Kapitel 1
Erste Szene
Im Haus der Familie Voss in Eppendorf lagen die Zeitungen nicht auf, sie lagen herum. Das war ein Unterschied, den Elisabeth Voss jedes Mal aufs Neue zur Kenntnis nahm, wenn sie am frühen Abend durch die Räume ging und das zusammentrug, was der Tag zurückgelassen hatte: die Börsenzeitung auf dem Esszimmertisch, halb auseinandergefaltet, als habe jemand mitten im Lesen das Interesse verloren; eine Aktienzeitschrift auf der Armlehne des Ledersessels im Wohnzimmer, mit dem Umschlag nach unten, damit die aufgeschlagene Seite nicht verloren ging; Kurslisten, mehrere Lagen davon, auf der Anrichte in der großen Diele, dort, wo eigentlich die Post hätte liegen sollen.
In dem großen Haus gehörte das Papier inzwischen zum Inventar. Man hätte es mitnehmen und irgendwo einsortieren können. Niemand tat es. Am nächsten Morgen lagen neue Blätter dazwischen.
Der Hoppenstedt hatte seinen festen Platz. Der dicke Band stand im Arbeitszimmer des Vaters, im Regal neben dem Schreibtisch, aber er stand dort nur, solange der Vater ihn nicht brauchte. Kam er abends aus dem Büro an der Elbe, nahm er das Buch mit an den Tisch, schlug es auf, ließ es aufgeschlagen liegen, wenn das Essen kam, und trug es irgendwann wieder zurück. In der Zwischenzeit wanderte es durch das Erdgeschoss wie ein schwerfälliges Haustier: Esstisch, Anrichte, Sessellehne, manchmal lag es später sogar oben auf einer kleinen Kommode im Flur vor den Schlafzimmern, weil jemand es beim Hinaufgehen mitgenommen und dort vergessen hatte.
Hugo war fünfzehn und hatte an all dem lange vorbeigelebt. Das Papier gehörte zum Vater und zu Werner, so sicher wie der Geruch nach Rasierwasser am Morgen oder das leise Scheppern der Milchkännchen, wenn seine Mutter den Frühstückstisch abräumte. Er wusste, dass sein Vater etwas mit Schiffen machte – Schiffsmaklerei, Schiffsagentur, ein Büro mit ungefähr dreißig Leuten, von denen Hugo die wenigsten je gesehen hatte – und dass Werner, sein zwanzig Jahre älterer Bruder, Jura studiert hatte und trotzdem lieber über Aktien sprach als über Paragraphen.
Er wusste außerdem, dass man an einem solchen Tisch besser nicht fragte, was irgendetwas davon kostete, weil der Vater dann den Kopf hob, einen über den Rand seiner Zeitung hinweg ansah und sagte:
„Mehr, als du verdienst.“
Es war ein Dienstag im Herbst, und es regnete seit dem Mittag in diesem gleichmäßigen hamburgischen Grau, das keinen Anfang und kein Ende kannte. Hugo kam aus der Schule, öffnete die Haustür und trat in den kleinen Eingangsbereich. Links lag das Gäste-WC, rechts die Garderobe. Er hängte seinen nassen Mantel dort hin, nicht besonders ordentlich, ließ die Schultasche stehen und ging weiter in die große Diele.
Das Haus hatte eine eigene Geräuschkulisse, die er kannte, seit er denken konnte: das Ticken der Standuhr, das ferne Summen des Kühlschranks aus der Küche, manchmal das Knarren einer Diele oben, wenn sich das Holz bewegte. Heute kam durch die erste Tür auf der rechten Seite das leise Klirren von Porzellan.
Seine Mutter.
„Hugo?“
Elisabeth steckte den Kopf durch die Küchentür, und als sie ihn sah, ging dieses Leuchten über ihr Gesicht, das sie immer hatte, wenn eines ihrer Kinder zur Tür hereinkam.
„Du bist ja klatschnass. Hast du den Mantel wenigstens richtig aufgehängt?“
„Es regnet nur“, sagte Hugo.
„Es regnet nur“, wiederholte sie, als sei das eine Krankheit, gegen die man etwas unternehmen müsse. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und kam in die Diele, um ihn anzusehen, diesen prüfenden, schnellen Blick, mit dem sie seit seiner Kindheit feststellte, ob er Fieber hatte, ob er gegessen hatte, ob irgendetwas nicht stimmte.
„Ich mache dir Tee.“
„Ich will keinen Tee.“
„Du kriegst trotzdem einen.“
Hugo ging zur Treppe an der Westseite der Diele und nahm zwei Stufen auf einmal. Oben fiel sein Blick auf den Hoppenstedt. Der dicke Band lag auf der kleinen Kommode im Flur, aufgeschlagen, als habe ihn jemand dort nur für einen Augenblick abgelegt.
Hugo blieb stehen.
Er wusste nicht, warum.
Vielleicht war es die Art, wie das Buch dalag, breit und aufgebrochen, mit seinen eng bedruckten Seiten, als habe jemand mitten in einer Arbeit innegehalten, die wichtiger war als alles andere.
Er trat näher.
Firmenporträts. Endlose Reihen davon. Seite um Seite. Jede Firma mit ihrem Namen, ihrem Sitz, ihren Zahlen.
Er legte den Finger auf eine Zeile und ließ ihn weiterwandern, Spalte für Spalte, ohne zu verstehen, was die Zahlen bedeuteten.
„Das ist kein Bilderbuch“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Der Vater stand auf der Treppe, noch im Mantel, den Hut in der Hand. Er war früher nach Hause gekommen als sonst und sah aus, als habe ihn der Regen persönlich beleidigt. Er stieg die letzten Stufen herauf, gab Hugo einen flüchtigen Klaps auf die Schulter, der halb Begrüßung, halb Wegräumen war, und nahm den Hoppenstedt von der Kommode.
„Was ist das?“, fragte Hugo.
„Der Hoppenstedt.“
Der Vater trug das Buch wieder hinunter.
„Da steht alles drin, was man über Aktiengesellschaften wissen muss. Umsatz, Gewinn, Dividende, Grundkapital. Alles.“
Hugo folgte ihm bis zum oberen Treppenabsatz.
„Alles?“
Der Vater blieb unten kurz stehen und sah nach oben.
„Alles, was sie zugeben.“
Dann verschwand er durch die Tür seines Arbeitszimmers.
Hugo blieb noch einen Moment am Geländer stehen.
Alles, was sie zugeben.
Der Satz blieb in ihm hängen wie eine Scherbe im Stoff.
Er ging in sein Zimmer. Als kleines Kind hatte er zunächst in dem winzigen Raum neben den Schlafzimmern geschlafen, der beim Bau des Hauses eigentlich als Ankleide gedacht gewesen war. Mit einem weiteren Kind hatte damals niemand mehr gerechnet. Werner war zwanzig Jahre älter als Hugo und längst aus dem Haus, hatte sein früheres Zimmer aber noch eine Zeit lang behalten, wenn er vom Studium nach Hause kam. Irgendwann war daraus Hugos Zimmer geworden.
Darüber dachte Hugo normalerweise nicht nach. Für ihn war es einfach sein Zimmer.
Er zog den nassen Pullover aus und setzte sich an den Schreibtisch, aber die Schulhefte blieben zu.
Er dachte an das Buch. An die engen Zeilen. An die Vorstellung, dass es für jedes Unternehmen, von dem er je gehört hatte, eine Seite gab, auf der Dinge ordentlich aufgeschrieben standen.
Unten klingelte das Telefon.
Er hörte die Stimme seines Vaters aus dem Arbeitszimmer, gedämpft durch die Tür, einzelne Worte über Frachtraten und einen Charterer. Dann wurde die Tür geschlossen, und das Haus gehörte wieder der Uhr und dem Regen.
Am Abend kam Werner zum Essen. Er kam allein, stellte seinen nassen Regenschirm in den Ständer neben der Garderobe und legte eine Aktienzeitschrift auf die Anrichte in der Diele, als wäre das ein Weg, sich bei seiner Mutter für den Besuch anzumelden.
Elisabeth umarmte ihn, und Hugo sah, dass sie bei Werner genauso strahlte wie bei ihm, dass sie ihre Kinder auf eine Weise ansah, als hätte das Schicksal ihr persönlich etwas gegeben, das sie noch immer nicht für selbstverständlich hielt.
Svenja war auch da. Obwohl sie längst verheiratet war und ihr eigenes Leben führte, war sie häufig im Elternhaus. Ihr Mann war beruflich viel unterwegs, und an solchen Tagen kam sie oft zu ihren Eltern und blieb gelegentlich über Nacht.
Sie kam aus der Küche, wo sie Elisabeth geholfen hatte, und strich Hugo beim Vorbeigehen durch das noch feuchte Haar.
„Du wächst ja immer noch“, sagte sie und sah zu ihm auf. „Hör endlich auf damit.“
„Ich geb mir Mühe.“
„Das macht er in der Schule auch nicht“, sagte der Vater aus dem Esszimmer.
Sie aßen.
Der Vater saß am Kopfende, die Börsenzeitung neben dem Teller zusammengelegt, aber nicht weggeräumt. Werner erzählte von Unternehmen, die bewertet werden mussten und bei denen kaum zwei Menschen derselben Meinung waren, was sie tatsächlich wert waren.
Dann kamen sie auf Japan.
