Kapitel 5

Hugo stand an der Fensterbank, wo Elisabeths Tasse noch stand, die blaue, die nicht in seinen Schrank passte und die deshalb, wann immer sie da war, auf der Fensterbank thronte wie ein fremdes Wappen, das er inzwischen als sein eigenes betrachtete. Er nahm sie in die Hand, sie war noch warm, aber leer. Er stellte sie zurück, dort, wo sie hingehörte, und ging ins Schlafzimmer, ohne das Licht anzumachen, weil er die Dunkelheit inzwischen mochte, nicht als Feind, sondern als Verbündeten, der ihm erlaubte, nicht mehr zu funktionieren, sondern einfach nur zu sein.

Der Tag danach begann mit dem gleichen Wecker, dem gleichen Bohnerwachsgeruch im Treppenhaus und dem gleichen Hemd, das Elisabeth gebügelt hatte. Hugo stand um sechs Uhr dreißig auf, duschte in sechzig Sekunden, zog den Anzug an und ging zu Fuß zur Bank. Die Straßen waren noch dunkel, die Laternen brannten, und Frankfurt roch nach Kaffee und Abgasen, einem Geruch, den Hugo inzwischen mit dem Morgen verband, obwohl er ihn noch nicht mochte.

Er war früher dran als nötig. Der Portier nickte ihm zu, diesmal ohne Überraschung im Blick, und Hugo fuhr in die vierte Etage. Der Saal war noch leer, die Bildschirme dunkel, nur das staubige Tageslicht fiel durch die Fenster auf die Schreibtische. Hugo setzte sich an seinen Platz, öffnete seine Aktentasche und zog die Analyse hervor, die er gestern Abend zu Hause verworfen hatte.

Die Maschinenbaufirma. Zu klein. Zu illiquide. Er blätterte die Seiten um und begann von vorn.

Um halb acht kamen die ersten Kollegen. Männer in Anzügen, die Kaffeetassen in der Hand trugen, die Zeitung unter dem Arm, die Gesichter noch vom Schlaf geschwollen. Niemand grüßte Hugo. Er war der Junge, der vor zwei Wochen hereingekommen war, und in der Welt der vierten Etage zählte man nicht in Tagen, sondern in Jahren.

Hugo rechnete.

Um neun Uhr stand eine junge Frau neben seinem Schreibtisch. Sie trug einen grauen Blazer über einem weißen Hemd und hielt eine Tasse Kaffee in der Hand, die sie nicht trank, sondern nur als Requisit zu halten schien. Ihr Haar war dunkelblond, nicht lang, nicht kurz, sondern so, dass es über den Kragen fiel, wenn sie den Kopf neigte. Sie sah auf seine Unterlagen.

„Die Abschreibung passt nicht“, sagte sie.

Hugo runzelte die Stirn. „Wie bitte?“

„Die Nutzungsdauer. Sie haben sie mit fünfzehn Jahren angesetzt. Aber die Anlage ist neu. Laut Anhang drei gilt die verkürzte AfA nur für die alte Maschine.“

Hugo sah auf sein Blatt. Dann wieder zu ihr. Er hatte den Anhang drei gestern Abend durchgearbeitet. Sie hatte recht.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich arbeite hier. Seit zwei Wochen. Praktikum in der Analyseabteilung. Mein Name ist Julia.“

„Hugo Voss.“

„Das weiß ich. Sie sind der Achtzehnjährige, der alle nervös macht.“

Hugo wusste nicht, ob das ein Kompliment war. Er entschied sich, es als solches zu behandeln.

„Der Ordner war braun“, sagte er.

„Und voll.“

„Ja.“

Sie deutete auf seinen Stuhl. „Darf ich?“

Hugo zuckte mit den Schultern. Sie setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches, nicht auf den Stuhl neben ihm. Das war ungewöhnlich. Die meisten hier setzten sich nicht auf Schreibtische. Die meisten hier setzten sich überhaupt nicht neben ihn, wenn sie nicht mussten.

„Warum fünfzehn Jahre?“, fragte sie.

„Weil ich dachte, die neue Anlage fällt unter denselben Vertrag wie die alte.“

„Das haben alle gedacht. Aber der Vertrag wurde geändert. Seite vierundachtzig, Fußnote sieben.“

„Fußnoten liest niemand.“

„Ich schon.“

Hugo legte den Stift hin. Er betrachtete sie. Ihr Gesicht war schmal, mit hohen Wangenknochen und einer Haut, die aussah, als würde sie nicht viel schlafen. Ihre Augen waren grau, nicht hell, sondern so dunkel, dass sie beinahe blau wirkten.

„Wollen Sie mich anmachen?“, fragte er.

Sie blinzelte. „Entschuldigung?“

„Ich meine: Wollen Sie mir etwas beweisen? Dass Sie besser sind? Dass Sie Fußnoten lesen?“

Julia lachte. Es war ein kurzes, überraschtes Geräusch, das im Großraumbüro lauter klang als gedacht. Ein Kollege zwei Tische weiter sah hoch.

„Nein“, sagte sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie zuhören.“

„Ich höre zu.“

„Gut. Dann hören Sie jetzt zu: Sie sollten mit mir essen gehen.“

Das war keine Frage. Hugo überlegte, ob er das als Befehl oder als Einladung werten sollte. Bei Zahlen war er schnell. Bei Menschen brauchte er länger.

„Warum?“, fragte er.

„Weil Sie die Abschreibung falsch berechnet haben und ich Ihnen den Rest der Fußnoten zeigen will, bevor Sie vor einem Kunden dastehen und sich blamieren.“

Hugo dachte an seine Wohnung. An den Kühlschrank, in dem nur ein halber Liter Milch und eine Tiefkühlpizza standen. An die Abende, die er seit Wochen allein verbrachte.

„Gut“, sagte er.

Sie gingen in ein italienisches Restaurant drei Straßen von der Bank entfernt. Es war kleiner, als Hugo erwartet hatte, mit roten Tischdecken und einem Kellner, der sie behandelte, als wären sie schon seit Jahren Stammgäste.

