Kapitel 3 – Frankfurt
Teil 1
Der Herbst lag schwer über Hamburg, und der Himmel über Eppendorf war der Farbe von nasser Asche. Hugo saß an dem kleinen Tisch unter dem Fenster, das zum Garten hinaussah, und vor ihm lagen die Dinge, die er nicht mehr zusammenstellen musste, weil sie längst irgendwo in Frankfurt existierten – in Akten, in Computern, in den Köpfen von Männern, die ihn noch nie gesehen hatten und die dennoch wussten, wie er dachte.
Er blätterte in dem braunen Ordner, den seine Mutter ihm vor drei Jahren gekauft hatte, damals noch für die Schule, für Hefte und Klassenarbeiten. Jetzt steckten darin Ausdrucke von Kurslisten, handschriftliche Notizen, Berechnungen auf kariertem Papier, an denen Ränder so dunkel waren von Radiergummi und Nachbesserungen, dass das Papier an manchen Stellen durchscheinig geworden war. Er blätterte nicht, um sich zu überzeugen. Er blätterte, um sich zu erinnern. An die Fehler vor allem.
Die Seite mit der Nordrhein-Chemie lag obenauf. Er sah den Zahlendreher noch vor sich, die 3 und die 9, die vertauschten Stellen, und er hörte die Stimme der Frau am Telefon, diesen Ton, für den es kein Formular gab. Damals hatte er noch geglaubt, der Fehler sei der Höhepunkt. Er wusste jetzt, dass er nur der Anfang gewesen war.
Hinter ihm knarrte die Tür. Er drehte sich nicht um. Er kannte den Schritt, dieses leichte Zögern vor der Schwelle, das seine Mutter Elisabeth immer hatte, als müsse sie erst prüfen, ob der Raum sie zuließ.
„Du sitzt schon wieder da“, sagte sie. Nicht vorwurfsvoll. Feststellend.
„Ich gehe die Entscheidungen durch.“
„Die kennst du doch.“
„Ich gehe die Fehler durch“, sagte Hugo und blätterte eine Seite weiter. „Die will ich parat haben. Wenn die fragen, warum ich bei der Metallgesellschaft zu früh ausgestiegen bin. Oder warum ich die Bayer-Aktie gehalten habe, als sie fiel.“
Elisabeth trat näher. Sie trug den alten grauen Pullover, den sie immer anzog, wenn sie am frühen Morgen in die Küche ging, und in der Hand hielt sie zwei Tassen. Sie stellte eine neben seinen Ordner. Kaffee, schwarz, so wie er ihn seit einem Jahr trank.
„Die werden nicht nach deinen Fehlern fragen“, sagte sie.
„Die werden gerade nach den Fehlern fragen. Weil sie wissen müssen, ob ich daraus gelernt habe. Oder ob ich nur Glück hatte.“
Er sah auf. Elisabeth stand neben ihm und blickte auf die geöffneten Seiten, auf die Zahlen, die Kursverläufe, die von seiner Hand mit Bleistift eingezeichneten Trendlinien. Er wusste, dass sie nichts davon verstand. Aber er wusste auch, dass sie in den letzten Monaten gelernt hatte, etwas anderes zu verstehen: die Härte, mit der er diese Dinge betrachtete. Die Art, wie er einen Verlust von vierzehntausend Mark auf einem Blatt stehen hatte, ohne dass das Papier zerknittert war, ohne dass die Zahl ausgerubbelt oder beschönigt wurde.
Sie legte eine Hand auf seine Schulter. Ihre Finger waren kalt von der Küche her.
„Du bist siebzehn“, sagte sie leise. „Fast achtzehn. Und die Deutsche Bank lädt dich nach Frankfurt ein. Nicht deinen Vater. Nicht irgendeinen Herrn aus der Zeitung. Dich.“
Hugo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, ein Muskel unter dem Schlüsselbein, den er nicht willentlich entspannen konnte. Er hasste dieses Gefühl. Es war nicht Angst. Es war die Vorahnung von Prüfung, von einem Raum, in dem jeder Satte zählte, und von Männern in Anzügen, die ihn anschauen würden wie ein seltsames Insekt, das aus der Zeitung gekrochen war.
„Der Vater“, sagte Hugo.
Elisabeth zog die Hand zurück. Sie ging zum Fenster und sah hinaus auf den nassen Rasen, auf die Hecken, die der Vater im Sommer geschnitten hatte, bevor die Abende kälter geworden waren und er wieder länger im Lokal geblieben war.
„Der Vater bleibt der Vater“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht hart, aber sie war fest geworden in den letzten Wochen, seit die Einladung gekommen war, seit dieser Brief mit dem schweren Papier und dem Prägedruck auf dem Schreibtisch im Flur gelegen hatte. „Er sagt, es sei ein Schwindel. Oder ein Zufall. Oder beides.“
„Er sagt, ich hätte alles nur geraten.“
„Er sagt“, Elisabeth drehte sich um, und in ihrem Gesicht lag etwas, das Hugo noch nicht kannte, ein Ausdruck, der zwischen Stolz und Schmerz hin- und herwanderte, „dass eine Bank keinen Jungen einlädt, der nicht einmal sein Abitur hat. Dass da etwas nicht stimmen müsse.“
Hugo schloss den Ordner. Das Geräusch war lauter als beabsichtigt, ein dumpfes Klatschen im stillen Zimmer.
„Und du?“, fragte er.
Elisabeth lächelte. Es war kein großes Lächeln, keines, das Fotos machte oder Gäste begrüßte. Es war das Lächeln einer Frau, die seit siebzehn Jahren wusste, dass ihr Sohn anders war, und die jetzt, zum ersten Mal, nicht mehr allein dastehen musste mit diesem Wissen.
„Ich packe die Taschen“, sagte sie. „Svenja kommt in einer halben Stunde. Und du – du zieh dir etwas an, das nicht nach Kellner aussieht.“
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Der Vater war nicht zum Frühstück gekommen. Sein Stuhl stand leer an der Ecke des Tisches, leicht schräg, wie er ihn immer zurückschob, wenn er aufstand. Hugo sah ihn an, diesen leeren Stuhl, während er ein Brötchen aß, das er nicht schmeckte. Die Butter war zu kalt, das Glas Saft stand unberührt vor ihm.
In der Küche war das Rauschen der Wasserhahn zu hören, dann das Klappern von Tellern. Elisabeth packte nicht nur Taschen, sie räumte auf, erledigte Dinge, die bis zum Abend warten könnten, als müsse sie die Stunden vor der Abfahrt mit Bewegung füllen, damit sie nicht nachdenken musste.
Svenja kam früher als angekündigt. Hugo hörte ihre Schritte auf dem Weg, dieses leichte Trippeln, das er kannte, und dann das Klingeln, das seine Mutter ihr erspart hatte, weil die Tür bereits offen stand.
Sie stand im Türrahmen, und der Mantel, den sie trug, war zu weit für ihre Schultern, ein alter Trenchcoat ihrer Mutter, den sie sich geliehen hatte, weil ihre eigenen Jacken nicht mehr passten. Hugo sah sie an, und für einen Moment vergaß er den Ordner, den Kaffee, die Bank, alles.
Die Schwangerschaft war sichtbar jetzt. Nicht mehr dieses geheime Rundwerden unter weiten Pullovern, das sie im Sommer noch verbergen konnte. Der Trenchcoat war offen, und darunter spannte der Stoff ihres Kleides über dem Bauch, einer festen, unverkennbaren Kugel, die ihr Körper vor sich hertrug. Sie war in der fünften Monat, vielleicht der sechste, und sie trug es anders als andere Mädchen. Nicht beschämt. Nicht defensiv. Sie trug es wie eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hatte.
„Du starrst“, sagte Svenja und lächelte.
„Du bist früh.“
„Ich konnte nicht schlafen.“ Sie kam herein, ließ den Mantel auf dem Stuhl im Flur fallen, und ihre Bewegungen hatten diese neue Schwere, dieses vorsichtige Gleichgewicht, das sie in den letzten Wochen angenommen hatte. Sie ging nicht mehr, sie schwang leicht, die Hüfte vor, die Hand manchmal unwillkürlich an den Rücken geführt, als suche sie nach einer Stütze, die sie noch nicht brauchte.
Elisabeth erschien in der Küchentür. Sie sah Svenja an, dann ihren Bauch, dann wieder ihr Gesicht. Es war kein langer Blick. Ein prüfender, fast ärztlicher, der aber so schnell vorbei war, dass man ihn hätte vermissen können.
„Du frühstückst mit“, sagte Elisabeth. Keine Frage.
„Ich habe schon gegessen“, sagte Svenja. „Aber ich nehme einen Tee.“
Sie setzte sich neben Hugo. Nicht ihm gegenüber, neben ihm, so nah, dass ihr Arm seinen berührte, wenn sie sich nach vorne beugte. Ihr Haar roch nach dem Shampoo, das sie benutzte, nach etwas Kräuterartigem, das er mit dem Begriff „Kamille“ verband, obwohl er nicht wusste, ob Kamille überhaupt so roch.
„Nervös?“, fragte sie leise.
„Nein.“
„Lügner.“
Er drehte den Kopf. Sie sah ihn an, und ihre Augen hatten diese Farbe, die er nicht benennen konnte, ein Grau, das ins Grüne spielte, je nachdem, wie das Licht fiel. Jetzt, im trüben Schein der Küchenlampe, waren sie dunkel, fast schwarz.
„Ich gehe die Fehler durch“, sagte er. „Nicht die Erfolge. Die kennen die schon.“
„Das weiß ich“, sagte Svenja. „Ich habe dich beobachtet. Die ganze Woche. Du sitzt da und rechnest gegen dich selbst. Als müsstest du dich vorher bestrafen, damit die anderen es nicht tun müssen.“
Hugo wollte etwas sagen, aber Elisabeth kam mit dem Tee zurück, und Svenja nahm die Tasse mit beiden Händen, und der Moment war vorbei, dieser kleine Raum zwischen ihnen, in dem sie manchmal Dinge sagten, die sonst niemand hörte.
„Wir fahren in einer Stunde“, sagte Elisabeth. „Der Zug geht um halb zehn. Ich habe die Karten.“
„Der Zug?“, fragte Hugo.
„Der Zug“, sagte Elisabeth. „Ich fahre nicht mit dem Auto nach Frankfurt, wenn mein Sohn von der Deutschen Bank empfangen wird. Ich fahre im ICE, wie Menschen das tun, wenn sie etwas Wichtiges vorhaben. Und du – du sitzt am Fenster. Oder neben dem Fenster. Svenja braucht den Gang.“
Svenja lachte. Es war ein leises, warmes Geräusch, das in der Küche hing wie der Dampf über ihrer Teetasse.
„Ich bin noch nicht so groß, dass ich den Gang brauche.“
„Du wirst es unterwegs brauchen“, sagte Elisabeth trocken. „Die Toiletten im ICE sind eng. Und du wirst mindestens dreimal müssen. Das ist keine Vorhersage, das ist Erfahrung.“
Hugo sah seine Mutter an. Er hatte sie in den letzten Monaten anders erlebt, seit das Geld nicht mehr nur ein Gerücht war, seit die Kontoauszüge Zahlen zeigten, die sie nicht mehr als Zufall abtun konnte. Sie war härter geworden, entschlossener, praktischer. Sie hatte nicht gefragt, woher das Geld kam. Sie hatte gefragt, was sie damit tun sollten. Und als er gesagt hatte, sie sollten nichts tun, sie sollten warten, hatte sie gewartet, ohne nachzufragen, ohne zu zögern.
Das war neu. Das war etwas, das er noch nicht kannte: das Vertrauen seiner Mutter, ausgesprochen nicht in Worten, sondern in der Art, wie sie die Karten kaufte, die Taschen packte, die Entscheidungen traf, die früher seine allein gewesen waren.
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Der Hauptbahnhof roch nach Kaffee, nach altem Mauerwerk und nach dem Parfüm einer Frau, die an Hugo vorbeiging, als sie auf das Gleis einbiegen. Die Halle war heller als draußen, die Glasdecke ließ ein trübes Licht herein, das auf den Bahnsteigen lag wie abgestandenes Wasser.
Hugo trug den kleinen Koffer, den Elisabeth ihm gegeben hatte. Darin lagen zwei Hemden, eine Hose, Unterwäsche, und der Ordner, den er nicht mitnehmen musste, den er aber mitnahm, weil es ihm unmöglich erschien, ihn zurückzulassen. Svenja ging neben ihm, etwas langsamer als sonst, und ihre Hand lag manchmal an seinem Arm, nicht als würde sie sich stützen, sondern als würde sie prüfen, ob er noch da war.
Elisabeth ging voraus. Sie kannte den Weg, sie hatte die Karten, sie wusste, in welchem Wagen sie saßen. Sie führte sie durch die Menge, nicht eilig, aber auch nicht zögernd, eine Frau mit einem Ziel, und die Leute wichen ihr aus, nicht weil sie groß war oder laut, sondern weil sie diese Art von Bestimmtheit hatte, die Räume schuf, wo keine waren.
