Sein Vater wurde still.

Diese Stille war schlimmer als das Schreien.

Er griff nach seiner Jacke.

„Dann fahr doch mit ihm nach Frankfurt. Vielleicht kannst du gleich dortbleiben.“

Er ging.

Die Tür schlug zu.

Im Schrank klirrten die Gläser.

Danach herrschte Stille.

Hugo stand noch immer neben seinem Stuhl.

Er merkte erst jetzt, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte.

Langsam öffnete er sie.

„Mama.“

„Lass.“

„Ich kann allein fahren.“

„Ich weiß.“

„Dann mache ich das.“

Elisabeth sah ihn an.

„Nein.“

„Papa macht doch nur wieder Theater, wenn du—“

„Dein Vater entscheidet nicht, ob du allein fahren musst.“

Sie sagte es ruhig.

Aber Hugo kannte diesen Ton.

Die Entscheidung war gefallen.

Dann nahm sie das Telefon.

„Was machst du?“

„Ich rufe Svenja an.“

„Warum?“

„Weil ich keine Lust habe, daraus den nächsten Krieg zu machen.“

Wenig später legte sie auf.

„Svenja fährt mit.“

„Einfach so?“

„Sie hat gefragt, welchen Zug ihr nehmt.“

Hugo schüttelte den Kopf.

„Ihr seid verrückt.“

Elisabeth sah ihn an.

„Möglich.“

Dann richtete sie den Fahrplan wieder gerade.

Hugo beobachtete ihre Hände.

Sie zitterten ganz leicht.

Er sah weg.

Plötzlich wünschte er, sein Vater wäre noch in der Küche.

Nicht um weiterzustreiten.

Nur damit dieser Satz nicht der letzte zwischen ihnen gewesen wäre.


Vier Tage später saß Hugo wieder im Zug nach Frankfurt.

Diesmal saß Elisabeth nicht gegenüber von ihm.

Svenja saß am Fenster, den Mantel geöffnet, eine Hand auf dem Bauch, die andere auf einer Zeitschrift, von der sie seit Hannover keine Seite mehr umgeblättert hatte.

Hugo sah sie an.

„Du musstest nicht mitkommen.“

„Das haben wir schon geklärt.“

„Mama hat beschlossen, dass du mitkommst.“

„Und ich habe Ja gesagt.“

„Warum?“

Svenja legte die Zeitschrift weg.

„Weil ich wollte.“

„Du bist schwanger.“

„Das ist mir aufgefallen.“

„Und Frankfurt ist weit.“

„Hugo.“

„Was?“

„Hör auf.“

Er schwieg.

Svenja sah ihn einen Moment an.

„Außerdem möchte ich sehen, wie du deinen ersten Arbeitsvertrag verhandelst.“

„Vielleicht gibt es nichts zu verhandeln.“

Svenja lächelte.

„Dann kenne ich dich schlecht.“

Hugo sah aus dem Fenster.

Dieses Mal war Frankfurt anders.

Beim ersten Mal hatte er Angst gehabt, dort als Hochstapler entlarvt zu werden.

Jetzt lag ein Arbeitsvertrag auf einem Tisch.

Das machte die Sache nicht weniger beängstigend.

Nur konkreter.


Brenner wartete bereits auf ihn.

Diesmal war die Eingangshalle nicht mehr ganz so groß.

Der Weg zum Aufzug nicht mehr ganz so lang.

Hugo wusste, welchen Knopf er drücken musste.

Er kannte den Flur.

Das half.

Im Besprechungsraum saß wieder Weber.

Daneben ein Mann aus der Personalabteilung, Reuter.

Auf dem Tisch lagen Unterlagen.

Hugo setzte sich.

Dann sah er die Überschrift.

Arbeitsvertrag.

Er strich einmal mit dem Finger über das obere Blatt, fast ohne es zu merken.

Das Wort machte etwas real, das bisher nur eine Möglichkeit gewesen war.

Arbeitszeit.

Vergütung.

Probezeit.

