Kapitel 4

Der Wecker klingelte um sechs Uhr dreiunddreißig. Hugo lag mit offenen Augen im Dunkeln und hatte ihn schon drei Minuten vorher gehört, obwohl er noch nicht geklingelt hatte. Das Gerät stand auf einem Karton neben dem Bett, den seine Mutter als Nachttisch improvisiert hatte, und sein Zeiger hatte in der Stille ein leises, elektrisches Summen von sich gegeben, das Hugos Gehör als erstes Geräusch des Tages registrierte.

Er stand auf. Die Wohnung roch nach Bohnerwachs und nach der billigen Seife, die er gestern Abend in der Drogerie um die Ecke gekauft hatte. Das Wasser im Bad wurde erst nach zwei Minuten warm, und als es warm wurde, war es zu heiß. Hugo duschte trotzdem. Er stand unter dem Strahl und zählte die Sekunden, nicht weil er es nötig hatte, sondern weil das Zählen ihm etwas gab, woran er sich festhalten konnte. Bei sechzig stellte er das Wasser ab.

Das Hemd hatte Elisabeth gebügelt, bevor sie abgefahren war. Es lag im Schrank, eingewickelt in Seidenpapier, das sie aus einer der Taschen gezaubert hatte, die Hugo für überflüssig gehalten hätte. Er zog es an. Die Krawatte war neu, dunkelblau, ein Geschenk von Svenja, das sie ihm beim Abschied in die Hand gedrückt hatte, ohne zu sagen, wofür. „Für den ersten Tag“, hatte sie nur gesagt. „Und für alle Tage, an denen du dich wie ein Erwachsener fühlen willst.“ Hugo hatte sie nicht gebunden. Er versuchte es jetzt vor dem Spiegel, scheiterte zweimal, und beim dritten Versuch sah es zumindest nicht aus, als hätte er sich verheddert.

Der Anzug war der einzige, den er besaß. Dunkelgrau, von einem Schneider in Hamburg, den sein Vater seit Jahren kannte. Hugo hatte ihn zweimal getragen: zur Konfirmation und zu einem Begräbnis eines Onkels, an das er sich kaum erinnerte. Jetzt stand er vor dem Spiegel und sah einen Jungen in einem Anzug, der versuchte, älter auszusehen, als er war. Die Schultern waren noch zu schmal, die Hände zu groß für die Ärmel. Er drehte sich einmal zur Seite und wieder zurück. Dann steckte er die Aktienhefte, die er mitgebracht hatte, in eine braune Lederaktentasche, die Werner ihm vor Jahren geschenkt hatte und die bis gestern leer im Schrank gelegen hatte.

Um sieben Uhr verließ er die Wohnung. Draußen war es noch dunkel, die Straßenlaternen brannten, und der Asphalt war feucht von einem nächtlichen Regen, den Hugo nicht mitbekommen hatte. Er ging zu Fuß. Die Bank lag zwanzig Minuten entfernt, und er hatte die Strecke gestern dreimal abgeschritten, einmal in jede Richtung und einmal quer durch die Altstadt, nur um sicherzugehen, dass er nicht zu früh und nicht zu spät kam. Jetzt ging er langsamer als nötig. Die Schuhe knirschten auf dem nassen Pflaster. Ein Mann in einem Mantel lief an ihm vorbei, die Zeitung unter den Arm geklemmt, und warf ihm einen Blick zu, der nichts sagte und trotzdem alles: Ein Junge im Anzug, zu früh dran, zu eifrig.

Hugo bog in die letzte Straße ein. Die Deutsche Bank lag vor ihm, grau und breit, mit Fenstern, die noch dunkel waren. Er blieb stehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte das Pochen in den Schläfen, das er sonst nur vor wichtigen Kaufentscheidungen kannte. Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging weiter.

An der Eingangstür stand ein Portier. Hugo kannte ihn nicht, aber der Portier schien ihn zu kennen, oder zumindest seine Art zu kennen: junge Männer im ersten Anzug, die zu früh kamen und sich nicht trauten, hineinzugehen.

„Herr Voss?“, fragte der Portier.

Hugo nickte.

