Kapitel 2 – Der junge Händler

Der Frühling kam dieses Jahr ohne Übergang. Eines Morgens lag der Winter noch grau auf den Dächern Eppendorfs, und drei Tage später standen die Krokusse in Reihen auf dem Rasen, als hätte jemand sie über Nacht aus der Erde geschraubt und neu eingesetzt.

Hugo bemerkte es kaum.

Er bemerkte nur, dass das Licht länger auf seinem Schreibtisch lag, wenn er abends den Hoppenstedt aufschlug, und dass die Schatten der Vorhänge sich verspäteten, während er las.

Seit Wochen lag ein Gedanke in ihm, der nicht mehr verschwand.

Er wollte nicht länger nur aufschreiben, was er gekauft hätte.

Er wollte kaufen.

An einem Samstagvormittag klopfte er an die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters.

„Herein.“

Der Vater saß hinter dem Schreibtisch und sah von seinen Unterlagen auf.

„Was ist?“

Hugo blieb vor ihm stehen.

„Ich möchte ein eigenes Depot.“

Der Vater betrachtete ihn.

„Du bist fünfzehn.“

„Fast sechzehn.“

„Das ist ein Unterschied, den hauptsächlich Fünfzehnjährige wichtig finden.“

Hugo sagte nichts.

„Wer hat dir gesagt, dass das geht?“

„Werner.“

Der Vater lehnte sich zurück.

„Natürlich.“

„Er hat nur gesagt, dass Minderjährige ein Depot haben können, wenn die Eltern zustimmen.“

„Und wer soll zustimmen?“

„Ihr.“

„Das habe ich befürchtet.“

Hugo ließ sich nicht beirren.

„Ich möchte mein eigenes Geld einsetzen.“

„Welches eigene Geld?“

„Dreihundertsiebenundvierzig Mark.“

Der Vater sah ihn an.

„Du kennst den Betrag genau.“

„Ja.“

„Natürlich.“

Hugo hatte das Geld am Abend zuvor noch einmal gezählt, obwohl sich seit der letzten Zählung nichts daran geändert hatte.

Der Vater nahm seine Brille ab.

„Und dann?“

„Geburtstagsgeld. Weihnachtsgeld. Mein Sparbuch. Vielleicht geben Oma und Opa etwas dazu.“

„Deine Mutter?“

„Vielleicht.“

„Und ich?“

Hugo zögerte.

„Vielleicht auch.“

Der Vater lachte kurz.

„Dann ist dein eigenes Geld also hauptsächlich das Geld anderer Leute.“

„Wenn sie es mir geben, ist es meins.“

Der Vater sah ihn einen Augenblick an.

„Das ist juristisch vermutlich sogar besser, als ich erwartet hatte.“

Hugo wartete.

„Warum willst du das?“

„Weil ich wissen will, ob meine Berechnungen stimmen.“

„Dafür brauchst du kein Depot.“

„Doch.“

„Du kannst doch aufschreiben, was du gekauft hättest.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Warum nicht?“

Hugo hatte über diese Frage nachgedacht.

„Weil ich hinterher immer sagen kann, ich hätte es anders gemacht.“

Der Vater sagte nichts.

„Wenn echtes Geld drin ist, muss ich mich entscheiden. Und wenn ich falsch liege, ist das Geld weg.“

„Das klingt, als würdest du dich darauf freuen.“

„Nein.“

Hugo dachte kurz nach.

„Aber dann weiß ich wenigstens, dass die Entscheidung wirklich war.“

Der Vater setzte die Brille wieder auf.

„Keine Schulden.“

„Nein.“

„Kein Kredit.“

„Nein.“

„Kein Geld nachschießen, weil du meinst, du müsstest irgendetwas retten.“

„Nein.“

„Du kannst nur verlieren, was tatsächlich auf dem Konto liegt.“

„Ja.“

Der Vater sah wieder in seine Unterlagen.

Hugo blieb stehen.

„Und?“

„Was und?“

„Darf ich?“

Der Vater blätterte eine Seite um.

„Sprich mit deiner Mutter.“

Das war in der Sprache seines Vaters kein Ja.

Aber es war auch kein Nein.

Für Hugo reichte es.


Elisabeth stand in der Küche.

„Papa hat gesagt, ich soll mit dir sprechen.“

Sie drehte sich um.

„Dann ahne ich nichts Gutes.“

„Ich brauche deine Unterschrift.“

„Jetzt ahne ich noch weniger Gutes.“

Hugo setzte sich an den Küchentisch und erklärte es ihr.

Das Depot.

Das vorhandene Geld.

Die Bedingung des Vaters.

Dass er keine Schulden machen durfte.

Dass das Konto nicht ins Minus gehen sollte.

Elisabeth hörte zu und stellte zwischendurch Fragen, die mit Aktien wenig zu tun hatten und trotzdem wichtiger waren als manche Fragen des Vaters.

„Und wenn du alles verlierst?“

„Dann ist es weg.“

„Bist du dann sehr traurig?“

Hugo dachte nach.