Aufgaben.

Kündigungsfristen.

Hugo las langsam.

Nicht weil er Schwierigkeiten hatte.

Sondern weil ihm bewusst war, dass eine Unterschrift unter diesen Seiten etwas anderes bedeutete als eine Kauforder.

Eine Aktie konnte er verkaufen.

Eine falsche Entscheidung konnte er korrigieren.

Ein Arbeitsvertrag bedeutete Frankfurt.

Nicht für einen Tag.

Nicht für ein Gespräch.

Frankfurt bedeutete Hamburg verlassen.

Bei diesem Gedanken sah er für einen Augenblick nicht die Seiten vor sich, sondern sein Zimmer in Eppendorf.

Dann zwang er seinen Blick zurück.

Reuter erklärte mehrere Punkte.

Hugo hörte zu.

Dann kam das Gehalt.

Reuter nannte die Zahl.

Hugo nickte.

Brenner sah ihn an.

„Keine Reaktion?“

„Sollte ich eine haben?“

Weber lächelte.

Reuter blieb sachlich.

„Für jemanden in Ihrem Alter ist das ein ungewöhnliches Angebot.“

Hugo hob den Blick.

Schon wieder.

In Ihrem Alter.

„Sie bezahlen mich nicht wegen meines Alters.“

Brenner lehnte sich zurück.

„Nein.“

Hugo las weiter.

Dann blieb sein Blick an einer Regelung hängen.

Er rechnete.

Noch einmal.

Zahlen halfen.

„Hier.“

Reuter beugte sich vor.

„Was genau?“

Hugo zeigte auf den Abschnitt.

„Ein Drittel.“

Brenner runzelte die Stirn.

„Was ist damit?“

„Zu wenig.“

Brenner sah ihn an, als hätte er sich verhört.

Hugo spürte sofort den Impuls, den Satz abzuschwächen.

Tat es aber nicht.

„Sie haben gerade Ihren ersten Arbeitsvertrag vor sich liegen.“

„Ja.“

„Sie sind siebzehn Jahre alt.“

„Ja.“

„Und Sie beginnen mit einer Nachverhandlung.“

In Hugos Kopf hörte er für einen Augenblick die Stimme seines Vaters.

Sei froh, dass sie dich überhaupt nehmen.

Er schob den Gedanken weg.

„Soll ich warten, bis ich unterschrieben habe?“

Weber lachte leise.

Reuter nicht.

„Was stellen Sie sich vor?“

Hugo nannte seine Zahl.

Dann wartete er.

Die Sekunden danach fühlten sich länger an, als sie waren.

Brenner hob die Augenbrauen.

„Das ist erheblich mehr.“

„Ja.“

„Warum sollten wir darauf eingehen?“

Hugo sah ihn an.

Seine Hände lagen unter dem Tisch.

Er öffnete und schloss einmal die Finger.

„Weil Sie mich nicht nach Frankfurt geholt haben, damit ich genauso arbeite wie jeder andere.“

Stille.

Diesmal war er sicher, zu weit gegangen zu sein.

Er spürte bereits, wie ihm die Wärme ins Gesicht stieg.

Dann sah Weber zu Brenner.

„Ich glaube, genau deshalb sitzt er hier.“

Hugo atmete erst jetzt wieder richtig aus.

Und etwas änderte sich.

Bis zu diesem Moment hatte er noch das Gefühl gehabt, um etwas zu bitten.

Jetzt begriff er, dass sie verhandelten.

Mit ihm.

Nicht über ihn.


Sie sprachen weiter.

Auch über sein bestehendes Depot.

Brenner verschränkte die Hände.

„Wir würden erwarten, dass Sie es zur Deutschen Bank übertragen.“

„Das mache ich.“

Die Antwort kam sofort.

Reuter sah auf.

„So einfach?“

„Warum nicht?“

„Manche Kunden hängen an ihrer bisherigen Bank.“

„Ich hänge an meinen Aktien.“

Weber grinste.