Im Zug roch es nach neuem Stoff und nach Kunstleder. Ihre Plätze waren in der ersten Klasse, und Hugo sah die Preise auf den Karten, als Elisabeth sie aus der Tasche nahm, und er rechnete automatisch, wie viele Stunden Kellnern das waren, wie viele Teller er hatte tragen müssen, um diesen einen Platz zu bezahlen. Er hatte im Sommer im Lokal seines Vaters gearbeitet, abends, nach der Schule, und später, als die Kurse stiegen, hatte er nur noch freitags und samstags gearbeitet, dann gar nicht mehr. Aber das Geld, das er verdient hatte, die Münzen und Scheine, die schwer in seiner Tasche gewesen waren, waren in die ersten Aktien geflossen, in die Nordrhein-Chemie, in die Bayer, in die Metallgesellschaft, und aus diesen ersten kleinen Beträgen war etwas geworden, das er nicht mehr in Scheinen zählen konnte.
Er setzte sich ans Fenster, wie seine Mutter es angeordnet hatte. Svenja nahm den Platz am Gang, und Elisabeth setzte sich ihnen gegenüber, auf den Fensterplatz der anderen Seite, als wollte sie beide im Blick haben.
Der Zug setzte sich in Bewegung, und Hamburg begann sich zurückzuziehen, die Häuser, die Brücken, die Elbe, die grau und träge unter dem trüben Himmel dahinfloss. Hugo lehnte den Kopf an die Scheibe und spürte das Vibrieren der Scheibe gegen seine Schläfe.
„Du hast nicht geschlafen“, sagte Svenja. Nicht fragend.
„Nein.“
„Wie viele Stunden?“
„Zwei. Vielleicht drei.“
Sie legte ihre Hand auf seinen. Ihre Finger waren warm, fast heiß, und er wusste, dass das die Schwangerschaft war, dieses neue Blut, das schneller durch sie strömte.
„Erzähl mir von den zweiundzwanzigtausend“, sagte sie.
Hugo drehte den Kopf. Sie sah ihn an, und ihre Augen waren im bewegten Licht des Zuges heller, fast golden, wenn die Sonne durch die Wolken brach und einen Moment auf ihr Gesicht fiel.
„Die Metallgesellschaft“, sagte er. „Ich bin zu früh ausgestiegen. Ich hatte Angst, dass sie weiter fallen. Sie sind gestiegen. Um achtzehn Prozent. Hätte ich gehalten, wären es zweiundzwanzigtausend mehr.“
„Und warum bist du ausgestiegen?“
„Weil ich dachte, ich hätte recht. Und weil ich Angst hatte, dass das, was ich für recht hielt, plötzlich falsch sein könnte.“
Svenja drückte seine Hand. Nicht fest. Eine sanfte, beständige Pressung.
„Die Banken werden das verstehen“, sagte sie.
„Die Banken werden es wissen. Sie haben die Entscheidung. Sie haben alles. Die Kurslisten, die ich geschickt habe. Die Ankündigungen, was ich kaufen würde. Die, was ich verkaufen würde. Sie wissen, dass ich die Fehler nicht herausgeschrieben habe. Dass ich nicht nur die Gewinne geschickt habe.“
Elisabeth räusperte sich. Sie hatte die Zeitung aufgeschlagen, die sie am Kiosk gekauft hatte, aber Hugo sah, dass sie nicht las. Ihre Augen waren auf den Zugspiegel gerichtet, auf das Bild eines Sees in Bayern, und ihre Hände hielten das Papier so fest, dass die Ränder wellig wurden.
„Sie wissen auch“, sagte Elisabeth, und ihre Stimme war so leise, dass Hugo sie kaum über das Rattern der Räder verstand, „dass du neben der Schule gearbeitet hast. Dass du das Geld nicht von uns bekommen hast. Nicht alles.“
Hugo nickte. Er sah aus dem Fenster. Die vorbeiziehenden Wiesen waren graugrün, die Bäume am Horizont ein dunkler Streifen, und er dachte an das Geld, das seine Mutter ihm gegeben hatte, an die Geldgeschenke seiner Großeltern und an die Tausender, die er selbst verdient hatte, Teller für Teller, Nacht für Nacht, beim Kellnern, und an die Stimme seines Vaters, der manchmal gesagt hatte: „Der Junge wird nie was werden, der sitzt nur vor seinen Zahlen.“
Und dann waren da die Gewinne gewesen. Die ersten kleinen, die ihm wie ein Scherz vorgekommen waren. Dann die größeren. Die Entdeckung, dass er nicht nur Fehler in Kurslisten finden konnte, sondern Fehler im Markt selbst, dass er Unternehmen sehen konnte, die zu viel kosteten, und andere, die zu wenig. Dass er das Gefühl hatte, das er nicht beschreiben konnte, wenn er eine Bilanz las, dieses Kribbeln in den Fingern, dieses Wissen, das kein Wissen war, sondern eine Art Sehen.
Er hatte angefangen, die Bank zu informieren. Nicht alle Banken, nur die Deutsche Bank, weil sie die größte war, weil er ihren Namen von klein auf kannte, weil sein Vater manchmal, wenn er genug getrunken hatte, sagte: „Bei der Deutschen Bank sind die Bonzen, da gehört man hin.“ Hugo hatte ihnen geschrieben. Dann mehr geschrieben. Er hatte seine Analysen geschickt, seine Prognosen, manchmal richtig, manchmal falsch, und er hatte nie beschönigt, nie nur die Erfolge berichtet. Er hatte ihnen geschrieben, wenn er Verluste machte, wenn er sich irrte, wenn der Markt ihn ausgetrickst hatte.
Und jetzt, kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag, näherte sich sein Vermögen der Größenordnung von zweihundertzwanzigtausend Euro. Er wusste die genaue Zahl in D-Mark. Sie stand in einem Heft, das er zu Hause im Schrank versteckt hatte, und sie änderte sich täglich, stündlich, mit jedem Kurs, den er ablas. Aber die Größenordnung stimmte: umgerechnet näherte sich sein Vermögen bereits zweihundertzwanzigtausend Euro, damals also mehr als vierhunderttausend Mark. Mehr als vierhunderttausend Mark. Aus einem Startkapital von knapp fünftausend Mark. Aus Kellnernächten. Aus Geld, das seine Familie ihm über die Jahre zusätzlich gegeben hatte. Aus Geldgeschenken seiner Großeltern. Aus Zahlen, die er gesehen hatte, die andere nicht sahen.
„Über vierhunderttausend Mark“, sagte Svenja, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
„Ungefähr.“
„Und du bist siebzehn.“
„Fast achtzehn.“
Sie lachte wieder, dieses leise, warme Geräusch, und diesmal lachte Elisabeth mit, ein kurzes, überraschtes Aufatmen, als hätte sie vergessen, wie das ging.
„Fast achtzehn“, wiederholte Svenja. „Das macht es natürlich viel besser. Ein erwachsener Mann von fast achtzehn, der von der Deutschen Bank nach Frankfurt eingeladen wird. Völlig normal.“
Hugo spürte, wie sich etwas in ihm löste, ein Muskel, den er nicht kannte, der sich entspannte, und er lachte zum ersten Mal seit Tagen, ein echtes Lachen, das in seiner Kehle rau klang, weil er es so selten benutzte.
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Die Landschaft veränderte sich. Die flachen norddeutschen Felder wichen Hügeln, Wäldern, Ortschaften, die Hugo nicht kannte. Sie fuhren durch Städte, deren Namen er las, ohne sie zu registrieren. Göttingen. Kassel. Fulda. Die Namen klangen wie aus einem Märchenbuch, und er sah sie an, diese Städte, die er nie besucht hatte, und er dachte, wie seltsam es war, dass es Orte gab, die für andere Heimat waren und für ihn nur ein Blitz im Fenster, ein Name, der vorbeiraste.
Svenja schlief ein. Ihr Kopf sank langsam zur Seite, gegen seine Schulter, und er hielt den Atem an, um sie nicht zu wecken. Ihr Haar berührte seinen Hals, und er spürte ihren Atem, warm und regelmäßig, durch den Stoff seines Hemdes. Er wagte nicht, sich zu bewegen. Er saß reglos und sah auf die Hand, die auf ihrem Bauch lag, diese Hand, die jetzt, im Schlaf, die Stellung eingenommen hatte, die er in den letzten Wochen beobachtet hatte: die Handfläche leicht gewölbt, die Finger entspannt, als würde sie etwas halten, das noch nicht da war, aber das sie schon beschützte.
Elisabeth stand auf. Sie ging zum Gang, zur Toilette, wie sie es vorhergesagt hatte, und als sie zurückkam, blieb sie einen Moment stehen und sah die beiden an. Hugo sah ihren Blick, diesen weichen, fast schmerzhaften Ausdruck, der so schnell wieder verschwand, dass er sich später fragen würde, ob er ihn wirklich gesehen hatte.
Sie setzte sich und nahm ihre Zeitung wieder auf. Aber sie las nicht. Sie sah aus dem Fenster, und Hugo sah, dass ihre Augen feucht waren, nicht weinend, nur feucht, als hätte der Wind im Zug sie berührt.
„Mutter“, sagte er leise.
„Schlaf“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Oder denk. Oder was immer du brauchst. Aber sprich nicht. Nicht jetzt. Ich will euch nur anschauen.“
Er gehorchte. Er saß still, mit Svenjas Kopf an seiner Schulter, und er sah aus dem Fenster, während Deutschland an ihm vorbeizog, und er dachte an die Männer, die in Frankfurt auf ihn warteten, an ihre Anzüge, ihre Fragen, ihre Prüfung. Und er dachte, dass er nichts hatte, was er ihnen beweisen musste. Er hatte nur das, was er getan hatte, die Zahlen, die Fehler, die Gewinne, die Verluste, dieses kleine, hart erkämpfte Vermögen, das er in einem braunen Ordner und auf Kontoauszügen mit sich trug.
Der Zug bremste. Svenja wachte auf, rieb sich die Augen, lächelte ihn an, dieses halbe, verschlafene Lächeln, das er so liebte.
„Sind wir da?“, fragte sie.
„Fast“, sagte Elisabeth. „Frankfurt in zwanzig Minuten.“
Hugo spürte, wie sein Herzschlag sich veränderte. Nicht schneller. Härter. Wie damals, als er das Telefon in der Hand gehalten hatte und die Frau am anderen Ende gesagt hatte: „Sie haben recht.“
Er straffte die Schultern. Er sah auf seine Hände, die sauber waren, die Fingernägel kurz geschnitten, die Haut an den Knöcheln leicht rau von der Arbeit im Lokal. Er war siebzehn Jahre alt, fast achtzehn, und er hatte kein Abitur, und er fuhr nach Frankfurt, um mit der Deutschen Bank zu sprechen.
Svenja legte ihre Hand auf seinen. Elisabeth packte ihre Tasche. Der Zug fuhr in den Bahnhof ein, und das Licht der Halle fiel durch die Fenster, grell und weiß, und Hugo blinzelte nicht. Er hielt den Blick geradeaus, auf die Menge, die auf dem Bahnsteig wartete, auf die Stadt, die er nicht kannte, auf die Männer, die irgendwo in diesem Labyrinth aus Glas und Beton saßen und seine Unterlagen auf einem Tisch ausgebreitet hatten.
„Komm“, sagte Elisabeth.
Sie standen auf. Svenja zog ihren Mantel zu, der unter dem Gurt ihres Bauchs spannte, und Hugo nahm den Koffer. Sie stiegen aus, und der Lärm des Bahnhofs schlug ihnen entgegen, das Rufen der Lautsprecher, das Klappern der Koffer, das Rauschen der Menschen, die kamen und gingen.
Hugo blieb einen Moment stehen. Er atmete die Luft ein, die nach Abgas und nach etwas Süßem roch, nach Gebäck von einem Stand in der Nähe, und er spürte, wie Svenjas Hand in seine glitt, wie ihre Finger sich um seine schlossen.
„Du zitterst“, sagte sie.
„Nein“, sagte er. „Ich bebe. Das ist etwas anderes.“
Elisabeth ging voraus, durch die Menge, durch die Halle, hinaus in das Licht der Stadt, und Hugo folgte ihr, mit Svenja an seiner Seite, und er wusste, dass der nächste Teil begann, der Teil, für den es keinen Ordner gab, keine karierten Blätter, keine Trendlinien. Der Teil, in dem er selbst die Zahl war, die sie prüfen würden, die Frage, die sie beantworten wollten.
Aber das war später. Jetzt war nur dieser Moment, dieser Bahnhof, diese Stadt, diese Hand in seiner, und er ging darauf zu, Schritt für Schritt, bebend, nicht zitternd, ein Junge von fast achtzehn, der das Gefühl hatte, dass alles, was bisher gewesen war, nur die Vorbereitung gewesen war auf das, was jetzt kam.
Kapitel 3 – Teil 2
Der Bahnhof war hinter ihnen, die Stadt lag vor ihnen, und Hugo spürte, wie das Gewicht des Koffers in seiner Hand sich veränderte. Nicht leichter, nicht schwerer, aber anders, als hätte der Gegenstand plötzlich eine Bedeutung bekommen, die nicht in seinen Nähten oder seinem Inhalt lag, sondern in dem, was er repräsentierte. Darin lagen zwei Hemden, eine Hose, Unterwäsche und der braune Ordner mit den Fehlern.
