Kapitel 1 – Die Entdeckung

Erste Szene

Im Haus der Familie Voss in Eppendorf lagen die Zeitungen nicht auf, sie lagen herum. Das war ein Unterschied, den Elisabeth Voss jedes Mal aufs Neue zur Kenntnis nahm, wenn sie am frühen Abend durch die Räume ging und das zusammentrug, was der Tag zurückgelassen hatte: die Börsenzeitung auf dem Esszimmertisch, halb auseinandergefaltet, als habe jemand mitten im Lesen das Interesse verloren; eine Aktienzeitschrift auf der Armlehne des Ledersessels im Wohnzimmer, mit dem Umschlag nach unten, damit die aufgeschlagene Seite nicht verloren ging; Kurslisten, mehrere Lagen davon, auf der Anrichte im Flur, dort, wo eigentlich die Post hätte liegen sollen. In dem großen Haus, dessen hohe Räume und breite Diele noch aus einer Zeit stammten, in der man in Hamburg anders gebaut hatte, gehörte das Papier inzwischen zum Inventar. Man hätte es mitnehmen können und irgendwo einsortieren. Niemand tat es. Am nächsten Morgen lagen neue dazwischen.

Der Hoppenstedt hatte seinen festen Platz. Der dicke Band stand im Arbeitszimmer des Vaters, im Regal neben dem Schreibtisch, aber er stand dort nur, solange der Vater nicht da war. Kam er abends aus dem Büro an der Elbe, nahm er das Buch mit an den Tisch, schlug es auf, ließ es aufgeschlagen liegen, wenn das Essen kam, und trug es erst wieder zurück, wenn er sich zur Nacht verabschiedete. In der Zwischenzeit wanderte es durch das Haus wie ein schwerfälliges Haustier: Esstisch, Anrichte, Sessellehne, manchmal sogar die Treppe hinauf in den Flur des ersten Stocks, wo es dann auf der Kommode lag zwischen einer Schale mit Schlüsseln und dem Telefon.

Hugo war fünfzehn und hatte an all dem lange vorbeigelebt. Das Papier gehörte zum Vater und zu Werner, so sicher wie der Geruch nach Rasierwasser am Morgen oder das leise Scheppern der Milchkännchen, wenn seine Mutter den Frühstückstisch abräumte. Er wusste, dass sein Vater irgendetwas mit Schiffen machte – Schiffsmaklerei, Schiffsagentur, ein Büro mit ungefähr dreißig Leuten, von denen er die wenigsten je gesehen hatte – und dass Werner, sein zwanzig Jahre älterer Bruder, Jurist war und trotzdem lieber über Aktien sprach als über Paragraphen. Er wusste außerdem, dass man an einem solchen Tisch besser nicht fragte, was irgendetwas davon kostete, weil der Vater dann den Kopf hob, einen über den Rand seiner Zeitung hinweg ansah und sagte: „Mehr, als du verdienst.“

Es war ein Dienstag im Herbst, und es regnete seit dem Mittag in diesem gleichmäßigen, hamburgischen Grau, das keinen Anfang und kein Ende kannte. Hugo kam aus der Schule, warf seine Tasche in die Diele und blieb einen Moment stehen, um der Stille zu lauschen. Das Haus hatte eine eigene Geräuschkulisse, die er kannte, seit er denken konnte: das Ticken der Standuhr im Flur, das ferne Summen des Kühlschranks, manchmal das Knarren einer Diele im ersten Stock, wenn sich das Holz bewegte. Heute kam aus der Küche das leise Klirren von Porzellan. Seine Mutter.

„Hugo?“ Elisabeth steckte den Kopf durch die Küchentür, und als sie ihn sah, ging dieses Leuchten über ihr Gesicht, das sie immer hatte, wenn einer ihrer Söhne zur Tür hereinkam. „Du bist ja klatschnass. Häng den Mantel richtig auf, nicht über den Stuhl.“

„Es regnet nur“, sagte Hugo.

„Es regnet nur“, wiederholte sie, als sei das eine Krankheit, gegen die man etwas unternehmen müsse. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und kam in die Diele, um ihn anzusehen, diesen prüfenden, schnellen Blick, mit dem sie seit seiner Kindheit feststellte, ob er Fieber hatte, ob er gegessen hatte, ob irgendetwas nicht stimmte. „Ich mache dir Tee.“

„Ich will keinen Tee.“

„Du kriegst trotzdem einen.“

Er nahm die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal, und warf oben einen Blick in den Flur. Der Hoppenstedt lag auf der Kommode, aufgeschlagen, neben dem Telefon. Hugo blieb stehen. Er wusste nicht, warum. Vielleicht war es die Art, wie das Buch dalag, breit und aufgebrochen, mit seinen engbedruckten Seiten, als habe jemand mitten in einer Arbeit innegehalten, die wichtiger war als alles andere. Er trat näher. Firmenporträts, endlose Reihen davon, Seite um Seite, jede Firma mit ihrem Namen, ihrem Sitz, ihren Zahlen. Er legte den Finger auf eine Zeile und ließ ihn weiterwandern, Spalte für Spalte, ohne zu verstehen, was die Zahlen bedeuteten.

„Das ist kein Bilderbuch“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Der Vater stand auf der Treppe, noch im Mantel, den Hut in der Hand. Er war früher nach Hause gekommen als sonst, und er sah aus, als habe er den Regen persönlich beleidigt. Er stieg die letzten Stufen herauf, gab Hugo einen flüchtigen Klaps auf die Schulter, der halb Begrüßung, halb Wegräumen war, und hob den Hoppenstedt von der Kommode.

„Was ist das?“, fragte Hugo.

„Der Hoppenstedt.“ Der Vater trug das Buch die Treppe hinunter, ohne sich umzudrehen. „Da steht alles drin, was man über Aktiengesellschaften wissen muss. Umsatz, Gewinn, Dividende, Grundkapital. Alles.“

„Alles?“

„Alles, was sie zugeben“, sagte der Vater und verschwand im Arbeitszimmer.

Hugo blieb noch einen Moment am Treppengeländer stehen und sah ihm nach. Alles, was sie zugeben. Der Satz blieb in ihm hängen wie eine Scherbe im Stoff. Er ging in sein Zimmer, zog den nassen Pullover aus und setzte sich an den Schreibtisch, aber die Schulhefte blieben zu. Er dachte an das Buch auf der Kommode, an die engen Zeilen, an die Vorstellung, dass es für jedes Unternehmen, von dem er je gehört hatte, eine Seite gab, auf der alles ordentlich aufgeschrieben stand. Unten klingelte das Telefon. Er hörte die Stimme des Vaters, gedämpft, einzelne Worte über Frachtraten und einen Charterer, der nicht zahlen wollte. Dann wurde die Tür des Arbeitszimmers geschlossen, und das Haus gehörte wieder der Uhr und dem Regen.

Am Abend kam Werner zum Essen. Er kam allein, stellte einen nassen Regenschirm in den Ständer in der Diele und legte eine Aktienzeitschrift auf die Anrichte, als wäre das ein Weg, sich bei seiner Mutter für den Besuch anzumelden. Elisabeth umarmte ihn, und Hugo sah, dass sie bei Werner genauso strahlte wie bei ihm, dass sie beide Söhne auf dieselbe Weise ansah, als hätte das Schicksal ihr persönlich ein Geschenk gemacht, das sie nicht verdient hatte. Svenja war auch da; sie kam aus der Küche, wo sie beim Anrichten geholfen hatte. Obwohl sie längst verheiratet war, war sie häufig im Elternhaus. Ihr Mann war beruflich viel unterwegs, und an solchen Tagen kam sie oft zu ihren Eltern und blieb manchmal über Nacht. Ihr altes Zimmer gab es noch immer. Mit ihrem schulterlangen braunen Haar und ihrer schlanken Gestalt wirkte sie gepflegt und unaufdringlich. Sie drückte Hugo an sich und strich ihm das noch immer feuchte Haar aus der Stirn.

Mit fünfzehn war Hugo bereits auffallend groß und dabei noch schmal und beinahe schlaksig; vieles an ihm wirkte, als müsse sein Körper erst noch in seine endgültigen Proportionen hineinwachsen.„Du wächst ja noch“, sagte sie und sah zu ihm auf. „Hör endlich auf damit“

„Ich geb mir Mühe“, sagte Hugo.

„Das macht er in der Schule auch nicht“, sagte der Vater aus dem Esszimmer.

Sie aßen. Der Vater saß am Kopfende, die Börsenzeitung neben dem Teller zusammengelegt, aber nicht weggeräumt. Werner erzählte von einer Sache, an der er gerade arbeitete, irgendetwas mit der Treuhand, mit Betrieben im Osten, die bewertet werden mussten, obwohl niemand wusste, was sie wert waren. Der Vater hörte zu, aß und nickte ab und zu.

„Die Japaner verkaufen inzwischen alles, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagte er schließlich. „Zwanzig Jahre haben sie gekauft, und alle Welt hat ihnen applaudiert. Jetzt fällt der Nikkei seit Januar, und plötzlich tut jeder so, als hätte er es immer gewusst.“

„Ein Drittel“, sagte Werner. „Seit Jahresanfang ungefähr ein Drittel.“

„Menschen machen eben Fehler“, sagte der Vater und wandte sich wieder seinem Teller zu.

Hugo hörte zu und sagte nichts. Das war seine Position an diesem Tisch seit jeher: Er saß dabei, aß und hörte den Männern zu, wie man dem Radio zuhört, ohne dass das Radio es merkt. Nur dass er in letzter Zeit angefangen hatte, nicht mehr nur die Stimmen zu hören, sondern die Wörter. Kurs. Dividende. Grundkapital. Brief und Geld. Die Wörter lagen auf dem Tisch zwischen den Tellern, und niemand außer ihm schien zu bemerken, dass sie da waren.

„Was heißt Schlusskurs?“, fragte er.

Der Vater sah von seinem Teller auf. Werner lachte kurz, nicht unfreundlich.

„Der letzte Preis, zu dem an dem Tag gehandelt wurde“, sagte Werner. „Wenn die Börse zumacht, ist das der Schlusskurs.“

„Und morgens?“

„Eröffnungskurs.“

„Und wenn dazwischen einer mehr zahlt?“

„Dann steigt der Kurs.“ Werner legte die Gabel weg und beugte sich ein wenig vor, und Hugo merkte, dass seinem Bruder die Frage gefiel, dass er gern erklärte, solange man ihn ernst nahm. „Der Kurs ist kein Preis wie im Geschäft. Er ist nur das, was zuletzt einer bezahlt hat. Der nächste kann schon wieder etwas anderes zahlen.“

„Wer entscheidet das?“

„Alle“, sagte Werner. „Und niemand.“

„Fragen kostet nichts“, sagte der Vater. „Geld kostet. Iss.“

„Lass den Jungen doch fragen“, sagte Elisabeth. Sie hatte während des ganzen Gesprächs nichts gesagt, aber sie hatte Hugo beobachtet, das wusste er, er kannte diesen Blick. „Er interessiert sich eben dafür.“

„Er interessiert sich seit einem Monat für gar nichts mehr in der Schule“, sagte der Vater. „In Mathe ist er gut, weil er dafür nichts tun muss. Überall sonst tut er nichts, weil er dafür etwas tun müsste.“

„Vater“, sagte Svenja leise.

„Was? Es ist doch wahr.“ Der Vater schlug die Börsenzeitung auf, drehte sie um und schob sie über den Tisch, bis sie vor Hugo lag. „Da. Wenn du schon fragst, lies wenigstens. Das hier ist die Kursliste. Frankfurt. Jede Aktie, jeden Tag, alles mit Nummern. Fang an, dann brauchst du nicht mehr zu fragen.“

Es klang nicht wie ein Geschenk. Es klang wie das, was es war: ein Mann, der seinem jüngsten Sohn die Zeitung hinreichte, damit endlich Ruhe am Tisch war. Hugo zog das Blatt zu sich heran. Das Papier war dünn, der Druck eng, und die Spalten reichten die ganze Seite hinunter, Name, Kurs, Hoch, Tief, und vor jedem Namen eine lange Zahl, siebenstellig, ohne erkennbaren Sinn.