„Wahrscheinlich.“

„Und hörst du dann auf?“

„Das weiß ich nicht.“

Elisabeth betrachtete ihn.

„Gut.“

„Was ist daran gut?“

„Dass du wenigstens nicht so tust, als wüsstest du alles.“

Einige Tage später fuhr sie mit ihm zur Dresdner Bank.

Hugo hatte die Unterlagen in einer braunen Mappe dabei. Er hatte sie bereits gelesen, obwohl er nicht alles verstanden hatte. Bei manchen Sätzen hatte er Wörter unterstrichen, deren Bedeutung er noch nachschlagen wollte.

Der Bankmitarbeiter sah zuerst Elisabeth an.

Dann Hugo.

Dann wieder Elisabeth.

„Das Depot soll auf den Namen Ihres Sohnes laufen?“

„Ja.“

„Er ist minderjährig.“

„Das wissen wir“, sagte Hugo.

Der Mann lächelte.

„Das nehme ich an.“

Er erklärte die Bedingungen.

Käufe nur aus vorhandenem Guthaben. Keine Kreditlinie. Keine Überziehung. Wertpapierorders, Gebühren, Abrechnung, Ausführung.

Hugo fragte nach.

Wie lange dauerte eine Abrechnung?

Wann wurde das Geld belastet?

Wann gehörten ihm die Aktien tatsächlich?

Wie funktionierte ein Limit?

Was passierte, wenn ein Kurs zwischen Order und Ausführung sprang?

Der Mann beantwortete die Fragen zunächst langsam und dann immer ausführlicher.

Irgendwann sah Elisabeth ihren Sohn von der Seite an.

Sie kannte diesen Gesichtsausdruck.

Er hörte nicht nur zu.

Er speicherte.

Schließlich schob der Bankmitarbeiter die Unterlagen über den Tisch.

Elisabeth unterschrieb.

Hugo ebenfalls.

Seine Unterschrift war noch ungleichmäßig, ein Name, der sich erst finden musste.

Der Mann nahm die Papiere zurück.

„Willkommen an der Börse.“

Draußen blieb Hugo stehen.

Die braune Mappe lag unter seinem Arm.

„Du hast gut gefragt“, sagte Elisabeth.

„Was?“

„Bei den Gebühren. Und bei der Zeit.“

Hugo sah noch einmal zurück zur Bank.

Er hatte kein Gefühl, etwas Großes getan zu haben.

Noch nicht.

Es war nur ein Depot.

Leer.

Das gefiel ihm.

Ein leerer Anfang war ehrlicher als einer, bei dem schon feststand, was herauskommen sollte.


Das Geld kam in kleinen und größeren Beträgen zusammen.

Hugos eigene 347 Mark.

Geburtstagsgeld.

Weihnachtsgeld.

Ersparnisse.

Etwas von Elisabeth.

Etwas von den Großeltern.

Der Vater ließ sich länger bitten, ohne dass Hugo ihn tatsächlich bat.

Eines Abends fragte er beim Essen:

„Wie viel ist jetzt zusammen?“

„Viertausendzweihundert.“

„Und wie viel willst du?“

„Ich habe keine feste Summe.“

Der Vater sah ihn an.

„Hugo.“

„Ungefähr fünftausend.“

„Dachte ich mir.“

Einige Tage später war das Geld da.

4.900 DM.

Hugo schrieb die Zahl in sein Heft.

Nicht als Triumph.

Als Start.

Zum ersten Mal war Geld nicht nur etwas, das man zählen konnte.

Es war etwas, für dessen Veränderung er verantwortlich war.


Der Hoppenstedt wurde vom Nachschlagewerk zum Werkzeug.

Hugo saß nun nicht mehr davor, um herauszufinden, was einzelne Begriffe bedeuteten.

Er begann zu vergleichen.

Unternehmen mit Unternehmen.

Vermögen mit Schulden.

Gewinne mit Börsenwerten.

Geschäftsberichte lagen auf dem Boden neben seinem Schreibtisch, auf dem Bett, auf dem Stuhl. Manche kamen in dicken Umschlägen, manche rochen nach Druckfarbe und neuem Papier.

Er las sie nicht von vorn bis hinten.

Er lernte, wohin er sehen musste.

Aktiva.

Passiva.

Eigenkapital.

Verbindlichkeiten.

Beteiligungen.

Grundstücke.

Maschinen.

Gewinn.

Und daneben der Preis, den die Börse dem ganzen Unternehmen gab.

Anfangs waren es nur Zahlenkolonnen.

Dann entstanden Beziehungen.

Er begann, sich eine einfache Frage zu stellen:

Was bekomme ich für das Geld?

Nicht:

Steigt die Aktie morgen?

Nicht:

Was sagt die Zeitung?

Sondern:

Was steht hinter dem Kurs?

Ein Unternehmen konnte Fabriken besitzen, Grundstücke, Beteiligungen und liquide Mittel.

Es konnte Gewinne machen.

Und trotzdem an der Börse so bewertet sein, dass Hugo sich fragte, ob die Menschen, die diese Aktie verkauften, dieselben Zahlen gelesen hatten wie er.