„Zwanzig Jahre haben sie gekauft“, sagte der Vater, „und alle Welt hat ihnen applaudiert. Jetzt fällt der Markt, und plötzlich tut jeder so, als hätte er es immer gewusst.“
„Menschen machen eben Fehler“, sagte Werner.
Hugo hörte zu und sagte nichts.
Das war seine Position an diesem Tisch seit jeher gewesen: Er saß dabei, aß und hörte den Erwachsenen zu, wie man dem Radio zuhört, ohne dass das Radio es merkt.
Nur hatte er in letzter Zeit angefangen, nicht mehr bloß Stimmen zu hören.
Kurs.
Dividende.
Grundkapital.
Brief und Geld.
Die Wörter lagen auf dem Tisch zwischen den Tellern, und niemand außer ihm schien zu bemerken, dass sie da waren.
„Was heißt Schlusskurs?“, fragte er.
Der Vater sah von seinem Teller auf. Werner lachte kurz, nicht unfreundlich.
„Der letzte Preis, zu dem an dem Tag gehandelt wurde“, sagte Werner. „Wenn die Börse zumacht, ist das der Schlusskurs.“
„Und morgens?“
„Eröffnungskurs.“
„Und wenn dazwischen einer mehr zahlt?“
„Dann kann der Kurs steigen.“
Werner legte die Gabel weg und beugte sich ein wenig vor. Hugo merkte, dass seinem Bruder die Frage gefiel, dass er gern erklärte, solange man ihn ernst nahm.
„Der Kurs ist kein Preis wie im Geschäft. Er zeigt dir, was zuletzt jemand bereit war zu bezahlen. Der Nächste kann schon wieder etwas anderes zahlen.“
„Wer entscheidet das?“
„Alle“, sagte Werner. „Und niemand.“
„Fragen kostet nichts“, sagte der Vater. „Geld kostet. Iss.“
„Lass den Jungen doch fragen“, sagte Elisabeth.
Sie hatte während des Gesprächs kaum etwas gesagt, aber sie hatte Hugo beobachtet. Das wusste er. Er kannte diesen Blick.
„Er interessiert sich eben dafür.“
„Er interessiert sich seit einem Monat für gar nichts mehr in der Schule“, sagte der Vater. „In Mathe ist er gut, weil er dafür nichts tun muss. Überall sonst tut er nichts, weil er dafür etwas tun müsste.“
„Vater“, sagte Svenja leise.
„Was? Es ist doch wahr.“
Der Vater schlug die Börsenzeitung auf, drehte sie um und schob sie über den Tisch, bis sie vor Hugo lag.
„Da. Wenn du schon fragst, lies wenigstens. Das hier ist die Kursliste. Frankfurt. Aktien, Kurse, Nummern. Fang an, dann brauchst du nicht wegen jeder Zeile zu fragen.“
Es klang nicht wie ein Geschenk.
Es klang wie das, was es war: ein Mann, der seinem jüngsten Sohn die Zeitung hinreichte, damit endlich Ruhe am Tisch war.
Hugo zog das Blatt zu sich heran.
Das Papier war dünn, der Druck eng, und die Spalten reichten die ganze Seite hinunter.
Name. Kurs. Hoch. Tief.
Und vor den Namen lange Nummern.
„Was ist das?“, fragte Hugo und tippte auf eine davon.
„Die Wertpapierkennnummer“, sagte Werner. „Jedes Wertpapier hat eine. Wie ein Fingerabdruck.“
„Warum braucht eine Aktie einen Fingerabdruck?“
„Damit man sie eindeutig findet. Damit man nichts verwechselt.“
Werner grinste.
„Es gibt mehr Unternehmen, als du denkst, Hugo. Namen können sich ähneln. Die Nummer nicht.“
Hugo nickte langsam.
Er aß weiter, aber die Zeitung blieb neben seinem Teller liegen. Während der Vater und Werner wieder miteinander sprachen, las Hugo Zeile für Zeile die Namen, die er kannte, und die, die er nicht kannte.
Es beruhigte ihn auf eine Weise, die er sich nicht erklären konnte, dass dort eine Welt existierte, in der jedes Ding seine Nummer hatte und nichts verwechselt werden durfte.
Ein paar Tage später lief am Mittag die Telebörse.
Das war im Haus seit einiger Zeit ein Ritual geworden, halb beiläufig, halb feierlich. Der Fernseher stand im Wohnzimmer, und wenn die Sendung lief, setzte sich der Vater in den Ledersessel und schaltete lauter, als es nötig gewesen wäre. Werner, wenn er zufällig da war, ließ sich auf das Sofa fallen. Elisabeth brachte Kaffee und verschwand meist wieder in der Küche.
An diesem Tag war Hugo früh genug im Wohnzimmer, um das Kursband über den Bildschirm laufen zu sehen.
Kürzel und Zahlen.
Pfeile nach oben.
Pfeile nach unten.
Eine Stimme aus dem Fernseher sprach darüber in einem Ton, als sei es das Normalste der Welt, dass irgendwo in Frankfurt Menschen Preise riefen und innerhalb weniger Minuten Millionenwerte entstanden oder verschwanden.
„Da“, sagte der Vater und zeigte auf eine Zeile. „Der DAX.“
„Warum fällt der?“
„Weil Leute verkaufen.“
„Warum verkaufen sie?“
Der Vater nahm seine Tasse.
„Weil sie glauben, dass es morgen weniger wert ist als heute. Oder weil sie Angst haben. Oder weil sie Geld brauchen. Die Börse ist kein Rechenapparat, Hugo.“
„Aber die Zahlen sind doch nur Zahlen.“
Der Vater sah ihn von der Seite an.
„Die Zahlen sind nie nur Zahlen. Dahinter sitzen Menschen.“
Werner lachte in seine Tasse.
Hugo sagte nichts.
Er sah das Band laufen und versuchte, die Kürzel mit den Namen aus der Kursliste zusammenzubringen, die seit Tagen auf seinem Schreibtisch lag.
Manches fand er wieder.
Das meiste nicht.
Es ärgerte ihn.
Und das Ärgern war das eigentliche Geschenk dieses Nachmittags.
Hugo kannte sich gut genug, um zu wissen, dass er Dinge, die ihn ärgerten, nicht liegen ließ. Er ließ Schularbeiten liegen. Er ließ Sport liegen. Er ließ so ziemlich alles liegen, was andere für wichtig hielten.
Aber etwas, das nicht aufging, etwas, das sich ihm verweigerte, arbeitete in ihm weiter, wenn er längst im Bett lag.
Nach der Sendung blieb Hugo im Wohnzimmer sitzen. Der Fernseher lief noch leise, irgendeine Sendung, die niemand wirklich ansah. Durch die offene Tür sah er in die große Diele und weiter zum Esszimmer, wo das Nachmittagslicht durch die Fenster fiel und den langen Tisch in eine helle und eine dunkle Hälfte teilte.
Er holte die Kurslisten.
Dann nahm er den Hoppenstedt aus dem Arbeitszimmer. Die Tür stand offen; der Vater telefonierte, winkte ihn hinein und wieder hinaus, ohne das Gespräch zu unterbrechen.
Hugo trug das schwere Buch an den Esstisch und legte es in die helle Hälfte.
Er schlug es irgendwo in der Mitte auf.
Kursliste daneben.
Dann fing er an zu lesen.
Nicht wie ein Junge liest, der etwas lernen soll.
Eher wie einer, der ein Rätsel in die Hand genommen hat.
Er las den Namen eines Unternehmens im Hoppenstedt, las die Angaben darunter, suchte denselben Namen in der Kursliste und verglich.
Er verstand die Hälfte nicht.
Das machte nichts.
Er verstand das Prinzip: Hier standen Angaben über das Unternehmen. Dort stand ein Preis.
Und irgendwie gehörte beides zusammen.
Irgendwann stand Elisabeth neben ihm und stellte eine Tasse Kakao auf die Tischkante, behutsam und außerhalb der Reichweite des Buches.
„Was machst du da?“
„Ich sehe nach.“
„Wonach?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
Es war eine ehrliche Antwort, und sie kostete ihn etwas, weil er sie nicht genauer geben konnte.
„Ob das zusammenpasst.“
Elisabeth sah den Jungen an, der sich über die Zahlen beugte wie über ein Uhrwerk, mit dem Bleistift in der Hand und den Schulheften oben in seinem Zimmer, wo sie vermutlich bis zur kommenden Woche bleiben würden.
Sie strich ihm kurz über den Hinterkopf und ging zurück in die Küche.
Später kam Svenja herein, setzte sich zu ihm an den Tisch und legte das Kinn auf die Hand.
„Und? Verstehst du das alles?“
„Noch nicht.“
„Aber du willst es verstehen.“
Es war keine Frage.
Hugo sah von der Kursliste auf und nickte einmal.
Svenja lächelte.
„Dann ist ja gut.“
Sie blieb noch eine Weile sitzen, während er weiterlas.
Draußen wurde es dunkel über Eppendorf. Der Regen hatte aufgehört, und in der Stille des Hauses, zwischen dem Ticken der Uhr und dem leisen Knistern des Papiers, wenn Hugo eine Seite des Hoppenstedt umblätterte, begann etwas, das keinen Namen hatte und keinen brauchte.
Die Zeitungen lagen nicht mehr einfach nur herum.
Sie warteten.
Zweite Szene
Einige Wochen später saß Hugo seit dem frühen Nachmittag am Esstisch, wo das Licht am längsten hielt. Draußen war der Himmel so flach und grau, dass man die Grenze zwischen den Dächern Eppendorfs und den Wolken beinahe nur noch an den Schornsteinen erkennen konnte.