„Das ist vermutlich die bessere Voraussetzung.“

Hugo lächelte kurz.

Später fiel das Wort Kredit.

Hugo hörte genauer hin.

Nicht weil er beschlossen hatte, einen aufzunehmen.

Aber Möglichkeiten interessierten ihn.

Möglichkeiten bedeuteten Spielraum.

Weber hob beide Hände.

„Mich fragen Sie bitte nicht. Ich analysiere Unternehmen. Ich vergebe keine Kredite an Minderjährige.“

„Fast volljährig“, sagte Hugo.

Weber sah ihn an.

„Das macht Sie juristisch nicht volljähriger.“

„Noch nicht.“

Brenner unterbrach.

„Darüber sprechen wir ohnehin erst, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.“

Hugo nickte.

Und plötzlich dachte er an den Küchentisch in Hamburg.

An die alte Regel.

Nur vorhandenes Geld.

Keine Schulden.

Keine Verluste über das hinaus, was vorhanden war.

Ein Kredit war etwas anderes.

Seine Mutter würde das Wort nicht mögen.

Sein Vater noch weniger.

Für einen Moment hörte Hugo wieder dessen Stimme.

Siehst du. Genau das habe ich gemeint.

Er rieb mit dem Daumen über die Kante des Papiers.

Gleichzeitig faszinierte ihn der Gedanke.

Eine Bank sprach mit ihm über Kredit.

Mit ihm.

Dem Jungen, dessen Mutter vor wenigen Jahren noch hatte unterschreiben müssen, damit er überhaupt ein Depot bekam.

Er wusste nicht, ob dieses Gefühl Stolz war.

Oder Gefahr.

Wahrscheinlich beides.


Als Hugo später wieder die Eingangshalle betrat, stand Svenja sofort auf.

Sie sah zuerst sein Gesicht.

Dann die Unterlagen in seiner Hand.

„Und?“

Hugo konnte das Grinsen nicht ganz unterdrücken.

„Ich glaube, wir sind uns einig.“

Ihr Blick fiel auf den Vertrag.

„Arbeitsvertrag?“

„Ja.“

„Geld?“

„Ja.“

„Mehr als vorher?“

Hugo grinste jetzt richtig.

„Ein bisschen.“

Svenja schüttelte den Kopf.

„Natürlich.“

Sie umarmte ihn.

Für einen Moment ließ Hugo es einfach zu.

Er spürte ihre Hand an seinem Rücken, ihren Bauch zwischen ihnen, und plötzlich traf ihn die Absurdität des Augenblicks.

Seine große Schwester war schwanger.

Er war siebzehn.

Und er stand mit seinem ersten Arbeitsvertrag in der Eingangshalle der Deutschen Bank.

Etwas Warmes breitete sich in seiner Brust aus.

Diesmal musste er nicht überlegen, was es war.

Stolz.

Svenja löste sich.

„Und sonst?“

„Mein Depot kommt hierher.“

„Das überrascht mich nicht.“

„Und wir haben über einen möglichen Kredit gesprochen.“

Svenja sah ihn an.

Ihr Gesicht veränderte sich langsam.

„Du.“

„Was?“

„Du fährst zur Deutschen Bank, um deinen ersten Arbeitsvertrag zu besprechen, und kommst mit einem Kredit zurück.“

„Ich habe keinen Kredit aufgenommen.“

„Natürlich nicht.“

„Ich habe nur die Möglichkeit verhandelt.“

Svenja starrte ihn an.

Dann begann sie zu lachen.

„Was?“

„Nichts.“

„Svenja.“

„Du bist einfach völlig unmöglich.“

Hugo musste ebenfalls lachen.

Die ganze Spannung der letzten Stunden fiel für einen Moment von ihm ab.


Am Abend saßen sie zusammen.

Svenja hob ihr Wasserglas.

„Worauf trinken wir?“

„Du trinkst Wasser.“

„Das ist trotzdem ein Glas.“

Hugo dachte nach.