„Was ist das?“, fragte er und tippte auf eine der Zahlen.

„Die Wertpapierkennnummer“, sagte Werner. „Jede Aktie hat eine. Wie ein Fingerabdruck.“

„Warum braucht eine Aktie einen Fingerabdruck?“

„Damit man sie findet. Damit man sie nicht verwechselt.“ Werner grinste. „Es gibt mehr Unternehmen auf der Welt, als du denkst, Hugo. Die meisten haben Namen, die sich ähneln. Die Nummer ähnelt niemandem.“

Hugo nickte langsam. Er aß weiter, aber die Zeitung blieb neben seinem Teller liegen, und während der Vater und Werner wieder über Japan sprachen, über Zinsen, über die Frage, was die Einheit kosten würde und wer sie bezahlen sollte, las Hugo Zeile für Zeile die Namen, die er kannte und die, die er nicht kannte, und die Zahlen davor, sieben Ziffern, immer sieben, und es beruhigte ihn auf eine Weise, die er sich nicht erklären konnte, dass da draußen eine Welt existierte, in der jedes Ding seine Nummer hatte und nichts verwechselt werden durfte.

Am Montagmittag lief die Telebörse.

Das war seit einiger Zeit so ein Ritual geworden, halb beiläufig, halb feierlich. Der Fernseher stand im Wohnzimmer, und wenn die Sendung anfing, ließ der Vater alles liegen, setzte sich in den Ledersessel und schaltete lauter, als es nötig gewesen wäre. Werner, wenn er da war, ließ sich auf das Sofa fallen. Elisabeth brachte Kaffee, stellte die Kanne ab und blieb meist nicht sitzen; die Sendung gehörte nicht zu ihrem Haus, sie gehörte den Männern, und sie überließ sie ihnen mit derselben Gelassenheit, mit der sie auch sonst alles überließ, das sie nicht verstand und nicht verstehen wollte.

An diesem Montag war Hugo früh genug im Wohnzimmer, um zu sehen, wie es anfing: das Kursband, das über den Bildschirm lief, Kürzel und Zahlen, Pfeile nach oben, Pfeile nach unten, und die Stimme aus dem Fernseher, die in einem Ton sprach, als wäre nichts von alledem aufregend, als wäre es das Normalste der Welt, dass irgendwo in Frankfurt Menschen in einem Saal standen und Preise riefen.

„Da“, sagte der Vater und zeigte auf eine Zeile. „Das ist der DAX. Dreißig Werte. Wenn der fällt, fallen sie alle mit.“

„Warum?“

„Weil alle Angst haben.“ Der Vater nahm seine Tasse. „Die Börse ist kein Rechenapparat, Hugo. Die Börse ist ein Nervenbündel.“

„Aber die Zahlen sind doch nur Zahlen.“

Der Vater sah ihn von der Seite an, diesen prüfenden Blick, der nie lange dauerte. „Die Zahlen sind nie nur Zahlen. Die Zahlen sind das, was übrig bleibt, wenn alle fertig gezittert haben.“

Werner lachte in seine Tasse. Hugo sagte nichts. Er sah das Band laufen, las die Kürzel, die vorüberzogen, und versuchte, sie mit den Namen aus der Kursliste vom Dienstag zusammenzubringen, die der Vater ihm nicht wiedergegeben hatte und die deshalb seit vier Tagen auf seinem Schreibtisch lag, obenauf, über den Schulheften. Manches fand er wieder. Das meiste nicht. Es ärgerte ihn, und das Ärgern war das eigentliche Geschenk dieses Nachmittags, denn Hugo kannte sich gut genug, um zu wissen, dass er Dinge, die ihn ärgerten, nicht liegen ließ. Er ließ Schularbeiten liegen, er ließ Sport liegen, er ließ so ziemlich alles liegen, was andere für wichtig hielten. Aber etwas, das nicht aufging, etwas, das sich ihm verweigerte, das arbeitete in ihm weiter, wenn er längst im Bett lag.

Nach der Sendung, als der Vater wieder im Arbeitszimmer war und Werner gegangen, blieb Hugo im Wohnzimmer sitzen. Der Fernseher lief noch, leiser jetzt, irgendein Krimi, den niemand ansah. Durch die offene Tür sah er in den Flur, wo die Kurslisten auf der Anrichte lagen, und dahinter in das Esszimmer, wo das Nachmittagslicht durch die hohen Fenster fiel und den langen Tisch in zwei Hälften teilte, eine helle und eine dunkle.

Er holte die Kurslisten. Dann holte er den Hoppenstedt aus dem Arbeitszimmer – die Tür stand offen, der Vater telefonierte, winkte ihn herein und wieder hinaus, ohne das Gespräch zu unterbrechen – und trug das Buch an den Esstisch, in die helle Hälfte. Es war schwerer, als es aussah. Er schlug es auf, irgendwo in der Mitte, und legte die Kursliste daneben, und dann fing er an zu lesen.

Nicht wie ein Junge liest, der etwas lernen soll. Eher wie einer, der ein Rätsel in die Hand genommen hat. Er las den Namen eines Unternehmens im Hoppenstedt, las die Zahlen darunter, suchte denselben Namen in der Kursliste, fand ihn, verglich. Er verstand die Hälfte nicht. Das machte nichts. Er verstand das System: Hier stand, was das Unternehmen war, dort stand, was es gestern gekostet hatte, und dazwischen lag ein Abstand, den man begreifen konnte, wenn man nur lange genug hinsah. Seite für Seite. Name für Name. Zahl für Zahl.

Irgendwann stand Elisabeth neben ihm und stellte eine Tasse Kakao auf die Tischkante, behutsam, außerhalb der Reichweite des Buches.

„Was machst du da?“, fragte sie.

„Ich sehe nach.“

„Wonach?“

Hugo zuckte die Schultern. Es war eine ehrliche Antwort, und sie kostete ihn etwas, weil er sie nicht genauer sagen konnte. „Ob das zusammenpasst.“

Elisabeth sah ihn an, den Jungen, der sich über die Zahlen beugte wie über ein Uhrwerk, mit dem Bleistift in der Hand und den Schulheften irgendwo oben in seinem Zimmer, wo sie vermutlich bis kommende Woche bleiben würden. Sie strich ihm über den Hinterkopf, kurz, ohne etwas dazu zu sagen, und ging zurück in die Küche.

Später kam Svenja herein, setzte sich zu ihm an den Tisch und legte das Kinn auf die Hand. „Und? Verstehst du das alles?“

„Noch nicht.“

„Aber du willst es verstehen.“

Es war keine Frage. Hugo sah von der Kursliste auf und nickte, einmal, knapp. Svenja lächelte. „Dann ist ja gut“, sagte sie, als sei damit alles Entscheidende gesagt, und blieb sitzen, während er weiterlas.

Draußen wurde es dunkel über Eppendorf. Der Regen hatte aufgehört, und in der Stille des großen Hauses, zwischen dem Ticken der Uhr im Flur und dem leisen Knistern des Papiers, wenn Hugo eine Seite des Hoppenstedt umblätterte, begann etwas, das keinen Namen hatte und keinen brauchte: Die Zeitungen lagen nicht mehr einfach nur herum. Sie warteten.

 

 

Zweite Szene

Es war ein Mittwoch, und draußen war der Himmel so flach und grau, dass man die Grenze zwischen den Dächern Eppendorfs und den Wolken nur noch an den Schornsteinen erkennen konnte. Hugo saß seit dem frühen Nachmittag am Esstisch, wo das Licht am längsten hielt, obwohl es kein richtiges Licht mehr war, sondern nur eine allmähliche Aufhellung des Grau. Der Hoppenstedt lag vor ihm, aufgeschlagen bei den Chemiewerten, weil er dort angefangen hatte, wo das Lesezeichen des Vaters gesteckt hatte, und die Kursliste vom Dienstag lag daneben, leicht schräg, damit beide Spalten gleichzeitig im Blick blieben. Er hatte aufgehört, die Namen laut zu lesen. Jetzt ging sein Finger nur noch über die Zahlen, die Wertpapierkennnummern, siebenstellig, streng, ohne dass die Bedeutung der einzelnen Ziffern ihm wichtig war. Wichtig war die Reihe selbst, ihr Rhythmus, die Art, wie sich das Auge an sie gewöhnte, bis eine Unterbrechung wie ein falscher Ton in einer Melodie wirkte.

Er fand es gegen vier Uhr, als die Uhr im Flur schlug und seine Mutter oben die Betten machte, was man an dem leisen Rauschen der Bettlaken und dem gelegentlichen Knarren der Federholzrahmen hören konnte. Es war die WKN 500 930, aufgelistet unter einem Namen, den er noch nie gehört hatte, einem Spezialchemie-Unternehmen mit Sitz irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Im Hoppenstedt stand 500 930. In der Kursliste vom Dienstag stand 500 390. Hugo blieb mit dem Finger auf der Zeile liegen. Er runzelte die Stirn, nicht weil er begriff, was der Fehler bedeutete, sondern weil er spürte, dass etwas nicht zusammenpasste, bevor sein Verstand das Wie und Warum geliefert hatte. Er verglich noch einmal. Hoppenstedt: 500 930. Kursliste: 500 390. Die Ziffern 3 und 9 hatten die Plätze getauscht. Ein Zahlendreher, nicht mehr, nicht weniger.

Hugo lehnte sich zurück. Die hohe Rückenlehne des Esszimmerstuhls fing seine schmalen Schultern auf, während er die langen Beine unter dem Tisch ein Stück von sich streckte.Er sah auf die beiden Zahlen hinunter, und etwas in ihm begann zu arbeiten, dieses seltsame, leise Klicken, das er kannte, wenn er ein Mathe-Rätsel gelöst hatte oder wenn er in Geografie die richtige Kombination aus Fluss und Stadt gefunden hatte, bevor der Lehrer sie nannte. Es war nicht Stolz. Es war eher Überraschung, gemischt mit einer Vorsicht, die er selbst nicht deuten konnte, als habe er etwas gefunden, das ihm nicht gehörte und das er deshalb nicht zu schnell in die Hand nehmen durfte.

Er stand auf, die Kursliste in der Hand, und ging zur Treppe. Oben hörte er die Schritte seiner Mutter verstummen, als sie merkte, dass er kam. Er ging nicht in sein Zimmer, sondern über den Flur zum Arbeitszimmer des Vaters. Die Tür stand einen Spalt offen, und durch den Spalt drang der Geruch von Pfeifentabak, den sein Vater nur noch abends rauchte, wenn er allein war. Hugo klopfte, wartete, klopfte noch einmal.

„Herein.“

Der Vater saß hinter dem Schreibtisch, den Ärmel hochgekrempelt, die Brille auf der Nasenspitze, und betrachtete einen Stapel Papiere, der vor ihm lag wie eine Mauer, die er Stein für Stein abtragen musste. Er sah nicht auf, als Hugo eintrat, sondern deutete mit dem Kugelschreiber auf einen Stuhl gegenüber, eine Geste, die bedeutete: Setz dich, aber sei schnell.

„Was ist?“, fragte er.

Hugo legte die Kursliste auf den Schreibtisch, neben die Papiere, und zeigte mit dem Finger auf die Zeile. „Hier“, sagte er. „Die Nummer stimmt nicht.“

Der Vater ließ den Kugelschreiber sinken. Er sah auf Hugos Finger, dann auf die Kursliste, dann auf Hugo. Sein Blick war nicht ungeduldig, aber er war auch nicht der Blick eines Mannes, der gerade etwas Entscheidendes erwartet. Er war der Blick eines Mannes, der einem Kind zuhörte, das von etwas sprach, das es nicht verstand.