Julia bestellte einen Salat und Wasser. Hugo bestellte Pasta, weil er Hunger hatte.

Als sie sich setzten, fiel sein Blick auf ihren Bauch. Nicht absichtlich. Er saß ihr gegenüber, und als sie sich zurücklehnte, zog sich ihr Oberteil eng über die Haut. Ihr Bauch war flach. Nicht mager, sondern fest, als würde jemand, der dort saß, regelmäßig etwas tun, das Hugo selbst nie tat.

„Sie starren“, sagte Julia.

„Ihr Bauch“, sagte Hugo.

Sie hob eine Augenbraue. „Entschuldigung?“

„Er ist... flach.“

Julia legte das Besteck hin. Sie sah ihn an, und für einen Moment wirkte sie nicht sicher, ob sie lachen oder gehen sollte.

„Das ist keine Naturgewalt, Herr Voss“, sagte sie. „Das ist Arbeit. Dreimal die Woche Krafttraining, egal ob ich bis zehn in der Bank sitze. Ernährung, bei der ich aufpasse, was ich esse. Kein Alkohol an Wochentagen. Ein flacher Bauch ist keine Gabe. Er ist eine Bilanz. Eine Bilanz, die man selbst aufstellt.“

Hugo dachte darüber nach. Er dachte an Elisabeth, die nie über ihren Körper sprach. An Svenja, die in der Schwangerschaft anders gewesen war. An die Frauen, die er bisher gesehen hatte, ohne sie wirklich anzusehen.

„Das Gesicht hat man einfach“, sagte er langsam.

„Genau“, sagte Julia. „Aber den Rest muss man sich verdienen.“

Sie aß weiter. Hugo aß schneller, als er sollte. Er bemerkte, dass sie zwischen den Bissen aufhörte, ihn ansah, dann wieder aß.

„Haben Sie das oft?“, fragte sie, als sie fertig waren. „Frauen zum Essen einladen?“

Hugo zuckte mit den Schultern. Er dachte an Tanja, an die paar Male, die sie zusammen essen gegangen waren, an das Ende, das nicht wirklich ein Ende gewesen war, sondern nur ein Auseinanderdriften. „Nicht oft“, sagte er. „Aber ich bin auch nicht unerfahren.“

Er wusste nicht, warum er das sagte. Es war nicht wirklich gelogen, aber es klang anders, als es war. Es klang, als hätte er eine Vergangenheit, die er nicht hatte. Julia musterte ihn, und in ihrem Blick lag etwas, das er als Respekt einordnete, obwohl es nur Neugier war.

„Haben Sie ein Auto?“, fragte sie.

„Ja.“

„Was?“

„BMW. 320i. E36. Dunkelblau. Gebraucht. Mein Vater hat ihn mir zum achtzehnten Geburtstag gegeben.“

Sie runzelte die Stirn. „Der ist älter als Sie.“

„Mein Vater hat ihn mir zum achtzehnten Geburtstag gegeben. Gebraucht. Er ist nicht reich. Und ich auch nicht.“

„Das haben Sie nicht erklären müssen.“

„Doch“, sagte Hugo. „Sonst denken Sie, ich bin jemand, der ich nicht bin.“

Julia lächelte. „Dann fahren Sie mich nach Hause. Wenn der BMW es schafft.“

„Er schafft es.“

Sie stiegen in den Wagen. Er roch nach altem Leder und dem Lufterfrischer, den Elisabeth ihm mitgegeben hatte. Der Motor sprang sofort an, ein ruhiger, tiefer Ton, der Hugo seit dem ersten Tag vertraut war.

Julia gab ihm die Adresse. Sie wohnte zwanzig Minuten entfernt, in einem Neubau am Main.

Während der Fahrt sprachen sie wenig. Hugo konzentrierte sich auf den Verkehr, auf die Ampeln, auf die Schaltung. Er mochte das Gefühl, das Auto zu beherrschen. Es war eine andere Art von Kontrolle als die über Zahlen. Direkter. Körperlicher.

„Sie fahren gut“, sagte sie, als er vor ihrem Haus hielt.

„Ich übe.“

„Wofür?“

„Für alles.“

Sie lächelte. Dann öffnete sie die Tür. „Kommen Sie rauf. Auf einen Kaffee.“

Hugo zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er sah sie an.

„Ich trinke keinen Kaffee“, sagte er.

Julia blieb in der geöffneten Tür stehen. Die Innenraumbeleuchtung fiel auf ihr Gesicht, und Hugo sah, dass sie müde war. Nicht nur von der Arbeit. Von etwas anderem.

„Das war keine Frage nach Ihrem Getränkeverhalten“, sagte sie leise. „Das war eine Einladung.“

Hugo starrte auf das Lenkrad. Er dachte an die Wohnung hinter ihm, an das Bett, das er noch nicht gemacht hatte, an die Stille, die ihn erwartete.

„Ich weiß“, sagte er. „Aber ich trinke wirklich keinen Kaffee.“

Sie lachte. Diesmal nicht überrascht, sondern echt, ein warmer Ton, der im dunklen Auto beinahe körperlich wirkte.

„Dann kommen Sie trotzdem.“

* * *

Ihre Wohnung war größer als seine. Nicht viel, aber genug, um einen eigenen Eingangsbereich zu haben, in dem zwei Paar Schuhe standen, nicht eins. Sie war heller, mit einer Küche, die nach Zitrone roch, und einem Sofa, das nicht aussah, als käme es von der Straße.

Julia zog die Jacke aus und warf sie über eine Stuhllehne. Hugo blieb in der Mitte des Raumes stehen. Er wusste nicht, wohin er sich setzen sollte. Auf das Sofa? Auf den Stuhl? Stehen bleiben?

„Setzen Sie sich“, sagte sie.

Er setzte sich auf das Sofa. Es war weicher als erwartet. Er sank tiefer ein, als ihm recht war.

Julia ging in die Küche. Er hörte Wasser laufen, Gläser, einen Kühlschrank. Dann kam sie zurück, ohne Getränke, und setzte sich neben ihn. Nicht weit weg. Näher, als er es von Besuchen bei Michael gewohnt war.