Werner sah sich eines seiner Blätter an.

„Du suchst nach Unterbewertungen.“

Hugo hob den Kopf.

„Was?“

„Du versuchst herauszufinden, ob ein Unternehmen mehr wert sein könnte als sein Börsenkurs.“

„Ja.“

„Dafür gibt es sogar ein Wort.“

„Dann brauche ich es jetzt nicht mehr zu erfinden.“

Werner grinste.

„Pass nur auf, dass du dich nicht in deine eigenen Zahlen verliebst.“

„Warum sollte ich?“

„Weil jeder gern Beweise dafür findet, dass er recht hat.“

Hugo sah wieder auf das Blatt.

Das gefiel ihm nicht.

Also schrieb er über seine Berechnung:

Was spricht dagegen?

Die Liste darunter blieb zunächst leer.

Das störte ihn.

Am nächsten Tag begann er sie zu füllen.


In der ersten Maiwoche saß Hugo nach der Schule in der Bibliothek.

Draußen war es warm genug, dass die Fenster offen standen. Von der Straße drangen Autos und Stimmen herein, gedämpft durch die hohen Räume.

Vor ihm lag die Analyse eines Unternehmens, das ihn seit Tagen beschäftigte.

Er hatte den Geschäftsbericht gelesen.

Alte Zeitungsberichte gesucht.

Die Vermögenswerte addiert.

Schulden abgezogen.

Die Gewinne betrachtet.

Dann den Börsenwert daneben geschrieben.

Es passte nicht.

Jedenfalls nicht für ihn.

Am Abend legte er die Blätter vor seinen Vater.

Der sah darüber.

„Und?“

„Die ist zu billig.“

„Aha.“

„Das ist alles?“

„Was soll ich sagen?“

„Ob ich recht habe.“

Der Vater schob ihm die Blätter zurück.

„Wenn ich das wüsste, könnte ich die Aktie selbst kaufen.“

„Aber die Zahlen stehen doch da.“

„Die Zahlen stehen da.“

„Und trotzdem ist der Kurs so niedrig.“

„Dann gibt es drei Möglichkeiten.“

Hugo wartete.

„Du hast etwas übersehen. Die anderen haben etwas übersehen. Oder ihr habt dieselben Zahlen gesehen und kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen.“

„Welche davon ist es?“

„Das findest du jetzt heraus.“

Hugo sah ihn an.

„Wie?“

Der Vater deutete auf die Unterlagen.

„Du wolltest doch ein Depot.“

In diesem Moment veränderte sich etwas.

Bis dahin war die Aktie eine Aufgabe gewesen.

Jetzt wurde sie eine Entscheidung.

Hugo nahm die Blätter wieder an sich.

Er hatte nicht nur versucht zu beweisen, dass der Kurs niedrig war.

Er hatte versucht zu verstehen, warum er niedrig war.

Ob das reichte, würde er erst erfahren.


Am nächsten Morgen legte Hugo das Orderformular auf die Küchentheke.

Elisabeth schob gerade die Brotkrümel vom Frühstück zusammen.

„Ich habe es ausgefüllt.“

Sie sah auf das Papier.

„Ist das deine erste?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

Hugo hatte die Frage erwartet.

„Nein.“

Elisabeth hielt inne.

„Nein?“

„Wenn ich sicher wäre, wäre es einfach.“

Sie betrachtete ihn einen Moment.

Dann unterschrieb sie.

Der Auftrag ging zur Bank.

Hugo wartete.

Die Aktie wurde gekauft.

Von diesem Augenblick an sah derselbe Kurs, den er vorher wochenlang ohne jede körperliche Reaktion betrachtet hatte, anders aus.

Am ersten Tag geschah kaum etwas.

Am zweiten fiel er.

Nicht viel.

Am dritten noch einmal.

Hugo rechnete den Verlust aus.

Dann sagte er sich, dass ein paar Prozent nichts bedeuteten.

Am nächsten Tag bedeuteten ein paar Prozent plötzlich mehr.

Er überprüfte seine Analyse.

Die Zahlen waren dieselben.

Das Unternehmen hatte nicht über Nacht seine Grundstücke verloren.

Keine Fabrik war abgebrannt.

Keine schlechte Nachricht stand in der Zeitung.

Der Kurs fiel trotzdem.

Hugo saß am Schreibtisch und spürte zum ersten Mal den Unterschied zwischen einer richtigen Rechnung und einer richtigen Entscheidung.

Es war ein unangenehmer Unterschied.

Am Abend kam der Vater herein.

„Wie läuft deine erste Aktie?“

„Schlecht.“

„Wie schlecht?“

Hugo nannte ihm die Zahl.

„Und was folgerst du daraus?“

„Vielleicht habe ich etwas übersehen.“

„Vielleicht.“

„Oder der Markt irrt sich.“

„Vielleicht.“

Hugo sah ihn gereizt an.

„Das hilft mir nicht.“

„Soll es auch nicht.“

Der Vater zog einen Stuhl heran.