„Fünfte Etage. Herr Brenner hat gesagt, Sie sollen um halb acht bei ihm vorbeischauen.“

Hugo wollte fragen, ob er warten sollte, aber der Portier hatte sich schon wieder seiner Zeitung zugewandt. Er ging hinein.

Die Eingangshalle war leer. Seine Schritte hallten auf dem Steinboden, lauter als gestern, als hier noch Menschen gewesen waren. Er drückte den Aufzugknopf. Die Türen öffneten sich sofort, als hätte das Gebäude auf ihn gewartet. Er fuhr hinauf, allein im Spiegel, und sah sich selbst: grau, klein, unendlich jung.

Brenner saß bereits an seinem Schreibtisch, die Brille auf der Stirn, ein Blatt Papier in der Hand. Als Hugo eintrat, sah er auf und lächelte nicht.

„Zu früh“, sagte er.

„Der Portier sagte, ich soll um halb acht kommen.“

„Der Portier hat Humor.“ Brenner legte das Blatt beiseite. „Setzen Sie sich.“

Hugo setzte sich. Der Stuhl war hart, die Lehne zu steil.

„Heute lernen Sie den Handelssaal kennen. Nicht den großen, den Sie im Fernsehen gesehen haben. Den kleinen. Unseren. Dort sitzen etwa vierzig Leute, und jeder von ihnen weiß mehr über eine bestimmte Sache als Sie über alles, was Sie bisher geglaubt haben zu wissen.“

Hugo nickte.

„Das ist keine Aufforderung, etwas zu sagen. Das ist eine Information.“ Brenner lehnte sich zurück. „Sie werden heute kein eigenes Geschäft machen. Sie werden zuhören. Sie werden die Zahlen verfolgen, die auf den Bildschirmen laufen. Und Sie werden versuchen, nicht aufzufallen.“

„Ich bin Analyst“, sagte Hugo.

Brenner betrachtete ihn, diesen Blick, den Hugo schon vom Vater kannte: die Mischung aus Prüfung und leichter Belustigung.

„Heute sind Sie Zuschauer. Der Handelssaal ist nicht Ihr Arbeitsplatz. Er ist ein Ort, den Sie verstehen müssen, bevor Sie ihn verachten oder begehren.“ Brenner stand auf. „Kommen Sie.“

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Der Handelssaal lag zwei Etagen höher. Hugo hörte ihn, bevor er ihn sah: ein tiefer, gleichmäßiger Lärm, gemischt aus Stimmen, Klingeln, dem Klacken von Tastaturen und einem ferneren, elektronischen Surren, das wie ein lebendiges Tier klang. Dann ging die Tür auf, und der Lärm traf ihn wie eine Wand.

Vierzig Männer, vielleicht auch fünfzig. Die meisten am Telefon, einige vor Bildschirmen, die in endlosen Reihen an den Wänden standen und grüne und rote Zahlen über schwarzen Hintergründen warfen. Die Luft roch nach Kaffee, Schweiß und dem scharfen Geruch heißer Elektronik. Ein Mann in Hemdsärmeln schrie in ein Telefon: „Nein, nein, nein, Sie verkaufen jetzt, verdammt noch mal, Sie verkaufen!“ Ein anderer lachte, ein tiefes, trockenes Geräusch, während er mit beiden Händen auf einer Tastatur hämmerte. Irgendwo klingelte ein Telefon, wurde nicht abgenommen, klingelte weiter.

Brenner führte ihn durch den Raum. Niemand sah auf. Die Männer waren in ihre Bildschirme vertieft, in ihre Telefone, in ihre eigenen kleinen Kriege. Hugo bemerkte, dass die meisten älter waren als er, einige deutlich älter, mit Gesichtern, die wie ausgegraben wirkten, blass und von der Bildschirmstrahlung gezeichnet.

„Hier“, sagte Brenner und blieb an einem Schreibtisch stehen, der leer war. „Sehen Sie sich das an. Fünf Minuten. Dann gehen wir.“

Hugo blieb stehen. Er sah auf den Bildschirm, der auf dem leeren Schreibtisch stand. Zahlen liefen darüber, schneller als er sie lesen konnte. Kürzel, die er kannte, und andere, die er nicht kannte. DAX. Nikkei. Dow Jones. FTSE. Alles auf einmal, alles gleichzeitig, ein Strom aus Information, der keinen Anfang und kein Ende hatte.