Der Hoppenstedt lag vor ihm, die Kursliste daneben.
Hugo hatte inzwischen aufgehört, die Firmennamen laut zu lesen. Sein Finger glitt über Zeilen und Nummern, und sein Auge hatte sich an die langen Zahlenfolgen gewöhnt.
Er fand den Fehler gegen vier Uhr.
Im Hoppenstedt stand eine Wertpapierkennnummer.
In der Kursliste dieselbe Nummer – beinahe.
Zwei Ziffern waren vertauscht.
Hugo hielt den Finger auf der Zeile.
Er verglich noch einmal.
Dann noch einmal.
Ein Zahlendreher.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Er lehnte sich zurück.
Etwas in ihm begann zu arbeiten, dieses seltsame, leise Klicken, das er kannte, wenn er ein Mathe-Rätsel gelöst hatte oder eine Verbindung erkannte, bevor jemand sie erklärte.
Es war nicht Stolz.
Eher Überraschung, gemischt mit Vorsicht, als habe er etwas gefunden, das ihm nicht gehörte und das er deshalb nicht zu schnell anfassen durfte.
Er nahm die Kursliste und ging in die große Diele. Das Arbeitszimmer seines Vaters lag auf derselben Etage, an der Westseite des Hauses. Hugo klopfte.
„Herein.“
Der Vater saß hinter dem Schreibtisch, die Ärmel hochgekrempelt, die Brille auf der Nasenspitze, und betrachtete einen Stapel Papiere, der vor ihm lag wie eine Mauer, die er Stein für Stein abtragen musste.
Er sah nur kurz auf und deutete mit dem Kugelschreiber auf den Stuhl gegenüber.
„Was ist?“
Hugo legte die Kursliste auf den Schreibtisch.
„Hier. Die Nummer stimmt nicht.“
Der Vater ließ den Kugelschreiber sinken.
„Welche Nummer?“
„Die WKN. Im Hoppenstedt steht sie anders. Zwei Ziffern sind vertauscht.“
Der Vater nahm die Liste und hielt sie näher ans Gesicht. Dann legte er sie wieder hin.
„Und?“
„Und sie ist falsch.“
„Es ist eine Kursliste, Hugo. Nicht die Bibel. Da stehen Fehler drin. Tippfehler, Druckfehler.“
„Aber die Nummer soll doch gerade verhindern, dass man etwas verwechselt.“
Der Vater lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte, ein tiefes, vertrautes Geräusch.
Diesmal betrachtete er Hugo etwas länger.
„Du hast viel Zeit, wenn du schon WKNs vergleichst. Hast du morgen keine Klassenarbeit?“
„In Mathe. Die kann ich.“
„Die kannst du.“
Der Vater wiederholte es mit diesem leichten Unterton, den er bei allem hatte, was Hugo für selbstverständlich hielt.
Dann deutete er auf die Zeitung.
„Wenn du dir so sicher bist, ruf bei der Redaktion an. Die Nummer steht irgendwo auf der Seite. Vielleicht erklären sie dir, wo dein Fehler liegt.“
„Mein Fehler?“
„Oder ihrer. Das wird sich herausstellen.“
Der Vater griff wieder nach seinem Kugelschreiber.
Das Gespräch war beendet.
Hugo stand auf.
„Hugo.“
Er drehte sich um.
Sein Vater sah ihn an.
„Du hast scharfe Augen. Das ist gut. Aber scharfe Augen allein machen noch keinen Händler.“
Hugo wusste nicht, ob das Anerkennung war oder Zurückweisung.
Vielleicht beides.
Er ging aus dem Arbeitszimmer zurück in die große Diele. Auf einer Konsole stand das Telefon. Hugo nahm den Hörer ab und suchte auf der Zeitung nach der Nummer der Redaktion.
Dann wählte er.
Langsam.
Bei jeder Ziffer hielt er einen Augenblick inne.
Es klingelte dreimal.
Eine Frau meldete sich mit dem Namen der Börsenredaktion und einer Stimme, die so klang, als würde sie gleichzeitig an drei Telefonen sitzen und an keinem besonders interessiert sein.
„Guten Tag“, sagte Hugo.
Seine Stimme rutschte ihm ein wenig in die Höhe. Er räusperte sich.
„Ich habe einen Fehler in Ihrer Kursliste gefunden. Bei einer WKN. Im Hoppenstedt steht die Nummer anders. Zwei Ziffern sind bei Ihnen vertauscht.“
Die Frau schwieg.
Im Hintergrund klapperte eine Schreibmaschine.
„Wer spricht?“
„Hugo Voss. Ich habe die Liste mit dem Hoppenstedt verglichen.“
Wieder Schweigen. Dann das Blättern einer Seite, lauter jetzt, als suche jemand absichtlich.
„Moment“, sagte die Frau. Ihr Ton war nicht freundlicher geworden, aber er war auch nicht unfreundlicher. Er war der Ton einer Frau, die einen Anruf entgegennahm, für den es kein Formular gab.
Hugo wartete.
Er hörte die Uhr in der Diele ticken.
Dann war die Frau wieder da.
„Herr Voss?“
„Ja.“
„Sie haben recht. Es ist ein Zahlendreher. Wir korrigieren das in der nächsten Ausgabe.“
Sie machte eine Pause, und Hugo spürte, wie sein Herzschlag sich veränderte, nicht schneller, aber härter, als schlage etwas gegen seine Rippen von innen.
„Woher haben Sie das?“
„Ich habe es verglichen“, sagte Hugo. „Mit dem Hoppenstedt.“
„Sie haben den Hoppenstedt mit der Kursliste verglichen. Und den Fehler gefunden.“
„Ja.“
Die Frau lachte kurz, ein einzelnes, überraschtes Geräusch, das nichts mit Spott zu tun hatte.
„Dann haben Sie scharfe Augen. Danke für den Hinweis.“
„Bitte schön.“
Hugo legte auf. Er stand noch einen Moment da, den Hörer in der Hand, bevor er ihn auf die Gabel legte.
Als er sich umdrehte, stand Elisabeth in der Küchentür.
„Wer war das?“
„Die Redaktion. Von der Börsenzeitung.“
Hugo hörte selbst, wie seine Stimme klang, flach, fast gelangweilt, als sei nichts Besonderes geschehen.
„Ich habe einen Fehler gefunden. Einen Zahlendreher. Sie haben gesagt, ich habe recht.“
Elisabeth kam zu ihm.
„Was für ein Fehler?“
„In einer WKN. Einer Nummer. Die haben die Zahlen vertauscht.“
„Und du hast das gemerkt?“
„Ich habe verglichen.“
Elisabeth sah ihn an, und in ihrem Gesicht geschah etwas, das Hugo bei seinem Vater vermisst hatte. Ihre Augen wurden nicht größer, sie riss keine theatralische Pose auf, aber er sah, wie etwas in ihr aufmerksam wurde, wie ein Raum, in dem plötzlich das Licht angeht.
„Zeig mir das“, sagte sie.
Hugo holte den Hoppenstedt aus dem Arbeitszimmer und trug das Buch an den Esstisch, wo noch das Nachmittagslicht lag, das nun fast weiß geworden war. Er legte die Kursliste daneben, fand die Zeile, zeigte mit dem Finger darauf.
Elisabeth beugte sich vor.
Sie verstand die Zahlen nicht, das wusste Hugo, aber sie verstand etwas anderes, und das war wichtiger.
Sie verstand, dass er sich Mühe gegeben hatte.
Dass er etwas gefunden hatte, das nicht jeder fand.
„Und du hast das alles allein herausgefunden?“
„Ja.“
„Niemand hat dir geholfen?“
„Papa hat gesagt, ich soll bei der Redaktion anrufen. Aber er hat nicht geglaubt, dass es wirklich ein Fehler ist.“
Elisabeth richtete sich auf.
„Und was hat die Redaktion gesagt?“
„Dass ich recht habe. Dass sie es korrigieren.“
Elisabeth lächelte. Es war kein großes Lächeln, keines, das andere Leute ansteckte, aber es war echt, und es war für ihn.
„Dann hast du etwas Besonderes gemacht“, sagte sie leise. „Nicht jeder findet einen Fehler in einer Zeitung. Nicht jeder ruft an. Und nicht jeder hat recht.“
„Es war nur ein Zahlendreher“, sagte Hugo.
„Trotzdem hast du ihn gesehen.“
In diesem Moment kam Werner durch die Diele. Er trug seinen Mantel noch über dem Arm und wollte offenbar nur kurz bleiben.
„Was ist?“
„Hugo hat bei der Redaktion angerufen“, sagte Elisabeth. „Er hatte recht. Es war wirklich ein Fehler.“
Werner trat näher.
„Hast du tatsächlich angerufen?“
„Ja.“
„Und die haben gesagt, du hast recht?“
„Ja.“
Werner lachte, ein kurzes, tiefes Geräusch, und klopfte Hugo auf die Schulter, aber es war nicht der Klaps, den man einem Kleinen gibt, der etwas Süßes gesagt hat. Es war eher ein Nicken, eine Anerkennung, die aber nicht lange dauerte.
„Na siehst du“, sagte Werner. „Menschen machen eben Fehler. Die Redaktion, der Setzer, irgendjemand. Das passiert ständig. Du hast Glück gehabt, dass du gerade auf den richtigen gestoßen bist.“
„Glück“, sagte Hugo.
