Kapitel 1 – Die Entdeckung
Im Haus der Familie Voss in Eppendorf lagen die Zeitungen nicht auf, sie lagen herum. Das war ein Unterschied, den Elisabeth Voss jedes Mal aufs Neue zur Kenntnis nahm, wenn sie am frühen Abend durch die Räume ging und zusammentrug, was der Tag zurückgelassen hatte: die Börsenzeitung auf dem Esszimmertisch, halb auseinandergefaltet, als habe jemand mitten im Lesen das Interesse verloren; eine Aktienzeitschrift auf der Armlehne des Ledersessels; Kurslisten auf der Anrichte in der großen Diele, dort, wo eigentlich die Post hätte liegen sollen.
Der Hoppenstedt hatte seinen festen Platz im Arbeitszimmer des Vaters. Dort stand er allerdings nur, solange ihn niemand brauchte. Kam der Vater aus seinem Büro an der Elbe nach Hause, nahm er den schweren Band mit an den Tisch, schlug ihn auf und ließ ihn irgendwann an einem anderen Ort liegen.
Hugo war fünfzehn und hatte an all dem lange vorbeigelebt. Das Papier gehörte zum Vater und zu Werner, so selbstverständlich wie die Gespräche über Frachtraten, Unternehmen und Leute, deren Namen Hugo nicht kannte.
An einem regnerischen Herbstnachmittag kam er aus der Schule, hängte seinen nassen Mantel in der Garderobe rechts neben dem Eingang und ging durch die große Diele.
„Hugo?“
Elisabeth steckte den Kopf durch die Küchentür. Mit ihren sechzig Jahren war sie eine gepflegte, elegante Frau mit feinen Gesichtszügen und sorgfältig frisiertem, erst leicht ergrautem Haar. Ein wenig eitel war sie durchaus; selbst zu Hause legte sie Wert darauf, ordentlich angezogen zu sein und sich dem gesellschaftlichen Umfeld anzupassen, in dem die Familie sich bewegte. Escada gehörte seit Jahren zu ihren bevorzugten Marken. Und fast immer trug sie eine Perlenkette – so selbstverständlich, dass Hugo sie an seiner Mutter kaum noch wahrnahm.
„Du bist ja klatschnass.“
„Es regnet nur.“
„Es regnet nur“, wiederholte sie, als sei das eine Krankheit, gegen die man etwas unternehmen müsse. „Ich mache dir Tee.“
„Ich will keinen Tee.“
„Du kriegst trotzdem einen.“
Hugo ging nach oben. Auf einer kleinen Kommode im Flur lag der Hoppenstedt, aufgeschlagen, als habe ihn dort jemand nur für einen Augenblick abgelegt.
Er blieb stehen.
Firmenporträts. Endlose Reihen davon. Jede Firma mit ihrem Namen, ihrem Sitz, ihren Zahlen.
Er legte den Finger auf eine Zeile und ließ ihn weiterwandern, ohne zu verstehen, was die Hälfte davon bedeutete.
„Das ist kein Bilderbuch.“
Der Vater stand auf der Treppe, noch im Mantel, den Hut in der Hand. Er nahm den Band an sich.
„Was ist das?“, fragte Hugo.
„Der Hoppenstedt.“
„Und was steht da drin?“
„Alles, was man über Aktiengesellschaften wissen muss. Umsatz, Gewinn, Dividende, Grundkapital.“
„Alles?“
Der Vater sah ihn kurz an.
„Alles, was sie zugeben.“
Dann ging er in sein Arbeitszimmer.
Der Satz blieb Hugo im Kopf.
Alles, was sie zugeben.
Am Abend kam Werner zum Essen. Er war zwanzig Jahre älter als Hugo und längst aus dem Haus. Als Werner hereinkam, erschien dieses besondere Leuchten in Elisabeths Augen. Hugo kannte es. Es war derselbe Blick, mit dem sie auch ihn manchmal ansah. Bei seiner Schwester hatte er ihn nie gesehen. Mit seinen fünfunddreißig Jahren war Werner ein schlanker Mann mit schmalem Gesicht, kurzem braunem Haar und einer feinen Brille, hinter der sein Blick meist etwas ernst wirkte. Wenn er zu Besuch kam, gehörte er zugleich zur Familie und schon zu jener Erwachsenenwelt, die Hugo bisher nur vom Rand kannte.