„Auf Frankfurt.“

„Zu ungenau.“

„Auf den Vertrag.“

Svenja nickte.

„Darauf, dass du deinen ersten richtigen Arbeitsvertrag hast.“

Sie stießen an.

Dann sagte sie:

„Und darauf, dass Papa irgendwann so tun wird, als hätte er es schon immer gewusst.“

Hugo lachte.

Dann wurde er still.

„Das wird er nicht.“

„Warte ab.“

Hugo nahm einen Schluck.

Svenja sah ihn an.

„Weißt du eigentlich, was das jetzt bedeutet?“

„Dass ich nach Frankfurt muss.“

„Nein.“

„Doch.“

„Ich meine wirklich.“

Hugo sah auf den Vertrag.

Da war wieder dieses Gefühl, das sich nicht entscheiden konnte, ob es Freude oder Angst sein wollte.

Der Vertrag war ein Erfolg.

Und gleichzeitig war er ein Abschied.

Frankfurt bedeutete Schule.

Hamburg.

Sein Zimmer.

Michael.

Seine Mutter.

Seinen Vater.

Die Türen im Haus, hinter denen immer jemand gewesen war.

Hugo fuhr mit dem Finger über den Rand des Glases.

„Angst?“, fragte Svenja.

„Nein.“

Sie wartete.

Hugo sah sie an.

„Ein bisschen.“

Svenja lächelte.

„Schon wieder besser.“

Diesmal widersprach er nicht.


Einige Wochen später stand Hugo mit einem Schlüssel vor einer kleinen Wohnung in Frankfurt.

Elisabeth stand hinter ihm.

Svenja daneben.

Der Flur roch nach Bohnerwachs, Staub und Essen aus irgendeiner anderen Wohnung.

Hugo steckte den Schlüssel ins Schloss.

Seine Hand blieb einen Moment am Türgriff.

Das war merkwürdig.

Bei der Bank hatte er einen Arbeitsvertrag verhandelt.

Jetzt machte ihn eine einfache Wohnungstür nervös.

„Na dann“, sagte Svenja.

Hugo öffnete.

Die Wohnung war klein.

Ein Zimmer.

Eine schmale Küche.

Ein Bad.

Nicht schön.

Aber ausreichend.

Elisabeth trat hinein und blieb stehen.

„Das ist alles?“

„Ja.“

Sie ging zum Fenster, sah hinaus, öffnete es, schloss es wieder.

Hugo beobachtete sie.

Er kannte dieses Verhalten.

Sie suchte etwas, das sie kritisieren konnte, weil sie das Eigentliche nicht sagen wollte.

Dass sie nicht wollte, dass er hier blieb.

„Das ist winzig.“

„Ich wohne allein.“

„Trotzdem.“

Svenja stellte eine Tasche ab.

„Immerhin muss er nicht lange putzen.“

Elisabeth sah sie an.

„Hilfreich.“

„Ich bemühe mich.“

Hugo stellte seinen Koffer ab.

„Es reicht.“

Elisabeth drehte sich zu ihm.

„Du verdienst mehr als viele Erwachsene und wohnst hier.“

„Was ist daran falsch?“

„Nichts. Aber du könntest dir etwas Vernünftigeres leisten.“

„Das hier ist vernünftig.“

„Das hier ist praktisch.“

„Genau.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Hugo sah sich um.

Für ihn war es tatsächlich genug.

Ein Bett.

Ein Tisch.

Ein Schrank.

Platz für seine Unterlagen.

Kurzer Weg zur Bank.

Er brauchte keine große Wohnung, um allein darin zu sitzen.

„Ich will mein Geld nicht für eine Wohnung ausgeben.“

„Wofür dann?“

Hugo sah sie an.

Elisabeth hob sofort die Hand.

„Nein. Ich will es gar nicht wissen.“

Svenja lachte.

„Aktien.“

„Unter anderem.“

„Natürlich“, sagte Elisabeth.

Dann sah sie noch einmal durch den Raum.

Ihre Augen blieben am Bett hängen.