„Was denn sonst?“ Werner zuckte die Schultern. „Du hast nicht die Aktie analysiert. Du hast nicht den Markt verstanden. Du hast einen Tippfehler gefunden. Das ist ein scharfes Auge, aber es ist kein Geschäft.“
Der Vater kam aus seinem Arbeitszimmer.
„Was ist?“
„Die Redaktion hat bestätigt, dass Hugo recht hatte“, sagte Elisabeth.
Der Vater sah Hugo an. Sein Gesicht veränderte sich nicht, aber etwas in seiner Haltung veränderte sich, eine leichte Verschiebung des Gewichts, als stelle er sich anders hin.
Dann sagte er:
„Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“
Er sagte es nicht laut.
Er sagte es nicht spöttisch.
Er sagte es fast freundlich, wie man einen Satz sagt, der einem eingefallen ist und den man für passend hält.
Gerade deshalb traf er Hugo.
Der Vater ging weiter in die Küche, und Werner folgte ihm.
Hugo stand am Tisch.
Er fühlte nichts, was er hätte benennen können. Es war kein Schmerz und keine Enttäuschung, es war eher eine Leere, die sich langsam mit etwas füllte, das er noch nicht kannte.
Er sah auf die Kursliste.
Werner hatte in einer Hinsicht recht: Es war nur ein Tippfehler.
Aber Hugo wusste auch, dass sein Vater unrecht hatte, nicht wegen des Satzes, sondern wegen des Blicks, mit dem er ihn gesagt hatte.
Der Blick hatte nicht gesagt: Du hast etwas geleistet.
Der Blick hatte gesagt: Das war Zufall, und Zufall zählt nicht.
Elisabeth war noch da. Sie hatte nichts gesagt, während die Männer sprachen, und sie hatte sich nicht bewegt.
Jetzt legte sie ihm die Hand in den Nacken, leicht, wie man einen Jungen berührt, der gerade etwas Wichtiges verstanden hat, ohne dass man es ihm erklären muss.
„Komm“, sagte sie. „Ich mache dir den Kakao, den ich vorhin versprochen habe. Und du erzählst mir, wie das Telefonat war. Genau. Wie sie geklungen hat, die Frau. Und was sie gesagt hat.“
„Sie war nicht nett“, sagte Hugo. „Aber sie hat gesagt, ich habe scharfe Augen.“
„Dann hat sie recht.“
Sie gingen in die Küche, und Hugo setzte sich auf seinen Platz am Fenster. Elisabeth stellte den Kakao hin, und er begann zu erzählen, nicht weil er glaubte, dass es wichtig war, sondern weil sie fragte, und weil sie zuhörte, und weil sie ihn ansah, als wäre das, was er sagte, der wichtigste Satz des Tages.
Svenja kam herein und setzte sich zu Hugo. Sie nahm sein Glas, trank einen Schluck Kakao und verzog das Gesicht.
„Zu süß.“
„Dann lass es.“
„Ich lass es ja.“
Sie stellte das Glas zurück, blieb aber sitzen.
„Was ist denn? Du siehst aus, als hättest du was gewonnen und als wärst du gleichzeitig sauer.“
„Ich bin nicht sauer.“
„Doch. Du ziehst die Mundwinkel runter. Das machst du immer, wenn du sauer bist und es nicht zeigen willst.“
Hugo erzählte ihr von dem Fehler und von der Redaktion.
„Und der Vater hat gesagt, ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Und Werner hat gesagt, Menschen machen eben Fehler.“
Svenja betrachtete ihn einen Moment lang.
„Und was hast du gesagt?“
„Nichts.“
„Nichts?“
„Was soll ich sagen? Sie haben ja recht. Es war nur ein Fehler. Ein Zahlendreher.“
Svenja nippte an dem Kakao.
„Du hast nichts gesagt“, wiederholte sie langsam. „Aber du hast es gemerkt. Du hast es verglichen. Du hast angerufen. Und du hast recht gehabt. Das ist mehr als ein Zahlendreher, Hugo.“
„Was denn?“
„Du suchst Fehler. Das ist dein Ding. Nicht der Kurs, nicht das Geld. Du willst wissen, wo es nicht passt.“
Sie stellte das Glas ab.
„Lass den Vater reden. Der glaubt dir schon, dass du das gefunden hast. Er gibt es dir nur nicht. Das ist nicht dasselbe.“
Hugo sah auf den Tisch.
„Ich geh wieder hoch.“
„Und liest weiter?“
„Ja.“
„Gut. Dann such weiter. Aber iss vorher was. Du wirst sonst wieder so dünn wie ein Streichholz, und dann jammert die Mutter.“
Hugo lächelte, zum ersten Mal an diesem Abend, ein kurzes, schiefes Zucken, das er selbst kaum bemerkte.
Später nahm er den Hoppenstedt mit nach oben.
Er schlug ihn auf.
Er nahm die Kursliste.
Er begann zu lesen, Seite für Seite, Zeile für Zeile, Zahl für Zahl, und diesmal war es nicht mehr nur das Rätsel, das ihn trieb, und nicht mehr nur die Neugier.
Es war etwas anderes, etwas, das mit dem Satz seiner Mutter zu tun hatte und mit dem Blick seiner Schwester und mit der Leere, die der Vater hinterlassen hatte, eine Leere, die nicht traurig war, sondern herausfordernd, wie ein Raum, den man füllen musste, weil sonst niemand es tat.
Die Zeitungen lagen nicht mehr nur herum.
Sie warteten.
Und Hugo las weiter.
Dritte Szene
Der späte Nachmittag lag ungewöhnlich mild über der Stadt. Nach den Regentagen war es noch einmal freundlicher geworden, und aus dem feuchten Asphalt stieg der Geruch der Straße auf, vermischt mit Abgasen und der milden Luft eines überraschend schönen Herbsttages.
Hugo lehnte an der Wand des kleinen Kiosks an der Ecke, die Hände in den Taschen seiner Hose, die Finger um ein paar Münzen gekrallt, die er seit zwanzig Minuten hin und her schob, ohne zu wissen, warum.
Er war seit dem Mittagessen unterwegs.
Oder genauer: seit dem Moment, an dem er Nina gesehen hatte.
Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er war einfach hinausgegangen.
In der letzten Zeit war er mehrfach an diesem Kiosk vorbeigegangen. Einmal hatte er eine Cola gekauft, die er nicht wollte. Ein anderes Mal eine Tüte Erdnüsse, die er nicht aufgemacht hatte. Irgendwann hatte der Kioskbesitzer angefangen, mit ihm über das Wetter zu reden.
Oder eigentlich hatte der Mann über das Wetter geredet, und Hugo hatte zugehört und dann, aus irgendeinem Grund, angefangen, die Zahlen auf der Preistafel zu addieren.
Eis 1,20.
Cola 1,50.
Zigaretten 3,80.
Die Summe war 6,50.
Er hatte es laut gesagt, ohne zu überlegen.
Der Kioskbesitzer hatte ihn komisch angesehen und dann gelacht.
„Du und deine Zahlen, Hugo.“
Hugo hatte nicht gelächelt.
Zahlen waren sein Terrain.
Zahlen logen nicht, veränderten ihre Meinung nicht, seufzten nicht, wenn man ihnen sagte, dass man müde war.
Zahlen waren ehrlich.
Und jetzt stand er hier und sah Nina kommen.
Ihre Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, der bei jedem Schritt gegen ihren Rücken schlug.
Hugo wusste, dass sie fünfzehn war.
Er kannte sogar ihren Geburtstag.
Natürlich kannte er ihn.
Sein Kopf behielt solche Dinge.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, ein rhythmisches Pochen, das er in den Schläfen spürte.
Er wusste nicht, warum.
Bei Zahlen passierte das nie.
Bei Zahlen war sein Herzschlag immer gleich, gleichmäßig wie ein Metronom.
Aber jetzt, bei Nina, war es anders.
Es war, als würde sein Körper eine Sprache sprechen, die er nicht verstand.
„Hallo“, sagte er.
Seine Stimme klang rau, zu tief für seinen Mund.
Er räusperte sich.
Nina blieb stehen.
„Hallo. Was machst du denn hier?“
„Nichts Besonderes.“
Er zuckte mit den Schultern, eine Geste, die er von Svenja übernommen hatte, dieses Achselzucken, das bedeuten sollte: Ich bin locker, ich bin cool, mir ist alles egal.
„Ich war nur unterwegs.“
„Die ganze Zeit?“
Hugo zögerte.
„Nein. Ich war auch zu Hause. Dann hier. Dann …“
Er unterbrach sich.
Er merkte, dass er zu viel erzählte, dass seine Worte wie kleine Vögel aus seinem Mund flatterten, die niemand einfangen wollte.
Zu Hause war das anders.
Wenn er zu Hause erzählte, wo er gewesen war, was er gemacht hatte, dann hörte seine Mutter zu. Sie nickte, sie fragte nach, sie interessierte sich.
Svenja auch.
Selbst wenn sie spöttisch wurde und ihn „Kleiner“ nannte, hatte er das Gefühl, dass sie ihn sah.
Dass er existierte.
„Ich habe schlecht geschlafen“, sagte er.
Die Worte fielen aus ihm heraus, bevor er sie richtig formen konnte, wie Husten, den man nicht unterdrücken kann.
Nina runzelte die Stirn.