Svenja war ebenfalls da. Mit ihren dreißig Jahren war sie fünfzehn Jahre älter als Hugo und mit etwa eins fünfundsechzig inzwischen deutlich kleiner als ihr jüngerer Bruder. Sie hatte ein schmales Gesicht, weiche Gesichtszüge und dunkelbraunes, schulterlanges Haar. In ihrer Erscheinung lag etwas Ruhiges und Vertrautes, das zu der besonderen Rolle passte, die sie für Hugo seit seiner Kindheit hatte: Sie war seine große Schwester und manchmal beinahe eine zweite Mutter. Obwohl sie verheiratet war und ihr eigenes Leben führte, kam sie häufig ins Elternhaus. Ihr Mann war beruflich viel unterwegs, und an solchen Tagen blieb sie manchmal bis spät oder über Nacht.
Sie strich Hugo beim Vorbeigehen durch das noch feuchte Haar.
„Du wächst ja immer noch.“
„Ich geb mir Mühe aufzuhören.“
„Das macht er in der Schule auch nicht“, sagte der Vater.
ie aßen. Für Hugo lagen die Geräusche am Tisch manchmal unangenehm dicht übereinander: das Klappern des Bestecks, Werners Stimme, der Stuhl seines Vaters, der über den Boden rückte, das Rascheln der Börsenzeitung. Die anderen schienen nichts davon zu bemerken. Hugo konzentrierte sich auf eine einzelne Stimme, bis der Rest wieder in den Hintergrund rückte.
Werner erzählte von Unternehmen, die bewertet wurden und bei denen kaum zwei Menschen derselben Meinung waren, was sie tatsächlich wert waren. Der Vater sprach über Japan und fallende Märkte.
Hugo hörte zu.
Kurs.
Dividende.
Grundkapital.
Brief und Geld.
Die Wörter lagen auf dem Tisch zwischen den Tellern, und niemand außer ihm schien zu bemerken, dass sie da waren.
„Was heißt Schlusskurs?“, fragte er.
Werner legte die Gabel weg.
„Der letzte Preis, zu dem an dem Tag gehandelt wurde.“
„Und wer entscheidet den?“
„Alle“, sagte Werner. „Und niemand.“
Der Vater faltete die Börsenzeitung auseinander.
„Wenn du schon fragst, dann lies.“
Er schob Hugo die Kursliste hin.
„Frankfurt. Aktien, Kurse, Nummern.“
Hugo betrachtete die eng gedruckten Zeilen.
„Was sind die langen Nummern?“
„Wertpapierkennnummern“, sagte Werner. „Jedes Wertpapier hat eine. Damit nichts verwechselt wird.“
Hugo nickte.
Es beruhigte ihn auf eine Weise, die er sich nicht erklären konnte, dass dort eine Welt existierte, in der jedes Ding eine Nummer hatte und nichts verwechselt werden durfte.
Ein paar Tage später lief im Wohnzimmer die Telebörse. Das wechselnde Bild, die eingeblendeten Zahlen und das unablässig über den Bildschirm ziehende Kursband waren Hugo zunächst fast zu viel auf einmal. Er blinzelte, konzentrierte sich schließlich nur noch auf die Zahlen und hörte eine Stimme von steigenden und fallenden Preisen sprechen. Dann fragte er:
„Warum fällt der DAX?“
„Weil Leute verkaufen“, sagte sein Vater.
„Warum verkaufen sie?“
„Weil sie glauben, dass es morgen weniger wert ist. Oder weil sie Angst haben. Oder weil sie Geld brauchen.“
Der Vater nahm seine Tasse.
„Die Börse ist kein Rechenapparat, Hugo. Hinter den Zahlen sitzen Menschen.“
Nach der Sendung holte Hugo die Kurslisten und den Hoppenstedt.
Er legte beides auf den Esstisch und begann zu vergleichen.
Er verstand die Hälfte nicht.
Das machte nichts.
Hier standen Angaben über ein Unternehmen.
Dort stand ein Preis.
Und irgendwie gehörte beides zusammen.
Elisabeth stellte ihm eine Tasse Kakao an den Rand des Tisches.