„Und was mache ich jetzt?“, fragte er.

Brenner war bereits drei Schritte weiter gegangen. Er drehte sich nicht um.

„Zuhören“, sagte er. „Lernen. Überleben.“

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Hugo stand am Rand des Saals und sah zu. Die Männer um ihn herum telefonierten, schrien, flüsterten, lachten. Einmal flog ein Stapel Papiere durch die Luft und landete auf dem Boden neben ihm. Ein Mann mit rotem Gesicht und einer Krawatte, die wie ein Schlachtfeld aussah, deutete auf die Papiere.

„He, Junge“, rief er. „Sortieren Sie das. Nach Datum. Und nach Uhrzeit.“

Hugo bückte sich und begann zu sortieren. Es waren Kursausdrucke, Dutzende davon, aus den letzten drei Tagen. Er legte sie nebeneinander, ordnete sie, fand Fehler in der Reihenfolge, korrigierte sie. Als er fertig war, legte er den Stapel auf die Ecke des Schreibtisches. Der Mann mit der Krawatte griff danach, ohne ihn anzusehen, und warf ihn in eine Schublade.

„Zu langsam“, sagte er. „Das nächste Mal in fünf Minuten.“

Hugo sagte nichts. Er sah wieder auf die Bildschirme. Die Zahlen liefen weiter. Er versuchte, sie zu verfolgen, aber sie waren zu schnell. Er versuchte, Muster zu erkennen, aber es gab zu viele. Er versuchte, zu verstehen, was die Männer um ihn herum taten, aber sie sprachen in einem Code, den er nur teilweise kannte: „Ich nehme fünfzigtausend auf fünfundachtzig.“ „Nein, zu teuer, ich gebe vierundachtzig fünfzig.“ „Scheiße, der Markt fällt, verkaufen Sie, verkaufen Sie!“

Um elf Uhr stand ein Mann neben ihm. Groß, breit, mit einem Gesicht, das wie aus Beton gemacht schien. Er trug keinen Anzug, sondern ein Hemd, das an den Ärmeln aufgerollt war, und eine Krawatte, die er locker um den Hals hatte, als hätte er sie erst vor fünf Minuten angelegt.

„Sie sind der Neue“, sagte er. Keine Frage.

Hugo nickte.

„Der Junge.“

„Ja.“

„Der, der angeblich zweihundert Prozent mit seinem Spielkonto gemacht hat.“

Hugo spürte, wie sich etwas in ihm anspannte. „Es war kein Spielkonto.“

Der Mann lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. „Natürlich nicht. Ein richtiges Depot. Mit richtigem Geld. Von Mama und Papa.“

„Von niemandem. Von mir.“

Der Mann zog eine Augenbraue hoch. „Von Ihnen. Ein Siebzehnjähriger mit eigenem Geld. Wie romantisch.“ Er lehnte sich auf das Geländer neben Hugo und ließ den Blick über den Saal schweifen. „Hören Sie, Junge. Ich weiß nicht, was Brenner mit Ihnen vorhat. Vielleicht wollen Sie uns alle beeindrucken. Vielleicht wollen Sie sich beeindrucken. Aber hier drin zählt nur eins: Was haben Sie heute verdient? Nicht gestern. Nicht im letzten Jahr. Heute. Und wenn Sie heute nichts verdienen, sind Sie heute nutzlos. Das ist keine Schule. Das ist kein Wettbewerb. Das ist ein Schlachthaus. Verstanden?“

Hugo sah ihn an. „Ich bin Analyst.“

„Analyst.“ Der Mann lachte, ein trockenes, kurzes Geräusch. „Jeder hier ist Analyst. Jeder ist Händler. Jeder ist Gott und jeder ist niemand. Wenn Sie glauben, Ihr Titel schützt Sie vor diesem Raum, dann sind Sie schneller erledigt als der Praktikant, der gestern seine erste Order verbockt hat.“ Er richtete sich auf. „Mein Name ist Keller. Wenn Sie eine Frage haben, fragen Sie sie nicht mich. Fragen Sie jemanden, der Zeit hat. Ich habe nie Zeit.“

Er ging. Hugo sah ihm nach. Die Schultern des Mannes bewegten sich kaum, als er ging, als wäre sein Körper zu schwer für die Bewegung.