„Welche Nummer?“

„Die WKN. Hier steht 500 390. Im Hoppenstedt steht 500 930. Das ist ein Zahlendreher.“

Der Vater nahm die Kursliste und hielt sie sich näher ans Gesicht. Er trug seine Lesebrille nicht, obwohl er sie in der Tasche hatte, und Hugo sah, wie er die Augen zusammenkniff, dieses kleine Zucken der Muskeln um die Augenwinkel herum, das er kannte. Dann legte er die Liste wieder hin und sah Hugo an, und in seinem Gesicht lag nichts, was Hugo hatte erwarten wollen. Kein Erstaunen, keine Anerkennung, nicht einmal Zweifel. Nur eine leichte, fast amüsierte Müdigkeit, als habe Hugo ihm gerade erklärt, dass Schiffe auf dem Wasser schwammen.

„Und?“, sagte der Vater.

„Und es ist falsch.“

„Es ist eine Kursliste, Hugo. Nicht die Bibel. Da stehen jeden Tag Dutzende Fehler drin. Tippfehler, Druckfehler, irgendein Praktikant, der die Zahlen falsch abtippt.“

„Aber die WKN ist wichtig. Werner hat gesagt, das ist wie ein Fingerabdruck. Wenn die falsch ist, sucht jemand die falsche Aktie.“

Der Vater lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte, ein tiefes, vertrautes Geräusch, das Hugo seit seiner Kindheit kannte. Sein Vater betrachtete ihn, diesmal länger, und Hugo spürte, wie ihm unter dem Kragen heiß wurde, obwohl das Zimmer nicht besonders warm war.

„Du hast viel Zeit, wenn du schon WKNs vergleichst“, sagte der Vater schließlich. „Hast du morgen keine Klassenarbeit?“

„In Mathe. Die kann ich.“

„Die kannst du.“ Der Vater wiederholte es mit dem gleichen leichten Unterton, den er bei alles hatte, was Hugo als selbstverständlich bezeichnete. Er nahm die Kursliste, hielt sie einen Moment in der Hand, als überlege er, ob er sie wegwerfen sollte, und legte sie dann zurück auf den Schreibtisch, neben seine Papiere, wo sie nicht hingehörte. „Wenn du dir so sicher bist, ruf bei der Redaktion an. Die Nummer steht oben auf der Seite. Dort kannst du dich beschweren. Vielleicht erklären sie dir, wo dein Fehler liegt.“

„Mein Fehler?“

„Oder der ihre. Das wird sich herausstellen.“ Der Vater griff wieder nach dem Kugelschreiber, und Hugo wusste, dass das Gespräch zu Ende war, nicht weil sein Vater böse war, sondern weil er es für beendet hielt, weil er das, was Hugo ihm gezeigt hatte, in eine Schublade gesteckt hatte, aus der er es nicht mehr herausnehmen musste. „Ruf an, wenn du willst. Aber mach die Tür zu. Ich muss diese Chartererstellung durchgehen.“

Hugo stand da. Er sah die Kursliste auf dem Schreibtisch liegen, neben den Frachtpapieren, neben den Verträgen, die seine Welt nicht waren. Er griff danach, steckte sie unter den Arm und ging zur Tür.

„Hugo.“

Er drehte sich um. Sein Vater hatte den Kopf noch nicht wieder gesenkt, sondern sah ihm nach, und für einen Moment war etwas in seinem Gesicht, das Hugo nicht einordnen konnte. Kein Lächeln, aber auch keine Härte. Etwas, das wie Prüfung aussah, aber nicht die Art von Prüfung, bei der man bestehen konnte.

„Du hast scharfe Augen“, sagte der Vater. „Das ist gut. Aber scharfe Augen allein machen noch keinen Händler. Dafür braucht man Nerven. Und die testet man nicht mit Zeitungsfehlern.“

Hugo nickte, obwohl er nicht wusste, ob das eine Anerkennung war oder eine Zurückweisung oder beides. Er schloss die Tür und stand im Flur, wo die Standuhr tickte und das Nachmittagslicht durch das Oberlicht über der Eingangstür fiel, milchig und ohne Schatten. Er sah auf die Kursliste in seiner Hand. Oben stand die Nummer der Redaktion, klein, in einer Ecke, fast wie ein Geheimnis.

Er ging hinunter in die Diele, wo das Telefon auf der Kommode stand, neben dem Schlüsselkorb und der Schale mit den Münzen. Er nahm den Hörer ab und wählte, langsam, weil seine Finger dicker waren, als er es gewohnt war, und weil er bei jeder Ziffer aufhörte und atmete. Es klingelte dreimal. Dann nahm eine Frau ab, mit einer Stimme, die so klang, als würde sie gleichzeitig an drei Telefonen sitzen und an keinem besonders interessiert sein.

„Börsenredaktion, Gudrun Maier.“

„Guten Tag“, sagte Hugo. Seine Stimme rutschte ihm in die Höhe, und er räusperte sich, so wie sein Vater es tat, wenn er mit Kunden sprach. „Ich habe einen Fehler in Ihrer Kursliste gefunden. Vom Dienstag. Die WKN bei der Nordrhein-Chemie. Da steht 500 390, aber richtig müsste 500 930 sein.“

Die Frau schwieg einen Moment. Hugo hörte das Klicken einer Schreibmaschine im Hintergrund, dann das Rascheln von Papier.

„Wer spricht?“

„Hugo Voss. Ich bin... ich lese Ihre Kurslisten. Und den Hoppenstedt. Und da ist der Fehler drin.“

Wieder Schweigen. Dann das Blättern einer Seite, lauter jetzt, als suche jemand absichtlich.

„Moment“, sagte die Frau. Ihr Ton war nicht freundlicher geworden, aber er war auch nicht unfreundlicher. Er war der Ton einer Frau, die einen Anruf entgegennahm, für den es kein Formular gab. „Nordrhein-Chemie. WKN 500 930. Sie sagen, in der Liste vom Dienstag steht 500 390?“

„Ja.“

„Warten Sie.“

Hugo wartete. Er hörte die Uhr im Flur ticken, und er hörte, wie oben eine Tür aufging, seine Mutter, die auf den Flur trat, vielleicht weil sie das leise Murmeln seiner Stimme gehört hatte. Er drehte sich zur Wand, den Hörer fest gegen das Ohr gepresst, als könne sonst jemand mit hören. Dann war die Frau wieder da.

„Herr Voss?“

„Ja.“

„Sie haben recht. Es ist ein Zahlendreher. Die 3 und die 9 sind vertauscht worden. Wir korrigieren das in der nächsten Ausgabe.“ Sie machte eine Pause, und Hugo spürte, wie sein Herzschlag sich veränderte, nicht schneller, aber härter, als schlage etwas gegen seine Rippen von innen. „Woher haben Sie das?“

„Ich habe es verglichen“, sagte Hugo. „Mit dem Hoppenstedt.“

„Sie haben den Hoppenstedt mit der Kursliste verglichen. Und den Fehler gefunden.“

„Ja.“

Die Frau lachte kurz, ein einzelnes, überraschtes Geräusch, das nichts mit Spott zu tun hatte. „Dann haben Sie scharfe Augen. Danke für den Hinweis.“

„Bitte schön.“

Hugo legte auf. Er stand noch einen Moment da, den Hörer in der Hand, bevor er ihn auf die Gabel legte. Dann drehte er sich um. Seine Mutter stand auf der Treppe, die Hände im Schürzenbund vergraben, und sah ihn an, diesen Blick, den er kannte, der alles wahrnahm und nichts verriet.

„Wer war das?“, fragte Elisabeth.

„Die Redaktion. Von der Börsenzeitung.“ Hugo hörte selbst, wie seine Stimme klang, flach, fast gelangweilt, als sei nichts Besonderes geschehen. „Ich habe einen Fehler gefunden. Einen Zahlendreher. Sie haben gesagt, ich habe recht.“

Elisabeth kam die Treppe herunter, nicht eilig, aber auch nicht langsam. Als sie vor ihm stand, legte sie ihm die Hände auf die Schultern und hob den Blick zu ihm. Hugo war ihr längst über den Kopf gewachsen. Sie roch nach Mehl und nach dem Lavendel, den sie in die Schubladen legte.

„Was für ein Fehler?“, fragte sie.

„In einer WKN. Einer Nummer. Die haben die Zahlen vertauscht.“

„Und du hast das gemerkt?“

„Ich habe verglichen.“

Elisabeth sah ihn an, und in ihrem Gesicht geschah etwas, das Hugo bei seinem Vater vermisst hatte. Ihre Augen wurden nicht größer, sie riss keine theatralische Pose auf, aber er sah, wie etwas in ihr aufmerksam wurde, wie ein Raum, in dem plötzlich das Licht angeht.

„Zeig mir das“, sagte sie.

Hugo holte den Hoppenstedt aus dem Arbeitszimmer – sein Vater war nicht mehr da, er musste in die Küche gegangen sein, man hörte das Klirren von Geschirr – und trug das Buch an den Esstisch, wo noch das Nachmittagslicht lag, das nun fast weiß geworden war. Er legte die Kursliste daneben, fand die Zeile, zeigte mit dem Finger darauf. Elisabeth beugte sich vor. Sie verstand die Zahlen nicht, das wusste Hugo, aber sie verstand etwas anderes, und das war wichtiger. Sie verstand, dass er sich Mühe gegeben hatte. Dass er etwas gefunden hatte, das nicht jeder fand.

„Und du hast das alles allein herausgefunden?“, fragte sie.

„Ja.“

„Niemand hat dir geholfen?“

„Papa hat gesagt, ich soll bei der Redaktion anrufen. Aber er hat nicht geglaubt, dass es wirklich ein Fehler ist.“

Elisabeth richtete sich auf. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn, eine Geste, die sie seit seiner Kindheit machte und die er eigentlich langst hätte ablehnen müssen, aber heute nicht ablenhte.

„Und was hat die Redaktion gesagt?“

„Dass ich recht habe. Dass sie es korrigieren.“

Elisabeth lächelte. Es war kein großes Lächeln, keines, das andere Leute ansteckte, aber es war echt, und es war für ihn. „Dann hast du etwas Besonderes gemacht“, sagte sie leise. „Nicht jeder findet einen Fehler in einer Zeitung. Nicht jeder ruft an. Und nicht jeder hat recht.“

„Es war nur ein Zahlendreher“, sagte Hugo.

„Es war dein Zahlendreher“, sagte Elisabeth. „Das ist der Unterschied.“

In diesem Moment ging die Tür zum Flur auf, und der Vater trat ein, gefolgt von Werner, der seinen Mantel über dem Arm trug und die Schuhe nicht abgezogen hatte, was bedeutete, dass er nur kurz vorbeischauen wollte. Sie blieben stehen, als sie Elisabeth und Hugo am Tisch sahen, über den aufgeschlagenen Büchern.

„Was ist?“, fragte der Vater.

„Hugo hat bei der Redaktion angerufen“, sagte Elisabeth. „Er hatte recht. Es war wirklich ein Fehler.“

Der Vater sah Hugo an. Sein Gesicht veränderte sich nicht, aber etwas in seiner Haltung veränderte sich, eine leichte Verschiebung des Gewichts, als stelle er sich anders hin.

„Hast du tatsächlich angerufen?“, fragte Werner und trat näher. Er war groß, breiter als der Vater, und wenn er sich über den Tisch beugte, warf er einen Schatten auf die Seiten.

„Ja“, sagte Hugo.

„Und die haben gesagt, du hast recht?“

„Ja.“

Werner lachte, ein kurzes, tiefes Geräusch, und klopfte Hugo auf die Schulter, aber es war nicht der Klaps, den man einem Kleinen gibt, der etwas Süßes gesagt hat. Es war eher ein Nicken, eine Anerkennung, die aber nicht lange dauerte.

„Na siehst du“, sagte Werner. „Menschen machen eben Fehler. Die Redaktion, der Setzer, irgendjemand. Das passiert ständig. Du hast Glück gehabt, dass du gerade auf den richtigen gestoßen bist.“

„Glück“, sagte Hugo.