„Es ist nicht schön.“

„Es muss nicht schön sein.“

„Doch“, sagte sie leise. „Ein bisschen schon.“

Hugo öffnete schon den Mund.

Dann sah er ihr Gesicht.

Und begriff.

Es ging überhaupt nicht um die Wohnung.

Nicht um das Bett.

Nicht um das Fenster.

Nicht um die Größe.

Es ging darum, dass sie ihn am Abend hierlassen würde.

In einer fremden Stadt.

Ohne sie.

Hugo sagte nichts mehr.

Er sah nur kurz zu dem Bett, dann zum Fenster, dann wieder zu seiner Mutter.

Zum ersten Mal wirkte die Wohnung kleiner als vorher.

Elisabeth schwieg ebenfalls.

Nach einigen Sekunden nickte sie.

„Dann richten wir es eben ein.“


Der Nachmittag verging mit Dingen, von denen Hugo vorher nicht gewusst hatte, dass man sie für eine Wohnung brauchte.

Bettwäsche.

Handtücher.

Tassen.

Teller.

Lebensmittel.

Kleinigkeiten, die Elisabeth kaufte, obwohl Hugo jedes Mal sagte, er brauche sie nicht.

Svenja räumte die Küche ein.

Hugo stellte seine Aktienhefte, Ordner und den alten Taschenrechner auf den Tisch.

Der Taschenrechner sah in der neuen Wohnung seltsam vertraut aus.

Fast wie ein Gegenstand aus einem anderen Leben.

Hugo strich einmal mit dem Finger darüber.

Wenigstens etwas kannte er hier.

Elisabeth kam aus dem Bad.

„Du brauchst noch einen zweiten Satz Handtücher.“

„Warum?“

„Weil Menschen Handtücher waschen.“

„Dann wasche ich sie.“

„Und womit trocknest du dich ab, während sie trocknen?“

Hugo dachte nach.

Svenja sah ihn an.

„Bitte sag jetzt nicht: mit einem anderen Handtuch.“

Hugo musste grinsen.

„Das wollte ich sagen.“

„Siehst du“, sagte Elisabeth. „Zweiter Satz.“

„Gut.“

Svenja strahlte.

„Die erste große Niederlage in Frankfurt.“

„Schreib sie auf.“

Für ein paar Minuten fühlte sich die Wohnung fast normal an.

Als wären sie nur irgendwo zu Besuch.

Dann sah Hugo den Koffer.

Und wusste wieder, dass die beiden später ohne ihn fahren würden.

Er wandte den Blick ab und begann, die Unterlagen auf dem Tisch neu zu ordnen, obwohl sie bereits ordentlich lagen.

Elisabeth bemerkte es.

Sie sagte nichts.


Am Abend gingen sie noch essen.

Ein kleines italienisches Restaurant in der Nähe. Schwache Beleuchtung, zu laute Musik, Pizza, die besser aussah, als sie schmeckte.

Elisabeth sagte wenig.

Svenja versuchte mehrfach, das Gespräch leicht zu halten.

„Du rufst an“, sagte Elisabeth irgendwann.

Hugo sah auf.

„Natürlich.“

„Jeden Tag.“

„Mama.“

„Jeden Tag.“

„Was soll ich denn jeden Tag erzählen?“

„Ist mir egal.“

„Wenn nichts passiert?“

„Dann sagst du, dass nichts passiert ist.“

Svenja nickte.

„Das dürfte er schaffen.“

Hugo sah beide an.

„Ihr wisst schon, dass Frankfurt nicht am anderen Ende der Welt liegt.“

„Für deine Mutter ungefähr schon“, sagte Svenja.

Elisabeth ignorierte sie.

„Und wenn etwas ist, rufst du sofort an.“

„Ja.“

„Auch nachts.“

„Ja.“

„Auch wenn du glaubst, dass du uns störst.“

„Ja.“

Elisabeth sah ihn an.