„Du hast eine Rechnung gemacht. Die kann mathematisch richtig sein. Daraus folgt nicht automatisch, dass der Markt morgen deiner Meinung sein muss.“

„Aber irgendwann?“

„Auch das nicht.“

Hugo schwieg.

„Das ist der Teil, den du mit deinen Tabellen nicht wegkriegst.“

Der Vater stand wieder auf.

„Unsicherheit.“

Als er gegangen war, blieb Hugo sitzen.

Er hätte die Aktie verkaufen können.

Er hätte sie behalten können.

Beides ließ sich begründen.

Zum ersten Mal gab es keine Zahl, die ihm sagte, was richtig war.

Die Sache störte ihn nicht deshalb, weil er Geld verlor.

Sondern weil eine Gewissheit sich in eine Frage verwandelt hatte.

Und Fragen ließ er nicht liegen.


Er warf die Analyse der ersten Firma nicht weg.

Er legte sie an die Seite.

Nicht als Erinnerung an eine Niederlage.

Als Erinnerung daran, dass eine überzeugende Rechnung noch keine Garantie war.

Bei der nächsten Firma ging er anders vor.

Er suchte nicht zuerst nach Argumenten für einen Kauf.

Er suchte nach Gründen, weshalb seine eigene Idee falsch sein könnte.

Das verlangsamte ihn.

Und es machte die Arbeit interessanter.

Er fand ein Unternehmen, dessen Börsenwert erneut deutlich unter dem lag, was Hugo anhand der veröffentlichten Zahlen erwartet hätte.

Diesmal schrieb er eine ganze Seite mit Einwänden.

Zu hohe Schulden?

Nein.

Gewinne nur einmalig?

Nicht erkennbar.

Vermögenswerte überbewertet?

Möglich.

Probleme im Geschäft?

Keine, die er finden konnte.

Er las weiter.

Dann kaufte er.

Der Kurs tat zunächst fast nichts.

Eine kleine Bewegung nach oben.

Eine nach unten.

Dann begann er zu steigen.

Hugo notierte jeden Kurs.

Zunächst traute er der Bewegung nicht.

Dann wurde sie stärker.

Der Abstand zu seinem Kaufpreis wuchs.

Er rechnete den Gewinn aus.

Rechnete noch einmal.

Die Zahl blieb dieselbe.

Als Werner zu Besuch kam, legte Hugo ihm das Heft hin.

„Sieh mal.“

Werner las.

„Nicht schlecht.“

„Nicht schlecht?“

„Was möchtest du hören?“

„Dass ich recht hatte.“

Werner gab ihm das Heft zurück.

„Du hattest bei dieser Aktie recht.“

„Das ist doch dasselbe.“

„Nein.“

Hugo sah ihn an.

Werner lächelte.

„Das wirst du noch merken.“

Trotzdem nahm Hugo das Heft später noch einmal zur Hand.

Nicht wegen des Geldes allein.

Sondern weil diesmal zwischen seiner Analyse und dem Ergebnis eine Entscheidung lag, die er selbst getroffen hatte.


Mit der Zeit füllten sich seine Hefte mit immer neuen Berechnungen und Aufzeichnungen.

Der Frühling ging in den Frühsommer über. Die Kastanien vor dem Haus waren inzwischen dicht belaubt, und das Licht, das im März noch weit in Hugos Zimmer gefallen war, wurde von den Blättern gebrochen und wanderte in unruhigen Flecken über seinen Schreibtisch.

Nicht jede Aktie funktionierte.

Manche fielen.

Manche stiegen kaum.

Bei einigen erkannte er später, was er übersehen hatte.

Bei anderen nie.

Aber die guten Entscheidungen begannen die schlechten deutlich zu überwiegen.

Hugo kaufte nicht zwanzig Unternehmen, nur damit er zwanzig Unternehmen besaß. Manchmal hielt er mehrere Positionen, manchmal konzentrierte er mehr Geld dort, wo ihm die Differenz zwischen Börsenwert und tatsächlicher Substanz besonders auffällig erschien.

Er führte Buch.

Kaufpreis.

Verkaufspreis.

Gebühren.

Gewinn.

Verlust.

Und irgendwann rechnete er die Entwicklung über einen längeren Zeitraum.

Er glaubte zunächst, sich verrechnet zu haben.

Also begann er von vorn.

Dann noch einmal.

Die Renditen lagen teilweise bei mehr als zweihundert Prozent im Jahr.

Hugo saß still.

Zweihundert Prozent war eine Zahl, die leicht auszusprechen war.

Aber in seinem Heft bedeutete sie etwas anderes.

Aus hundert wurden dreihundert.

Aus tausend wurden dreitausend.

Nicht jedes Jahr.

Nicht garantiert.

Nicht bei jeder Aktie.

Aber die Größenordnung war da.

Er schlief in dieser Nacht schlecht.

Nicht weil das Geld da war, sondern weil er zum ersten Mal wirklich begriff, wie ungewöhnlich die Zahlen waren, die er am Abend ausgerechnet hatte.