„Was denn sonst?“ Werner zuckte die Schultern. „Du hast nicht die Aktie analysiert. Du hast nicht den Markt verstanden. Du hast einen Tippfehler gefunden. Das ist scharfes Auge, aber es ist kein Geschäft.“

Der Vater hatte noch nichts gesagt. Er stand neben Werner, die Hände in den Hosentaschen, und sah auf die Kursliste, die noch auf dem Tisch lag. Dann sah er Hugo an, und sein Blick war der gleiche wie vorhin im Arbeitszimmer, nur dass jetzt etwas hinzugekommen war, das wie leichte Verwunderung aussah, gemischt mit etwas anderem, das Hugo nicht deuten konnte.

„Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“, sagte der Vater.

Er sagte es nicht laut. Er sagte es nicht spöttisch. Er sagte es fast freundlich, wie man einen Satz sagt, der einem eingefallen ist und den man für passend hält. Dann wandte er sich ab und ging in die Küche, wo er nach seinem Abendtee rief, und Werner folgte ihm, noch immer über die Schulter redend, über Fehler, über Märkte, über die Dinge, die zählten.

Hugo stand am Tisch. Er fühlte nichts, was er hätte benennen können. Es war kein Schmerz und keine Enttäuschung, es war eher eine Leere, die sich langsam mit etwas füllte, das er noch nicht kannte. Er sah auf die Kursliste, auf die Zeile mit der korrigierten Zahl, und er wusste, dass Werner in einer Hinsicht recht hatte: Es war nur ein Tippfehler. Aber er wusste auch, dass sein Vater unrecht hatte, nicht wegen des Satzes, sondern wegen des Blicks, mit dem er ihn gesagt hatte. Der Blick hatte nicht gesagt: Du hast etwas geleistet. Der Blick hatte gesagt: Das war Zufall, und Zufall zählt nicht.

Elisabeth war noch da. Sie hatte nichts gesagt, während die Männer sprachen, und sie hatte sich nicht bewegt. Jetzt legte sie ihm die Hand auf den Nacken, leicht, wie man einen Jungen berührt, der gerade etwas Wichtiges verstanden hat, ohne dass man es ihm erklären muss.

„Komm“, sagte sie. „Ich mache dir den Kakao, den ich vorhin versprochen habe. Und du erzählst mir, wie das Telefonat war. Genau. Wie sie geklungen hat, die Frau. Und was sie gesagt hat. Und ob sie nett war.“

„Sie war nicht nett“, sagte Hugo. „Aber sie hat gesagt, ich habe scharfe Augen.“

„Dann hat sie recht.“ Elisabeth lächelte wieder, und diesmal war etwas in dem Lächeln, das wie Triumph aussah, aber sehr leise, sehr versteckt, den Triumph einer Mutter, die gesehen hat, wie ihr Kind etwas getan hat, das andere nicht für möglich gehalten haben. „Komm.“

Sie gingen in die Küche, und Hugo setzte sich auf seinen Platz, den, der am Fenster lag und von dem aus man den Garten sah, wo der Regen nasse Blätter von den Sträuchern gewaschen hatte. Elisabeth stellte den Kakao hin, und er begann zu erzählen, nicht weil er glaubte, dass es wichtig war, sondern weil sie fragte, und weil sie zuhörte, und weil sie ihn ansah, als wäre das, was er sagte, der wichtigste Satz des Tages.

Werner und der Vater saßen im Wohnzimmer. Man hörte ihre Stimmen, gedämpft, ein Wort hier, ein Wort dort, über Zinsen, über den Dollar, über Dinge, die weit weg waren. Svenja kam herein, die Haare noch feucht von der Dusche, und setzte sich zu Hugo, ohne zu fragen, was los war. Sie nahm sein Glas, trank einen Schluck Kakao, verzog das Gesicht.

„Zu süß“, sagte sie.

„Dann lass es“, sagte Hugo.

„Ich lass es ja.“ Sie stellte das Glas zurück, aber sie blieb sitzen, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und sah ihn an. „Was ist denn? Du siehst aus, als hättest du was gewonnen und als wärst du gleichzeitig sauer.“

„Ich bin nicht sauer.“

„Doch. Du ziehst die Mundwinkel runter. Das machst du immer, wenn du sauer bist und es nicht zeigen willst.“

Hugo sah sie an. Svenja war fünfzehn Jahre älter und kam nur noch nach dem Fitnessstudio besuch nach Hause, und wenn sie da war, war sie entweder müde oder aufgeregt, nie etwas dazwischen. Aber sie kannte ihn. Sie kannte die Dinge, die er nicht zeigte.

„Ich habe einen Fehler gefunden“, sagte er. „In einer Zeitung. Bei der Redaktion angerufen. Die haben gesagt, ich habe recht.“

„Und?“

„Und der Vater hat gesagt, ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Und Werner hat gesagt, Menschen machen eben Fehler.“

Svenja betrachtete ihn einen Moment lang. Dann lehnte sie sich zurück und nahm wieder das Glas, obwohl sie den Kakao zu süß gefunden hatte, und hielt es in beiden Händen, als wäre es wärmer, als es war.

„Und was hast du gesagt?“, fragte sie.

„Nichts.“

„Nichts?“

„Was soll ich sagen? Sie haben ja recht. Es war nur ein Fehler. Ein Zahlendreher.“

Svenja nippte an dem Kakao. Sie sah ihn über den Rand des Glases hinweg an, und in ihrem Blick lag etwas, das Hugo nicht gleich einordnen konnte. Es war nicht Mitleid. Es war eher eine Art Respekt, gemischt mit etwas, das wie leichte Sorge aussah.

„Du hast nichts gesagt“, wiederholte sie langsam. „Aber du hast es gemerkt. Du hast es verglichen. Du hast angerufen. Und du hast recht gehabt. Das ist mehr als ein Zahlendreher, Hugo. Das ist ein Muster.“

„Ein Muster?“

„Du suchst Fehler. Das ist dein Ding. Nicht der Kurs, nicht das Geld. Du willst wissen, wo es nicht passt.“ Sie stellte das Glas ab und strich ihm mit der Handfläche über den Kopf, eine Geste, die schneller war als die seiner Mutter, weniger zärtlich, aber nicht weniger echt. „Lass den Vater reden. Der redet immer so. Er glaubt dir schon, dass du das gefunden hast. Er gibt es dir nur nicht. Das ist nicht dasselbe.“

Hugo sah auf den Tisch. Der Hoppenstedt lag noch im Esszimmer, und die Kursliste lag darauf, und draußen wurde es nun endgültig dunkel, das letzte Licht verschwand aus dem Garten, und die Scheiben wurden zu Spiegeln, in denen man die Küche sah, die Lampe über dem Tisch, seine Schwester, die ihn ansah, als sei alles, was er brauchte, bereits da, nur nicht in den Worten, die er gerade gehört hatte.

„Ich geh wieder hoch“, sagte er.

„Und liest weiter?“

„Ja.“

„Gut.“ Svenja stand auf und räumte ihr Glas in die Spüle. „Dann such weiter. Aber iss vorher was. Du wirst sonst wieder so dünn wie ein Streichholz, und dann jammert die Mutter.“

Hugo lächelte, zum ersten Mal an diesem Abend, ein kurzes, schiefes Zucken, das er selbst kaum bemerkte. Er trank den Kakao aus, der tatsächlich zu süß war, und ging die Treppe hinauf, vorbei an der Standuhr, die tickte, vorbei an der Kommode, wo der Hoppenstedt nicht mehr lag, sondern auf dem Esstisch wartete. Er holte das Buch, trug es in sein Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch, wo die Schulhefte noch immer unberührt lagen.

Er schlug den Hoppenstedt auf. Er nahm die Kursliste. Er begann zu lesen, Seite für Seite, Zeile für Zeile, Zahl für Zahl, und diesmal war es nicht mehr das Rätsel, das ihn trieb, und nicht mehr die Neugier. Es war etwas anderes, etwas, das mit dem Satz seiner Mutter zu tun hatte und mit dem Blick seiner Schwester und mit der Leere, die der Vater hinterlassen hatte, eine Leere, die nicht traurig war, sondern herausfordernd, wie ein Raum, den man füllen musste, weil sonst niemand es tat.

Die Zeitungen lagen nicht mehr nur herum. Sie warteten. Und Hugo las weiter, bis die Uhr Mitternacht schlug und das Haus in Eppendorf schlief, alle außer ihm, der Junge mit den scharfen Augen, die nach dem nächsten Fehler suchten, nicht weil er böse war, sondern weil er jetzt wusste, dass er es konnte.

 

 

Dritte Szene

Der späte Nachmittag lag ungewöhnlich mild über der Stadt. Nach den Regentagen war es noch einmal freundlicher geworden, und aus dem feuchten Asphalt stieg der Geruch der Straße auf, vermischt mit Abgasen und der milden Luft eines überraschend schönen Herbsttages. Hugo lehnte an der Wand des kleinen Kiosks an der Ecke, die Hände in den Taschen seiner Hose, die Finger um ein paar Münzen gekrallt, die er seit zwanzig Minuten hin und her schob, ohne zu wissen, warum.

Er war seit dem Mittagessen unterwegs. Oder genauer: Seit dem Moment, an dem er durch die Küchenfenster gesehen hatte, wie Nina die Einfahrt ihres Elternhauses verlassen hatte, das gelbe Kleid flatternd wie ein Signal. Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er hatte nur die Münzen aus der Schublade im Flur genommen, diejenige, in der sein Vater das Kleingeld aufbewahrte, und war hinausgegangen, ohne seiner Mutter zu sagen, wohin. Elisabeth hatte von der Couch gerufen: ‚Nicht zu lange, Hugo, es wird früh dunkel!‘ Und er hatte gemurmelt: ‚Nur eine halbe Stunde‘, obwohl er gewusst hatte, dass es länger werden würde.

Das war zwei Stunden her.

In diesen zwei Stunden war er dreimal an diesem Kiosk vorbeigegangen. Das erste Mal hatte er eine Cola gekauft, die er nicht wollte. Das zweite Mal hatte er sich eine Tüte Erdnüsse gekauft, die er nicht aufgemacht hatte. Das dritte Mal, vor zehn Minuten, hatte er nur gestanden und mit dem Kioskbesitzer, einem dicken Mann namens Krause, der immer eine Schiebermütze trug, über das Wetter geredet. Oder eigentlich hatte Herr Krause über das Wetter geredet, und Hugo hatte zugehört und dann, aus irgendeinem Grund, angefangen, die Zahlen auf der Preistafel zu addieren. Eis 1,20. Cola 1,50. Zigaretten 3,80. Die Summe war 6,50. Er hatte es laut gesagt, ohne zu überlegen, und Herr Krause hatte ihn komisch angesehen und dann gelacht. „Du und deine Zahlen, Hugo. Bist du sicher, dass du nicht schon auf der Börse arbeitest?“

Hugo hatte nicht gelächelt. Er hatte nur genickt, ernst, wie er es bei Erwachsenen tat, wenn sie über Dinge redeten, die er verstand und sie nicht. Zahlen waren sein Terrain. Zahlen lügen nicht, verändern ihre Meinung nicht, seufzen nicht, wenn man ihnen sagt, dass man müde ist. Zahlen waren ehrlich.

Und jetzt stand er hier, an der Wand gelehnt, und sah, wie Nina aus der Schillerstraße kam.

Sie trug das gelbe Kleid, das er sich gemerkt hatte, und ihre Haare, die sonst offen waren, zu einem Pferdeschwanz gebunden, der bei jedem Schritt gegen ihren Rücken schlug. Sie ging nicht schnell, nicht langsam, sondern in diesem Tempo, das Mädchen haben, die genau wissen, wohin sie wollen, auch wenn sie es nicht eilig haben. Hugo wusste, dass sie fünfzehn war, zwei Monate und vier Tage älter als er. Er hatte es herausgefunden, indem er sie gefragt hatte, vor drei Wochen, an diesem Kiosk, und sie hatte gelacht und gesagt: „Was willst du denn wissen, du kleiner Detektiv?“ Er hatte nicht gewusst, ob das ein Kompliment war oder nicht. Aber er hatte sich die Zahl gemerkt. Fünfzehn. Zwei Monate. Vier Tage.