„Du sagst einfach immer Ja.“

„Weil du sonst nicht aufhörst.“

„Richtig.“

Sie lächelte.

Aber ihre Augen lächelten nicht.

Hugo nahm noch einen Bissen.

Er kaute länger als nötig und legte dann das Besteck hin.

Plötzlich hatte er keinen Hunger mehr.

Svenja sah auf seinen halb vollen Teller.

Dann zu ihm.

Sie fragte nicht.


Später standen sie vor dem Auto.

Die Straße war nass.

Laternen spiegelten sich auf dem Asphalt.

Elisabeth hatte darauf bestanden, noch am selben Abend zurückzufahren.

Hugo hielt Svenja die Tür auf.

Sie setzte sich vorsichtig hinein.

Dann stand Elisabeth vor ihm.

Keiner sagte etwas.

Hugo wusste nicht, was man in so einem Moment sagte.

Bis dahin hatte er geglaubt, Abschiede fühlten sich wie Entscheidungen an.

Tun sie nicht.

Sie passieren einfach.

Elisabeth umarmte ihn.

Fester, als er erwartet hatte.

Länger auch.

„Mama.“

„Lass mich.“

Er ließ sie.

Er spürte ihren Atem an seiner Schulter.

Dann, ganz leicht, dass sie zitterte.

Hugo schluckte.

Es half nicht.

Als sie sich löste, waren ihre Augen feucht.

„Ruf an.“

„Mache ich.“

Seine Stimme klang rauer als vorher.

„Morgen.“

„Ja.“

„Nach der Arbeit.“

„Ja.“

„Und vorher, wenn etwas ist.“

„Ja.“

Svenja rief aus dem Auto:

„Wenn ihr so weitermacht, kommt er morgen zu spät zu seinem ersten Arbeitstag.“

Elisabeth wischte sich kurz über die Augen.

„Sehr lustig.“

Dann sah sie Hugo noch einmal an.

„Pass auf dich auf.“

„Du auch.“

Sie stieg ein.

Hugo schloss die Tür.

Das Auto fuhr an.

Er blieb am Straßenrand stehen.

Die Rücklichter wurden kleiner.

An der Kreuzung blinkten sie.

Dann verschwanden sie.

Hugo hob noch einmal die Hand, obwohl niemand es mehr sehen konnte.

Und blieb trotzdem stehen.

Eine Minute.

Vielleicht zwei.

Er wusste es nicht.

Er hätte längst zurück in die Wohnung gehen können.

Aber er brachte es nicht fertig, sich umzudrehen.

Er stand nur da und sah auf die Stelle, an der das Auto verschwunden war.

Erst als hinter ihm ein Wagen langsam näherkam, trat er zur Seite.

Dann drehte er sich um.

Das war der Moment, in dem Frankfurt wirklich begann.


Die Wohnung war kalt, als er zurückkam.

Hugo schloss die Tür und drehte den Schlüssel zweimal herum.

Dann stand er im Flur.

Stille.

Nicht die Stille von Eppendorf.

Dort war nie wirklich still gewesen.

Irgendwo eine Tür.

Schritte.

Ein Telefon.

Seine Mutter in der Küche.

Die Stimme seines Vaters.

Michael, wenn er zu Besuch war.

Hier hörte Hugo nur die Heizung.

Ein Wasserrohr.

Sein eigenes Atmen.

Er ging ins Zimmer.

Auf dem Tisch lagen seine Unterlagen.

Daneben der Taschenrechner.

An der Wand hing nichts.

Noch nichts.

Er zog den Mantel aus.

Setzte sich.

Stand wieder auf.

Plötzlich wusste er nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Das irritierte ihn.

Er hatte sich jahrelang vorgestellt, wie es sein würde, wenn niemand ihm hineinredete.

Jetzt konnte er alles selbst entscheiden.

Wann er essen wollte.

Wann er schlafen wollte.

Wie lange er arbeiten wollte.

Was er mit seinem Geld tat.

Niemand würde die Tür öffnen und fragen, ob er noch Hausaufgaben hatte.