Was für ihn mit Tabellen, Kurslisten und ersten eigenen Entscheidungen begonnen hatte, hatte eine Größenordnung erreicht, mit der er selbst nicht gerechnet hatte.


Am nächsten Morgen saß Hugo bereits wieder am Schreibtisch, als Elisabeth hereinkam.

„Du bist schon wach.“

„Ich war nicht richtig eingeschlafen.“

„Wegen der Börse?“

Hugo deutete auf das Heft.

„Ich habe gerechnet.“

Elisabeth setzte sich auf die Bettkante.

„Das tust du ständig.“

„Diesmal ist es anders.“

Er zeigte ihr die Zahlen.

Sie sah hin.

„Ich verstehe das nicht.“

„Hier.“

Hugo setzte sich neben sie.

„Wenn ich hundert Mark eingesetzt hätte und zweihundert Prozent Gewinn mache, hätte ich danach dreihundert.“

„Das verstehe ich.“

„Und solche Größenordnungen habe ich teilweise erreicht.“

Elisabeth betrachtete das Blatt erneut.

Dann ihn.

„Ist das viel?“

Hugo musste lachen.

„Ja.“

„Sehr viel?“

„Ja.“

Sie lächelte.

Nicht wegen der Zahl.

Das bemerkte Hugo sofort.

„Du freust dich.“

„Natürlich.“

„Aber du verstehst die Rechnung gar nicht.“

„Ich verstehe dich.“

Sie legte das Heft auf seinen Schreibtisch.

„Du machst das seit Monaten. Du liest, rechnest, ärgerst dich, fängst wieder an. Und jetzt funktioniert etwas davon.“

Hugo sagte nichts.

„Ich muss nicht jede Zahl verstehen, um mich darüber zu freuen.“

Sie stand auf und strich ihm über das Haar.

„Aber werd jetzt nicht größenwahnsinnig.“

Hugo sah ihr nach.

„Das sagt Papa auch.“

Elisabeth drehte sich an der Tür um.

„Dann muss es ja stimmen.“

Sie verstand nicht jede Rechnung.

Aber sie verstand, dass diese Zahlen für ihn inzwischen mehr waren als Geld.

Und das genügte.


Der Vater blieb skeptisch.

Am selben Abend saß Hugo am Esstisch und öffnete einen der weißen Umschläge der Bank.

Der Vater kam aus seinem Arbeitszimmer. Die Hemdsärmel waren hochgekrempelt, in der Hand hielt er einen Ordner, den er nicht öffnete.

„Deine Mutter sagt, du bist jetzt reich.“

„Das hat sie nicht gesagt.“

„Nein. Aber sie klang so.“

Er setzte sich Hugo gegenüber.

„Zeig mal.“

Hugo schob ihm die Aufstellung hin.

Der Vater sah lange darauf.

„Das ist ordentlich.“

Hugo wartete.

Mehr kam zunächst nicht.

„Ordentlich?“

Der Vater blickte auf.

„Was willst du hören?“

Hugo dachte an Werner.

„Nichts.“

Der Vater legte das Papier hin.

„Es läuft sehr gut.“

„Ja.“

„Vielleicht zu gut.“

„Was soll das heißen?“

„Dass Erfolg gefährlicher sein kann als ein Verlust.“

Hugo runzelte die Stirn.

„Bei einem Verlust weißt du, dass du etwas überprüfen musst. Bei einem Gewinn glaubst du sehr schnell, du hättest alles verstanden.“

„Vielleicht habe ich es verstanden.“

„Vielleicht.“

Hugo hasste dieses Wort inzwischen.

Der Vater bemerkte es.

„Ich glaube durchaus, dass du ein Gefühl dafür hast.“

„Ein Gefühl?“

„Oder ein Talent. Nenn es, wie du willst.“

Er tippte auf die Abrechnung.

„Aber du weißt noch nicht, wie viel davon Können ist und wie viel Glück.“

„Wie soll ich das beweisen?“

„Gar nicht sofort.“

Der Vater stand auf.

„Zeit.“

Hugo blieb zurück.

Die Skepsis seines Vaters störte ihn.

Noch mehr störte ihn, dass Hugo selbst nicht beweisen konnte, dass diese Skepsis falsch war.

Noch nicht.


Einige Tage später war es ungewöhnlich kühl für Juni.

Hugo saß in seinem Zimmer und ordnete seine Hefte, als die Stimme seines Vaters aus dem Arbeitszimmer nach oben drang.

Er verstand zunächst nur einzelne Wörter.

Charter.

Konditionen.

Laufzeit.

Dann wurde die Stimme leiser.

Freundlicher.

Hugo kannte diesen Ton.

Sein Vater benutzte ihn bei wichtigen Kunden.

Als Hugo später nach unten kam, stand die Tür zum Arbeitszimmer offen.

Der Vater telefonierte noch immer.

„Natürlich“, sagte er.

Pause.

„Das verstehe ich.“

Pause.

„Wir werden eine Lösung finden.“

Hugo ging weiter in die Küche.

Beim Abendessen fragte er:

„War das ein Kunde?“

Der Vater sah ihn an.