Sein Herzschlag beschleunigte sich, ein rhythmisches Pochen, das er in den Schläfen spürte. Er wusste nicht, warum. Bei Zahlen passierte das nie. Bei Zahlen war sein Herzschlag immer gleich, gleichmäßig wie ein Metronom. Aber jetzt, bei Nina, war es anders. Es war, als würde sein Körper eine Sprache sprechen, die er nicht verstand.

„Hallo“, sagte er, als sie in Hörweite kam. Seine Stimme klang rau, zu tief für seinen Mund. Er räusperte sich.

Nina blieb stehen. Ihre Augen, grün, ein klares Grasgrün, das er sich gemerkt hatte, musterten ihn von oben bis unten, nicht unfreundlich, nur neugierig, wie man einen Hund mustert, den man noch nicht kennt.

„Hallo“, sagte sie. „Was machst du denn hier?“

„Nichts Besonderes.“ Er zuckte mit den Schultern, eine Geste, die er von Svenja übernommen hatte, dieses Achselzucken, das bedeuten sollte: Ich bin locker, ich bin cool, mir ist alles egal. „Ich war nur unterwegs.“

„Die ganze Zeit?“

Hugo zögerte. „Nein. Ich war auch zu Hause. Dann hier. Dann...“ Er unterbrach sich. Er merkte, dass er zu viel erzählte, dass seine Worte wie kleine Vögel aus seinem Mund flatterten, die niemand einfangen wollte. Zu Hause war das anders. Wenn er zu Hause erzählte, wo er gewesen war, was er gemacht hatte, dann hörte seine Mutter zu. Sie nickte, sie fragte nach, sie interessierte sich. Svenja manchmal auch, wenn sie nicht gerade mit ihren Freundinnen telefonierte oder vor dem Spiegel stand und sich die Haare bürstete. Aber selbst dann, wenn sie spöttisch wurde und ihn „Kleiner“ nannte, hatte er das Gefühl, dass sie ihn sah. Dass er existierte.

„Ich habe schlecht geschlafen“, sagte er. Die Worte fielen aus ihm heraus, bevor er sie richtig formen konnte, wie Husten, den man nicht unterdrücken kann.

Nina runzelte die Stirn. Ein kleines Faltenpaar erschien zwischen ihren Augenbrauen, so fein, dass Hugo es fast nicht sah. „Wieso?“

Da war es wieder, dieses Pochen in seinen Schläfen. Sie hatte gefragt. Sie interessierte sich. Er kannte diesen Moment, kannte ihn aus tausend Situationen zu Hause. Wenn er sagte, dass er schlecht geschlafen hatte, dann legte seine Mutter sofort die Hand auf seine Stirn. „Hast du Fieber? Soll ich dir etwas zu trinken holen?“ Wenn er sagte, dass er müde war, dann fragte Svenja: „Willst du auf mein Zimmer kommen? Ich habe noch Cola.“ Sie war fünfzehn Jahre älter, manchmal fast wie eine zweite Mutter, manchmal wie eine Freundin, die ihn neckte und ihn „Kleiner“ nannte, aber immer da, immer mit einer Antwort, die ihn in die Mitte rückte, die ihn wichtig machte.

„Ich weiß nicht“, sagte Hugo. Er machte eine Pause, suchte nach den richtigen Worten, den Worten, die zu Hause funktionierten. „Ich lag die ganze Nacht wach. Irgendwie... ich fühle mich total schlapp. Als hätte ich gar nicht richtig geschlafen.“

Er wartete. Erwartete, dass sie näherkam, dass ihre Stimme weicher wurde, dass sie sagte: „Geht es dir wirklich nicht gut? Soll ich dir irgendwas holen?“ So würde seine Mutter reagieren. So würde Svenja reagieren, vielleicht mit einem Augenrollen, aber dann doch mit einem Angebot, einer Geste, einer Hand auf seiner Schulter.

Nina sah ihn an. Ihre Augen blieben grün, klar, unverändert. Dann zuckte sie mit den Schultern, dieselbe Geste, die er vorhin gemacht hatte, nur dass sie bei ihr anders aussah. Lockerer. Echter. Weniger berechnet.

„Dann geh doch nach Hause“, sagte sie.

Die Worte hingen einen Moment in der schweren Luft, bevor Hugo sie ganz verstand. Sie klangen nicht böse. Sie klangen nicht einmal desinteressiert. Sie klangen einfach logisch, wie eine mathematische Antwort auf eine mathematische Frage. Wenn müde, dann nach Hause. Wenn schlapp, dann ins Bett. Q.E.D.

„Ja“, sagte Hugo langsam. „Vielleicht.“

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Zu Hause würde seine Mutter jetzt die Hand auf seine Stirn legen, würde sagen: „Du siehst auch blass aus, mein Schatz.“ Svenja würde von ihrem Zimmer rufen: „Hugo, willst du eine Tafel Schokolade? Die mit den Nüssen?“ Und dann würden sie beide um ihn herum sein, würden ihn mit ihrer Aufmerksamkeit füllen wie ein Glas, das zu lange leer stand.

Nina drehte sich zum Kiosk um. „Ein Wassereis, bitte“, sagte sie zu Herrn Krause, der hinter der Theke auftauchte wie ein Wal aus der Tiefe.

Hugo blieb stehen, die Hände noch immer in den Taschen, die Münzen nun feucht vor Schweiß. Er fühlte sich sichtbar, auf eine Weise, die ihm nicht gefiel. Nicht sichtbar wie bei einem Auftritt, nicht sichtbar wie bei einer Präsentation. Sichtbar wie ein Gegenstand, der im Weg steht, den man nicht braucht, den man aber auch nicht wegräumen kann.

„Mein Vater hat gestern wieder über Aktien geredet“, sagte er plötzlich. Das war sicheres Terrain. Zahlen. Fakten. Dinge, die man berechnen konnte, die nicht plötzlich ihre Meinung änderten, nur weil man müde war. „In der Zeitung war ein Zahlendreher. Ich habe ihn gefunden. Mein Vater hat erst nicht geglaubt, dass es wirklich ein Fehler war.“

Nina drehte sich wieder zu ihm um, das Wassereis in der Hand. Ein kleines Stück Eis blieb an ihrer Unterlippe hängen, bevor sie es mit der Zunge wegnahm. „Echt?“

„Ja.“ Hugo sprach schneller jetzt, das Selbstbewusstsein kehrte zurück, das er kannte, das er aus den Gesprächen mit seinem Vater kannte, aus den Momenten, in denen Zahlen die Sprache waren und er fließend sprach, ohne nachdenken zu müssen. „Im Hoppenstedt. Ein Kurs war falsch. Nicht viel, aber falsch. Ich habe es sofort gesehen. Die Zahlen haben sich nicht richtig angefühlt. Wenn du lange genug mit Zahlen arbeitest, merkst du das. Es ist wie... wie wenn ein Bild schief hängt. Du siehst es sofort, auch wenn du nicht weißt, warum.“

Nina leckte an ihrem Eis. Sie nickte, aber es war nicht das Nicken von jemandem, der versteht. Es war das Nicken von jemandem, der wartet, dass der andere aufhört zu reden, damit man selbst weitermachen kann.

„Cool“, sagte sie.

Hugo verstummte. Das Wort war wie eine Wand, die vor ihm aufragte. Cool. Ein Wort, das alles abschloss, was man darauf sagen konnte. Er hatte das Gefühl, dass er etwas falsch gemacht hatte, aber er wusste nicht, was. Bei seinem Vater war es anders gewesen, aber nicht besser. Hugo hatte ihm den Fehler gezeigt und darauf gehofft, dass er wenigstens einen Moment innehielt, genauer hinsah, vielleicht sogar beeindruckt war. Stattdessen hatte sein Vater ihn erst zur Redaktion geschickt und später nur gesagt, auch ein blindes Huhn finde einmal ein Korn. Hugo wusste inzwischen, dass Anerkennung von ihm selten geradeheraus kam. Vielleicht war genau deshalb jede kleine Reaktion so wichtig für ihn.

Hier, mit Nina, fühlte er sich plötzlich zu laut, zu eifrig, zu sehr da.

Er suchte nach etwas, das sie interessieren könnte. Er wusste nicht, was Mädchen interessierte. Svenja interessierte sich für Klamotten, für Musik, für Jungen, die älter waren als Hugo und von denen sie manchmal nachts mit ihren Freundinnen telefonisch redete, lachend, mit dieser Stimme, die er nicht kannte. Seine Mutter interessierte sich für Gartenarbeit, für Bücher, dafür, ob er genug aß. Aber Nina? Er wusste nichts über sie, außer dass sie fünfzehn war und ein gelbes Kleid besaß und Wassereis mochte.

Ich bin eigentlich auch nicht sicher, ob ich überhaupt hätte kommen sollen‘, sagte er. Die Worte kamen diesmal langsamer, vorsichtiger, wie ein Versuch, etwas wiederherzustellen, das er nicht benennen konnte. ‚Ich meine, ich fühle mich irgendwie nicht so gut. Ich glaube, ich hätte lieber zu Hause bleiben sollen. Bei meiner Mutter. Die kümmert sich dann immer um mich.‘

Er wartete wieder. Diesmal sagte sie gar nichts. Sie sah ihn an, dieses grüne, unverständliche Grün, und dann seufzte sie. Es war kein lautes Seufzen, eher ein kleiner Ausstoß Luft, aber Hugo hörte es. Und er hörte etwas anderes in diesem Seufzen, etwas, das er nicht kannte. Nicht die Nachlässigkeit seiner Mutter, wenn sie müde war, nicht das spöttige Aufatmen seiner Schwester. Etwas anderes. Etwas, das ihn kleiner machte, ohne dass er wusste, warum.

„Hugo“, sagte Nina. Ihre Stimme war nicht unfreundlich, nur... fest. Bestimmt. „Es ist nur ein Eis. Wir stehen nur am Kiosk. Du musst nicht hier sein, wenn du dich nicht gut fühlst. Du musst auch nicht deiner Mutter erzählen, dass du hier warst.“

Er nickte. Ja. Natürlich. Es war nur ein Eis. Er wusste nicht, warum er das vergessen hatte.

In diesem Moment trat ein Mädchen aus der Seitengasse, das Hugo nicht kannte. Sie war etwas kleiner als Nina, trug ein blaues Kleid und hatte die gleiche Art von Pferdeschwanz, nur dass ihr Haar dunkler war.

„Nina!“, rief sie. „Ich habe überall nach dir gesucht! Wir wollten doch zu Sandra!“

Nina drehte sich um, und Hugo sah, wie sich ihr Gesicht veränderte. Es wurde heller, offener, als hätte jemand ein Licht angemacht, das er nicht hatte finden können. Ihre Augen wurden größer, ihr Mund zu einem Lächeln, das er noch nicht kannte, einem Lächeln, das nicht für ihn bestimmt war.

„Lena!“ Nina winkte. „Komm her!“

Lena kam auf sie zu, ihre Schritte schnell, fast hüpfend. Sie musterte Hugo kurz, ein flüchtiger Blick, der an ihm abglitt wie Wasser an einem Fenster, dann wandte sie sich wieder an Nina.

„Wer ist das?“, fragte sie, ohne ihn direkt anzusprechen.

„Das ist Hugo“, sagte Nina. „Der von der Börsenzeitung.“

Hugo zuckte zusammen. Der von der Börsenzeitung. So nannte sie ihn? Er wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. Es klang wie ein Titel, den man jemandem gab, den man nicht richtig kannte, eine Etikettierung, die ihn auf eine einzige Sache reduzierte.

„Ach, der“, sagte Lena. Ihr Tonfall war nicht unfreundlich, nur abwesend, als würde sie über etwas Wichtigeres nachdenken, als wäre er bereits abgehakt, erledigt. „Komm, wir müssen los. Sandra wartet schon.“

Nina nickte. Sie warf einen kurzen Blick auf Hugo, dann auf ihre fast leere Eistüte.

„Wir müssen los“, sagte sie. Nicht „Wir sehen uns“, nicht „Bis bald“. Nur: Wir müssen los.