„Sie sind nervös“, sagte sie.

„Nein.“

„Doch. Ihre Hände liegen auf den Knien, als wären sie festgenagelt.“

Hugo sah auf seine Hände. Sie lagen tatsächlich auf seinen Knien, die Finger leicht gespreizt, als bereite er sich auf etwas vor, das nicht kam.

„Ich bin nicht nervös“, sagte er. „Ich bin... vorsichtig.“

„Wovor?“

Hugo sah sie an. Ihr Gesicht war nah. Er sah die kleine Sommersprosse auf ihrer linken Wange, die er beim Essen nicht bemerkt hatte. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als sie atmete. Er roch wieder dieses Zitronige, gemischt mit etwas Warmem, das nur sie war.

Julia beugte sich vor. Ihre Hand lag auf seinem Knie, nicht zufällig, sondern mit einem Druck, der eine Absicht hatte.

„Hugo“, sagte sie leise. „Küss mich.“

Es war keine Bitte. Es war eine Feststellung dessen, was sie wollte, gesprochen mit einer Sicherheit, die Hugo von den Händlern im Saal kannte. Die wussten auch, was sie wollten, und sagten es direkt.

Hugo erstarrte. Er spürte ihre Hand auf seinem Knie, ihre Wärme, ihren Atem so nah an seinem Gesicht. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, aber nicht aus Erregung – aus Panik. Er wusste nicht, was er tun sollte. Seine Hände lagen steif auf den Knien, als wären sie eingefroren. Er war achtzehn. Er hatte noch nie... Er wusste nicht, wie man küsste, nicht wirklich, nicht so, nicht in einer solchen Situation. Sein Kopf, der sonst Zahlen und Bilanzen mühelos verarbeitete, war leer. Ein weißes Rauschen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, etwas Souveränes, etwas Erwachsenes, das zu dem Mann passte, für den sie ihn hielt, aber es kam nichts als:

„Nein.“

Es klang härter, als er es meinte. Abrupt. Wie ein Türknall.

Julia zog die Hand zurück. Nicht langsam. Schnell, als hätte sie sich an etwas Heißem verbrannt. Ihre Augen weiteten sich, nicht vor Schock, sondern vor etwas, das Hugo nicht sofort deuten konnte – eine Mischung aus Überraschung und etwas Schärferem, das er nicht benennen konnte.

„Nein?“, wiederholte sie. Ihre Stimme war noch gleichmäßig, aber eine Spur dünner geworden.

Hugo wollte etwas erklären. Dass er es nicht so meinte. Dass er nicht wusste, warum er das gesagt hatte. Dass seine Stimme ihm einen Verrat begangen hatte, bevor sein Verstand hatte eingreifen können. Aber er fand keine Worte. Er saß da, starr, unbeweglich, ein Junge in einem Anzug, der plötzlich viel zu groß für ihn wirkte.

„Ich...“, begann er.

„Aber lassen Sie es“, sagte Julia. Sie stand auf. Ihre Bewegung war jetzt anders, nicht mehr die entspannte Nähe von vorher, sondern etwas Steifes, Abweisendes. „Das ist ja interessant. Das hätte ich nicht erwartet. Nicht von Ihnen.“

Hugo stand ebenfalls auf. Seine Beine fühlten sich an wie Holz. „Es tut mir leid.“

„Leid?“ Sie lachte. Ein kurzes, hartes Geräusch, das nichts mit dem Lachen im Auto gemein hatte. „Nein. Das tut es nicht. Sie wissen ja nicht einmal, wofür Sie sich entschuldigen. Oder vielleicht doch? Vielleicht ist das genau Ihr Spiel – erst den großen Mann markieren, dann zurückziehen?“

Er griff nach seiner Jacke, die er gar nicht ausgezogen hatte. „Ich fahre nach Hause.“

„Ja. Tun Sie das.“

Er ging zur Tür. Dort blieb er stehen. „Julia?“

Sie drehte sich nicht um. „Was?“

Er verstummte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dass er sie attraktiv fand? Dass er es nicht gewagt hatte? Dass er ein Feigling war? Keiner dieser Sätze würde herauskommen, nicht heute, nicht so. „Gute Nacht“, sagte er schließlich.

Sie antwortete nicht.

* * *

Er fuhr nach Hause. Der BMW glitt durch die nächtlichen Straßen, und Hugo dachte an nichts als die Schaltung. Erst als er in seiner Wohnung stand, der Mantel noch an, begann sein Kopf wieder zu arbeiten.

Er setzte sich an den Tisch. Er nahm einen Stift und ein Blatt Papier. Oben schrieb er:

**Analyse: Julia**

Darunter:

**Positiv:**
- Hat mich zum Essen eingeladen.
- Hat mich zu sich nach Hause eingeladen.
- Saß nah.
- Hat mich angesehen.
- Hat mich geküsst haben wollen.

**Negativ:**
- Hat Nein bekommen.
- Ist sauer geworden.
- Hat mich komisch genannt.

**Unklar:**
- Warum Einladung, wenn sie nur einen Kuss wollte?
- Warum nah sitzen, wenn sie nichts über mich wissen wollte?
- Warum ist sie sauer, weil ich Nein gesagt habe?

Hugo starrte auf die Liste. Er fügte hinzu:

**Fehlerquellen:**
- Warum habe ich Nein gesagt?
- Ich wollte sie nicht ablehnen.
- Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Er durchstrich die letzte Zeile. Er wusste es wirklich nicht. Er hatte nicht Nein gemeint, nicht so. Er hatte nur... überfordert gewesen. Wie ein Computer, der eine Eingabe bekam, für die kein Programm existierte.

Er legte den Stift hin. Er sah auf das Blatt. Dann griff er wieder danach und schrieb darunter:

**Frauen sind keine Aktien.**

Er betrachtete den Satz. Er war nicht von ihm. Er hörte ihn in Svenjas Stimme, in Elisabeths Ton, in irgendeinem Gespräch, das er vergessen hatte. Aber er stimmte. Er stimmte so sehr, dass Hugo das Gefühl hatte, gegen eine Wand gelaufen zu sein, die er nicht gesehen hatte.