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Brenner kam zurück, eine Tasse Kaffee in der Hand, die er nicht anbot.

„Genug“, sagte er. „Sie haben gesehen, was Sie sehen müssen.“

„Ich habe nichts verstanden“, sagte Hugo.

„Gut.“ Brenner trank einen Schluck. „Wenn Sie nach einer Stunde gedacht hätten, Sie verstünden etwas, hätte ich Sie gleich wieder nach Hamburg geschickt. Kommen Sie. Ihr Arbeitsplatz ist in der vierten Etage. Nicht hier. Hier arbeiten Sie nicht. Hier arbeiten andere, und Sie werden lernen, was sie tun, indem Sie lesen, was sie hinterlassen. Nicht indem Sie zuhören. Das Lügen, das hier gesprochen wird, würde Sie nur verwirren.“

Sie verließen den Handelssaal. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und der Lärm wurde zu einem gedämpften Summen, dann zu Stille. Hugo atmete aus. Er merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, oder vielleicht hatte er sie nur oberflächlich geholt, in diesem Raum, in dem die Zeit schneller lief als draußen.

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Die vierte Etage war etwas anderes. Hier gab keine Bildschirmwände, kein Klingeln, kein Geschrei. Hier standen Schreibtische in Reihen, mit Ordnern, mit Aktenstöpseln, mit Computern, deren Bildschirme grün leuchteten und Zahlen zeigten, die sich nicht alle drei Sekunden änderten. Es roch nach Papier und nach dem staubigen Geruch von Druckertinte.

„Das ist Ihr Platz“, sagte Brenner und deutete auf einen Schreibtisch in der Ecke, neben einem Fenster, das auf einen Hinterhof hinausging, wo Mülltonnen standen und eine Feuertreppe an der gegenüberliegenden Wand emporstieg. „Als Analyst arbeiten Sie mit Geschäftsberichten, Bilanzen, Kennzahlen. Sie schreiben Analysen. Sie bewerten Unternehmen. Sie sagen uns, was wir kaufen oder verkaufen sollten, und warum. Sie sagen es schriftlich. Sie sagen es präzise. Und Sie sagen es so, dass ein Händler es in drei Sätzen versteht, auch wenn er keinen Abschluss hat.“

Hugo setzte sich. Der Stuhl war höher als der im Handelssaal, die Lehne starr.

„Heute beginnen Sie mit der Maschinenbaufirma, die Sie in Ihrer Analyse erwähnt haben“, sagte Brenner. „Ich habe Ihre Unterlagen gelesen. Gestern Abend. In der U-Bahn. Sie haben recht: Die Aktie ist unterbewertet. Aber Ihre Begründung ist zu lang. Zu viele Worte. Zu wenig Kante. Eine Analyse ist kein Aufsatz. Sie ist ein Messer. Schärfen Sie sie.“

Er legte ein Blatt auf den Schreibtisch. Die Bilanz der Firma, ausgedruckt, mit roten Anstreichungen an den Rändern.

„Schreiben Sie es noch einmal“, sagte Brenner. „Nicht länger als eine Seite. Fakten. Zahlen. Keine Spekulation. Keine Schönrederei. Wenn die Firma Schulden hat, sagen Sie es. Wenn sie schlecht geführt wird, sagen Sie es. Wenn Sie glauben, der Markt irrt sich, sagen Sie es. Aber beweisen Sie es. Mit Zahlen, nicht mit Gefühl.“

Hugo nahm das Blatt. „Und wenn ich fertig bin?“

„Dann schreiben Sie die nächste. Und die nächste. Bis Sie so schnell sind wie die Jungs da drüben im Saal. Nicht mit dem Telefon, sondern mit dem Kopf.“ Brenner ging zur Tür. Und Voss. Keine Orders. Dafür sind die Händler da. Sie sind hier, um zu denken. Nicht, um zu spielen.“


Hugo arbeitete. Er las die Bilanz, Zeile für Zeile, und verglich sie mit den Zahlen, die er aus dem Hoppenstedt kannte, mit den Kursen, die er verfolgt hatte. Er fand Fehler in seiner eigenen Analyse, Dinge, die er übersehen hatte, Annahmen, die zu optimistisch gewesen waren. Er strich sie durch, schrieb neu, strich wieder durch.

