Punkt 5

Es war ein Dienstag in der zweiten Maiwoche, und die Luft in Hamburg roch nach aufgewärmtem Asphalt und den ersten Blüten der Kastanien, die sich in den Höfen der Stadt öffneten. Hugo saß in der Bank, nicht im großen Schalterbereich, sondern in dem kleinen Nebenraum, wo die Berater die Formulare für Wertpapiergeschäfte aufbewahrten. Er hatte das Formular bereits ausgefüllt, die Unterschrift seiner Mutter darunter, die Zahl der Aktien, die er kaufen wollte, den Namen der Firma, die er in den vergangenen Wochen verfolgt hatte.

Die Firma war keine, die er zufällig gewählt hatte. Sie war das Ergebnis seiner Tabelle, seiner Vergleiche, seiner Nächte mit dem Hoppenstedt und den Geschäftsberichten. Ein Maschinenbauer aus Süddeutschland, dessen Eigenkapital hoch lag, dessen Schulden niedrig waren, dessen Erträge stiegen – und dessen Kurs seit Monaten unter dem Buchwert notierte. Hugo hatte die Gründe geprüft, die der Markt vielleicht hatte. Er hatte nichts gefunden, was seine Einschätzung widerlegte.

Er legte das Formular auf den Tisch. Die Beraterin, eine Frau mittleren Alters mit einer Brille an einem Band um den Hals, nahm es, prüfte es, nickte.

„Das läuft als Limitorder“, sagte sie. „Sie haben ein Limit gesetzt. Wenn der Kurs darunter fällt, wird nicht gekauft.“

„Ja“, sagte Hugo. „Ich will nicht mehr bezahlen als das.“

Die Frau lächelte, dieses Lächeln, das Erwachsene haben, wenn sie Kinder bei erwachsenen Dingen beobachten. „Dann warten wir“, sagte sie.

Hugo wartete. Nicht nur an diesem Tag, sondern in den Tagen danach. Er las die Kurslisten jeden Morgen, bevor er zur Schule ging, und jeden Abend, wenn er zurückkam. Die Aktie wurde gekauft, das Limit war erreicht. Er besaß nun Anteile an einer Firma, die er selbst ausgewählt hatte, mit einer Methode, die er selbst entwickelt hatte. Er hatte nicht alles investiert, nur einen Teil des Kapitals, aber es war genug, um es zu spüren.

In der ersten Woche passierte nichts. Der Kurs bewegte sich kaum, ein Pfennig rauf, zwei runter, das Rauschen des Marktes, das Werner ihm erklärt hatte. Hugo beobachtete, notierte, wartete. Er war nicht nervös. Er war überzeugt.

In der zweiten Woche begann der Kurs zu fallen. Nicht stark, nicht dramatisch, aber stetig. Tag für Tag ein wenig mehr. Hugo rechnete nach. Der Verlust war noch klein, aber er war da. Er las die Zeitungen, suchte nach Meldungen, die den Fall erklären könnten. Nichts. Kein Streik, kein Auftragsverlust, keine schlechte Nachricht. Der Kurs fiel einfach.

Am Freitag der dritten Woche saß Hugo an seinem Schreibtisch und starrte auf die Kursliste. Der Verlust war nun größer als die Gebühren, die er für den Kauf gezahlt hatte. Er hatte Geld verloren. Nicht viel, im Verhältnis zu seinem Gesamtkapital, aber es war das erste Mal, dass eine seiner Entscheidungen gegen ihn gelaufen war.

Er stand auf und ging hinunter in die Küche. Elisabeth stand am Herd und rührte in einem Topf. Sie drehte sich nicht um, als er eintrat, aber sie sagte: „Du bist früh zurück. Schule war kurz?“

„Ich bin nicht zur Schule gegangen“, sagte Hugo. Er hörte selbst, wie seine Stimme klang, flach, fast gelangweilt.

Elisabeth drehte sich um. Sie sah ihn an, diesen Blick, der alles wusste, bevor man sprach. „Was ist passiert?“

„Nichts.“

„Hugo.“

Er zog die Kursliste aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. „Die Aktie. Die ich gekauft habe. Sie fällt.“

Elisabeth legte den Löffel ab. Sie trat näher und strich ihm über den Kragen, eine Geste, die sie seit seiner Kindheit machte und die er inzwischen eigentlich hätte abwehren müssen, aber heute nicht abwehrte.

„Wie viel?“, fragte sie.

„Genug“, sagte Hugo. „Um zu merken, dass ich etwas übersehen habe.“

Elisabeth sagte nichts. Sie wartete, dieses leichte Anhalten in ihrer Bewegung, das bedeutete, dass sie zuhörte.