Er stand auf. Er ging zum Fenster. Frankfurt lag vor ihm, grau und gleichmäßig, ohne die Unterbrechungen, die er von Hamburg kannte.

Er dachte an Julias Bauch. An ihre Worte. An das Nein, das aus ihm herausgefallen war, bevor er es hatte aufhalten können. Eine Zahl, die nicht in ihre Rechnung gepasst hatte – und nicht in seine.

Hugo legte die Hände auf die Fensterbank. Die Kälte des Glases drang durch seine Finger.

Er wusste, dass er sie wiedersehen würde. Nicht wegen der Liste. Sondern weil sie eine Frage gestellt hatte, die er nicht beantworten konnte. Und Fragen ließ er nicht liegen.

Hugo hatte die Akte seit sechs Wochen auf seinem Schreibtisch liegen. Ein mittelständischer Chemiekonzern mit Sitz in Ludwigshafen, börsennotiert, seit Jahren als solide geltend, Kurs seit Monaten in einer Bandbreite, die die Händler in der vierten Etage als „tot“ bezeichneten. Die Analysten der Konkurrenz hatten das Unternehmen als „fair bewertet“ abgehakt. Hugo hatte den letzten Geschäftsbericht zum ersten Mal vor vier Wochen gelesen und etwas gespürt, das er noch nicht benennen konnte. Eine Art Unbehagen. Die Zahlen waren zu sauber.

Er begann, sie auseinanderzunehmen. Nicht in einer Nacht. Tag für Tag, Woche für Woche. Er las den Geschäftsbericht des laufenden Jahres, verglich ihn mit dem Vorjahr, mit dem Vorvorjahr. Er las die Quartalsberichte der Tochtergesellschaften, die im Anhang versteckt waren. Er rechnete die Segmentergebnisse nach. Er prüfte die Bewertung des Immobilienbestands in den USA, wo das Unternehmen eine Tochtergesellschaft besaß, deren Werke auf einem Grundstück in New Jersey standen, das in der Bilanz mit einem Quadratmeterpreis angesetzt war, den Hugo mit keiner öffentlichen Transaktion der letzten drei Jahre in Einklang bringen konnte. Zu hoch. Um einen Faktor, der allein schon auffällig war.

Aber das allein reichte nicht. Hugo wusste, dass eine einzelne Abweichung keinen Handel rechtfertigte. Er arbeitete weiter. Er verglich die Rückstellungen für laufende Umweltverfahren mit den Berichten aus den USA, die er über eine internationale Datenbank einsehen konnte. Die Rückstellungen waren niedriger, als die öffentlichen Gerichtsakten nahelegten. Er prüfte die „operativen Erträge“ des Kerngeschäfts über fünf Jahre und entdeckte, dass in drei der letzten vier Quartale erhebliche Posten aus dem Verkauf von Beteiligungen und Immobilien in die operative Ergebnisrechnung eingeflossen waren – einmalige Erträge, die im Geschäftsbericht so dargestellt wurden, als gehörten sie zum laufenden Geschäft. Der Markt, das sah Hugo, bewertete das Unternehmen nach einer Gewinnspanne, die in Wahrheit nicht existierte. Das Kerngeschäft schrumpfte. Die Bilanz war aufgebläht durch überbewertete Aktiva und zu niedrige Rückstellungen.

Er schrieb seine Analyse neu. Nicht einmal, sondern mehrmals. Er ließ sie liegen, las sie nach drei Tagen noch einmal, fand Schwachstellen, verbesserte sie. Er verglich seine Berechnungen mit öffentlichen Daten, mit Branchenvergleichen, mit den Bewertungsmethoden anderer Analysten. Nach vier Wochen war er sicher. Nicht sicher im Sinne eines Gefühls. Sicher im Sinne einer Kette von Schlüssen, bei der kein Glied mehr wackelte.

Er bat seinen Vorgesetzten um ein Gespräch. Der Mann mit der goldfarbenen Brille las die Analyse, während Hugo wartete. Er strich mit den Fingern über seine Krawatte.

„Das ist groß“, sagte er schließlich. „Wenn Sie recht haben.“

„Ich habe recht“, sagte Hugo.

„Das haben wir letztes Jahr auch schon mal gehört. Von einem anderen Jungen. Der ist jetzt in der Abwicklung.“

Hugo sagte nichts. Er wusste, dass Widerspruch ihn nicht weiterbrachte.

„Aber es ist sauber geschrieben“, sagte der Vorgesetzte. „Wir prüfen es.“

Die Prüfung dauerte drei Tage. Hugo saß in drei Besprechungen, in denen ältere Analysten seine Zahlen durchgingen. Ein Mann mit grauem Seitenscheitel und einer Stimme, die klang, als würde er ständig etwas bemängeln wollen, fand einen Fehler in Hugos Nebenrechnung zu den US-Rückstellungen. Hugo hatte für ein laufendes Verfahren die Rückstellungszahl aus dem Vorjahr statt der aktualisierten, niedrigeren Summe aus dem jüngsten Quartalsbericht verwendet.

„Wenn Sie hier schon falsch liegen“, sagte der Mann, „warum sollte man Ihnen bei der Hauptthese trauen?“

Hugo sah ihn an. „Weil der Fehler in Ihre Richtung zeigt. Wenn ich ihn korrigiere, wird die Unterdeckung größer, nicht kleiner. Die aktuelle Rückstellung ist niedriger als im Vorjahr. Das Unternehmen hat also noch weniger zurückgestellt, als ich angenommen habe.“

Der Mann verzog das Gesicht. Es war keine Zustimmung, aber es war auch keine weitere Attacke.