„Wieso?“
Da war es wieder, dieses Pochen in seinen Schläfen.
Sie hatte gefragt.
Sie interessierte sich.
Er kannte diesen Moment aus tausend Situationen zu Hause.
Wenn er sagte, dass er schlecht geschlafen hatte, dann legte seine Mutter sofort die Hand auf seine Stirn.
Wenn er sagte, dass er müde war, dann fragte Svenja nach.
„Ich weiß nicht“, sagte Hugo. „Ich lag die ganze Nacht wach. Irgendwie … ich fühle mich total schlapp. Als hätte ich gar nicht richtig geschlafen.“
Er wartete.
Erwartete, dass sie näherkam, dass ihre Stimme weicher wurde, dass sie fragte, ob es ihm wirklich nicht gut ging.
So würde seine Mutter reagieren.
So würde Svenja reagieren, vielleicht mit einem Augenrollen, aber dann doch mit einer Geste, einer Frage, einer Hand auf seiner Schulter.
Nina sah ihn an.
Ihre Augen blieben klar und unverändert.
Dann zuckte sie mit den Schultern, dieselbe Geste, die er vorhin gemacht hatte, nur dass sie bei ihr anders aussah.
Lockerer.
Echter.
Weniger berechnet.
„Dann geh doch nach Hause“, sagte sie.
Die Worte hingen einen Moment in der Luft, bevor Hugo sie ganz verstand.
Sie klangen nicht böse.
Sie klangen nicht einmal desinteressiert.
Sie klangen einfach logisch, wie eine mathematische Antwort auf eine mathematische Frage.
Wenn müde, dann nach Hause.
„Ja“, sagte Hugo langsam. „Vielleicht.“
Nina bestellte sich ein Wassereis.
Hugo blieb stehen, die Hände noch immer in den Taschen, die Münzen nun feucht vor Schweiß.
Er fühlte sich sichtbar, auf eine Weise, die ihm nicht gefiel.
Nicht sichtbar wie bei einem Auftritt.
Sichtbar wie ein Gegenstand, der im Weg steht, den man nicht braucht, den man aber auch nicht wegräumen kann.
„Ich habe einen Fehler in einer Börsenzeitung gefunden“, sagte er plötzlich.
Das war sicheres Terrain.
Zahlen.
Fakten.
Dinge, die man berechnen konnte.
„In einer Wertpapiernummer. Ich habe es im Hoppenstedt gesehen. Die Zahlen haben sich nicht richtig angefühlt. Wenn du lange genug mit Zahlen arbeitest, merkst du das. Es ist wie … wie wenn ein Bild schief hängt. Du siehst es sofort, auch wenn du nicht weißt, warum.“
Nina leckte an ihrem Eis.
Sie nickte, aber es war nicht das Nicken von jemandem, der verstand.
Es war das Nicken von jemandem, der wartete, dass der andere aufhörte zu reden.
„Cool“, sagte sie.
Hugo verstummte.
Das Wort war wie eine Wand.
Cool.
Ein Wort, das alles abschloss, was man darauf sagen konnte.
Er hatte das Gefühl, dass er etwas falsch gemacht hatte, aber er wusste nicht, was.
Bei seinem Vater war es anders gewesen, aber nicht besser. Hugo hatte ihm den Fehler gezeigt und darauf gehofft, dass er wenigstens einen Moment innehielt, genauer hinsah, vielleicht sogar beeindruckt war.
Stattdessen hatte sein Vater gesagt, auch ein blindes Huhn finde einmal ein Korn.
Hugo wusste inzwischen, dass Anerkennung von ihm selten geradeheraus kam.
Vielleicht war genau deshalb jede kleine Reaktion so wichtig für ihn.
Hier, mit Nina, fühlte er sich plötzlich zu laut, zu eifrig, zu sehr da.
„Ich bin eigentlich auch nicht sicher, ob ich überhaupt hätte kommen sollen“, sagte er. „Ich meine, ich fühle mich irgendwie nicht so gut. Ich glaube, ich hätte lieber zu Hause bleiben sollen. Bei meiner Mutter. Die kümmert sich dann immer um mich.“
Er wartete wieder.
Diesmal sagte Nina gar nichts.
Sie sah ihn an und seufzte.
Es war kein lautes Seufzen, eher ein kleiner Ausstoß Luft, aber Hugo hörte es.
Und er hörte etwas anderes darin.
Etwas, das ihn kleiner machte, ohne dass er wusste, warum.
„Hugo“, sagte Nina. Ihre Stimme war nicht unfreundlich, nur fest. „Es ist nur ein Eis. Wir stehen nur am Kiosk. Du musst nicht hier sein, wenn du dich nicht gut fühlst.“
Er nickte.
Ja.
Natürlich.
Es war nur ein Eis.
Er wusste nicht, warum er das vergessen hatte.
In diesem Moment kam ein anderes Mädchen aus der Seitengasse.
„Nina! Ich habe überall nach dir gesucht. Wir wollten doch zu Sandra!“
Nina drehte sich um, und Hugo sah, wie sich ihr Gesicht veränderte.
Es wurde heller, offener, als hätte jemand ein Licht angemacht, das er nicht hatte finden können.
Ihre Augen wurden größer, ihr Mund zu einem Lächeln, das er noch nicht kannte.
Einem Lächeln, das nicht für ihn bestimmt war.
Das Mädchen musterte Hugo kurz, ein flüchtiger Blick, der an ihm abglitt wie Wasser an einem Fenster.
„Wer ist das?“
„Das ist Hugo“, sagte Nina. „Der von der Börsenzeitung.“
Hugo zuckte zusammen.
Der von der Börsenzeitung.
So nannte sie ihn?
Er wusste nicht, ob das gut oder schlecht war.
Es klang wie ein Titel, den man jemandem gab, den man nicht richtig kannte, eine Etikettierung, die ihn auf eine einzige Sache reduzierte.
„Ach, der“, sagte das Mädchen.
Dann wandte sie sich wieder Nina zu.
„Komm. Sandra wartet schon.“
Nina nickte.
„Wir müssen los.“
Nicht „Wir sehen uns“.
Nicht „Bis bald“.
Nur:
Wir müssen los.
„Ja, klar“, sagte Hugo. „Ich gehe auch gleich. Bin sowieso müde.“
Er hatte es wieder gesagt.
Müde.
Schlapp.
Die Wörter, die zu Hause funktionierten, die seine Mutter und seine Schwester wie Magnete anzogen.
Er konnte nicht aufhören, sie zu benutzen, auch wenn er spürte, dass sie hier etwas anderes bewirkten.
Nina und das andere Mädchen gingen.
Hugo hörte, wie sie miteinander redeten.
Er hörte nicht alles.
Dann lachte das Mädchen.
„Vielleicht will er, dass du dich um ihn kümmerst.“
„Als ob ich seine Mutter wäre“, sagte Nina.
Ein paar Schritte später hörte Hugo sie noch einmal.
„Und wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre – den würde ich nicht anfassen.“
Das Lachen der beiden entfernte sich.
Hugo stand allein am Kiosk, die Hände noch immer in den Taschen, die Münzen nun so feucht, dass sie sich anfühlten wie kleine nasse Steine.
Als ob ich seine Mutter wäre.
Und wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre.
Er verstand nicht, warum der erste Satz negativ gemeint war.
Seine Mutter war doch gut.
Svenja auch.
Sie kümmerten sich um ihn, fragten nach, nahmen ihn ernst.
Wenn er sagte, dass er müde war, dann war das doch keine Erfindung.
Er war müde.
Er hatte schlecht geschlafen.
Er fühlte sich schlapp.
Und wenn er das sagte, dann reagierten sie.
Warum war das hier falsch?
Warum war das etwas, worüber man lachte?
Der zweite Satz war leichter zu verstehen.
Vielleicht gerade deshalb tat er mehr weh.
Hugo nahm die Hände aus den Taschen.
Die Münzen fielen klimpernd auf den Boden, eine, zwei, drei.
Er sah ihnen nach, wie sie im Staub lagen, kupfern und silbern, kleine runde Dinge mit Zahlen darauf.
Zahlen, die man lesen konnte.
Zahlen, die bedeuteten, was sie bedeuteten.
Er dachte an die Zahlen in der Zeitung, an den Zahlendreher, den er sofort gesehen hatte.
Dort war alles klar.
Wenn eine Zahl falsch war, sah man es.
Wenn eine Zahl richtig war, auch.
Es gab keine Zweideutigkeit, keine Stimmen, die leise wurden, keine Seufzer, die man nicht deuten konnte, keine Wörter wie „Cool“, die wie Wände waren.
Hier, mit Nina, war nichts klar.
Er hatte etwas gesagt, das zu Hause funktionierte, und hier hatte es nicht funktioniert.
Er hatte etwas anderes gesagt, das bei seinem Vater funktionierte, und hier hatte es auch nicht funktioniert.
Es war, als würde er zwei verschiedene Sprachen sprechen, und keine davon war die richtige.
Oder vielleicht war es anders:
Es war, als hätte er sein ganzes Leben lang eine Sprache gelernt, und jetzt, plötzlich, stellte sich heraus, dass alle anderen eine andere sprachen.
Er bückte sich und hob die Münzen auf.
Eine Zehn-Pfennig-Münze.
Eine Fünfzig-Pfennig-Münze.
Eine Zwei-Mark-Münze.
2,60 Mark.
Ein klarer Betrag.
Eine klare Summe.