Hugo spürte, wie etwas in ihm sank, ein leichtes, fast angenehmes Sinken, wie wenn man im Bett liegt und spürt, wie die Matratze sich an den Körper anschmiegt. Aber es war nicht angenehm. Es war nur schwer.

„Ja, klar“, sagte er. Er lächelte, ein Lächeln, das er von Svenja kannte, dieses Lächeln, das man macht, wenn man nicht zeigen will, dass etwas wehtut. „Ich geh auch gleich. Bin sowieso müde.“

Er hatte es wieder gesagt. Müde. Schlapp. Die Wörter, die zu Hause funktionierten, die seine Mutter und seine Schwester wie Magnete anzogen. Er konnte nicht aufhören, sie zu benutzen, auch wenn er spürte, dass sie hier etwas anderes bewirkten, etwas, das er nicht verstand, wie ein Schlüssel, der in ein Schloss passt, das er nicht kannte.

Nina und Lena machten Anstalten zu gehen. Sie drehten sich um, und Hugo hörte, wie Lena leise etwas sagte, etwas, das er nicht verstehen konnte, weil sie zu weit weg waren. Aber dann lachte Nina, ein kurzes, helles Lachen, und er hörte, wie sie antwortete, lauter jetzt, vielleicht ohne zu merken, dass er es noch hören konnte, vielleicht auch nicht.

„Der redet die ganze Zeit darüber, was ihm fehlt‘, sagte Nina. Ihre Stimme trug in der stillen Nachmittagsluft, klar und deutlich, wie eine Radiomeldung. „Erst dass er nicht geschlafen hat, dann dass er schlapp ist, dann dass er gar nicht hier sein wollte. Als würde ich ihn zwingen.“

Lena lachte, ein Kichern, das wie Glas klang. „Vielleicht will er, dass du dich um ihn kümmerst.“

„Als ob ich seine Mutter wäre“, sagte Nina.

Hugo stand allein am Kiosk, die Hände noch immer in den Taschen, die Münzen nun so feucht, dass sie sich anfühlten wie kleine nasse Steine. Hugo stand allein am Kiosk, die Hände noch immer in den Taschen, die Münzen nun so feucht, dass sie sich anfühlten wie kleine nasse Steine.

Als ob ich seine Mutter wäre.

Er verstand nicht, warum das negativ gemeint war. Seine Mutter war doch gut. Svenja auch. Sie kümmerten sich um ihn, fragten nach, nahmen ihn ernst. Wenn er sagte, dass er müde war, dann war das doch keine Erfindung. Er war müde. Er hatte schlecht geschlafen. Er fühlte sich schlapp. Und wenn er das sagte, dann reagierten sie. Warum war das hier falsch? Warum war das etwas, worüber man lachte?

Hugo nahm die Hände aus den Taschen. Die Münzen fielen klimpernd auf den Boden, eine, zwei, drei, und er bückte sich nicht, um sie aufzuheben. Er sah ihnen nach, wie sie im Staub lagen, kupfern und silbern, kleine runde Dinge mit Zahlen darauf. Zahlen, die man lesen konnte, die bedeuteten, was sie bedeuteten, die nicht plötzlich anders klangen, nur weil man müde war.

Er dachte an die Zahlen in der Zeitung, an den Zahlendreher, den er sofort gesehen hatte. Dort war alles klar. Wenn eine Zahl falsch war, sah man es. Wenn eine Zahl richtig war, auch. Es gab keine Zweideutigkeit, keine Stimmen, die leise wurden, keine Seufzer, die man nicht deuten konnte, keine Wörter wie „Cool“, die wie Wände waren.

Hier, mit Nina, war nichts klar. Er hatte etwas gesagt, das zu Hause funktionierte, und hier hatte es nicht funktioniert. Er hatte etwas anderes gesagt, das bei seinem Vater funktionierte, und hier hatte es auch nicht funktioniert. Es war, als würde er zwei verschiedene Sprachen sprechen, und keine davon war die richtige. Oder vielleicht war es anders: Es war, als hätte er sein ganzes Leben lang eine Sprache gelernt, und jetzt, plötzlich, stellte sich heraus, dass alle anderen eine andere sprachen.

Er bückte sich und hob die Münzen auf. Eine Zehn-Pfennig-Münze, eine Fünfzig-Pfennig-Münze, eine Zwei-Mark-Münze. Er zählte sie, ohne darüber nachzudenken. 2,60. Ein klarer Betrag. Eine klare Summe.

Dann drehte er sich um und ging nach Hause. Nicht, weil Nina es gesagt hatte, sondern weil er es selbst wollte. 

 

 

Hugo kam nach Hause, und die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss mit einem Geräusch, das in der Diele widerhallte wie etwas Endgültiges. Elisabeth rief aus der Küche, ihre Stimme trug den gleichen Ton wie immer, dieses leichte Steigen am Ende des Satzes, das eine Frage und zugleich eine Zusage war. Hugo antwortete nicht. Er ging die Treppe hinauf, zwei Stufen auf einmal, dann drei, als hätte er es eilig, obwohl er wusste, dass er nirgendwohin musste.

In seinem Zimmer ließ er sich aufs Bett fallen. Die Matratze gab unter ihm nach, ein vertrautes Knarren, das sonst beruhigte. Heute nicht. Er drehte sich auf die Seite und zog die Bettdecke über den Kopf. Unter dem Stoff wurde es dunkel, warm, abgeschottet. Die Geräusche des Hauses drangen nur noch gedämpft herein: das Ticken der Uhr im Flur, das ferne Klappern von Geschirr, das Summen eines Mopeds auf der Straße. Alles klang weit weg, als hätte jemand die Lautstärke einer Welt heruntergedreht, in der er ohnehin nicht mehr mitspielen wollte.

Er griff nach dem Walkman auf dem Nachttisch. Die Kopfhörer waren alt, das Schaumstoffpolster an der linken Seite eingerissen, so dass das Plastik darunter gegen sein Ohr drückte. Er steckte sie auf, drückte Play. Musik setzte ein, keine Melodie, die man pfeifen konnte, eher eine Klangfläche, dicht und mehrfach geschichtet, Synthesizer und ein Bass, der nicht im Takt ging, sondern nebenherlief wie ein zweiter Gedanke. Hugo kannte das Stück. Er hatte es oft genug gehört, um zu wissen, wo die Stimme einsetzte, wo die Schichten sich auftürmten und wo sie wieder abfielen. Aber heute drang es tiefer. Es war, als würde die Musik nicht in seine Ohren, sondern direkt in seinen Brustkorb fließen, nicht als Trost, sondern als etwas, das die Worte ablöste, die er nicht fand, und die Bilder ordnete, die sich nicht ordnen lassen wollten.

Er lag reglos, die Augen offen in der Dunkelheit unter der Decke. Die Musik nahm das auf, was der Nachmittag zurückgelassen hatte: das grüne, unverständliche Grün der Augen, das Kichern wie Glas, das Wort „Cool“, das wie eine Wand gewesen war. Sie verzerrte diese Bilder nicht, sie machte sie greifbar, legte sie in einen Raum, in dem er sie betrachten konnte, ohne dass sie ihn trafen. Er atmete langsam. Die Decke roch nach Wäsche und nach ihm selbst, nach dem Shampoo, das seine Mutter kaufte, und nach etwas Eigenem, das er nicht benennen konnte. Er zog sie fester um sich und drehte die Lautstärke ein Stück höher, nicht weil er die Musik lauter brauchte, sondern weil er die Stille draußen nicht hören wollte, die Stille, die entstand, wenn man aufhörte, zu tun, was andere erwarteten.

Unten klingelte das Telefon. Er hörte Elisabeths Schritte, gedämpft durch zwei Stockwerke, dann ihr Klopfen an der Tür.

„Hugo?“ Ihre Stimme war vorsichtig, dieses leichte Anhalten zwischen den Silben, das bedeutete, dass sie mehr wusste, als er ihr sagen wollte. „Alles in Ordnung?“

„Ja.“

„Kommst du zum Abendessen?“

„Ich bin müde.“

Eine Pause. Dann: „Ich lasse dir etwas auf dem Teller.“

Die Schritte entfernten sich. Hugo drehte sich auf den Rücken, die Kopfhörer pressten gegen seine Ohren. Die Musik hatte ein Stück gewechselt, etwas Langsameres, mit einem Bass, der wie ein Herzschlag klang, aber nicht seines. Er starrte in die Dunkelheit unter der Decke und fühlte, wie etwas in ihm sich langsam abschaltete, nicht sanft, sondern mit einem Klick, wie wenn man ein Gerät vom Strom zog. Er wusste nicht, ob es Wut war oder Verletztheit oder nur die Erschöpfung dessen, der etwas versucht hatte, ohne zu verstehen, welche Regeln gespielt wurden. Die Musik wusste es auch nicht. Aber sie hielt den Raum darüber, in dem diese Frage keine Antwort brauchte.

Am nächsten Tag klopfte Michael an die Tür. Er war ebenso alt wie Hugo, aber noch einmal gut fünf Zentimeter größer. Er war schlank und sportlich, hatte dichtes dunkles Haar und wirkte selbst mit fünfzehn schon auffallend gepflegt. Sie kannten sich seit der Grundschule, ohne dass es je eine besondere Geschichte dazu gegeben hätte. Er war einfach da gewesen, in allen Klassen, auf allen Pausenhöfen, und irgendwann hatte sich daraus etwas ergeben, das man Freundschaft nannte, ohne je darüber gesprochen zu haben. Er trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten, und ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen, den alten mit der wackelnden Lehne.

„Was hast du?“, fragte Michael. Er trug ein T-Shirt, das zu groß war, und roch nach dem Shampoo seiner Mutter, einem süßen Geruch, der in Hugos Zimmer fremd wirkte.

„Nichts.“

„Blödsinn. Du siehst aus, als hätte dir jemand ins Gesicht geschlagen.“

Hugo drehte sich zum Computer um. „Spielst du oder nicht?“

„Was denn?“

„Das Weltraumspiel. Oder das andere.“

„Weltraum“, sagte Michael und zog seinen Stuhl näher an den Schreibtisch.

Sie spielten eine Stunde, vielleicht länger. Hugo merkte, dass seine Reaktionen zu spät kamen. Seine Finger tasteten die Tastatur ab, aber sie gehorchten nicht. Ein Raumschiff explodierte auf dem grünen Bildschirm, dann ein zweites. Michael warf ihm einen Blick zu, nicht spöttisch, nur prüfend, dieses kurze Zögern, das bedeutete, dass er etwas bemerkte, aber noch nicht wusste, ob er es ansprechen sollte.

„Du bist heute irgendwie daneben“, sagte er schließlich.

„Bin ich nicht.“

„Doch. Du fliegst wie ein Rentner.“ Michael lachte, aber das Lachen verstummte schnell, als Hugo nicht mitlachte. „Ernsthaft. Was ist los?“

Hugo zuckte mit den Schultern. Er drückte eine Taste, und sein Schiff drehte sich in einer engen Kurve, zu eng, die Schilde flackerten.

„Wenn du nicht reden willst, ist das okay“, sagte Michael. „Aber hör auf, so zu tun, als wäre nichts. Du sitzt da wie ein Roboter.“

Hugo starrte auf den Bildschirm. Sein Schiff schwebte in der Dunkelheit des Weltraums, ein grüner Punkt auf schwarzem Grund. Er drückte Feuer, ohne Ziel, und die Laserstrahlen verschwanden im Nichts.

„Es war ein Mädchen“, sagte er schließlich. Er sagte es ohne jede Betonung, als wäre es eine Bemerkung über das Wetter, und er sagte nicht mehr.

Michael nickte, als hätte er es gewusst. „Und?“

„Und nichts.“ Hugo legte den Joystick beiseite. „Sie fand mich anstrengend.“

Michael lachte, diesmal länger. „Das ist doch mal was Neues. Normalerweise findest du nur Zahlen anstrengend.“

„Halt die Klappe.“

„Nein, wirklich.“ Michael lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Du musst Mädchen nicht erzählen, dass du müde bist. Die wollen was anderes hören.“

„Was denn?“

„Keine Ahnung. Dass sie hübsch sind. Oder dass du was Cooles gemacht hast. Oder einfach gar nichts. Manchmal muss man einfach nur da sein.“

Hugo sah ihn an. Michael war nicht besonders gut in solchen Dingen, das wussten beide. Aber er war da, und er sagte es, ohne dass es peinlich wurde.