Am vierten Tag stand der Chef der Wertpapierabteilung in der Tür. Der breitschultrige Mann mit der Narbe über der linken Augenbraue sagte: „Wir bauen auf. Vierzig Millionen. Langsam. Short.“

Hugo nickte. Er wusste, was das bedeutete. Die Bank würde Aktien des Unternehmens leihen, sie verkaufen und später – wenn der Kurs gefallen war – billiger zurückkaufen, um sie an den Verleiher zurückzugeben. Die Differenz war der Gewinn. Und das Risiko war unbegrenzt, denn wenn der Kurs stieg statt fiel, musste die Bank teurer zurückkaufen. Hugos Analyse musste stimmen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Die Händler begannen am nächsten Morgen. Hugo saß nicht bei ihnen. Er saß an seinem Schreibtisch und sah zu, wie die anderen Männer telefonierten, in Bildschirme starrten und mit Stiften auf Papiere klopften. Er hatte die Analyse geliefert. Jetzt war er Zuschauer. Die Position wurde über mehrere Tage aufgebaut, nicht auf einen Schlag. 40 Millionen Mark, verteilt auf Leerverkäufe, die nicht den Markt bewegen sollten.

Die ersten zwei Wochen passierte fast nichts. Der Kurs bewegte sich seitwärts, schwankte leicht nach oben. Ein Händler, den Hugo nur als „den Dicken“ kannte, weil alle ihn so nannten, ging an seinem Schreibtisch vorbei und sagte: „Dein Scheißkonzern pennt immer noch. Und er träumt von oben.“

Hugo sah auf den Bildschirm. Der Kurs hatte an zwei Tagen leicht zugelegt. Das bedeutete, dass die Position der Bank bereits einen kleinen buchmäßigen Verlust zeigte. Er spürte etwas in der Magengegend, das er noch nicht kannte. Es war nicht Angst. Es war die Erkenntnis, dass eine Analyse richtig sein konnte und der Markt trotzdem zunächst das Gegenteil tat.

„Der Markt braucht Zeit“, sagte Hugo.

„Der Markt ist ein Arschloch“, sagte der Dicke. „Und du bist derjenige, der gerade mit vierzig Millionen auf ihm reitet.“

In der dritten Woche begann sich etwas zu bewegen. Nicht der Kurs des Chemiekonzerns – der blieb stur in seiner Bandbreite – aber die Stimmung. Ein Analyst einer Konkurrenzbank senkte seine Einstufung von „kaufen“ auf „halten“. Die Begründung war vage, etwas von „marginalem Gewinnrückgang im Kerngeschäft“. Hugo las den Bericht und wusste, dass der Mann einen Teil der Wahrheit gesehen hatte, aber nicht die ganze. Es reichte nicht. Der Kurs reagierte kaum.

Hugo begann, die Tagescharts mit einer Intensität zu verfolgen, die ihn selbst überraschte. Er verglich jeden Tag die Schlusskurse, notierte die Umsätze, suchte nach Mustern. Er öffnete andere Unterlagen, versuchte, sich abzulenken, aber sein Blick fiel immer wieder zurück auf den Bildschirm. Er schlief schlecht. Nicht wegen der Sorge um das Geld – das war nicht seins. Sondern wegen der Sorge um die Richtigkeit. Wenn er falsch lag, war es nicht nur ein Fehler. Es war ein öffentlicher Fehler, den vierzig Millionen Mark begleiteten.

In der vierten Woche fiel der erste Stein. Das Unternehmen veröffentlichte eine Ad-hoc-Mitteilung. Nicht die erwartete Gewinnwarnung, sondern etwas Schlimmeres in seiner Harmlosigkeit: Die Geschäftsführung kündigte an, die Bilanzierung des US-Immobilienbestands „im Rahmen der anstehenden Jahresabschlussprüfung zu überprüfen“. Der Markt reagierte zunächst nicht. Aber Hugo las die Formulierung dreimal. „Überprüfen“ bedeutete in der Sprache der Bilanzierung: Wir haben einen Fehler gefunden und suchen nach einer Art, ihn zuzugeben, ohne zugeben zu müssen, dass er ein Fehler war.

Am nächsten Tag fiel der Kurs um zwei Prozent. Am übernächsten Tag um weitere drei. Am dritten Tag gab das Unternehmen bekannt, dass die US-Immobilien um zwölf Millionen Dollar überbewertet waren und dass zusätzliche Rückstellungen für Umweltschäden gebildet werden müssten. Die Analysten der Konkurrenz, die das Unternehmen noch vor Wochen als „kaufen“ eingestuft hatten, schrieben jetzt „verkaufen“. Der Kurs brach innerhalb einer Woche um mehr als zehn Prozent ein.

Die Bank schloss die Position über drei Tage, kontrolliert, ohne den Markt zu stören. Der durchschnittliche Rückkaufspatz lag bei rund 297,50 Mark. Der Verkaufspreis hatte bei 340 Mark gelegen.


Sie saßen zusammen in dem kleinen Raum neben dem Handelssaal, der nach altem Rauch und abgestandenem Kaffee roch. Der Chef der Abteilung war nicht dabei. Die, die da waren, waren die Händler, die die Position aufgebaut hatten, plus zwei Analysten, plus Hugo. Sie standen um einen Tisch mit einem Taschenrechner in der Mitte.

„Zwölf Komma fünf Prozent“, sagte einer der Händler. Er war Ende dreißig, trug ein Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln und hatte eine Stimme, die klang, als würde er alles, was er sagte, gleichzeitig als Witz und als Beleidigung meinen. „In einem Monat.“

Hugo nickte. „Ja.“

„Vierzig Millionen Einsatz. Fünf Millionen Gewinn.“

Einer der anderen – ein kleiner Mann mit rotem Haar und Sommersprossen, die auch im Winter nicht verschwanden – nahm den Taschenrechner. „Wenn wir das einfach mal zwölf nehmen, sind das hundertfünfzig Prozent im Jahr.“

„So kann man das nicht rechnen“, sagte Hugo.

„Ich weiß. Deshalb rechnen wir es jetzt richtig.“

Er tippte. Die Tasten des alten Taschenrechners klapperten.

„Mit Wiederanlage wären das dreihundertelf Prozent.“

„Dreihundertelf“, sagte ein anderer. Er lehnte in einem Sessel mit abgewetzten Armlehnen und hielt eine Zigarette in der Hand, obwohl seit einer Stunde niemand mehr geraucht hatte.