Elisabeth ging voraus. Sie hatte den Weg, den sie nicht kannte, mit einer Sicherheit beschritten, die Hugo bewunderte und die ihn zugleich beunruhigte. Sie wusste, wo sie hinwollte, ohne zu wissen, wohin sie führte. Das war eine Eigenschaft, die er bei sich selbst vermisste. Er wusste Ziele, aber er hasste Wege, die er nicht berechnen konnte.
Svenja ging neben ihm. Ihre Hand lag nicht mehr in seiner, sondern hatte sich unter seinen Arm geschoben, eine Geste, die halb Halt, halb Stütze war. Ihr Schritt war langsamer als sonst, nicht weil sie müde war, sondern weil ihr Körper im fünften oder sechsten Monat ein anderes Tempo verlangte. Hugo passte sich an. Er hatte das Gefühl, dass alles an diesem Tag langsamer war als sonst, als würde die Zeit durch Wasser laufen.
„Wie weit?“, fragte er leise.
„Zehn Minuten“, sagte Elisabeth, ohne sich umzudrehen. „Ich habe nachgefragt. Im Zug. Die Frau am Informationsstand.“
Sie hatten kein Taxi genommen. Elisabeth hatte abgelehnt, mit einer Handbewegung, die nicht diskutieren ließ. „Wir gehen“, hatte sie gesagt. „Wenn mein Sohn von der Deutschen Bank empfangen wird, dann kommt er zu Fuß, wie jeder andere auch.“
Hugo hatte nicht widersprochen. Er hatte gelernt, dass seine Mutter in Dingen, die sie für richtig hielt, eine Mauer war, vor der Argumente zerschellten wie Wellen. Und er hatte auch gespürt, dass hinter dieser Entscheidung etwas anderes lag als bloße Sparsamkeit oder Stolz. Elisabeth wollte Zeit. Sie wollte, dass er diese Straße, diese Stadt, diesen letzten Weg zu Fuß zurücklegte, damit er nicht als Junge aus dem Zug stieg und als Mann im Konferenzraum saß, sondern damit der Übergang langsam war, atmend, mit Raum für das, was in ihm vorging.
Die Straßen Frankfurts waren anders als die in Hamburg. Nicht breiter, nicht enger, aber schneller. Die Menschen bewegten sich mit einer Zielgerichtetheit, die Hugo fremd war. In Hamburg war man auch unterwegs, aber man schien dabei zu sein. Hier schien man nur anzukommen. Die Fassaden der Gebäude waren höher, die Schriftzüge an den Banken größer, und über allem lag ein Geruch nach Papier und nach dem metallischen Hauch der Klimaanlagen, die aus den Eingängen der Türme wehten.
Hugo sah die Schilder. Commerzbank. Dresdner Bank. Und dann, an einer Ecke, die er nicht erwartet hatte, das Logo der Deutschen Bank, nicht groß und prunkvoll, sondern schlicht, fast bescheiden, als würde es sich nicht vorstellen müssen.
Elisabeth blieb stehen. Sie drehte sich um, und Hugo sah, dass ihre Wangen gerötet waren von der Kälte oder vom Gehen oder von etwas, das er nicht benennen konnte.
„Dort“, sagte sie und deutete auf ein Gebäude, das nicht der größte Turm war, aber der solideste wirkte, ein Block aus Glas und Stahl, der in den grauen Himmel hineinwuchs, ohne ihn zu berühren. „Der Eingang. Ich habe die Adresse auswendig gelernt.“
Hugo nickte. Sein Mund war trocken. Nicht der Mund, den er für Worte brauchte, sondern der andere, der für Schlucken zuständig war. Er spürte, wie sich seine Zunge an seinem Gaumen festsetzte, und er wünschte sich einen Schluck Wasser, aber er sagte nichts.
„Ich warte unten“, sagte Svenja. „Mit deiner Mutter.“
Hugo drehte sich zu ihr. Ihr Gesicht war im diffusen Licht der Stadt blass, und ihre Augen hatten diese Farbe, die er nicht benennen konnte, ein Grau, das ins Grüne spielte. Sie lächelte, aber es war kein Lächeln, das versuchte, ihn zu beruhigen. Es war ein Lächeln, das sagte: Ich bin hier. Das war mehr.
„Du musst nicht warten“, sagte er.
„Ich warte“, sagte Elisabeth und Svenja gleichzeitig, und sie sahen einander an, und für einen Moment lachten beide, ein kurzes, leises Aufatmen, das Hugo das Gefühl gab, dass er in einem Raum stand, der zu klein war für das, was zwischen diesen beiden Frauen geschah.
Er straffte die Schultern. Er nahm den Koffer fester in die Hand. Er ging auf den Eingang zu.
Die Türen waren aus Glas und schwer. Sie öffneten sich langsam, mit einem Zischen, das wie ein Seufzer klang. Dahinter lag eine Halle, die nicht groß war, aber hoch, und der Boden war aus Stein, der so poliert war, dass Hugo seine eigene Spiegelung darin sah, einen Jungen in einem Mantel, der ihm ein wenig zu groß war, mit einem Koffer in der Hand und einem Ordner unter dem Arm.
An der Information stand ein Mann in einem Anzug, der so perfekt gesessen hätte, dass er hätte aus einem Schaufenster kommen können. Hugo trat näher. Seine Schritte hallten auf dem Stein, ein Geräusch, das lauter war, als er es gewollt hätte.
„Hugo Voss“, sagte er. „Ich habe einen Termin.“
Der Mann sah auf. Er musterte Hugo, nicht abschätzig, aber prüfend, wie man einen Brief mustert, dessen Absender man nicht kennt. Dann lächelte er, ein Lächeln, das aus tausend Übungen bestand und das deshalb echt wirkte.
„Herr Voss. Natürlich. Bitte nehmen Sie den Aufzug in der linken Ecke. Fünfte Etage. Herr Dr. Brenner erwartet Sie.“
Hugo nickte. Er wollte etwas sagen, eine Bemerkung über das Wetter oder die Stadt, etwas, was Erwachsene sagten, wenn sie in einem Raum standen, der ihnen nicht gehörte. Aber ihm fiel nichts ein. Er ging zur linken Ecke, wo sich zwei Aufzüge öffneten, einer gerade, einer leer. Er trat ein. Die Türen schlossen sich, und er sah sich selbst in dem Spiegel an der Rückwand, einen Jungen mit zu langen Armen und einer Nase, die noch nicht zu seinem Gesicht gefunden hatte, und er dachte: Das ist der falsche Spiegel. Das ist jemand anders.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Hugo spürte das leichte Ziehen in den Knien, das Gefühl von Aufstieg, und er dachte an die Zahlen, die er kannte, an die Kurse, die er vorhergesagt hatte, an die Fehler, die er gemacht hatte. Er dachte an die Nordrhein-Chemie, an den Zahlendreher, an die Stimme der Frau am Telefon, die gesagt hatte: „Sie haben recht.“ Er dachte an die Metallgesellschaft, an die zweiundzwanzigtausend Mark, die er zu früh ausgestiegen war, und an die Bayer-Aktie, die er gehalten hatte, als sie fiel.
Die Türen öffneten sich.
Ein Flur. Lang, gerade, mit Türen aus dunklem Holz, an denen kleine Schilder hingen, Namen, die Hugo nicht las. Am Ende des Flurs stand ein Mann, der auf ihn zukam, nicht eilig, aber auch nicht zögernd, ein Mann von vielleicht fünfzig Jahren, mit grauem Haar, das an den Schläfen zurückwich, und einer Brille mit schmalen Bügeln.
„Herr Voss“, sagte er. „Ich bin Dr. Brenner. Willkommen in Frankfurt.“
Er streckte die Hand aus. Hugo nahm sie. Die Hand war trocken und fest, und der Händedruck dauerte eine Sekunde länger, als Hugo erwartet hatte, nicht länger, aber lang genug, um zu spüren, dass hier jemand abschätzte, wie viel Kraft in diesem Jungen steckte.
„Danke“, sagte Hugo.
„Bitte. Kommen Sie.“
Dr. Brenner führte ihn durch den Flur, an zwei Türen vorbei, die geschlossen waren, und an einer dritten, die einen Spalt offen stand, durch den Hugo einen Blick auf einen Raum werfen konnte, in dem mehrere Männer an Schreibtischen saßen, alle in Anzügen, alle mit Köpfen, die über Papiere gebeugt waren. Dann blieb Brenner vor einer Tür stehen, klopfte kurz, zweimal, und öffnete sie.
„Hier“, sagte er. „Unser kleiner Besprechungsraum. Nicht repräsentativ, aber funktional.“
Der Raum war nicht klein. Er war mittelgroß, mit einem Tisch aus hellem Holz, der für sechs Personen ausgelegt war. An dem Tisch saßen bereits zwei Männer. Einer stand auf, als Hugo eintrat. Der andere blieb sitzen.
„Herr Voss“, sagte Brenner. „Darf ich vorstellen? Herr Dr. Friedrich Weber, Leiter unserer Analyseabteilung.“ Der stehende Mann nickte. Er war jünger als Brenner, vielleicht Anfang vierzig, mit einem Gesicht, das so gepflegt war, dass es fast wie eine Maske wirkte, und Augen, die zu blau waren, um natürlich zu sein. „Und Herr Klaus Eberhardt, unser Leiter für Privatkundenbetreuung.“ Der sitzende Mann hob die Hand, keine Geste der Begrüßung, sondern eher eine Art Anerkennung, wie man sie auf dem Tennisplatz zeigte, wenn der Gegner einen guten Ball gespielt hatte. Eberhardt war Ende fünfzig, fast kahlköpfig, und sein Anzug saß nicht so perfekt wie der von Weber. Er hatte Falten unter den Augen, die nicht von Müdigkeit stammten, sondern von jahrelangem Hinsehen auf Dinge, die andere nicht sahen.
Hugo setzte sich. Er stellte den Koffer neben seinen Stuhl, den Ordner legte er auf den Tisch, nicht in die Mitte, sondern vor sich, als wäre es ein Schild.
„Kaffee?“, fragte Brenner.
„Nein, danke.“
„Wasser?“
„Nein.“
Brenner setzte sich ihm gegenüber. Weber nahm den Platz links von Brenner ein, Eberhardt rechts. Die drei Männer bildeten ein Halbkreis, und Hugo saß in der Öffnung, wie ein Zeuge, der vernommen wurde.
„Herr Voss“, begann Brenner. „Oder darf ich Hugo sagen?“
„Herr Voss ist in Ordnung.“
Brenner lächelte, ein echtes Lächeln, das Augenfältchen erzeugte. „Gut. Herr Voss. Wir haben Ihre Analysen. Wir haben sie seit Monaten. Sie wissen das.“
Hugo nickte.
„Was wir nicht wissen“, fuhr Brenner fort, „ist, wie Sie zu diesen Analysen kommen. Und das ist der Grund, warum Sie heute hier sind.“
Weber räusperte sich. Es war ein kleines Geräusch, aber es füllte den Raum, weil niemand sonst sprach.
„Darf ich?“, fragte Weber und sah Brenner an, nicht Hugo. Brenner nickte, eine fast unmerkliche Bewegung.
„Herr Voss“, sagte Weber. Seine Stimme war klar, fast scharf, die Stimme eines Mannes, der gewohnt war, in Räumen zu sprechen, in denen jeder sein Wort auf die Waage legte. „Ich habe Ihre letzten Prognosen gelesen. Die zur Metallgesellschaft. Die zur Bayer. Die zu den japanischen Exportwerten. Sie haben in acht von zehn Fällen recht gehabt. Das ist eine Trefferquote, die unsere eigenen Analysten nicht erreichen.“
Er machte eine Pause. Hugo spürte, wie sich etwas in ihm anspannte, ein Muskel zwischen den Schulterblättern, den er nicht willentlich entspannen konnte.
„Aber“, sagte Weber, und das Wort hing einen Moment in der Luft, „es gibt zwei Fälle, in denen Sie nicht recht hatten. Die Metallgesellschaft, bei der Sie zu früh ausgestiegen sind. Und die Bayer-Aktie, die Sie gehalten haben, als sie fiel. Meine Frage ist: Warum haben Sie diese Fehler gemacht?“
Hugo sah Weber an. Die blauen Augen blickten zurück, ohne zu blinzeln. Hugo spürte, dass dies keine Höflichkeitsfrage war, keine Einstiegsfrage, um ihn zu beruhigen. Weber wollte etwas wissen, und er wollte es jetzt.
„Weil ich Angst hatte“, sagte Hugo. Seine Stimme klang rau, und er räusperte sich, so wie sein Vater es tat. „Bei der Metallgesellschaft hatte ich Angst, dass sie weiter fällt. Die Zahlen sagten etwas anderes, aber ich habe nicht auf die Zahlen gehört. Ich habe auf das Gefühl gehört. Das Gefühl war falsch.“
„Und bei Bayer?“, fragte Weber.
„Da habe ich auf die Zahlen gehört“, sagte Hugo. „Aber ich habe die Zahlen falsch gelesen. Oder nicht vollständig. Ich habe die Schulden gesehen, aber nicht die Verbindlichkeiten, die nicht in der Bilanz standen. Ich habe das Unternehmen kleiner gesehen, als es war, weil ich wollte, dass es kleiner ist. Weil ich wollte, dass ich recht habe.“
Weber neigte leicht den Kopf. Es war keine Zustimmung, eher eine Art Protokollierung, wie ein Arzt, der ein Symptom notiert.