Um eins Uhr mittags brachte eine Sekretärin ein Tablett mit belegten Brötchen und Kaffee. Sie stellte es auf einen Tisch in der Mitte des Raums, und die Männer in der Nähe strömten herbei, einige mit Blicken, die noch auf ihre Bildschirme gerichtet waren. Hugo blieb an seinem Platz. Er hatte nicht gefragt, ob er etwas essen durfte, und niemand hatte es ihm angeboten.

Er öffnete seine Aktentasche und nahm ein Heft heraus. Die letzte Analyse, die er vor seiner Abreise aus Hamburg geschrieben hatte. Ein Unternehmen, das Maschinenteile herstellte, dessen Aktie er für unterbewertet hielt. Er hatte die Zahlen noch einmal durchgerechnet, in der Nacht, als er nicht schlafen konnte. Der Börsenwert lag unter dem Substanzwert. Die Schulden waren überschaubar. Die Gewinne stiegen seit zwei Quartalen. Er hatte alles notiert, Seite für Seite, und am Ende stand die Summe, die ihn überzeugt hatte.

Er sah auf den Computerbildschirm vor ihm. Die Aktie lief unter den Kürzeln, die er verfolgte. Der Kurs war seit gestern um drei Prozent gefallen. Keine Nachricht. Kein Grund. Nur der Markt, der tat, was der Markt tat.

Hugo legte die Hände auf die Tastatur. Er begann zu tippen, langsam zuerst, dann schneller. Die Worte kamen anders als in seiner ersten Fassung. Kürzer. Härter. Keine Ausweichphrasen mehr, kein „möglicherweise“, kein „es könnte sein, dass“. Er schrieb: „Die Aktie ist unterbewertet. Begründung: Der Substanzwert übersteigt den Börsenwert um 23 Prozent. Die Schuldenquote liegt unter dem Branchendurchschnitt. Die Gewinnmargen steigen seit zwei Quartalen. Das Management hat keine Insiderverkäufe getätigt. Der Markt irrt sich.“

Er las den Satz durch. Dann löschte er „Der Markt irrt sich“ und schrieb stattdessen: „Der Markt preist eine Insolvenz ein, die nach den Zahlen nicht eintreten wird.“

Er las noch einmal. Besser. Kälter. Präziser.

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Um drei Uhr kam Brenner zurück. Er nahm das Blatt, das Hugo ihm hinstreckte, und las es, während er stand, die Brille auf der Stirn. Er sagte nichts. Er las es zweimal. Dann legte er es auf den Schreibtisch.

„Zu viel Substanzwert“, sagte er. „Die Gebäude sind abgeschrieben. Die Maschinen sind älter, als Sie denken. Schauen Sie in Anlage 3 der Bilanz. Die Abschreibungsraten.“

Hugo blätterte. Er fand die Zeile. Brenner hatte recht. Die Gebäude waren fast vollständig abgeschrieben, ihr Buchwert lag weit unter dem Marktwert, den Hugo angenommen hatte.

„Sie haben die Zahlen richtig gelesen“, sagte Brenner. „Aber Sie haben nicht gelesen, was zwischen den Zahlen steht. Eine Bilanz ist kein Roman. Aber sie ist auch keine Rechenaufgabe. Sie ist ein Verhör. Stellen Sie die Fragen, die sie nicht beantworten will.“

„Wie lauten die Fragen?“, fragte Hugo.