Dann drehte er sich um und ging nach Hause.
Nicht, weil Nina es gesagt hatte.
Sondern weil er es selbst wollte.
Hugo kam nach Hause, und die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss mit einem Geräusch, das in der Diele widerhallte wie etwas Endgültiges.
Elisabeth rief aus der Küche, ihre Stimme trug den gleichen Ton wie immer, dieses leichte Steigen am Ende des Satzes, das eine Frage und zugleich eine Zusage war.
Hugo antwortete nicht.
Er ging die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal, dann drei, als hätte er es eilig, obwohl er wusste, dass er nirgendwohin musste.
In seinem Zimmer ließ er sich aufs Bett fallen.
Die Matratze gab unter ihm nach, ein vertrautes Knarren, das sonst beruhigte.
Heute nicht.
Er drehte sich auf die Seite und zog die Bettdecke über den Kopf.
Unter dem Stoff wurde es dunkel, warm, abgeschottet.
Die Geräusche des Hauses drangen nur noch gedämpft herein: das ferne Klappern von Geschirr, das Summen eines Mopeds auf der Straße.
Alles klang weit weg, als hätte jemand die Lautstärke einer Welt heruntergedreht, in der er ohnehin nicht mehr mitspielen wollte.
Er griff nach dem Walkman auf dem Nachttisch.
Die Kopfhörer waren alt, das Schaumstoffpolster an der linken Seite eingerissen, sodass das Plastik darunter gegen sein Ohr drückte.
Er setzte sie auf und drückte Play.
Musik setzte ein, keine Melodie, die man pfeifen konnte, eher eine Klangfläche, dicht und mehrfach geschichtet, Synthesizer und ein Bass, der nicht im Takt ging, sondern nebenherlief wie ein zweiter Gedanke.
Hugo kannte das Stück.
Er hatte es oft genug gehört, um zu wissen, wo die Stimme einsetzte, wo die Schichten sich auftürmten und wo sie wieder abfielen.
Aber heute drang es tiefer.
Es war, als würde die Musik nicht in seine Ohren, sondern direkt in seinen Brustkorb fließen, nicht als Trost, sondern als etwas, das die Worte ablöste, die er nicht fand, und die Bilder ordnete, die sich nicht ordnen lassen wollten.
Er lag reglos, die Augen offen in der Dunkelheit unter der Decke.
Die Musik nahm das auf, was der Nachmittag zurückgelassen hatte: das unverständliche Grün der Augen, das Kichern, das Wort „Cool“, das wie eine Wand gewesen war.
Als ob ich seine Mutter wäre.
Und wenn er der letzte Mensch auf der Welt wäre.
Sie verzerrte diese Bilder nicht, sie machte sie greifbar, legte sie in einen Raum, in dem er sie betrachten konnte, ohne dass sie ihn trafen.
Er atmete langsam.
Die Decke roch nach Wäsche und nach ihm selbst, nach dem Shampoo, das seine Mutter kaufte, und nach etwas Eigenem, das er nicht benennen konnte.
Er zog sie fester um sich und drehte die Lautstärke ein Stück höher, nicht weil er die Musik lauter brauchte, sondern weil er die Stille draußen nicht hören wollte.
Nach einer Weile klopfte Elisabeth an die Tür.
„Hugo?“
Ihre Stimme war vorsichtig, dieses leichte Anhalten zwischen den Silben, das bedeutete, dass sie mehr wusste, als er ihr sagen wollte.
„Alles in Ordnung?“
„Ja.“
„Kommst du zum Abendessen?“
„Ich bin müde.“
Eine Pause.
Dann:
„Ich lasse dir etwas auf dem Teller.“
Die Schritte entfernten sich.
Hugo drehte sich auf den Rücken, die Kopfhörer pressten gegen seine Ohren.
Er wusste nicht, ob es Wut war oder Verletztheit oder nur die Erschöpfung dessen, der etwas versucht hatte, ohne zu verstehen, welche Regeln gespielt wurden.
Die Musik wusste es auch nicht.
Aber sie hielt den Raum offen, in dem diese Frage keine Antwort brauchte.
Am nächsten Tag klopfte Michael an die Tür.
Er war ebenso alt wie Hugo, aber noch einmal gut fünf Zentimeter größer. Er war schlank und sportlich, hatte dichtes dunkles Haar und wirkte selbst mit fünfzehn schon auffallend gepflegt.
Sie kannten sich seit Jahren, ohne dass es je eine besondere Geschichte dazu gegeben hätte. Er war einfach da gewesen, in der Schule, auf den Pausenhöfen, an Nachmittagen, und irgendwann hatte sich daraus etwas ergeben, das man Freundschaft nannte, ohne je darüber gesprochen zu haben.
Michael trat ein und ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen.
„Was hast du?“
„Nichts.“
„Blödsinn. Du siehst aus, als hätte dir jemand ins Gesicht geschlagen.“
Hugo drehte sich zum Computer.
„Spielst du oder nicht?“
„Was denn?“
„Das Weltraumspiel.“
„Weltraum.“
Sie spielten eine Stunde, vielleicht länger.
Hugo merkte, dass seine Reaktionen zu spät kamen. Seine Finger tasteten die Tastatur ab, aber sie gehorchten nicht.
Ein Raumschiff explodierte auf dem Bildschirm.
Dann ein zweites.
Michael warf ihm einen Blick zu, nicht spöttisch, nur prüfend, dieses kurze Zögern, das bedeutete, dass er etwas bemerkte, aber noch nicht wusste, ob er es ansprechen sollte.
„Du bist heute irgendwie daneben.“
„Bin ich nicht.“
„Doch. Du fliegst wie ein Rentner.“
Michael lachte, aber das Lachen verstummte schnell, als Hugo nicht mitlachte.
„Ernsthaft. Was ist los?“
Hugo zuckte mit den Schultern.
„Wenn du nicht reden willst, ist das okay“, sagte Michael. „Aber hör auf, so zu tun, als wäre nichts. Du sitzt da wie ein Roboter.“
Hugo starrte auf den Bildschirm.
Sein Schiff schwebte in der Dunkelheit des Weltraums, ein grüner Punkt auf schwarzem Grund.
Er drückte Feuer, ohne Ziel, und die Laserstrahlen verschwanden im Nichts.
„Es war ein Mädchen“, sagte er schließlich.
Michael nickte, als hätte er es gewusst.
„Und?“
„Und nichts. Sie fand mich anstrengend.“
Michael lachte.
„Das ist doch mal was Neues.“
„Halt die Klappe.“
„Nein, wirklich.“ Michael lehnte sich zurück. „Du musst Mädchen nicht erzählen, dass du müde bist.“
„Was denn sonst?“
„Keine Ahnung. Dass sie hübsch sind. Oder dass du was Cooles gemacht hast. Oder einfach gar nichts. Manchmal muss man einfach nur da sein.“
Hugo sah ihn an.
Michael war nicht besonders gut in solchen Dingen, das wussten beide.
Aber er war da, und er sagte es, ohne dass es peinlich wurde.
„Spiel weiter“, sagte Hugo.
„Du willst nicht mehr reden?“
„Nein.“
Michael zuckte mit den Schultern und griff wieder zum Joystick.
„Gut. Dann lass mich wenigstens gewinnen.“
Sie spielten weiter, und Hugo merkte, dass seine Reaktionen besser wurden, nicht gut, aber besser.
Zwischen den Explosionen auf dem Bildschirm und den kurzen Zurufen, wenn einer dem anderen ein Schiff abgeschossen hatte, verging der Nachmittag.
Als Michael ging, war das, was sich in Hugo festgesetzt hatte, nicht verschwunden.
Aber es war nicht mehr ganz so scharf.
Vierte Szene
Es war ein Sonntagmittag, an dem Werner zum Essen gekommen war.
Er tauchte nicht einfach im Elternhaus auf, sondern hatte vorher angerufen, hatte gesagt, er sei in der Stadt, und Elisabeth hatte ihn zum Mittagessen eingeladen.
Das war der natürliche Rhythmus ihrer Familie: Werner lebte sein eigenes Leben, war seit Jahren aus dem Haus, und wenn er erschien, dann mit einem Anlass und nicht als Selbstverständlichkeit.
Hugo bemerkte den Unterschied.
Werner war nicht der ältere Bruder, der ständig da war und Anweisungen gab. Er war ein Erwachsener, der gelegentlich vorbeischaute, und in diesen Besuchen lag etwas Festliches, auch wenn niemand etwas Besonderes daraus machte.
Sie aßen Rinderbraten.
Der Vater erzählte etwas aus dem Büro, Elisabeth füllte nach, und Werner unterhielt sich mit ihr über eine gemeinsame Bekannte, die Hugo nicht kannte.
Hugo saß dabei und hörte zu, nicht ausgeschlossen, aber auch nicht im Mittelpunkt.
Er war der Jüngste, und an Tagen wie diesem spürte er, dass seine Familie ihn noch als den kleinen Hugo sah, der oben in seinem Zimmer mit Zahlen herumspielte.
Erst nach dem Essen, als sie in der Küche halfen, den Tisch abzuräumen, zog Werner einen flachen, festen Umschlag hervor.
Er machte keine große Geste daraus.
Er legte ihn einfach auf die Küchenarbeitsplatte.
„Hier“, sagte Werner. „Für dich.“
Hugo sah hin.
„Was ist das?“
„Mach auf.“
Hugo öffnete den Umschlag.