Eberhardt, der bisher geschwiegen hatte, lehnte sich vor. Seine Hände lagen auf dem Tisch, die Finger ineinander verschränkt, und Hugo sah, dass die Knöchel weiß waren, nicht vor Anspannung, sondern vor Alter.
„Herr Voss“, sagte Eberhardt. Seine Stimme war tiefer als die von Weber, rauer, mit einem leisen Hamburger Akzent, den Hugo sofort erkannte. „Sie sind siebzehn Jahre alt.“
„Fast achtzehn.“
Fast achtzehn. Sie haben die Schule noch nicht abgeschlossen und keinerlei Berufserfahrung im Bankgeschäft. Das ist ungewöhnlich genug. Uns interessiert weniger, welchen Abschluss Sie haben, als die Frage, ob das, was Sie bisher gezeigt haben, auch hier unter professionellen Bedingungen funktioniert.“ Ihr Vermögen – und das wissen wir, weil Sie es uns mitgeteilt haben – beträgt umgerechnet etwas über vierhunderttausend Mark. Aus einem Startkapital von knapp fünftausend Mark. In gerade einmal zwei Jahren.“
Er machte eine Pause. Hugo spürte, wie sein Herzschlag sich veränderte, nicht schneller, aber härter, wie damals im Zug, wie damals am Telefon.
„Das ist entweder ein Wunder“, sagte Eberhardt, „oder ein Betrug. Oder es ist etwas Drittes, das wir noch nicht verstehen. Ich bin hier, um herauszufinden, welches von dreien es ist.“
Hugo spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Nicht vor Angst. Vor Wut. Eine kalte, klare Wut, die er kannte, die er aus den Gesprächen mit seinem Vater kannte, aus den Momenten, in denen man ihm sagte, was er nicht sein konnte.
„Es ist kein Wunder“, sagte er. „Und es ist kein Betrug. Ich habe Ihnen meine Unterlagen geschickt. Alle. Auch die Verluste. Wenn ich betrügen wollte, würde ich Ihnen nur die Gewinne schicken.“
„Vielleicht“, sagte Eberhardt. „Oder Sie schicken uns die Verluste, damit wir genau das denken. Damit wir sagen: Ein Betrüger würde das nicht tun. Es ist eine altmodische Taktik, Herr Voss. Vertrauen erwecken, indem man seine Schwächen zeigt.“
Hugo starrte ihn an. Er spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, unter dem Tisch, wo niemand es sehen konnte. Er zwang sie auseinander. Er legte sie flach auf den Ordner, den er mitgebracht hatte.
„Dann prüfen Sie es“, sagte er. Seine Stimme war ruhiger, als er sich gefühlt hatte. „Prüfen Sie jede einzelne meiner Entscheidungen. Prüfen Sie, wann ich gekauft habe, wann ich verkauft habe. Prüfen Sie die Kurslisten. Prüfen Sie die Zeitungen. Alles, was ich hatte, war öffentlich. Hoppenstedt. Geschäftsberichte. Börsenzeitungen. Kurslisten. Unternehmenszahlen. Es gibt keine geheimen Quellen. Es gibt nur die Quellen, die alle haben, und die Art, wie ich sie lese.“
Brenner hob die Hand. Es war eine beruhigende Geste, aber sie wirkte nicht beruhigend, sondern eher wie ein Signal, das zwei streitende Parteien trennte.
„Herr Eberhardt ist skeptisch“, sagte Brenner. „Das ist seine Aufgabe. Herr Weber ist neugierig. Das ist seine. Und ich – ich bin derjenige, der beobachtet. Das ist meine. Sie haben drei verschiedene Blicke auf sich gerichtet, Herr Voss. Das ist nicht ungerecht. Das ist nur gründlich.“
Hugo nickte. Er spürte, wie sich etwas in ihm legte, eine Art Kälte, die er kannte, wenn er vor Zahlen saß und die Welt draußen verschwand. Er öffnete den Ordner. Das Papier raschelte laut in dem stillen Raum.
„Dann beobachten Sie“, sagte er. „Und fragen Sie.“
Weber lächelte. Es war kein warmes Lächeln, aber es war auch kein höhnisches. Es war das Lächeln eines Mannes, der eine Herausforderung erkannt hatte.
„Gut“, sagte Weber. „Dann frage ich. Die Metallgesellschaft. Sie sind bei vierzehn Prozent Verlust ausgestiegen. Zwei Wochen später lag der Kurs achtzehn Prozent über Ihrem Einstiegspreis. Sie haben also nicht nur den Verlust realisiert, sondern auch den Gewinn verpasst. Erklären Sie mir das noch einmal. Nicht die Angst. Die Zahlen. Warum waren die Zahlen gegen einen weiteren Verlust?“
Hugo blätterte in seinem Ordner. Er fand die Seite, die er suchte, eine mit Bleistift beschriebene Seite, an deren Rändern so viel radiert war, dass das Papier dort dünner war.
„Die Eigenkapitalrendite“, sagte er. „Im letzten Geschäftsbericht. Sie lag bei zwölf Prozent. Das ist solide. Aber die Verschuldung war gestiegen. Nicht viel, aber messbar. Und die Umsatzrendite war gesunken. Das heißt, sie machten weniger Gewinn pro verkaufter Einheit. Das ist kein Zeichen für einen Zusammenbruch, aber es ist ein Zeichen für eine Schwächung. Wenn die Verschuldung steigt und die Umsatzrendite sinkt, dann steigt das Risiko. Nicht das Risiko des Bankrotts. Das Risiko, dass der Markt die Aktie neu bewertet. Dass die Anleger merken, dass das Wachstum nicht mehr so schnell ist wie erwartet.“
Er hielt inne. Er sah auf die Zahlen, nicht auf die Männer. Die Zahlen waren sicherer. Die Zahlen logen nicht.
„Ich habe erwartet“, fuhr er fort, „dass der Markt das in zwei, drei Wochen sieht. Dass dann eine Korrektur kommt. Die ist nicht gekommen. Stattdessen ist der Kurs gestiegen. Weil –“ er suchte nach dem Wort, „weil ein Großinvestor eingestiegen ist, den ich nicht vorhergesehen hatte. Die Zahlen hatten recht. Aber die Zahlen sind nicht die einzige Kraft am Markt.“
Weber nickte langsam. „Und wie erklären Sie sich den Großinvestor?“
„Ich erkläre ihn mir nicht“, sagte Hugo. „Ich habe ihn nicht gesehen. Ich habe die Zahlen gesehen. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wenn ich die Ankündigungen der Großaktionäre gelesen hätte – aber die las ich erst später. Nachdem ich verkauft hatte. Es war ein Fehler. Nicht ein Fehler der Logik. Ein Fehler der Vollständigkeit.“
Eberhardt schnaubte leise. „Ein Fehler der Vollständigkeit. Das ist eine schöne Umschreibung für: Ich habe nicht alles gewusst.“
„Niemand weiß alles“, sagte Hugo. Er sah Eberhardt an, und in seinem Blick lag etwas, das er sonst nur für Zahlen hatte: eine Kälte, die nicht aggressiv war, aber auch nicht nachgab. „Wenn jemand alles wüsste, wäre der Markt kein Markt. Er wäre eine Rechenmaschine. Aber er ist keine Rechenmaschine. Er ist ein Ort, an dem Menschen mit unvollständigen Informationen Entscheidungen treffen. Ich habe unvollständige Informationen gehabt. Aber ich habe sie besser gelesen als die meisten anderen. Das ist kein Wunder. Das ist nur Arbeit.“
Brenner, der bisher geschwiegen hatte, lehnte sich zurück. Sein Stuhl knarrte leise.
„Arbeit“, wiederholte er. „Sagen Sie mir, Herr Voss: Wie viele Stunden am Tag arbeiten Sie?“
Hugo zuckte mit den Schultern. „Ich lese. Ich rechne. Manchmal vier Stunden, manchmal zwölf. Es gibt keine festen Zeiten.“
„Und wenn Sie nicht lesen und nicht rechnen?“
„Dann denke ich darüber nach.“
„Und wenn Sie nicht denken?“
Hugo verstummte. Er wusste, dass diese Frage eine Falle war, aber er wusste nicht, welche Art von Falle. Eine mathematische? Eine psychologische?
„Dann schlafe ich“, sagte er schließlich.
„Oder?“, fragte Brenner.
„Oder ich spreche mit meiner Mutter. Oder mit Svenja.“
„Svenja?“
„Meine Schwester“, sagte Hugo. „Sie ist mit meiner Mutter nach Frankfurt gekommen.“
Brenner notierte etwas auf einem Block. Hugo konnte nicht sehen, was. Die Bewegung des Stiftes war schnell, fast ungeduldig.
„Herr Voss“, sagte Weber. „Ich möchte einen Test machen. Nicht mit Ihnen. Mit Ihren Zahlen. Wir haben hier eine Aktie, die wir gestern in unsere Musterdepots aufgenommen haben. Eine mittelständische Maschinenbaufirma aus Süddeutschland. Ich zeige Ihnen die Zahlen. Sie sagen uns, ob Sie kaufen würden, verkaufen würden, oder nichts tun. Und Sie sagen uns, warum. In Echtzeit. Keine Vorbereitung.“
Hugo spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Er wusste, dass das der Moment war, auf den es ankam. Nicht die Fragen nach seinem Alter, nicht die Vorwürfe des Betrugs, nicht die Blicke der drei Männer. Dieser Test.
„Zeigen Sie“, sagte er.
Weber zog ein Blatt Papier aus einer Mappe. Er schob es über den Tisch, nicht bis zu Hugo, sondern in die Mitte, so dass alle drei Banker es sehen konnten, aber Hugo es lesen musste, indem er sich vorbeugte.
Hugo beugte sich vor. Er las die Zahlen. Umsatz. Gewinn. Eigenkapital. Verschuldung. Kurs-Gewinn-Verhältnis. Dividendenrendite. Die Zahlen waren nicht ungewöhnlich. Sie waren durchschnittlich, fast langweilig. Eine Firma, die nicht wuchs und nicht schrumpfte, die existierte, wie Tausende andere.
Er las sie zweimal. Dann dreimal. Er spürte, wie Weber ihn beobachtete, wie Eberhardt ihn beobachtete, wie Brenner ihn beobachtete. Die Blicke waren wie Gewichte auf seinen Schultern.
„Nichts tun“, sagte er schließlich.
Weber zog eine Augenbraue hoch. „Warum?“
„Weil die Zahlen lügen“, sagte Hugo.
Eberhardt lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Die Zahlen lügen? Das ist eine interessante Theorie für einen Analysten.“
„Nicht die Zahlen selbst“, sagte Hugo. Er tippte mit dem Finger auf das Blatt. „Die Umsatzrendite ist stabil. Die Eigenkapitalrendite ist gut. Die Verschuldung ist niedrig. Alles sieht solide aus. Aber die Umsatzrendite ist stabil, weil die Materialkosten gesunken sind. Nicht weil die Preise gestiegen sind oder die Stückzahlen. Die Materialkosten sind gesunken, weil der Stahlpreis fällt. Das steht nicht hier, aber es steht in den Stahlnotierungen, die jeder lesen kann. Und wenn der Stahlpreis wieder steigt – und er wird wieder steigen, weil die japanischen Stahlwerke ihre Produktion drosseln – dann sinkt die Umsatzrendite. Nicht viel. Aber genug, um die Aktie um zehn, fünfzehn Prozent fallen zu lassen. In sechs Monaten.“
Er hielt inne. Er spürte, dass sein Mund trocken war, aber er fuhr fort.
„Außerdem“, sagte er, „ist das Eigenkapital hoch, weil sie ein Werksgelände in den Büchern haben, das sie vor drei Jahren umgebaut haben. Der Wert steht zu hoch. Wenn sie das Gelände heute verkaufen würden, würden sie weniger bekommen. Das heißt, die Eigenkapitalrendite ist optisch hoch. Rechnerisch hoch. Aber nicht real hoch. Die Substanz ist geringer, als es aussieht.“
Weber sah auf das Blatt. Dann sah er Brenner an. Dann Eberhardt. In seinem Gesicht spielte sich etwas ab, das Hugo nicht deuten konnte. Es war keine Überraschung, eher eine Art Bestätigung, wie wenn ein Arzt eine Diagnose erhält, die er vermutet, aber nicht beweisen konnte.
„Woher wissen Sie das mit dem Stahlpreis?“, fragte Eberhardt. Seine Stimme war nicht mehr so scharf wie vorhin. Sie war vorsichtiger geworden.
„Aus der Börsenzeitung“, sagte Hugo. „Vom Dienstag. Die Notierungen. Jeder kann sie lesen.“
„Und das Werksgelände?“
„Im Geschäftsbericht steht der Buchwert. Im Hoppenstedt steht das Baujahr. 1978. Die letzte große Sanierung war 1989. Seitdem ist die Hälfte der Gebäude ungenutzt. Wer ein Werksgelände kauft, zahlt nicht für ungenutzte Gebäude aus den Siebzigern. Er zahlt für die Fläche. Und die Fläche ist in dieser Region nicht so viel wert wie in den Büchern steht.“
Eberhardt lehnte sich zurück. Er sah aus, als hätte er etwas verloren, das er nicht zu benennen wusste.