„Ich habe die Bilanz gelesen“, sagte Hugo. „Die Erträge, die Schulden, das Eigenkapital. Alles stimmte. Aber der Kurs fällt trotzdem. Und ich weiß nicht warum.“

„Dann weißt du es eben noch nicht“, sagte Elisabeth. „Das ist kein Verbrechen.“

„Aber es ist ein Fehler“, sagte Hugo. „Und Fehler kosten Geld.“

Er ging zurück in sein Zimmer und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Er nahm den Geschäftsbericht der Firma, den er bereits dreimal gelesen hatte, und begann ein viertes Mal. Diesmal las er nicht die Zahlen. Diesmal las er die Fußnoten, die Anhänge, die kleingedruckten Erklärungen am Ende jedes Kapitels. Und dort, auf Seite vierunddreißig, in einer Fußnote, die fast kleiner gedruckt war als der Rest, fand er es.

Eine Tochtergesellschaft in einem anderen Land. Eine Beteiligung, die in der Bilanz als Vermögenswert ausgewiesen war, aber deren Wert in den vergangenen Monaten durch politische Veränderungen fraglich geworden war. Nicht konkret, nicht offiziell, nur eine Andeutung. Aber der Markt hatte es gewusst. Oder geahnt. Oder diejenigen, die tiefer lasen als Hugo, hatten es gewusst.

Hugo legte den Bericht hin. Er sah auf die Kursliste, dann auf seine Tabelle, dann auf die Fußnote. Er hatte die Zahlen gelesen, aber nicht den Kontext. Er hatte die Substanz geprüft, aber nicht die Zukunft. Er hatte geglaubt, dass die Vergangenheit in den Büchern den Kurs bestimmen müsste. Aber der Markt sah bereits das, was kommen würde.

Er stand auf und ging zum Fenster. Draußen war es dunkel, und die Straßenlaternen warfen gelbe Kreise auf das nasse Pflaster. Er dachte an das, was sein Vater gesagt hatte: „Fortschritte sind nicht dasselbe wie Recht haben.“ Er dachte an Werner, der ihm erklärt hatte, dass der Markt nicht logisch sei. Er dachte an die 4.900 DM, die nun nicht mehr nur eine Zahl waren, sondern eine Lehre, die er bezahlt hatte.

Er drehte sich um und nahm einen neuen Zettel. Oben schrieb er: „Regel 1: Die Zahlen sagen, was war. Der Kurs sagt, was der Markt glaubt, dass sein wird. Beides lesen.“ Dann legte er den Zettel neben seine Tabelle und wusste, dass er morgen früh als Erstes die Geschäftsberichte der letzten Wochen noch einmal durchgehen würde, diesmal mit anderen Augen. Nicht um den Fehler zu vergessen. Sondern um ihn zu verstehen.

alt Punkt 4

Hugo saß an einem Samstagmorgen in der Küche und las die Frankfurter Allgemeine, die sein Vater auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Der Vater selbst war draußen im Garten und beschäftigte sich mit den letzten Herbstrosen, die trotz der kühlen Oktoberluft noch blühten. Auf Seite elf stand ein längerer Artikel über Siemens. Nichts Aufsehenerregendes – ein Zwischenbericht, ein paar Zahlen, eine vorsichtige Einschätzung der Konjunkturlage. Hugo las den Artikel zweimal. Dann blätterte er zurück zu den Kursen von Freitag. Siemens war leicht gefallen, obwohl der Artikel eigentlich neutral bis vorsichtig positiv klang.

Er stand auf, holte sich aus dem Wohnzimmer seinen Notizblock und trug die Zahlen ein: Kurs am Montag, Kurs am Freitag, Umsatz, das, was er als „Stimmung“ bezeichnete. Dann schrieb er daneben: Warum fällt etwas, wenn die Zeitung nichts Schlechtes schreibt?

Am Nachmittag fuhr er mit dem Fahrrad zur Stadtbibliothek. Dort suchte er die letzten drei Ausgaben des Handelsblatts heraus und verglich die Berichte über Daimler und Allianz mit den Kursverläufen der vergangenen Wochen. Er saß zwei Stunden an einem der Holztische im Lesesaal, umgeben von älteren Herren, die Zeitungen lasen, und Studenten, die für ihre Prüfungen pauken. Niemand beachtete ihn. Hugo merkte, dass die Kurse manchmal fielen, wenn die Nachrichten gut waren, und stiegen, wenn die Schlagzeilen besorgt klangen. Das war das Gegenteil von dem, was er erwartet hatte.

Er fuhr nach Hause und aß mit seinen Eltern. Der Vater erzählte von einem Kollegen, der sein Geld auf einem Bausparverlag liegen hatte und stolz war auf die drei Prozent Zinsen. Hugo hörte zu und sagte nichts über seine Aktien. Erst beim Nachtisch, als die Mutter aufstand, um Kaffee zu kochen, fragte der Vater beiläufig: „Und deine Wertpapiere?“

„Siemens ist etwas runter“, sagte Hugo.