„Ja.“

„Ein wichtiger?“

„Alle Kunden sind wichtig.“

Hugo blickte zu Elisabeth.

Sie lächelte in ihren Teller.

„Ein sehr wichtiger“, sagte Hugo.

Der Vater legte die Gabel hin.

„Was willst du wissen?“

„Was passiert, wenn der nicht mehr mit euch arbeitet?“

„Dann arbeiten wir mit jemand anderem.“

„Und wenn ihr keinen anderen findet?“

„Dann müssen wir einen finden.“

„Also seid ihr von dem abhängig.“

„Das nennt man Geschäft.“

Hugo dachte an die Charterverträge und an die wenigen großen Namen, die er auf den Unterlagen seines Vaters gesehen hatte.

„Das würde mich wahnsinnig machen.“

„Was?“

„Wenn wenige Leute darüber entscheiden können, wie gut mein Geschäft läuft.“

Der Vater sah ihn an.

„An der Börse entscheiden auch andere Leute über deine Kurse.“

„Aber ich kann verkaufen.“

„Und mein Kunde kann gehen.“

„Eben.“

Der Vater lachte.

„Du willst also ein Geschäft ohne Kunden.“

Hugo dachte nach.

„Eigentlich ja.“

Der Vater schüttelte den Kopf.

„Viel Glück.“

Hugo lächelte nicht.

Er meinte es ernster, als sein Vater glaubte.


In der Nacht dachte er weiter darüber nach.

Nicht an die einzelne Aktie.

Nicht an die Rendite.

An Abhängigkeit.

Das Wort störte ihn.

Sein Vater führte ein erfolgreiches Geschäft. Trotzdem konnte ein einziger Anruf eines großen Kunden den Ton seiner Stimme verändern.

Hugo wollte das nicht.

Er wollte nicht überzeugen müssen, wenn das Ergebnis bereits vor ihm lag.

Er wollte nicht freundlich sein müssen, weil jemand anders die Macht hatte, den Auftrag zu vergeben.

An der Börse konnte er falsch liegen.

Das war sein Risiko.

Aber niemand verlangte von ihm, dass er ihm gefiel.

Der Markt konnte ihn bestrafen.

Er konnte ihm Geld nehmen.

Aber er musste ihm nicht die Hand schütteln.

Am nächsten Morgen erzählte Hugo Elisabeth davon.

„Ich möchte unabhängig sein.“

Sie stellte ihm eine Tasse hin.

„Mit sechzehn?“

„Später.“

„Das beruhigt mich.“

„Ich meine wirklich unabhängig.“

Elisabeth setzte sich.

„Wovon?“

„Von Leuten, die entscheiden können, ob ich Geld verdiene.“

„Irgendjemand entscheidet immer.“

„Aber nicht so.“

Er versuchte es zu erklären.

Dass er Ergebnisse wollte, die nicht davon abhingen, ob jemand ihn mochte.

Dass die Börse hart sein konnte, aber gleichgültig.

Dass ihm diese Gleichgültigkeit gefiel.

Elisabeth hörte zu.

„Du willst also niemanden um etwas bitten müssen.“

Hugo sah sie an.

Das war kürzer als alles, was er gerade gesagt hatte.

„Ja.“

„Das wird schwierig.“

„Warum?“

„Weil Menschen fast immer irgendwann andere Menschen brauchen.“

Hugo schwieg.

Sie strich über die Tischplatte.

„Aber vielleicht kannst du dir aussuchen, wofür.“

Hugo nahm den Satz mit nach oben.

Unabhängigkeit bedeutete für ihn nicht, niemanden zu brauchen.

Noch nicht jedenfalls.

Sie bedeutete, Entscheidungen selbst treffen zu können.

Nicht als Macht über andere.

Als Freiheit für sich selbst.


Im Juni begann sich etwas zu verändern.

Die Börse war kein Hobby mehr, das neben Schule, Michael und den übrigen Dingen seines Lebens stand.

Sie drängte nach vorn.

Hugo bemerkte es daran, dass er morgens an Unternehmen dachte, bevor er an den Stundenplan dachte.

Dass er in Zeitungen Namen von Bankern las und wissen wollte, was diese Menschen tatsächlich machten.

Dass er sich fragte, ob man mit dem, was er inzwischen konnte, irgendwann arbeiten konnte.

Nicht nach einem Studium.

Nicht nach einer Ausbildung.

Irgendwann.

Jetzt.

Der Gedanke war absurd.

Gerade deshalb blieb er.

An einem warmen Nachmittag schrieb Hugo auf ein Blatt:

Was will ich eigentlich werden?

Er betrachtete die Frage.

Dann strich er „werden“ durch.

Darunter schrieb er:

Was will ich machen?

Das gefiel ihm besser.


Einige Tage später sah Hugo den Film Wall Street.

Er kannte den Titel.

Er wusste, dass es um Börse ging.

Was ihn danach beschäftigte, waren nicht die Anzüge, die großen Büros oder der Reichtum.

Es war etwas Einfacheres.

Menschen trafen Entscheidungen.

Konkrete Menschen.