„Herr Voss. Sie haben Verluste gemacht. Nicht nur bei der Metallgesellschaft. Auch bei der Nordrhein-Chemie und bei anderen Entscheidungen, die Sie uns jeweils angekündigt hatten, bevor Sie gehandelt haben. Wir wussten also schon vorher, was Sie tun wollten – und wir haben später ebenso gesehen, wenn eine dieser Entscheidungen falsch war.“
Hugo nickte. Genau darum war es ihm gegangen. Die Männer in Frankfurt sollten nicht nur seine Treffer kennen. Sie sollten auch sehen, wann er danebenlag und wie er damit umging.“
„Und warum haben Sie uns auch die Entscheidungen geschickt, bei denen Sie selbst nicht sicher waren?“, fragte Brenner.
Hugo spürte, wie sich seine Finger auf dem Ordner krallten. Er zwang sie, sich zu öffnen.
„Weil Sie genau das von mir verlangt haben. Sie wollten meine Entscheidungen kennen, bevor feststand, ob sie richtig waren.“
„Das war die Bedingung.“
„Ja.“
„Und Sie hatten nie den Gedanken, uns eine Entscheidung einfach nicht zu schicken?“
Hugo sah ihn an.
„Doch. Natürlich. Besonders dann, wenn ich selbst Zweifel hatte.“
„Warum haben Sie es trotzdem getan?“
Hugo schwieg einen Moment.
„Weil das Ganze sonst wertlos gewesen wäre. Wenn ich Ihnen nur die Entscheidungen schicke, bei denen ich mir besonders sicher bin, und die anderen weglasse, können Sie hinterher nicht mehr beurteilen, ob ich etwas kann. Dann kann ich mir meine eigene Geschichte zusammenbauen.“
Brenner sah ihn einen Augenblick schweigend an.
„Sie haben uns also die Möglichkeit gegeben, Ihnen beim Irren zuzusehen.“
„Ja“, sagte Hugo. „Sonst hätten Sie mir beim Gewinnen auch nicht glauben müssen.“
Der Raum wurde still. Nicht die Stille eines leeren Raumes, sondern die Stille eines Raumes, in dem etwas Wichtiges gesagt worden war und niemand wusste, was als Nächstes folgen sollte.
Eberhardt war der Erste, der das Schweigen brach. Er stand auf. Er ging zum Fenster, das auf einen Innenhof hinaussah, und er starrte hinaus, als würde er dort etwas suchen, das nicht zu finden war.
„Herr Voss“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Sie sind siebzehn Jahre alt. Sie haben keinen Schulabschluss. Sie haben keine Ausbildung. Sie haben ein Vermögen von über vierhunderttausend Mark, das Sie angeblich aus öffentlich zugänglichen Informationen gemacht haben. Sie haben Fehler gemacht, die Sie zugeben, und Erfolge, die Sie nicht erklären können. Sie stehen hier in einem Raum der Deutschen Bank und erzählen uns, dass die Zahlen lügen und dass Sie die einzige Person sind, die das sieht. Verstehen Sie, warum ich das für unglaublich halte?“
Hugo stand ebenfalls auf. Er ging nicht zum Fenster. Er blieb am Tisch stehen, und seine Hände lagen auf dem Ordner, als wäre es ein Kompass, der ihn in einer Welt ohne Himmelsrichtungen orientierte.
„Ja“, sagte er. „Ich verstehe das. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich es auch für unglaublich halten. Ich würde denken: Das ist ein Junge, der Glück hatte. Oder der gelogen hat. Oder der etwas weiß, was er nicht wissen darf. Es gibt keine andere logische Erklärung. Außer der, dass es eine andere Art zu denken gibt. Eine Art, die nicht besser ist. Nur anders. Eine Art, die auf Fehlern basiert. Auf dem, was nicht passt. Auf dem, was zwischen den Zahlen steht.“
Er hielt inne. Er spürte, dass seine Stimme zitterte, nicht viel, aber merklich, und er hasste dieses Zittern, aber er ließ es geschehen.
„Ich bin nicht hier, um Ihnen zu beweisen, dass ich ein Wunder bin“, sagte er. „Ich bin hier, um Ihnen zu beweisen, dass ich arbeite. Dass ich Fehler mache und sie korrigiere. Dass ich manchmal recht habe und manchmal unrecht. Aber dass ich, wenn ich recht habe, nicht aus Glück recht habe. Sondern weil ich gesehen habe, was andere nicht sehen. Nicht weil ich mehr weiß. Sondern weil ich anders hinschaue.“
Weber stand ebenfalls auf. Er trat an den Tisch und legte seine Hand auf das Blatt mit den Zahlen der Maschinenbaufirma. Er zog es zu sich heran, langsam, als würde er eine Karte aufdecken, die niemand sonst sehen sollte.
„Herr Voss“, sagte er. „Ich habe Ihre Analysen mit unseren eigenen verglichen. In den Fällen, in denen Sie recht hatten, waren unsere Analysten entweder zu spät oder sie haben das Gegenteil empfohlen. In den Fällen, in denen Sie falsch lagen, lagen wir in drei von vier Fällen auch falsch. Das heißt, Ihre Fehlerrate ist niedriger als unsere. Und Ihre Erfolgsrate ist höher. Das ist kein Wunder. Das ist eine Tatsache. Aber es ist eine Tatsache, die ich nicht erklären kann.“
Er sah Hugo an, und in seinen blauen Augen lag jetzt etwas anderes als vorhin. Nicht mehr Prüfung. Neugier.
„Ich bin neugierig“, sagte Weber. „Nicht überzeugt. Aber neugierig. Und in unserem Beruf ist Neugier manchmal wichtiger als Überzeugung.“
Brenner nickte. Er sah auf seine Uhr, eine Bewegung, die fast unmerklich war.
„Herr Voss. Wir werden Ihre Unterlagen noch einmal prüfen. Nicht die Ergebnisse. Die Wege. Wir wollen verstehen, wie Sie denken. Ob das, was Sie tun, wiederholbar ist. Oder ob es nur Zufall war. Das wird einige Zeit dauern. Vielleicht ein paar Wochen.
Hugo nickte. Er spürte, wie sich etwas in ihm löste, ein Muskel, den er nicht kannte, der sich entspannte. Aber es war keine Erleichterung. Es war nur die Erkenntnis, dass die Prüfung nicht vorbei war. Sie hatte gerade erst begonnen.
„Und wenn Sie feststellen, dass es wiederholbar ist?“, fragte er.
Brenner lächelte. Es war ein kleines, vorsichtiges Lächeln, das keine Versprechen machte.
„Dann werden wir sehen, ob ein siebzehnjähriger Junge ohne Abitur bei der Deutschen Bank arbeiten kann. Oder ob das, was Sie können, außerhalb jeder Institution wertvoller ist als innerhalb.“
Eberhardt drehte sich vom Fenster weg. Er sah Hugo an, und in seinem Gesicht lag nicht mehr der harte Verdacht von vorhin, aber auch keine Zustimmung. Es war ein Blick, der sagte: Ich weiß immer noch nicht, was Sie sind. Aber ich kann es nicht mehr einfach wegwischen.
„Ihre außergewöhnlichen Renditen“, sagte Eberhardt langsam, „sind das stärkste Argument. Und das schwächste. Je höher die Rendite, desto größer der Verdacht. Denken Sie daran, Herr Voss. Wenn Sie bei uns arbeiten würden – falls – dann wären diese Renditen nicht mehr nur Ihre. Sie wären auch unsere. Und wir müssten sie erklären können. Nicht nur vor uns selbst. Sondern vor Aufsichtsräten. Vor der Bundesbank. Vor der Presse. Können Sie das?“
Hugo dachte an die Stimme seines Vaters, an das „blinde Huhn“, an Werner, der gesagt hatte: „Du hast Glück gehabt.“ Er dachte an die leeren Stühle an seinem Tisch zu Hause, an die Zeitungen, die herumlagen, an die Nächte, in denen er gelesen hatte, bis die Uhr Mitternacht schlug. Er dachte an Svenja, die unten wartete, an seine Mutter, die durch die Straßen Frankfurts ging, als würde sie eine Schlacht schlagen, die nicht ihre eigene war.
„Ich kann sie nicht erklären“, sagte er. „Nicht so, dass es jeder versteht. Aber ich kann sie wiederholen. Und ich kann sie begründen. Jede einzelne. Mit Zahlen, die jeder nachprüfen kann. Wenn das genug ist, dann bin ich Ihr Mann. Wenn das nicht genug ist, dann bin ich es nicht.“
Er schloss den Ordner. Das Klatschen war lauter als beabsichtigt, ein dumpfes Geräusch, das in dem Raum hallte.
Die drei Banker sahen ihn an. Dann sahen sie einander an. Niemand sagte etwas. Aber niemand schüttelte den Kopf. Und niemand lächelte.
Hugo nahm den Koffer. Er nickte, einmal, kurz, wie sein Vater es tat, wenn er einen Geschäftsabschluss machte, und er wusste, dass das kein Abschluss war, aber es war auch keine Ablehnung. Es war ein Raum dazwischen, ein Raum, den er noch nicht kannte, in dem er noch nicht war.
„Dann warte ich“, sagte er.
Er drehte sich um und ging zur Tür. Seine Schritte hallten auf dem Flur, als er ihn durchquerte, zum Aufzug, der ihn hinuntertrug in die Halle, wo das Glas schwer war und der Boden poliert, und wo zwei Frauen auf ihn warteten, eine mit grauem Pullover und einer Haltung, die sagte, sie hätte nie gezweifelt, und eine mit einem Bauch, der vor ihr herging, und Augen, die fragten, ohne zu sprechen.
Hugo trat hinaus in das Licht der Stadt, das grau und gleichmäßig war wie das Wasser der Elbe, und er wusste, dass die Banker seine Ergebnisse nicht mehr einfach wegwischen konnten. Aber er wusste auch, dass noch keine Entscheidung gefallen war. Und er wusste, dass das Warten schwerer sein würde als das Gespräch, weil das Warten ein Raum ohne Zahlen war, ein Raum, in dem er nicht rechnen konnte, in dem er nur atmen musste, bis das Telefon klingelte oder der Brief kam oder die Welt sich weiterdrehte, einen Tag nach dem anderen, bis etwas geschah, das er nicht vorhersehen konnte.
Er nahm Svenjas Hand. Er sah seine Mutter an. Und sie gingen, zu Fuß, durch die Straßen Frankfurts, zurück zum Bahnhof, zurück nach Hamburg, zurück in das Leben, das nicht mehr das gleiche sein würde, egal was die Banker beschlossen.
Kapitel 3 – Fortsetzung
Er nahm Svenjas Hand. Er sah seine Mutter an. Und sie gingen, zu Fuß, durch die Straßen Frankfurts, zurück zum Bahnhof, zurück nach Hamburg, zurück in das Leben, das nicht mehr das gleiche sein würde, egal was die Banker beschlossen.
Die drei sagten zunächst nichts. Der Himmel über Frankfurt war grau und schwer, ein Himmel, der weder Regen versprach noch Sonne, sondern einfach nur da war, gleichgültig und breit. Hugo spürte die Kühle der Luft auf seinen Wangen, und es fiel ihm auf, dass er die Hände in den Taschen vergraben hatte, die Schultern leicht angezogen, als würde er sich gegen etwas stemmen, das niemand sonst sah.
Elisabeth ging neben ihm, den Kopf ein wenig erhoben, den Blick geradeaus. Sie trug den alten beigen Mantel, den sie seit Jahren hatte, den Mantel, in dem sie Hugo immer zur Schule gebracht hatte, in dem sie ihn aus dem Krankenhaus abgeholt hatte, als er sich das Handgelenk gebrochen hatte, in dem sie auch jetzt neben ihm ging, als sei nichts anders als ein gewöhnlicher Tag in einer fremden Stadt. Aber Hugo sah, wie ihre Finger den Griff der Handtasche umklammerten, weiß und fest, als könne sie, wenn sie nur stark genug zupackte, alles festhalten, was sich gerade zu lösen begann.
Svenja hielt seine Hand. Ihre Finger waren warm, fast zu warm, und Hugo spürte, wie sie leicht zitterten. Nicht von der Kälte. Sie trug einen dicken Wollmantel, den Elisabeth ihr gekauft hatte, als der Winter kälter geworden war. Der Mantel war inzwischen ein wenig eng, spannte über dem Bauch, und Svenja hatte sich beschwert, dass sie darin aussah wie ein aufgeblasener Gänsebraten. Jetzt, beim Gehen, hielt sie die andere Hand auf ihren Bauch gelegt, eine Geste, die sie in den letzten Wochen immer häufiger gemacht hatte, eine Geste, die Hugo zugleich beruhigte und erschreckte.