„Spiel weiter“, sagte Hugo.

„Du willst nicht mehr reden?“

„Nein.“

Michael zuckte mit den Schultern und griff wieder zum Joystick. „Gut. Dann lass mich wenigstens gewinnen.“

Sie spielten weiter, und Hugo merkte, dass seine Reaktionen besser wurden, nicht gut, aber besser. Zwischen den Explosionen auf dem Bildschirm und den kurzen Zurufen, wenn einer dem anderen ein Schiff abgeschossen hatte, verging der Nachmittag, und als Michael ging, war das, was sich in Hugo festgesetzt hatte, nicht mehr ganz so scharf. Es war noch da, aber es war zu etwas Gewordenem geworden, zu etwas, das man nicht mehr anfasste, wenn man es nicht musste. 

 

 

Es war ein Sonntagmittag, an dem Werner zum Essen gekommen war. Er tauchte nicht einfach im Elternhaus auf, sondern hatte vorher angerufen, hatte gesagt, er sei in der Stadt, und Elisabeth hatte ihn zum Mittagessen eingeladen. Das war der natürliche Rhythmus ihrer Familie: Werner lebte sein eigenes Leben, war seit Jahren aus dem Haus, und wenn er erschien, dann mit einem Anlass und nicht als Selbstverständlichkeit.

Hugo bemerkte den Unterschied. Werner war nicht der ältere Bruder, der ständig da war und Anweisungen gab. Er war ein Erwachsener, der gelegentlich vorbeischaute, und in diesen Besuchen lag etwas Festliches, auch wenn niemand etwas Besonderes daraus machte. An diesem Tag trug Werner ein hellgraues Hemd, das ihm ein wenig zu groß war, und roch nach dem Auto, in dem er gefahren war. Er hatte seine Jacke über die Stuhllehne im Flur gelegt, bevor er sich an den Tisch setzte, und Hugo sah, wie seine Mutter lächelte, weil Werner trotz allem noch immer die gleiche Geste machte wie als Junge.

Sie aßen Rinderbraten. Der Vater erzählte etwas aus dem Büro, Elisabeth füllte nach, und Werner unterhielt sich mit ihr über eine gemeinsame Bekannte, die Hugo nicht kannte. Hugo saß dabei und hörte zu, nicht ausgeschlossen, aber auch nicht im Mittelpunkt. Er war der Jüngste, und an Tagen wie diesem spürte er, dass seine Familie ihn noch als den kleinen Hugo sah, der irgendwo in seinem Zimmer mit Zahlen herumspielte.

Erst nach dem Essen, als sie in der Küche halfen, den Tisch abzuräumen, zog Werner etwas aus der Innentasche seiner Jacke. Er hielt es nicht feierlich hoch, machte keine große Geste daraus. Er legte es einfach auf die Küchenarbeitsplatte, während Elisabeth gerade den Wasserhahn aufdrehte.

„Hier“, sagte Werner. „Für dich.“

Hugo sah hin. Es waren drei Blätter Papier, gefaltet, mit einem hellen, festen Karton darunter, der sie vor dem Knicken schützte. Er nahm sie hoch und faltete den Karton auf. Drei Wertpapiere. Lufthansa. Er kannte das blau-goldene Logo, er kannte den Namen, aber er hatte solche Papiere noch nie in der Hand gehalten.

„Papieraktien?“, fragte er.

„Echte“, sagte Werner. „Nicht nur Zahlen in der Zeitung. Drei Stück. Damit gehört dir ein winziger Teil von Lufthansa.“

Hugo hielt die Blätter ins Licht. Das Papier fühlte sich anders an als normales Papier, schwerer, mit einer Wasserzeichenstruktur, die er kaum erkennen konnte. Die Schrift war formell und altmodisch zugleich, und oben stand der Name der Gesellschaft in Buchstaben, die so wirkten, als hätte sie jemand mit Bedacht gewählt.

„Ein Teil von Lufthansa“, wiederholte Hugo. Er sah seinen Bruder an. „Wirklich?“

Werner lehnte sich gegen den Küchentresen und kreuzte die Arme vor der Brust. „Winzig. Mikroskopisch. Wenn du auf dem Flughafen landest und dir denkst, das ist jetzt auch ein bisschen meins – das ist Quatsch. Aber rechtlich gesehen: Ja. Du bist Aktionär. Einer von Tausenden.“

Elisabeth hatte den Wasserhahn zugedreht. Sie stand da, einen Teller in der Hand, und sah den beiden zu. Sie sagte nichts, aber Hugo bemerkte, dass sie lächelte, dieses leise, verschwiegene Lächeln, das er kannte und das bedeutete, dass etwas in Ordnung war.

„Was bedeutet das jetzt konkret?“, fragte Hugo.

„Bedeutet“, sagte Werner, „dass du an allem teilhast, was die Firma macht. Wenn sie Geld verdient, kann eine Dividende kommen. Wenn sie pleitegeht, sind deine drei Aktien wertlos. Und solange du sie hast, kannst du hingehen und auf dem nächsten Hauptversammlung fragen, warum die Flieger nicht pünktlich starten.“

„Das darf ich?“

„Theoretisch.“ Werner grinste. „Aber lass es lieber. Sonst lachen dich die Alten aus.“

Hugo sah wieder auf die Papiere. Er dachte an die Kurslisten, die er seit Monaten studierte. Er dachte an Zahlen, die er kannte, an Lufthansa, die er als Kurve in der Zeitung gesehen hatte, als Abfolge von Zahlen, die stiegen und fielen. Aber das hier war etwas anderes. Das war kein Abstraktum mehr. Das war ein Stück Firma, das man anfassen konnte.

„Warum gerade Lufthansa?“, fragte er.

„Weil ich welche hatte“, sagte Werner. „Und weil du offenbar seit Wochen nichts anderes tust, als nach Fehlern in Kursen zu suchen. Ich dachte mir, du solltest wissen, wie sich das anfühlt, wenn hinter den Zahlen tatsächlich etwas steht.“

Hugo nickte langsam. Er faltete die Aktien vorsichtig wieder in den Karton und steckte sie in seine Hosentasche. Er spürte, wie sie dort gegen seinen Oberschenkel drückten, und das Gefühl war seltsam konkret, fast unangenehm in seiner Körperlichkeit.

Später, am Abend, als Werner gegangen war und das Haus stiller wurde, holte Hugo die drei Papiere wieder hervor. Er suchte in seiner Schublade nach einer Klammer, fand keine, nahm dann ein Stück Klebeband und befestigte die Aktien an der Wand über seinem Schreibtisch, wo er sie vom Bett aus sehen konnte. Sie hingen schief, das Papier wölbte sich leicht, und das Licht der Schreibtischlampe fiel so, dass das Wasserzeichen nur halb sichtbar war.

Er lag im Bett und sah hinauf. Drei Blätter Papier. Ein winziger Anteil an einer Fluggesellschaft, an Maschinen, die gerade über dem Atlantik waren, an Piloten und Flugbegleitern und Flughäfen. Er besaß etwas, das er nicht anfassen konnte und das dennoch real war.

Die Börse war bislang ein Spiel gewesen, eine Jagd nach falschen Zahlen, nach Zahlendrehern und nach Mustern, die nur er zu sehen schien. Aber diese drei Aktien machten aus dem Spiel etwas Greifbares. Hugo wusste noch nicht, was das bedeutete. Er wusste nur, dass er sie morgen früh als Erstes wieder ansehen würde, bevor er zur Schule ging.

Szene 5

Nach dem Geschenk veränderte sich etwas in der Art, wie Hugo die Welt der Kurse betrachtete. Er hatte die Lufthansa-Aktie zuvor als eine Linie unter vielen wahrgenommen, als Eintrag in einer Liste, die er durchforstete, weil er nach Fehlern suchte. Jetzt war sie die Aktie, deren Papier an seiner Wand hing, und das veränderte alles.

Er begann, den Kurs regelmäßiger zu beobachten. Nicht mehr als sporadische Neugier, sondern als tägliche Gewohnheit. Er kaufte sich eine eigene Kursliste, die er nicht mehr aus der Zeitung ausschnitt, sondern für die er beim Zeitschriftenhändler am Bahnhof extra bezahlte. Er legte sie auf seinen Schreibtisch, neben die drei Aktien, und verglich.

Zuerst suchte er noch nach dem, was er kannte: nach Zahlendrehern, nach offensichtlichen Fehlern, nach Abweichungen, die keinen Sinn ergaben. Aber je öfter er hinsah, desto mehr verschob sich seine Frage. Er begann nicht mehr zu fragen: Wo ist ein Fehler? Er begann zu fragen: Warum steigt oder fällt diese Aktie?

An einem Dienstagabend, als der Kurs um vierzehn Pfennig gefallen war, saß Hugo lange vor seinen Unterlagen. Er hatte die Zahlen der letzten Wochen vor sich ausgebreitet, die Kursbewegungen, die Umsätze. Er versuchte, ein Muster zu erkennen, das mit Logik zu tun hatte, nicht mit einem Druckfehler. Warum war die Aktie gestiegen, als am Vortag die Nachrichten über einen Streik der Fluglotsen gekommen waren? Ein Streik sollte doch schlecht sein. Aber der Kurs war gestiegen. Hugo verstand das nicht.

Er ging hinunter in die Küche, wo Elisabeth den Abendspülgang erledigte.

„Mama“, sagte er. „Wenn eine Firma schlechte Nachrichten hat, warum steigt dann der Kurs?“

Elisabeth drehte sich um, die Hände noch nass. „Was meinst du?“

„Lufthansa. Es gab Streik. Und der Kurs ist gestiegen. Das passt doch nicht zusammen.“

Elisabeth überlegte einen Moment. „Vielleicht haben die Anleger gedacht, der Streik wird die Kosten senken. Oder die Konkurrenz wird geschwächt. Oder es war gar nicht der Streik, der den Kurs bewegt hat.“

„Aber was dann?“

„Das weiß ich nicht, Hugo. Ich verstehe von Börsen nicht mehr als du.“

Er sah sie an und wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Elisabeth war keine Person, die ihm etwas vortäuschen würde, und in diesem Moment wünschte er sich fast, sie hätte eine einfache Erklärung gehabt. Stattdessen blieb die Frage stehen.

Am nächsten Tag versuchte er, Werner zu erreichen. Er rief ihn bei der Arbeit an, eine Nummer, die er nur selten benutzte. Eine Sekretärin meldete sich, und dann war Werner am Apparat, etwas gedämpft, als säße er in einem großen Raum.

„Hugo“, sagte er. „Was ist?“

„Die Lufthansa-Aktie. Sie ist gestiegen, obwohl Streik war. Warum?“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. Hugo hörte Papierrascheln.

„Weil der Markt nicht immer das tut, was du erwartest“, sagte Werner schließlich. „Vielleicht haben andere gedacht, der Streik zwingt die Firma zu sparen. Vielleicht war der Streik schon eingepreist, das heißt, die Anleger haben ihn erwartet. Oder vielleicht ist an dem Tag einfach jemand eingestiegen, der genug Geld hatte, um den Kurs zu bewegen, und dem war der Streik egal.“

„Eingepreist“, wiederholte Hugo. Das Wort gefiel ihm nicht. Es klang nach einer Ausrede.

„Das heißt, die Nachricht war schon vorher bekannt“, sagte Werner.