Drei Wertpapiere.
Lufthansa.
Er kannte das blau-goldene Logo, er kannte den Namen, aber er hatte solche Papiere noch nie in der Hand gehalten.
„Papieraktien?“
„Echte“, sagte Werner. „Drei Stück. Damit gehört dir ein winziger Teil von Lufthansa.“
Hugo hielt eines der Blätter ins Licht.
Das Papier fühlte sich anders an als normales Papier, schwerer, mit einer Wasserzeichenstruktur, die er kaum erkennen konnte.
„Ein Teil von Lufthansa“, wiederholte Hugo. „Wirklich?“
Werner lehnte sich gegen die Küchenarbeitsplatte und kreuzte die Arme.
„Winzig. Mikroskopisch. Wenn du auf dem Flughafen landest und dir denkst, das ist jetzt auch ein bisschen meins – das ist Quatsch. Aber rechtlich gesehen: Ja. Du bist Aktionär. Einer von Tausenden.“
Elisabeth hatte den Wasserhahn zugedreht. Sie stand da, einen Teller in der Hand, und sah den beiden zu.
Sie sagte nichts, aber Hugo bemerkte, dass sie lächelte, dieses leise, verschwiegene Lächeln, das er kannte und das bedeutete, dass etwas in Ordnung war.
„Was bedeutet das jetzt konkret?“, fragte Hugo.
„Dass du an der Gesellschaft beteiligt bist. Wenn sie Geld verdient, kann eine Dividende kommen. Wenn sie pleitegeht, können deine Aktien wertlos werden. Und du hast Aktionärsrechte.“
„Kann ich zur Hauptversammlung?“
„Theoretisch.“
Werner grinste.
„Aber stell dich nicht gleich hin und erklär denen, wie sie ihre Flugzeuge fliegen sollen.“
Hugo sah wieder auf die Papiere.
Er dachte an die Kurslisten, die er seit Monaten studierte.
An Lufthansa, die er als Kurve in der Zeitung gesehen hatte, als Abfolge von Zahlen, die stiegen und fielen.
Aber das hier war etwas anderes.
Das war kein Abstraktum mehr.
Das war ein Stück Firma, das man anfassen konnte.
„Warum gerade Lufthansa?“
„Weil ich welche hatte“, sagte Werner. „Und weil du offenbar seit Wochen nichts anderes tust, als nach Fehlern in Kursen zu suchen. Ich dachte mir, du solltest wissen, wie sich das anfühlt, wenn hinter den Zahlen tatsächlich etwas steht.“
Hugo nickte langsam.
Er legte die Aktien sorgfältig zurück in den festen Umschlag.
Später, am Abend, als Werner gegangen war und das Haus stiller wurde, holte Hugo die drei Papiere wieder hervor.
Er befestigte sie an der Wand über seinem Schreibtisch, wo er sie vom Bett aus sehen konnte.
Sie hingen nicht vollkommen gerade. Das Papier wölbte sich leicht, und das Licht der Schreibtischlampe fiel so, dass das Wasserzeichen nur halb sichtbar war.
Er lag im Bett und sah hinauf.
Drei Blätter Papier.
Ein winziger Anteil an einer Fluggesellschaft, an Maschinen, die gerade über dem Atlantik waren, an Piloten und Flugbegleitern und Flughäfen.
Er besaß etwas, das er nicht anfassen konnte und das dennoch real war.
Die Börse war bislang ein Spiel gewesen, eine Jagd nach falschen Zahlen, nach Zahlendrehern und nach Mustern.
Aber diese drei Aktien machten aus dem Spiel etwas Greifbares.
Hugo wusste noch nicht, was das bedeutete.
Er wusste nur, dass er sie morgen früh als Erstes wieder ansehen würde, bevor er zur Schule ging.
Fünfte Szene
Nach dem Geschenk veränderte sich etwas in der Art, wie Hugo die Welt der Kurse betrachtete.
Er hatte die Lufthansa-Aktie zuvor als eine Linie unter vielen wahrgenommen, als Eintrag in einer Liste, die er durchforstete, weil er nach Fehlern suchte.
Jetzt war sie die Aktie, deren Papier an seiner Wand hing.
Und das veränderte etwas.
Er begann, den Kurs regelmäßiger zu beobachten.
Zuerst suchte er noch nach dem, was er kannte: nach Zahlendrehern, nach offensichtlichen Fehlern, nach Abweichungen, die keinen Sinn ergaben.
Aber je öfter er hinsah, desto mehr verschob sich seine Frage.
Er begann nicht mehr nur zu fragen:
Wo ist ein Fehler?
Er begann zu fragen:
Warum steigt oder fällt diese Aktie?
An einem Abend saß Hugo lange vor seinen Unterlagen.
Er hatte einen Artikel über Probleme im Flugverkehr gelesen und danach die Kurse angesehen.
Die Reaktion passte nicht zu dem, was er erwartet hatte.
Er ging hinunter in die Küche, wo Elisabeth Geschirr wegräumte.
„Mama“, sagte er. „Wenn eine Firma schlechte Nachrichten hat, warum steigt dann manchmal der Kurs?“
Elisabeth drehte sich um, die Hände noch nass.
„Was meinst du?“
Hugo erklärte es ihr.
Elisabeth überlegte einen Moment.
„Vielleicht haben die Anleger damit gerechnet. Vielleicht denken sie, dass es gar nicht so schlimm ist. Oder vielleicht war es etwas ganz anderes, das den Kurs bewegt hat.“
„Aber was?“
„Das weiß ich nicht, Hugo. Ich verstehe von Börse nicht mehr als du.“
Er sah sie an und wusste, dass sie die Wahrheit sagte.
Elisabeth war keine Person, die ihm etwas vortäuschen würde, und in diesem Moment wünschte er sich fast, sie hätte eine einfache Erklärung gehabt.
Stattdessen blieb die Frage stehen.
Am nächsten Tag rief er Werner bei der Arbeit an.
„Hugo“, sagte Werner. „Was ist?“
Hugo erklärte ihm die Sache.
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Weil der Markt nicht immer das tut, was du erwartest“, sagte Werner schließlich. „Vielleicht war die Nachricht schon eingepreist. Vielleicht bewerten andere sie anders. Oder vielleicht kauft jemand aus einem ganz anderen Grund.“
„Eingepreist“, wiederholte Hugo.
Das Wort gefiel ihm nicht.
Es klang nach einer Ausrede.
„Das heißt, die Leute haben vorher schon damit gerechnet.“
„Aber wenn sie vorher schon damit gerechnet haben, warum reagiert der Kurs dann nicht vorher?“
„Weil der Markt kein Uhrwerk ist, Hugo. Er ist eine Ansammlung von Menschen, die unterschiedlich denken, unterschiedlich schnell reagieren und unterschiedlich viel Geld haben. Manchmal passiert etwas, weil es logisch ist. Manchmal passiert es, weil genug Leute glauben, dass es passieren wird. Und manchmal passiert einfach nichts, obwohl es logisch wäre.“
Hugo hielt den Hörer fester.
„Das ist keine Erklärung.“
„Doch“, sagte Werner. „Es ist nur keine, die dir gefällt.“
Nach diesem Gespräch saß Hugo eine Weile reglos auf seinem Stuhl.
Er spürte, dass Werner recht hatte, und es ärgerte ihn.
Er war es gewohnt, dass Zahlen folgten, wenn man ihre Logik erkannte.
Aber die Börse schien eine andere Art von Logik zu besitzen, eine, die nicht nur aus Zahlen bestand, sondern aus Erwartungen, aus Angst und aus dem Geld anderer Leute.
Er begann, andere Fragen zu stellen.
Was besaß eine Firma?
Wie viel schuldete sie?
Was verdiente sie?
Was bedeutete Eigenkapital?
Was waren Beteiligungen?
Und warum konnte der Preis eines Unternehmens etwas anderes sagen als die Zahlen, die über dieses Unternehmen veröffentlicht wurden?
Manchmal verstand er etwas sofort.
Manchmal las er einen Absatz fünfmal und begriff noch immer nicht, was er gelesen hatte.
Er begann, Geschäftsberichte anzufordern.
Sie kamen in Umschlägen mit den Namen der Unternehmen darauf, und Hugo fühlte sich jedes Mal seltsam erwachsen, wenn er einen davon öffnete.
Dann schlug er den Bericht auf und verstand auf den ersten Seiten wieder nur die Hälfte.
Aber er las weiter.
Er schrieb Begriffe auf.
Vermögen.
Schulden.
Eigenkapital.
Gewinn.
Beteiligungen.
Börsenwert.
Noch hatte er keine Methode.
Er wusste nicht, welche Kennzahlen wichtig waren und welche nicht.
Manchmal rechnete er Stunden an einem Abend und merkte am nächsten Tag, dass er zwei Zahlen aus unterschiedlichen Jahren verglichen hatte.
Aber er ließ nicht los.
Je mehr er las, desto mehr Fragen tauchten auf.
Er begann, die Unternehmen hinter den Kursen zu sehen, nicht mehr nur die Zahlen selbst.
Aus der Fehlersuche wurde langsam etwas anderes:
der Versuch zu verstehen, warum ein Unternehmen das wert war, was der Markt an einem bestimmten Tag dafür verlangte.
Sechste Szene
Es begann wieder mit dem Hoppenstedt.
Hugo hatte das dicke Buch schon in der Hand gehabt, als er nur nach Zahlendrehern suchte.