„Was machst du?“
„Ich sehe nach.“
„Wonach?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Ob das zusammenpasst.“
Sie betrachtete ihn einen Moment, strich ihm über den Hinterkopf und ging zurück in die Küche.
Draußen wurde es dunkel über Eppendorf. Zwischen dem Ticken der Uhr und dem leisen Knistern des Papiers begann etwas, das keinen Namen hatte und keinen brauchte.
Die Zeitungen lagen nicht mehr einfach nur herum.
Sie warteten.
Einige Wochen später fand Hugo den Fehler.
Er saß wieder am Esstisch. Hoppenstedt links, Kursliste rechts.
Die Wertpapierkennnummer war fast dieselbe.
Fast.
Zwei Ziffern waren vertauscht.
Hugo verglich noch einmal.
Dann noch einmal.
Er nahm die Kursliste und ging ins Arbeitszimmer seines Vaters.
„Hier stimmt die Nummer nicht.“
Der Vater sah auf die Zeitung.
„Und?“
„Sie ist falsch.“
„Dann ist sie falsch. Auch Zeitungen machen Fehler.“
„Aber genau deshalb gibt es doch diese Nummer.“
Der Vater lehnte sich zurück.
„Wenn du dir so sicher bist, ruf bei der Redaktion an.“
Hugo sah ihn an.
„Ich?“
„Du hast den Fehler gefunden.“
Auf einer Konsole in der Diele stand das Telefon. Hugo suchte die Nummer der Redaktion und wählte.
Es klingelte dreimal.
Eine Frau meldete sich.
„Guten Tag. Ich glaube, in Ihrer Kursliste ist eine Wertpapierkennnummer falsch.“
„Wer spricht?“
„Hugo Voss.“
Im Hintergrund klapperte eine Schreibmaschine.
„Moment.“
Hugo wartete und hörte die Standuhr hinter sich ticken.
Dann kam die Frau zurück.
„Herr Voss?“
„Ja.“
„Sie haben recht. Es ist ein Zahlendreher. Wir korrigieren das.“
Hugo sagte nichts.
„Wie haben Sie das gefunden?“
„Ich habe die Liste mit dem Hoppenstedt verglichen.“
Die Frau lachte kurz.
„Dann haben Sie scharfe Augen. Danke.“
Als Hugo auflegte, stand Elisabeth in der Küchentür.
„Wer war das?“
„Die Redaktion.“
„Und?“
„Ich hatte recht.“
Ihr Gesicht veränderte sich sofort.
„Zeig mir das.“
Sie verstand die Zahlen nicht im Einzelnen. Aber sie verstand, dass Hugo etwas entdeckt hatte, das andere übersehen hatten.
„Dann hast du etwas Besonderes gemacht.“
„Es war nur ein Zahlendreher.“
„Trotzdem hast du ihn gesehen.“
Werner kam wenig später herein.
Als Elisabeth ihm davon erzählte, klopfte er Hugo auf die Schulter.
„Gutes Auge.“
Dann fügte er hinzu:
„Aber es ist ein Tippfehler, Hugo. Du hast nicht den Markt verstanden.“
Der Vater trat aus seinem Arbeitszimmer.
„Die Redaktion hat bestätigt, dass Hugo recht hatte“, sagte Elisabeth.
Der Vater blickte ihn an.
„Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“
Es war nicht einmal besonders spöttisch gesagt.
Gerade deshalb traf es Hugo.
Später saß Svenja mit ihm in der Küche.
„Du siehst aus, als hättest du etwas gewonnen und wärst gleichzeitig sauer.“
„Bin ich nicht.“
„Doch.“
Hugo erzählte ihr, was der Vater gesagt hatte.
Svenja trank einen Schluck aus seinem Kakao und verzog das Gesicht.
„Zu süß.“
„Dann trink ihn nicht.“
Sie stellte das Glas zurück.
„Vielleicht hat der Vater dir nicht gegeben, was du hören wolltest. Aber du hast trotzdem etwas gesehen, das andere übersehen haben.“
Hugo sah auf den Tisch.
„Es war nur ein Zahlendreher.“
„Vielleicht. Aber du suchst solche Sachen. Du willst wissen, wo etwas nicht passt.“
Sie stand auf.
„Dann such weiter.“
Und genau das tat er.
Der Herbst war schon weit fortgeschritten, als Hugo Nina am Kiosk traf.