Nicht „die Bank“.

Nicht „die Börse“.

Nicht irgendein Gebäude.

Wenn jemand etwas wollte, musste er zu demjenigen gelangen, der Ja oder Nein sagen konnte.

Hugo dachte an Charlie Sheens Figur, die nicht wartete, bis irgendeine Personalabteilung auf ihn aufmerksam wurde.

Er suchte den Entscheidungsträger.

Hugo saß nach dem Film noch eine Weile vor dem Fernseher.

Frankfurt.

London.

Namen, die in den Börsenzeitungen immer wieder auftauchten.

London besonders.

Die Stadt hatte für ihn etwas, das Hamburg nicht hatte.

Nicht schöner.

Größer.

Internationaler.

Als würden dort jeden Morgen Entscheidungen getroffen, deren Folgen am Nachmittag in den Kurslisten standen, die auf seinem Schreibtisch lagen.

Wenn Hugo in diese Welt wollte, wollte er nicht nur von außen zusehen.

Er wollte hinein.

Er wusste noch nicht, wie.

Aber er wusste, dass er es versuchen würde.


Im Juli begann Hugo Briefe zu schreiben.

Zunächst machte er genau den Fehler, vor dem ihm später niemand hätte warnen müssen.

Er schrieb an Banken.

Nicht an Menschen.

Sehr geehrte Damen und Herren.

Er stellte sich vor.

Sechzehn Jahre alt.

Schüler.

Seit einigen Monaten eigener Handel mit Aktien.

Eigene Unternehmensanalysen.

Außergewöhnliche Ergebnisse.

Er legte Kopien seiner Berechnungen und Abrechnungen bei.

Dann schrieb er, dass er gern im Wertpapiergeschäft arbeiten würde.

Als er den ersten Brief fertig hatte, las er ihn dreimal.

Er klang sachlich.

Ordentlich.

Und vollkommen verrückt.

Ein Sechzehnjähriger schrieb einer Großbank, sie solle sich seine Aktienergebnisse ansehen.

Hugo steckte die Unterlagen trotzdem in den Umschlag.

Dann schrieb er den nächsten.

Und noch einen.

Auch nach London.

Elisabeth brachte die Briefe mit zur Post.

„Wie viele sind es?“

„Genug.“

„Das ist keine Zahl.“

„Acht.“

„Das ist besser.“

Sie sah auf die Umschläge.

„Und was glaubst du, passiert?“

„Einer wird antworten.“

„Und wenn nicht?“

Hugo zuckte mit den Schultern.

„Dann schreibe ich mehr.“


Die Tage danach vergingen langsamer, als Hugo erwartet hatte.

Er achtete auf den Briefschlitz.

Auf Schritte im Flur.

Auf Umschläge.

Der erste Brief kam nach gut einer Woche.

Hugo öffnete ihn im Stehen.

Vielen Dank für Ihr Interesse.

Leider könne man ihm derzeit keine entsprechende Position anbieten.

Man wünsche ihm für seinen weiteren schulischen und beruflichen Weg alles Gute.

Hugo las den Brief noch einmal.

Dann sah er auf seinen Namen.

Sie hatten den richtigen Namen verwendet.

Das war ungefähr das Persönlichste daran.

Die zweite Bank antwortete ähnlich.

Eine dritte gar nicht.

Hugo legte die Briefe nebeneinander.

Er war nicht enttäuscht darüber, dass sie Nein sagten.

Ihn störte etwas anderes.

Er hatte das Gefühl, dass niemand die Unterlagen gelesen hatte.

Vielleicht hatte jemand das Alter gesehen.

Sechzehn.

Schüler.

Und dann aufgehört.

Zum ersten Mal hing seine nächste Bewegung nicht von ihm ab.

Jetzt mussten andere entscheiden, ob sie ihn überhaupt hören wollten.

Das gefiel ihm nicht.

Also überlegte er, was er ändern konnte.

Nicht die Banken.

Nicht sein Alter.

Nur die Art, wie er sie ansprach.

Er dachte wieder an Wall Street.

Nicht an das Gebäude schreiben.

An den Menschen.

Hugo begann in Zeitungen Namen zu markieren.

Leiter von Wertpapierabteilungen.

Vorstände.

Banker, die in Artikeln zitiert wurden.

Menschen, bei denen er zumindest annehmen konnte, dass sie Entscheidungen trafen.

Die neuen Briefe begannen nicht mehr mit:

Sehr geehrte Damen und Herren.

Sie hatten Namen.

Und sie wurden kürzer.

Hugo erklärte weniger, warum er sich für die Börse interessierte.

Er zeigte, was er getan hatte.

Die Analysen.

Die realen Käufe.

Die Ergebnisse.

Wenn keine Antwort kam, schrieb er an den nächsten.

Michael sah eines Nachmittags die Umschläge auf dem Schreibtisch.

„Was ist das alles?“

„Briefe.“

„Das sehe ich.“

Er nahm einen hoch.

„Deutsche Bank?“

„Ja.“

„Warum schreibst du denen?“

„Weil ich da arbeiten will.“

Michael sah ihn an.