„Aber wenn die Nachricht schon bekannt war, warum hat der Kurs nicht schon vorher reagiert?“

„Weil der Markt kein Uhrwerk ist, Hugo. Er ist eine Ansammlung von Menschen, die unterschiedlich denken, unterschiedlich schnell reagieren und unterschiedlich viel Geld haben. Manchmal passiert etwas, weil es logisch ist. Manchmal passiert es, weil genug Leute glauben, dass es passieren wird. Und manchmal passiert einfach nichts, obwohl es logisch wäre.“

Hugo hielt den Hörer fester. „Das ist keine Erklärung.“

„Doch“, sagte Werner. „Es ist nur keine, die dir gefällt.“

Nach diesem Gespräch saß Hugo eine Weile reglos auf seinem Stuhl. Er spürte, dass Werner recht hatte, und es ärgerte ihn. Er war es gewohnt, dass Zahlen folgten, wenn man ihre Logik erkannte. Aber die Börse schien eine andere Art von Logik zu besitzen, eine, die nicht nur aus Zahlen bestand, sondern aus Erwartungen, aus Angst und aus dem Geld anderer Leute.

Er begann, andere Fragen zu stellen. Er fragte seinen Vater, was Lufthansa eigentlich besaß. Er fragte Werner, wie viel die Firma verdiente. Er versuchte, aus den Zeitungsartikeln zu verstehen, wie hoch die Schulden der Fluggesellschaft waren, und er stieß dabei auf Begriffe, die er noch nicht kannte: Eigenkapitalrendite, Verschuldungsgrad, Bilanzsumme. Er schrieb sie sich auf ein Blatt Papier und legte es neben die Kurslisten.

Manchmal verstand er etwas sofort. Manchmal las er einen Absatz fünf Mal und begriff nicht, warum eine hohe Verschuldung in einem Fall schlecht und in einem anderen Fall unerheblich war. Er verglich Lufthansa mit anderen Fluggesellschaften, die er in den Listen fand, und merkte, dass die Kurse sich nicht immer danach richteten, was er für die bessere Firma hielt. Einmal warf er den Stift auf den Tisch, weil eine Aktie, über deren Unternehmen er nur schlechte Nachrichten gelesen hatte, einen Tag später um acht Prozent gestiegen war.

„Das ist doch nicht logisch“, sagte er laut, obwohl niemand im Zimmer war.

Aber er ließ nicht los. Je mehr er las, desto mehr Fragen tauchten auf. Er begann, die Unternehmen hinter den Kursen zu sehen, nicht mehr nur die Zahlen selbst. Und das Geschenk der drei Papieraktien, die an seiner Wand hingen, war der Auslöser dafür gewesen. Aus der Fehlersuche war etwas anderes geworden: der Versuch, zu verstehen, warum ein Unternehmen das wert war, was der Markt an einem bestimmten Tag dafür verlangte.

Szene 6

Es begann mit dem Hoppenstedt Aktienführer. Hugo hatte das dicke Buch schon einmal in der Hand gehabt, als er noch nur nach Zahlendrehern suchte, aber er hatte es damals als unübersichtlich empfunden, als Werkzeug für Leute, die mehr wussten als er. Jetzt öffnete er es wieder, blätterte zu Lufthansa und versuchte, die Zahlen zu lesen, die dort standen.

Vermögen. Schulden. Eigenkapital. Gewinne. Beteiligungen. Börsenbewertungen.

Die Begriffe waren nicht neu, aber ihre Bedeutung begann sich zu verändern. Früher waren es Wörter gewesen, die er in der Zeitung überflogen hatte. Jetzt waren es Kategorien, unter denen er versuchte, ein Bild von der Firma zu zeichnen. Er saß an seinem Schreibtisch, den Aktienführer aufgeschlagen vor sich, die Kurslisten daneben, und er verglich.

Lufthansa besaß Flugzeuge. Das war offensichtlich. Aber sie besaß auch Anteile an anderen Firmen, an Bodendiensten, an Wartungsgesellschaften, an Computerzentren, die er nicht verstand. Sie hatte Schulden, große Schulden, weil Flugzeuge teuer waren. Aber sie hatte auch Gewinne, zumindest in manchen Jahren, und manchmal hatte sie Verluste, die so hoch waren, dass Hugo nicht verstand, warum die Aktie überhaupt noch gehandelt wurde.

Er begann, die Geschäftsberichte zu lesen, die er sich vom Investor Relations Service der Firma hatte schicken lassen. Sie kamen in weißen Umschlägen mit dem Logo der Gesellschaft, und Hugo fühlte sich jedes Mal seltsam erwachsen, wenn er sie öffnete. Die Berichte waren dick, voller Tabellen und Fußnoten, und er las sie Seite für Seite, auch wenn er nicht alles verstand.

Die Telebörse, die er abends manchmal sehen konnte, wenn die Eltern nichts dagegen hatten, wurde zu einem festen Bestandteil seines Tages. Er saß vor dem kleinen Fernseher im Wohnzimmer und hörte den Kommentatoren zu, die von „Marktstimmung“ sprachen, von „Kurszielen“ und von „Unterbewertung“. Er verstand etwa die Hälfte. Aber er merkte, dass die Männer im Fernsehen oft etwas anderes sagten als die Zahlen, die er selbst vor sich hatte. Einmal sagte ein Analyst, Lufthansa sei „fair bewertet“. Hugo hatte gerade im Aktienführer gelesen, dass das Eigenkapital der Firma in Relation zum Börsenwert niedriger war als bei der Konkurrenz. Für ihn war das ein Widerspruch. Wie konnte etwas fair bewertet sein, wenn es im Vergleich zu anderen Firmen weniger Substanz pro Aktie bot?

Er begann, sich länger mit einzelnen Unternehmen zu beschäftigen. Er verglich Lufthansa mit British Airways, die er ebenfalls im Aktienführer fand. Er verglich sie mit einer kleinen Regionalfluggesellschaft, deren Aktie er in einer Kursliste entdeckt hatte. Er schrieb die Zahlen nebeneinander auf Blätter, die er aus dem Schreibtisch seiner Mutter nahm, und betrachtete die Spalten.

Noch hatte er keine Methode. Er wusste nicht, welche Kennzahlen wichtig waren und welche nicht. Er wusste nicht, ob er die Schulden absolut oder relativ betrachten sollte. Manchmal rechnete er Stunden an einem Abend und merkte am nächsten Tag, dass er einen Fehler gemacht hatte, weil er zwei Zahlen aus unterschiedlichen Jahren verglichen hatte. Aber er hielt durch. Aus der Neugier war ernsthafteres Interesse geworden, und aus der Fehlersuche war die Frage nach dem Wert eines Unternehmens geworden.

Der entscheidende Moment kam an einem Freitagnachmittag. Hugo saß wieder an seinem Schreibtisch, den Hoppenstedt aufgeschlagen, die neueste Kursliste daneben. Er hatte gerade die Bilanz einer Firma studiert, die Maschinenbauteile herstellte und deren Aktie er zufällig in der Liste gefunden hatte. Die Firma besaß ein Werksgelände, das in den Büchern mit einem bestimmten Wert ausgewiesen war. Sie hatte Beteiligungen an zwei anderen Unternehmen, deren Wert ebenfalls auf der Aktivseite stand. Sie hatte Schulden, aber die schienen ihm überschaubar. Und sie erzielte Gewinne, nicht riesige, aber solide.

Hugo addierte die Werte in seinem Kopf, so gut er konnte. Er schätzte die Gebäude, die Maschinen, die Beteiligungen. Er zog die Schulden ab. Und dann sah er auf den aktuellen Börsenkurs. Und er starrte.

Der Gesamtwert der Firma an der Börse, der sogenannte Börsenwert, lag deutlich unter dem, was er selbst für den Wert des Unternehmens hielt, wenn man Vermögen, Beteiligungen und Gewinne zusammennahm. Es war keine exakte Rechnung. Hugo war sich bewusst, dass er Dinge übersehen konnte, dass die Gebäude vielleicht nicht mehr so viel wert waren wie in den Büchern, dass die Beteiligungen komplizierter zu bewerten waren als er dachte. Aber die Differenz war so groß, dass sie ihn nicht losließ.

Er dachte: Das passt doch nicht zusammen.

Er stand auf, ging hinunter in die Küche. Sein Vater saß dort und las die Zeitung. Hugo legte seine Blätter auf den Tisch.

„Papa“, sagte er. „Wenn eine Firma Gebäude besitzt und Maschinen und Beteiligungen, und wenn sie Gewinne macht – warum ist sie dann an der Börse weniger wert als das, was sie besitzt?“

Der Vater sah auf. Er betrachtete die Zahlen, die Hugo hingeschrieben hatte. Er verstand nicht alles, was sein Sohn da zusammengetragen hatte, aber er verstand die Frage.

„Weil eine Aktie eben so viel wert ist, wie jemand dafür bezahlt“, sagte er. „Der Preis ist nicht immer das, was du rechnest. Der Preis ist das, was der Markt bereit ist zu zahlen.“

Hugo schüttelte den Kopf. „Aber das kann doch nicht stimmen. Wenn die Firma wirklich das besitzt, was in den Büchern steht, und wenn sie wirklich Gewinne macht – warum zahlt der Markt dann weniger?“

„Vielleicht“, sagte der Vater, „weil die Leute glauben, dass die Gewinne nicht bleiben. Oder weil sie Angst haben. Oder weil sie einfach andere Firmen kaufen wollen.“

„Aber dann irren sie sich doch“, sagte Hugo.

Sein Vater zuckte mit den Schultern. „Manchmal. Manchland auch nicht. Der Markt hat oft recht, auch wenn man es nicht versteht.“

Hugo nahm die Blätter wieder hoch. Er war nicht zufrieden. Die Antwort seines Vaters war die gleiche, die Werner ihm gegeben hatte: Der Markt war nicht logisch, der Markt war eine Ansammlung von Menschen, der Markt hatte seine eigenen Gesetze. Aber für Hugo reichte das nicht. Wenn eine Firma etwas Besitzt und verdient – musste sie dann nicht einen bestimmten Wert haben, unabhängig davon, was der Markt an einem einzelnen Tag dafür verlangte?

Er ging zurück in sein Zimmer und sah auf die drei Lufthansa-Aktien an der Wand. Sie hingen leicht schief, das Licht fiel auf das Wasserzeichen. Er dachte an die Frage, die sich ihm aufgedrängt hatte: Was ist ein Unternehmen tatsächlich wert – und kann der Markt sich irren?

Das war keine Frage, die er mit einem Abend lesen beantworten konnte. Das war keine Frage, die der Aktienführer oder die Telebörse oder sein Vater für ihn beantworten konnten. Es war eine Frage, die er selbst zu beantworten versuchen musste.

Und in diesem Moment, an diesem Freitagnachmittag, während draußen das Licht der untergehenden Sonne durch sein Fenster fiel und die drei Aktien an der Wand in ein weiches Blau tauchte, wusste Hugo, dass Beobachten nicht mehr genügte.

Er wollte es ausprobieren. Er wollte wissen, ob das, was er dachte, wenn er die Zahlen betrachtete, auch dann noch stimmte, wenn eigenes Geld daran hing. Er wollte nicht mehr nur zusehen, wie andere kauften und verkauften. Er wollte selbst handeln.

Es war kein großer pathetischer Moment. Er schrieb nichts auf, er sagte es niemandem laut. Er saß nur da, die Blätter mit den Zahlen auf dem Schreibtisch vor sich, und wusste, dass sich etwas verändert hatte. Die Börse war für ihn kein Ort der Fehler mehr, kein Spiel mit Zahlen. Sie war ein Ort, an dem jemand, der genauer hinsah als andere, vielleicht etwas finden konnte, das die anderen übersehen hatten.

Hugo legte die Blätter beiseite. Er würde nicht sofort handeln. Er wusste, dass er noch nicht genug wusste, dass er noch keine Methode hatte, keine Erfahrung, kein Kapital, das er eigenständig einsetzen konnte. Aber der Entschluss stand. Er würde lernen, er würde weiterlesen, er würde die Geschäftsberichte verstehen, und er würde irgendwann, wenn er bereit war, mit eigenem Geld seine ersten Entscheidungen treffen.

Er sah noch einmal zu den drei Aktien hinauf. Dann drehte er sich um und griff nach dem Hoppenstedt, der auf seinem Schoß lag. Er blätterte weiter, und als es dunkel wurde, machte er die Schreibtischlampe an und las weiter, während das Haus um ihn herum zur Ruhe kam.

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