Er hatte sie in letzter Zeit mehrmals dort gesehen und war inzwischen auffällig oft vorbeigekommen. Einmal hatte er eine Cola gekauft, die er nicht wollte. Ein anderes Mal Erdnüsse, die er nicht aufgemacht hatte.
Jetzt kam sie die Straße entlang, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie war schlank und bewegte sich mit jener selbstverständlichen Leichtigkeit, die Hugo schon länger an ihr auffiel, ohne dass er hätte sagen können, warum er gerade sie immer wieder ansah.
Hugos Herz begann schneller zu schlagen.
Bei Zahlen passierte das nie.
Bei Zahlen war sein Herzschlag zuverlässig.
Bei Nina schien sein Körper eine Sprache zu sprechen, die er nicht verstand.
„Hallo“, sagte er.
„Hallo. Was machst du hier?“
„Nichts Besonderes.“
Sie bestellte ein Eis.
Hugo stand daneben und suchte nach etwas, das man sagen konnte.
„Ich habe schlecht geschlafen.“
Nina sah ihn an.
„Wieso?“
Hugo spürte Erleichterung.
Sie hatte gefragt.
Zu Hause führte ein solcher Satz zuverlässig irgendwohin. Seine Mutter fragte nach. Svenja fragte nach. Jemand kümmerte sich.
„Keine Ahnung. Ich bin total müde.“
Er wartete.
Nina zuckte mit den Schultern.
„Dann geh doch nach Hause.“
Hugo schwieg.
Die Antwort war logisch.
Wenn müde, dann nach Hause.
Nur hatte er etwas anderes erwartet.
„Ich habe übrigens einen Fehler in einer Börsenzeitung gefunden.“
Das war sichereres Terrain.
„Bei einer Wertpapiernummer. Zwei Zahlen waren vertauscht. Wenn du lange genug hinsiehst, merkst du so etwas. Wie wenn ein Bild schief hängt.“
Nina leckte an ihrem Eis.
„Cool.“
Das Wort war wie eine Wand.
Hugo wusste nicht, was er falsch machte.
Dann kam ein zweites Mädchen.
Ninas Gesicht wurde plötzlich heller.
„Wer ist das?“, fragte das Mädchen.
„Hugo. Der von der Börsenzeitung“, sagte Nina spöttisch.
„Ach der“, lachte das Mädchen.
Sie gingen.
Hugo hörte sie noch reden.
„Vielleicht will er, dass du dich um ihn kümmerst.“
Nina lachte.
„Als ob ich seine Mutter wäre.“
Einige Schritte später hörte er sie noch einmal:
„Und wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre – den würde ich nicht anfassen.“
Das Lachen entfernte sich.
Hugo blieb am Kiosk stehen.
Als ob ich seine Mutter wäre.
Er verstand nicht einmal, warum das eine Beleidigung sein sollte.
Seine Mutter war gut.
Svenja war gut.
Die Menschen, die sich um ihn kümmerten, waren die Menschen, denen er vertraute.
Warum funktionierte diese Sprache hier nicht?
Er nahm die Hände aus den Taschen. Die Münzen glitten ihm aus den Fingern und fielen auf den Boden.
Zehn Pfennig.
Fünfzig Pfennig.
Zwei Mark.
2,60 Mark.
Ein klarer Betrag.
Zahlen bedeuteten, was sie bedeuteten.
Menschen offenbar nicht.
Er ging nach Hause.
Elisabeth rief aus der Küche, als die Haustür ins Schloss fiel.
Hugo antwortete nicht.
Er ging nach oben, ließ sich aufs Bett fallen und zog die Decke über den Kopf.
Dann setzte er den Walkman auf.
Die Musik setzte ein, dicht und dunkel, Synthesizer und Bass, Klänge, die keine Erklärung verlangten.
Unter der Decke wurde die Welt kleiner.
Das Kichern.
Das Wort „Cool“.
Als ob ich seine Mutter wäre.
Und wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre.
Die Musik machte nichts davon besser. Aber sie legte die Bilder in einen Raum, in dem er sie ansehen konnte, ohne dass sie ihn jedes Mal neu trafen.
Elisabeth klopfte.
„Hugo?“
„Ja.“
„Alles in Ordnung?“
„Ich bin müde.“
Eine Pause.