»Du hast gut gesprochen«, sagte Elisabeth schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fast beiläufig, aber Hugo kannte diesen Ton. Er wusste, dass sie erst dann so sprach, wenn sie etwas Wichtiges sagen wollte und es zugleich für selbstverständlich hielt. »Die Herren waren beeindruckt. Das habe ich gesehen.«
»Sie haben nichts gesagt«, erwiderte Hugo. Er starrte auf das nasse Pflaster vor seinen Füßen. »Herr Weber hat nicht einmal zugestimmt. Er hat nur zugehört.«
»Banker sagen nicht immer das, was sie denken.« Elisabeth lachte leise, ein kurzes, trockenes Geräusch. »Wenn sie alles sofort zeigen würden, was sie denken, wären sie keine Banker.«
Svenja drückte seine Hand. »Ich fand, du warst großartig. Du hast ihnen die Zahlen erklärt, und sie haben dich angesehen, als wärst du...« Sie zögerte. »Als wärst du einer von ihnen. Nein. Als wärst du mehr als sie.«
Hugo schüttelte den Kopf. Er wollte nicht darüber reden. Das Gespräch in dem Besprechungsraum lag noch wie ein Gewicht auf ihm. Die drei Männer in ihren Anzügen, die ihn musterten, die seinen Ausdruck beobachteten, die ihm zuhörten, wie er von seinen Analysen sprach, von den Fehlbewertungen, die er gefunden hatte, von den Gewinnen, die er erzielt hatte. Dr. Brenner, der beobachtet hatte. Dr. Weber, dessen anfängliche Prüfung schließlich einer vorsichtigen Neugier gewichen war. Und Eberhardt, der ihm bis zuletzt mit jener Skepsis begegnet war, die Hugo gleichzeitig geärgert und angespornt hatte.
»Sie werden sich beraten«, sagte Hugo. »Das haben sie gesagt. Sie müssen intern besprechen, ob meine...« Er machte eine Pause, suchte nach dem richtigen Wort. »...ob meine ungewöhnliche Arbeitsweise tatsächlich beruflich nutzbar ist. Das war das Wort. Nutzbar.«
Elisabeth nickte langsam. »Das ist gut. Wenn sie dich nicht ernst nehmen würden, müssten sie sich nicht beraten.«
»Oder sie beraten sich, um eine höfliche Absage zu formulieren.«
»Hugo.« Elisabeths Stimme wurde schärfer, aber nur für einen Moment. Dann legte sie sich wieder, wurde weich, fast wie ein Seufzer. »Glaubst du wirklich, sie würden sich die Mühe machen, eine Absage zu formulieren? Für einen siebzehnjährigen Jungen, der ihnen seine Kurszettel hinlegt? Nein. Wenn sie dich nicht ernst nehmen würden, hätten sie dich nach fünf Minuten hinausgebracht. Sie hätten dir einen Kaffee angeboten, dir die Hand gegeben und dir alles Gute gewünscht.«
Hugo blieb stehen. Sie waren an einer Ecke angekommen, wo eine breite Straße auf eine kleinere mündete. Ein Lastwagen fuhr vorbei, das Tosen des Motors dröhnte zwischen den Häusern, und Hugo wartete, bis es vorbei war. Er drehte sich zu seiner Mutter um.
»Sie wissen, wie alt ich bin«, sagte er. »Sie wissen, dass ich die Schule noch nicht abgeschlossen habe. Und trotzdem haben sie mich hereingelassen. Trotzdem haben sie mir zugehört. Nicht weil ich irgendeinen Abschluss vorweisen kann. Sondern weil sie sehen wollten, ob ich das wirklich kann.«
Elisabeth sah ihn an. Ihre Augen waren feucht, aber sie weinte nicht. Sie weinte selten, und wenn sie es tat, war es still, fast unmerklich, als wäre es eine Schwäche, die sie nur im Dunkeln zuließ. Jetzt stand sie da, in ihrem alten Mantel, und Hugo sah etwas in ihrem Blick, das er nicht benennen konnte. Es war nicht nur Stolz. Es war mehr. Es war die Erkenntnis, dass der Junge, den sie vor siebzehn Jahren zur Welt gebracht hatte, der Junge, der als Kind stundenlang vor seinen Aktienheften gesessen hatte, der Junge, den sie manchmal nicht verstanden hatte, nun vor ihr stand und Dinge sagte, die sie nicht mehr ganz begriff, aber die offenbar andere – erwachsene, mächtige Männer – zum Nachdenken brachten.
»Nein«, sagte sie leise. »Das haben sie nicht gesagt.«
Sie gingen weiter. Der Bahnhof tauchte vor ihnen auf, ein großes Gebäude aus Sandstein und Glas, vor dem Menschen mit Koffern und Taschen hin und her eilten. Hugo blieb vor dem Eingang stehen, ließ Svenjas Hand los und sah auf die Uhr. Noch eine Stunde bis zum Zug. Zeit genug, um etwas zu essen, aber keiner von ihnen hatte Hunger.
Svenja setzte sich auf eine Bank im Wartesaal. Der Bauch machte ihr inzwischen das Sitzen schwer, und sie rutschte hin und her, bis sie eine halbwegs bequeme Position gefunden hatte. Elisabeth kaufte sich an einem Kiosk eine Tasse Kaffee, obwohl sie ihn normalerweise nachmittags nicht trank. Sie hielt die Tasse mit beiden Händen umfasst, als wäre sie eine Wärmequelle, die sie brauchte.
»Was machen wir, wenn sie Nein sagen?«, fragte Svenja.
Hugo zuckte mit den Schultern. »Dann habe ich weiter mein eigenes Geld. Dann handle ich weiter allein.«
»Und die Schule?«
»Die Schule.« Hugo lachte kurz, ein hartes Geräusch. »Die Schule ist mir egal. Die Schule hat mir nichts beigebracht, was ich brauche. Die Lehrer reden von Dingen, die keine Bedeutung haben. Sie reden von Goethe und von mathematischen Beweisen, die niemand braucht. Sie reden nicht davon, wie man eine Bilanz liest. Sie reden nicht davon, wie man erkennt, dass eine Aktie zu billig ist.«
»Dein Vater wird das nicht gut finden«, sagte Elisabeth. Sie sagte es nicht vorwurfsvoll. Sie sagte es als Feststellung, als würde sie das Wetter beschreiben.
»Mein Vater.« Hugo spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, eine alte, vertraute Spannung. »Mein Vater hat mir nie geglaubt. Erst hat er gesagt, ich spinne. Dann hat er gesagt, es ist Glück. Dann hat er gesagt, es sei zu riskant. Er hat immer etwas gesagt, nur nicht: Du kannst es.«
Elisabeth trank einen Schluck Kaffee. Sie sah ihn über den Rand der Tasse hinweg an. »Er hat Angst, Hugo. Dein Vater hat Angst, dass du dich verrennst. Dass du alles auf eine Karte setzt und verlierst. Er ist nicht dein Feind. Er ist nur...« Sie suchte nach dem Wort. »...vorsichtig.«
»Vorsichtig«, wiederholte Hugo. Er spürte, wie die Wut in ihm aufstieg, langsam, wie Wasser, das in einem Topf zu kochen beginnt. »Er hat mich gefragt, ob ich verrückt sei. Ob ich wüsste, was ich tue. Er hat gesagt, ich solle erst einmal das Abitur machen, wie alle anderen. Er hat gesagt, ich solle nicht denken, ich sei etwas Besonderes.«
Svenja legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihre Finger waren klein und weich, und Hugo spürte, wie sie zitterten. »Hugo«, sagte sie leise. »Du bist etwas Besonderes. Das weiß ich. Das weiß Mama. Aber dein Vater... er sieht das anders. Er sieht einen Jungen, der die Schule schwänzt, der stattdessen vor Aktienheften sitzt, der mit siebzehn behauptet, er könne besser mit Geld umgehen als Erwachsene. Kannst du nicht verstehen, dass das für ihn beängstigend ist?«
Hugo wollte antworten, wollte sagen, dass es ihn nicht interessierte, ob sein Vater Angst hatte, dass sein Vater ihn nicht verstand, dass sein Vater nie verstanden hatte. Aber er sagte nichts. Er sah auf Svenjas Hand, die auf seinem Arm lag, auf die dünne Haut, die kleinen blauen Adern, die Ringe an ihren Fingern. Er dachte an das Kind in ihrem Bauch, das in wenigen Monaten zur Welt kommen würde. Ein Kind, das er Onkel nennen würde. Ein Kind, das in einer Welt leben würde, die er mit seinem Geld verändern könnte, wenn er nur die Chance bekam.
Der Zug nach Hamburg fuhr pünktlich ab. Sie hatten ein Abteil für sich, ein kleines, altmodisches Abteil mit Samtpolstern und einem Fenster, das man herunterkurbeln konnte. Hugo setzte sich ans Fenster, Elisabeth ihm gegenüber, Svenja neben ihm. Der Zug ruckte an, die Räder klackten auf den Schienen, und Frankfurt begann sich zu entfernen, die Häuser wurden kleiner, die Felder breiter.
»Was glaubst du, wie lange sie brauchen?«, fragte Svenja.
Hugo zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Tage. Vielleicht Wochen.«
»Und bis dahin?«
»Bis dahin warte ich.« Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Die Kühle des Glases tat gut. »Was soll ich sonst tun?«
Die Tage, die folgten, waren die längsten, die Hugo je erlebt hatte. Er saß in seinem Zimmer in Eppendorf, vor den Aktienheften, vor den Kurszetteln, die er aus der Zeitung ausschnitt und auf seine Pinnwand heftete. Aber er konnte sich nicht konzentrieren. Die Zahlen verschwammen vor seinen Augen, die Kurven verloren ihre Bedeutung, und immer wieder, wenn er glaubte, einen Gedanken zu fassen, war da dieses Bild: Herr Webers Gesicht, ausdruckslos und prüfend, die Hände gefaltet auf dem Tisch, die Stille im Raum, nachdem Hugo geendet hatte.
Die Bank hatte ihn beobachtet. Das wusste er. Sie hatten seine Trades verfolgt, seine Entscheidungen, seine Fehler auch. Er hatte Fehler gemacht, das war ihm klar. Einmal hatte er auf eine Aktie gesetzt, die gefallen war, weiter gefallen, und er hatte sie halten müssen, zwei Wochen lang, bis sie sich erholt hatte. Ein anderes Mal hatte er zu früh verkauft, einen Tag vor dem großen Sprung, und die Gewinne waren ihm durch die Finger geronnen. Die Banker wussten das. Sie hatten die Daten. Sie hatten gesehen, dass er nicht unfehlbar war, dass er ein Junge war, der manchmal zu voreilig handelte, manchmal zu zögerlich.
Aber sie hatten auch gesehen, dass er insgesamt gewann. Dass seine Gewinne die Verluste bei Weitem überstiegen. Dass er etwas sah, was andere nicht sahen.
Am vierten Tag nach dem Gespräch klingelte das Telefon. Hugo war allein zu Hause, seine Mutter war einkaufen, sein Vater arbeitete. Er nahm ab, und seine Stimme klang ihm selbst fremd, hoch und angespannt.
»Herr Voss?« Die Stimme am anderen Ende war männlich, trocken, professionell. »Hier ist Dr. Brenner von der Deutschen Bank.«
Hugos Herz schlug schneller. Er spürte, wie sich seine Hand um den Hörer krallte. »Ja?«
»Wir haben Ihre Unterlagen und das Gespräch intern besprochen.« Eine Pause. Hugo hörte Papier rascheln. »Ihr Fall ist... ungewöhnlich. Das wissen Sie. Sie sind siebzehn, haben keinerlei Berufserfahrung im Bankgeschäft und kommen mit Ergebnissen zu uns, die selbst erfahrene Leute aufmerksam machen. Das ist nicht die Art von Bewerbung, die wir normalerweise erhalten.«
»Ich habe nicht behauptet«, sagte Hugo. Er hörte selbst, wie scharf seine Stimme klang. »Ich habe gezeigt. Die Zahlen sprechen für sich.«
Wieder eine Pause. Länger diesmal. Dann: »Das stimmt. Die Zahlen sind... beeindruckend. Aber Zahlen sind nicht alles, Herr Voss. Wir müssen auch wissen, ob jemand in unserem Haus arbeiten kann. Ob er teamfähig ist. Ob er Anweisungen entgegennimmt. Ob er bereit ist, zu lernen, statt nur zu lehren.«
Hugo schluckte. »Ich bin bereit zu lernen. Aber ich bin auch bereit, etwas beizubringen. Das eine schließt das andere nicht aus.«
Am anderen Ende der Leitung entstand ein Geräusch, das wie ein kurzes Lachen klang, aber es war schwer zu sagen, ob es humorvoll oder höhnisch gemeint war. »Das ist eine interessante Antwort, Herr Voss. Eine sehr interessante Antwort.« Nochmals Rascheln. »Wir möchten Sie bitten, nächste Woche noch einmal nach Frankfurt zu kommen. Es gibt einige Details zu klären. Formales. Ihr Alter, Ihre schulische Situation, rechtliche Fragen. Aber grundsätzlich...« Eine weitere Pause, und Hugo hielt den Atem an. »Grundsätzlich sind wir bereit, Ihnen eine Chance zu geben. Auf Probe. Sechs Monate. Danach sehen wir weiter.«
Hugo sagte nichts. Er stand da, den Hörer in der Hand, und starrte auf die Wand gegenüber, auf die Kurszettel, die Aktienhefte, die Welt, die er sich in seinem Zimmer aufgebaut hatte. Die Worte drangen zu ihm durch, aber sie schienen nicht ganz real zu sein. Grundsätzlich sind wir bereit. Sechs Monate. Auf Probe.