„Das müssen Sie selbst herausfinden.“ Brenner drehte sich um. „Morgen kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie die korrigierte Analyse mit. Wenn Sie bis dahin nicht verstanden haben, warum die Abschreibungen wichtiger sind als der Buchwert, dann haben Sie den Unterschied zwischen einem Händler und einem Analysten noch nicht begriffen. Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund. Sie wollen Analyst sein. Dann sehen Sie den Grund.“

Er ging. Hugo blieb an seinem Schreibtisch sitzen, die korrigierte Bilanz vor sich. Er las Anlage 3 noch einmal. Dann noch einmal. Und während er las, begann er zu verstehen, was Brenner meinte: Nicht der Wert der Gebäude zählte, sondern die Frage, warum sie so schnell abgeschrieben worden waren. Ob sie verfallen waren. Ob sie verkauft werden sollten. Ob das Management etwas wusste, was nicht in den Zahlen stand.

Er stand auf. Seine Schultern taten weh. Seine Augen brannten. Er steckte die Hefte in seine Aktentasche und sah auf die Uhr. Noch drei Stunden bis zum Feierabend. Drei Stunden, in denen er nichts tun würde außer lesen, rechnen, und die Fragen stellen, die die Bilanz nicht beantworten wollte.

Um sechs Uhr abends war der Saal leer. Die Analysten waren gegangen, einer nach dem anderen, ohne Abschied, ohne ein Wort. Hugo saß allein an seinem Schreibtisch, die Kursausdrucke vor sich, sortiert, geordnet, mit Notizen versehen. Er hatte gesehen, was Brenner gemeint hatte: Die Volumenspitzen kamen nicht dort, wo die Nachrichten am stärksten waren. Sie kamen dort, wo die Nachrichten am schwächsten waren, in den Momenten der Unsicherheit, in denen niemand wusste, was als Nächstes geschah.

Er stand auf. Er ging zur Tür. Im Flur traf er auf Keller, der an einem Fenster stand und rauchte.

„Und?“, fragte Keller.

„Ich bin Analyst“, sagte Hugo. „Nicht Händler.“

Keller zog an seiner Zigarette. „Weiter.“

„Der Händler sieht den Kurs. Der Analyst sieht den Grund.“

Keller warf die Zigarette aus dem Fenster. Er drehte sich zu Hugo um und betrachtete ihn, diesmal länger, diesmal ohne Spott.

„Morgen“, sagte er. „Kommen Sie eine Stunde früher. Und bringen Sie Ihre Analyse mit. Die von der Maschinenbaufirma. Und die von drei anderen Firmen, die Sie für unterbewertet halten. Wenn Sie welche finden.“

„Warum?“

„Weil ich morgen vielleicht Zeit habe, Ihnen zu zeigen, wie man aus einer richtigen Analyse ein richtiges Geschäft macht. Und wie man aus einem richtigen Geschäft Geld verdient. Und wie man aus Geld Nerven bekommt. Und wie man aus Nerven einen Beruf.“

Er ging. Hugo blieb am Fenster stehen und sah hinaus auf Frankfurt, das im Dunkeln lag, die Lichter der Straßen, die Autos, die Menschen, die nach Hause fuhren oder gerade erst anfingen, ihr Leben zu leben.

Er dachte an den Handelssaal, an den Lärm, an die Männer, die schrien und lachten und telefonierten. Er dachte an seinen Schreibtisch in der vierten Etage, an die Bilanz, die er noch einmal lesen musste. Er dachte an Brenner, der seine Analyse in der U-Bahn gelesen hatte. An Keller, der ihm morgen vielleicht etwas zeigen würde.

Er dachte an seine Mutter, die in Hamburg saß und auf seinen Anruf wartete. An Svenja, die inzwischen vielleicht das dritte Mal in dieser Woche um drei Uhr morgens wach war. An seinen Vater, von dem er seit der Abreise nichts mehr gehört hatte.

Er zog die Aktentasche fester unter den Arm und ging zur Treppe. Die Uhr im Flur zeigte halb sieben. Er war seit dreizehn Stunden in der Bank. Er hatte nichts verdient. Er hatte nichts gekauft. Er hatte nichts verkauft.

Und trotzdem, als er die Treppe hinunterging und die Schritte der Nachtwache hörte, die gerade ihre Runde begann, wusste er, dass dieser Tag der erste gewesen war, an dem er verstanden hatte, was es bedeutete, ein Analyst zu sein.

Nicht das Kaufen. Nicht das Verkaufen. Nicht der Lärm.

Das Denken.

Und das Wissen, dass das Denken schwerer war als alles andere.