„Ich lasse dir etwas zu essen stehen.“
Ihre Schritte entfernten sich.
Hugo drehte die Musik lauter.
Am nächsten Nachmittag kam Michael.
Er war im selben Alter wie Hugo, aber größer, schlank, sportlich und gepflegt. Michael sah gut aus, ohne dass es angestrengt wirkte; sein dunkles Haar saß ordentlich, und anders als Hugo brauchte er keine Brille. Neben ihm wirkte Hugo etwas unscheinbarer und weniger athletisch, ohne dass zwischen ihnen je ein Wettbewerb daraus geworden wäre. Sie kannten sich seit Jahren und hatten nie darüber gesprochen, wann genau aus Bekanntschaft Freundschaft geworden war.
Michael setzte sich an den Computer.
„Was hast du?“
„Nichts.“
„Du siehst aus, als hätte dir jemand ins Gesicht geschlagen.“
„Spielst du oder nicht?“
Sie starteten ihr Weltraumspiel.
Nach wenigen Minuten explodierte Hugos Raumschiff.
Dann noch einmal.
Michael sah zu ihm.
„Du fliegst wie ein Rentner.“
Hugo antwortete nicht.
„Was ist los?“
„Ein Mädchen.“
Michael nickte, als hätte er mit nichts anderem gerechnet.
„Und?“
„Sie findet mich anstrengend.“
„Das ist doch mal was Neues.“
„Halt die Klappe.“
Michael grinste.
Dann wurde er wieder ernst.
„Was hast du denn gemacht?“
„Ich hab ihr gesagt, dass ich müde bin.“
Michael sah ihn an.
„Warum?“
„Weil ich müde war.“
„Du musst einem Mädchen doch nicht erzählen, dass du müde bist.“
„Was denn sonst?“
Michael überlegte.
„Keine Ahnung. Vielleicht einfach gar nichts.“
Hugo sah ihn an.
Michael zuckte mit den Schultern.
„Manchmal muss man einfach nur da sein.“
Es war keine besonders kluge Erklärung.
Aber Michael war da.
Und das genügte für diesen Nachmittag.
Einige Wochen später kam Werner an einem Sonntag zum Essen.
Nach dem Essen legte er einen flachen, festen Umschlag vor Hugo.
„Für dich.“
Hugo öffnete ihn.
Drei Lufthansa-Aktien.
„Echte?“
„Echte.“
Hugo nahm eines der Papiere vorsichtig heraus.
„Dann gehört mir jetzt Lufthansa?“
Werner lachte.
„Ein so kleiner Teil, dass du dich auf dem Flughafen besser nicht als Eigentümer aufführst.“
Hugo betrachtete das Papier.
Bis dahin waren Aktien für ihn Zahlen gewesen.
Nun hielt er etwas in der Hand, das zeigte, dass hinter diesen Zahlen tatsächlich etwas existierte.
Flugzeuge.
Gebäude.
Menschen.
Ein Unternehmen.
„Warum schenkst du mir die?“
„Weil du dich offenbar ernsthaft dafür interessierst. Und weil du wissen solltest, wie sich das anfühlt, wenn hinter einem Kurs etwas steht.“
Am Abend befestigte Hugo die drei Papiere an der Wand über seinem Schreibtisch.
Sie hingen nicht vollkommen gerade.
Er ließ sie so.
Von diesem Tag an beobachtete er Lufthansa anders.
Nicht mehr nur als Zeile in einer Kursliste.
Er begann sich zu fragen, warum ein Kurs stieg, obwohl eine Nachricht schlecht klang, oder fiel, obwohl er keinen Grund dafür fand.
„Warum macht der Kurs nicht einfach das, was zu den Nachrichten passt?“, fragte er Werner.
„Weil der Markt nicht verpflichtet ist, mit dir einer Meinung zu sein.“
„Das ist keine Erklärung.“
„Doch. Nur keine, die dir gefällt.“
Werner erklärte ihm, dass Erwartungen bereits in Preisen stecken konnten, dass Menschen dieselbe Nachricht unterschiedlich bewerteten und dass nicht jede Kursbewegung eine Ursache hatte, die Hugo am nächsten Morgen in der Zeitung finden würde.
Hugo mochte diese Antwort nicht.
Aber gerade deshalb beschäftigte sie ihn.