Hugo schüttelte den Kopf. „Das ist eine vollkommen unsinnige Hochrechnung. Niemand macht jeden Monat zwölf Komma fünf Prozent.“

„Natürlich nicht.“

„Warum rechnen Sie es dann aus?“

Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln lehnte sich zurück und betrachtete Hugo einen Moment. Sein Blick war nicht feindselig. Er war prüfend, wie man einen Gegenstand prüft, den man gerade erst entdeckt hat.

„Weil du achtzehn bist und uns gerade in einem Monat fünf Millionen Mark verdient hast.“

Er schaute noch einmal auf die Zahlen und grinste.

„Voss, wenn du eine Frau wärst, ich würde dich ficken.“

Hugo sah ihn irritiert an. Er verstand den Zusammenhang nicht. In seinem Kopf war noch die Rechnung, die er gerade widerlegt hatte. Die Zahlen. Die Logik. Die unsinnige Hochrechnung. Und jetzt dieser Satz, der aus dem Nichts kam wie ein Telefonanruf in einer stillen Nacht.

„Was hat das mit der Rendite zu tun?“

Für einen Moment war es still. Dann lachten die anderen. Nicht höhnisch. Nicht gegen ihn. Sondern ein tiefes, raues Lachen, das den kleinen Raum füllte und an den Wänden abprallte wie etwas, das lange eingesperrt gewesen war.

Der Rote wischte sich über die Augen. „Jesus, Voss. Du bist wirklich achtzehn, oder?“

„Ja“, sagte Hugo.

„Das merkt man.“ Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln stand auf und klopfte Hugo auf die Schulter. Nicht freundschaftlich. Aber auch nicht abweisend. Es war eine Geste der Anerkennung, die Hugo noch nicht kannte. „Willkommen in der vierten Etage, Junge. Ab jetzt hört dir hier jemand zu.“

Hugo blieb sitzen, während die anderen gingen. Er sah auf den Taschenrechner, der noch auf dem Tisch lag. Die Zahlen waren klein und grün auf dem schwarzen Display. Fünf Millionen. In einem Monat. Aus einer Analyse, die er über Wochen geschrieben hatte.

Er dachte an seinen Vater, der ihm vor zwei Jahren noch erklärt hatte, dass ein Schiffsmakler ein anständiger Beruf sei. Er dachte an Elisabeth, die jedes Wochenende nach Frankfurt fuhr und ihm Milch und Bügeleisen mitbrachte. Er dachte an Julia, an ihren flachen Bauch, an sein eigenes „Nein“, das ihm noch immer in den Ohren lag, weil er schüchtern und überfordert gewesen war.

Dann stand er auf und ging zurück in den Saal. Die Männer an ihren Schreibtischen sahen auf, als er vorbeikam. Nicht alle. Aber einige. Und einer, der Dicke, hob kurz die Hand, nicht als Gruß, sondern als Zeichen, das Hugo erst später verstehen würde: Er war jetzt einer von ihnen. Nicht gleich. Aber auch nicht mehr der Junge, der vor drei Monaten hereingekommen war und niemanden gekannt hatte.

Hugo setzte sich an seinen Platz. Er öffnete eine neue Akte. Er begann zu lesen. Aber etwas hatte sich verändert. Die Worte auf dem Papier waren dieselben. Die Zahlen waren dieselben. Aber er spürte, dass der Raum ihn anders wahrnahm. Und er wusste, dass dies nur der Anfang war. Dass die Männer, die ihn eben noch ausgelacht hatten, ihn bald zu ihren Abenden mitnehmen würden. Nicht weil sie ihn mochten. Sondern weil er jetzt einer von denen war, die man mitnahm.

 Am nächsten Tag, als der Handelssaal sich langsam dem Abend näherte und die Bildschirme die letzten Kurse des Tages in grüner und roter Schrift anzeigten, trat der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln an Hugos Schreibtisch. Er roch nach demselben Aftershave wie gestern, nur stärker, als hätte er sich für den Abend noch einmal eingecremt.

„Voss. Du kommst mit.“

Es war keine Frage. Hugo legte den Stift hin und sah auf. Der Mann grinste nicht, aber in seinen Augen lag etwas, das Hugo als Anerkennung einordnete – die Art von Anerkennung, die man einem Hund zeigte, der endlich apportieren gelernt hatte.

„Wohin?“, fragte Hugo.

„Essen. Trinken. Feiern. Du hast uns gestern fünf Millionen verdient. Da gibt's kein Nein.“

Hugo nickte. Er wusste, dass Widerspruch nicht nur nutzlos, sondern unhöflich war. Er stand auf, zog seine Jacke über den Anzug und griff nach seiner Aktentasche.

„Lass die Scheiße hier“, sagte der Händler. „Heute Abend bist du nicht der Analyst. Heute Abend bist du einer von uns.“

Das Restaurant lag drei Straßen von der Bank entfernt, ein schweres Gebäude aus rotem Sandstein mit getönten Fenstern und einem Eingang, der breiter war als nötig. Im Innern roch es nach altem Holz, gebratenem Fleisch und dem Zigarettenrauch, der unter der Decke hing wie ein zweiter Teppich. Ein Kellner in einer weißen Schürze führte sie in einen separaten Raum im hinteren Bereich, wo ein langer Tisch mit schweren Stühlen stand. Die Männer setzten sich nicht nach Hierarchie, sondern nach Gewohnheit. Einer der Händler nahm den Platz neben der Tür. Ein anderer presste sich in eine Ecke, die ihm gerade noch breit genug schien. Zwei weitere Händler, die Hugo nur vom Sehen kannte, nahmen die mittleren Plätze ein. Ein älterer Banker mit grauem Seitenscheitel und einem Gesicht, das aussah, als würde er ständig etwas bemängeln wollen, setzte sich an das Ende des Tisches und winkte Hugo zu sich.