Niemand würde sagen, dass es spät war.

Niemand würde ihn daran erinnern, etwas aufzuräumen.

Und ausgerechnet jetzt hätte Hugo gern gehört, wie irgendwo eine Tür ging.

Er trat ans Fenster.

Unten fuhr ein Auto vorbei.

Ein Mann ging mit einem Hund über die Straße.

Im Haus gegenüber wurde ein Vorhang zugezogen.

Hugo dachte an sein Zimmer in Eppendorf.

An Michael.

An Svenja.

An seine Mutter.

Dann an seinen Vater.

Der Streit lag noch zwischen ihnen.

Keiner hatte ihn zurückgenommen.

Keiner hatte sich entschuldigt.

Hugo wusste nicht, ob sein Vater stolz auf ihn war.

Vielleicht wusste sein Vater es selbst nicht.

Er ging zurück zum Tisch.

Öffnete einen Ordner.

Sah auf eine Seite.

Normalerweise beruhigten ihn Zahlen.

Heute nicht.

Er las dieselbe Zeile dreimal und wusste danach noch immer nicht, was darin stand.

Er schloss den Ordner.

Heute nicht.

Zum ersten Mal seit Jahren halfen ihm Zahlen nicht.


Er machte sich fertig fürs Bett.

Das Bett war härter als zu Hause.

Das Kissen zu dick.

Hugo lag auf dem Rücken und sah an die Decke.

Ein Wasserrohr klopfte irgendwo.

Jemand ging im Treppenhaus.

Dann wieder Stille.

Er drehte sich zur Seite.

Dann zurück.

Er zog das Kissen unter dem Kopf hervor.

Legte es anders.

Es half nichts.

Schließlich stand er noch einmal auf.

Aus seiner Tasche holte er den Kassettenrekorder.

Musik.

Das hatte schon früher geholfen.

Er legte eine Kassette ein und drückte auf Play.

Leise.

Nur so laut, dass die Wohnung nicht mehr vollkommen still war.

Dann legte er sich wieder ins Bett und zog die Decke höher.

Eine Weile hörte er einfach nur zu.

Nach und nach wurde sein Atem ruhiger.

Die Spannung in seinen Schultern verschwand.

Für ein paar Minuten war er wieder in seinem Zimmer in Hamburg.

Dann kamen die Gedanken.

Frankfurt.

Die Bank.

Brenner.

Weber.

Roithner.

Eberhardts Fragen.

Der Vertrag.

Sein Schreibtisch, den er morgen zum ersten Mal sehen würde.

Die Männer in ihren Anzügen.

Die Fragen.

Die Blicke.

Sein eigenes Gesicht im Spiegel des Aufzugs.

Morgen würde er nicht mehr als Besucher durch diese Eingangshalle gehen.

Niemand würde ihn nach oben schicken, weil er einen Termin hatte.

Er würde hineingehen, weil er dort arbeitete.

Sein Herz schlug wieder etwas schneller.

Diesmal störte es ihn nicht.

Da war Angst.

Aber auch Stolz.

Neugier.

Und dieses nervöse Kribbeln, das er manchmal kurz vor einer Kaufentscheidung hatte, wenn alle Zahlen stimmten und trotzdem noch der letzte Schritt fehlte.

Nur dass es diesmal nicht um eine Aktie ging.

Diesmal ging es um ihn.

Hugo lag im Dunkeln und begriff, dass man offenbar gleichzeitig unbedingt etwas wollen und davor Angst haben konnte.

Vielleicht war das das Merkwürdige am Erwachsenwerden.

Man bekam endlich die Freiheit, auf die man so lange gewartet hatte, und stellte im selben Augenblick fest, dass Freiheit sich manchmal verdammt einsam anfühlte.

Die Kassette lief weiter.

Irgendwann wurden die Stimmen in seinem Kopf leiser.

Die Gedanken verloren ihre Konturen.

Hugo schloss die Augen.

Morgen, dachte er.

Morgen fange ich an.