Er begann andere Fragen aufzuschreiben.
Was besitzt eine Firma?
Wie viel schuldet sie?
Was verdient sie?
Was bedeutet Eigenkapital?
Was sind Beteiligungen?
Und was bedeutete eigentlich „Wert“, wenn der Preis jeden Tag ein anderer sein konnte?
Er ließ sich Geschäftsberichte schicken.
Manche Absätze las er fünfmal und verstand sie noch immer nicht.
Er schrieb Begriffe heraus.
Vermögen.
Schulden.
Gewinn.
Eigenkapital.
Beteiligungen.
Börsenwert.
Noch hatte er keine Methode.
Er suchte keine perfekte Formel.
Er versuchte zunächst nur zu verstehen, was hinter den Kursen lag.
Eines Abends blieb er bei einem Unternehmen länger hängen.
Es besaß Gebäude, Anlagen und Beteiligungen. Es hatte Schulden, machte aber Gewinn.
Hugo schrieb einige Zahlen auf.
Dann blickte er auf den Börsenwert.
Irgendetwas daran erschien ihm merkwürdig.
Er trug seine Blätter nach unten.
Der Vater saß in der Küche und las Zeitung.
„Papa.“
„Hm?“
„Wenn eine Firma Sachen besitzt und Geld verdient – warum kann sie dann an der Börse so wenig wert sein?“
Der Vater sah auf die Zahlen.
„Weil eine Aktie so viel wert ist, wie jemand dafür bezahlt.“
„Das ist doch der Preis.“
Der Vater hob den Blick.
Hugo hatte den Satz ausgesprochen, bevor er selbst wusste, wohin er führte.
„Wenn die Firma das wirklich alles besitzt“, sagte er, „dann muss sie doch unabhängig vom Kurs irgendeinen Wert haben.“
Der Vater faltete die Zeitung zusammen.
„Vielleicht glauben die Leute, dass die Gewinne nicht bleiben. Vielleicht sind die Sachen weniger wert, als du denkst. Vielleicht wollen sie ihr Geld woanders haben.“
„Dann können sie sich doch irren.“
„Natürlich.“
Hugo sah ihn an.
„Der Markt kann sich irren?“
„Der Markt besteht aus Menschen. Warum sollte er es nicht können?“
Der Vater schob ihm die Blätter zurück.
„Du musst nur aufpassen, dass du nicht jedes Mal, wenn der Markt anderer Meinung ist als du, automatisch glaubst, der Markt sei derjenige, der sich irrt.“
Hugo ging wieder nach oben.
Die Frage blieb.
Was ist ein Unternehmen tatsächlich wert?
Der Winter verging mit solchen Fragen.
Mit Zeitungen, Geschäftsberichten und dem Hoppenstedt. Mit kurzen Gesprächen mit Werner und noch kürzeren mit seinem Vater.
Hugo verstand mehr als im Herbst.
Aber inzwischen verstand er auch, wie viel er nicht wusste.
Und etwas begann ihn zu stören.
Er konnte rechnen und hinterher behaupten:
Ich hätte gekauft.
Oder:
Ich hätte verkauft.
Ich hätte recht gehabt.
Aber diese Sätze hatten kein Gewicht.
Er hatte nichts entschieden.
Nichts riskiert.
Gegen Ende des Winters saß Hugo an seinem Schreibtisch.
Draußen blieb das Licht inzwischen länger auf den Dächern liegen.
Über ihm hingen die drei Lufthansa-Aktien.
Er nahm ein leeres Blatt.
Oben schrieb er:
Eigenes Depot
Darunter:
Wie?
Wie viel Geld?
Wer muss unterschreiben?
Er betrachtete die drei Fragen.
Ein Fehler in einer Zeitung hatte ihn nichts gekostet.
Eine falsche Rechnung auf einem Blatt ebenfalls nicht.
Bei einer eigenen Entscheidung wäre das anders.
Der Gedanke machte ihm keine Angst.
Im Gegenteil.
Zum ersten Mal ging es nicht mehr nur darum, etwas zu verstehen.
Es ging darum, herauszufinden, ob seine Überlegungen etwas taugten.
Hugo legte den Stift hin.
Draußen lag über Eppendorf noch die Kälte des ausgehenden Winters.
Aber die Tage wurden länger.
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