„Her mit dir, Kleiner. Du sitzt neben mir. Dann können die anderen dich wenigstens alle sehen.“

Hugo setzte sich. Die Stühle waren aus massivem Eichenholz und schwerer, als sie aussahen. Er legte die Hände auf die Tischkante und bemerkte, wie die anderen ihre Krawatten lösten, die Hemdkröffnungen öffneten und sich zurücklehnten, als würden sie erst jetzt aus einer Hülle schlüpfen, die sie den ganzen Tag getragen hatten.

Der Kellner brachte die Karten. Hugo bestellte ein Steak, weil er Hunger hatte, und ein Wasser, weil er nicht wusste, wie viel er trinken sollte. Die anderen bestellten ohne hinzusehen. Zwei T-Bone-Steaks, ein Cordon bleu, drei Mal die Hausplatte. Und zu trinken: zwei Flaschen Rotwein, vier Bier und für den älteren Banker einen doppelten Whisky.

„Kein Wasser“, sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und grinste. „Nicht heute Abend. Heute Abend feiern wir deinen ersten richtigen Treffer. Und dafür trinkt man was Ordentliches.“

Hugo wechselte seine Bestellung in ein Bier. Er war achtzehn. Bier war legal. Und er wollte nicht der sein, der an diesem Tisch wie ein Schuljunge wirkte, nur weil er auf sein Wasser bestand.

Die ersten zwanzig Minuten drehten sich die Gespräche um das, was Hugo kannte. Der Markt. Die Position. Der Chemiekonzern, der nun um zwölf Prozent gefallen war und noch weiter fallen würde, wenn die nächsten Quartalszahlen kamen. Einer der Händler rechnete laut vor, wie viel die Bank noch verdienen könnte, wenn sie die Position zwei Wochen länger hielten. Ein anderer widersprach und sagte, man solle jetzt abschließen, bevor die Konkurrenz auf den Zug aufsprang. Der ältere Banker schüttelte den Kopf und meinte, beide hätten keine Ahnung, weil sie nicht verstünden, wie die amerikanischen Hedgefonds in diesem Segment arbeiteten.

Hugo hörte zu. Er sagte wenig. Er bemerkte, dass die Männer ihn nicht direkt nach seiner Meinung fragten, sondern über ihn sprachen, als wäre er ein neues Möbelstück, das noch nicht richtig stand. Aber sie sprachen ihn an. Sie sagten: „Voss, was hältst du davon?“ Und: „Der Junge hat gestern recht gehabt. Vielleicht hat er auch heute recht.“ Das war neu. Vor drei Tagen hätte keiner gefragt.

Mit dem zweiten Bier veränderte sich der Ton. Nicht abrupt. Nicht wie ein Lichtschalter. Sondern langsam, wie eine Schraube, die sich aus einem Holzbrett löst. Einer der Männer erzählte eine Geschichte über einen Kunden, der bei einem Telefonat so laut geschrien hatte, dass der gesamte Saal es gehört hatte. Ein anderer fügte hinzu, dass dieser Kunde eine Frau sei und dass sie wahrscheinlich nicht nur geschrien, sondern auch ihren Mann betrogen hätte. Der ältere Banker sagte trocken, dass er den Mann kenne und dass der es verdient habe, betrogen zu werden, weil er bei der letzten Emission zu spät eingestiegen sei. Gelächter. Nicht höhnisch. Nicht gegen jemanden gerichtet. Sondern das Lachen von Männern, die wussten, dass sie unter sich waren.

Hugo lachte mit. Nicht, weil er den Witz besonders lustig fand, sondern weil er begriff, dass das Mitlachen an diesem Tisch wichtiger war als die Analyse eines Geschäftsberichts. Er beobachtete die Gesichter. Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln hatte eine Röte im Gesicht, die nicht nur vom Wein kam. Einer der anderen wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Der ältere Banker trank seinen Whisky in kleinen Schlucken, als würde er Medizin einnehmen, aber er bestellte bereits den nächsten.

„Und du, Voss?“, fragte einer der Männer plötzlich. „Hast du schon mal eine richtige Frau gehabt?“

Das Gespräch verstummte. Nicht vollständig. Aber die Nebengeräusche – das Klappern von Besteck, das Murmeln des Kellners im Nebenraum, das Zischen der Küche – schienen lauter zu werden.

Hugo sah den Mann an. Er wusste, dass die Frage eine Falle sein konnte. Eine Einladung, sich lächerlich zu machen. Oder eine Prüfung. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich bin achtzehn“, sagte er. „Was glaubst du?“

Der Mann grinste. „Ich glaube, du hast noch nie eine Muschi gesehen, die nicht in einem Magazin war.“

Gelächter. Lauter diesmal. Hugo spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Aber er lächelte. Nicht breit. Nicht unterwürfig. Sondern das Lächeln eines Mannes, der wusste, dass er heute fünf Millionen Mark verdient hatte und dass dieser Fakt an diesem Tisch mehr wog als jede sexuelle Erfahrung, die er nicht hatte.

Der ältere Banker lachte kurz auf. „Für fünf Millionen? Bist du bescheuert? So eine Möse kostet dich eine Tankfüllung und zwei Drinks.“

Die Männer lachten. Hugo lächelte und zuckte mit den Schultern.

Der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln klopfte Hugo auf die Schulter. Nicht fest. Aber auch nicht mehr wie gestern in der vierten Etage. Diesmal war es die Geste eines Mannes, der einen anderen Mann in seine Runde aufnahm.

„Du wirst schon lernen, Junge“, sagte er. „Heute Abend lernst du.“

Das Essen dauerte zwei Stunden. Die Flaschen wurden geleert, neue bestellt. Die Gespräche drifteten weiter ab von Kursen und Bilanzen. Sie sprachen über Frauen, über Reisen, über einen Kollegen, der sich bei einer Geschäftsreise in Bangkok eine Krankheit eingefangen hatte, über die Schwiegermutter eines der Händler, die angeblich reicher war als ihr Mann, und über die Frau des älteren Bankers, die ihm die Hälfte seiner ersten Million abgenommen hatte.