»Herr Voss? Sind Sie noch dran?«
»Ja«, sagte er. Seine Stimme klang rau, als hätte er lange nicht gesprochen. »Ja, ich bin noch dran. Ich komme. Nächste Woche. Ich komme.«
»Gut. Meine Sekretärin wird Ihnen die Einzelheiten mitteilen. Auf Wiederhören, Herr Voss.«
»Auf Wiederhören.«
Hugo legte auf. Er stand noch einen Moment da, den Hörer in der Hand, bevor er ihn auf die Gabel legte. Dann ging er zum Fenster, öffnete es, und die kühle Herbstluft strömte herein. Er atmete tief ein, fühlte die Kälte in seiner Lunge, und erst dann, als er den Fensterrahmen mit den Fingern umklammerte, bemerkte er, dass seine Hände zitterten.
Er lief die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal, stürmte in die Küche, dann in den Flur, dann wieder zurück. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er wollte schreien, wollte jemandem erzählen, wollte seine Mutter umarmen, wollte Svenja anrufen. Aber er tat nichts davon. Er stand in der Mitte des Küchenbodens, atmete schwer, und fühlte etwas, das er lange nicht mehr gefühlt hatte: eine Mischung aus Euphorie und Angst, so stark, dass sie ihm die Kehle zuschnürte.
Als Elisabeth nach Hause kam, die Einkaufstüten in den Händen, fand sie ihn am Küchentisch sitzend. Er hatte den Kopf in den Händen vergraben, und als sie eintrat, sah er auf. Sein Gesicht war blass, die Augen gerötet, aber er weinte nicht.
»Sie haben angerufen«, sagte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Die Bank. Sie haben angerufen.«
Elisabeth ließ die Tüten sinken. Sie trat auf ihn zu, langsam, als fürchte sie, er könne zerbrechen. »Und?«
»Sechs Monate. Auf Probe. Nächste Woche muss ich wieder hin. Formales klären. Aber...« Er machte eine Pause, und seine Lippen bebten. »Aber grundsätzlich... grundsätzlich sind sie bereit.«
Elisabeth blieb stehen. Sie sah ihn an, diesen Jungen, der ihr Sohn war, der noch nicht einmal achtzehn war, der keinen Schulabschluss hatte, der jetzt von der größten Bank Deutschlands gerufen wurde. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und dann, langsam, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Es war kein lautes Lächeln, kein triumphierendes. Es war ein Lächeln, das nur ihre Augen erreichte, das die kleinen Fältchen an ihren Augenwinkeln tiefer werden ließ, das etwas von Trauer und etwas von Stolz zugleich enthielt.
»Hugo«, sagte sie. Nur seinen Namen. Dann trat sie auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine Schultern und zog ihn hoch. Sie umarmte ihn, fest, und Hugo spürte, wie sie zitterte, leicht, fast unmerklich, aber sie zitterte. »Mein Junge«, flüsterte sie an seinem Ohr. »Mein kleiner Junge.«
Sie hielten sich eine Weile so. Dann löste sich Elisabeth von ihm, strich ihm über die Wange, und Hugo sah, dass ihre Augen feucht waren. Aber sie weinte nicht. Sie lächelte immer noch dieses seltsame, stille Lächeln.
»Wir müssen Svenja anrufen«, sagte sie. »Und deinen Vater.«
»Papa.« Das Wort fiel wie ein Stein zwischen sie. Hugo spürte, wie sich seine Schultern anspannten. »Papa wird es nicht gut finden.«
»Dein Vater wird es akzeptieren müssen.« Elisabeths Stimme wurde fester, ein Hauch von der Stärke, die Hugo an ihr kannte, die Stärke, mit der sie allein die Familie durch schwierige Zeiten geführt hatte. »Du bist fast achtzehn. Du hast ein Angebot von der Deutschen Bank. Nicht von irgendeiner kleinen Firma. Von der Deutschen Bank. Was soll er sagen? Dass er es besser weiß?«
»Er wird sagen, dass ich die Schule nicht abbrechen soll. Er wird sagen, dass ich später bereuen werde, kein Abitur zu haben. Er wird sagen, dass ich zu jung bin, dass ich mich übernehme, dass...«
»Hugo.« Elisabeth legte ihm die Finger auf die Lippen. »Lass ihn reden. Er ist dein Vater. Er hat das Recht, sich Sorgen zu machen. Aber am Ende wirst du gehen. Nicht weil du ihn nicht respektierst. Sondern weil das hier deine Chance ist. Und Chancen wie diese bekommt man nicht zweimal.«
Herr Voss kam gegen sieben Uhr nach Hause. Hugo hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, hörte die Schritte im Flur, das Rascheln des Mantels, der an der Garderobe aufgehängt wurde. Er saß im Wohnzimmer, auf dem alten Sofa mit den abgenutzten Armlehnen, und seine Hände lagen gefaltet auf dem Schoß. Elisabeth stand am Fenster, die Arme verschränkt. Svenja war gekommen, saß neben Hugo, ihre Hand auf seinem Knie.
Herr Voss betrat den Raum. Er war ein großer Mann, breitschultrig, mit einem Gesicht, das hart wirken konnte, wenn er es wollte, und das jetzt müde aussah. Er trug den grauen Anzug, den er zur Arbeit trug, das Hemd war an den Kragen etwas durchgescheuert, und seine Krawatte war lockerer, als sie sein sollte.
»Was ist?«, fragte er. Er sah von einem zum anderen, und Hugo wusste, dass er es bemerkte, die angespannte Stille, die Haltung seiner Frau, die Art, wie Svenja den Kopf gesenkt hielt.
»Die Bank hat angerufen«, sagte Hugo. Seine Stimme war ruhiger, als er sich gefühlt hatte. »Die Deutsche Bank. Sie bieten mir eine Stelle. Sechs Monate auf Probe.«
Herr Voss blieb stehen. Er stand in der Tür, den Mantel noch nicht abgelegt, und sah seinen Sohn an. Seine Augen waren blau, wie die von Hugo, aber matter, älter. Er sagte nichts. Er blinzelte nur einmal, langsam.
»Eine Stelle«, wiederholte er schließlich. »Bei der Deutschen Bank.«
»Ja.«
»Als was?«
»Analysieren«, sagte Hugo.
Sein Vater sah ihn einen Moment lang an. »Ich möchte genau wissen, was sie dir anbieten. Was soll ein siebzehnjähriger Junge ohne Berufserfahrung bei der Deutschen Bank tatsächlich machen?«
Hugo stand auf, und er merkte, dass er größer war als sein Vater, einen halben Kopf mindestens. »Aktien. Unternehmen. Bewertungen. Sie haben gesehen, was ich kann. Sie wollen herausfinden, ob ich das auch für die Bank kann.«
»Und was ist mit der Schule?«
»Die Schule...« Hugo machte eine Pause. »Die Schule kann warten. Oder ich mache sie nebenher. Oder...«
»Oder du lässt sie sein.« Herrn Voss’ Stimme wurde lauter, nicht schreiend, aber hart, mit einem Unterton von etwas, das Hugo als Verzweiflung erkannte. »Du lässt das Abitur sein, brichst die Schule ab, ziehst nach Frankfurt, und wenn es in sechs Monaten vorbei ist, wenn die Bank dich rausschmeißt, weil du doch nicht so besonders bist, wie du glaubst – was dann? Dann sitzt du dort, ohne Job, ohne Abschluss, ohne Ausbildung. Ein siebzehnjähriger Junge, der geglaubt hat, er könne die Welt erobern.«
»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagte Hugo. Er spürte, wie die Wut in ihm hochstieg, aber er beherrschte sich. Er wollte nicht schreien. Nicht jetzt. »Die Bank weiß, was ich kann. Sie haben es geprüft. Sie haben meine Trades analysiert, meine Entscheidungen, meine Fehler auch. Sie wissen, dass ich nicht perfekt bin. Aber sie wissen auch, dass ich insgesamt gewinne. Dass ich etwas verstehe.«
»Du verstehst Zahlen«, sagte sein Vater. Er trat einen Schritt auf Hugo zu, und Hugo roch den Tabak an ihm, den alten Geruch seiner Arbeitskleidung. »Aber verstehst du auch das Leben? Verstehst du, was es bedeutet, Verantwortung zu tragen? Du hast über vierhunderttausend Mark verdient, ja. Das ist viel Geld. Für einen Jungen. Aber es ist nicht die Welt. Es ist nicht genug, um daraus ein Leben zu machen. Und wenn du jetzt die Schule abbrichst, Hugo, wenn du jetzt gehst und es schiefgeht...«
»Dann habe ich wenigstens versucht.« Hugos Stimme zitterte jetzt, und er hasste sich dafür. Er wollte stark wirken, wollte überzeugend sein, aber das Zittern war da, in seinen Händen, in seiner Stimme. »Dann habe ich wenigstens nicht nur gesessen und gewartet. Dann habe ich etwas getan.«
»Du bist siebzehn!« Herr Voss schlug mit der Faust gegen die Wand, ein kurzer, dumpfer Schlag, der im Raum hallte. Elisabeth zuckte zusammen, Svenja erstarrte. »Du bist siebzehn Jahre alt! Du sollst lernen, wachsen, Erfahrungen sammeln! Nicht die Schule abbrechen und glauben, weil du an der Börse Geld verdient hast, könntest du schon mit achtzehn leben wie ein Mann von dreißig!«
Hugos Stimme brach, wurde zu einem Schrei, und er konnte nichts dagegen tun. »Ich glaube gar nichts! Ich habe gearbeitet! Ich habe Nächte durchgemacht, ich habe gelesen, gerechnet, Fehler gemacht und wieder angefangen. Du hast nie gesehen, was ich getan habe! Du hast nur gesehen, dass ich anders bin, und das hat dir nicht gefallen!«
»Hugo.« Elisabeths Stimme durchschnitt die Luft wie ein Messer. Sie trat zwischen sie, ihre kleine Gestalt aufrecht, die Hände zu Fäusten geballt. »Genug. Beide.«
Herr Voss atmete schwer. Seine Brust hob und senkte sich, und Hugo sah, wie seine Kiefermuskeln zuckten. Er war wütend, das war klar, aber Hugo sah auch etwas anderes in seinem Gesicht. Etwas, das er nicht erwartet hatte. Angst. Die gleiche Angst, die Elisabeth beschrieben hatte. Angst, dass sein Sohn sich verlieren würde. Angst, dass er versagen würde. Angst, dass er, der Vater, nichts tun konnte, um ihn zu schützen.
»Ich gehe«, sagte Hugo leise. Die Wut war verraucht, zurück blieb eine leere Müdigkeit. »Ich gehe nach Frankfurt. Ob du es willst oder nicht.«
»Und wenn ich es nicht erlaube?«
Hugo sah ihn an. »Dann kannst du mich vielleicht noch zwei Monate aufhalten. Aber nicht davon abbringen. In zwei Monaten bin ich volljährig. Dann gehe ich trotzdem. Und ich will nicht, dass es so zwischen uns endet.«
Die Worte hingen im Raum. Herr Voss sah seinen Sohn an, lange, ohne zu blinzeln. Dann drehte er sich um und ging zur Tür. Er blieb dort stehen, den Rücken zu ihnen, die Hand auf der Klinke.
»Tu, was du nicht lassen kannst«, sagte er. Seine Stimme war leise, fast heiser. »Aber wenn du fällst, Hugo, wenn du scheiterst – dann komm nicht zu mir und sag, ich hätte dich nicht gewarnt.«
Er ging. Die Tür fiel ins Schloss, und Hugo hörte seine Schritte die Treppe hinauf, dann das Knallen einer Zimmertür.
Svenja stand auf. Sie legte ihre Arme um Hugo, drückte sich an ihn, und er spürte den runden Bauch gegen seinen Körper, das kleine Leben darin, das er noch nicht kannte und das doch längst zu ihrer Familie gehörte. »Er hat Angst«, flüsterte sie. »Er hat nur Angst.«
»Ich weiß.« Hugo legte seine Hand auf ihren Nacken, strich über das weiche Haar. »Aber ich kann nicht aufhören, nur weil er Angst hat.«
Elisabeth stand am Fenster, hatte sich nicht gerührt. Sie sah hinaus in den dunklen Garten, und ihr Profil war im Halbdunkel des Wohnzimmers sichtbar, scharf und klar wie eine Zeichnung.
»Du wirst gehen«, sagte sie. Es war keine Frage.
»Ja.«
»Und du wirst das Abitur nicht machen.«
»Nein. Nicht jetzt. Vielleicht später. Irgendwann.«
Elisabeth drehte sich um. Ihre Augen glänzten im Zwielicht, und Hugo sah, dass sie lächelte. Nicht glücklich. Aber stolz. Dieser subtile, fast verborgene Stolz, den er manchmal in ihrem Blick entdeckte, wenn sie ihn beobachtete, ohne dass sie es merkte.
»Dann mach es richtig«, sagte sie. »Wenn du schon gehst, dann geh nicht halbherzig. Zeig ihnen, was in dir steckt. Nicht nur den Bankern. Auch deinem Vater. Auch dir selbst.«
Die nächsten Tage vergingen in einer seltsamen Mischung aus Hast und Wartezeit. Hugo musste Unterlagen zusammenstellen, Verträge prüfen, sich mit der Bank abstimmen. Es gab Formulare, die seine Mutter unterschreiben musste, da er noch minderjährig war. Es gab Gespräche mit der Schule über seinen Abgang und darüber, was nun aus seiner schulischen Laufbahn werden sollte. Es gab das Konto bei der Bank, das er eröffnen musste, die Versicherungen, die Frage nach der Wohnung.