„Du gehst noch zur Schule.“

„Weiß ich.“

„Die auch?“

„Steht im Brief.“

Michael legte den Umschlag zurück.

„Und du glaubst, die sagen: Klar, schicken Sie uns den Sechzehnjährigen?“

„Irgendwann muss einer lesen, was drinsteht.“

Michael schüttelte den Kopf.

„Du bist bekloppt.“

Hugo klebte den Umschlag zu.

„Kann sein.“

Er schrieb weiter.

Hartnäckigkeit war für Hugo keine Tugend.

Sie war eine Methode.


Die Wochen nach dem zweiten Versuch vergingen anders als die ersten.

Hugo hatte gelernt, das Klappern des Briefschlitzes nicht mehr als Ereignis wahrzunehmen, sondern als Geräusch unter vielen, wie das Ticken der Uhr im Flur oder das Rascheln der Kastanienblätter vor dem Haus.

Dann lag eines Nachmittags ein Umschlag auf dem Tisch.

Elisabeth hatte ihn neben Hugos Teller gelegt.

„Der sieht wichtig aus.“

Hugo erkannte den Absender.

Deutsche Bank.

Er setzte sich.

Öffnete den Umschlag.

Las.

Elisabeth blieb stehen.

Hugo las noch einmal.

„Und?“

Er antwortete nicht.

Seine Augen gingen erneut über dieselben Zeilen.

Man habe seine Unterlagen mit Interesse gelesen.

Seine Analysen und seine bisherigen Ergebnisse seien ungewöhnlich.

Man würde ihn gern persönlich kennenlernen.

Frankfurt.

Ein Gespräch.

Hugo legte den Brief auf den Tisch.

„Die wollen mit mir sprechen.“

„Wer?“

„Die Deutsche Bank.“

Elisabeth setzte sich ihm gegenüber.

„Wegen deiner Briefe?“

„Wegen der Analysen.“

Sie nahm das Blatt.

„Dann hat sie doch jemand gelesen.“

Hugo nickte.

Das war es, was ihn am meisten beschäftigte.

Nicht die Deutsche Bank.

Nicht Frankfurt.

Jemand hatte tatsächlich weitergelesen, nachdem dort gestanden hatte, dass er sechzehn war.

Am Abend gab Hugo den Brief seinem Vater.

Der las ihn schweigend.

Dann noch einmal.

„Wer hat dich eingeladen?“

Hugo zeigte auf den Namen.

Der Vater las weiter.

„Und die wissen, wie alt du bist?“

„Es steht im ersten Absatz.“

„Das sehe ich.“

Er legte den Brief auf den Tisch.

„Das ist ungewöhnlich.“

Hugo wartete.

„Sehr ungewöhnlich.“

„Ist das jetzt gut oder schlecht?“

„Das weiß ich noch nicht.“

Der Vater sah ihn an.

„Du fährst da nicht hin und glaubst, du seist jetzt ein großer Banker.“

„Glaube ich nicht.“

„Gut.“

Er nahm den Brief noch einmal.

„Wann?“

Hugo nannte das Datum.

„Dann müssen wir sehen, wie du nach Frankfurt kommst.“

Hugo sah ihn an.

Das war der Moment, in dem die Einladung für ihn wirklich wurde.

Nicht als der Brief gekommen war.

Nicht als Elisabeth sich gefreut hatte.

Sondern jetzt.

Sein Vater sprach über die Fahrt.

Später kam Werner vorbei.

Elisabeth erzählte ihm davon, bevor Hugo es selbst tun konnte.

Werner nahm den Brief.

„Na.“

„Was na?“

„Das blinde Huhn.“

Hugo verzog das Gesicht.

Werner grinste.

„Diesmal ist das Korn allerdings ziemlich groß.“

Der Vater verdrehte die Augen.

Elisabeth fragte, ob jemand etwas trinken wolle.

„Wodka“, sagte Hugo.

Alle sahen ihn an.

„War ein Scherz.“

„Noch“, sagte Werner.

Hugo nahm den Brief später mit nach oben.

Auf seinem Schreibtisch lagen der Hoppenstedt, Geschäftsberichte und seine Hefte.

Vor wenigen Monaten hatte dort ein leeres Depot gestanden.

Dann 4.900 Mark.

Dann die erste falsche Entscheidung.

Die erste richtige.

Gewinne, Verluste, Fragen.

Und schließlich Briefe an Menschen, die ihn nicht kannten.

Er legte die Einladung neben sein Heft.

Frankfurt war noch kein Beruf.

Keine Zusage.

Keine Karriere.

Es war nur ein Gespräch.

Aber jemand außerhalb seiner Familie hatte seine Zahlen angesehen und beschlossen, dass der Junge dahinter interessant genug war, um ihn kennenzulernen.

Hugo setzte sich ans Fenster.

Draußen bewegten sich die Blätter der Kastanien kaum in der warmen Sommerluft.

Zum ersten Mal lag die nächste Frage nicht mehr auf seinem Schreibtisch.

Sie lag in Frankfurt.

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