Jetzt öffnete er es anders.
Vermögen.
Schulden.
Eigenkapital.
Gewinne.
Beteiligungen.
Börsenbewertungen.
Die Begriffe waren nicht neu, aber ihre Bedeutung begann sich zu verändern.
Früher waren es Wörter gewesen, die er in der Zeitung überflogen hatte.
Jetzt waren es Kategorien, unter denen er versuchte, ein Bild von einer Firma zu zeichnen.
Er saß an seinem Schreibtisch, den Aktienführer aufgeschlagen vor sich, die Kurslisten daneben, und verglich.
Die drei Lufthansa-Aktien hingen noch immer an der Wand.
Aber Hugo beschäftigte sich längst nicht mehr nur mit Lufthansa.
Er blätterte von Unternehmen zu Unternehmen.
Manche übersprang er.
Bei anderen blieb er hängen.
Er wusste oft selbst nicht, warum.
Vielleicht weil eine Zahl ungewöhnlich aussah.
Vielleicht weil ein Gewinn nicht zu einem Kurs passte.
Vielleicht weil etwas in einer Bilanz anders aussah als bei den Firmen davor.
Der entscheidende Gedanke kam nicht wie eine Erleuchtung.
Er kam langsam.
Bei einem Unternehmen blieb Hugo länger hängen.
Es besaß Gebäude, Anlagen und Beteiligungen.
Es hatte Schulden, aber auch Gewinne.
Hugo schrieb Zahlen auf ein Blatt.
Er addierte.
Zog ab.
Rechnete noch einmal.
Dann sah er auf den Börsenwert.
Und starrte.
Das passte doch nicht zusammen.
Der Wert, den der Markt dem Unternehmen gab, erschien ihm niedrig im Verhältnis zu dem, was in den veröffentlichten Zahlen stand.
Hugo wusste, dass seine Rechnung grob war.
Er wusste, dass ein Gebäude nicht automatisch das wert sein musste, was in einer Bilanz stand.
Er wusste auch, dass er vieles noch nicht verstand.
Aber die Differenz ließ ihn nicht los.
Er nahm seine Blätter und ging nach unten.
Sein Vater saß in der Küche und las Zeitung.
Hugo legte die Papiere auf den Tisch.
„Papa.“
Der Vater sah auf.
„Wenn eine Firma Gebäude besitzt und Anlagen und Beteiligungen, und wenn sie Gewinne macht – warum kann sie dann an der Börse weniger wert sein, als das alles zusammen vermuten lässt?“
Der Vater betrachtete Hugos Blätter.
„Weil eine Aktie eben so viel wert ist, wie jemand dafür bezahlt.“
„Aber das ist doch nur der Preis.“
Der Vater sah ihn an.
Hugo merkte selbst, dass er den Satz gesagt hatte, bevor er wusste, wohin er führte.
„Was soll es denn sonst sein?“
„Ich weiß nicht.“
Hugo setzte sich.
„Aber wenn die Firma wirklich besitzt, was da steht, und wirklich Geld verdient, dann muss sie doch unabhängig vom Kurs irgendeinen Wert haben.“
Der Vater faltete die Zeitung zusammen.
„Vielleicht glauben die Leute, dass die Gewinne nicht bleiben. Vielleicht glauben sie, dass die Sachen weniger wert sind, als du denkst. Vielleicht wollen sie ihr Geld gerade lieber woanders anlegen.“
„Dann können sie sich doch irren.“
Der Vater zuckte mit den Schultern.
„Natürlich können sie das.“
Hugo sah ihn an.
Die Antwort kam so beiläufig, dass er einen Moment brauchte.
„Der Markt kann sich irren?“
„Der Markt besteht aus Menschen. Warum sollte er das nicht können?“
„Werner sagt immer, der Markt macht nicht, was ich erwarte.“
„Das ist etwas anderes.“
Der Vater schob die Blätter zurück.
„Du musst nur aufpassen, dass du nicht jedes Mal, wenn der Markt etwas anderes sagt als du, automatisch glaubst, der Markt sei derjenige, der sich irrt.“
Hugo nahm die Papiere.
Damit war das Gespräch für seinen Vater beendet.
Für Hugo nicht.
Er ging wieder nach oben.
Was ist ein Unternehmen tatsächlich wert?
Und kann der Markt sich irren?
Die Fragen blieben.
Sie waren größer als der Zahlendreher.
Ein Zahlendreher hatte eine richtige und eine falsche Zahl.
Hier konnte Hugo rechnen und trotzdem nicht wissen, ob er recht hatte.
Er begann weiterzulesen.
Der Winter verging darüber.
Nicht in einem großen Sprung und nicht mit einem Augenblick, in dem Hugo plötzlich alles verstand.
Es waren Abende.
Zeitungen.
Geschäftsberichte.
Der Hoppenstedt.
Gespräche mit Werner, die manchmal zehn Minuten dauerten und manchmal nach zwei Sätzen damit endeten, dass Werner sagte:
„Das musst du selbst nachlesen.“
Gespräche mit seinem Vater, die meistens noch kürzer waren.
Und immer wieder die drei Lufthansa-Aktien an der Wand.
Langsam begann Hugo zu begreifen, dass zwischen einem Unternehmen und seinem Börsenkurs etwas lag, das sich nicht so einfach greifen ließ wie ein Fehler in einer Zeitung.
Ein Druckfehler ließ sich korrigieren.
Ein Preis nicht.
Ein Preis konnte falsch wirken und trotzdem bestehen bleiben.
Oder richtig wirken und am nächsten Tag fallen.
Hugo hatte noch keine Methode.
Er hatte noch kein eigenes Depot.
Er traf noch keine wirklichen Kaufentscheidungen.
Und gerade deshalb begann ihn etwas zu stören.
Er konnte lesen.
Er konnte rechnen.
Er konnte eine Meinung haben.
Aber solange nichts davon eine Folge hatte, wusste er nicht, ob seine Überlegungen etwas taugten.
Gegen Ende des Winters saß Hugo eines Abends an seinem Schreibtisch.
Draußen war es noch kalt, aber das Licht blieb bereits merklich länger im Zimmer. Der Winter hatte begonnen, sich zurückzuziehen, ohne dass der Frühling schon wirklich da war.
Vor Hugo lagen einige Blätter mit Notizen.
Keine fertigen Analysen.
Mehr Fragen als Antworten.
Er sah hinauf zu den Lufthansa-Aktien.
Das Papier hatte an einer Ecke begonnen, sich leicht von der Wand zu lösen.
Hugo stand auf und drückte es wieder fest.
Dann blieb er davor stehen.
Bisher konnte er hinterher immer sagen:
Ich hätte gekauft.
Ich hätte verkauft.
Ich hätte recht gehabt.
Oder:
Das hätte ich anders gemacht.
Aber das waren Sätze ohne Gewicht.
Denn er hatte nichts riskiert.
Nichts entschieden.
Nichts wirklich getan.
Er setzte sich wieder.
Unten hörte er eine Tür.
Dann die Stimme seines Vaters und kurz darauf Elisabeth aus der Küche.
Hugo legte den Bleistift zwischen die Finger und drehte ihn.
Was wäre, wenn er tatsächlich selbst Aktien kaufte?
Nicht drei geschenkte Papiere.
Nicht irgendeine theoretische Rechnung.
Eine eigene Entscheidung.
Mit eigenem Geld.
Die Vorstellung war anders als alles, was er bisher gemacht hatte.
Ein Fehler in einer Zeitung kostete ihn nichts.
Eine falsche Rechnung auf einem Blatt Papier ebenfalls nicht.
Bei einem eigenen Kauf wäre das anders.
Dann konnte er nicht einfach eine neue Seite anfangen und so tun, als sei die alte nie dagewesen.
Der Gedanke machte ihm keine Angst.
Im Gegenteil.
Er machte die Sache endlich interessant.
Hugo nahm ein leeres Blatt.
Oben schrieb er:
Eigenes Depot
Dann hielt er inne.
Er wusste, dass er fünfzehn war.
Er wusste auch, dass ein Minderjähriger nicht einfach zur Bank gehen und tun konnte, was er wollte.
Also schrieb er darunter:
Wie?
Dann:
Wie viel Geld?
Dann:
Wer muss unterschreiben?
Er betrachtete die drei Fragen.
Zum ersten Mal seit Monaten ging es nicht darum, eine Antwort in einer Zeitung oder einem Buch zu finden.
Es ging darum, etwas zu tun.
Hugo legte den Stift hin.
Unten hörte er seinen Vater lachen.
Er dachte an dessen Satz aus dem Herbst.
Scharfe Augen allein machen noch keinen Händler.
Damals hatte Hugo nicht gewusst, ob der Satz Anerkennung oder Zurückweisung gewesen war.
Jetzt spielte es keine Rolle mehr.
Er wollte herausfinden, ob sein Vater recht hatte.
Nicht mit einem Zahlendreher.
Nicht mit einer Kursliste.
Mit einer wirklichen Entscheidung.
Hugo sah noch einmal auf das Blatt.
Eigenes Depot.
Draußen lag über Eppendorf noch die Kälte des ausgehenden Winters.
Aber die Tage wurden länger.
Und einige Wochen später würde der Frühling ohne Übergang kommen.
Hugo würde vor der Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters stehen und diesmal nicht fragen, was eine Zahl bedeutete.
Er würde fragen, ob er ein eigenes Depot eröffnen durfte.
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