„Eine Million“, sagte einer der Händler und pfiff durch die Zähne. „Für eine Fotze. Das ist Wucher.“

„Die zweite Million habe ich behalten“, sagte der ältere Banker trocken. „Weil ich gelernt habe.“

„Was denn?“

„Dass Ehe der einzige Beruf ist, bei dem man für den gleichen Scheiß jeden Tag weniger bezahlt wird.“

Wieder Gelächter. Hugo lachte mit, aber ein Teil von ihm stand neben sich und beobachtete die Szene wie ein Experiment. Er sah Männer, die tagsüber in Anzügen Millionen bewegten und abends wie Halbstarke über Frauen sprachen. Er sah, dass die Sprache sich veränderte, je mehr Alkohol floss. Und er sah, dass niemand an diesem Tisch sich dafür schämte. Nicht einmal ansatzweise.

Als sie das Restaurant verließen, war es dunkel. Frankfurt roch nach Abend, nach Abgasen, nach dem Regen, der vor einer Stunde gefallen war und nun in den Gullys rauschte. Die Männer standen auf dem Bürgersteig, zündeten sich Zigaretten an und redeten durcheinander. Hugo stand etwas abseits und atmete die kühle Luft ein. Er fühlte sich nicht betrunken. Er hatte drei Bier getrunken, aber das Essen hatte den Alkohol aufgefangen. Er fühlte sich leicht. Leichter als tagsüber im Saal.

„Komm, Kleiner“, sagte der Händler mit den aufgekrempelten Ärmeln und winkte ein Taxi heran. „Der Abend ist noch jung.“

Hugo stieg ein. Er wusste noch nicht, wohin sie fuhren. Er wusste nur, dass er dazugehörte. Nicht weil er es wollte. Sondern weil er es sich verdient hatte.

Im Taxi saß Hugo hinten zwischen zwei Männern aus der Wertpapierabteilung. Vorne, neben dem Fahrer, saß der ältere Banker. Für die anderen war er nur noch die „Samenschleuder“. Hugo wusste nicht recht, wohin mit den Händen. Er war zum ersten Mal dabei, und natürlich hatten die anderen längst gemerkt, wie nervös er war.

„Guck ihn dir an“, sagte einer neben ihm. „Der sitzt da, als würden wir ihn gleich fressen.“

„Lass den Jungen“, sagte der ältere Banker von vorne. „Der lernt heute was fürs Leben.“

„Von dir? Dann lieber nicht.“

Das Taxi füllte sich mit Gelächter.

Der ältere Banker drehte sich halb nach hinten.

„Hey, Kleiner. Ich geb dir einen Tipp. Das Kondom bringst du immer selber weg.“

Hugo sah ihn an.

„Selber“, wiederholte Hugo.

„Warum?“

Die anderen begannen bereits zu grinsen.

„Jetzt erzählt er wieder seine Heldengeschichte“, sagte einer.

Der ältere Banker zeigte mit dem Daumen auf sich selbst.

„Ich hab mit meiner Alten gefickt. Danach sagt sie, sie wirft das Kondom weg. Sie nimmt es mit und verschwindet damit. Nach einer Weile denk ich: Wo bleibt die eigentlich? Stattdessen hat sie sich den Inhalt selbst eingeführt. Schwanger. Kind. Seitdem zahl ich Alimente.“

Von hinten kam sofort:

„Na ja. Du hast ja auch eine Nutte geheiratet.“

Das Taxi explodierte vor Gelächter.

Der ältere Banker verzog keine Miene.

„Eben. Deshalb kenne ich mich ja aus.“

„Und deshalb heißt er Samenschleuder“, sagte der Mann neben Hugo.

„Das ist Verleumdung“, sagte der ältere Banker.

„Das ist ein Kompliment.“

Noch mehr Gelächter.

Dann sagte einer der Männer:

„Eigentlich musst du es machen wie ein vernünftiger Mensch. Geh zum Arzt, lass dir die Leitung kappen und gut ist.“

„Genau“, sagte ein anderer. „Ficken kannst du danach genauso. Du schießt nur noch Blanks.“

„Und der ältere Banker hätte heute ein größeres Vermögen.“

Der ältere Banker drehte sich wieder nach hinten.

„Ihr seid solche Arschlöcher.“

Hugo lachte mit.

Aber er hörte genau zu.

Der ältere Banker wandte sich wieder an Hugo.

„Deswegen, Kleiner: Merk dir eine Sache. Du kannst machen, was du willst. Aber wenn du ein Kondom benutzt hast, gibst du das Ding keiner Frau und sagst: Schmeiß mal weg.“

Hugo sagte nichts.

Der Mann tippte ihm mit dem Finger gegen den Brustkorb.

„Das Kondom bringst du immer selber weg.“

Hugo nickte.

„Immer?“

„Immer.“

„Auch wenn sie sagt, sie macht das?“

„Gerade dann.“

Einer der anderen lachte.

„Der Kleine schreibt sich das gleich auf.“

Hugo sah ihn an.

„Warum sollte ich es aufschreiben? Ich kann es mir merken.“

Für einen Moment war es still.

Dann lachten wieder alle.

Der Mann neben ihm schüttelte grinsend den Kopf.

„Du bist echt okay, Kleiner.“

Das Taxi fuhr weiter.

Für die anderen war die Geschichte bereits vorbei. Sie waren beim nächsten Witz, beim nächsten Spruch, beim nächsten Thema. Hugo dagegen dachte noch darüber nach.

Ein benutztes Kondom. Eine Entscheidung von wenigen Sekunden. Ein Kind. Alimente über Jahre.

Eine Handlung, eine Konsequenz.

Das verstand er.

Kurz darauf hielt das Taxi. Die Männer stiegen aus. Erst jetzt sah Hugo, dass sie tatsächlich vor dem Bordell angekommen waren.

Am folgenden Arbeitstag begegnete ihm einer der Männer vom Abend.

Er grinste.

„Na, Kleiner. Wie war's?“

Hugo sah ihn an.

„Gut.“

Mehr sagte er nicht.

Für die kommende Woche vereinbarte er einen Termin.