„Dann hast du wohl einen Fehler gemacht.“

„Vielleicht“, sagte Hugo. „Oder die anderen machen den Fehler.“

Der Vater legte die Gabel hin und sah ihn an. „Die anderen?“

„Die, die verkaufen“, sagte Hugo. „Nur weil eine Zeitung schreibt, die Konjunktur sei unsicher. Aber das steht doch schon seit Wochen in der Zeitung. Warum verkaufen die das erst jetzt?“

Der Vater schwieg einen Moment. Dann nickte er langsam. „Das ist eine gute Frage.“

„Ich finde nur noch keine Antwort“, sagte Hugo.

„Dann such weiter“, sagte der Vater. Er nahm seine Gabel wieder auf, und das Gespräch war zu Ende.

Punkt 5

In der folgenden Woche beobachtete Hugo etwas, das ihn Tage beschäftigte. Daimler hatte am Dienstag eine Meldung veröffentlicht – nichts Großes, eine interne Umstrukturierung, die in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nur knapp erwähnt wurde. Der Kurs stieg leicht. Am Mittwoch erschien in einer anderen Zeitung ein Kommentar, der dieselbe Meldung als „Zeichen wachsender Unsicherheit im Management“ interpretierte. Der Kurs fiel wieder, stärker als er gestiegen war.

Hugo saß nach der Schule in seinem Zimmer und hatte beide Artikel vor sich liegen. Er las sie Wort für Wort. Die Meldung war identisch. Die Schlussfolgerung war entgegengesetzt. Und der Markt hatte auf die Schlussfolgerung reagiert, nicht auf die Meldung.

Er machte sich Notizen. Nicht mit Fachbegriffen, die er noch nicht kannte, sondern mit seinen eigenen Worten: Die Zeitung A sieht etwas Positives. Die Zeitung B sieht etwas Negatives. Beide lesen dieselbe Meldung. Der Kurs folgt der Zeitung, die lauter schreit.

Er dachte daran, wie sein Vater immer sagte, man solle die Quelle prüfen. Hugo begann, die Quellen zu prüfen. Er merkte, dass der Journalist von Zeitung B in den vergangenen Monaten fast jede Daimler-Meldung negativ gewertet hatte, egal, was passiert war. Der Journalist von Zeitung A dagegen war fast immer vorsichtig optimistisch gewesen. Beide hatten Recht und Unrecht gehabt – aber der Markt hatte jeweils auf den Pessimisten reagiert, wenn dieser laut genug war.

Am Freitag nach der Schule fuhr Hugo erneut zur Bank. Herr Brenner war nicht da, aber ein junger Mitarbeiter namens Köhler, der Hugo schon einmal bedient hatte, fragte, ob er etwas brauche. Hugo zeigte ihm seine Notizen. Köhler blätterte darin und lachte kurz auf.

„Sie machen sich die Mühe, die Journalisten zu katalogisieren?“

„Ich will wissen, wer immer das Gleiche schreibt“, sagte Hugo. „Dann weiß ich, ob die Nachricht neu ist oder nur die alte Meinung.“

Köhler legte den Notizblock auf den Tresen und sah Hugo eine Weile an. Dann sagte er: „Das ist clever. Das machen sonst nur Leute, die schon zwanzig Jahre dabei sind.“

„Ich bin erst seit vier Wochen dabei“, sagte Hugo.

„Dann sind Sie entweder sehr begabt oder sehr naiv“, sagte Köhler. „Bei Aktien ist der Unterschied manchmal nicht so groß.“

Hugo steckte den Notizblock ein. Er kaufte an diesem Tag nichts und verkaufte nichts. Aber als er die Bank verließ, wusste er, dass er etwas gefunden hatte, das wichtiger war als ein einzelner Kauf: eine Methode, Stimmung von Fakten zu trennen. Er wusste noch nicht, wie man damit Geld verdiente. Aber er wusste, dass die meisten Menschen, die verkauften, nicht die Fakten lasen. Sie lasen die Angst. Und wenn er die Angst lesen konnte, bevor sie kam, oder nach ihr, wenn sie übertrieben war, dann lag dort vielleicht etwas, das er nutzen konnte.

Er fuhr mit dem Bus nach Hause. Draußen war es bereits dunkel, und die Straßenlaternen warfen gelbe Kreise auf das nasse Pflaster. Hugo sah aus dem Fenster und dachte an die beiden Artikel über Daimler. Er dachte an den Kollegen seines Vaters mit den drei Prozent Zinsen. Und er dachte daran, dass niemand in der Bank, nicht einmal Köhler, ihm gesagt hatte, wie man das System wirklich las. Sie alle sprachen von Kursen, von Trends, von Charts. Aber niemand hatte erwähnt, dass die Geschichten, die man über Unternehmen erzählte, manchmal wichtiger waren als die Unternehmen selbst. Hugo beschloss, das selbst herauszufinden. Nicht mit einem Buch. Nicht mit einem Kurs. Sondern mit der Zeitung, einem Notizblock und der Überzeugung, dass die anderen entweder zu langsam oder zu ängstlich waren.