Elisabeth übernahm den Großteil der Organisation. Sie rief bei der Bank an, klärte Details, besorgte Formulare. Sie tat es ruhig, effizient, ohne viele Worte. Aber Hugo bemerkte, wie sie manchmal innehielt, mitten in einer Besorgung, wie sie mit der Hand auf dem Telefonhörer saß und ins Leere starrte. Er wusste, dass sie dachte, dass ihr Sohn ging, dass das Kind, das sie großgezogen hatte, das noch vor Wochen in seinem Zimmer über Aktienheften gebrütet hatte, nun in eine Welt abtauchen würde, die sie nicht verstand und die sie nicht beschützen konnte.
Svenja half ihm beim Packen. Sie saß auf seinem Bett, den Bauch vorgeschoben, und faltete seine Hemden, die er kaum besaß, da er meistens Pullover trug. »Du brauchst mehr Hemden«, sagte sie. »In einer Bank trägt man Hemden.«
»Ich habe zwei.«
»Das reicht nicht. Wir müssen welche kaufen.«
»Ich habe Geld, Svenja. Ich kann mir Hemden kaufen.«
»Ich weiß.« Sie lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. »Ich will nur... ich will dir helfen. Solange ich noch kann.«
Er setzte sich neben sie, nahm ihre Hand. »Du kannst immer helfen. Du wirst immer meine Schwester sein. Egal, wo ich bin.«
»Aber du wirst nicht hier sein. Wenn das Baby kommt...« Ihre Stimme brach. »Wenn das Baby kommt, bist du in Frankfurt. Und ich bin hier. Mit Mama. Und Papa. Und dem Kleinen.«
»Ich komme besuchen. So oft ich kann. Und wenn ich Geld verdiene, wenn es gut läuft...« Er machte eine Pause. »Dann kann ich euch helfen. Alle. Dann kann ich dafür sorgen, dass es euch gut geht.«
Svenja legte ihren Kopf an seine Schulter. »Ich will nicht, dass du für uns sorgst. Ich will, dass du glücklich bist.«
»Das eine schließt das andere nicht aus.«
Sie lachte leise, ein feuchtes Geräusch. »Du klingst wie Mama.«
Der Abschied von seinem Zimmer in Eppendorf war schwerer, als Hugo erwartet hatte. Er stand in der Tür, sah hinein, auf die leeren Regale, die kahle Wand, wo die Kurszettel gehangen hatten, das Bett ohne Bettzeug, den Schreibtisch, auf dem nur noch ein einzelner Stift lag. Es roch nach Staub und nach altem Holz, einem Geruch, den er sein ganzes Leben lang kannte. Dieses Zimmer war sein Zufluchtsort gewesen, seine Festung, der Ort, an dem er sich vor der Welt versteckt hatte, die ihn nicht verstand. Hier hatte er die ersten Aktien gekauft, hier hatte er die ersten Fehler gemacht, hier hatte er die Nächte durchgemacht, die seine Mutter nicht bemerkt hatte.
Er trat ein, nahm den Stift vom Schreibtisch, steckte ihn ein. Dann drehte er sich um und ging, ohne zurückzusehen.
Die Fahrt nach Frankfurt übernahm Elisabeth. Sie hatte den alten Kombi ihres Mannes genommen, obwohl er protestiert hatte, und sie fuhr langsam, vorsichtig, als wollte sie die Strecke dehnen. Svenja saß auf dem Rücksitz, eingekuschelt in eine Decke, da sie in letzter Zeit schnell fror. Hugo saß neben seiner Mutter, den Blick auf die Straße gerichtet, die vorbeizog, die Felder, die Wälder, die Ortschaften, die immer größer wurden, dichter, bis schließlich die Skyline von Frankfurt am Horizont auftauchte.
»Da ist es«, sagte Elisabeth. Ihre Stimme war ruhig, aber Hugo hörte das Zittern darin.
»Ja.«
»Hast du Angst?«
Hugo dachte nach. Er spürte sein Herz, das schneller schlug, als die Türme näher kamen. Er spürte die Kälte in seinen Händen, die trockene Kehle. Aber Angst? Nein. Nicht Angst. Etwas anderes.
»Nein«, sagte er. »Ich bin bereit.«
Elisabeth nickte. Sie fuhr weiter, und niemand sagte mehr etwas, bis sie in Frankfurt ankamen.
Die Wohnung war klein. Ein Zimmer, Küche, Bad, in einem alten Haus in der Nähe der Bank, das ein Vermittler gefunden hatte. Die Tapeten waren gelblich und an den Ecken gelöst, das Fenster ging auf einen Hinterhof hinaus, wo Mülltonnen standen und eine Katze auf einem Mauerabsatz saß. Aber es war möbliert, das Bett war breit genug, und der Schreibtisch unter dem Fenster bot Platz für seine Unterlagen.
Elisabeth begutachtete alles mit der Präzision einer Generalin. Sie prüfte die Wasserhähne, die Heizung, die Fenstersicherungen. Sie öffnete die Schränke, roch an den Kissen, klopfte auf die Matratze. Svenja setzte sich auf das einzige Sofa, ein grünes Ding mit ausgeleierten Federn, und hielt sich den Rücken.
»Es ist nicht schön«, sagte Elisabeth schließlich. Ihre Stimme klang belegt.
»Es reicht«, sagte Hugo. »Ich brauche nicht mehr.«
»Du verdienst mehr als viele Erwachsene, und du wohnst in einer Absteige.«
»Es ist keine Absteige. Es ist... praktisch. Nah an der Bank. Billig. Ich brauche das Geld nicht für die Wohnung. Ich brauche es für andere Dinge.«
Elisabeth sah ihn an. Ihre Augen waren feucht, aber sie weinte nicht. Sie nickte nur, langsam, als würde sie etwas akzeptieren, das ihr nicht gefiel.
»Dann richte es dir ein«, sagte sie. »Wir helfen dir.«
Sie verbrachten den Nachmittag damit, die wenigen Sachen auszupacken, die Hugo mitgebracht hatte. Die Kleidung, die Aktienhefte, den alten Taschenrechner, den er seit Jahren benutzte. Elisabeth kaufte Bettwäsche, Handtücher, eine Kaffeemaschine. Svenja räumte die Küche ein, stellte Tassen und Teller in die Schränke, ordnete die wenigen Lebensmittel, die sie mitgebracht hatten.
Als es dunkel wurde, gingen sie essen. Ein kleines Restaurant um die Ecke, italienisch, mit schwacher Beleuchtung und lauter Musik. Sie aßen Pizza, die nicht besonders gut war, und tranken Wasser, da Svenja keinen Alkohol trank und Elisabeth am Steuer saß. Sie sprachen wenig. Es gab nicht viel zu sagen. Der Abschied lag wie eine Schicht über dem Tisch, greifbar und schwer.
Danach fuhren Elisabeth und Svenja los. Sie wollten noch in derselben Nacht zurück nach Hamburg; Elisabeth hatte darauf bestanden.“ Hugo begleitete sie zum Auto. Die Straße war nass, es hatte geregnet, und die Laternen spiegelten sich in den Pfützen.
Elisabeth umarmte ihn. Fest, lange, und er spürte, wie sie zitterte, diesmal stärker als zuvor. »Ruf mich an«, flüsterte sie. »Jeden Tag. Egal wie spät. Egal wie müde du bist. Ruf mich an.«
»Das werde ich.«
»Und iss ordentlich. Du wirst zu dünn.«
»Mama...«
»Und zieh dich warm an. Es wird kalt werden.«
»Mama.« Er löste sich sanft von ihr, hielt ihr Gesicht in den Händen. »Es wird alles gut. Ich verspreche es dir.«
Sie sah ihn an, und in ihren Augen lag dieses Lächeln wieder, das stille, stolze Lächeln, das sie nur für ihn hatte. »Ich weiß«, sagte sie. »Ich weiß, mein Junge.«
Svenja umarmte ihn ebenfalls, vorsichtig wegen des Bauchs. »Pass auf dich auf«, sagte sie. »Und wenn die Banker gemein sind – dann zeig es ihnen.«
»Das werde ich.«
Er stand da, als das Auto anfuhr, die Rücklichter rot in der Dunkelheit. Er winkte, bis sie um die Ecke verschwunden waren, und dann stand er allein auf der nassen Straße, in einer fremden Stadt, in der niemand ihn kannte.
Die Wohnung war kalt, als er zurückkam. Er schloss die Tür hinter sich, drehte den Schlüssel zweimal herum, und dann herrschte Stille. Nicht die Stille von Eppendorf, wo manchmal ein Auto vorbeifuhr oder die Nachbarn laut wurden. Diese Stille war anders. Dick, schwer, fast greifbar. Er hörte sein eigenes Atmen, das Ticken einer Uhr, die er noch nicht gesehen hatte, das Rauschen der Heizung, die er angelassen hatte.
Er ging ins Bad, wusch sich, zog sich um. Das Bett war hart, die Kissen zu dick, und er lag eine Weile wach, starrte an die Decke, lauschte den Geräuschen des Hauses. Ein Wasserrohr klopfte irgendwo. Jemand ging die Treppe hinauf. Die Katze auf dem Mauerabsatz miaute.
Er dachte an sein Zimmer in Eppendorf. An die Kurszettel an der Wand. An die Stimme seines Vaters, die noch in seinen Ohren hallte. An Svenjas Bauch, an das Kind, das er noch nicht kannte. An seine Mutter, die ihre Tränen immer wieder zurückgehalten hatte und ihn trotzdem losgelassen hatte, weil sie wusste, dass er gehen musste.
Er stand auf, ging zum Schreibtisch, nahm seinen Block und einen Stift. Er schrieb eine Liste. Hemden. Krawatten. Schuhe. Einen neuen Taschenrechner, der schneller war. Die Bücher, die er lesen wollte. Die Namen der Analysten, mit denen er zusammenarbeiten würde. Die Fragen, die er stellen wollte.
Dann legte er die Sachen für den nächsten Morgen bereit. Den Anzug, den Elisabeth für ihn gekauft hatte, dunkelblau, zu groß in den Schultern, aber das beste, was sie hatten finden können. Das Hemd, weiß, gestärkt. Die Krawatte, die er kaum binden konnte. Die Schuhe, poliert, aber noch unbequem, da er sie erst einmal getragen hatte.
Er legte alles über die Stuhllehne, ordentlich, wie seine Mutter es ihm beigebracht hatte. Dann stellte er den Wecker. Sechs Uhr. Er wollte früh aufstehen, wollte Zeit haben, wollte nicht hetzen. Er wollte ruhig sein, gesammelt, professionell.
Er legte sich wieder hin. Der Wecker tickte auf dem Nachttisch, ein kleines, hartes Geräusch in der Stille. Hugo schloss die Augen, atmete tief ein, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte er etwas, das er kaum kannte: Frieden. Nicht Sicherheit. Nicht Gewissheit. Aber die Ruhe, die entsteht, wenn man eine Entscheidung getroffen hat und nichts mehr ändern kann.
Der Wecker zeigte 22:47 Uhr. Draußen regnete es wieder, leise und gleichmäßig gegen die Fensterscheibe. Hugo blieb noch einen Moment liegen, dann setzte er sich auf und sah durch das kleine Zimmer. Die Wohnung war still. Fremd noch, fast zu ordentlich, mit den wenigen Möbeln, den halb ausgepackten Sachen und dem Anzug, den er für den nächsten Morgen über die Stuhllehne gelegt hatte. Auf dem Tisch stand der Kassettenrekorder, den er aus Hamburg mitgenommen hatte.
Er stand noch einmal auf, suchte zwischen den Kassetten und schob eine hinein. Engelbert Humperdinck. Später The Platters. Er stellte die Musik leise, kaum mehr als ein Hintergrundgeräusch. Die Stimmen füllten das Zimmer, ohne die Stille ganz zu vertreiben. Sie gehörten zu etwas Vertrautem, zu Abenden zu Hause, zu seinem Zimmer in Hamburg, zu einer Welt, die plötzlich weit weg war.
Hugo setzte sich wieder auf die Bettkante. Zum ersten Mal war hinter keiner Tür seine Mutter. Kein Vater ging irgendwo durchs Haus. Svenja würde nicht plötzlich hereinkommen und irgendeinen Kommentar über seine Kleidung oder seine Haare machen. Es war nur diese kleine Wohnung, der Regen am Fenster und die Musik.
Er legte sich wieder hin und zog die Decke höher. Eine Weile hörte er einfach nur zu. Dann kamen die Gedanken zurück: Frankfurt, die Bank, die Männer in ihren Anzügen, die Fragen, die Blicke, die Zahlen. Morgen würde er nicht mehr nur über Unternehmen lesen und Entscheidungen für sich selbst treffen. Morgen würde er hineingehen in diese Welt, die ihn bisher nur aus Briefen, Kurszetteln und Besprechungsräumen gekannt hatte.
Die Kassette lief weiter. Irgendwann wurden die Stimmen leiser in seinem Kopf, die Gedanken unschärfer. Hugo schloss die Augen.
Morgen, dachte er. Morgen fange ich an.
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